Wegweiser durch diesen Blog

Tagebuchseiten:

Hier sind meine Reflexionen über Ereignisse und Begegnungen im Alltag ebenso zu finden, wie meine Gedanken über „Gott und die Welt“ – in loser Folge, ohne Ordnung …

(Mit Beginn des Jahres 2017 erscheinen einige meiner Tagebuchseiten als Selbstgespräche . Grund dafür ist eine umfassendere Idee, die ich schon lange in mir trage. Vielleicht entsteht aus den entsprechenden Texten irgendwann ein Weg, der zu ihrer Realisierung durch mich führt. Vielleicht …)

Sentenzen:

Nachdenkliches zu Themen, die mich immer wieder und nachhaltiger bewegen und beschäftigen, die in meinem und für mein Leben zumeist eine wichtigere Rolle spielen.

Verse:

Einige meiner Versuche, Gedanken, Eindrücke, Reflexionen und Ansichten in lyrischer Form zu verarbeiten.

Gedanken zu Aphorismen:

Was immer ich auch lese, ich spüre darin aus meiner Sicht interessante Sinnsprüche auf. Einige von denen, die mich besonders inspirieren, zum Nachdenken anregen, meinen Widerspruch herausfordern, bespreche, diskutiere ich hier.

Zwischenstopps:

Texte oder Begebenheiten über die ich „gestolpert“ bin, darunter Merkwürdiges, Skurriles, Witziges, Unglaubliches – manchmal mit kurzen Kommentaren von mir versehen. (mitunter auch Musiken, mit denen ich mir einen Zwischenstopp genehmige …)

Sammelsurium:

Hier finden sich von mir verfasste, kleine Rezensionen zu Büchern, die ich gelesen habe, eigene Gedanken in Aphorismenform, die ich zur Diskussion stelle, und Sonstiges, was mir mitteilenswert erscheint.

Tagebuchseite -837-

„Wohnung“

Wenn die eigene Haut dünn wird, dann braucht es eine andere, eine zweite. –

Seit gestern spüre ich meine lässigen Hausklamotten mehr denn je wie diese zweite Haut. Das kuschelige Kapuzensweatshirt und die „Jogger“ sind die Hülle, die sich anfühlen als könnte ich mich gut in ihnen verkriechen. Sie sind wie die vertraulichste Behausung. Ich empfinde, in ihnen zu wohnen, am besten, am behütetsten gerade. Ich will kein anderes, kein größeres Haus.

So ist er, der Rückzug in mich selbst. Ich bin ihn so wahrnehmbar, so als beschützend nötig empfunden, lange nicht mehr angetreten.

Für mich stellt es sich so dar, als wenn ich keine andere Wahl habe. Mit mir nehme ich nur ganz Weniges und ganz Wenige. Und empfinde das weder als Minimalismus noch als Verlust.

Alles andere ist mir zu laut, zu viel, zu bedrohlich. Meine Seele hat sich gestern sehr bedroht gefühlt.

Im Nachhinein habe ich es nicht vermocht zu ergründen ob das rational betrachtet noch angemessen gewesen ist. Ich habe es nicht vermocht, weil selbst die Rationalität die ich grundsätzlich schon nicht habe, nun nicht gar wieder einmal völlig, gänzlich, die Ausnahmen vom Grundsatz eingeschlossen, aufgebraucht ist.

Wenn das so ist, ist meine Seele wie eine offene Wunde. Sie IST eine offene Wunde. Meine Suche nach einer Wohnung, nach zweiter Haut, ist ein Reflex.

So deutlich wahrgenommen, so bewusst, habe ich diesen Reflex noch nie zuvor in meinem Leben. Mutmaßlich ist das aus Therapiepraxis geronnenes Erkenntnisvermögen meiner selbst. Und dieses wiederum ist ein Anfang, wie ich mich erinnere, während diverser Sitzungen gehört zu haben.

Es fühlt sich nur gerade nicht nach Anfang an. Und zwar überhaupt nicht. Denn ich friere sogar in den Klamotten, von denen ich sage, dass ich darin wohne. Ich friere in mir selbst. Und ich lüge. Ich lüge meine Außenwelt an. Über mich. Inzwischen fortlaufend. Ich will nicht, dass es jemand weiß. Wenigstens keiner von denen, die nicht wirklich bei mir sind.

Ich will es selbst nicht wissen.

Es wird weitergehen. Irgendwie. Wie, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich in mir bleiben muss. Nicht absehbar, wie lange. Vom augenblicklichen Empfinden her für immer. So verletzlich fühle ich mich. Und so sehr suche und sehne ich herbei, was ich in mir schon einmal gefunden hatte, ein kleines bisschen jedenfalls.

Ich schaue in die Nacht und sinne darüber, wie es wäre, wenn sie mich einfach nähme. Und es macht mir keine Angst.

Weil ich weiß, dass sie das nicht tun wird. Und weil ich weiß, dass ich den Schritt auch nicht gehen werde.

Auch deshalb nicht, weil ich dazu meine Wohnung verlassen müsste …

***

Billie Eilish – „Six feet under“

Verse -78 –

Samstagabende

An wie vielen Samstagabenden,
wie an diesem Samstagabend,
schauen hinter Fenstern
Augen in die Leere?
An wie vielen Samstagabenden,
wie an diesem Samstagabend,
ist so ein großes Suchen und Wünschen
hinter jenen Fenstern?
Das genau weiß,
was es sucht oder wünscht.
Und doch gar nichts weiß.

Die Samstage sind die Schlimmsten,
weil sie die Abende der Geselligkeit,
des Frohsinns, und mancher Liebe sind.
Die Abende der Zeit für etwas Schönes,
für etwas, was Leben lebenswert macht.

Die Mädchen, die Frauen, die Alten,
die Kranken und Vergessenen,
darunter auch Männer,
suchen einzutauchen,
in Geschichten und Melodien und Bilder.
Lassen Gedanken wandern,
in die Natur und in die Erinnerung.
Erinnerung an andere, an freudige Tage,
wenn es sie denn gab.

Um Leben zurückzuholen oder wiederzufinden
oder überhaupt erst zu entdecken.
Träumend, hoffend, bittend und zweifelnd,
wieder und wieder, daran,
was und wie denn Leben eigentlich ist.
Ist es schließlich nicht alles Leben,
das der anderen da draußen wie das eigene?

Samstagabende, wie dieser Samstagabend,
geben keine Antworten auf diese Frage.
Samstagabende, wie dieser Samstagabend,
machen diese Frage nur so sehr bewusst.
Um vieles bewusster als andere Tage
und andere Abende.
Und schmerzhafter.
Und vergehen in Sinnen und Sehnsucht und Alleinsein.
Vielleicht …

***

Johannes Oerding – „Blinde Passagiere“

Sammelsurium -110- (Vier Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Es gibt Stimmen, die sind so schön, wie die Charakter, denen sie Ausdruck verleihen. Wenn diese Stimmen sprechen, dann klingen sie: Wie eine ganz zauberhafte, wundervolle Melodie.

*

Diejenigen, die am wenigsten eigene Schwächen eingestehen, haben die meisten davon.

*

Was ist von dem Rat zu halten, für den Augenblick zu leben? Genau das tut eine Eintagsfliege. Und dann stirbt sie …

*

An welchem Ort auch immer ein Schreibender zu sehen ist, so ist er doch gar nicht dort. Zu schreiben bedeutet immer auf eine Reise zu gehen. Wer schreibt, ist unterwegs.

**

Schnipsel (10)

Tränengeständnis

Wenn ich an Tränen denke, dann denke ich fast nie an Freudentränen. Tränen sind Traurigkeit, sind Schmerz oder Einsam sein. So ist immer mein erster Gedanke.

Es ist wahr, dass mich Trauer, Qual, Not und tiefes Alleinsein sehr traurig machen. Aber Tränen habe ich deshalb nur selten. Ich kann meist nicht weinen, wenn mich diese Empfindungen erreichen oder beherrschen, auch wenn sie grundsätzlich sehr tief gehen. Relativ selten rinnen darum Tränen bei mir, wenn, dann freilich sehr heiße. Und eher dann, wenn jene Empfindungen durch das Leid , den Schmerz, die Einsamkeit anderer Menschen ausgelöst sind oder Bestand haben. (Und meistens sind bzw. haben sie das.)

Eher, schneller und spontaner rinnen bei mir Tränen aus Rührung, aus Überwältigung, aus einer Freude geboren, die ich nicht zu beherrschen weiß. Meine tiefste Freude ist tränenreich. Eine Freude der stillen Tränen, die ich meistens zu verbergen trachte, zumal in der Öffentlichkeit.

Am Telefon oder beim Schreiben rinnen sie besonders oft. Weil ich dann vergleichsweise häufig mit mir liebsten Menschen verbunden bin. Und die überwältigen mich häufig, berühren mich auf eine Weise, die so einzigartig, so wunderbar ist. Eben auch, wenn wir uns nicht unmittelbar nahe sein können.

Manchmal vermögen mich auch Menschen, die ich nicht näher kenne, in dieser Weise, tiefe Freude auslösend berühren. Zuletzt waren das besonders oft Kinder.

Mit Freudentränen fühle ich mich, selbst wenn sie mir manche meiner Einsamkeit bewusster machen, und ich letztlich doch allein bin, weniger einsam.

***

HEARTS – „Call my name“

Tagebuchseite -836-

… (Ohne Titel)

Weiter, immer weiter. Nicht wissend wohin. Aber nur nicht stehen bleiben. Sonst überrollt es dich, schlägt über dir zusammen, so, dass du nicht nur zurückbleibst, sondern vielleicht nie wieder aufstehst.

Dunkel ist der Weg und zerklüftet, steinig sein Untergrund. Manchmal knickst du um. Schmerzen durchfahren dich. Aber es geht weiter, es muss weiter gehen.

Dornen schlagen ins Gesicht, es heult um dich herum. Ein Jammern, ein Weinen, ist in der Luft. Du gehst ihm nach, weil es dich anrührt. Du gehst lange, bis du endlich bemerkst, dass du selbst es bist, der laut schluchzend weint.

Du hast schöne Gesichter gesehen, zwischen dem Dornengestrüpp, durch das Tosen hindurch, während Du auf einem Stück Geröll des Weges, den du entlang rennst, ausgeglitten bist. Als du dann gegen die harte, schorfige Wand gestoßen bist, waren die schönen Gesichter verschwunden.

Das klingt theatralisch? Das klingt irreal? Das klingt wie die Phantasie eines Kranken? Überdramatisierend?

