Wegweiser durch diesen Blog

Tagebuchseiten:

Hier sind meine Reflexionen über Ereignisse und Begegnungen im Alltag ebenso zu finden, wie meine Gedanken über „Gott und die Welt“ – in loser Folge, ohne Ordnung …

(Mit Beginn des Jahres 2017 erscheinen einige meiner Tagebuchseiten als Selbstgespräche . Grund dafür ist eine umfassendere Idee, die ich schon lange in mir trage. Vielleicht entsteht aus den entsprechenden Texten irgendwann ein Weg, der zu ihrer Realisierung durch mich führt. Vielleicht …)

Sentenzen:

Nachdenkliches zu Themen, die mich immer wieder und nachhaltiger bewegen und beschäftigen, die in meinem und für mein Leben zumeist eine wichtigere Rolle spielen.

Verse:

Einige meiner Versuche, Gedanken, Eindrücke, Reflexionen und Ansichten in lyrischer Form zu verarbeiten.

Gedanken zu Aphorismen:

Was immer ich auch lese, ich spüre darin aus meiner Sicht interessante Sinnsprüche auf. Einige von denen, die mich besonders inspirieren, zum Nachdenken anregen, meinen Widerspruch herausfordern, bespreche, diskutiere ich hier.

Zwischenstopps:

Texte, über die ich „gestolpert“ bin, darunter Merkwürdiges, Skurriles, Witziges, Unglaubliches – manchmal mit kurzen Kommentaren von mir versehen. (mitunter auch Musiken, mit denen ich mir einen Zwischenstopp genehmige …)

Sammelsurium:

Hier finden sich von mir verfasste, kleine Rezensionen zu Büchern, die ich gelesen habe, eigene Gedanken in Aphorismenform, die ich zur Diskussion stelle, und Sonstiges, was mir mitteilenswert erscheint.

Advertisements

Tagebuchseite -769-

Von einer der ganz besonderen Umarmungen

Ich werde sehr selten umarmt. Ich meine, WIRKLICH umarmt. –

Nicht alle Menschen mögen Umarmungen. „Zu viel Nähe“, sagen einige, und manche haben dafür ihre guten Gründe. Und wenn ich in mich hinein höre, dann spricht es auch zu mir, dass mir nicht jede Umarmung von Jedem oder Jeder gefallen würde.

Aber Umarmungen aus aufrichtiger Zuneigung, aus spontaner Dankbarkeit, aus einem erwachsenden oder schon tiefen freundschaftlichen Empfinden heraus, eine Umarmung aus dem Bedürfnis heraus, ein bisschen Schutz und Anlehnung, Trost, einen Halt zu finden, die bedeuten etwas für mich. – Dabei muss es nicht immer oder erst oder gar eine Umarmung sein. Auch ein entsprechender Blick oder eine weniger aufwändige Geste, ein Lächeln, ein Nicken, sind mir wertvoll, wichtig, beachtenswert.

Umarmungen aber, zumal solche , wie die genannten, bleiben doch etwas Besonderes. Und weil sie in meinem Leben so selten sind, kann und mag ich mich an die ganz besonderen gern und gut erinnern.

Heute habe ich so eine Umarmung bekommen. So eine ganz besondere. Genau genommen waren es gleich zwei. Sie sind erst wenige Stunden her.

Wir hatten gemeinsam geübt, die kleine Leonie und ich. – Sie wohnt mit ihren Eltern und ihrem kleinen Halbbruder in der Wohnung über uns und ist erst vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen. Sie ist ein fleißiges, freundliches und sehr lebhaftes und aufgewecktes Mädchen, das in die fünfte Klasse geht. Und hat wohl eine furchtbar laute und strenge Deutschlehrerin, so sagt es auch ihre Mutti. In allen Fächern steht Leonie auf 1 oder 2, nur in Deutsch fast auf 4.

Ihr Traum ist es ans Gymnasium zu gehen und danach Schauspielerin zu werden. Talent hat sie ohne Zweifel, ich könnte schon manche „dramatische“ Geschichte erzählen, auch eine, in der ich sie begleitet, ihr geholfen und sie getröstet habe. Das hat sie mir offenkundig nie vergessen.

Nun haben wir also Deutsch geübt. Zum zweiten Mal, oben in ihrem Zimmer. Substantive mit den dazugehörigen Artikeln und Satzkonstruktionen mit Subjekt, Prädikat und verschiedenen Objektformen. In unterschiedlichen Zeitformen und mit Wörtern, die Leonie schon oft falsch geschrieben hat. Und wir haben zusammen gedichtet, drei Strophen, ein ganz eigenes Weihnachtsgedicht. Sich ein Weihnachtsgedicht auszudenken und es so gut zu lernen, dass sie es vortragen kann, war Leonies Hausaufgabe in Deutsch für die nächste Woche.

Das alles haben wir in nur einer Stunde geschafft. Leonie hatte ganz viele Substantivendungen gelernt, die ich ihr beim ersten Mal Üben aufgeschrieben hatte, und fand nun zu allen Substantiven, die ich ihr diktierte, die richtigen Artikel. Und auch mit den Satzgliedern hatte sie sich beschäftigt und machte nur ganz wenige Fehler beim Schreiben und Bestimmen der verschiedenen Formen. Und für das Gedicht hatte sie eine wunderbare Idee und suchte ganz eifrig mit nach treffenden Reimen.

Ich konnte sie oft loben, und wenn sie etwa ein besonders schwieriges Wort richtig geschrieben oder eine komplizierte Konstruktion richtig erfragt hatte, dann gaben wir uns „Fünf“ in die Hand.

Die 60 Minuten vergingen ganz rasch. – Kurz bevor ich mich zum Gehen von meinem Stuhl erheben wollte, sagte sie: „Das war schön, und ich möchte mich bei ihnen bedanken.“ Und reichte mir mit strahlenenden Augen und einem Lächeln einen kleinen Schokoladenweihnachtsmann und umarmte mich ganz fest. – Und dann draußen, im Flur ihrer Wohnung als ich mit ihrer Mutti sprach und wir vereinbarten, wann ich nächste Woche wiederkommen werde, da umarmte sie mich noch einmal, so stark, so innig, dass nicht nur ich, sondern auch ihre Mutti ganz gerührt war. „Sie mag sie sehr“, hatte diese mir schon vor ein paar Wochen gesagt.

Nun sind wir „per Du“, Leonie und ich. – Sie weiß jetzt meinen Vornamen, und zwar nicht nur deshalb, weil es ihr so schwer fällt, sich meinen Nachnamen zu merken und auszusprechen, sondern weil wir Freunde geworden sind.

Denn nur eine Freundin kann eine so liebe, so aufrichtige, so herzliche und ehrliche Umarmung schenken. So eine, die ich nicht vergessen kann, an die ich mich immer erinnern werde. Eine, die in dieser Art selten und kostbar ist, die eines jener so schönen und wertvollen Indizien dafür ist, dass Leben manchmal so lebenswert ist.

Dankeschön, liebe Leonie!

*

Berührend wie eine Umarmung ist auch das Lied, das ich heute teilen möchte. Ich konnte, als ich es heute (!) fand und erstmals hörte, gar nicht fassen , dass es schon mehr als 20 Jahre „alt“ ist. Ein zeitloses Lied, weil es zeitlos schön ist. Das Video dazu übrigens auch …:

Cowboy Junkies – „Angel mine“

Verse -66-

Es gibt Menschen, die wie Federn sind

Wenn du wie eine Feder bist,
dann bist du weich,
dann kannst du wärmen,
dann kannst du streicheln.
Wenn du wie eine Feder bist,
dann können deine Träume fliegen.

Wenn du wie eine Feder bist,
bist du sehr leicht,
bist du empfindlich.
bist du zerbrechlich.
Wenn du wie eine Feder bist,
kannst du fortgetragen werden
von Wind oder Sturm.

Bis dich niemand mehr sieht.

Bis du allein bist mit dir.

Fällt zu viel Regen auf dich,
wirst du nicht mehr fliegen können,
bleibst am Boden kleben,
kannst zertreten werden.

Nur, wenn du,
wenn deine Träume fliegen dürfen,
kannst du leben,
bist du frei.

Es gibt so viele Menschen,
die sich Menschen,
die wie Federn sind,
nicht vorstellen können.

Die zu wissen meinen,
dass da noch anderes sein muss,
als allein die Fähigkeit
zu wärmen und zu streicheln,
als Empfindsamkeit
und Zerbrechlichkeit.

Die zu wissen glauben,
dass es Menschen wie dich,
die so sind wie du,
nur so, wie eine Feder eben,
gar nicht geben kann.

Und die so leben,
als gäbe es sie nicht.
Als gäbe es dich nicht.

Doch es gibt Menschen,
die wie Federn sind …

*

Ich wünsche allen Menschen, die wie Federn sind, allen, die sensibel und die in sich viele sind, weil sie unbeschreibliches Leid erfahren haben, allen, die ein wahrhaftiges Herz in ihrer Brust tragen, dass das nun folgende Lied nie wahr wird für sie. Ich für mich habe entschieden, trotz allem, immer weiter dagegen anzukämpfen. Ich mag das Lied, das ich kürzlich auf dem Portal einer Blogfreundin fand, dennoch. Weil es so schonungslos ehrlich ist. Weil es sich manchmal wirklich so anfühlt. (Vorsicht, es kann triggern!!!)

Isolation Berlin – “ Alles Grau“

Sammelsurium -103- (Fünf Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Das heutige „Sammelsurium“ enthält neben neuen „Weisheiten“ aus meinem Geiste wieder einen „Schnipsel“, der ein kurzer Text und einzig durch das Betrachten eines Bildes, einer Fotografie, entstanden ist. Manchmal genügt so eine kleine Inspiration, und es beginnen kleine Gedankenreisen … – Hier aber erst einmal die neuen „Sprüchlein“:

Das Leben anzunehmen, bedeutet seine Vielfalt anzuerkennen. Vor allem die Vielfalt von Menschen. Das ist der Grundstein dafür, Liebe leben zu können.

*

Unbegrenzte Möglichkeiten gibt es nicht. Wer anderes behauptet, ist entweder ein Scharlatan oder er sieht die Gefahr(en) nicht.

*

Schönheit hat immer mit Fühlen zu tun. Sonst ist es keine.

*

Nichts ist infamer, als stigmatisiert zu werden. Der Betroffene mag sich dagegen zu wehren, zu überzeugen versuchen, sein bisheriges Leben für sich sprechen zu lassen oder sonst etwas tun: Wenn die Stigmatisierenden nicht einlenken wollen, bleibt das Stigma. Besonders tragisch, besonders brutal ist, dass es grundsätzlich nicht gelingt, eine Stigmatisierung einfach zu ignorieren.

*

Hass ist die Verneinung von Leben. JEDE Art von Hass!

**

Schnipsel (4)

Über Tore und Türen

Tore und Türen haben immer etwas Magisches. Selbst dann, wenn man sehen kann, was sich dahinter befindet. Vermeintlich! Denn befindet es sich wirklich so dahinter, wie man es wahrnimmt, wie man es erahnt? –
Jeder Schritt durch eine Tür oder ein Tor ist ein Zeitsprung, eine Zeitreise. Vielleicht nur ein/e ganz kleine/r. Denn nie wird es genau dieselbe Zeit sein, die vor dem Tor war wie die, die nach dem Durchschreiten des Tores dort ist.
Es gibt im Übrigen Türen und Tore, die man nur in eine Richtung, die man nur einmal durchschreiten kann. Es mag einem so scheinen als wäre das jeweilige Tor/die jeweilige Tür immer noch da, aber ein Zurück wird es nicht geben. Manches Tor schließt sich nach einem Durchschreiten für immer, ob wir das sehen, wahrhaben wollen oder nicht.
Ein absolutes Zurück gibt es übrigens durch kein Tor/keine Tür – Im Mindesten deshalb nicht, weil dahinter dann doch schon wieder, und sei es nur eine Winzigkeit, andere Zeit geworden ist …

***

Was für eine weite und unerschöpfliche Welt, die Welt der Musik, die Welt der Lieder, geworden ist! So viele, schöne, bleiben so sehr im Verborgenen, dass ihr Finden dem Finden einer seltenen Blume gleichkommt. So eine Blume fand ich heute Morgen. Sie ist bereits vor vier Jahren erblüht und ist doch eine weitgehend unentdeckte Schönheit geblieben. – Für mich ist sie ein Gesamtkunstwerk. Besonders beeindruckend finde ich den Text zu der toll gesungenen und interpretierten Melodie – soweit ich mir sein Englisch erschließen konnte. Ich teile:

Marnie – „Hearts on fire“

Tagebuchseite -768-

(Lebens-)Wegbeschreibung

Ich gehe dich schon so lange und weiß doch nicht wo du hinführst.

