Wegweiser durch diesen Blog

Tagebuchseiten:

Hier sind meine Reflexionen über Ereignisse und Begegnungen im Alltag ebenso zu finden, wie meine Gedanken über „Gott und die Welt“ – in loser Folge, ohne Ordnung …

(Mit Beginn des Jahres 2017 erscheinen einige meiner Tagebuchseiten als Selbstgespräche . Grund dafür ist eine umfassendere Idee, die ich schon lange in mir trage. Vielleicht entsteht aus den entsprechenden Texten irgendwann ein Weg, der zu ihrer Realisierung durch mich führt. Vielleicht …)

Sentenzen:

Nachdenkliches zu Themen, die mich immer wieder und nachhaltiger bewegen und beschäftigen, die in meinem und für mein Leben zumeist eine wichtigere Rolle spielen.

Verse:

Einige meiner Versuche, Gedanken, Eindrücke, Reflexionen und Ansichten in lyrischer Form zu verarbeiten.

Gedanken zu Aphorismen:

Was immer ich auch lese, ich spüre darin aus meiner Sicht interessante Sinnsprüche auf. Einige von denen, die mich besonders inspirieren, zum Nachdenken anregen, meinen Widerspruch herausfordern, bespreche, diskutiere ich hier.

Zwischenstopps:

Texte, über die ich „gestolpert“ bin, darunter Merkwürdiges, Skurriles, Witziges, Unglaubliches – manchmal mit kurzen Kommentaren von mir versehen. (mitunter auch Musiken, mit denen ich mir einen Zwischenstopp genehmige …)

Sammelsurium:

Hier finden sich von mir verfasste, kleine Rezensionen zu Büchern, die ich gelesen habe, eigene Gedanken in Aphorismenform, die ich zur Diskussion stelle, und Sonstiges, was mir mitteilenswert erscheint.

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Zwischenstopp -51-

„Wir sind doch keine Frauen!“ – Es war vorigen Mittwochabend als der deutsche Fußballnationalspieler Emre Can sich mit eben diesen Worten echauffierte.

Was war geschehen?

Can’s neuer Mannschaftskollege bei Juventus Turin, der „große“ Christiano Ronaldo, hatte erstmals nach weit über 100 Spielen, die er in der so genannten „Championsliga“ der Superreichen bereits absolviert hat, in der aktuellen Begegnung gegen den FC Valencia eine Rote Karte kassiert. Und war darüber in Tränen ausgebrochen.

Es war eine umstrittene Rote Karte, ja! Ronaldo hatte sich im gegnerischen Strafraum ein Laufduell mit dem Abwehrspieler Murillo von Valencia geliefert, während dem letzterer zunächst zu Boden ging. Daraufhin griff Ronaldo ihm in die Haare. Der deutsche Torrichter Fritz hatte ein intensives an den Haaren hochziehen gesehen, andere Augenzeugen meinten nur ein „Kopftätscheln“ wahrgenommen zu haben. – Jedenfalls bekam Ronaldo vom Schiedsrichter daraufhin „Rot“ gezeigt und löste sich in Tränen auf.

Und Emre Can posaunte die Worte in den spanischen Abendhimmel: „Das soll Rot sein? Wir sind doch keine Frauen, ehrlich.“

Was mag er damit gemeint haben?

Dass es „typisch“ sei, dass Frauen sich an den Haaren reißen, unter anderem während eines Fußballspiels? Dass ein solches Gebaren im Frauenfußball selbstverständlich bestraft gehöre, bei den „starken“ Männern aber doch auf keinen Fall?

Hat Herr Can schon mal ein Frauenfußballspiel angesehen?

Ich sah schon viele. Und jedes Mal ist mir aufgefallen wie wohltuend sportlich und fair es da zuging , auch und gerade dann, wenn es sich um bedeutende Spiele handelte, ohne Theatralik und Schauspielerei, ohne „Rudelbildung“, bei der sich die Widerstreitenden wie Kampfhähne gebärden.

Nein, Herr Can hat sich schlicht und ergreifend im Ton vergriffen, sich aufgeführt wie ein Macho und so eine „tolle“ Vorbildwirkung ausgestrahlt, zumal als deutscher Nationalspieler. Er und seine in Männerfußballmannschaften immer noch im Übermaß vorhandenen Gesinnungsgenossen sollten sich viel mehr mal die Frauenteams zum Vorbild nehmen. Dann würde bei den Männern endlich auch mal wieder und mehr wirklich Fußball gespielt.

Im Übrigen soll es auch gar nicht so wenige Zeitgenossen gegeben haben, die sich im Nachgang des eingangs geschilderten Ereignisses in den so genannten sozialen Medien und anderswo abschätzig über Ronaldos Tränen äußerten. Mutmaßlich lag dem das „Wissen“ zugrunde“, dass es doch ziemlich „weibisch“ sei, nach so einem Erleben „herum zu heulen“.

Mir ist Ronaldo durch seine Tränen jedenfalls nicht unsympathischer geworden. DADURCH nicht.

Gefühle und Empfindungen zu zeigen, nicht zuletzt die, die durch als solche wahrgenommene Fehler, Ungerechtigkeiten, Verletzungen, hervorgerufen sind, darf Männer ruhig gern ein bisschen „vollkommener“ machen.

Finde ich.

Als Mann. 😉

***

Jetzt und anlässlich dieses Zwischenstopps kann ich nicht anders als noch einmal LAING hier zu teilen, obwohl ich das kürzlich erst schon einmal getan habe. Das entsprechende Lied hier aber passt irgendwie gerade sehr schön an diese Stelle. Drei Frauen besingen ihre recht zweifelhaften Erfahrungen und Beobachtungen mit dem männlichen Geschlecht und charakterisieren keck dessen bedenklich bizarre Vielfalt. Ich konnte dabei ungeachtet der damit transportierten bitteren Wahrheiten durchaus schmunzeln …

Laing – „Safari“

Tagebuchseite -750-

Alles schon gesagt?

Manchmal überfällt mich die „Erkenntnis“, dass alles irgendwie und irgendwann schon einmal gesagt worden ist. Fragen, Themen, Absichten wiederholen sich. Manche über Generationen von Menschen. Viele jeweils nur ein bisschen modifiziert. Weil sich halt alles auch irgendwie weiter entwickelt, das muss dann berücksichtigt werden. Manchmal wird es das auch.

Ich beobachte, dass ich in letzter Zeit, vor allem dann, wenn ich mich an schriftlichen Diskussionen beteilige, öfter auf ältere Tagebucheinträge von mir verweise, gelegentlich sogar daraus zitiere. Ich finde, dass sie an Aktualität nichts eingebüßt haben, dass ich die wesentlichen Aussagen darin immer noch für zutreffend halte und auch Meinungen, die ich seinerzeit vertreten habe.

Ist also wirklich schon alles gesagt? Auch hier auf meinen Tagebuchseiten?

Da muss ich erst einmal einen Moment innehalten. Denn natürlich weiß ich, dass ich längst noch nicht über alle denkbaren Themen geschrieben habe. Zwar kann ich nicht zu allem etwas sagen, weil ich selbstverständlich nicht allwissend bin. Aber ich weiß sehr wohl, dass es Sachverhalte, Themen und Fragen gibt, zu denen ich mich noch nie oder allenfalls in Ansätzen geäußert habe, obwohl ich dazu etwas zu sagen hätte, bisweilen sogar ziemlich viel. Die Gründe dafür sind sehr vielfältig, mitunter auch sehr persönlich.

Ist also nur das (noch) nicht gesagt, was ich nicht sagen will oder mich nicht zu sagen traue?

Wohl nicht, denn da ist ja noch die Sache, dass sich alles, Menschen, Sachen, Bedingungen, doch immer irgendwie weiter entwickeln, verändern, in welche Richtungen auch immer. Da das beispielsweise auch für jeden einzelnen Menschen zutrifft, ist letztlich nie schon alles gesagt. Für den Moment, den Augenblick vielleicht, nicht aber quasi „für immer“.

Woher kommt also meine „Erkenntnis“, die denn doch wohl nur ein Eindruck ist, der allerdings hartnäckig immer mal wiederkehrt? Nach längerem Überlegen fallen mir dafür drei Gründe ein:

Der eine betrifft die Unbelehrbarkeit des Menschen, seine offensichtliche Unfähigkeit aus bestimmten Fehlern, bestimmten negativen Entwicklungen, die ihm selbst oder seinen Vorfahren schon so oder ganz ähnlich geschehen sind, tatsächlich zu lernen bzw. lernen zu wollen. Warum das so ist, wird mir wohl ein ewiges Rätsel bleiben. Auch, weil ich die Auffassung so manches Zeitgenossen ausdrücklich nicht teile, das jeder jede Erfahrung selber machen sollte, weil der Betreffende nur dadurch zu einem wirklich autonomen, selbstbewussten Individuum werden könne.

Mal ganz davon abgesehen, dass eine immer weiter fortschreitende Individualisierung, nach meiner bescheidenen Meinung, schlussendlich zu einer nicht mehr haltbaren Belastung des Rahmens für ein MITEINANDER Zusammenleben wird, welches allerdings die Bedingung für die Existenz eines jeden von uns als MENSCH ist, ob der Einzelne das nun wahrhaben möchte oder nicht.

Der zweite Grund besteht für mich darin, dass Menschen, die einmal einen Wert für sich als bedeutsam erkannt haben und diesen in der Folge leben, ihre Meinung diesen Wert betreffend oder Ansichten und Handlungen, die aus ihm abgeleitet sind, NATÜRLICH nicht beständig bzw. grundsätzlich ändern.

Ein Wert ist für mich deshalb ein Wert, weil er sich in meinen Augen als solcher bewährt hat. Ihm wohnt als solcher eine große Beständigkeit inne. Das vertrete ich. Und so werden meine Ansichten dazu auch sehr beständig sein und das, was ich sage, wenn ich dem Wert treu bleibe, wird sich auch nach Jahren noch genauso, mindestens aber sehr ähnlich anhören oder lesen. Modifizierungen können und werden sich höchstens dann ergeben, wenn es darum geht, den Wert in Beziehung zu neuen Entwicklungen zu stellen bzw. anzuwenden.

Einen dritten Grund erkenne ich in meiner Wahrnehmung, dass Menschen immer weniger bereit sind, einander zuzuhören und verstehen zu wollen, dass es auf die allermeisten Fragen heutzutage keine einfachen Antworten mehr gibt. Allenfalls solche aber wollen viele Menschen, nach meinem Eindruck zunehmend mehr, nur noch hören. Wer hat noch Interesse, einem längeren Diskurs zu folgen? Wer derjenigen, die Diskurse überhaupt noch führen, zumal in der Politik, ist noch bereit dies sachlich, produktiv und konstruktiv zu tun? So vieles, was heute öffentlich wahrnehmbar als Diskurs geführt wird, schreckt die Menschen nur noch weiter ab, überhaupt zuzuhören.