Jetzt in dieser stillen Minute, kommt es mir auch so vor. Bis eben aber empfand ich es als Realität. Ich erinnere mich so etwas oder Ähnliches als Albtraum gehabt zu haben. Wahrlich nicht nur einmal. Aber gerade war es kein Traum. Gerade nicht und gestern nicht und vorige Woche auch nicht.

Warum habe ich solche Bilder im Kopf? Warum laufen sie wie eine Kopie des Films meines gegenwärtigen Daseins in mir ab, während ich versuche zu arbeiten, zu funktionieren, durchzuhalten? Ich will diese Bilder nicht, ich weiß, dass sie krank sind. Sie erinnern mich daran, dass ich immer noch nicht gesund bin. Sie schreien mich an, dass ich nie mehr gesund werde.

Ich kann mich so schlecht konzentrieren. Ich lasse mich ablenken. Ich komme nicht voran. Zeit verstreicht so nutzlos. Lebenszeit. Ich werde immer trauriger, wütender, enttäuschter. Über mich und von mir. Frage mich, ob ich schon wieder einmal alles falsch gemacht habe. Und ahne, dass ich gelogen habe Ende voriger Woche als ich gefragt wurde, ob ich die Entscheidung, meine letzte, große, die ich im späten Frühjahr des Jahres dann irgendwann getroffen habe, schon irgendwie bereue, ob ich denn nicht meine, an meine Grenzen zu stoßen.

Ich habe das Gefühl, nichts mehr RICHTIG machen zu können in diesem Leben. Nicht für mich.

In einem ganz skurrilen Raum hat mir heute ein Mensch die Frage gestellt, warum ich so besonders, so speziell, bin. Er hat das sehr schnell bemerkt, weil ich mich dort komplett anders verhalten habe als alle anderen Menschen, die diesen Raum je betreten haben oder betreten werden. Und ja, ich habe mich dort so verhalten, weil ich auf gar keinen Fall so sein oder auch nur erscheinen wollte wie all die anderen Menschen dort, weil ich gerade dort herausschreien wollte: Ich bin wie ich bin. Ich bin ICH. Auch hier! Und wenn ihr alle noch so glotzt oder grinst oder sonst was von mir denkt.

Geholfen hat mir das nicht. Nur das Lächeln jenes Menschen, der mich gefragt hat, das hat mich ein bisschen getröstet, das war schön.

Ich habe heute auch ein paar Gedichte gelesen. Und einige angehört. Manche waren ganz kurz. Viele der Gedichte, die der betreffende Mensch geschrieben hat, sind ganz kurz. Wie aphoristische Gedanken.

Der Mensch, der sie erdacht, geschrieben und gesprochen hat, weiß nicht, dass ich ihn liebe. Wirklich liebe. Liebe, „nur“ wegen dieser Gedichte. Denn sonst kenne ich diesen Menschen gar nicht. Aber meine innere Stimme sagt mir, dass er so sein muss, wie die Worte die er schreibt. Sonst könnte er sie nicht schreiben. Wenn es anders wäre, wäre ich inzwischen auch im Erkennen auf dem Weg des Versagens. – Mich kennt dieser Mensch (natürlich) auch nicht. Aber so viele seiner Gedichte, Gedanken, sind so als würde er in mir leben und lesen können, was in mir geschrieben steht.

Ich würde so gern verweilen wollen in diesen Gedichten.

Ich würde so gern verweilen und bleiben wollen in und bei den Menschen, die in mir wohnen.

Aber ich kann nicht.

Ich muss weiter, immer weiter. Nicht wissend wohin. Nur nicht stehen bleiben. Damit es mich nicht überrollt. Damit ich nicht liegen bleibe …

***

Fenne Lily – „Car Park“

Verse -77-

Vom Sinn des Grau im Herbst

Nebel wallen durch die Tage.
Pflastersteine glänzen nass.
Über allem steht die Frage:
Farbe Grau, wem nützt du was?

Nebel ziehen durch die Nächte,
schließen alles Sehen aus.
Was ich dir noch sagen möchte,
bring ich mit keinem Ton heraus.

Nebel schleichen sich in Seelen,
decken zu die Fantasie.
Herzblut wird zu starren Stehlen.
Totenstill ist’s in der Früh.

Wenn sich die Nebel wieder heben,
befreit das Grau noch viele Farben,
gibt meiner Stimme wieder Leben:
Kann dir nun meine Liebe sagen!

Wenn die Nebel wieder schwinden,
Tätigkeit bald neu gelingt.
Die verblieb’nen Vögel künden,
dass auch Herbstzeit Freude bringt.

Die Botschaft ist: Das Grau muss sein,
währt es auch lang und wiegt es schwer.
Bewusst zu machen Farbenschein
und Lebens Sinn: die Wiederkehr.

***

Winona Oak – „Break my broken heart“

Tagebuchseite -835-

Von der Schwere mich zu mögen

Mich mögen. So wie ich bin. Jetzt, in diesem Augenblick und in der Summe der unzählbaren Augenblicke , die mein Leben ausmachen, die skurrilen, peinlichen, unangenehmen, die, über die ich niemals reden möchte und vielleicht niemals reden kann, eingeschlossen.

Mich mögen, mit meinen Stärken, die ich als solche immer wieder und im Zweifel auch aufs Neue erkennen möge, und meinen Schwächen, wegen denen ich mich nicht in Grund und Boden verurteilen oder schämen soll.

Wie schwer, wie unsagbar schwer das ist! Ungeachtet dessen, dass ich weiß, dass es nicht darum geht perfekt zu sein und ich das auch nicht wirklich anstrebe. Nein, ich will nicht perfekt sein und auch gar nicht im Ansatz den Anschein erwecken. (Diejenigen, die sagen, dass das ein Fehler sei, lasse ich reden.)

Ich kenne das „Therapie-Einmaleins“ zum Thema Selbstwertschätzung. Habe es eingebüffelt bekommen, und mein rationaler Geist findet viel Richtiges daran. Aber so oft ich über diese Brücke zu gehen versuche, so oft stürzt sie wieder ein. Denn jener Geist findet ebenso viel Richtiges an den Ansprüchen, die er, aus Lebenserfahrung gewonnen, Werte nennt. Und verbündet sich damit mit meinem emotionalen Geist, der den Namen Gewissen trägt.

Der Konflikt, den dieser emotionale Geist mit mir ausficht, dessen Teil er ist, mit mir, der ich noch viel mehr Emotion bin, ist für mich gefühlt so alt wie mein Leben. Und wird wie dieses immer mühevoller.

Manchmal schreit es mich an, dass ich zu wenig Disziplin, zu wenig Willen habe, aus diesem Teufelskreis (und es ist einer!) auszubrechen.

Es ist nicht so, dass ich mir, meinen Geistern, nicht regelmäßig Rechenschaft ablege. Vielleicht tue ich es viel zu oft, weil es einfach immer wieder geschieht. Unwillkürlich. Ohne, dass ich einzugreifen vermag.

Und so liegen sie wieder und wieder offen vor mir auf dem Tisch, die Ergebnisse jeden Augenblicks meines Daseins. Und so viele davon sind für mich immer wieder Versagen. Dann ruft es in mir, härter zu mir zu sein und weiß, kaum, dass es rief, dass ich auch darin versagen werde.

Wer so denkt, in wem es so aussieht und zugeht, dessen Wege sind einsam. Sie können keine anderen sein, weil sie für jeden Begleiter eine Zumutung wären und ein schleichendes Gift würden, für jeden, der sich wirklich auf sie einließe.

Die Menschen aber, die mich begleiten mögen, möchte ich schützen. Das ist der letzte Wille meines Sinns, den ich noch zu leben versuche. Nicht auch darin noch zu versagen.

*

Ich höre und sehe ein Duett zweier Menschen, die, einer schon vor Jahren, einer erst kürzlich, verstorben sind. Wie sie da singen, eindringlich, mit schönen, besonderen Stimmen, rühren sie mich sehr innig an. Ihr Lied ist längst vergessen, war schon damals, als es erstmals erklang, für so viele schon nicht mehr zeitgemäß.

Ich höre und sehe sie und in mir wird der Wunsch unbändig groß, dass sie noch leben sollen. Ich empfinde Liebe für sie, weil sie mir so viel Gefühl schenken, wie ich sie so höre und sehe. Und ich empfinde eine Traurigkeit, die kaum tiefer sein könnte, wären beide mir ganz nah und gerade gestern von dieser Welt gegangen.

In dieser Traurigkeit fühle ich kein Versagen, und wollten noch so viele darüber spöttisch lächeln, das in diesem Augenblick gerade diese beiden verstorbenen und von längst nicht allen gemochten oder gar verstandenen Menschen, diese tiefe Emotion in mir ausgelöst haben.

Traurigkeit, woraus oder aus wem heraus auch immer sie geboren ist, ist das wahrhaftigste, das echteste in mir.

Es ist nicht so, dass ich sie liebe. Traurig zu sein ist schwer, nimmt Kraft.

Aber ich mag sie.

Eben, weil sie das echteste meiner selbst, meines Ich ist, das ich ansonsten so schwer und so wenig zu mögen imstande bin.

***

Es gibt immer wieder Künstler, die irgendwie verborgen bleiben und allenfalls eine kleine „Gemeinde“ an Menschen erreichen. Zu erklären ist das oft nicht, denn es sind Autoren, Sänger, Komponisten und Poeten darunter, die viel zu sagen haben, deren Kunst deshalb schön ist. –

Schon zwei-, dreimal habe ich Lieder von ihr hier geteilt, die in meinen Augen genau so eine Künstlerin ist. Eine Songschreiberin und Sängerin, eine junge Frau, die obendrein wundervolle Gedichte schreibt. Ich meine Clara Louise, die in Deutschland geboren seit einigen Jahren in Österreich lebt, eine so genannte „Selfmade-Künstlerin“ mit einer ganz eigenen Poesie. Was sie vorträgt, trägt sie stets unaufgeregt aber sehr beteiligt vor, eindringlich, jedoch ohne einen besonderen Fokus für sich selbst zu beanspruchen. Ich mag sie, ihre Lieder, ihre Gedichte. Ihr Lied „Montag“ drückt sehr viel von dem aus, was ich oft empfinde …

Clara Louise – „Montag“

Tagebuchseite -834-

Warum ich heute so oft weinen muss

Indie-Pop dringt aus den Lautsprechern während ich vor diesem Fenster sitze und diese Zeilen schreibe. Die Musik und das Schreiben mögen mich ablenken von den Schmerzen, die heute wieder einmal besonders schlimm sind.