Wo du enden wirst, wenigstens für mich persönlich, das weiß ich freilich schon: Da, wo du für jeden Menschen, für jedes Lebewesen, irgendwann endest: Im Tod. Aber darum soll es hier nicht gehen, denn das ist das Einzige, was klar ist, während ich tagein, tagaus, und sogar schlafend während der Nächte, auf dir weitergehe.

Was nicht klar ist, ist wo du mich noch hinführen wirst, woran vorbei, wo hinein, welchen Situationen, Herausforderungen und vor allem Menschen ich noch begegnen werde in den Jahren, die mir zum Gehen auf dir noch verbleiben. Es können viele oder auch nur wenige sein. Menschen und Jahre. Ich weiß es nicht. Und noch weniger, was für Menschen, was für Jahre das sein werden. Aber ich werde gehen. Wie auch immer. So, wie ich es schon so viele Jahre getan habe und in jedem Augenblick, der Leben ausmacht, tue.

Ich habe schon so viele Erfahrungen machen können oder müssen, wo du mich hinzuführen vermagst. Aber ich bin dadurch nicht wirklich sehender geworden. Schaue ich nach vorn, sehe ich immer höchstens zwei, drei Meter vor mir klar deine Konturen. Dahinter wird es dunstig, neblig, verschwommen. Ungewiss.

Letztlich warst und bist du immer ein Weg ins Ungewisse. Das mag seinen Reiz haben. Für mich ist es ein ebenso fragiler wie fragwürdiger Reiz. Mindestens „hinterfrag(ungs)würdig“! So wie du selbst. Für die Vergangenheit, in der Gegenwart und auch, was die Zukunft betrifft. Was die angeht, besonders. Denn mutmaßlich ist meine auf dir nicht mehr so lang.

Ja, du bist fragwürdig. Zwiespältig. Die Vergangenheit, die ich auf die gehend hinter mich gebracht habe, erzählt davon. Du führtest mich nicht nur zum Glück, zum Erfolg, zur Freude, zur Liebe. Du hast mich ebenso zu Gram, zum Versagen, zum Leid und sogar ganz nah an den Tod herangeführt. So habe ich manche Erfahrung machen dürfen aber auch müssen. Erfahrener bin ich dadurch nicht geworden. Jedenfalls vermag ich das nicht wahrzunehmen. Ein wenig klüger vielleicht.

Aber Klugheit und Erfahrenheit sind per se nicht dasselbe. Dass das nicht so ist, macht gerade manch besondere Schönheit von Jugend in Menschengestalt aus. Das wird von vielen nicht gesehen, nicht verstanden, nicht akzeptiert. Und deshalb jugendliche Ansichten nicht selten ungerechtfertigt unterschätzt oder gar ignoriert. Aber das ist ein anderes Thema …

Zurück zu dir, auf dem ich auch jetzt, gerade sinnend und schreibend, gehe.

Du bist und bleibst also ungewiss für mich, trotz mancher Erfahrung, die ich auf dir schon gesammelt habe.

Wege ins Ungewisse aber, haben mir Zeit meines Lebens Angst gemacht. Möglicherweise ist es also so, dass jene Angst, die mich mein ganzes Leben lang schon begleitet, in deiner Ungewissheit ihren Grund hat. Es ist eine Angst, die Angst, vor dem Leben selbst. – Je länger ich das in mir nachklingen lasse, desto mehr wird dieses Erkennen zum Wissen: Ja, so ist es!

Mir fällt gerade eine Zeile aus einem schon etwas betagten Lied des Liedermachers Heinz Rudolf Kunze wieder ein: „Eigene Wege entstehen erst beim Gehen“, heißt es da. Diese Zeile hat mir immer irgendwie gefallen, sie hat geradezu Faszination auf mich ausgeübt. Sie deutet an, dass man die Richtung eines Weges bestimmen kann, insbesondere des eigenen. Aber ich habe sie nie „geglaubt“, diese Zeile. Und ich denke, dass ein solcher Glaube sogar ein Irrglaube wäre.

Weil ich keinen Weg allein gehe, keinen wirklich je allein gegangen bin und auch keinen wirklich allein gehen werde. Kein Mensch kann das. Jeder eigene Weg ist auch immer ein Weg, den andere mitgehen, mitbestimmen. Und also auch seine Richtung. Das ist der Grund dafür, dass auch der eigene Weg, das du, auf dem ich gehe, in nicht unwesentlichem Maße ungewiss bleib(s)t.

Keine Freiheit kann und wird je so umfassend sein, dass ein Mensch gänzlich unabhängig SEINEN eigenen Weg zu gehen vermag. Ein Streben nach derartiger Unabhängigkeit erscheint mir ebenso sinnlos, wie gefährlich und dem eigentlich Menschlichen wesensfremd. Weil es, konsequent betrieben, zu Vereinsamung, zu Gier nach Macht und Herrschaft und Überhöhung des Individualismus führen kann und führt, wie manches Beispiel aus dem realen Leben bereits belegt.

Mit der Folge, dass sich für viele Andere ihr Weg immer ungewisser werdend anfühlt oder tatsächlich wird. Und sich damit für so manchen die Angst vor dem Leben, die Lebensangst, vergrößert.

Das alles sehe ich. Das alles weiß ich. Glaube ich zu wissen.

Und ich gehe dich weiter und also nun ein bisschen besser zu wissen glaubend, warum ich nicht weiß und wohl nie wissen werde, wo du mich noch hinführst.

Du bist und bleibst ungewiss.

Leben ist und bleibt Ungewissheit.

Vorsichtig setze ich den nächsten Schritt …

***

Ich habe ein Liebeslied gefunden. Für mich kein Beliebiges. Es ist eindringlich, es ist tief, es hat einen sehr schönen, sehr sinnigen Text. Es hat eine passende, klare, zugleich tragende, schöne Melodie, und es wird von einer ebensolchen Stimme gesungen, die einer jungen Sängerin gehört, die wie ich feststellen konnte, schon einige Jahre „unterwegs“, aber wohl nach wie vor nicht sehr bekannt ist.
Das schöne Liebeslied wird sich auf ihrem neuen Album finden, das Ende Januar erscheinen soll.

Ich stelle hier vor und teile:

Clara Louise – „Halt mich noch einmal“

Verse -65-

Vom Werden zum Sein zum Hoffen auf Bleiben

du begannst zu schreiben
und ich zu lesen
und zu sehen
zwischen deinen Zeilen:
dein Gesicht, deine Augen,
das, was du tatest,
und zu erspüren, zu erfühlen,
was und wie.

du begannst zu sprechen
und ich zu hören
und zu lauschen
zwischen deinen Worten:
deinem Klang, deiner Stimme,
dem, was du sagtest.
und zu erkennen, zu verstehen,
weshalb und warum gerade so.

du begannst, dich zu zeigen
und ich durfte
dich sehen
in deinen Welten,
deinem Bewegen und den Gesten.
dem, was du bist.
und nunmehr zu wissen,
wie tief unsre Freundschaft ist

nun ist es.
und beginnt immer wieder,
und das schenkt mir Hoffnung:
dass es bleibt,
dass sie bleibt,
dass du bleibst.

***

Das folgende Lied habe ich vor Jahren schon einmal geteilt. Es gehört zu jenen, die einen Platz in mir haben. Der Text ist so wunderbar – schöner kann man nicht schreiben. Mir ist das Lied immer näher gekommen, als ich meine Verse heute geschrieben habe. Beides lässt mich an jemanden denken, der einen sehr wichtigen Platz in meinem Leben eingenommen hat.

von Brücken – „Dann sammle ich Steine“

Tagebuchseite -767-

Wolkenbildphilosophie

Wolkenbilder gehören für mich zum Faszinierendsten. Sie sind in ihrer Vielfalt unendlich, und sie vermögen jede, aber auch jede, Schattierung zwischen Schwarz und Weiß an den Himmel zu zeichnen, und Figuren. Figuren in jeder nur erdenklichen Form. Kaum etwas ist unerschöpflicher als die Figurenfantasie der Wolken.

Ich liebe die weißen, durchscheinenden Federn, die manches Mal vor lichtem Blau dahinziehen. Ich mag die sich türmenden Berge, die sich wie aufgeschüttelte Federbetten oder sich plusterndes weißes Vogelvieh am Horizont auftürmen. Mich beeindrucken die dunkelgrau heranziehenden Wände, vor denen sich Blitze zuckende Schlachten liefern oder ein bunt schimmernder Regenbogen seine Brücke baut. Ich schaue ungläubig auf wabernde Knäuele unzähliger Fäden aus hellem und dunklem Grau, unterschiedlich stark, unterschiedlich lang, mitunter einem Rauch ähnelnd. Manchmal still am Himmel stehend, manchmal vor ihm dahin jagend. Vielleicht von Zeit zu Zeit ein Stückchen aufreißend, um einen Augenblick dahinter ruhenden Azurs freizugeben.

Still schaue ich auf das eiserne Bleigrau, dass nichts unterbricht, nichts aufhellt und das sich immer tiefer Richtung Erde zu senken scheint. Nichts lässt ahnen, dass auch dieses schwere Bleigrau nur Wolke ist.

Wenn ich an Seelen denke, dann stelle ich sie mir unweigerlich meistens als Wolken vor. Keine Seele ist nur schwarz oder weiß. So wie nichts nur schwarz oder weiß ist.

Aber ist jede einzelne Seele in ihrer Vielfalt, ihrer Wandelbarkeit, ihrer Fantasie von jener Unerschöpflichkeit, von jener Mannigfaltigkeit wie es die Wolken sind? Oder ist die einzelne Seele doch mehr oder weniger immer nur eines, entweder leichte weiße Feder oder schweres bleiernes Grau? Und nur die Summe aller Seelen ist so vielgestaltig und verschieden, wie es alle Wolken sind?

Sind Seelen und Wolken bei aller möglichen Ähnlichkeit überhaupt in einem eins oder einig? Spontan hätte ich auf diese Frage gerade mit den Worten „in ihrer Vergänglichkeit“ antworten wollen. Aber dann musste ich innehalten, weil ich so nicht antworten kann, nicht antworten mag. Denn, wenn ich an etwas ganz fest glauben möchte, dann an die Unvergänglichkeit von Seelen. Weil in einigen die schönste, die vollkommenste Schönheit verkörpert ist …

Sie sind für mich das Faszinierendste überhaupt. Leben seiende, mein Leben berührende Schönheit.

Ich schaue in den Himmel. Eisengrau ist er, bleiern, schwer. Sich niedersenkend, fast erdrückend. Auch mich. – So fühlt sich meine Seele an. Oft. Immer wieder. Aber nicht immer. Es gibt diese Momente der Brücken bauenden Regenbögen, der streichelnden, durchscheinenden Federn, des Lichtes von reinem Azur. Auch die der miteinander vor grauen Wänden fechtenden Blitze.

Meine Seele ist nicht nur der Zwilling eines einzigen Wolkenbildes. Auch wenn es manchmal so scheint, weil die einen Bilder dominierender sind als die anderen.

Ich glaube, ja, ich vertraue darauf, dass das für jeden Menschen so gilt. Dass seine Seele nicht nur einem Wolkenbild entspricht. Auch, wenn das hieße, dass eben auch keine Menschenseele ausschließlich Zwilling der hellen Wolken wäre. Darin läge Hoffnung und immer wieder neue Nahrung für neue Hoffnung. Die ich vor allem jenen Menschen wünsche, in denen das dunkle Wolkengrau die Seele dominiert oder einhüllt.

Irgendwann regnet es aus jeder Wolke. Und jede Wolke wird dadurch irgendwann wenigstens ein bisschen leichter, ein bisschen heller. Manchmal so leicht und hell, dass Sonnenlicht und Azurblau wahrnehmbar werden

Die Hoffnung ist somit berechtigt.

Wenn auch nicht auf die Beständigkeit so doch aber auf die Wiederkehr, die fortgesetzte Wiederkehr von Licht, von Leben, von Schönheit.

Wenn nur jede in grau gehüllte, von Grau bedrückte Seele die Bitte, trotz allem die Augen nie für immer zu schließen, annehmen könnte! Damit sie keine dieser wiederkehrenden Hoffnungen, Lichter und Schönheiten je verpasst.