Wie oft höre ich Aussagen wie: „Die reden und tun letztlich doch immer wieder dasselbe.“, „Das ist doch nur noch ein Streiten und Schachern mit dem Ziel die nächste Wahl zu gewinnen, da geht’s doch gar nicht mehr um die Sache.“, „Ich kann und will das nicht mehr hören, das Geld regiert die Welt, ich kümmere mich lieber um mich und darum, dass meine Familie so gut als möglich durch diese Zeiten kommt.“

Damit ist dann „alles gesagt“, wobei das noch die harmlosen der einschlägigen Aussagen sind, weil sie den Fokus wenigstens nicht auf vermeintlich „Schuldige“ lenken, denen gegenüber man dann im Zweifel nicht mehr nur Worte „sprechen“ lässt.

Und so viele Menschen, vor allem im so genannten „Westen“ leben vor sich hin, als sei tatsächlich schon alles gesagt, als wüssten sie schon alles, was wichtig ist, jetzt, morgen und immer.

Dabei weiß das NIEMAND, vor allem den notwendigen weiteren Weg weiß niemand. Die am lautesten darüber reden und das Gegenteil behaupten, so scheint mir immer mehr, sind diejenigen , die es am wenigsten wissen.

Nein, es ist längst noch nicht alles gesagt. Vor allem nicht in Ruhe, mit der erforderlichen Geduld und der Bereitschaft, individuelle oder lobbyistische Interessen zurück zu stellen und ein tatsächliches ZUSAMMENLEBEN und den Erhalt des Lebens überhaupt und angemessen im Blick zu behalten.

Also werde ich wohl weiter reden.

Und schreiben!

***

Ein zutiefst berührendes Lied und Video mit einem Text, in dem ich eine weitreichende Gültigkeit und Bedeutung lese. Vor wenigen Tagen gefunden:

Suede – „Life is golden“

Tagebuchseite -749-

Ein bisschen von dem, was mich gerade müde macht

Mir scheint es als stünde mir eine seltsame Müdigkeit im Gesicht geschrieben. Ob man sie äußerlich lesen kann, weiß ich nicht. Aber sie ist da und ich fühle sie innerlich, und zumindest ich kann hören, wovon sie erzählt.

Sie erzählt mir von einem VIEL an Eindrücken, möglicherweise von einem ZUVIEL. Immerhin komme ich mit dem Sortieren seit einigen Tagen nicht mehr nach. Denn es sind nicht nur so ganz unterschiedliche und vielfältige Eindrücke, die da waren , die da sind – es ist vor allem das große Durcheinander, das ich empfinde und das mich wohl müde macht.

Ich vermag es nicht einmal hier, auf der Tagebuchseite, die ich soeben aufgeschlagen habe, zu strukturieren. Es passt nicht zusammen, es ist so verschieden. Aber es macht gerade mein Leben sehr aus und also die verworrenen und verwirrenden Wege und Welten meiner Gedanken. Und damit und darin fühle ich mich so gar nicht wohl.

Die eine Welt ist die der Daten.

Es ist gerade wenige Stunden her, dass ich eine Unterweisung zu Datenschutzfragen zu besuchen hatte. Diese Unterweisung hat mich sehr „nach unten gezogen“. Mir ist noch einmal sehr klar geworden, weshalb es für mich wichtig und richtig ist, weder ein Smartphone zu besitzen, noch auf Facebook oder Instagram aktiv zu sein, kein Whats-App zu benutzen und auf Bluetooth zu verzichten. Ich werde niemals freiwillig einer „Alexa“ Einlass in meine Wohnung gewähren und keinen Roboterstaubsauger für mich arbeiten lassen.

Ich werde mich immer mehr und immer weiter von derart immer allgegenwärtiger Werdendem entfernen, und damit mutmaßlich auch von vielen Menschen, dem, was sie Leben nennen, dem, was Leben immer mehr ist und wird.

Ich werde es dennoch nicht verhindern können, mich nicht allem zu entziehen, was mit Daten zu tun hat, mich verunsichert und mir Angst macht. Irgendwann wird vor allem meine Frau ein neues Auto brauchen, und dieses Auto wird alles von ihr und von uns wissen. Ich werde dem nicht entgehen können, weil es andere Autos nicht mehr geben wird. – Und so wird es mit sehr vielem, eines gar nicht mehr so fernen Tages mit nahezu allem sein – darunter Dinge, die zur Befriedigung von Grundbedürfnissen unerlässlich sind.

Eine andere Welt ist die, die durch und mit dem Namen „Deutschland“, ein Gemeinwesen bezeichnet, das in durchlässiger gewordenen und werdenden Grenzen existiert, und vor allem dessen „ursprungsdeutsche“ Mehrheitsbevölkerung nicht nur damit immer weniger angemessen menschlich umzugehen vermag. Für mich verstärkt sich der Eindruck immer mehr , dass das Wesen dieses Gemeinwesens mehr und mehr GEMEIN zu sein und zu werden auf dem Wege ist.

Ein Blick über den Tellerrand dieses sich immer noch und immer wieder als etwas „Besonderes“ sehenden Gebildes, lässt diesen Eindruck freilich nicht besser, vielmehr dafür allgemeingültiger werden. Das „Zusammen“leben auf unserem Planeten ist mittlerweile vor allem ein doch sehr allgegenwärtiges Hauen und Stechen geworden.

Gestern anlässlich des Besuchs eines Bundeswehrstandortes der Marine im Rahmen einer Berufsorientierungsfahrt mit jungen Menschen aus 8. bis 10.Klassen habe ich einen besonders unmittelbaren und mit sehr konkreten Fakten unterlegten Einblick darin erhalten, wohin wesentliche Mengen der Steuern, die ich zahle, fließen: In pure Aufrüstung! Aufrüstung grundsätzlich ausschließlich für Zwecke und Bereiche, die mit originärer Landesverteidigung ganz und gar nichts mehr zu tun haben. –

Eigentlich habe ich das schon vorher gewusst. Aber es ist noch mal etwas Anderes, wenn man mit der eigenen Nase direkt darauf gestoßen wird. Und es blieben bange Fragen in mir: WILL ich, dass junge Leute in so einem Bereich einen Beruf ergreifen? Und, wenn ich es nicht will, warum mache ich dann solche Berufsorientierungsfahrten mit? – Und schließlich also wieder die: Wie weit kann man sich dem, was Leben ist und immer mehr wird, entziehen?

Schließlich ist da die Welt einzelner Menschen. Das ist die, die mich innerlich letztlich immer am meisten berührt, „mich anfasst“.

Da war gerade Leo. Zufällig und allein. Er gehört zu der Gruppe von Kindern, in der ich bis Ende vorigen Jahres im Rahmen teilstationärer Betreuung gearbeitet habe. Leo ist 10 und hat ein sehr schwieriges Elternhaus. Er leidet an ADHS und hat es schwer angemessen mit anderen Kindern in Interaktion zu treten ohne dass es Konflikte gibt. –

Ich habe ihn getroffen, vorhin. Er gab mir erst die Hand, sagte dann zwei, drei Worte, und dann kam er noch mal ganz nah zu mir und umarmte mich. – Ich mochte und mag Leo sehr, obwohl er manchmal eine uneinsichtige, unerträgliche Nervensäge ist. Er ist so dankbar für ein bisschen gemeinsame Beschäftigung. Er hat auf einigen Gebieten, vor allem, wenn es um Tiere und um bestimmte naturwissenschaftliche Themen geht, ein unglaublich großes Interesse und auch ein beachtliches Wissen. Und er hat manchmal eine sehr feine Antenne, wenn es jemandem nicht gut geht.

Als er vorhin, so klein wie er ist, seine Arme um meine Hüften schlang und seinen Kopf an meinen Bauch drückte, zogen in Sekundenbruchteilen ganz viele der mich so verunsichernden und mir Angst machenden Eindrücke an mir vorbei. – Das war ein sehr schwerer Moment für mich.

Und dann ist da gerade Leonie. Sie ist 14 und hat soeben das Potenzialassessment bei uns durchlaufen. Mit durchwachsenem Erfolg. Aber sie hat sich beständig angestrengt, nie aufgegeben, auch bei den für sie schwierigen Aufträgen nicht. Sie hat sehr zu kämpfen. Sie hadert mit ihrer Figur, ihrer Stämmigkeit, ihren zu dicken Oberschenkeln, damit, dass sie nicht sportlich ist. Sie hat sehr zu kämpfen damit, dass sie vor allem von Jungen beständig aufgezogen wird, mitunter regelrecht beleidigt. Sie ist manchmal selbst zu laut, sie mischt sich in Gespräche ein, sie sagt mitunter auch Dinge, die sie besser nicht sagen sollte. Leonie möchte so gern Polizistin werden und ahnt, dass sie sich wird eingestehen müssen, das nicht schaffen zu können. Sie sitzt fast ausschließlich allein, hat niemanden zum Reden. Und ein Selbstbewusstsein, das gar keins ist.

Ich mag auch Leonie. Etliche meiner Kolleginnen hatten bedeutet, „nicht unbedingt“ ihre Zertifikatseinschätzung schreiben zu wollen. Als meine Bereichsleiterin vorhin ein bisschen süffisant anmerkte, dass ich mich ja, da ich nun eh‘ den Zertifikatsentwurf für sie erstellen würde, gleich mal vorab bereit erklären könne, sie im Rahmen unseres Casemanagements weiter zu betreuen, habe ich gesagt: „Ja, das mache ich.“ Und erntete einen ebenso überraschten wie verstohlenen Blick.

Da sind noch so viele andere Welten. – Ich kann unmöglich auch nur ansatzweise über alle schreiben, die mein Inneres gerade so sehr in Bewegung bringen, mehr als „gewöhnlich“. Und die mich eben sehr verunsichern, weil sie sich so miteinander, aneinander reiben, nicht passen, weil sie mich spüren lassen, dass ich sehr durcheinander bin. Und ja, dass ich doch ein ganzes Stück müder geworden bin über die letzten Tage.

***

„Wenn Nora Steiner und Madlaina Pollina zusammen musizieren, ist es ein Leichtes, in Melancholie zu verfallen. Es scheint, als würde all der Zauber, all die Energie, die sich mit den Jahren abgeschliffen haben, von der Musik der zwei Zürcherinnen aufgefangen und uns zurückgebracht werden. Steiner & Madlaina erinnern uns an die Gedanken, die uns einst antrieben, dann ausbremsten und schließlich verdrängt wurden. Ganz sanft, liebevoll und rebellisch begegnen sie uns – und bleiben“ (Quelle: https://soundcloud.com/steinermadlaina/tracks )

Steiner & Madlaina – „Hometown“

 

Tagebuchseite -748-

…  die Welt gefriert weiter

Viele ihrer Namen kann ich mir nicht lange merken. Ihre Gesichter meistens länger und auch in größerer Anzahl. Es sind jedes Jahr zwischen einhundertfünfzig und einhundertachtzig neue. Bis auf Weiteres.

So groß ist die Zahl der jungen Menschen im Alter zwischen 13 und 15 Jahren, die mir zunächst jeweils für fünf Tage in dem jeweiligen Jahr begegnen. Meine Aufgabe ist es vor allem, sie in unterschiedlichen Anforderungssituationen sehr genau zu beobachten, sie dann einzuschätzen, vor allem herausfinden, welches ihre größten Stärken sind. Sie dabei einzubeziehen, ihre eigene Ansicht zu hören und mit zu berücksichtigen.