Aber der Gründe für mein von gerade dieser Musik untermaltes Schreiben sind andere. Es sind im Wesentlichen drei:

Ich bin sehr erschöpft und möchte etwas tun, was mir irgendwie gut tut.

Ich bin innerlich sehr glücklich berührt.

Ich denke gerade in diesen Augenblicken, jetzt ganz besonders, an mir liebe Menschen. Und, wenn ich diese Menschen nicht bei mir haben kann, dann ist Schreiben für mich immer so, als wenn ich etwas mit diesen Menschen teile. Und das ist auch so. Weil sie es auch lieben zu schreiben.

Die Erschöpfung ist Resultat der zu Ende gehenden Woche.

Das innerlich sehr glücklich berührt Sein ist Ergebnis des heutigen Tages.

Davon möchte ich erzählen.

Ich hatte heute meine erste große Hospitation von unserer Schulleiterin. In der Doppelstunde Mathematikunterricht in der 5. Klasse. „Meiner“ 5. Klasse, deren Klassenleiter ich gar nicht bin.

Ich war sehr aufgeregt, so wie ich es immer war und bin, wenn „Prüfung“ ansteht. Gefühlt einhundert Mal bin ich meine Vorbereitungen für diese Stunde, nachdem ich sie gestern fertiggestellt hatte, wohl in den Morgenstunden durchgegangen. Und mit jedem Mal wurde die Anspannung größer …

Dann war die Zeit heran. Ich betrat den Klassenraum. Die Kinder saßen alle (!) schon an ihren Plätzen, alle (!) an aufgeräumten Tischen, und ich hatte das Empfinden, dass mich alle 15 Augenpaare besonders intensiv anschauten.

Was soll ich wie weiter schreiben? – Die Kinder waren so fokussiert, dachten über jede meiner Fragen so angestrengt nach, meldeten sich. Irgendwer traute sich auf Anfrage immer, wenn bisweilen auch nach etwas Zögern an die Tafel. Und wuchs dort in manchem Falle über sich hinaus. Und bekam dann, so wie ich es in dieser Klasse wie sonst noch nie irgendwo schon manches Mal erlebt habe, einen kurzen aber herzlichen Szenenapplaus von allen anderen.

Sie schienen sich besonders auf diese Stunde vorbereitet zu haben, obwohl das ganz und gar nicht möglich war, weil sie nicht wissen konnten, was ich wie für diese Stunde geplant hatte und der zweite Teil zudem ein ganz neues Thema beinhaltete.

Ich hatte immer mehr das Gefühl, spürte es immer mehr als Wahrheit, dass sie mir durch diese Stunde helfen, mich begleiten wollten. Sie strengten sich alle (!) ganz bewusst dafür an …

So ging die Stunde vorüber …

Eine Gesamteinschätzung von der Direktorin werde ich erst nach ihrer zweiten Hospitation in einer Doppelstunde Deutsch (noch einmal in „meiner“ 5.) am Dienstag bekommen, aber ich bekam heute schon ein insgesamt positives Gesamtsignal für die heutige Stunde.

Als ich dann nach der Stunde, ohne Aufsicht zu haben, einfach um ein bisschen Luft zu schnappen gegen die in mir immer noch nicht abschwellen wollende Anspannung, auf den Pausenhof ging, gesellte sich nach ein paar Minuten Mara an meine Seite. Mara, die ein bisschen pummelig ist, aber so viel Güte und Sympathie ausstrahlt und durch ihre freundlichen Augen, ihr ebensolches Lächeln und ihren sich immer ihren Mitmenschen zuwendenden Charakter ein wunderschöner kleiner Mensch ist. Und fragt mich: „Ist es gut gegangen? Wir haben Ihnen helfen wollen …“

Jetzt, während ich das hier schreibe, kann ich sie ja laufen lassen, meine Tränen. Und, wenn ich ehrlich bin, laufen sie schon die ganze Zeit, und ich muss deshalb mein Schreiben immer wieder unterbrechen. Ja, ich MUSS weinen. Weinen vor Freude, vor innerem Glücksempfinden. Immerzu und immer wieder.

Was ist das für eine unglaubliche Klasse?! Was sind das für unglaubliche Kinder?! Wissen sie, haben sie eine bloße Ahnung, wie sie mir heute geholfen haben?! Wie sie mir immer wieder helfen?! –

Ich gehe seit dem ersten Tag sehr gern zu ihnen, zu ihnen am liebsten. In diese Klasse. Und ich bin glücklich und dankbar, dass ich bei ihnen die meisten meiner Stunden geben darf. Sie sind es vor allem, die mich alles durchstehen lassen. Die 12 -und 14-Stunden-Tage, den „Freizeitentzug“, der so ziemlich alle Zeit und alles betrifft, was mir neben der Arbeit lieb ist, meine leider wieder so zahlreichen depressiven Phasen, meine elenden Rückenschmerzen.

Ich LIEBE diese Klasse, ich liebe diese Kinder, ALLE, jedes einzelne, jedes auf seine ganz spezielle Weise. Diese 10-, 11jährigen Wesen vermögen viel mehr Liebe zu geben, geben viel mehr Liebe als so viele Erwachsene. Und wissen es gar nicht …

Sie wissen, dass ich schreibe. Sie haben mich so lange gebeten, dass ich ihnen tatsächlich am Anfang der Woche eines meiner Gedichte vorlesen „musste“ (ich habe zuvor noch NIE etwas von mir Verfasstes öffentlich vorgetragen). Und diesen unvergleichlichen spontanen Applaus von ihnen bekam. Einen ziemlich langen. Und dann erzählen musste, und wir ins Gespräch kamen über das Schreiben. Die halbe ausgefallene Philosophiestunde lang auf wundervolle Weise …

Was sie nicht wissen ist, dass ich hier heute von ihnen geschrieben habe.

Aber ich MUSSTE es tun.

Es MUSS in meinem Tagebuch geschrieben stehen und geschrieben stehen bleiben, unvergessen, was für wunderbare Kinder sie alle sind!

Nun laufen mir die Tränen schon wieder.

Und ich drehe die Indie-Pop-Musik noch ein bisschen lauter …

***

Weyes Blood – „Andromeda“

Tagebuchseite -833-

Von (sehr) spätem Erkennen, skurrilen Wegen und der schwierigsten Dankbarkeit

Sich dem Leben, wie es ist, einschließlich vor allem seiner Pflichten, zu stellen, ist das Eine. Das Eine, das nicht ausschließt, dabei Schönes zu sehen und zu empfinden, es mit anderen Menschen zu teilen. So verrückt es ist: Auch aus einem Hamsterrad heraus, lassen sich Augenblicke festhalten, die geben, tragen, die positive Erinnerung werden und manchmal bleiben, sogar lange bleiben.

Ich habe das erst erlernen müssen, und das hat viel Zeit gebraucht. Aber ich habe es wirklich gelernt, so sehr, dass ich es jetzt nicht mehr bewusst tun muss. Es geschieht einfach, dass ich diese Augenblicke wahrnehme. Das ist gut, das ist hilfreich. Mehr ist es nicht. – Ich bin dankbar dafür. Nicht weniger. Aber damit ist längst nicht alles „in Ordnung“.

Meine Träume sind nicht unbescheiden. Nein, das sind sie wirklich nicht, aber sie sind größer.

Das Erkennen jener Augenblicke, die Freude darüber, die ich nicht geringschätze, wiegen das Wissen und die damit verbundene Enttäuschung nicht auf, dass die meisten meiner Träume nicht mehr wahr werden können und werden.

Ich möchte mit dieser Enttäuschung nicht leben. Sie ist wie ein Gift, dass die Seele schleichend einhüllt und in ihr zu Selbstmitleid wird.

Ich möchte die Enttäuschung zu Liebe machen. Einen anderen Weg weiß ich nicht. Ich glaube, mein ICH ist mehr denn je bestrebt alles zu Liebe zu machen, in Liebe zu verwandeln, was ihm an Ungemach, Traurigkeit, Ungerechtigkeit, Zwang, Verzweiflung, Gefangenschaft und Ausweglosigkeit begegnet.

Das ist schön?

Wenn man eh‘ schon zu viel Liebe in sich hat?

Liebe zu leben, ist nicht genug, um dieses Übermaß „loszuwerden“, das überdies durch die beschriebene Enttäuschung und die genannten Wahrnehmungen, immer wieder und immer stärker genährt wird und so letztlich ungeachtet allen „Liebelebens“ immer größer wird. – So jedenfalls empfinde ich es.

Ich gehe viele Wege des Liebelebens. Nicht um des Zweckes selbst willen. Sondern, weil es in mir ist, immer mehr wird und ich nicht anders kann. Und es sind Wege dabei, die andere im Mindesten „ungewöhnlich“ oder „skurril“ nennen würden, vielleicht auch „bizarr“ oder „unglaubhaft“. Nur, um keine Zweifel aufkommen zu lassen: Es geht nicht um körperliches Liebe leben. Aber es geht um nicht weniger als ALLES andere, was Liebe, was Liebe leben, meint und ist und sein kann.

Ich beginne zu ahnen, dass ich nur noch diesen einen großen Sinn habe. Vielleicht hatte ich nie einen anderen, ohne dass mir das je so bewusst geworden ist. Und ich beginne zu ahnen, zu begreifen, zu verstehen, dass dieser Sinn, die eigentliche Ursache all meiner Sehnsüchte, Träume und also auch meiner Enttäuschungen ist.

Womit sich ein Kreis schließt.

Es wäre nicht unzutreffend, diesen Kreis Hamsterrad zu taufen, Lebenshamsterrad, Hamsterrad meines Lebens, meines Daseins überhaupt. Denn DAS ist mein Dasein.

Mancher näher scheinende, für viele Menschen auch tatsächlich näher seiende Weg des Liebelebens, ist mir versperrt geblieben. Manchen habe ich mir sicher auch selbst versperrt. Wäre das nicht so, hätte ich vielleicht nicht dieses Übermaß an Liebe in mir, wäre aber auch weniger Enttäuschung und Sehnsucht. Und bräuchte es nicht gar so sehr jene Augenblicke, die ich an und von Schönheit erhasche, während ich aus meinem ureigenen Daseinshamsterrad herauszuschauen suche.

Wären diese Augenblicke nicht, die ich erst erlernen musste, wahrzunehmen, und die gute Handvoll Menschen, die mir aus ihnen geboren wirklich folgt, denen ich ohne besorgt sein zu müssen von meiner Liebe geben darf und kann, und wären jene ungewöhnlichen, skurrilen, bizarren, unglaubhaften aber in meinen Augen doch einfach nur legitimen Wege nicht – mein letzter, mein einziger Sinn würde sterben.