***

Wieder einmal habe ich ein Lied gefunden, das es schon mehr als 1 1/2 Jahre gibt, das dennoch fast ungespielt und fast ungehört geblieben ist. Von einer deutschen Liedermacherin, die immer auf etwas besonderen Pfaden unterwegs ist. Jedes ihrer Lieder ist ein bisschen Überraschung. Dieses hier eine besonders schöne, passend zum kalendarischen Winterbeginn:

Anna Depenbusch – „Wieder Winter“

Tagebuchseite -766-

Über das Phänomen der Gefangenschaft in sich selbst

So viele sind gefangen. Hier, wo alles frei erscheint, wo ich immer wieder höre, dass ein jeder alle Möglichkeiten habe. Wo es alles hat, was ein Leben braucht, mindestens so, dass es auch für den Einzelnen in Würde zu leben, zu bestreiten, wäre. Wo Generationen, die noch einen Krieg erleben musste, im Aussterben begriffen sind.

Und doch sind so viele gefangen. Etliche im Alltag. Wie in einem Hamsterrad. Nicht unbescheiden viel vom Leben erwartend, aber das Hamsterrad auch nicht verlassen könnend. Manche in ihren Familien. Dort Leid erfahrend und ertragend. Sei es um der Kinder willen. Einige in einer Krankheit. Gefangen in der eigenen Seele, im eigenen Körper. Und schließlich und endlich in sich selbst.

Ich habe solche Menschen kennengelernt, solche in sich selbst Gefangenen. Ich war selbst so einer, und manchmal gerate ich immer noch in meine eigene Gefangenschaft.

Nach Schuld für das in sich selbst gefangen sein, möchte ich nicht fragen. Diese Frage und die möglichen Antworten sind allzu schnell stigmatisierend. Sie sind hier, wo alles frei erscheint, wo es augenscheinlich alles für ein lebenswertes Leben hat, wo Krieg zu einem Unbekannten geworden ist, so schnell gestellt und noch schneller „gefunden“. Zu schnell, oft, nach meinem Empfinden. Und noch schneller ist die Folgerung da: Jeder kann sich aus seinem Gefängnis befreien, mehr oder weniger, wenn er, wenn sie, nur will.

So einfach ist das.

So einfach ist das nicht.

Sehr vieles, was ich von derart gefangenen Menschen lese, spricht eine ganz andere Sprache. Die Sprache eines langen andauernden Leidens, mal gleichförmig schwer, mal sich wie in Wellen darstellend bzw. äußernd. Kleinen Höhen, Hoffnungsschimmern folgen wieder Tiefen und schwarze Finsternis.

Wenn ich dann höre oder lese: „Wenn Du nur wolltest, müsste das nicht so ein!“, dann werde ich sehr ärgerlich darüber. Denn das klingt so, als würden sich die so gefangenen Menschen letztlich doch selbst mit ihrer Gefangenschaft arrangieren.

Ich habe noch nie einen Menschen kennengelernt, in solcher Gefangenschaft, der das tatsächlich getan hat.

Statt dessen höre und lese ich von tiefer Verzweiflung, vom Bemühen, von Versuchen aufzustehen, ja, und dann doch wieder von Resignation. Und solange die Kraft reicht, beginnt dieser Kreislauf immer wieder von vorn. Weil diese Menschen immer wieder aufstehen wollen, heraus möchten aus jenem Kreislauf. Aber das Zurückkehren der Resignation nicht zu verhindern vermögen.

Die Ursachen dafür liegen nicht nur in dem einzelnen, betroffenen Menschen. Und seine Gefangenschaft und sein Unvermögen aus ihr ausbrechen zu können, sind keinesfalls vornehmlich eine Frage seines eigenen (Un)willens. Und schon gar nicht sind sie ein „Luxusproblem“.

Ein gefangen Sein in sich selbst hat IMMER auch soziogenetische, sozioevolutionäre und also gesellschaftliche Ursachen. Und ebenso, die großen Schwierigkeiten, das an die Grenze des Unvermögens führen könnende Bestreben, sich aus dieser Gefangenschaft befreien zu wollen. Ob bzw. wie sehr die Gefangenschaft einen einzelnen Menschen betrifft, hängt ganz sicher auch von seiner eigenen Konstitution, vor allem seiner charakterlichen und seelischen ab. Aber auch diese ist letztlich nicht allein durch ihn die, die sie ist.

Wenn ich in sich gefangenen Menschen begegne, wenn ich von ihnen höre, am meisten, wenn ich von ihnen lesen, fühle ich mich grundsätzlich sehr hilflos. Wissend, dass ich die Welt und generell auch einen einzelnen Menschen nicht zu retten vermag, spüre ich, dass selbst Hilfe durch mich ganz schwer als solche, also wirklich HELFEND seiend, zu leisten ist.

Ich bin zu klein, zu schwach, zu wenig GESELLSCHAFT. Sozioevolution richtet sich nicht nach mir und ist von mir allein auch nicht beeinflussbar. (Abgesehen davon, dass eine tatsächliche Beeinflussung und Veränderung eine sehr mühevolle und langfristige Angelegenheit wäre.)

Ich weiß, dass Menschen, die mir helfen möchten, oft ebenso empfinden. Und, dass es deshalb nur allzu natürlich und verständlich ist, dass sich dann und wann und vielleicht auch irgendwann einmal unabänderlich, bei ihnen, auf dieser Ebene, Resignation einstellt. Und sie am Ende so womöglich geschützt sind davor, auch noch in eigene Gefangenschaft zu geraten.

Ich möchte und werde weiter Menschen kennenlernen, die in sich gefangen sind, von ihnen hören, von ihnen lesen. Und ich möchte und werde mich ihnen zeigen, so oft ich glaube, das selbst noch und immer wieder schaffen zu können. Und, wenn ich tatsächlich so gar nicht zu helfen vermag, dann immerhin, um zu zeigen, dass ich DA bin, dass mich keine Gefangenschaft kalt lässt, und dass ich keine Schuld zuschreibe, wo keine Schuld ist. Nicht an der Gefangenschaft und nicht am (Un)vermögen aus ihr ausbrechen zu können.

Wenigstens das!

***

Flower Face – „Angela“

Tagebuchseite -765-

Von einem guten aber (noch) spaltenden Trend

Es gibt diese Menschen, im realen Leben wie im virtuellen, die alles richtig machen und wissen, wie es richtig ist.

Ja, tatsächlich. Sie sind einfach unfehlbar.

Nicht, dass sie das selbst von sich sagen würden. Oh nein. Jedenfalls nicht direkt. Sie bringen es dadurch zum Ausdruck, dass sie ihren Mitmenschen mitteilen, was diese alles nicht richtig machen. Oder es sie auch „nur“ spüren lassen. Das ist dann ein bisschen subtiler und also besonders beliebt.

In Gesprächen oder im schriftlichen Austausch geben sie sich grundsätzlich freundlich und rücksichtsvoll. So sehr, dass sie das aus ihrer Sicht kritikwürdige Gegenüber nicht einmal direkt ansprechen, sondern „ganz allgemein“ darüber fabulieren, was wo und wie alles eigenartig, seltsam, nicht wirklich nachvollziehbar sei. In der dritten Person Konjunktiv sozusagen.

Und davon reden, dass sie nie be- oder gar verurteilen würden, aber genau das in dem Augenblicke praktizieren in dem sie es verbal verneinen.

Und dann setzen sie noch eins drauf. Indem sie betonen, dass sie solcherart indirekte Kritik an SICH, die so versteckt und nicht offen daherkommt, sehr wohl und sogleich bemerken würden, freilich ohne, dass man das in ihrem Minenspiel auch nur ansatzweise erahnen könne. Sie wären da ganz souverän. Würden freundlich bleiben. Nichts würden sie sich anmerken lassen.

Natürlich nicht, unfehlbar wie sie nun einmal sind. Niemand kennt sie niemand wirklich. Dass das so ist und so bleibt, dafür sorgen sie, in dem sie sich schön bedeckt halten oder aber Stein und Bein leugnen, was für ihre Mitmenschen doch recht offensichtlich ist. Und zwar nicht nur für einen. Freundlich lächelnd, versteht sich, freundlich und erhaben.

Und genauso echauffieren sie sich auch. Wohl formuliert, so dass man auch, wenn sie es nicht sehenden Auges sondern schriftlich tun, ihre Freundlichkeit nicht übersieht. Und in der dritten Person Konjunktiv, dass lässt einen selbst unangreifbar bleiben. Und es verleiht Deckung.

Einen Grund sich zu echauffieren, sehen diese Menschen immer wieder vor allem darin, dass andere Menschen über bestimmte Dinge wiederholt oder gar regelmäßig in einer gewissen Öffentlichkeit reden. Zum Beispiel über ungeschönt Persönliches, wie ihre Akne-Narben, Ihre Orangenhaut, ihre Menstruationsbeschwerden, ihre Inkontinenz oder Zeugungsunfähigkeit. Oder über ihre Erkrankungen oder gar Behinderungen physischer oder auch psychischer Art und ihre damit einhergehenden Befindlichkeiten.

Eine junge Autorin (mit Namen Laura Patz) hat vor wenigen Wochen in einer größeren deutschen Tageszeitung unter der Rubrik „Klartext“ dazu geschrieben: „Wer diesen Schritt wagt, muss allerdings mit härterer Kritik rechnen als bei jeder Produktplatzierung. Dabei könnte Enttabuisierung alltäglicher Themen so maßgeblich angekurbelt werden.“

Das meine ich auch. Und deshalb finde ich Meinungsäußerungen, Diskussionen, Erfahrungsaustausche zu persönlichen Themen, wie den genannten, im öffentlichen Raum und also auch im Worldwideweb weder deplatziert, noch störend oder gar despektierlich. Ganz im Gegenteil.

Finden solche Äußerungen und Austausche mit hinreichender Anonymisierung und im Wissen darum, dass sehr grundsätzlich niemand der Rezipienten etwa ein Facharzt oder Therapeut ist, statt, dann können sie neben einem Beitrag zur Enttabuisierung noch viel mehr leisten und sein. Sie können Betroffenen Unterstützung sein, Zuversicht spenden, Kraft vermitteln. Sie können dem oft „Wissen“ gewordenen Gefühl allein da zustehen mit seinen Problemen und Besonderheiten ein Korrektiv werden, dazu beitragen, Schritte aus Vereinsamung zu erleichtern, vielleicht sogar die eine oder andere Freundschaft entstehen lassen.

Das, was in der realen Welt gerade Menschen, so schwer möglich ist, weil sie dort keine Anonymität bewahren können. Und deshalb dort eine Öffnung ungleich schwieriger ist.

Vor allem jene Menschen nun, die alles richtig machen und die wissen, wie es richtig ist, die stärker waren oder sind, sehen in der Tendenz, dass immer mehr Menschen mit Beeinträchtigungen, mit psychischen oder körperlichen Problemen, mit seelischen Konflikten oder Störungen im Essverhalten, sich in der Netzwelt öffnen, über ihre Befindlichkeiten schreiben, mehr oder weniger auch mit der Hoffnung auf gleichermaßen oder ähnlich Betroffene oder Menschen, die bereit sind Verständnis und Bereitschaft zu verstehen aufzubringen, einen ihnen suspekten, wenn nicht sie sogar belästigenden Trend.

Und be- oder gar verurteilen damit schon wieder. Verstärkt bisweilen noch dadurch, dass sie jenen Menschen, die sich in der Netzwelt öffnen und vor allem jenen, die sich ihnen zuwenden, im Zweifel schon mal ihre Aufrichtigkeit in Zweifel stellen oder mutmaßen, dass sie ja doch nur auf Followerjagd seien.

Warum boykottieren diese Leute entsprechende Einträge eigentlich nicht einfach?

Die oben von mir schon erwähnte junge Autorin beendete ihren kleinen Aufsatz freilich mit den nachfolgenden Worten:

“ … Erfahrungsberichte und das offene Ansprechen schwieriger Themen (sind) ausnahmsweise ein viraler Trend, dessen Boykott nicht lohnt.“ „Endlich mal ein guter Netz-Trend“, findet sie.

Ich finde das auch und obendrein sehr schön eindeutig und doch niemanden angreifend oder gar verletzend formuliert. Auch und gerade, die, die alles richtig machen und richtig wissen, nicht.

Das ist mal wirklich souverän.

***

Beach House – „Space Song“

Sammelsurium -102- (Fünf Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Neben einigen kleinen und sicher durchaus wieder streitbaren „Erkenntnissen“ meiner Gedankenreisen, findet sich in diesen Sammelsurium zum dritten Male ein „Schnipsel“. Es ist ein anderer als die vorigen beiden. Ich habe ihn so, ganz ähnlich, schon einmal anderswo geschrieben, als Reaktion, als Kommentar auf eine Inspiration, die mir in einem anderen Blog durch die Fotografie einer Ruine gegeben wurde. – Ich möchte auch einige solcher Texte (für mich) bewahren und so findet sich jener da unten nun hier als erster seiner Art in dieser Rubrik. – Zuerst aber meine neuesten „Sprüchlein“:

Jeder Mensch glaubt an etwas, hat eine Hoffnung. Ob er das nun zugibt oder nicht.