Mir fällt dabei recht grundsätzlich auf, wie wenig diese jungen Leute über ihre Stärken wissen. Davon abgesehen, dass es vielen sehr schwer fällt, über eigene Stärken zu sprechen, kennen viele ihre Potenziale, das, was an Nützlichem, Positivem ihnen steckt, kaum oder gar nicht. Über ihre Schwächen bzw. das, was sie von anderen Menschen in der Schule, in der Verwandtschaft in diversen anderen Umfeldern als solche benannt, mitunter auch eingeredet bekommen, wissen sie dagegen meist gut Bescheid.

Wer zehn Aufgaben erledigt hat, bekommt viel eher und häufiger gesagt, dass er drei davon falsch hat, als dass man ihm sagt: „Sieben hast Du richtig!“

Jeder dieser jungen Menschen trägt seine eigene, spezifische Geschichte mit sich herum. Das ist für sich gesehen nichts Besonderes. Aber jede der Geschichten ist eine besondere. Und mich rühren, je mehr ich von ihnen erfahre, immer mehr davon sehr an. Deshalb, weil ich immer vermehrter feststelle, dass viele dieser jungen Menschen eine Zuwendung brauchten, die sie so wohl nirgends, mindestens aber zu wenig bekommen.

Außerdem bemerke ich, wie erstaunt und in einem nächsten Schritt wie dankbar diese jungen Leute darüber sind, dass da mal jemand zuhört, nachfragt, sich wirklich interessiert, dass da jemand Dinge sieht, die noch nie jemand gesehen hat, dass jemand Achtung und Lob für etwas ausspricht, was sonst kaum ein anderer Mensch bemerkt. Dass jemand zu erkennen versucht, dass neben allen vermeintlichen und wirklichen Schwächen , die sich zeigen oder als solche wahrgenommen werden oder Fehlern bzw. Verfehlungen, die begangen worden sind oder begangen werden, auch noch etwas anderes da ist.

Da sind so viele sehr verunsicherte, offensichtlich oder „verdeckt“ kaum selbstbewusste Jungen und vor allem Mädchen unterwegs … Und dafür sind keineswegs immer nur oder quasi naturgegeben vordergründig für die Zeit der Adoleszenz charakteristische Entwicklungen und deren Auswirkungen die tatsächliche Ursache.

Meine Möglichkeiten wirklich und nachhaltig Begleiter zu sein, zu unterstützen, zu helfen, sind leider sehr begrenzt. Sehr viele der Geschichten, der Gesichter und manchen Namen der jungen Menschen, die ich zunächst während fünf Tagen sehe, beobachte und ein bisschen kennenlerne, trage ich lange, sehr lange bei mir und in mir. Ich schaue in mir wieder und wieder in ihre Augen, höre ihre Stimmen aus mir heraus, auch dann, wenn sie längst wieder ihren Schul- und Freizeitalltag bestreiten.

Jede der noch jungen Geschichten wäre es wert, erzählt zu werden, viel wichtiger aber wäre, nein, IST es, dass sich ihrer Menschen wirklich annehmen. Behutsam zuwendend, sensibel fragend, motivierend anregend, maßvoll fordernd, nachvollziehbar überzeugend lenkend, mit Anerkennung und Wertschätzung nicht sparend. Letztlich mit all dem, was nach meinem Empfinden immer seltener geworden ist und immer mehr wird, auch im Umgang von Erwachsenen untereinander.

Manchmal fange ich inzwischen an, daran zu zweifeln, dass der Versuch solchen Umgangs jungen Menschen in ihrem späteren Leben tatsächlich dienlich und hilfreich ist. Welchen Wert für den Einzelnen hat solcher Umgang in einer immer individualistischer, egoistischer werdenden Welt, in der „dazu“ zu gehören (mindestens aber die vermeintliche „Überzeugung“ davon) mehrheitlich anerkannter bzw. anerkannt werdender Maßstab ist, und also faktisch überlebenswichtig?

Für mein Empfinden ist seit einigen Tagen und Wochen unsere Gesellschaft noch einmal spürbar frostiger geworden. So wie Sommer krankmachend heißer werden und alles und jeder immer schneller und perfekter zu rotieren hat, so sehr ist die Welt zunehmend am Gefrieren. Ich nehme es auch dadurch war, dass die jungen Menschen, sich ihrer Stärken, ihrer Nützlichkeit ihrer Bedeutung, den positiven Potenzialen, die in ihnen stecken, wohl immer weniger bewusst gemacht werden.

Mich schauen die Augen an, ich höre die Stimmen. Ich sehe in unzählige junge Gesichter und erinnere mich an die Namen dazu, und ich spüre die immer mehr gefrierende Welt.

Ahnend wie viel Wärme es bräuchte. Allein für die jungen Gesichter.

Wissend, was für einen entsetzlich kleinen Bruchteil ich davon zu spenden imstande bin.

***

In Deutschland nahezu unbekannt, in Island ein bekannter Singer/Songwriter, der schon vor Jahren einen Nummer-1-Hit geschrieben und produziert hat und viele Instrumente selbst zu spielen vermag. Hier teile ich seine aktuellste Single – ein etwas eigenes, ungewöhnliches Lied, dennoch eingängig. Ich mag es:

Mani Orrason – „Acting like a fool“

 

Tagebuchseite -747-

Gedanken und Erkenntnisse über (meine) Sensibilität

Ich weiß, dass es grundsätzlich immer ein gut gemeinter Rat war und ist, wenn mir jemand sagt: „Lass das doch nicht so sehr an dich heran!“ Früher habe ich darauf oft geantwortet, dass ich das schon versuche aber dass es mir letztlich doch nie wirklich gelänge. Ich hatte keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte, mich abwenden, mich etwas Anderem zuwenden, „abschalten“, etwas ignorieren. Ich wusste und spürte es ja doch, dass es da war. Und wie! –

Mich gänzlich abzuschotten, gar keine Zeitung aufzuschlagen, nicht mehr unter Menschen zu gehen, das hingegen habe ich nie geschafft. Und ich denke auch, dass das keine Lösung gewesen wäre, wo ich es zumal unter vielen Menschen sowieso schon schwer genug habe, zu bestehen.

Ich habe schon, seit ich denken und mich erinnern kann, immer sehr viel, sehr unmittelbar, mit allen Sinnen wahrgenommen, gespürt und in mir behalten, wo es dann „gearbeitet“ und vor allem mein Gewissen beständig mit Fragen bedacht hat: Ist das so gerecht? Kannst Du da einfach zusehen? Wie stellst Du Dich dazu? Wie bereitest Du Dich darauf vor, das zu meistern, etwas zu verändern? Bist Du schon zufrieden mit dem, was Du Dir überlegt, was Du getan hast?

So viele und noch viel mehr Fragen, und die eben zuletzt aufgeschriebene habe ich praktisch ausschließlich mit „Nein“ beantwortet.

Irgendwann wurden es zu viele Wahrnehmungen, zu viele Eindrücke, zu viele Fragen, zu viele Versuche, sie immer wieder und möglichst alle zu beantworten und entsprechend der Antworten zu handeln.

Ich bin krank geworden daran, ziemlich krank.

Es gab Menschen, die mich selbst dann noch begleitet haben, andere konnten oder wollten das nicht mehr. – Ich konnte das gut nachvollziehen, gut verstehen und manchen habe ich dazu innerlich dazu sogar beglückwünscht. Denn es mit mir auszuhalten, mich zu begleiten, kostet mutmaßlich viel Kraft, ist mutmaßlich zerstörerisch, eben auch für den oder die jeweiligen Begleiter.

Ich habe immer wieder Hilfen und Ratschläge bekommen, auch solche, die ich wie Vorwürfe oder „platte Beruhigungsversuche“ aufgefasst habe: „Häng‘ doch Deine Sensibilität nicht immer so hoch!“, „Du wirst auch noch ruhiger werden, das kommt mit den Jahren!“ Du wirst Dich nie ändern, Du kritisierst und bist selbst voller Fehler, Du bist anmaßend und pedantisch! Mach Dein Ding aber verschone andere Menschen, ich habe jedenfalls genug!“, „Deine ewigen Denkschleifen, immer dasselbe, das geht mir auf die Neven, nie zufrieden, nie wirklich glücklich. Du bist weit weg von dem, was Leben ist und ausmacht, verlange das nicht auch von anderen!“

Etliches davon stimmt, ich weiß.

Noch heute, obwohl ich, nachdem ich akut krank war, Änderungen versucht und auch einige erlernt habe und nach wie vor lerne. Ein paar sehr, sehr geduldige Menschen halfen und helfen mir dabei.

Ich war sehr sensibel, immer schon, und ich werde es bleiben. Sensibilität kann man nicht abgeben wie ein abgetragenes Kleidungsstück. Sie ist Wesen und wesensbildend. Man kann sie auch nicht abschalten oder leiser drehen oder dimmen. Sie ist wie sie ist und sie lässt alles herein zu mir, in mein Inneres. Alles! Vieles darunter, was andere Menschen nicht sehen, nicht hören, nicht fühlen, nicht riechen, nicht spüren. Sehr vieles.

Sensibilität kommt so leise daher. In dem aber, in dem sie wohnt, ist sie LAUT und bleibt sie laut, ganz laut!

Manche sagen, sehr sensibel zu sein, das sei eine Gabe. Ich sage das auch. Und ich sage nicht (mehr) dass es doch auch ein Fluch ist. Aber es ist ungemein anstrengend, fordernd, Kraft raubend. Und es kann zerstörerisch sein. Umso mehr, wenn man eben sehr sensibel ist. Das ist vielleicht die wirkliche Tragik der Sensiblen.

Ich bin innerlich nicht „ruhiger“ geworden mit den Jahren, „im Alter“. Im Gegenteil. Mich bewegen heute noch viel mehr Dinge und Abläufe, (vermeintliche) Fakten und Entwicklungen als früher – die Welt ist so viel komplexer und komplizierter geworden. Ich mag nicht alle davon wirklich verstehen, sie nicht so wahrnehmen , wie sie tatsächlich sind, aber sie strömen auf mich ein, gehen in mein Inneres und „arbeiten“ dort. So vieles sehe ich als ungerecht, als falsch, als fatal an gegen Menschen, Menschengruppen, Einzelpersonen und gegen die Natur gerichtet.

Vieles, was ich dazu und darüber denke, ist unpopulär, wie ich immer wieder bemerke, teilweise sehr unpopulär. Und ich will oft „zu viel“ oder weiß doch selbst nicht, wie ich oder sich etwas verändern, anders, gerechter, humaner, aufrichtiger werden soll. Weil so viele der Dinge, der Entwicklungen, die mich bewegen, die mich umtreiben, so komplex, so kompliziert sind.

Nachdem ich akut krank war, habe ich mich zurückgenommen. Weil ich es musste, weil ich tatsächlich nicht mehr (anders) konnte. Habe mich aus einer sehr langjährigen beruflichen Tätigkeit verabschiedet, habe nahezu alle Ehrenämter aufgegeben. Das ist mir schwer gefallen, kam mir so vor als hätte ich plötzlich begonnen, mich selbst zu verleugnen. Und ich habe mich dafür geschämt.

„Tu etwas im Kleinen, damit tust Du viel, damit tust Du das, was Du kannst, was Dir eben möglich ist!“ –

Wieder so ein „Rat“!