Und mit ihm ich.

So aber lebe ich auch mit dem Wissen und der damit verbundenen Enttäuschung, dass die meisten meiner Träume nicht mehr wahr werden können und werden, weiter.

Und versuche, dafür dankbar zu sein.

***

Vor allem, wenn ich die Melodie zum Refrain dieses insgesamt schön arrangierten, getexteten und gesungenen Liedes höre, bekomme ich sehr Gänsehaut und meine Augen füllen sich, ohne dass ich mich wehren kann. Ich möchte die Musik ganz laut drehen …

Lumaraa – „Vergessen“

 

Tagebuchseite -832-

Jetzt, wo das Licht abnimmt (Herbstbeobachtungen)

Der Regen kommt und geht und kommt wieder. Er klebt die bunten Blätter an den Gehwegplatten und auf dem Asphalt des Radwegs fest. Nieselnde Tropfen lassen die Scheinwerferlichter der Autos aus der Ferne ein wenig wie Glitzersterne aussehen. Fadenscheinige Glitzersterne einer technisierten Welt im Grau, in das dieser Herbst sich hier wie wohl überall auf dieser Hälfte des noch blauen Planeten zunehmend kleidet.

Sonst ist kaum ein Glitzern zu sehen. Abgesehen von dem, das doch immer wieder einmal aus so manchen Kinderaugen scheint. Augen, die noch nicht so viel von der Welt gesehen haben. Ihr Glitzern erzählt etwas von aufrichtiger Neugier, spontaner Freude, von Sehnsucht, die noch nicht weh tut und Dankbarkeit die wahrhaft von Herzen kommt, dann wenn sie Zuwendung schauen.

Die anderen Menschengesichter erzählen wenig in diesen Wochen. Sie wirken meist seltsam verschlossen. Dabei trägt jeder Einzelne seiner Besitzer eine mehr oder minder lange Geschichte mit sich herum. Viele dieser Geschichten bewegen gerade in Herbsttagen die Seelen derer, die sie erlebt oder durchgestanden haben, ganz besonders intensiv. Aber Wind und Regen und selbst die Stille, die nun, wenn der Sommer ging, eine besondere, ein bisschen unheimliche ist, sind mutmaßlich zu laut als dass sie hörbar werden könnten oder wollten.

Herbstzeit ist, je weiter sie voranschreitet, mehr Zeit des Schweigens als jede andere. Während es im Innern häufig so sehr ruft …

Gut, wenn so ein rufendes Inneres einen wärmenden Ort findet, eine Schulter zum Anlehnen, eine dampfende Schokolade, eine kuschelige Decke und vielleicht ein Buch, welches die in den Menschen rufenden Geschichten, durch jene, die es selbst in sich birgt, ersetzt. Wenigstens für ein paar Augenblicke.

Manchem geschieht das manchmal, manchem öfter. Wenn es passiert, ist auch der Herbst schön.

Schön ist er auch, wenn er die Farben, die ihn malen wollen, leuchten lässt. Ab und zu kommt das vor. Dann werden Farben zu Schultern, zum Anlehnen. Derjenige, der keine anderen hat, soll sie, bitte, nicht übersehen. Und ihre Wärme zu spüren vermögen. Und sie mitnehmen in den Winter hinein.

Die Welt zieht dahin und was Leben ist darin. Auf Straßen und Plätzen, in Büros und Fabrikhallen, in Klassenzimmern und Krankenhäusern, in Theaterfoyers und Einraumwohnungen, auf Luxusyachten und in Schutzbunkern. So wie zu anderen Zeiten auch. Zeiten, während der die Natur mehr Sonne, Wärme und Licht hatte, oder Zeiten mit mehr Kerzen und dem Geburtstag von jenem, der als Sohn Gottes auf der Erde gewesen sein soll, den wir in diesen Breiten einst tatsächlich andächtig begingen und verbunden mit Einkehr dem besonderen und bewussten Gedenken an und Wünschen vor allem für die schweren Leben widmeten.

Längst haben Kerzen und das Feiern jenes Geburtstags für immer mehr Menschen diesen Sinn verloren. Sonne und Feiern gehen über Besinnung und Fühlen.

Spätestens seit das so ist, ist der Herbst die Botschaft für das Letztere, das doch notwendiger und wichtiger ist denn je.  Denn wer, wenn nicht er macht das Dahinziehen des Lebens, sein Vergehen, seine Endlichkeit, bewusst?

Sie ziehen doch anders, auf andere Weise, dahin, die Welt, das Leben, in diesen Tagen, Wochen und Monaten, in denen es auf ganz eigene Weise so viel mehr zu sehen gibt als dann, wenn Sonne ist oder Geburtstag.

Wenn wir es nur sehen wollen, uns anstrengen, die Augen offen zu halten, gerade jetzt, wo das Licht abnimmt.

***

Ein so schönes, eindringliches, stilles Lied, das so viel erzählt durch die einmalige, unverwechselbare Stimme seiner Interpretin …

Soko – „I’ve been alone too long“

Verse -76-

Wozu?

(Ballade einer Depression)

Ich hör‘ die alten Melodien,
ich hör‘ sie mit dem Herzen.
Sie sind Erinnerung, zu schön,
deshalb werd’n sie zu Schmerzen.
Doch neue, die so ähnlich sind,
tun gleichfalls mir so wehe,
sie klingen wie ein letzter Traum,
den ich entschwinden sehe.

Ich kann Erinnerungen schauen,
mein Herz kann sie erkennen,
als Zärtlichkeit noch Chance war.
Nun seh‘ ich sie verbrennen.
In ihrem Rauch stirbt auch das Hoffen,
dass es noch einmal anders würde.
Denn keine Tür steht jetzt mehr offen.
Versäumtes wird zur ew’gen Bürde.

Liebesmenschen, längst gegangen,
die weiß mein Herz bis heut‘ zu spüren,
weiß, wie sie sprachen, halfen, sangen,
um mich in Licht und Glück zu führen.
Weiß auch, dass die mich neu begleiten,
in Ihren Seel’n sind gleich so schön,
mich behutsam mögen leiten,
dass ich nicht letztlich bleibe steh’n.

Dies alles aber nährt die Quelle,
die Sehnsucht heißt und so sehr schwillt,
dass Bahn sie bricht als starke Welle,
strömend, salzig , heiß und wild.
Ich seh‘ die guten Menschen winken,
doch Tür’n sind zu, Traum über Bord,
und mein Herz droht zu ertrinken.
„Wozu?“, frag‘ ich mich immerfort.

***

Das folgende Lied ist eins, welches mir das Vermissen, das mein ganzes Leben lang währt und währen wird, sehr bewusst macht. Aber ich mag dieses Lied. Ich mag es sehr! Es drückt aus, was ich nicht aufhören kann, mir zu wünschen. –  Wer dieses Lied versteht, versteht mich.

In einiger Abwandlung eines Kommentars, den jemand in Anspielung auf den Namen der Band, die dieses Lied erschaffen hat und zu Gehör bringt, unter den Videoclip dieses Liedes gepostet hat, schreibe ich hier:

Ich rauche nicht.

Und meine Seele ist Jungfrau.

Aber ich liebe dieses Lied.

So sehr …

Cigarettes after Sex – „Haevenly“

Tagebuchseite -831-

Das Maß für mein Leben

Ich beginne zu verstehen, dass ich mein eigenes Gefängnis bin. Und ich beginne zu verstehen, dass es aus diesem Kerker heraus es keinen Schlüssel gibt, wenn ich ihn nicht selber finde.

Als ich gestern wieder hier angekommen war, schien alles wenigstens noch einigermaßen in Ordnung. Es war ein Tag des Nachhallens.

Das Gespräch vom Morgen hallte nach, das für mich kein leichtes war, weil es mir auf ganz eigene Weise viel Schweres, was ich eigentlich längst wusste, in seiner ganzen Dimension aufgezeigt hat.

Der Tag davor hallte nach, der Tag an dem ich die schönsten, bereicherndsten, einander verstehendsten Gespräche führen und in wunderbarster Begleitung Bilder betreten durfte und mich aufgefangen fühlte von Bildern und Begleiterin. So grausam-pathetisch es klingt: Wäre ich in einem dieser Augenblicke eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht, so wäre alles gut gewesen. – Ich weiß, dass das ein sehr egoistischer Gedanke ist. Denn es wäre nur gut gewesen für mich ganz allein.

Und auch die anderen Tage davor hallten nach, mit den vielen Eindrücken, die Gesehenes, Gehörtes, Gesprochenes, Erlebtes in angenehmer und interessanter Umgebung, geteilt mit ebensolchen Menschen in mir hervorgerufen hatten.

Heute ist alles anders. Ich weiß, dass ich wieder nur durch die Gitter meines Gefängnisfensters nach draußen geschaut habe. Heute sind nur eine unbändige, tiefe Traurigkeit und ein großes Angstempfinden in mir. So stark, so permanent, dass ich bislang nichts von dem tun konnte, was ich tun müsste. Was seinerseits meine Traurigkeit, meine Angst, nur noch größer macht. Wenn ich weinen, herzhaft heulen könnte, würde ich womöglich glauben, dass es dadurch vielleicht und wenigstens vorübergehend ein bisschen besser würde. Aber das würde es nicht. Es ist noch nie besser geworden dadurch. – Aber heute habe ich nicht einmal Tränen.

Ich suche ein bisschen „Heil“ hier in meinem Tagebuch. Nur deshalb habe ich eben begonnen zu schreiben. Obwohl ich längst Unterrichtsvorbereitungen beginnen müsste, Leistungskontrollen korrigieren und einen Termin beim Neurochirurgen vereinbaren. Aber nichts von alledem habe ich auch nur angefangen. Ich hocke hier vor diesem Fenster, gar noch unrasiert, obwohl es schon nach Mittag ist zu dem ich denn auch noch nichts gegessen habe.