*

Wege, die ein Herz ersinnt, die es beschreitet, die es durchsteht, können so vieles sein. Fast alles! Nur eines nicht: langweilig.

*

Wer sich beständig bewusst macht, dass jeden einzelnen Augenblick ALLES geschieht, was zweifellos Tatsache ist, der ist auf dem sicheren Wege krank zu werden. Oder es schon zu sein.

*

Man zerbricht nicht am Leben. Man zerbricht immer an Menschen.

*

Risiko und Sicherheit schließen einander aus. Ist etwas riskant, ist es nicht wirklich sicher. Ist etwas wirklich sicher, ist es nicht riskant. „Kalkulierbares Risiko“ ist allerhöchstens ein Wunsch.

**

Schnipsel (3)

Über Ruinen

Ich würde Ruinen gern zuhören, wenn sie erzählen könnten. Auch, wenn jede, ihr Anblick, zunächst einmal Verfall repräsentiert.

Ich stelle mir vor und wünsche mir oft, dass sie authentischer erzählen und berichten würden und könnten als jeder Geschichtsschreiber in menschlicher Gestalt, denn sie sind niemandem verpflichtet. So wie auch große alte Bäume nicht.

Ruinen oder Bilder von ihnen tragen früher oder später stets sichtbare Hoffnung in sich. Was anderes dokumentiert das noch etwas unentschlossene wilde Grün, das aus Mauerritzen sprießt oder beginnt, den zerbröselten Steinboden zu überziehen, denn als den Sieg der Natur über alles, was zerstört wurde, was verfallen ist?!

Die Natur holt sich alles wieder zurück.

Solange, wie wir Menschen die Erde als Planeten BESONDERS sein lassen. Wird er einst zur Ruine, wird es freilich niemanden mehr geben, der ihm zuhören könnte. Und Grün wäre dann obsolet, eine Karikatur seines selbst.

***

Es ist nicht zum ersten Mal, dass ich ein Lied von Susie Suh hier teile. Ich habe sie sehr mögen gelernt, weil alles, was sie vorträgt, Poesie in sich trägt. Poesie der Stimme und Poesie des Textes. Nie belanglos oder beliebig, immer berührend und immer inspirierend. Nie darauf angewiesen, laut zu sein …

Susie Suh – „Feather in the wind“

Tagebuchseite -764-

Über meinen aktuellen Alltag und das, was ich nicht brauche

Ich sehe das verweinte Gesicht einer Frau. Einer Frau, die ich kenne. Die Zeit mit mir teilt, über Stunden in ein und demselben Gebäude, obwohl wir uns kaum sehen. Es ist bereits das zweite Mal in dieser Woche, dass sie geweint hat. Sie schaut für einen Wimpernschlag das Verständnis in meinen Augen, kann aber nicht stehen bleiben. Ich verstehe. Sie müsste dann sofort wieder weinen.

Ich möchte gar nichts hören. Weil ich schon weiß. Weiß, dass sie Verletzungen mit sich trägt. Weiß, von wem die Verletzungen sind. Und ahne, fast auch schon weiß, dass es nicht die letzten gewesen sein werden. Und weiß, dass sie, diese emsige, fleißige Frau, bleiben wird. Zu welchem Lohn auch immer …

Ich spüre die Unruhe, die Hektik. Dies stimmt nicht und Jenes nicht. Und es ist zu viel da und dort und auch hier. Ich aber kann nichts tun, obwohl ich es möchte. Und auch schon angeboten habe. Aber das ist egal. Es wird überhört. Weil ich es nicht richtig machen würde, es gar nicht richtig machen kann, egal was und wie ich es täte. Und tue. Nichts ist „richtig“. Jedenfalls gibt es nie ein anerkennendes Wort. Nie.

Ich schäme mich dennoch. Weil ich jetzt nach Hause gehe. Obwohl es da und dort und hier zu viel ist. Ich habe das selbst so entschieden. Und es muss hingenommen werden. Und das wird es auch. Trotzdem empfinde ich Scham. Aus welchem Grund auch immer …

Ich sehe einen Auftrag vor mir, einen großen, anspruchsvollen. Keinen, den ich freiwillig übernehmen würde. Den ich aber wohl ausführen muss, weil einer, der etwas zu sagen hat, meint, ich KÖNNTE das. Andere, die auch etwas zu sagen haben, sehen das nicht so. So sehe ich mich zwischen Stühlen sitzen. Es dauert noch mehr als zwei Wochen, bis der Startschuss fallen wird, bis ich möglicherweise etwas entwickeln muss, was ich nicht wirklich mittrage und was ich womöglich am Ende für die Tonne schreibe. So wie die letzten beiden Male.

Ich bin schon jetzt so angespannt, so aufgeregt deswegen. Und wegen dem verweinten Gesicht der Frau. Und weil ich spüre, dass dort und da und hier alles zu viel ist. Weil ich nichts richtig machen kann und weil ich mich schon wieder schäme.

Ziellos ist mein Weg. Ich sehe meine Schritte dahineilen. Wohin, das wissen sie nicht. Da wo ich sie jetzt vernehme, wollte ich gar nicht hin.

Menschen begegnen mir, gehen an mir vorüber, hinter mir her, bleiben zurück oder überholen mich. Gehetzte Gesichter, weinende, besorgte, ausdruckslose. Nur ganz wenige, die lächeln.

Im Vorübergehen gewahre ich die weit geöffnete Tür eine Supermarktes. Aufsteller und Anschläge von Werbetafeln laden mich ein, doch einzutreten, mir diesen und jenen Wunsch zu erfüllen. Manchen zu einem Preis, den ich so günstig anderswo nicht finden werde.

Und jemand aus einem Radiolautsprecher tönt, dass ich eine Hörprämie bekommen könnte, wenn ich nur einen Tag lang dem einen Sender lauschen und schön aufpassen würde, jede Stunde, wenn eine Zeit und eine Summe genannt würden, die könnte ich einen Tag lang sammeln …

Ich habe keinen Wunsch. Keinen, den ich mir mit welchem Griff in welches Supermarktregal auch immer „erfüllen“ könnte. Zu welchem Preis auch immer …

Und ich brauche keine Hörprämie. Und keinen Superkredit und kein neues Auto. Ich brauche keine Weltreise und kein Haus. Keine Weihnachtsgeschenke und keinen Kreuzfahrturlaub. Keine neuen Klamotten und kein Candle-Light-Dinner.

Was ich brauche, behalte ich für mich. Es passt nicht in dieses und gehört nicht zu diesem Alltagsleben.

Es ist das, was ich wirklich brauche zum Leben. Und das ist so was ganz und gar anderes.

***

Das Lied, das ich an dieser Stelle teile, ist ein ganz altes. Das hört man auch. Ich habe es tatsächlich -zig Jahre lang nicht mehr gehört, es vor ein paar Tagen wiedergefunden, und als ich es nun wieder hörte, den Refrain, da bekam ich eine Gänsehaut. Gesungen wird es von der Schauspielerin und Sängerin Maria Bill, die 1948 in der Schweiz geboren, aufgewachsen und ausgebildet, Mitte der 1970er Jahre nach Österreich ging.

Das Lied ist 1983 aufgenommen worden, war seinerzeit als Werk des „Austropop“ sehr bekannt und beliebt. Heute ist es (fast) vergessen. – Ich trage in diesen Tagen wieder einmal ganz besonders jenen Wunsch in mir, der den Refrain des Liedes einleitet: „Ich möcht‘ so gern landen.“

Maria Bill – „I mecht landen“

 

Stille (Sentenzen -38-)

Stille kann so laut sein. Oder unheimlich. Oder einhüllend. Entspannend. Beängstigend. Beruhigend. Traurig machend. Kraft spendend.

Das eine Mal dies, das andere Mal das. Mitunter Mehreres, manchmal Alles.

Manchmal wünsche ich mir Stille und dann wieder, dass es doch bitte nicht so still sein solle. – Ist es nicht mit Vielem so, dass man es sich einmal herbei- und dann doch wieder fortwünscht?

Wohl, aber mit der Stille hat es doch eine besondere Bewandtnis. Für mich.

Grundsätzlich liebe ich die Stille. Liebe ruhige Orte und Menschen. Stille lässt mich ankommen. Und ankommen können, heißt fühlen können. Stille, Ruhe, gedämpfte Laute und Klänge von Orten und Menschen führen meine Empfindsamkeit zum Spüren von Schönem. Zum Leben in seiner wundervollsten Offenbarung. Für mich. Entspannend, Kraft spendend, Heimat schenkend. Nie fühle ich mich weniger einsam als in solchen Augenblicken.

Schöne Stille ist nur manchmal die, in der ich allein bin.

Eine andere Stille ist die, in die ich fliehe, weil ich getrieben werde oder mich getrieben fühle. Diese Stille hüllt mich zunächst immer ein. Solange ich in ihr ankomme. So lange ist sie wie ein Mantel, der mich wärmen und schützen will. Ich kauere mich in sie hinein, mit angezogenen Knien, und das Zirkulieren der eigenen Wärme wird mir nach und nach bewusst. Aber diese Stille, in der ich nach Flucht verharre, ist zwiespältig, zweischneidig.

Oft lässt sie mich einsam werden in sich und traurig. Das macht das wiederholte „Flucht erleben“. Das Empfinden, wieder einmal zu schwach gewesen zu sein.

Und oft macht sie mir auch Angst. Bisweilen sogleich, mitunter auch erst in ihrem Verlauf. Dann, wenn sie laut wird. Durch die Stimme in mir, die mich ausfragt, mich zu belehren sucht, die die Geduld mit mir verliert, so sehr, dass sie mich manchmal gar Abgründe sehen lässt.

Aus dieser Stille finde ich meist nur langsam wieder heraus. Bislang ist es noch immer gelungen. Wenn Menschen da sind, die mich aus ihr abholen mögen, wenn sie kommen oder ich es schaffe zu ihnen zu gehen, dann hilft das. Aber es kommen nur wenige Menschen dafür infrage.

Dauerhaft ist sowohl das Genießen, wie auch das Ertragen von Stille an Menschen gebunden. MUSS es sein. Denn ihr Genuss wird zur Trauer, ihr Ertragen zur Gefahr, wenn das beständig nicht so ist. Dann führt Stille in Einsamkeit. Beständige Einsamkeit aber bedeutet zu sterben.

***

Ein Lied, das von sich selber „weiß“, dass man es nie im Radio spielen und dass man es nie in einer TV-Show singen wird. Ein stilles Lied also, für Zeiten der Stille …:

Molly Nilsson – „A song they wan’t be playing on the radio“

Tagebuchseite -763-

Von einem Spaziergang und der „vergessenen“ 7

Ich bin dann doch losgegangen. Allein. Wieder allein, auch an diesem Sonntag.

Was ich dann sah und spürte war eine unglaubliche Herbstepisode für eine Zeit, die schon so weit im November liegt.

*

Es gibt noch so viele Farben! Gelbgoldenes Herbstlaub, das manche Bäume noch tragen und durch das die Sonne seine Strahlen hindurch sandte. Eine bemerkenswert kräftige Sonne, durch jedes einzelne schon hauchzart gewordene Blatt scheinend. Und Äpfel hatte es an manchem Baum, in den Gärten und davor und daneben. Grünliche und welche in Orange, Gelbe und rötlich gefärbte, und manche alle Farben seiend. Die rötesten im Wettbewerb um das kräftigste Rot mit auch immer noch an manchem Strauch befindlichen Hagebutten. Weiter hinten hatte es das tiefe Dunkelgrün der Nadelbäume, die am Rande des Friedhofes stehen.

Auch ein paar letzte Ebereschenbeeren wurde ich gewahr, und recht viele dunkelblaue und doch leicht „bereift“ ausschauende Schlehen, die schon auf den Frost warten, damit sie süßer werden.

Ob es im bevorstehenden Winter überhaupt Frost geben wird?