Wahrscheinlich habe ich in letztlich unbewusst sogar befolgt, weil es für mich anders eben wirklich nicht mehr weiterging. Zufrieden bin ich damit allerdings nicht wirklich. Ich akzeptiere es aber mittlerweile. Zähneknirschend. Weil ich muss.

Meine Sensibilität, meine Denkschleifen, mein Hinterfragen, Grübeln und Träumen sind deshalb nicht weniger geworden.

Ich sehe, höre, spüre so viel Schönes, was unseren Planeten ausmacht, die Menschen, die ihn bevölkern ausmachen kann und manchmal auch ausmacht. Ich spüre es so unmittelbar, so tief, dass es in mir bebt, dass ich Tränen nicht zurückhalten kann, dass ich all meine Wärme, alles was Herz an mir ist und sanft und Rücksicht und Aufrichtigkeit, Dankbarkeit und Demut sofort und unmittelbar in die Waagschale werden möchte, damit das Gute siegt, damit Frieden sei, damit Menschen einvernehmlich und respektvoll miteinander leben.

Ich sehe, höre und spüre aber auch all das, was ich als Ungerechtigkeit wahrnehme. Ich sehe, höre und spüre Habgier und Diskriminierung, Respektlosigkeit und Gewaltstreben, Zerstörung und Egoismus, die „Faszination“ von Macht und die große Gleichgültigkeit. Das alles spüre ich ebenso unmittelbar. Und es tut mir weh, sehr weh. Unmittelbar und buchstäblich und oft tatsächlich körperlich!

Und das macht, dass ich das Spüren des Schönen immer wieder auch als Schmerz empfinde. Es ist so schön und doch so bedroht! Das Bunte, das Weibliche, das Bescheidene, das Rücksichtsvolle, das Ursprüngliche, das, was „anders“ ist.

Ich habe immer noch keine Ahnung, wie ich das anstellen soll, mich abwenden, mich etwas Anderem zuwenden, „abschalten“, etwas ignorieren. Ich weiß und spüre es nach wie vor, dass es da ist. Und wie! –

Manchmal freilich, das gehört zu dem, was ich erlernt habe, wende ich mich bewusster etwas von dem zu, was SCHÖN ist. Einem Buch, einem Waldweg, einer Musik, einem Menschen. Das SCHÖNE hat meine Aufmerksamkeit wahrhaft verdient. Und es gibt mir sooo viel zurück. So Wichtiges!

Damit ich so oder so meine Sensibilität weiter (über)leben kann.

***

Heute habe ich ein wundervolles Lied von einer Sängerin, die vor ein paar Jahren auch in Deutschland eine gewisse Popularität erlangt hat, inzwischen aber wohl schon wieder weitgehend „vergessen“ ist. So kurzlebig ist alles geworden. – Dies Lied hier gehört für mich zu den schönsten der australischen Sängerin Delta Goodrem. Der Text passt sogar in gewisser Weise zu meinem heutigen Eintrag:

Delta Goodrem – „Only Human“

Tagebuchseite -746-

Zart orange gefärbte Hochzeitsgedanken und ein ebensolcher Wunsch

Sie sah so bezaubernd aus in ihrem zart orangefarbenen Kleid, das bis zum Boden reichte. Sie drehte sich immer wieder zur Musik und freute sich, wie der Tüll des schönen Kleides sie dabei umwehte. Und sie schaute mit ihren strahlenden tiefbraunen Augen immer wieder hinauf zu der Braut. Vielleicht träumte sie in diesen Augenblicken gar zum ersten Male davon, selbst einst Braut zu sein. Eine kleine süße Prinzessin war sie allemal schon. Aber das wusste sie damals noch nicht.

Damals, das war anlässlich meiner eigenen Hochzeit in der Slowakei. Und jene kleine Prinzessin war seinerzeit gerade ein bisschen über zwei Jahre alt. Sie war und ist die ältere meiner beiden Nichten.
Sie ist immer die „Kleinere“ der beiden geblieben. Noch bis zur 11. Klasse ihrer Abiturzeit wäre sie am liebsten Pilotin geworden, jetzt studiert sie seit einigen Jahren Medizin. Und wie!

Und wie sie wieder tanzte! Es war am letzten Tag unseres diesjährigen Urlaubs, dem Tag, an dem sie selbst Hochzeit feierte. Diesmal in einem wunderschönen weißen Kleid. Als ich ihr zum Abschied sagte, dass ich ihr Glück in ihren Augen lesen könnte, staunte sie, dass ich das auf Slowakisch zu Wege gebracht hatte. Ihr strahlendes Lächeln wurde augenblicklich noch ein bisschen strahlender und verriet mir, dass ich richtig „gelesen“ hatte.

Ich war nicht traurig darum, dass wir uns wegen unserer unverschiebbar bevorstehenden Abreise, von der Hochzeitsgesellschaft fort, auf den Weg machen mussten, bevor das ganz große Tanzen und Feiern begann. Mir fällt es generell schwer, mich auf solchen großen Feiern zu bewegen, ich bin so gar kein Tänzer, und Smalltalk in so großen Runden schaffe ich auch kaum. Hier kam noch hinzu, dass alle Menschen außer meiner Frau und meinem Sohn in einer anderen Sprache sprachen (bis auf einen jungen Mann, einen Bekannten meiner Nichte, der sich beim Essen ein bisschen mit mir unterhielt).

Aber ich war und bin sehr froh und dankbar, bei der Trauung in der Kirche mit dabei gewesen zu sein und noch gemeinsam mit der Hochzeitsgesellschaft den Beginn der Feier erlebt und am „ersten“, dem gemeinsamen Essen teilgenommen zu haben. – Ich war das erste Mal seit meiner eigenen Trauung und Hochzeit wieder bei so einem Anlass.

Meinen Gedanken wanderten so ganz unweigerlich manches Mal zurück zu meinem eigenen Hochzeitstag. Es war eine andere Kirche damals und auch ein anderes Lokal, in dem die Feier stattfand.

Der Schritt, den ich damals ging, war wohlüberlegt, wir hatten insoweit Etliches mehr zu bedenken als die meisten anderen Paare. Der Tag selbst war sehr aufregend, in gewisser Weise auch erheblich anstrengend für mich. In einem anderen Land heiraten, die Sprache letztlich nicht beherrschend, ohne dass die eigenen Eltern dabei sein können, als einzigen „Beistand“ der eigene Bruder und ein sehr guter Freund aus Studienzeiten dabei.

Die Trauung fühlte sich unglaublich feierlich aber doch auch sehr fremd für mich an, obwohl ich mich darauf vorbereitet hatte. Das Verlesen meines Ehegelöbnisses in slowakischer Sprache hatte ich viele Mal geübt. Aber die Zeremonie war so ganz neu für mich, die vielen Rituale, vor allem auch die religiösen, die dabei eine Rolle spielten.

Dann die Feier. Ich erinnere mich noch genau an das Lokal. Für mich war es voller Menschen, dabei waren es am Ende „nur“ etwa 40, was für slowakische Verhältnisse sehr wenig ist (Bei meiner Nichte waren 140 Gäste da – selbst das ist dort längst nicht SEHR viel!). Die damals gemachten und mittlerweile digitalisierten Videoaufnahmen dieser Feier mag ich mir nicht ansehen. Ich mochte es nie und ich mag es immer weniger. Ich mag MICH nicht sehen – all die Unbeholfenheit, die Unsicherheiten, wie schlecht ich tanzte, wie ich mich überhaupt bewegte.

Ich wünschte, ich hätte nur halb so ungezwungen wie die kleine orangefarbene Prinzessin sein können, die nun selbst junge Ehefrau geworden ist.

Der Tag ihrer Hochzeit, vor allem ihre Trauung, war einer der bewegendsten Momente der letzten Monate für mich. Ich habe so ein Empfinden in mir, als wenn sich ein Kreis geschlossen hätte, ohne sagen zu können warum.

Im Übrigen ist in diesem Zusammenhang mindestens noch ein sehr großer Wunsch in mir offen. Der betrifft meine jüngere Nichte. Zwei Jahre nur weniger beträgt ihr Dasein jeweils immer nur im Vergleich zu ihrer Schwester. Damals, als ich heiratete, wurde sie gerade gerettet, als eine von zwei Zwillingsschwestern. Ein Handicap ist ihr freilich geblieben, was leider nie geheilt werden konnte und kann.

Ich mag diese, meine „kleine“, Nichte sehr. Sie ist so lebensfroh, so den Menschen zugewandt, so herzlich. Ein noch schlimmerer Schokoladenfan als ich! Studiert italienische und englische Sprache.

Der Blick ihrer nicht minder tiefbraunen, fast schwarzen Augen, wie die ihrer Schwester sind, schauten so manches Mal genauso zu eben dieser, zu der hübschen, glücklichen Braut, wie ich es seinerzeit bei der kleinen orangefarbene Prinzessin hin zur „damaligen“ Braut, meiner Frau, gewahr wurde.

Ich wünsche ihr sehr, von Herzen, dass es in ihrem Leben in nicht so weiter Ferne auch einen Menschen geben wird, zu dem sie „Ja“ sagen kann und möchte, der sie gern hat, der sie liebt, auch mit ihrem Handicap.

Ich wünsche mir, dass manches Zeichen, eine tiefere Bedeutung hat. Eines habe ich an jenem Hochzeitstag, den ich gerade erlebte, gesehen. Für mich jedenfalls war es eins. Ich habe es ganz für mich behalten und wünsche mir nun, dass es wirklich eins ist:

Meine „kleine“ Nichte trug am Tag der Hochzeit ihrer Schwester ein hübsches zart orangefarbenes Kleid …

***

Ich habe ein Lied aus der Slowakei mitgebacht. Nicht von der Hochzeit. Nein, von dem Abend zuvor. Meine kleine Familie saß nach dem Essen noch ein bisschen beisammen, im Freisitz eines Pizzarestaurants, das wir sehr mögen, bei einem Glas Wein, mitten in der schönen Heimatstadt meiner Frau, in Košice. Und da erklang das Lied aus dem Lautsprecher. Irgendwie mochte ich es gleich ein bisschen, und da die Gruppe, von der es ist, überdies in Košice zu Hause ist, möchte ich es an dieser Stelle teilen.

Peter Bič Project – „All those places“

Verse -62-

Spätsommer

Der Abend geht, die Nacht sie kommt –
es zirpen die Zikaden.
Endlich fühl‘ ich laue Luft,
nach vielen heißen Tagen.

Die Sonne küsst den Erdenrand
bevor sie sacht verschwindet.
Kupferbronzen färbt sie’s Licht,
das Sommers Ende kündet.

Stille zieht nun übers Land,
die Welt beginnt zu ruh’n.
Ich atme tief, dann leg ich mich,
um es ihr gleich zu tun.

Die Nacht ist zart wie erster Streif
von Nebel früh am Morgen,
der malt, verschwommen noch und weich
den Herbst, der noch verborgen.

Ich schau ins Land und sehe zu.
Spür, wie die Natur sich wendet.
Muss nun finden neuen Sinn,
wie stets, wenn etwas endet.