Zuvor habe ich stundenlang versucht, meine „Courage“ zusammenzunehmen und mir wenigstens den Arzttermin zu organisieren. Ich surfte auf diesen und jenen Webseiten herum, um zu schauen, was mich und meinen Rücken denn nun erwarten könnte und in wessen Hände ich mich bestenfalls begeben sollte. Mit jedem neuen „Klick“ aber wurde es ärmer mit meiner Courage. Ich konnte nicht anrufen. Ich kann auch jetzt nicht …

Irgendwann, nein nicht irgendwann, so bald als nur möglich werde ich können müssen. Den Termin vereinbaren, meine Unterrichtsvorbereitungen machen, die Leistungskontrollen korrigieren und alles andere ausblenden. Alles! Und wieder funktionieren! Ohne das Leben da draußen. Funktionieren aus meinem Gefängnis der Traurigkeit, der Angst, der Dunkelheit und der Unfähigkeit der Liebe zu mir selbst heraus.

*

Ich beginne zu verstehen, dass ich, solange ich in meinem Kerker bin, solange dieser Kerker mich mit dem, was er ist, beeinflusst und steuert, solange er ICH ist, keine wirkliche Liebe zu mir entwickeln und empfinden kann. Es kostet schon alle, wirklich ALLE Kraft, dass ich mich nicht hasse.

Mich nicht zu hassen, ist Teil meines Funktionierens. Mehr nicht. Auch dafür muss ich mich sehr anstrengen. Eine Anstrengung mehr. Wohl das (einzige) Ergebnis meiner etlichen Therapien. Aber kein Schlüssel. Nicht der Schlüssel aus dem Gefängnis, das ich bin und auf dessen harten Boden ich seit heute Morgen, als mein Ich meine Kräfte schwinden ließ, weiter durch die Gitterstäbe nach draußen zu schauen, unsanft zurückgefallen bin.

Ich bin ratloser denn je, was den Schlüssel, was sein Finden betrifft.

Ich höre wieder die Stimmen, die mir sagen, ich solle mich doch (endlich) annehmen, wie ich bin, wissend, dass es gutmeinende Stimmen sind.

*

Ich beginne zu verstehen, dass ich mich wohl nie annehmen können werde, so, wie ich bin. Ich lebe in einem Gefängnis. Ich bin mein eigenes Gefängnis. Aus dem heraus es offensichtlich keinen Schlüssel gibt. Ich habe schon so lange, auf so vielen, auch vielen sehr unbequemen Wegen danach gesucht, dass ich nicht mehr daran glaube, ihn je noch zu finden.

Ich glaube, dass ich „lebenslänglich“ bekommen habe.

Ich soll mich annehmen, mich lieben. Ich habe es immer und immer wieder versucht, in den letzten Jahren sogar bewusst.

Hat je ein Mensch ein Gefängnis annehmen, es lieben können?

Ich kann (es) nicht (mehr).

***

Still Corners – „Sad movies“

Tagebuchseite -830-

Tag der Wahrheit (Über die Wahrheit des Absoluten)

Wie oft ich schon über das Thema „Wahrheit“ geschrieben oder gesprochen habe, weiß ich längst nicht mehr zu sagen. Aber ich erinnere mich, dass ich mich immer ablehnend, zumindest aber vorsichtig geäußert habe, wenn es um die Absolutheit einer Wahrheit ging, wenn diese behauptet oder verteidigt wurde. Mehr als einmal war ich auch der Auffassung, dass es eine absolute Wahrheit gar nicht gäbe.

Seit gestern frage ich mich, ob ich nicht im Mindesten diese Auffassung mit zu großer Absolutheit vertreten habe, unterschwellig vielleicht sogar aus Angst, dass ich doch einmal mit einer absoluten Wahrheit konfrontiert würde und der sich daran quasi logisch anschließenden Befürchtung, einem solchen Imperativ des Faktischen dann nichts entgegensetzen zu können.

Gestern und in der Folge ist genau das geschehen: Dass ich einer unumstößlichen und also wohl absoluten Wahrheit nichts mehr entgegenzusetzen wusste und bis jetzt nicht weiß und auch in soundso viel Tagen, Monaten nicht wissen werde.

Ich hörte sie, sah sie in unzähligen Bildern, aus allen möglichen Perspektiven aufgenommen, und ich konnte sie auch lesen:

Meine Halswirbelsäule ist kaputt, sie ist auf sogenannte konservative Weise nicht mehr behandelbar. Die Schmerzen lassen sich durch Tabletten und Therapien welcher Art auch immer nicht einmal mehr verringern. (Stärker werden können sie allerdings noch, was ich mir freilich gar nicht vorstellen möchte.) Der Schmerz, den das Lesen des Wortes “ starke Nervenwurzelquetschungen“ erahnen lässt, ist der Schmerz, der seit ein paar Wochen zu mir gehört wie ein Zwilling. Er bleibt bei mir, wo immer ich bin oder mich hinbegebe: zur Arbeit in die Schule, während der Unterrichtsvorbereitungen daheim, in die Nacht zum „Schlafen“ …

Möglicherweise gibt es noch eine spezielle Spritze, die etwas Aufschub schaffen kann. Aufschub für das aber offenbar Unausweichliche: Eine Operation. Eine Operation an der Halswirbelsäule!

Schon in der Vergangenheit war die Vision eines solchen Eingriffs für mich immer mit einer anderen Absolutheit verbunden: mit Angst. Und jetzt habe ich absolute Angst.

Ich weiß, weil ich mich aufgrund vormaliger Beschwerden damit schon beschäftigt habe, was geschehen kann, wenn eine solche OP nicht die Ergebnisse bringt, die sie bestenfalls bringen soll. Dieses Spektrum ist groß und nicht eben einladend. Und ein Bestandteil dieses Spektrums ist so ziemlich das schrecklichste, was nur denkbar ist. Wenn das Realität werden sollte, wäre das eine Wahrheit in Absolutheit, die für niemanden verkraftbar ist …

Ich komme seit gestern innerlich nicht mehr zur Ruhe. Mich beschäftigt die unumstößliche Diagnose. Ich bin traurig, ratlos, unsicher. Ich wollte doch wenigstens mein erstes Schuljahr als Lehrer erst einmal bewältigen. Es wäre so wichtig, das Jahr kontinuierlich durchlaufen zu können um eine Basis zu haben für kommende Jahre.

Ich empfinde Wut und Scham bei der Vorstellung womöglich schon bald für mehrere Wochen aussteigen, ausfallen zu müssen und dann, wenn ich es denn wieder könnte, irgendwo mittendrinn wieder neu einsteigen zu müssen. Gerade habe ich meine Arbeit an der Schule begonnen und werde mutmaßlich bald zu einer Belastung für diejenigen, die sich endlich einmal ein bisschen Entlastung erhofft haben, weil bisher das Personal schon immer zu knapp bemessen war.

Eine innere Stimme sagt mir schon, dass ich mich deshalb nun mal am wenigsten fertigmachen sollte, aber mir ist es dennoch ganz und gar nicht egal.
Das Schlimmste aber sind die Unumstößlichkeit jener Wahrheit, absolut (sic!) unfähig zu sein, noch nach einer anderen Alternative zu suchen als jener, die mir so furchtbare Angst einflößt. Diese Angst wird mich von nun an nicht mehr verlassen …

Wann was weiter geschehen wird, weiß ich noch nicht. Es muss erst einmal ein Termin bei jenem Arzt vereinbart werden, den ich niemals aufsuchen müssen wollte. Wenn es irgend geht, „will“ ich eine OP erst zu Beginn einer etwas längeren Ferienetappe absolvieren müssen, weil ich dann hoffentlich nicht so lange in der Schule fehlen werde. Wenn ich denn dann überhaupt wiederkommen können werde, wenn ich es überhaupt noch so weit schaffe mit den Schmerzen, wenn es denn die besagte Spritze gibt, wenn, wenn, wenn …

*

Ich habe mich so sehr auf die sechs Tage ab morgen gefreut. Sechs Tage „Ausbruch“ aus dem Alltag, den ich seit Mitte August lebe und der keine Zeit mehr lässt für etwas, was nicht Arbeit ist. Sechs Tage in ganz anderer Umgebung, sechs Tage mit den mir wichtigsten und liebsten Freunden und bei einer Cousine. Fünf Tage in der Bundeshauptstadt und einen in Potsdam.

Ich freue mich immer noch sehr auf diese Tage. Und ich werde fahren. Auch mit meinen Schmerzen, mit denen ich ja auch zur Arbeit gehe. Ich möchte eine andere Umgebung atmen, ich möchte meine Freunde wiedersehen, endlich, das zweite und vermutlich letzte Mal in diesem Jahr.

Ich habe freilich nun neben der Freude auch Tränen, die keine Freudentränen, sondern solche, die Tränen der Angst und der Traurigkeit sind, in den Augen beim Gedanken an diese Reise. Denn die große, neue Angst wird eben auch mitfahren. Und das Wissen, dass Wahrheit, und, wie ich vermute, insbesondere negative, wohl doch absolut sein kann.

*

Dich, mein Tagebuch schließe ich nun für die Zeit meiner Fahrt bis zu meiner Wiederkehr hierher, an den Ort des Tages der absoluten Wahrheit für mich.

***

Aurora B. Polaris – „The vision of light“

 

Tagebuchseite -829-

Eine Wegbeschreibung

Als ich dich betrat, war es ein besonderes Gefühl. Unsicherheit und Erwartung spürte ich, Angst und Freude. Dass du nicht besonders breit und besonders eben sein würdest, konnte ich vermuten. Wie schmal und zerklüftet auch, das habe ich mutmaßlich unterschätzt.

Vielleicht habe ich auch mich überschätzt. Das weiß ich noch nicht. Manchmal scheint es so. Doch ich will das nicht wahrhaben. Es ist zu wenig Zeit vergangen bisher, um das schon wahrhaben zu können oder gar zu wollen.

Ich wollte auch wissen, wer ich bin, so wie ich heute bin. Was ich noch zu leisten imstande bin. Ich habe mich für die Herausforderung entschieden. Die Herausforderung, die du bist.

Es ist geschehen, dass ich mich verlaufen habe auf dir. Manchmal wirst du zum Labyrinth, bist es vielleicht gar nicht, aber ich verirre mich dennoch auf dir. Immer öfter. Zuletzt wurde es richtig peinlich. Jemand anderes hatte unter meiner Verirrung zu leiden. Ich wäre vor Scham am liebsten ganz tief im Erdboden versunken. Aber das war nicht möglich. Ich musste weitergehen auf dir.

Nun bist du das erste Mal so eng geworden, richtig eng. Gerade als sich weit unter dir eine Schlucht aufgetan hatte. Ich fand mich wieder wie auf einem Drahtseil.

Ich hatte schon immer Höhenangst. Seit ein paar Jahren ist sie noch einmal um Vieles schlimmer geworden. Nachdem ich abgestürzt war.