Über allem ein feinazurblauer Himmel durchzogen von weißen Federwolken …

Auf einem der ersten Gartenwege, die ich beschritt, begegnete mir ein gerade mal halbwüchsiges, grau getigertes Kätzchen mit einem kleinen weißen Brustfleck und ebenso weißen Pfötchen. Erst schaute die kleine Gesellin ein bisschen scheu zu mir hoch. Ich flüsterte leis‘ zu ihr, begab mich in die Hocke und ließ so wohl die Neugier der Katzenmademoiselle siegen. Sie ließ sich durch ihr ganz weiches Fell streicheln und schnurrte um meine Beine herum. Das ging eine ganze Weile so, bis ich dann schließlich weiter wollte. Aber nun folgte mir der kleine Tiger. Mir fiel es schwer, meine Schritte zu beschleunigen, denn am liebsten hätte ich das niedliche Tierchen mit mir genommen. Als das schlaue „Mädchen“ gewahr wurde, dass ich schneller ging, blieb es schließlich zurück …

Später waren dann vor allem immer wieder Kohlmeisen meine Begleiter. Ein bisschen miteinander zwitschernd hüpften sie von Zweig zu Zweig an manchem Baum, manche ein bisschen auf mich schauend, so schien es mir. „Diese sich mühsam auf zwei Beinen fortbewegenden Erdenmitbewohner“ meinte ich die eine oder andere zu hören …

Neben der Zwiesprache mit der Natur, dem Kätzchen und den Vögeln, redete ich im Verlaufe auch ein bisschen mit mir selbst. In Gedanken freilich. Und also nachdenkend. Wie immer. Es war und blieb ein ruhiges Nachdenken. Von meinem Spaziergang ausgehend führte es mich fort zu anderen Dingen, die ich auch allein tue. Einige davon habe ich erst während der letzten Jahre „erlernt“, erlernt, sie bewusst allein zu tun. Und gelangte so plötzlich zu meinem Blogtagebuch.

Mein Blogtagebuch war das erste in dieser Reihe der Dinge, die ich bewusst allein tue. Und ich bemerkte plötzlich, dass ich es schon seit über sieben Jahren schreibe. Den „siebenten Geburtstag“ meines Tagebuchs habe ich freilich gar nicht registriert. Erst beim Nachsehen, später, wieder daheim, fand ich, dass das der 13. September gewesen ist. Ich las meinen allerersten Eintrag noch einmal. Da stand und steht unter anderem zu lesen:

Mein allererster Blog beginnt zu leben. Noch sehr unfertig. Aber es ist nicht mein Bestreben, ihn je „fertig“ zu stellen. Soll er sich entwickeln, sich verändern, mag er immer ein wenig unfertig bleiben. So werden, er und ich, uns einander immer ähnlich sein, uns, miteinander lebend, ineinander spiegeln.

Wie merkwürdig wahr geworden ist, was ich damals geschrieben habe …
Und was und wie viel ich seither geschrieben habe …

Geschichten des Alltags sind darunter, thematische Essays, Gedichte, Gedanken, die sich mit so unendlich vielen Themen, Sachverhalten, Nachdenklichkeiten beschäftigt haben, die Aussagen und Überlegungen anderer Menschen zum Gegenstande hatten, immer wieder und sehr häufig aber vor allem meine eigenen. Im Laufe der Zeit haben, wie ich wohl bemerkt habe, die eher schwermütigen Selbstreflexionen und -verarbeitungen darunter zugenommen.

So hatte es eigentlich nicht kommen sollen. So ist es aber geworden. Und konnte wohl nicht anders geworden sein, weil ich unverändert zuvorderst doch für mich schreibe.

Nun also schon über sieben Jahre lang. Und mein Tagebuch hat sein „verflixtes“ siebentes Jahr also nun gar überstanden, ohne dass es mir aufgefallen ist als es so weit war.

Was ich ganz und gar nicht vermutet habe, ist, dass mein Tagebuch und ich im Laufe der Zeit durch so viele Menschen begleitet werden würde. Einige haben über eine bestimmte Zeit mitgelesen und die eine oder andere Frage oder Meinung da gelassen. Sie sind gekommen und irgendwann waren sie wieder fort. Ein paar davon habe ich dennoch nicht vergessen und ich werde das auch nie tun. Für „besondere“ darunter bitte ich unverändert jeden Abend …

Einige sind später nach und nach auf meine Tagebuchseiten gestoßen. Von diesen begleiten mich aktuell noch viele, manche sehr aktiv und sogar mit oft interessanten, bereichernden, anregenden und manchmal auch „einfach nur“ wunderschönen Gedanken.

Der Austausch mit ihnen gibt meinem Tagebuch eine Dimension, die ich längst als einen besonderen Wert schätze:

Ich schreibe allein. Aber ich BIN nicht allein!

Ein Mensch liest mein Tagebuch schon fast so lange, wie ich es schreibe UND begleitet mich dabei. Die Begegnung mit diesem Menschen hier in der Blogwelt dürfte in diesen Tagen auch siebenjähriges Bestehen feiern. Und diese 7 möchte ich auf gar keinen Fall vergessen:

Dankeschön also, liebes „Fräulein Klitzeklein“, für Deine Treue, für Deine schon so vielen, in vielfältigster Weise wertvollen Gedanken, für Dein beständiges Interesse und Deine Geduld mit mir. Ich ahne, dass sie noch länger währen wird. 😉 – Es ist schön, dass Du da bist. Ich kann und mag Dich gar nicht wegdenken …

Ebenso wunderbar und eigentlich noch ein Stück unglaublicher ist, dass ich im Laufe der sieben Jahre meines Schreibens, durch mein Schreiben hier, sogar Freundschaften gefunden habe, die keine virtuellen geblieben sind. Neben solchen, die mehr oder weniger lange via Brief, Mail oder auch Telefon eine Vertiefung erfahren haben, sind zwei darunter, die tatsächlich real geworden sind. Und sie sind, jede für sich, jede auf ihre besondere Weise, etwas, was ich zuvor so noch nie gefunden habe.

Jeder der beiden Menschen, die für die jeweilige Freundschaft stehen, werden wissen, dass ich sie meine, während ich das hier schreibe, denn nur sie sind es, die mich real kennen. Es braucht also hier keine Namen. Es braucht aber, weil ich das unbedingt so möchte zwei ganz große ❤ ❤ , die all das ausdrücken, was ich für diese beiden Menschen empfinde, vor allem eine tiefe Dankbarkeit.

*

Ich bin also losgegangen. Allein. Ob es ein Sonntag war, weiß ich nicht mehr. Und es war nicht November, aber der Herbst begann.

Mein Spaziergang heute war, obwohl allein unternommen, ein guter. Er war es, weil mir bewusst geworden ist, vor allem als ich mich dann an die 7 erinnerte, dass selbst im Herbst nicht alles stirbt. Vor sieben Jahren wurde mein Blogtagebuch geboren. Von mir allein. Und dann Freundschaften gar, von denen ich damals so gar nichts ahnte …

***

Es ist immer wieder unfassbar, wie viel wunderbare Musik ungehört bleibt oder ganz schnell wieder im Nirvana der Unendlichkeit des so vielen Unbemerkten verschwindet. Das nachfolgende Lied ist wohl so eins. Zumindest, wenn man das Hörverhalten auf einschlägigen Portalen zur Grundlage nimmt, dann ist dieses Lied ein nahezu Unbemerktes. Dabei ist es so schön. Ein toller Text interpretiert von einer Sängerin mit einer zugleich kristallklaren und sehr warmen Stimme, die einer Melodie zu einem Klang verhilft, den wenigstens ICH nie mehr vergessen werde.

Ich möchte gerade dieses, (noch?) so unbekannte Lied sehr gern teilen, quasi nachträglich zum „7.“

Kendy Gable – „North Woods“

Tagebuchseite -762-

Klangwellenreise – Von meiner Rückkehr ins Berlin von Anfang Oktober

Klangwellen. Wunderschöne Wellen, die auf ihrem Weg, die Welt zu durchstreifen, mich berühren. Sie streichen durch mein Haar, machen meine Haut leise fröstelnd, dringen sacht in meine Seele, lassen mein Herz ein bisschen schneller schlagen.

Die Schwingungen gehen aus mir heraus auf die Reise. Sie fangen Bilder ein von vorbeifahrender Landschaft, von langsam Herbst werdender Natur, vielfarbig und manchmal noch angenehm wärmend.

Sie erreichen eine junge Wohnung, in der gerade ein neues Leben geboren worden ist. Ein sanftes, unschuldiges Wesen, das von der Großstadtwelt, der lauten, unsteten, unruhigen da draußen, noch nichts kennt, außer dem unbeschreiblichen Gefühl tiefer Zufriedenheit in Geborgenheit. In den Augen seiner jungen Mutter steht ganz groß das Wort „glücklich“ geschrieben.

Die Schwingungen ziehen weiter und zeigen mir altbekannte, sehr vertraute Gesichter, und mich, der ich dem zuhöre, was sie sprechen und mich augenblicklich sehr daheim fühle. Daheim, egal, ob mich meine Schritte durch sehr unwirtliche, ja grausame Orte führen oder in die faszinierende Welt weiter Wälder und traumschöner Gärten, die durchflutet sind von atemberaubendem Licht, das bis in die Unendlichkeit reicht. Denn ich bin nicht allein dabei. Ich kann, ich darf teilen, was ich empfinde.

Da sind Umarmungen, das Blättern in raschelnden Bücherseiten, das kleine Geschenk, das ein Schatz sein muss, weil es von einem ganz besonderen Menschen kommt und in sich eine Geschichte birgt, die diesen Menschen sehr angesprochen hat und die er mit mir teilen möchte. Und da ist die Freude an einem Spiel unter Freunden und immer wieder, mal da, mal dort ein Hauch der Vielfalt einer Weltstadt, die, so groß und voller Menschen ist, mir aber jetzt gerade gar keine Angst macht.

Ich höre immer noch den Wellen zu, den schönen, dieses einen Liedes, das mich, mein Herz, auf dieser schönen Reise sein lässt.

Die mich nun in jenen Park führt, den ich zuvor noch nie gesehen hatte, ebenso wenig, wie jenen schönen Charakter, jene Heimat schenkende Ethik und Sprache, die mich darin begleitet, deren Augen mir die Wärme eines besonderen Herzens spenden und mich einige Male so ganz festhalten, so, dass die empfundene Seelenverwandtschaft materiell wird.

Während ich in den Zug steige, der mich zurückbringen wird, dorthin, wo ich wohne, arbeite, wo ich die meiste Zeit meines Daseins verbringe, verklingt die Musik.

Wenn nur Menschen da sind, mit denen ich meine Empfindungen wahrhaft teilen darf, die es vermögen mit mir zu fühlen, und ich das wiederum spüre! Dann wird es besser. Dann wird es gut.

Diese Menschen selbst sind Klangwellen.

Sie streichen durch mein Haar, machen meine Haut leise fröstelnd, dringen sacht in meine Seele, lassen mein Herz ein bisschen schneller schlagen …

***

Hier ist das Lied, das ich soeben erst entdeckt habe und das mich einfach mitgenommen hat auf die beschriebene Reise meiner Erinnerungen an die vielleicht schönste Woche, die ich in diesem Jahr verlebt habe.

Es ist wundervoll, dieses Lied, seine Melodie, seine Interpretation, sein Text:

Boo Seeka – „Does this last“

Tagebuchseite -761-

Von einer Antwort, die ich wohl nicht mehr finden werde

Nein, das wollte ich nie: Viel Platz einnehmen. Zu viel Platz womöglich. Gesehen werden, im Mittelpunkt stehen. Nein, das war mir nie wichtig.

In meinem ersten Leben habe ich dennoch einen Beruf gewählt, der mich genau dahin stellte: In die Mitte. Auf einen Platz, auf dem mich alle sehen konnten. Immer von Menschen umgeben, nicht nur von einer kleinen Gruppe. Und von mir wurde erwartet, ich musste vorgeben, mit Verantwortung für die Menschen, die da vor mir saßen, ein Stück weit für ihren weiteren Werdegang.

Wie oft habe ich da Blut und Wasser geschwitzt. Nach und nach habe ich ihn dann ein wenig besser verkraftet, diesen Teil meines Berufes, den ich so nicht gesehen, den ich für mich falsch eingeschätzt hatte. Das ging, weil ich noch jung war, ich Kräfte aus mir selbst heraus freizusetzen vermochte. Routine ist es dennoch nie geworden.

Aber es war dann auch schnell zu Ende. So schnell. Nach gut einem Jahr war es vorbei. Nicht von mir gewollt. Mein Land „wendete“ sich, wurde gewendet. Die Menschen wendeten sich, mehr oder weniger. Manche um 180°.

Ich bekam es in der Folge wieder mit Menschen zu tun, nicht vordergründig mit solchen aus dem neu gewordenen Land, in dem ich nun wohnte. Mit anderen, mit Fremden. Nun befand ich mich nicht mehr in so exponierter Position aber die Erwartungen an mich waren nicht kleiner geworden. Dafür anders, komplexer, vielschichtiger.