***

Still Corners – „The trip“

 

Tagebuchseite -745-

Über die notwendige Endlichkeit der Reisefeiheit

Ich täusche mich offensichtlich nicht. Nicht in der Vermutung, dass die Zahlen der Urlauber und Touristen beständig anwachsen.

Hier daheim, die Ostsee ganz nah, verkneife ich es mir schon seit Jahren, mich in den Sommermonaten um einen Strandplatz zu „bewerben“. Es ist mir vor allem viel zu voll. Ich ziehe es längst vor, in der Vor- oder Nachsaison Spaziergänge am Meer zu machen oder mich im Herbst oder Winter ordentlich von einer Meeresbrise zerzausen zu lassen.

Aber nicht nur hier wimmelt es von Strandurlaubern oder Stadt- und Hafentouristen.

Während meines diesjährigen Sommerurlaubs war ich zwei Tage in Prag und einen in Budapest.

Prag kenne ich schon lange, und ich mag die Stadt sehr, aber so voll wie in den letzten drei Jahren habe ich es noch nie erlebt. Vor allem dieses Mal fand ich es, nicht nur der großen Hitze geschuldet, nahezu unerträglich überlaufen. Fußläufig vom Wenzelsplatz, das Altstädter Rathaus passierend, über die Karlsbrücke gelangen zu wollen, kommt einem „geschoben werden“ innerhalb eines nicht enden wollenden Lindwurms gleich. Ein Innehalten um zu schauen, einen Verweilen, um sich zu orientieren – so gut wie aussichtslos. – Schon vor zwei Jahren sind wir vergleichbar durch verschiedene Gebäude, einschließlich des Veitsdoms und vor allem das „Goldene Gässchen“ auf dem Hradschin geschoben worden.

In Budapest ein ganz ähnliches Erleben. Wer, wie wir, nur einen Tag zur Verfügung hat, ist quasi verloren. Es reicht allenfalls für das Gewinnen eines groben Gesamteindrucks vorzugsweise von einem der Donauschiffe aus. Keine Chance hingegen beispielsweise, die Seilbahn zur Fischerbastei hinauf benutzen zu können, es sei denn man nimmt weit mehr als eine Stunde Wartezeit in Kauf ohne zu wissen, wie lange man dann oben jeweils noch (mehrmals) warten muss um Einlass in eine der vielen Sehenswürdigkeiten zu bekommen.

Natürlich ist jedem Menschen zuzugestehen, sich Sehenswürdigkeiten an den verschiedensten Orten der Welt anzusehen, andere Länder, andere Kulturen aufzusuchen, natürlich hat ein jeder, der das möchte, ein Recht auf einen Strandurlaub. Aber wie viel Urlaubsgefühl, wie viel Reisefreiheitsempfinden bleibt am Ende, wenn alles überlaufen, überfüllt, überteuert ist?

Und wie ergeht es den Innenstädten, den Sehenswürdigkeiten, der Umwelt angesichts so großer Touristen- und Urlauberströme? Was bedeuten sie für die Menschen, die in den so stark vom Tourismus frequentierten Gemeinwesen und Regionen leben? Bringen sie nur und vor allem vielen von ihnen tatsächlich Geld und Wohlstand?

Mir fiel beim Durchsehen der Zeitungen, die während unserer Abwesenheit bei uns daheim eintrafen, auch die „Berliner Zeitung“ vom 11./12. August in die Hände. Seither weiß ich, dass mich meine Eindrücke von einer erheblichen Zunahme von Touristen nicht trügen und meine Besorgnisse nur allzu berechtigt sind.

Ich lasse in Passagen einfach mal den betreffenden Artikel von Stefan Sauer, der sich auf der Titelseite der genannten Ausgabe der „Berliner Zeitung“ findet, selbst sprechen:

„Der technische Fortschritt … hält mit dem Wachstum … insbesondere des Tourismus nicht Schritt. Im vergangenen Jahr wurden weltweit mehr als 1,3 Milliarden Touristen gezählt. Dabei war erst 2013 die Milliardengrenze erstmals überschritten worden. … Auch in Deutschland wächst die Reiselust. Unternahmen 2010 … 50 % aller Bundesbürger mindestens eine Urlaubsreise von fünf und mehr Tagen Dauer, stieg der Anteil bis 2017 auf den Rekordwert von 58 %.“

Nach dem Hinweis darauf, dass sich im Zeitraum von 2014 bis 2030, also in nur 16 Jahren, in Deutschland die Zahl der Flugpassagiere von 110 auf 175 (!) Millionen erhöhen wird, heißt es unter anderem weiter:

„Ziele und Verkehrsmittel haben sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zuungunsten des Klimas gewandelt … Laut einer Allensbach-Umfrage nutzten 2014 43 % der Urlauber mindestens einmal das Flugzeug als Transportmittel und damit doppelt so viele wie noch 1980. … Ein Hin- und Rückflug von Frankfurt am Main nach New York zum Beispiel verursacht im Schnitt pro Passagier im Schnitt 3.652 Kilogramm Kohlendioxid. Damit ist die Jahresmenge von 2300 Kilogramm pro Kopf und Jahr die laut (Klimaschutzorganisation) atmosfair noch eben klimaverträglich ist, um fast das Doppelte überschritten.“

„Stoßen Autos in Deutschland derzeit rund 130 Gramm (CO₂) pro Kilometer aus, sind es beim Fliegen 2.116 Gramm. Viel besser schneiden Fernzüge und Reisebusse mit Werten von 41 und 32 Gramm pro Fahrkilometer ab. Schlechterdings haben gerade diese beiden Transportmittel seit 1980 Anteile verloren: Damals nutzten 14 % den Bus und 22 % die Bahn im Urlaub., 2014 waren es nur mehr 10 und 13 %.“

Eine Lösung der Problematik zeigt der Artikel nicht auf. Hinweise gibt er hinsichtlich der bestehenden Befreiung von Kerosin von der Mineralölsteuer und Subventionen für unrentable Flughäfen . Ob deren Abschaffung ausreichen würde, Klimaschäden durch Reisen deutlich zu verringern wird allerdings sogleich bezweifelt. Ansonsten bleiben dann nur noch Aussagen, wonach man den Menschen das Reisen ja nicht verbieten könne und der Tourismus „an vielen Orten der Welt ein zentraler Wirtschaftsfaktor und Entwicklungsmotor“ sei.

Wenn ich mir allerdings allein nur vergegenwärtige, was ich in einer Dokumentation einmal über die Arbeits- und Lebensbedingungen südostasiatischer „Tourismusarbeiterinnen und -arbeiter“ erfahren habe und über das fortschreitende, tourismusbedingte Korallenriffsterben in dieser Region weiß, kann ich dieses „Argument“ allenfalls als sehr zwiespältig bezeichnen.

Aus meiner Sicht gibt es freilich durchaus eine Lösung. Sie ist allerdings so unpopulär wie nur irgendwas und mutet (nicht nur aber maßgeblich deshalb) sicher nahezu Allen wie die Utopie eines Phantasten an. Diese Lösung heißt: Bewusster, freiwilliger Verzicht!

Ich glaube allerdings nicht, dass ihr viele Menschen folgen werden. Wenn ich mir allein die Gespräche über Urlaubsreisen in meinem Arbeitsumfeld so anhöre, die sich vornehmlich darum drehen, warum wer denn da und dort noch nicht gewesen sei, man da- und dorthin unbedingt noch müsse …

Für mich allein, versuche ich dieser Lösung dennoch so weitgehend wie möglich zu entsprechen. Ich weiß, dass ich ohnehin nicht alle Sehenswürdigkeiten der Welt unmittelbar mit eigenen Augen zu erkunden vermag und ich weiß, dass Urlaube in näherer Umgebung, an ruhigen, stillen Orten, sehr schön sein können, das kleinere Reisen mit Bus und Bahn auch viele Erlebnismöglichkeiten bieten.

Keine Freiheit kann unbegrenzt sein, ohne letztlich Schaden zu verursachen. Auch die Reisefreiheit nicht.

***

Sophie Zelmani – „Travelling“

Tagebuchseite -744-

„Pekny den“ („Schöner Tag“)

Dass Menschen unterschiedlichen sozialen Schichten angehören, kann ich jeden Tag hier an meinem Wohn- und Arbeitsort erleben. Nie lässt mich das kalt. Denn es ist einfach nicht wahr, dass jeder Mensch, die gleichen Möglichkeiten der Entwicklung und Teilhabe an Arbeit, am gesellschaftlichen Leben und Wohlstand hat.

Schon von seinen eigenen, ganz individuellen Voraussetzungen her, kann nicht jeder Ingenieur, Arzt, Steuerberater, Manager oder Wissenschaftler werden. Aber auch die Gesellschaft bietet keine Chancengleichheit, und sie ist letztlich auch nicht fähig und nicht bereit, mehr wirkliche Chancengleichheit herzustellen, geschweige denn allzu große Wohlstandsunterschiede nicht zuzulassen. Die letzten Jahrzehnte allein sind genug Beleg dafür.

Noch viel deutlicher als hier in der nordostdeutschen Abgeschiedenheit, die gerade einmal zwei Gemeinwesen kennt, die über 100.000 Einwohner haben (das eine gerade mal so), wird mir all das und mehr in dieser Richtung bewusst, wenn ich in größere Städte und gar in andere Länder reise.

Für mich besonders krasse Eindrücke habe ich insoweit zuletzt während meiner Urlaubstage gespürt, vor allem an jenem Tag, den wir nach sehr spontaner Entscheidung in der ungarischen Hauptstadt Budapest verbracht haben. Ich möchte mich hier und jetzt bewusst nicht zu unserem „touristischen Erleben“ dort ausbreiten. Ich möchte ein wenig dazu schreiben welche und wie ich Menschen dort wahrgenommen habe, auch wenn das, natürlich, nur schlaglichtartig sein kann.

Es war eine Unzahl von Menschen. Aus aller Herren Länder: ein paar „Rucksacktouristen“, wie Studenten, etliche Familien bzw. Ehepaare, nach äußerem Anschein überwiegend gut betucht, Reisegruppen mit Touristen. Einheimische gingen fast unter in den Strömen von Menschen, die von anderswoher kommend vor allem die Sehenswürdigkeiten der Stadt bestaunen, gut essen, und in manchem Fall einen tollen Abend in einem Theater, einer Discothek oder Bar verbringen wollten.

Diejenigen Einheimischen, die mir vor allem auffielen, waren Obdachlose, von der Gesellschaft zurückgelassene oder gar ausgestoßene Menschen, manche offenkundig an dieser und jener Krankheit leidend. Sie fielen mir auf, weil ich sie, abgesehen von der Gegend direkt am Donauufer und dem Shopping- und Kneipenzentrum der Stadt, nahezu überall antraf. Es waren in der Summe viele …

Ich weiß nicht, ob es Zufall war, aber keiner diese Menschen bettelte, niemand hatte vor sich auch nur eine Mütze oder einen Karton aufgestellt, damit jemand vielleicht eine Münze hineinwerfe. Alle waren irgendwie mit sich selbst beschäftigt, am Straßenrand hockend, allein oder in einer kleinen Gruppe, wach seiend, dämmernd oder schlafend, manche in einer der Straßenunterführung Schutz vor der großen Hitze suchend. –

Es kam mir so vor, als lebten, als vegetierten sie in ihrer eigenen Welt dahin, der Welt, die für sie übrig gelassen wurde. Kaum jemand beachtete sie, sie selbst machten nicht sonderlich auf sich aufmerksam …

Schließlich sah ich noch andere Menschen, zwei davon ganz unmittelbar.