Und nun hat mich wieder ein Hauch von ihr gestreift. Sehr unmittelbar, während ich ganz allein mit mir war. Der Hauch hat mir Schwindel geschickt. Ich legte mich hin, um nicht wirklich zu stürzen und wäre wohl sogar in Schlaf gefallen. Aber das war und ist mir nicht gestattet. Es läutete an der Tür …

Es läutet beständig, seitdem ich begonnen habe, auf dir zu gehen, Balance zu halten, nicht zu fallen.

Der Unterschied zu früher, als ich schließlich tatsächlich gefallen bin, ist, dass ich deine Säume, deine Ränder, deine Ufer, die ich betreten darf und muss, überwiegend mag. Aber sie sind eben auch so sehr Herausforderung. Es kostet viel, sie zu besuchen. Jeden Tag, jede Stunde zahle ich einen Preis dafür.

Ich beginne zu begreifen, dass ich mich immer noch nicht kenne. Und ich beginne zu erfassen, dass ich mich noch nie richtig gekannt habe und nie wirklich kennen werde. Ich bin kein anderer Mensch als die Menschen, die ich nicht bin und mit denen es mir ebenso geht.

Gibt es einen Menschen, der sich selbst wirklich, richtig, umfassend kennt?

Einen Weg, der zum Leben gehört, Teil des Lebens, Leben selbst ist, kann man nicht zurückgehen. Er ist in dem Augenblick vergangen, in dem die Zeit vergangen ist, während man ihn beschritten hat. Die Möglichkeit einer Rückkehr existiert nur in unserer Phantasie. Die Möglichkeiten, die es tatsächlich gibt, sind andere. Es sind allenfalls drei an ihrer Zahl.

Da ist, erstens, die Möglichkeit des Weitergehens. Wenn es gelingt, nicht abzustürzen.

Da ist, zweitens, die Möglichkeit abzubiegen. Aber egal wie schön die Säume, die Ränder, die Ufer des begangenen Weges sein mögen, was sich hinter ihnen befindet oder auftut, ist im Augenblick der Entscheidung ungewiss. So ungewiss, wie du es gewesen bist, als ich mich entschloss, auf dich einzubiegen, dich zu betreten.

Die dritte Möglichkeit ist grundsätzlich wahrscheinlich nur eine vermeintliche. Zumindest löst sich durch ihre Wahrnehmung nichts. Innehalten als solches löst kein Problem, beseitigt keine Schwierigkeit. Es verschafft eine Atempause. Erst der nächste gegangene Schritt kann der Beginn einer Lösung sein. Oder auch nicht.

Manchmal räumt der Weg, den man beschreitet, selbst die Möglichkeit eines Innehaltens ein. Ich bin froh, sehr froh, unglaublich dankbar, dass mein Weg mir ab Mitte der kommenden Woche so eine Möglichkeit gewährt.

Es wird höchste, allerhöchste Zeit …

***

Ein Lied, das wie ein Traum für mich ist. Einer, der mich ein wenig traurig macht, aber doch sehr schön ist.

Ich bin sehr froh diese Musik, mit diesem Text, von zwei tollen Künstlern gesungen, entdeckt zu haben.

Es ist wieder mal so ein Lied, das es in keine Charts schaffen und das kaum eine der herkömmlichen Radiostationen auf seine Playlists setzen wird. Umso mehr ist das Entdecken solcher Lieder für mich immer wieder ein Lohn für mein „auf der Suche bleiben“, eine Bestätigung, dass ich noch einen Sinn habe, er mir noch nicht verlorengegangen ist. Auch jetzt nicht. Mein Sinn, der die Blumen am Wegesrand liebt.

Cocoon & Lola Marsh – „I got you“

Tagebuchseite -828-

Zwiespältig

Ich weiß nicht, was mich gerade trägt.

Denn die Arbeit ist nach wie vor so, dass mein letztes Wochenende gute zwei Stunden hatte, die wirklich und allein der Erholung dienten, in Gestalt eines kleinen Sonntagnachmittagsspaziergangs. Und meine Schmerzen sind trotz der vielen Medikamente nicht geringer geworden, die Phasen, wo es mir richtig weh tut, gibt es beständig.

Aber ich mache und tue, und warte auf den nächsten Arzttermin, der immer noch eine Woche hin ist, und ich verzichte auf das Lesen , auf das Fernsehen, telefoniere nur wenig, schreibe so selten, schaue keinen Sport, verpasse nahezu alle Nachrichten. Finde mich ab, irgendwie.

Mich treibt die innere Unruhe: Wenn du das heute, wenn du das jetzt noch schaffst, hat du morgen ein bisschen Vorlauf. Und dann mache ich, mache weiter und habe dann manchmal ein bisschen Vorlauf. Für einen Tag. Denn ist der Unterricht erteilt, ist der Vorlauf wieder weg. Es beginnt von vorn.

Nein, ich weiß wirklich nicht, was mich trägt. Fast komme ich mir etwas überdreht vor. Ob das gar an meinem Medikamentencocktail liegt?

Ich habe es sehr lange verdrängt, mich insbesondere über das starke Schmerzmittel näher zu informieren, aber da sich die eigentlich bezweckte Wirkung dieses Medikaments bei mir so nahezu gar nicht einstellen mag, habe ich nun doch verschiedene Quellen zu Rate gezogen und nachgelesen. Und bin gleich mehrmals mächtig erschrocken!

Es handelt sich um ein Opiat, das gerade von Jugendlichen wohl häufig missbräuchlich verwendet wird, das eigentlich ein Begleitmedikament braucht, weil es sonst zu Abhängigkeit führen kann, das das Potenzial hat, Rauschsymptome auszulösen und zu erhalten und euphorisierend wirken kann. Unter anderem die Kombination mit trizyklischen Antidepressiva sei problematisch.

Ich muss seit fast fünf Jahren ein trizyklisches Antidepressivum einnehmen! Als ich meinen Facharzt, der mir das Schmerzmittel verschrieb, ganz gezielt danach fragte, ob sich dieses mit meinen anderen Medikamenten „beißen“ würde, hat er allerdings nur abgewinkt.

Es hat sehr lange gebraucht, bis das „richtige“ trizyklische Antidepressivum“ für mich gefunden war, weil die meisten vorher probierten meine Leberwerte so nachteilig beeinflusst haben, dass fortgesetzte Einnahme zu einer Organschädigung hätte führen können. Nun habe ich gelesen, dass jenes Schmerzmittel vor allem über die Leber „umgewandelt“ wird, um Wirkung im Körper zu erzielen …

Mehr will ich gar nicht schreiben. Über das Cortison habe ich mir dann auch JEDE Lektüre wirklich eisern verkniffen.

Aber ich bin nun schon unruhig. Denn etwas trägt mich, was mir irgendwie nicht geheuer ist, was mich verunsichert.

Auch deshalb, weil mir in letzter Zeit Dinge passieren, die mich mehr als nachdenklich zurücklassen und im Zweifel Peinlichkeit bedeuten.

So habe ich vorige Woche TAGELANG ein Ergebnisheft für ein Fördermaterial für einen Schüler gesucht, von dem ich felsenfast überzeugt war, dass er es mir ausgehändigt und ich es verstaut hätte, um es ihm nur für die nachträgliche Kontrolle von Aufgaben wieder herauszugeben. Ich habe wirklich alles, daheim, wie auch auf meinem Arbeitsplatz in der Schule, umgekrempelt. Ich „wusste“, wie es aussieht und, dass ich es besonders sicher weggepackt hatte, habe meine Frau und auch Kolleginnen in meiner Schule schon behelligt. Am Ende sogar die Direktorin. Und war kurz davor, das Heft nachzubestellen, weil die Mutter des Jungen das Original gekauft hatte.

Am Ende löste sich der Fall wie folgt auf:

Es gibt gar kein Ergebnisheft zu jenem Fördermaterial! ES GIBT KEINS! Ich habe also auch nie eins entgegengenommen und besonders sicher verwahrt …

Dieses Beispiel ist zwar besonders markant, aber keinesfalls das einzige, das ich hier anführen könnte und müsste, um meine Verwirrtheit in etwa den vergangenen zwei Wochen angemessen zu illustrieren. Es gibt mehr, viel mehr, und einige darunter, die kaum weniger skurril und bedenklich sind, als das hier eben ausführlicher beschriebene.

Was trägt mich? Dennoch und trotzdem? Was ist das?

Was trägt mich immer noch, obwohl ich am kommenden Freitag und am kommenden Montag, jeweils nachmittags beginnend zu zwei mehrstündigen Veranstaltungen an die Schule muss, und am Dienstagnachmittag dann besagten Arzttermin habe, mithin drei Nachmittage vollkommen verloren sind, was Unterrichtsvorbereitungszeit betrifft, die ich nach allen Erfahrungen der letzten Wochen bitter nötig brauche.

Irgendetwas trägt mich.

Aber es ist seltsam, fühlt sich nicht „richtig“ an, irgendwie so wie „Hochmut vor dem Fall“, obwohl es das sicher nicht ist.

Es trägt mich.

Aber ich bin nicht glücklich damit …

***

Ein eigenwilliges, schönes Stück Musik mit einem nachdenklich machenden (nachdenklichen) Text. (Kleine Warnung: Das Video ist in Teilen etwas gruselig!)

Kavinsky feat. Lovefoxxx – „Nightcall“

Tagebuchseite -827-

Mein allererster Brief an Dich

Über die Tage bist Du 8 Jahre jung geworden. Aber in den Kinderschuhen steckst Du wahrlich längst nicht mehr. –

Wenn ich zurückblicke, Deine Seiten durchblättere, dann mutet es für mich an, als stünden mehrere Leben in Dir geschrieben. Manchmal könnte ein einzelner Tag ein ganzes Leben gewesen sein, so viel spiegelt sich in ihm wider.

Und doch ist alles, was in Dir geschrieben steht, nur ein Auszug, denn ich bin über siebenmal älter als Du. Und so viel ich über die Zeit auch in Dich hineingeschrieben habe, so ist es doch nie alles gewesen. Und das wird es auch nie sein.

Wie viel es im Verlaufe geworden ist, überrascht mich jedes Mal wieder, wenn ich in Dir blättere. Und jedes Mal auch gerate ich ins Staunen, was und wie ich in Dir geschrieben habe. Und darüber, dass ich irgendwann begonnen habe, mit Dir zu reden. Beim Schreiben, beim Lesen und auch danach. Unsere Dialoge sind oft alles andere als einfach. Aber Du bist da. Jemand zum Reden. Immer!