Ich nahm nun die Welt, die Menschen, ganz bewusst wichtig, viel bewusster und viel wichtiger als je zuvor. Stellte mich deshalb schließlich sogar wieder ab und zu vor Menschen, dorthin, wo mich viele sehen konnten. Immer wieder Blut und Wasser schwitzend. Selbst die zunehmende Gewissheit zu WISSEN, machte das nie besser. Ich spürte zwar manchmal schon, dass die Kräfte, die ich aus mir selbst heraus freizusetzen vermochte, weniger wurden. Aber ich bemerkte auch, dass ich weit entfernt war und blieb von der Gefahr, selbst je zu viel Platz einzunehmen. Und das tat mir gut …

… glaubte ich lange. Sehr lange, fast zweieinhalb Jahrzehnte. Zu lange …?!

Schließlich wurde ich krank. Es war keine Kraft mehr da. Und ich bekam gesagt, mich selbst wichtiger zu nehmen. Und Platz zu beanspruchen für mich.

Das fühlte sich ganz neu und auch fremd an, und ich ging Trippelschritte hin zu mir selbst. Nicht nur in mich selbst hinein. Ich hatte auch gesagt bekommen, dass meine Schritte zu mir selbst sichtbar werden müssten, nach außen, wahrgenommen werden von außen. Weil ich ja doch nicht in einem luftleeren Raum lebe.

Auch damit habe ich dann also irgendwann behutsam begonnen. Und denke auch, dass ich darin behutsam geblieben bin.

Aber ich spüre, ich fühle heute, dass davon, manchmal wenigstens, etwas ankommt. außen. Ich spüre es durch Reaktionen. Reaktionen zumeist freilich, die mich irritieren. – „Nimm dich selbst nicht immer so wichtig!“, „Übertreibst du jetzt nicht ein bisschen?“, „Du bist viel zu sehr mit dir selbst beschäftigt, LEBE lieber!“

Wie schafft man Platz für sich selbst? Was ist angemessen, was geht zu weit? Wie gehe ich damit um, wenn nahe stehende Menschen wenn nicht mit offenem Abwenden so doch mit wahrnehmbarem Unverständnis reagieren? Birgt die eigene Empfindsamkeit die Gefahr von Melodramatik in sich? Bin ich überhaupt in der Lage realistisch einzuschätzen, ob und wie (schlecht) ich mich gerade fühle?

Ich nehme mich gerade als sehr orientierungslos wahr. Vielleicht war ich sogar nie orientierungsloser, was mein ICH, mein SELBST, betrifft. Das ist durch ein zumindest in jüngerer Zeit stärker und stärker so gefühltes „immer sensibler werden“ zunehmend schlimmer geworden.

Wie viel Platz kann, wie viel Platz darf ich einnehmen. Wo ist mein Platz überhaupt? Der Platz an dem ich mit mir und an dem Menschen mit mir einvernehmlich miteinander leben können. So, dass es lebenswert ist und bleibt.

Ich weiß die Antwort heute weniger denn je. Und langsam befürchte ich, dass ich sie nie wissen werde.

***

Ein Lied, das davon erzählt, dass man schlussendlich immer noch sich selbst hat. Sich selbst zu haben, ist der kleinste mögliche Platz, den man einnehmen kann, den man wenigstens einnehmen sollte. Ihn nicht auch noch hergeben, auch nicht an sich selbst. So einfach ist das gar nicht, es ist sogar mächtig schwer …

Ein berührendes Lied. Und ein mich ebenfalls berührender Clip dazu:

CYN – „I’ll still have me“

Tagebuchseite -760-

Manchmal ist Liebe hinter grauen Himmeln

Als ich heute früh die Augen öffnete, wusste ich sofort, dass ich heute etwas suchen gehen müsste, wonach ich eigentlich nicht suchen sollen müsste. Denn, wenn ein Mensch das muss, dann ist etwas nicht in Ordnung. Was mich betrifft, weiß ich was nicht in Ordnung ist: Ich bin es nicht.

Ich bin es nicht, weil ich mal wieder nach Lebensfreude auf die Suche gehen muss, die mir irgendwann vor Tagen schon nach und nach einmal wieder so ziemlich komplett abhanden gekommen ist, so sehr, dass sogar ganz böse Albträume wieder regelmäßig zu meinen nächtlichen Besuchern werden und, dass selbst feine, sanfte Lichtstrahlen, die mich erreichen, so sehr blenden, dass ich sie kaum für wahr zu halten imstande bin.

Wie so oft schäme ich mich dafür, nicht lebensfroher zu sein. Ich, der ich in einem Land lebe, in dem ich satt zu essen, in dem ich ein Dach über dem Kopf und eine warme Wohnung habe, in dem Frieden herrscht, in dem es Menschen gibt, die mich wärmen, die zu mir stehen, mit denen ich sprechen und denen ich mich anvertrauen darf, immer und mit allem.

Ich weiß, wie unermesslich viel das ist, und ich bin in meinem Herzen zutiefst dankbar für all das, und für vieles mehr, was ich hier gar nicht alles aufschreiben kann.

Und ich weiß, dass es Menschen gibt, die stärker sind als ich, denen mein Gejammer, mein ewiger Weltschmerz so sehr auf die Nerven geht. Die sagen oder denken: ‚Geh‘ dahin, wo es Menschen wirklich schlecht geht, wo es Gründe hat zu jammern, triftige Gründe. Und tu dort was, wenn Du kannst, das hilft gegen das Jammern. Und wenn Du es nicht kannst, dann höre erst recht auf mit Deiner Jammerei. Höre überhaupt auf, zumal, wenn Du hier bist, bleibst, lebst. Du hast keinen Funken Recht zu jammern, begreif das endlich. Du selbst bist der Jammer!‘

So hart das klingt, so weh mit solche Worte tun, so sehr sind sie wohl wahr. Ich sollte womöglich wenigstens schweigen.

Nach außen hin versuche ich das, nach innen und hier auf meinen Tagebuchseiten vermag ich es nicht. Und gegenüber ganz wenigen Menschen bin ich auch wie ich bin, mit meinem Gejammer, weil ich es bei ihnen darf. Diese Menschen sind unvergleichlich, durch gar nichts aufzuwiegen, nicht einmal durch all die Liebe, die für sie in mir steckt.

Während ich das schreibe, und über das Geschriebene nachsinne, fällt mir etwas auf, etwas, was mir beim ersten Bemerken paradox erscheint:

Mir fällt auf, dass ich erst seitdem ich Bewusstheit darüber erlangt habe, dass ich an Depressionen leide, ganz bewusst bestrebt bin, Liebe zu leben. – Nicht, dass ich nicht zuvor auch schon versucht habe, anderen Menschen möglichst rücksichts- und verständnisvoll zu begegnen, sie soweit als möglich anzunehmen, wie sie sind. Aber die Qualität, das Ausmaß, das wirkliche Bestreben, sind anders, sind mehr, sind existenzieller, ja, sind erst mit dem Erreichen dieser Bewusstheit tatsächlich und ausschließlich lebenssinnstiftend geworden für mich. Das eigentlich Wichtige!

Ich glaube, dass in dem Maße, wie ich zu empfinden vermag, Liebe zu leben, vor allem für andere Menschen, für das, wodurch und worin sie sich äußern und darüber hinaus für die Natur, das Maß meines Empfindens von Lebensfreude begründet liegt.

Da hätte ich womöglich die Quelle dessen gefunden, was ich suche. – Und wohl auch den Grund dafür, weshalb mir die Lebensfreude doch immer wieder abhandenkommt.

Er liegt darin, dass ich wahrlich nicht immer zu spüren, zu ergründen vermag, dass ich Liebe lebe. So viele Menschen, so vieles, worin sich menschliches Denken und Tun äußert und manches Mal auch ich selbst, machen mir das sehr schwer. Weil ich nicht alles anzunehmen vermag. Etliches, vieles nicht. Aber was ich nicht annehmen kann, kann ich auch nicht lieben …

So bleibt meine Liebe stets unvollkommen und klein. Und, dann, wenn mir das besonders bewusst wird, werde ich traurig. Und beides, das Bewusstwerden und das Traurig sein tun weh. Und enden oft, sehr oft in dem, was ich Gejammere genannt habe, weiter oben.

Nun schaue ich nach draußen. Der Himmel ist nicht weniger grau als der von gestern und der von heute Morgen. Bis eben dachte ich, dass er passt zu mir, meiner Stimmung gerade. Nun stelle ich mir vor, dass er hier, hier bei mir, vor meinem Fenster, grau ist, damit die Sonne anderswo scheint. Und dafür und deshalb kann ich ihn lieben, den grauen Himmel.

Das war nicht schwer, ich werde mich von nun an daran erinnern können. – Aber so leicht ist es nicht mit allem. Vieles ist grau, bleibt grau. Das alles zwei Seiten hat, ist nicht wahr.

Das weiß ich zu gut, als dass mich die „Konzentration auf etwas Leichtes, Fröhliches, Unbeschwertes“, die mir schon häufiger und wiederholt empfohlen wurde und wird, weniger häufig und weniger tief in Schwermut fallen ließe.

Das Gefühl, mir etwas vormachen zu sollen oder zu müssen, damit es mir „besser“ ginge, macht nichts anders, nichts besser. Im Gegenteil.

So lese ich derzeit auch ein Buch, dass wohl gemeinhin als kein „Leichtes“ gelten wird. Ich liebe es aber, weil die Geschichte darin, mir nichts vormacht. Sie ist echt, sogar ganz und gar lebensecht, wurde so und nicht anders tatsächlich er- und gelebt. Ich liebe die Autorin, die in dieser Lebensgeschichte eine Hauptrolle spielt, ich liebe sie für den Mut, für die Kraft, die sie aufgebracht hat, dieses Buch zu schreiben. Ich liebe sie, für die Sprache, in der sie das getan hat. Und ich liebe sie für ihre Lebensleistung, die das Buch mir vermittelt. So unaufdringlich wie eindringlich, so demütig wie zutiefst berührend.

Und beginne mich wieder zu schämen und will noch mehr und nicht aufhörend nach jener Lebensfreude suchen, die aus Liebe geboren wird. Und nach allen nur irgend möglichen Wegen dorthin, die ich bislang noch nicht gefunden habe.

So wie vorhin den Weg durch den grauen Himmel hindurch.

***

Ein Lied, das viel von dem erzählt, wie es ist. Kein „leichtes“ (sic!) Lied …

Lizza – „Kopfsache“

 

Tagebuchseite -759-

Selbstgespräch (5) – … über die Einsamkeit

+ An so vielen Tagen denkst Du an Einsamkeit. Es sind mehr und mehr geworden mit der Zeit. Und das Denken, so sagst Du, kommt aus der Einsamkeit selbst, die Deinem Empfinden nach, auch mehr geworden ist. So wie sie Dir schwer ist, sind es auch Deine Gedanken daran. …

Hast Du Dich immer schon einsam gefühlt?

– Wann ich es bewusst zu fühlen begonnen habe, weiß ich nicht mehr genau. Aber ich kann mich daran erinnern, dass ich schon als Kind manchmal allein war. Meine Art zu spielen war eine andere als die der meisten anderen Kinder. Ich war zurückhaltend. Meine Fantasie erschuf sich eigene Welten. In denen lebte ich, spielte ich. Ich war darum aber nicht traurig.

Anders war es die ersten Jahre in der Schule. Ich hatte Angst vor dem riesigen Schulhof, mit den vielen lärmenden, rennenden, rempelnden Kindern und Jugendlichen. Während der ersten beiden Schuljahre stand ich immer ganz abseits. Es war mir zu viel und am liebsten wäre ich ganz weggelaufen.

Das mit dem bewussten Allein- oder Einsam fühlen begann später. Ich gehörte nicht zu den Jungen, die eine Freundin hatten. Dazu war ich viel zu schüchtern. Gewünscht habe ich mir schon öfter eine. Und zwei, drei Mädchen habe ich ganz still, nur in mir drin, wirklich lieb gehabt.

Später kam zu dieser Art Einsamkeit eine andere hinzu, eine Einsamkeit im Denken, im Charakter. Sie begann in den letzten Jahren der DDR und bekam mit der so genannten „Wende“ einen ganz gewaltigen Schub und eine Dimension, die seither mein Dasein stark prägt und bestimmt.