Der eine war ein jedes entsprechende Klischee bedienender tätowierter Stiernacken in schwarzem Achselshirt, den eine üppige, grobgliedrige, dicke Goldkette „zierte“, auf den Lederpolstern eines SUV lümmelnd, von dem ich nicht gewusst habe, dass es diesen Autotyp in derartiger Größe tatsächlich gibt. Mit angesäuertem Gesicht quälte der Goldnacken das Gefährt rückwärts aus einer Parklücke, die eigentlich gar keine sein durfte, weil Parken an jener Stelle verboten war, was den Typen aber ebenso wenig interessierte, wie die Passanten, die sich hinter seinem falsch geparkten Schlitten bewegten. Irgendwann gab er einfach kräftig Gas, was einen mittelalten Mann fast unter das Auto befördert hätte, um sodann einen Vorwärtsgang einlegend, mit laut aufheulendem Motor, zwei Sperrlinien ignorierend auf die Hauptstraße zu rasen.

Der zweite Mensch war eine Sie. Gelangweilt, hinter großen Sonnenbrillengläsern und einem gerüttelt Maß Schminke verschiedener Art getarnt, in hochhackigen Pumps und einem langen goldfarbenen Rock mit einer langen weißen Zigarette in der einen Hand vor dem „Kempinski“ herum stolzierend. Ohne Blick auch nur für einen der Passanten, dafür umso mehr für von der Drehtür des Hotels freigegebene Herren mittleren Alters in teuren Geschäftsgarderoben.

Wie viel Grad Würde des Menschen mögen wohl zwischen dieser Dame und dem Goldnacken auf der einen Seite, und jenen Zurückgelassenen auf der anderen liegen? Wie viele derjenigen, die an diesem Tage als Touristen in Budapest unterwegs gewesen sind, werden an eben diesem Tag auch auf eben diese Frage gestoßen sein?

Ich kann nicht anders Urlaub machen als ich das tue. Und so sehe ich, vor allem im Urlaub, weil es mir dann doch selbst immer noch ein bisschen besser geht als in meinem Alltag, besonders ALLE Dinge. Und im Budapest meines Urlaubstages dort, sind mir vor allem die gravierenden Unterschiede zwischen den Menschen aufgefallen, sie mir begegnet sind. Unterschiede, die nach meinem Empfinden so nicht richtig sind, so nicht sein dürfen.

*

Wenige Tage später, wieder in Kosice in der Slowakei seiend, höre ich die Violine eine alten Mannes spielen. Das Spielen fällt ihm nicht mehr ganz leicht, manchmal trifft er einen Ton nicht ganz genau. Er sitzt mindestens schon seit vorigem Jahr dort am Rande jenes Platzes, an dessen einem Ende das Hiltonhotel und am anderen ein großer Einkaufspark stehen. Er sitzt dort auf einem alten Klapphocker unter dem eine Plastikflasche mit Limonade liegt. Ab und zu, wenn er eine kleine Spielpause einlegt, nimmt er einen Schluck gegen den Durst bei der Hitze. Vor ihm steht mit zittriger Schrift auf einem Pappschild geschrieben, dass er einen Infarkt erlitten hat und um ein bisschen Hilfe bittet.

Als ich ihm einen Münze in seinen aufgeklappten Violinenkasten werfe, hebt er den Blick und schaut mich durch seine bejahrte Brille aus unsagbar sprechenden Augen an und formt die Worte: „Velmy dakujem vam, a zelam vam pekny den!“ („Ich danke ihnen sehr und wünsche ihnen einen schönen Tag!“). Und spielt weiter …

Ich stehe da und fühle mich beschämt und ohnmächtig.

„Pekny den“ – wenn ich das doch dem alten Mann auch wünschen könnte, ohne mir bewusst zu sein, wie viel Heuchelei ein so dahingesagter Wunsch doch heutzutage letztlich ist.

***

Princess Chelsea – „Wasting Time“

Tagebuchseite -743-

Metapher von einem halben Mond

Der Zug rollt an. Ganz sacht. Ich schaue auf den nach und nach immer schneller dahin gleitenden Bahnsteig und murmele ganz leise ein „Auf Wiedersehen“ vor mich hin. So, wie ich es immer getan habe, wenn ich von hier wieder abreisen musste. Bewusst ein „Auf Wiedersehen“, kein unverbindliches „Tschüss“.

Sekunden später hat die Nacht die Helle des Bahnsteigs zurückgelassen. An meinem Abteilfenster gleiten jetzt Silhouetten von Häusern, in denen manche Fenster noch erleuchtet sind, dahin und Leuchtreklamen. Kurz wird das Rasseln der Räder des Zuges etwas lauter – er passiert die Brücke über den Fluss mit dem Namen „Hornad“. Kurz darauf wird es nahezu völlig dunkel draußen. Nur noch immer schneller vorbeiziehende Schemen und Schatten von Bäumen und Sträuchern gewahre ich bei meinen Blicken auf die vorbeigleitende Welt.

Jetzt bin ich nicht mehr dort, wo gerade eben noch das Signal zur Abfahrt des Zuges ertönte und noch nicht hier, wo ich in etwa 20 Stunden ankommen werde.

Das „Dazwischen“, in dem meine Reise ihren Verlauf nimmt ist viel größer als mein Zugabteil mit dem säuberlich hergerichteten Bettplatz. Es ist gefüllt mit ganz vielen Gedanken und Bildern, die im gedimmten Licht, in dem ich sitze, die nur erahnbaren Wände meines Abteils durchdringen und so in mir sind und bleiben und zugleich dahingleiten, wie die Welt da draußen vor dem Fenster. Gedanken und Bilder irgendwo und irgendwie zwischen Stillstand und Fluss, sehr klar, sehr präsent, doch viel mehr Fragen als Antworten seiend. So, wie immer, wenn ich wieder abreisen muss, zumal von einem Ort wie dem soeben zurückgebliebenen.

Wie das soeben verlassene „Dort“ und das noch nicht wieder erreichte „Hier“ wohl zusammenpassen, geht mir durch den Kopf, und, dass mich dieselbe Frage im „Dazwischen“ auf der Anreise schon einmal sehr intensiv beschäftigt hat. Jetzt schwingt sie melancholischer, tiefer in mir. Die Eindrücke der vergangenen beiden Wochen haben sie schwerer wiegend werden lassen. Jedenfalls fühlt es sich für mich so an.

Wo, was, wie und wer bin ich in all dem, dem Dort, dem Hier, dem Dazwischen, jetzt, in diesem Augenblick?

Ich schaue wieder aus dem Fenster und gewahre den Mond. Er scheint golden und ich kann ganz genau die eine Hälfte jener Seite erkennen, die er der Erde zeigt. Ja, er zeigt sich heute ganz exakt als Halbmond. Dessen Rundung befindet sich rechts, also ist es ein zunehmender Halbmond.

Dies feststellend, empfinde ich ganz unmittelbar, dass in diesem Bild die Antwort auf meine Frage gezeichnet stehen könnte:

Der Mond ist halb, er nimmt zu. Das Glas, das ich bin, ist halb … ist halbVOLL! – Ich muss unweigerlich seufzen und ich weiß im selben Augenblick, dass ich das Bild als Wunsch mit nach Hause nehmen werde. Dorthin, wo ich in 20 Stunden ankommen werde.

Ich sehe noch einmal hinauf zum Mond. Auf ihm und in seinem Hof tummeln sich nun dunkelgraue Wolkenflecken. – Ich möchte nicht weiter schauen, nicht weiterdenken, mir nicht vorstellen, dass das Bild der Wolken, die den halben, den halbvollen Mond verdecken, auch ein Zeichen sein könnte. Aber ich kann es schließlich nicht verhindern, dass auch dieses Bild bei mir bleibt, ich es mit auf meine Rückreise ins Hier nehmen werde.

*

Gute 20 Stunden später betrete ich erschöpft das Hier. Auf dem Tisch liegen die Zeitungen der letzten vierzehn Tage, ganz exakt von der Nachbarin, die nach unseren Pflanzen gesehen hat während unserer Abwesenheit, aufgereiht. Daneben ein Stapel Post, vom Finanzamt, von einer Versicherung, von der Landkreisverwaltung und etliches an Reklame. Ich rolle mit den Augen.

Zwischen zwei größeren Briefumschlägen spitzt seitlich eine bunte Ecke hervor, wie ich in diesem Moment sehe. Ich ziehe ein bisschen an ihr und halte nun eine wunderschöne Ansichtskarte in der Hand. Wohl aus einer Höhlenöffnung heraus fotografiert, ragt eine Insel, die ein Berg ist, aus blauem Meer.

Unweigerlich muss ich an den halben Mond denken.

Als ich die Karte umdrehe, erblicke ich eine mir noch unbekannte Handschrift, eine sehr schöne. Und ich erkenne den Namen, mit dem die Karte unterzeichnet ist.

Und DA WEIß ich es: Das Glas IST halbvoll. Mit oder ohne Wolken vor dem Mond.

*

Ich bin also wieder Hier. Habe mein Tagebuch wieder aufgeschlagen, und habe ihm als erstes einige meiner Rückreiseempfindungen anvertraut. Die nach meiner Wahrnehmung wichtigen. Vielleicht ist das eine etwas seltsame Art, Reflexionen über die eigene Urlaubszeit zu beginnen. Aber das ficht mich nicht an. Zumal weitere folgen werden …

***

ViVii – „Ali“

 

Tagebuchseite -742-

Mein Tagebuch macht Pause

Etwas zieht mich, etwas hält mich. Mal so und mal so, die Abstände zwischen beidem werden beständig kürzer, und kurz bevor es losgeht, sind sie dann so kurz, dass ein Beben, ein Zittern, daraus wird.

Dabei weiß ich, wo die Reise hingeht. Hin zu Orten, die ich mag, die mir sogar einen besonderes „zu Hause“ – Gefühl vermitteln. Ich habe sie schon oft gemacht, diese Reise, mal ganz ähnlich, mal auch abgewandelt und öfter ohne den Zwischenstopp den die bevorstehende wieder haben wird. Ich weiß auch, wer mich begleiten wird. Es sind die mir vertrautesten, nächsten Menschen.

Ich kann es dennoch nicht beeinflussen, aufhalten, dieses Hin und Her in mir, das schließlich zum Beben und Zittern werden wird. Ich kann es immer weniger beeinflussen im Verlauf der Jahre …

Übermorgen am frühen Vormittag werden sich die Türen des ersten Zuges, den wir benutzen werden, schließen. Dann wird sie losgegangen sein, unsere Sommerreise, die 15 Tage währen wird.

Für mich wird diese Zeit, wie immer, wenn ich auf Sommerreise gehe, sehr weitgehend internetfreie Zeit sein. An meine Mails komme ich angesichts nach wie vor gewollten Mangels an einem Smartphone dann gar nicht heran, Whatsapp und die üblichen „sozialen“ Medien nutze ich, ebenso gewollt, ohnehin nicht, und die Blogwelt hier besuche ich nach Lust und Laune gelegentlich mal, vom Tablet meines Sohnes aus, grundsätzlich nicht, um zu schreiben, sondern um das Eine oder Andere zu lesen.