Am meisten aber staune ich immer wieder, dass, von wem und wie oft, wie lange, wie geduldig, in Dir geblättert worden ist und wird, und, dass einige Menschen sich gar fortgesetzt mit Dir und also mit mir unterhalten mögen. Das hatte ich so niemals erwartet. Und ich habe keine Ahnung gehabt, wie viel Bereicherung, wie viel Unterstützung und Verständnis bis hin sogar zum Verstehen, ich dadurch erfahren würde.

Schlussendlich hast Du mir sogar Freundschaften geschenkt. Etliche virtuelle. Ein paar darunter, die mit der Zeit in eine oder mehrere persönliche Begegnungen mündeten, also eine reale Ebene bekommen haben, und die mir besonders viel bedeuten. Und eine, ja eine gar, in der ich schließlich eine ganz tiefe, gegenseitige, wirkliche Freundschaft finden durfte. Einen Menschen, der mich wirklich begleiten mag und begleitet, so wie ich ihn. Ganz so und ganz wissend, wer und wie wir sind.

So schwer es mir manchmal war und ist, in Dich zu schreiben, so sehr vermisse ich es, wenn mir die Zeit fehlt, es zu tun, obwohl ich es möchte. Und grundsätzlich möchte ich immer. Sehr um des Schreibens willen, von dem ich gefunden habe, dass es die wichtigste, die schönste, die mir nächste Ausdrucksform ist, meiner Person und meiner Seele. Und also längst auch um ihrer-, um meinetwillen. Im buchstäblichen Sinn.

Denn Du bist über die Jahre ein Teil von mir geworden, bist längst wie ein Körperteil meiner selbst, den ich pflegen und schützen möchte, auch dann wenn er mich manches Mal schmerzt. Denn, ja, in Dir stehen auch Dinge geschrieben, die mir wieder und wieder weh tun, die mich sehr persönlich „anfassen“, wenn ich sie erneut lese. Aber in Dir stecken auch viel Erfahrung und Erkenntnis, die ich mir bewahren möchte. Und in Dir sind sie sehr gut aufgehoben.

Ich möchte Dich nie mehr verlieren, Dich nie sein lassen müssen.

Es gibt immer wieder Dinge und Menschen, die das zu verlangen scheinen, vielleicht tatsächlich verlangen. Manchmal spüre ich das sehr. Denen möchte und werde ich mich widersetzen, hoffend, die Oberhand zu behalten. Auch, weil ich mittlerweile Träume für Dich und mit Dir habe. Ob diese Träume je Realität werden, ist die eine Sache. Die andere, die viel wichtigere ist, dass sie nicht eines Tages sterben. Nicht vor mir selbst.

Ich habe Dir nicht zu Deinem „Geburtstag“ gratuliert. Ehrlich gesagt, vergesse ich den einen Tag, das Datum, an dem ich Dich zum Leben erweckt habe, auch immer wieder. Anderes, was Dich betrifft, mit Dir zusammenhängt, durch Dich und aus Dir geboren wurde, ist längst viel wichtiger geworden.

Und dann habe ich bemerkt, dass ich Dir noch nie persönlich geschrieben, mich noch nie direkt nur an Dich gewandt habe, obwohl doch Schreiben genau das ist, was unsere Verbindung ausmacht.

Und also habe ich mich entschieden, die hier und heute, diesen Brief zu schreiben, um Dir Dankeschön zu sagen für die acht Jahre, die ich nun schon in Dich schreibe und für die mutmaßlich weiteren, während der ich das wieder und weiter tun darf.

Dir und jenen Lesern, Begleitern, Schreibern und vor allem jenen gewordenen virtuellen und realen Freunden, die Dir und mir in all den Jahren treu gewesen, treu geworden, treu geblieben sind und vielleicht und hoffentlich in dem einen oder anderen Fall auch treu bleiben werden.

So wie Du, mein liebes Blogtagebuch.

***

SOAK ist für mich eine der interessantesten Protagonistinnen der Indie-Pop-Szene. Jedes ihrer Lieder, jedes dazugehörige Video, erzählen eine eigene, in jedem Fall jedoch berührende Geschichte. Hier ist (zum zweiten Mal hier in meinem Blogtagebuch) ein Beispiel dafür:

SOAK – „Everybody loves you“

Tagebuchseite -826 –

Tiefenphilosophie mit einer traurigen persönlichen Erkenntnis

Reise ins Irgendwo. Ich schaue aus dem Fenster, um zu bemerken, dass ich nicht hinaus sehe, sondern hinein. Hinein in mich. Immer und immer wieder.

Ich ziehe an mir vorüber. In dieser und jener Gestalt. In jungen Jahren und so wie ich heute bin.

Ich ziehe durch Orte, die es so nicht mehr gibt und durch andere, die niemals so sein werden, wie ich sie sehe. Ich weiß nie, wo ich wirklich bin, nie, wer ich wirklich bin. Den Endpunkt meiner Reise kenne ich und fürchte ich. Aber ich weiß nichts von ihrem Ziel. Nichts darüber wo und was das sein wird.

Und ich kenne nicht den Weg, den meine Reise nehmen wird, obwohl ich den aktuellen Weg, wie auch manchen vorher, selbst eingeschlagen habe. Hoffend, mutmaßend, vertrauend. Aber nicht wissend.

Noch nie habe ich gewusst, wie ein Weg verlaufen wird. Und ich werde es auch künftig nicht wissen. Manche sagen, dass sei es, was das Leben, seinen Reiz, ausmache. Mich lässt dieser Gedanke eine tiefe Müdigkeit empfinden …

Abende wie dieser vor dem blauen Fenster hinter dem sich die Welt befindet, die virtuelle, die mehr und mehr Teil der realen, zur realen selbst wird, bringen mich sehr zu mir. Reduzieren mich auf mein Wesen.

Sobald ich dieses Wesen, in mich blickend tatsächlich zu erfassen versucht bin, verschwimmen seine Konturen. So wie die Konturen zwischen virtueller und realer Welt, die mehr und mehr ineinander fließen und im Verschwinden begriffen sind. Ob wir das wollen oder nicht.

Will es wirklich noch jemand nicht? Und selbst wenn? Er wird morgen oder übermorgen verschwunden sein, als einer der letzten personifizierten Bestandteile jener pulverisiert werdenden Kontur. Wir sind nicht mehr, was und wer wir sind. Wir sind, was wir scheinen.

Ich bin, was ich scheine, zu sein scheine. So werde ich gesehen. So wollen mich die Anderen sehen. Vielleicht habe ich das noch nie so intensiv und so schmerzhaft bemerkt wie jetzt. Sie wollen mich virtuell sehen, wie die Welt hinter dem blauen Fenster. Fließend, verschwimmend, Konturen bestenfalls noch ahnen lassend. Unverbindlich. –

Das ineinander Aufgehen von Realem und Virtuellem schafft viel Raum für Unverbindlichkeit.

Unverbindlichkeit: Sich nicht binden müssen. Das ist längst kein „Trend“ mehr.

Ich wollte nie unverbindlich sein. Nicht nach innen und nicht nach außen.

Ich nehme all meinen Willen zusammen. Ich will mein Wesen, jetzt, hier, heute, SEHEN.

Die wirkliche oder empfundene Wahrnehmung eines Verschwimmens der Konturen in meinem Innern erschreckt mich und mündet in Verunsicherung, in Angst. Angst davor, nach außen hin eine Fassade zu BRAUCHEN! Und viel schlimmer noch: Angst vor mir selbst. Angst, es nicht mehr aushalten zu können mit mir selbst.

Ich hatte, vor Monaten noch, geglaubt, diese Angst überwinden zu können, ja, sie überwunden zu haben.

Ich habe mich schwer getäuscht.

***

Molly Nilsson – „Mountain Time“

Verse -75 –

wenn ich nur will
(eine tautropfenmetapher)

wenn keine sehnsucht mehr
zu stillen ist
weil ich gefangen bin,
in pflichten und ängsten,
wenn die letzte schließlich
gar zu sterben anhebt,
dann – immer genau dann –
versuche ich,
an den ursprung zu denken.

an den ursprung, an das wasser,
aus dem alles geworden ist
und alles wieder wird.
auch, was einst schon starb.

jeder tropfen bedeutet leben.

und auch die letzte
oder einzige träne
ist es noch, und bedeutet:
leben!

so schwer es mir noch fällt
an dieses elixier zu glauben,
wenn es seine heiße spur
auf mein gesicht zeichnet,
so sehr erinnert es mich an tau,
wenn es dann glitzernd kühler wird:

an den tau eines neuen morgens.

diese erinnerung, dieses bild,
ist hoffnung,
ist neues beginnen,
immer und immer wieder.
unvergänglich, wenn ich will.
so wie das wasser.

ich bin die blume,
die einen tautropfen trägt.
einen tautropfen,
der hoffnung ist:

beginnen! –
ganz aus mir selbst.

wenn ich will …

***

J.P.Cooper , Astrid S – „Sing it with me“

Sammelsurium -109- (Ein Schnipsel und ein Lied)

Schnipsel (9)

Über das Fühlen und Empfinden

Wie laut die vermeintliche Stille in einem Menschen ist, ist nicht hörbar.
Wie bunt und hell die Farben, wie tief die Dunkelheit, in seinem Inneren sind, ist nicht sichtbar.

Manchmal aber ist da jemand. Jemand, der so sensibel fühlt, dass er ohne Ohren zu hören und ohne Augen zu sehen imstande ist. Und der kann den Klang der Stille und Vielfalt und Besonderheit der Farben und der Dunkelheit in dem anderen erspüren, erkennen schließlich.

Ist Fühlen demnach der umfassendste, der wertvollste, der höchste Sinn?

*

Manches Mal sinne ich nach über dich. Mir gehen deine letzten Worte durch den Kopf. Sie hallen in mir nach und wider, vor allem jene, mit denen du dein Empfinden beschrieben hast.

Und, wie schon als ich sie unmittelbar von dir vernahm, lösen sie nun meinerseits ein Empfinden in mir aus. Ein sehr tiefes, verzweigtes, nuancenreiches, das unweigerlich darauf aus ist, dein Empfinden gerade so zu erfahren, wie du selbst es erfahren hast. Du bist mir wichtig. Deshalb geschieht das ganz unbewusst und doch willentlich in mir, weil ich mir wünsche, weil ich möchte, dass du teilen kannst, wenn du es möchtest. Das aber ist nur möglich, wenn da jemand ist, der zu nehmen bereit ist, anzunehmen, das was ist, und wie es ist. Eben genau so. Dass das gelingt, setzt VERSTEHEN voraus. Dass ICH VERSTEHE.