+ Ja, ich kann mich an diese Zeit und all die folgenden Jahre gut erinnern. Nach der „Wende“ lebtest Du fast zehn Jahre lang ganz und gar für Dich allein. Von den wenigen ehemaligen Freundschaften gingen die meisten dahin. Nur eine blieb Dir, die zu Deinem besten Studienkumpel. Wie hast Du diese Zeit überstanden?

– Von „Überstehen“ würde ich da nicht reden. Obwohl ich sehr, sehr viel allein war, obwohl es auch während dieser Zeit nie „ein Mädchen mal nur so“ gegeben hat. Und es oft sehr schwer für mich war. Weil kaum ein Mensch in meinem Umfeld mich wirklich verstand. Aber ich war irgendwie mit mir im Reinen. Ich begann zu finden, wo ich, was meinen Charakter, mein Denken betrifft, hingehöre. Es war für mich auch ein Gefühl der Befreiung, das herauszufinden, zu erkennen, welche Art von Naivität mich mein Leben in der DDR gelehrt hatte. Ich führte dazu seinerzeit einen sehr interessanten und anregenden Briefwechsel. Andererseits erkannte ich, dass das Land in dem ich nun lebte, auch nicht „meins“ war und es wohl auch nie werden würde.

+ Ich weiß, dass Du bis heute in keinem Land im klassischen Sinne angekommen bist. Dein Begriff von Heimat ist ein anderer. Du suchst Heimat in Menschen, in der Musik, der Literatur, der Kunst, der Natur, manchmal auch an oder in einem bestimmten Ort. Wie viel Heimat findest Du? Zu wenig? Ist das der Grund, warum du so stark und so viel Einsamkeit empfindest?

– Ich weiß es nicht. Etwas ist wohl dran. Denn die großen Ströme des Weltgeschehens, die bestimmenden Ausrichtungen der Art und Weise menschlichen Zusammenlebens und Umgangs miteinander, die meisten der gepriesenen und angestrebten Werte, sind nicht meine. Und nicht nur das. Ich vermag sie für mich nicht anzunehmen, ich möchte sie verändern. Aber ich bin dazu nicht in der Lage, und der Verweis auf das viele, was „im Kleinen“ möglich ist und was ich auch immer wieder probiere, tröstet, beruhigt und erfüllt mich nicht. Außerdem ist das Vertrauen auf „das Kleine“ zwiespältig, aber das ist ein anderes großes Thema.

Ansonsten ist es so, dass ich, vor allem in den Jahren nach meiner Erkrankung, immer einmal wieder Heimat gefunden habe und finde. Und manches Stück Heimat davon bislang auch bei mir geblieben ist. Das ist schön, und das ist es wohl, was mich überhaupt aufrecht, am Leben, hält. Manchmal aber ist diese Heimat dennoch weit. Ich muss dann in mein Herz gehen, sie zu finden. Gut, dass ich das kann – ich tue es oft, sehr bewusst. Aber da ich nicht WIRKLICH, nicht unmittelbar nah sein kann, bleibt das Einsamkeitsgefühl dennoch, neben dem Wissen, dem Spüren, dass ich doch ein bisschen Heimat habe.

+ Wenn ich Dir so zuhöre, dann fällt mir eines auf. Du hast Deine Familie bislang gar nicht erwähnt. Fühlst Du Dich oder bist Du ungeachtet der Familie, ich meine die, die Dich täglich unmittelbar umgibt, einsam? Ist sie Dir keine Heimat?

– Das ist wohl die persönlichste Frage, die Du mir im Rahmen unserer Selbstgespräche bisher gestellt hast. Sie ist für mich sehr schwer zu beantworten, auch, weil sie einen wunden Punkt berührt, über den ich selbst mit Dir, zumindest an diesem Ort, nicht sprechen kann. Aber das, was ich hier glaube sagen zu können, will ich Dir hier sagen:

Meine kleine Familie ist mir sehr Heimat. Das war immer so und das ist immer noch so. Aber, ich empfinde darin mehr Einsamkeit als früher. Ich denke, dass das mindestens zu einem großen Teil mit meiner Krankheit zu tun hat. Die ist nicht leicht zu (er)tragen, nicht nur für mich. Diese Krankheit hat mich verändert. Ich habe mich verändert. Es wäre nicht gerecht von mir, von meiner Familie mehr Aufmerksamkeit, mehr Hingabe, mehr Verständnis zu erbitten, als ich schon bekomme.

Ich habe mich aber nicht allein verändert, verändere mich nicht allein. Auch meine Familie tut das. Und es gibt da Veränderungen, denen ich nicht folgen kann oder mag, es sind manchmal auch Dinge, die mir ein bisschen weh tun.

Ich weiß, dass ich sehr, sehr sensibel, für „normale“ Umfelder übersensibel, bin. Und ich weiß, dass ich ungemein viel Verständnis bekomme, dass mein eigenes Verändern Richtungen eingeschlagen hat, die für meine Familie ihrerseits kaum zu verstehen sind, denen sie nicht folgen kann und wohl auch nicht mag.

Ich denke, dass wir einander dennoch nach wie vor sehr Heimat sind. Nur jeder irgendwie etwas mehr für sich, was wir allerdings gegenseitig akzeptieren. Darüber haben wir miteinander gesprochen.

Meine empfundene oder tatsächlich größer werdende Einsamkeit habe ich dagegen bislang höchstens mal mittelbar zum Thema gemacht. Ich sehe wenig Sinn darin, diesbezüglich mehr zu tun, ich weiß nicht wohin das im positiven Sinne führen sollte.

+ Dann stelle ich Dir jetzt mal eine Gretchenfrage: Heißt das, dass Du Dein Einsamkeitsempfinden, Deine Einsamkeit, die Gefahr ihres „mehr Werdens“ akzeptierst?

– Ich lebe seit langem mit meinem Einsamkeitsgefühl, meiner Einsamkeit, in unterschiedlicher Wahrnehmung und Ausprägung schon mein ganzes Leben lang. Ich versuche daher, mehr und mehr zu akzeptieren, dass beides zu mir gehört, dass ICH beides bin. Das gehört zu meinem Versuchen, MICH anzunehmen wie ich bin. Nichts ist schwieriger. Ich arbeite seit Jahren, seit den Jahren nach meinem Zusammenbruch, weit bewusster und intensiver daran, das zu tun. Auch, weil ich inzwischen weiß, dass Einsamkeitsempfinden, einsam Sein, meine depressiven Episoden nährt.

Die „Gefahr des mehr Werdens“ ist dabei allerdings etwas Spezielles. Ich spüre, dass ich mich dagegen wehren, immer wieder dagegen ankämpfen muss, weil sonst meine Depression noch mehr befeuert wird. Deshalb bemühe ich mich, immer wieder Heimat zu entdecken, und die, die ich finde, für mich zu bewahren, nicht (sogleich) wieder zu verlieren. (Denn Verlust steigert Einsamkeitsempfinden und Einsamkeit). Seit ein paar Jahren, das habe ich ja oben schon mal gesagt, habe ich immerhin manches Stückchen neue Heimat finden können, in Menschen, in Büchern, in der Natur, in Musik.

Dafür bin ich sehr, sehr dankbar. Und dieses dankbar sein können heilt immer ein bisschen und tut das immer wieder …

***

MS MR – „Wrong victory“

 

Verse -64-

Zwei, die tragisch lieben

Ich sehe Deine Tränen rinnen,
Du wähnst Dich tief in Dunkelheit,
siehst nicht das sanfte Licht da innen,
das ich schon seh‘, seit langer Zeit.

Das aus Dir scheint ohn‘ Unterlass:
So vielen schenkt es Freude!
Das reinste Lächeln, Maß für Maß,
Balsam für fremdes Leide.

Doch Du, Du weinst, weinst lang und still,
Liebe, viel größer als die Welt,
die nichts begehrt, doch so viel will
und nicht versteht wie viel sie zählt.

Wenn ich Dich schau, dann bin ich Schwere,
weil ich weiß, wie’s Dich zerreißt,
weil mir vertraut ist jene Leere,
wenn keinen Rat für Dich Du weißt.

Du bist Hoffen, Teilen, Fühlen,
ungefiltert ganz und gar.
Du kannst nicht täuschen, kannst nicht spielen.
Du ahnst: Dein Traum wird niemals wahr.

Deine Sehnsucht macht Dich schämend,
weil sie Dir Liebe sucht und Herz,
so sehr, so stark! Doch Dich so lähmend,
dass am Ende bleibt nur Schmerz.

Du siehst meine Tränen rinnen.
Ich wähn mich tief in Dunkelheit.
Du siehst ein Lichtlein in mir drinnen,
das ich nicht seh‘. –

Es ist sooo weit …

***

Sky Ferreira – „Sad dream“

Tagebuchseite -758-

(zu) Weich

Wenn ich schon mal wieder in einem meiner Seelentäler gelandet bin, so sagte ich mir gestern, dann muss ich darin ja nicht zwangsläufig auf der Stelle verharren. Solange es nicht ganz dunkel darinnen ist, vermag ich vielleicht etwas zu finden, zu entdecken. So machte ich mich also auf und begann durch das Tal zu spazieren.

Ich ging nicht „einfach so“ los. Ich ging los in der Hoffnung etwas zu finden. Eine Antwort auf eine Frage. Auf die Frage, warum es mir vorgestern Vormittag, mitten in der Mikrobeobachtungsphase des Potenzialassessments für Schüler mit einen mal so mies ging. Als plötzlich, erst kaum merklich, dann aber unverkennbar und bis fast zur Atemlosigkeit anschwellend dieses irrationale Prüfungsangstgefühl Besitz von mir ergriff. So stark wie schon lange nicht mehr.

Es war ein ganz normaler Arbeitstag, ich befand mich in einer „Routinesituation“ Da war nichts Ungewohntes, nichts Bedrohliches.

An dieser Stelle begann ich meinen Seelenspaziergang. Sogleich bemerkte ich, dass sich der Boden unter meinen Füßen irgendwie federnd anfühlte. Nicht wie eine Pflastersteinstraße oder eine asphaltierte Trasse. Nein, wie ein Waldweg, bei jedem Schritt ein bisschen nachgebend, manchmal mehr, manchmal weniger. Wie meine Seele halt.

Das ließ sich ganz gut an, aber dann wurde es plötzlich zu weich. Ich sackte beim nächsten Schritt wie in ein Loch. Und etwas in diesem Loch schickte sich an, mich tiefer und tiefer zu ziehen, so wie wenn man in ein Moor hinab gezogen wird. Bis es irgendwann aufhörte. Halb war ich in dem Loch verschwunden, halb schaute ich heraus. Ich mühte mich , wieder heraus zu kommen, wenigstens erst einmal ein Stück. Aber da ging nichts. Eben auch nicht nach oben.

Status Quo vorgestern Vormittag.

Wodurch war dort dieses Loch entstanden, ist der Boden meiner Seele plötzlich so sehr weich geworden?

Ich habe sehr lange nachgedacht, und es dann nach langer Grübelei, herausgefunden: Es waren die Tränen eines Mädchens. –

Da war zuerst dessen ganz höfliche zugleich aber auch sehr bange Frage, ob es denn erlaubt sei, bei uns, in unseren Räumen, mal ein längeres Telefongespräch führen zu dürfen – es sei sehr wichtig. Dann seine Rückkehr und wie es still auf seinem Stuhl Platz nahm den Oberkörper nach vorn geneigt, die Ellenbogen auf die Knie stützend. Sitzend, die Anmoderation des Auftrags wohl kaum wahrnehmend. Dann, wie in Trance aufstehend, um in den Nachbarraum zu gehen, wo die Aufgabenblätter schon bereit lagen. Kurz darauf, bitterlich weinend und in Tränen aufgelöst zurückkehrend.

Ich sah nur, wie das Mädchen von der Projektleiterin in die Arme genommen wurde. Dann schloss sich die Tür, ich musste mich der Mikrobeobachtung zweier anderer Schüler widmen. Was mir etwa eine Viertelstunde lang gut gelang, bis dann jenes Angstgefühl in mir hochzusteigen begann. Mein Unterbewusstsein hatte die ganze Zeit das Bild des Mädchens von nebenan präsent gehalten. Und mir gezeigt, dass ICH nicht geholfen habe, nicht helfen konnte.

Ich weiß nun, dass allein dieses Erleben dieser kleinen Begebenheit, diese unglaubliche, sich wie große Angst anfühlende Welle in mir ausgelöst hat. Die mich dann stundenlang im Griff hatte. Stundenlang!

Eine Erinnerung sagte mir in der Folge, dass das schon öfter so gewesen ist. Ganz deutlich erstand vor mir seltsamerweise ausgerechnet eine Szene, die jetzt schon mehr als 3 Jahre zurückliegt. Damals wurde über jemanden „nur“ schlecht und abwertend geredet. Ich habe stundenlang danach noch am ganzen Körper gebebt.