Ansonsten werde ich nur analog lesen, in Büchern aus Papier und mit Einband – ich nehme es gern in Kauf, sie in ihrer ganzen Gegenständlichkeit, einschließlich dessen, was sie auf die Waage bringen, über Ländergrenzen zu tragen. Ich freue mich schon auf die Zeit, in ihnen verweilen zu können.

Irgendwie freue ich mich überhaupt, trotz der anwachsenden inneren Unruhe.

Ich hoffe, auch Energie, Stabilität und Inspiration „tanken“ zu können. Vor allem für Schönes, was „danach“ kommen möge, nach unserer Reise. Nicht zuletzt für das fortgesetzte Schreiben hier in meinem Tagebuch und den damit inzwischen eng verbundenen Kontakten zu manchem/r seiner/ihrer Leser*innen.

Bis dahin darf es sich nun ausruhen, mein Tagebuch, mag es Last und Lust meiner vielen schon in ihm verfassten Zeilen, meiner unendlichen Geschichte, gut in sich verteilen und endlich auch mal wieder ein bisschen „urlauben“. Bis ich es dann wieder öffnen werde. Dann, wenn der August das letzte Drittel seines Zeitenlaufs begonnen haben wird …

Bis dahin allen meinen Leser*innen, vor allem jenen, mit denen ich mich intensiver austausche oder sogar freundschaftlich verbunden bin, eine in jeder Hinsicht gute Zeit!

***

Das Lied, das ich heute teile, passt perfekt zum Vorsatz des „Auftanken wollens“ . Obwohl es Musik von Tim Atlas schon länger gibt, wie ich in Erfahrung bringen konnte, sind seine (wie ich finde durchweg schönen) Lieder wohl immer noch eher ein „Geheimtipp“. Der gerade passende ist dabei ein besonders schöner:

Tim Atlas – „Unwind“

Tagebuchseite -741-

Wenn ich Pastor wäre …

… hieße mein Gott „Weltgewissen“, der Heilige Geist, den er aussendete, wäre der Geist der Liebe, jener Liebe, die tiefste Aufrichtigkeit, Rücksicht, Sensibilität, Demut und  Dankbarkeit ist.

Seine zehn Gebote lauteten:

  • Achte und bewahre die Natur, die Schöpfung!
  • Tue nichts, was einem anderen Schaden oder Leid zufügt!
  • Neide nicht und hasse nicht!
  • Fälle keine Vorurteile und begreife, dass nichts nur schwarz oder nur weiß ist!
  • Lebe gewaltfrei!
  • Akzeptiere, dass du allein weder in Freiheit noch in Glück leben kannst!
  • Erhöhe Dich über kein anderes Leben, erkenne seine Vielfalt uneingeschränkt an und respektiere sie!
  • Übe Dich in Bescheidenheit!
  • Strebe nicht nach Perfektion und Vollkommenheit!
  • Liebe! Lebe die Liebe, teile sie und mehre sie so!

Mein Gott wäre also Liebe und Gewissen. Beides zu haben, beidem zu folgen, beides weiterzugeben, wäre der Sinn. Für alle, für jeden – niemand müsste dafür Christ oder Muslim sein, Jude oder Hindu. Wenn er es wäre, dürfte er es bleiben, er dürfte seine Religion auch wechseln oder sich mehreren zugehörig fühlen. Seine Herkunft, seine Hautfarbe, seine Kultur und Sozialisation, seine geschlechtliche Orientierung, nichts dergleichen wäre von Bedeutung.

Ich habe Gott gefragt und Allah und Buddha und Manitu und all die anderen Götter der Völker und alle sagten: Ja, so könnte, so sollte es sein. Ich bin einverstanden damit.

Als ich ihre Propheten fragte, gab es schon Gemurmel, zweifelnde Stimmen erhoben sich.

Als ich schließlich ihre Apostel fragte, rührte sich gar Widerstand und das Wort von der Gotteslästerung wurde laut.

Das Bodenpersonal all der Götter, die Popen und Priester, die Rabbis und Imame, die Pfarrer und Brahmanen, sie habe ich noch nicht befragt. Und auch nicht die Schafe , die ihnen mehr oder weniger (frei)willig folgen. Und die, die keinen Gott haben oder wollen, auch nicht.

Ich scheue mich davor, halte es für reichlich abenteuerlich, ja sogar skurril, und ich habe mehr als eine Ahnung, dass es neben Gemurmel und Widerstand vor allem ganz viel Gleichgültigkeit geben würde, wenn ich es täte.

Weil das, was ich anzubieten hätte (siehe oben), nur wie eine neue, eine etwas andere Religion daherkommen würde. Den einen wäre das zu viel „weltliche Konkurrenz“, den anderen nur noch mehr „Opium für das Volk“

Mit dem nicht unernst gemeinten Wunsch einer langjährigen Freundin (übrigens Muslima), dass ich mich als Pfarrer engagieren sollte (dazu gibt es hier die Geschichte), wird es in diesem Leben also kaum noch etwas werden. Selbst wenn ich mit ihr nach wie vor sofort das erste Mitglied „meiner Kirche“ hätte.

Und selbst, wenn mein einziger wirklicher Glaube, ja meine Gewissheit, darin besteht, dass die Menschen lernen und schließlich akzeptieren müssen WIRKLICHEN Idealen zu folgen und ebenso, dabei LIEBENDE Hilfe zu brauchen.

Mein Wunsch, dafür und in diesem Sinne etwas zu tun, ist geblieben, ja, sogar größer geworden im Laufe der Zeiten.

***

Ein ganz neues Lied, in dem unterschiedlichste Stilrichtungen zusammenfließen, ungewöhnlich und überraschend im Arrangement und der Interpretation, mit einem spannenden Text – sowohl streitbar als auch ein bisschen zu meinem heutigen Eintrag passend. Es ist die Debütsingle einer deutsch-spanischen Künstlerin, die in Paris aufgewachsen ist, dort gemeinsam mit ihrem Vater musizierte und im Chor der Pariser Nationaloper mitsang. Nunmehr lebt sie in Berlin. – Ich teile hiermit:

Sofia Portanet – „Freier Geist“

Tagebuchseite -740-

Wenn kein Gras mehr drüber wächst …

Ein Spätzlein kommt zu uns auf den Balkon gesegelt und landet auf dem kleinen Tischchen, auf dem wir immer ein bisschen Vogelfutter verstreut bereithalten. Er schaut ein bisschen um sich, hat dabei sein Schnäbelchen die ganze Zeit weit geöffnet. Die brütende Hitze macht dem Kleinen offensichtlich ordentlich zu schaffen. Da entdeckt er die kleine Glasschüssel mit dem frischen Wasser am Vorderende des Tisches, hüpft behände auf dessen Rand und trinkt drei große Spatzenschlückchen von dem kühlenden Nass. Dann pickt er ein paar Körnchen auf und fliegt wieder davon. – So haben wir im Laufe des Tages viele Besucherspätzchen bei uns zu Gast.

In ein paar Tagen werden sie verwundert schauen, wenn ihr „Lokal“ für zwei Wochen geschlossen bleiben wird, weil wir auf Reisen sein werden. Bleibt zu hoffen, dass sie dann irgendwo anders eine Oase finden werden für diese Zeit.

Ein schlechtes Gewissen bleibt dennoch in mir, und das hat mit einem Ereignis zu tun, das ich kürzlich erlebte:

Als ich vor einigen Tagen ein paar Erledigungen in der Innenstadt machte, schoss plötzlich eine junge große Sturmmöwe von oben auf mich zu. Ich musste ausweichen, um nicht von ihr getroffen zu werden. Sie landete unmittelbar neben mir auf der Straße und ich sah sofort, dass mit dem Tier etwas nicht stimmte. Ich bemerkte, dass sie mehr von oben gefallen als geflogen war. Und nun hockte sie, wie der Spatz, von dem ich eben schrieb, mit weit aufgerissenem Schnabel auf den heißen Pflastersteinen.

Ein paar vor einem Bäcker sitzende Leute meinten, sie sei nicht die erste Möwe die hier in den letzten Tagen „vom Himmel gefallen“ sei. Helfen könne man letztlich nicht.

Mich verlässt das Bild von dieser Möwe seither nicht mehr. Und ich höre von Tonnen toter Fische, die in den Gewässern hier oben im Norden an Sauerstoffmangel sterben und mit aufgeblähten Körpern an die Uferzonen treiben und sehe in einer Reportage darüber erschreckende Bilder davon. Statt dessen verbreiten mehr und mehr Feuerquallen Schrecken an den Stränden der Ostsee hier im westlichen Mecklenburg. Noch mehr Hitze …

Auch den Fischen kann niemand mehr helfen

Und vielen anderen Tieren wohl auch nicht.

Und Menschen nicht.

Dabei denke ich nicht nur an die Landwirte hier in der Region, obwohl es die ganz offensichtlich sehr, sehr hart trifft mit diesem Sommer hier im Nordosten. – Ich kann mich für den Verlauf meines ja nun schon Jahrzehnte währenden Lebens nicht daran erinnern, dass die Ostsee auch nur näherungsweise einmal eine Wassertemperatur von 25 °C gehabt hätte, so wie jetzt. Oder 28, 29°C die Binnenseen.
Und ich weiß auch kein Jahr in dem es so lange so trocken gewesen ist hier in dieser Region, die sonst eher für größere Niederschlagsmengen als anderswo in Deutschland bekannt ist.

Inzwischen ist es hier so trocken, dass tatsächlich kein Gras mehr über irgendetwas wächst. Dort, wo Rasenflächen bislang noch gelbbraun welk dalagen, bilden sich nun erste sandige Löcher. Auf denen nichts mehr wächst. Eben auch kein Gras mehr drüber.

Das ist das zweite Bild, was sich immer mehr in meinen Kopf einbrennt, darin meine Gedanken dieser Tage und Wochen klebrig dahin wabern.

Klebrig und sich anstrengend irgendwie lebendig zu bleiben, bestenfalls sogar ein bisschen optimistisch.

Denn mein Vater hat es geschafft, hat seine Operation, eine vierstündige Tortur mit nachfolgenden Schmerzen, überstanden. Es geht ihm wieder besser, er ist wieder daheim. Nun muss sich zeigen, dass alles beständig heilt und heil bleibt.

Und es kam, ganz überraschend ein Büchlein zu mir, eine Urlaubslektüre, ein Roman, der viel verspricht, in einer besonders schönen Ausgabe, „einfach so“ geschickt als Freundschaftsgruß von einem sehr lieben Menschen, den ich über Jahre lang fast gänzlich verloren hatte.

Und ich bekam einen Vertrauensbewies, einen ganz, ganz großen, von einem Menschen, mit dem für mich gerade eine wohl sehr schöne und vermutlich tragfähige Freundschaft zu entstehen beginnt. Ja, und darüber konnte und kann ich sogar gerade wirklich Glück empfinden.

Ich bin überaus dankbar für diese Dinge, für diese Menschen, in meinem Herzen dankbar, weil sie meine Seele heilen lassen, sie ihr die Kraft schenken, Gras über manche ihrer wunden Stellen wachsen zu lassen.