So schnell also kann meine Seele, ihr Untergrund, weich werden, so sehr weich.

Immer noch!!!

Ist es gut, ist es richtig, ist es angemessen so sehr mitzufühlen? Die Reaktion ist es mit Sicherheit nicht. Aber was soll ich tun?

Bin ich zu weich für das Leben? Selbst für das, was ich jetzt lebe? Das schon veränderte, das schon um manche Belastung reduzierte, das, welches ich durchaus mit mehr Achtsamkeit führe als vor wenigen Jahren noch?

Ach, so oft stelle ich mir diese Frage! Immer und immer wieder. Weil es immer und immer wieder Situationen gibt, wie die von vorgestern Vormittag. Die für einen „normalen“ Menschen sicher kaum der Rede wert gewesen ist. (Keine meiner Kolleginnen hat so reagiert wie ich.) Wirklich herausfordernde Situationen wage ich mir gar nicht auszumalen.

Vielleicht war es letztlich keine so gute Idee mit dem Seelenspaziergang. Ich habe das so bewusst zum ersten Mal gemacht. Im Grunde habe ich aber doch schon vorher gewusst, was er mir aufzeigen würde. Aber ich wollte es halt mal wieder ganz genau wissen, nach längerer Zeit:

Ich bin unverändert viel zu weich.

Zu weich für zu viel Leben, zu viele Menschen …

**

(Das Mädchen hatte geweint, weil es erfahren hatte, dass seine ältere Schwester ins Krankenhaus gemusst hat – Näheres weiß ich nach wie vor nicht.)

**

Princess Chelsea – „Too many people“

 

Tagebuchseite -757-

Die Stimme

Nie hat sie laut mit mir gesprochen. Immer leise, säuselnd fast, aber immer eindringlich. Sie scheint aus meinem Inneren zu kommen, aber ich weiß nicht ob sie wirklich dort wohnt. Ich vermute es nur.

Manchmal schweigt sie über Tage, sogar über Wochen. Aber noch hat sie sich immer wieder gemeldet. Und nun ist sie wieder da. Ich höre sie deutlich, sehr deutlich. Sie spricht zu mir, einem Mantra sehr ähnelnd, zu mir, zu meinem Gewissen.

Nie spricht sie von etwas Gutem, aber immer redet sie von meinem Leben, von dessen Zukunft. Einer schweren, einer dunklen Zukunft. Und sie liefert mir Indizien aus der Gegenwart meines Daseins, die ihre Prognosen untermauern. Gar nicht selten lässt sie diese Indizien Schönem entspringen, Begebenheiten, die ich als schön empfunden habe und die damit verbundenen Dinge oder Menschen.

Sie ist: Die Stimme.

Die Stimme ohne Gesicht.

Noch nie habe ich sie sehen können, immer nur spüren und hören und fühlen. Sie beginnt immer dann zu mir zu reden, wenn es in mir stiller wird. Und ganz eindringlich und ungestört spricht sie dann, wenn nur noch Stille in mir ist. Wenn es um mich herum zu laut, zu viel, zu unübersichtlich, zu unverständlich wird.

Ist sie am Ende ICH? Zumindest ein Teil von mir?

Warum sagt sie mir dann immer größer werdende Einsamkeit voraus, warum redet sie von unausweichlich kommenden Schmerzen, solchen, die ich vielleicht schlussendlich nicht auszuhalten vermag? Warum spricht sie inständig von Krankheit und vom Tod und betont dabei immer aufs Neue, wie schnell der Gevatter mich einzuholen imstande ist?

Warum hat sie kein Gesicht, so dass ich ihr wenigstens in ihre Augen schauen könnte. Oder ist es am Ende besser, dass sie kein Gesicht hat?

Surreal ist sie dennoch nicht. Ich vernehme sie deutlich. Jedes Mal. Beängstigend deutlich und klar.

Bisher ist sie irgendwann immer wieder verschwunden. Verstummt, wenn ich andere Stimmen fand, sie unmittelbar bei mir wusste. Oder es wenigstens schaffte, mir dieser Stimmen wieder bewusster zu werden. Dann war sie stets wieder fort, nach Stunden, Tagen, Wochen, und manches Mal fühlte es sich sogar so an, als wenn sie ganz und gar gegangen wäre. Aber dann kam sie doch immer wieder. So wie jetzt. Vor ein paar Tagen begann sie sich schon anzuschleichen.

Was, wenn sie eines Tages gar nicht mehr geht, wenn sie bleibt?

Sie macht mich stets sehr traurig diese Stimme, lässt mich traurig sein und bleiben. Das mit ihr einher gehende traurig Werden und traurig sein bleibt erinnerlich. Und manchmal braucht es dann nur eine winzige Szene aus einem Film, einen klitzekleinen Fetzen einer Melodie, die Ahnung eines Blickes eines anderen Menschen oder sonst etwas Ähnliches, was für jemand anderen womöglich gar nicht wahrnehmbar ist, und das Empfinden von Traurigkeit breitet sich wieder aus. Und Traurigkeit und Stille sind Verwandte …

Aber noch etwas anderes macht die Stimme mit mir. Sie lässt mich demütig sein und bescheiden bleiben, sie erinnert mich daran, dass ich dankbar sein kann. Dankbar für alles, was ich als schön empfinde. Für jeden Blütenduft, für jede Herbstfarbe, für das Meeresrauschen, für den Blick, das Lächeln, das Zuhören, die Zuwendung von Menschen. Für Geschichten, die ich lesend miterleben darf und für Musik, für Bilder, gemalt oder fotografiert. Und für manches Andere mehr.

Ich bräuchte die Stimme nicht, um demütig, bescheiden und dankbar zu sein. Aber ich bin es um so mehr, seit sie mich besucht, seit ich sie höre, ihre eindringlichen, dunklen Worte, ihre Visionen, die mich Furcht empfinden lassen, Furcht vor der Zukunft vor allem, vor jedem nächsten Tag.

So tut sie immerhin ein gutes Werk.

Ich weiß übrigens, seit wann die Stimme zu mir spricht. Seit dem dritten Tag X meines ganz persönlichen Lebens. Dem Tag mit dem beginnend ich erkennen und nachfolgend einsehen musste, wie zehrend mein bisheriges Leben verlaufen ist. Und ich beginne immer mehr zu wissen, dass sie nun zumindest immer wiederkehren wird. So wie seither, seit diesem bewussten Tag.

Dieses Wissen wiegt und ist schwer.

Wenn sie nur nicht einst für immer bleibt, die Stimme, und wenn nur ihre Vorhersagen nie wahr werden …

***

ATB – „The autumn leaves“

Tagebuchseite -756-

„weg atmen“

Die Arbeitswoche ist vorüber. Eine, die sich seltsam anstrengend angefühlt hat für mich.

Nach dem Heimkommen habe ich es an keinem Tag vermocht, mich ein wenig hinzusetzen und wenigstens ein bisschen in der Zeitung zu lesen – oft war ich schon nach weniger als zehn Minuten zusammengesackt und in einen komatiefen Kurzschlaf gefallen. Zwar arbeite ich derzeit jeden Tag Mehrstunden (von denen ich die meisten weder vergütet bekomme noch ich sie „abbummeln“ darf) als meine Teilzeitarbeit eigentlich beinhaltet, aber ich möchte so mit den jungen Menschen, die zu uns kommen umgehen und sie einschätzen können, wie es den Qualitätsstandards entspricht und ich es vor meinem Gewissen verantworten kann. Aber ich arbeite dennoch eben nicht in Vollzeit.

Und trotzdem habe ich mich diese Woche durchgehend so erledigt gefühlt, wie früher als ich halt noch Vollzeit gearbeitet habe, schließlich aber einsehen musste, dass das nicht mehr so weiter ging.

Und jetzt ist es, bei weniger Belastung, schon wieder ganz ähnlich? Ich verstehe das nicht.

Vielleicht liegt es daran, dass ich doch eine ganze Menge „weg atmen“ musste diese Woche.

Diese Wortschöpfung stammt von einer ehemaligen Kollegin des Bereichs, in dem ich jetzt arbeite. Sie meinte oft, dass sie Dinge, die sie nerven würden, wo es kein Weiterkommen gäbe, wo sie sich ungerecht behandelt fühlte ohne eine Möglichkeit zu sehen, etwas dagegen tun zu können, einfach „weg atme“.

Mit gefiel diese Wortschöpfung sogleich und gleichzeitig war ich beeindruckt von dieser Ex-Kollegin, denn was sie da gesagt hatte, das tat sie tatsächlich und fühlte sich damit offenkundig gut oder wenigstens besser. – Zweifellos besaß und besitzt sie bei aller sehr wohl vorhandenen Empfindsamkeit eine gehörige Portion mehr Phlegma als ich. So, dass sie letztlich eine für mich überaus faszinierende Kombination aus beidem verkörpert. Faszinierend aber auch unerreichbar.

Denn ich habe es seither immer wieder probiert mit dem „weg atmen“, und meine Lieblingskollegin und ich animieren uns gelegentlich gar gegenseitig, mal wieder was „weg zu atmen“, aber ich glaube so viel und so schnell und so unaufhörlich vermag ich das mit dem weg atmen gar nicht zu praktizieren, ohne dass mir am Ende ein Zuviel davon nicht mindestens ebenso viele Kräfte abverlangt als wenn ich es ließe. Oder anders ausgedrückt: Ich glaube , ich KANN gar nicht so viel weg atmen wie ich müsste, damit ich mich nicht so kaputt, so erschöpft, so müde fühlen müsste.

Und, ja, es war vieles sehr „wegatmungswürdig“ im Wochenverlauf. In meinem Unterbewusstsein nagt da schon wieder die Frage, ob das nicht vor allem an meiner spezifischen Wahrnehmung von Dingen liegt. Aber muss ich mir daran eine Schuld geben? Und würde das etwas nutzen, etwas ändern? Ich denke nicht.

Mir ist allerdings aufgefallen, dass das Meiste des „Wegatmungswürdigen“ sehr nachhaltig ist, manches wohl unabänderlich. Denn ALLE Versuche mit normal angemessenen Mitteln etwas ändern zu wollen sind offenkundig zum Scheitern verurteilt. Darüber hinaus zu gehen, hieße, was meine Arbeit betrifft, sie aufzugeben. Ich liebe meine Arbeit als solche aber sehr, sie ist die einzige, in der ich mich nach meiner sehr langen Krankheitszeit zurechtfinden konnte und die ich als solche noch zu leisten vermag, die mir wirklich Sinn gibt und schenkt. –

Aber wieder einmal stimmen die Rahmenbedingungen nicht, und da sind Menschen, die leiten, denen ausschließlich ihr Wort etwas gilt, ihre Entscheidungen und Ansichten, die nicht fragen, nicht einbeziehen, kein Wort der Anerkennung übrig haben. Die meinen nur selbst wirklich zu arbeiten, die davon überzeugt sind, nur ganz allein zu wissen, wie die Zukunft anzugehen ist.

Unter solchen Bedingungen hat man viel, sehr viel „weg zu atmen“.

Aber, wie stets, reicht mir das nicht. Ich sauge obendrein die ganze Welt in mich ein, die alltäglichen Nachrichten, mit ihren Meldungen über Ungerechtigkeiten, Ignoranzen, über Selbstbedienungsmentalitäten und Heuchelei. So viel Heuchelei … Und müsste und möchte das alles so gern „weg atmen“, weil es eine andere „Lösung“ für mich erkennbar nicht gibt.

Wie soll das aber gehen? Wie soll ich das schaffen?

Zumal auch das, das alles, immer noch nicht ALLES ist …

Die aktuelle Woche wird nicht die letzte ihrer Art gewesen sein. Irgendwie fürchte ich, dass ihrer noch viele anstehen werden, sehr viele und sehr nah.

*

Ich träume von einem ganz langen Spaziergang mit einem Menschen an meiner Seite, der mit mir im Gleichklang atmet. Ich glaube, nur so ein immer wieder wirklich spürbarer Gleichklang, könnte mir ein wenig von meiner Atemlosigkeit nehmen. Denn da wäre etwas, was ich ATMEN wollen würde und nicht weg zu atmen versuchen müsste …

***

Das folgende Lied drückt viel von meiner Stimmung aus, auch wenn der Text nicht wortwörtlich „passt“. Viele Aussagen aber doch irgendwie. Ich mag es wegen seiner Stimmung, seiner Melancholie, und der Zeile, die aus ihm herausruft. Ich finde es sehr schön:

Me and my Drummer – „Blue Splinter View“