Wer und was aber hilft unserer armen Erde? Dass kein Gras mehr über alles wächst, lässt DAS endlich diejenigen aufwachen, die Macht und Möglichkeiten haben, ein wirkliches Umsteuern einzuleiten?

Das ist übrigens keine Frage, die etwa „nur“ aus der Hitze dieses einen Sommers geboren ist. Ich füge das lieber hinzu, weil es ansonsten erfahrungsgemäß generell und allzu gern gerade nur so verstanden wird.

*

Mathew an the Atlas – „Cali“

Sammelsurium -100- (Sechs Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Mein heutiges Sammelsurium ist das 100. Ein guter Anlass, diese Rubrik noch einmal ein wenig zu bereichern. Neben Sprüchlein, die, wie immer an dieser Stelle, Extrakt meiner Gedankenrochaden sind, und einem etwas besonderen Lied, findet sich heute erstmals auch ein „Schnipsel“ in meiner Aufzeichnung. Dabei handelt es sich um eine Episode, einen Erinnerungsfetzen. Das zugrundeliegende Geschehen und Empfinden liegt schon länger, in diesem Fall wohl an die 15, 20 Jahre zurück. Es ist aber immer mal wieder sehr präsent in mir und löst weitergehende Gedanken und Empfindungen aus. Ich wollte und will, dass das nicht verloren geht. – So wird es nun wohl ab und zu mal auch einen „Schnipsel“ in meinen Sammelsurien geben.

Wie gewohnt, beginnt aber auch heute alles mit meinen Sprüchlein, zum Lesen, Kommentieren, Zustimmen oder Widersprechen oder auch einfach zu eigenem darüber Nachsinnen:

Mehr zu wissen, bedeutet heutzutage keinesfalls, auch mehr Potenzial für freudiges Empfinden oder Grund zur Freude erworben zu haben. Leider ist viel öfter das Gegenteil der Fall.

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Große Ideen und Taten, die nicht im Kleinen, vermeintlich Unwichtigen, Unbedeutenden ihren Ursprung haben und nicht stets darauf gerichtet sind, gerade Jenes im Blick zu behalten, sind nicht wirklich groß.

*

So oft Populismus die Ablehnung von Machteliten predigt, so oft sind vor allem seine intellektuellen Protagonisten gerade das bzw. streben es an: Machteliten zu werden und zu sein.

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Die Wahrnehmung einer einfachen, zugewandten, freundlichen Geste, sei es ein Lächeln, ein Wort oder sonst etwas, vermag manche Therapiestunde zu ersetzen.

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So wenig immer mehr Wachstum, immer mehr Beschleunigung all unserer Tätigkeits- und Lebensabläufe dazu führen werden, dass sich unsere Erde schneller und schneller dreht, so sicher belegen vor allem etliche Sommer inzwischen, dass nicht nur immer mehr Menschen, sondern auch der Planet am HEIßLAUFEN sind/ist.

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Denkmal – Denk … mal! Welch sinnige, meist in Stein gehauene Metapher dafür, wie wertvoll Innehalten, Stehenbleiben, zu sein vermag!

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Schnipsel (1)

Es ist nicht mein Herkunftsland, in dem ich mich vor Jahren bei geöffnetem Fenster auf einem Bett liegen sehe:

Von der Nacht draußen dringen ab und zu Stimmen herein, mal näher, mal ferner, in jener Sprache, die ich immer noch nur wenig verstehe. Dazwischen herrscht Stille. Stille, die doch keine ist.

Ich höre Grillen zirpen.

Und denke mich noch ein Stück weiter nach Osten, in jenes kleine Dorf nahe der Grenze zur Ukraine. Dort wo ich vor wenigen Tagen in einem uralten Bauernhaus jener schon sehr betagten Frau gegenüber saß, die dort ihr Leben gelebt hatte. Jede der vielen Runzeln in ihrem Gesicht erzählte eine Geschichte, und ein paar erzählte sie selbst, nachdem wir von ihr zu Brot und einem ordentlichen Stück des regionaltypischen gewürzten Räucherspecks sowie einem „Borovicka“ zur „Verdauung“ zum „zweiten Frühstück“ eingeladen worden waren.

Ich erinnere mich an das Geräusch der summenden Telefonmasten in diesem Dorf. Ein Summen, das von den so oft zu schwierigen, knatternden und das ein oder andere Mal unterbrochen werdenden Telefonverbindungen in den Nachbarort, die nächste größere Stadt oder gar in andere, auch ferne Länder kündete. Und zu dem die heiß flirrende Sommerluft das passende unbeständige Bild abgab.

Während ich so daliege, schalte ich mein von einer schützenden Lederhülle umgebenes kleines Kofferradio ein, mit dem ich nur Mittel-, Kurz-, und Langwelle empfangen kann. Jeder Sender, den ich anwähle, klingt fremdartig – nur auf zwei , drei, sehr fernen, vermag ich , durch Funksignale und auf- und abschwellende Messtöne gestört, ein paar deutsche Sprachfetzen zu vernehmen. Wie aus einer anderen Welt kommend.

Schließlich ist da ein Sender, recht klar zu hören, nur von einem leisen Summen, wie jenem , das in den Telefonmasten wohnt, untersetzt.

Es beginnt gerade ein Lied zu spielen. Eine fremde, ein bisschen folkloristische Melodie und Gesang in einer mir unbekannten slawischen Sprache. Das Lied gefällt mir, es klingt schön, lässt mich auf Reisen gehen. Auf Phantasiereisen in Länder, die ich noch nie betreten oder gesehen habe, die sich nun aber hinter manchem Schnarren und Pfeifen der instabilen Kurz-, Mittel-, und Langwellenfrequenzen auftun. Länder zu denen das Summen in den Telefonmasten führt.

Wie schön dieses Lied ist, das ich nie wieder hören werde!

Und wie schön diese Reise, die einzigartig bleiben wird, aus der Unvollkommenheit meiner Verbindungen mit der Welt „da draußen“ entstanden.

Phantasie aus Unvollkommenheit geboren und gewachsen!

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Inzwischen summen keine Telefonmasten mehr. Kurz-, Mittel- und Langwellensender sind eine aussterbende Spezies.

Alles wird, mutmaßlich gewollt, immer „vollkommener“.

Und die Phantasie?

Immerhin ist da ab und zu noch das Zirpen der Grillen. – Aber ich muss mittlerweile schon sehr genau hinhören, es noch zu finden …

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An der nachfolgend zu hörenden Gruppe, die, von mir unbemerkt, schon einige Jahre existiert und Lieder produziert, scheiden sich offenbar die Geister und Geschmäcker. Das folgende Lied, war das erste, was ich von ihr gehört habe, es ist wohl das aktuell neueste. Es klang für mich „anders“, ungewöhnlich, aber der Text gefiel mir irgendwie gleich. Und nach dem zweiten, dritten Hören auch die Melodie, das Arrangement, die Interpretation. Bei anderen Liedern der Band, die ich mir danach anhörte, war das weniger der Fall. Scheint so, als wenn sich auch mein eigener Geist und Geschmack an der Gruppe etwas scheidet.

Dies Lied hier ist nun aber das, was ich mögen gelernt habe:

Laing – „Du bist dir nicht mehr sicher“

Tagebuchseite -739-

…  (Ohne Titel)

Als ich heute Morgen aus der Haustür trete, ist es ungewöhnlich ruhig im Innenhof unseres Plattenbaukarrees, in dem sonst jedes noch so kleine Geräusch widerhallt. Ein Summen ist freilich zu hören, ein beständiges, intensives Summen. Ich schaue in die Richtung, aus der es zu mir herüber summt und sehe einen Lindenbaum mit Blüten. Recht spät sind die dran denke ich mir, aber ich weiß nun, dass es Bienen sind, die in dem Baum summen, fleißig von einer Lindenblüte zur anderen fliegend. Und in mir macht sich ein warmes und irgendwie anteilnehmendes Gefühl breit. Ich denke an den schönen Honig, den wir den kleinen, eifrigen Summern verdanken. Und daran, dass ihnen ihr emsiges Leben seit einigen Jahren immer schwerer gemacht wird.

Aber ich bin sehr froh über die kleine Morgenepisode, denn ich weiß schon kurz nach ihrem Erleben, dass ich sie aufschreiben werde.

Es ist recht ruhig geworden hier auf meinen Tagbuchseiten während der letzten Tage, ja, Wochen. Das Schreiben fällt mir schwer. Das ist bislang nicht so oft geschehen. Die Hoffnung, die sich anlässlich des Wochenklanges, über den ich hier kürzlich schrieb, auszubreiten begann, ist noch einmal aufgehalten worden. Durch mein Gedankenkarussell, mein Kopfkino. –

Ohne, dass ich mich bewusst dort hineinstürze und ohne es bewusst zu wollen, denke ich in Tiefen nach, und sehr, sehr grundsätzlich. Stelle dabei mich, meine Lebensleistung, mein jetziges Leben immer wieder auf den Prüfstand. Werde sehr still dabei. So still, dass selbst das Schreiben zu laut wäre und kein Platz für Poesie mehr in mir ist. Ein seltsames, bizarres Empfinden ist das, eines, das sich anfühlt, so als wenn das Leben weitergeht, auch ohne mich. Ich könnte einfach Zuschauer sein oder auch einfach gar nicht da. Das wäre dasselbe.

Das mit er Poesie hat mich sehr getroffen als ich es bemerkt habe.

Ich weiß nicht ob es Ursache oder Wirkung dafür ist, dass ich, das Wochenende mitgerechnet, nun schon den vierten Tag Urlaub habe, aber darin noch so gar nicht angekommen bin. Dabei habe ich mich auf meine Sommerurlaubswochen, wie stets, sehr gefreut. Und habe, ENDLICH, begonnen wieder intensiver zu lesen. Für die Zeit, in der ich das tue, gelingt es mir, mein Gedankenkarussell zu stoppen. Sonst (noch) nicht. Ob das besser werden wird , wenn es in 12 Tagen auf Reisen gehen wird?

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Jetzt fällt es mir noch schwerer weiter zu schreiben. – Gerade hatte ich ein Telefonat mit meiner Schwester. Völlig überraschend erfuhr ich von ihr, dass mein Vater ab Donnerstag ins Krankenhaus muss. Mit einer sehr unschönen Geschichte, wegen der er erst vor ein paar Monaten eine größere Operation auf sich nehmen musste. Nun sind da Probleme aufgetreten, und es geht um nichts Geringeres als die Hauptschlagader.

Warum hat er uns, hat er mir davon nichts erzählt? – Ich bin augenblicklich in ziemlich großer Sorge. Vater ist 89, und jetzt muss er während dieser großen Hitzewelle ins Krankenhaus. Wir wohnen nicht am Ort …

Ich denke an ihn und an die Bienen von heute Morgen. Vaters Vater hatte welche, sehr viele mitunter sogar, und er machte den besten Honig der Welt. Honig ist eine der Lieben, wie wir teilen …

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Ich bin gerade sehr durcheinander.

Ich muss einen anderen Tag wählen, an dem ich es wieder mit dem Schreiben versuche.

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Old Man Canyon – „The Road“