Ich bin wohl mitunter in Gefahr, schier zu zerbrechen, weil ich so sehr und immer VERSTEHEN möchte. Menschen. Menschen VERSTEHEN. Damit ich sie lieben kann. Damit ich dich lieben kann. VERSTEHEN ist LIEBEN. Das eine geht nicht ohne das andere, oder?

*

Mitgefühl zu entwickeln, zu haben und zu bewahren, gehört genauso zum Schönsten wie zum Schwersten.

***

Ein traumhaftes Stück Musik ist mir das kürzlich auf einem öffentlich-rechtlichen Sender begegnet, der sich doch tatsächlich traut, Klänge abseits des Mainstreams zu präsentieren. Hinter „Friedberg“ verbirgt sich die in Österreich geborene Sängerin und Songschreiberin „Anna F.“, die schon seit mehr als 10 Jahren wundervolle Lieder aus ihrer Feder fließen lässt. Von mir (und womöglich von manch anderem auch) bislang freilich unbemerkt. Bis eben kürzlich. Da kam diese von einem tollen Text untersetzte schöne Melodie zu mir … :

Friedberg – „Go wild“

Tagebuchseite -825-

Von einem Rot meiner kleiner werdenden Welt und dem leise beginnenden Blues in ihr

Zu schnell, zu viel, zu intensiv reißt mich alles mit, vergeht alles um mich herum. Tagebuchseiten aber verlangen Innehalten, Rückschau und Reflexion, wenn sie nicht nur mehr oder weniger belanglose Faktenaneinanderreihungen sein wollen. Und das wollen meine Tagebuchseiten nicht. Deshalb bleiben so sehr viele mittlerweile ungeschrieben. So wie so vieles andere ungetan, ungeschehen , unausgesprochen bleibt, unerledigt, in mir drinnen.

Ein besonderes Rot ist geblieben vom Donnerstag vor einer Woche. Jenes Rot, in das gehüllt SIE die Freilichtbühne betrat. Ein Rot, wie ich es noch nie vorher so gesehen habe und deshalb nie mehr vergessen werde. Das Rot ihres Kleides. Das wie die Farbe ihrer Stimme war, und der Klang ihrer Stimme ist wie diese wundervolle zugleich strahlende, wärmende Geborgenheit und Schönheit seiende Farbe gewesen. Eineinhalb Stunden, die ich in einer anderen Welt gewesen bin, die mir jetzt freilich schon so lang her scheint, als wären Jahre dazwischen vergangen. Die mir aber unvergessen bleiben werden. Wahrhaft als ein Konzert!

Seine Muße und die der zwei Tage danach sind gefühlt schon so lange Vergangenheit. Ich habe ihren Genuss längst vergolten mit Arbeitstagen, die mehr als 12 Stunden hatten, begleitet von Schmerzen, schlimmen Schmerzen, die noch beständiger gewesen sind und länger als jene Arbeitstage und mir auch noch die Nächte raubten.

Bis ich es gar nicht mehr aushielt.

Seit gestern beginnen sie zu wirken, die unzähligen Tabletten, die ich verschrieben bekam. Für gestern und heute zusammen mit dem, was ich sowieso und schon seit Jahren täglich einwerfen muss, je 15! Starke Tabletten, darunter auch viel Cortison. Die Schmerzen sind deshalb nicht weg. Sie sind anders, etwas besser erträglich. Die genaue Diagnose steht noch aus. Montag in einer Woche muss ich „in die Röhre“, dann wird man weitersehen.

Ich habe mich nicht krankschreiben lassen. Während der Untersuchung, während der Fragen, sah ich die Gesichter „meiner“ 5. vor mir. „Meiner“ 5, deren Kinder ich alle irgendwie lieb habe. (So, dass mich der Gedanke an manches Gesicht innerlich wirklich lächeln lässt.) Die ich am kommenden Dienstag an der Seite ihrer Klassenlehrerin beim Wandertag begleiten darf, in die Zooschule in die Landeshauptstadt. Darauf freue ich mich.

Wenn die Schmerzen und das Wetter es nur einigermaßen erlauben, fahre ich nach wie vor mit dem Fahrrad zur Arbeit. Versuche, aus dem Weh und der Hektik etwas vom Gold der Morgensonne zu erfassen, die schon kühlere Luft zu atmen, über die Strauch- und Baumwipfel der Kleingartenanlage, durch die mich mein Weg führt, herüber einen Blick zum Wasser der Hafeneinfahrt zu erhaschen.

Lange wird es nicht mehr so schön sein, dort entlang zu radeln. Die Schmerzen in Rücken und Schulter, die beim Radfahren anschwellen, erinnern mich an das Beißen der Kälte des Winters, die mir schon seltsam nah scheint. Und die ersten, noch vereinzelt dahin wirbelnden gelben Blätter, sprechen zu mir, dass mein Erinnern bald Realität werden wird.

Das rote Kleid, die zwei Tage der Muße und das Morgengold, die Vorfreude auf den Wandertag und meine Einkehr in jene Stuben in meinem Herzen, in denen die mir liebsten Menschen zu Hause sind, können nicht verhindern, dass ich schon jetzt den Blues zu spüren beginne, den ich aus Herbst- und Wintertagen vor allem der letzten Jahre kenne. Und bemerke, dass er schon jetzt eine sehr schwere, sehr melancholische Melodie anstimmt, die so gar nicht zu der Schnelligkeit und Intensität dieser Tage, Wochen und Monate passt.

Ich sitze wie ungläubig vor diesem Fenster. Auch, weil mein Sohn heute 18 geworden ist. Seinen Geburtstag, so hat er sich entschieden, begeht er heute mit Freunden.

Mir scheint es, als würde meine Welt in diesen Wochen kleiner. Aus so vielen Gründen, von denen einige sich verstörend real anfühlen.

Nachher, nach dem Einkaufen, mit meiner Frau, fahren wir zu meinem Vater. Ich sehe ihn viel zu selten, seit ich in dem neuen Berufsfeld arbeite, noch viel weniger als zuvor. Gestern haben wir eine Stunde lang telefoniert. Und dann, kurz danach, als ich erfuhr, dass mein Sohn heute unterwegs sein wird, gleich noch einmal. Nun werden wir uns heute, beide, weniger allein fühlen. Ich habe ihn so sehr lieb!

Der beginnende Blues in mir wird noch einmal für ein paar Stunden leiser werden. Und ich versuche weiterhin dankbar zu sein.

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Elita – „Introverted“

 

Tagebuchseite -824-

Katie, „meine“ „5“ und die Schwierigkeit, ohne Einschränkung „frei“ zu fühlen

Heute Abend wird es soweit sein. Sofern das Wetter ein Einsehen hat und keine Regen- und Gewitterschauer mehr schickt, von denen es hier in der Umgebung während der letzten Tage zahlreiche und auch heftige gegeben hat. Hoffentlich!

Eben bin ich mir meinem Fahrrad durch den Regen radelnd hier daheim angekommen.

Nicht, dass schon wieder richtig viel Arbeit für die nächste Woche auf meinem Schreibtisch läge. Nicht, dass sich meine Rückenschmerzen signifikant gebessert hätten. Nicht, dass mein schlechtes Gewissen gewichen wäre, welches mir einflüstert, dass es gemessen an dem was ich für die nächste Woche vorzubereiten habe, eigentlich unverantwortlich ist, zwei, drei Tage mit meinem Uraltkumpel zu verbringen.

Beginnend mit dem heutigen Abend.

Für den ich seit Dezember vorigen Jahres Karten habe. Für das erste Freiluftkonzert, das ich in meinem Leben überhaupt besuchen werde. Karten für ein Konzert von Katie Melua.

Wie sehr ich diese Sängerin, diese Musikpoetin mag …

So eine schöne Stimme, so eingängige, unaufgeregte aber doch immer nachhaltige Interpretationen. Meist eine stille Sängerin, die, so wie sie ist, wie sie sich gibt, eine Einladung ist. Zum Zuhören, zum zu sich finden, zum Eintauchen in Welten, die vielfältig sind, die sich gut anfühlen. Dabei jedoch nicht belanglos oder gar beliebig.

Eine Person der Öffentlichkeit, die bestimmt, wie viel Öffentlichkeit sie möchte, zulassen will. Ja, ich mag sie auch dafür, dass ich über ihr Privatleben so gut wie nichts in Erfahrung bringen kann. Ihr genügen ihre Lieder. Und das ist schön so …

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Gestern war der längste Tag der Woche. Früh um 5.40 Uhr begann er, am Abend gegen 20.45 Uhr war er vorbei. Unterricht, Aufsichtszeiten, Vorbereitungsarbeiten, abends Elternversammlung in der „5“, in der ich die meisten Stunden gebe.

Ich mag diese Klasse sehr. Jedes einzelne Kind auf seine Weise.

Wenn Leo, der eine starke Lese-Rechtschreibschwäche hat, eine richtige Antwort gibt oder ein Lob bekommt, weil er sich besonders angestrengt oder einige richtige Schreibung geschafft hat, spenden alle anderem ihm Applaus. Wirklich alle. Und immer wieder. Spontan, der Situation angemessen. Und Leo schaut jedesmal wieder etwas ungläubig und seine Augen strahlen. Und traut sich dann, sich wieder zu melden.

So ist diese Klasse. Genau so. Ich habe in meinen ersten drei Wochen dort noch nie ein Schimpfwort oder gar eine Beleidigung gehört. Dabei vereint sie viele ganz unterschiedliche kleine Persönlichkeiten und Charaktere in sich.

So wie die Elternversammlung gestern. Es war die erste, die ich „von vorn “ erlebt habe. Zum Glück nur in zweiter Reihe, da ich nicht Klassenleiter bin. Aber ich gebe die meisten Stunden in der „5“, darunter die Hauptfächer Deutsch und Mathematik. Und ich bin neu.

Ein bisschen „Manschetten“ hatte ich vor dieser Veranstaltung schon. Würden mich die Eltern etwas fragen? Empfanden sie mein langes Testdiktat, das ich zwar nicht benotet habe, zu Beginn des Schuljahres als zu große Herausforderung für ihre Kinder? Und, wie ich gleich bemerkte, verkörperten auch die Eltern unterschiedliche Persönlichkeiten und Charaktere. Ausgeprägter als ihre Kinder, und mitunter, so schien es mir, auch von denen ihres Nachwuchses sich unterscheidende.

Ja, und dann fragten mich die Eltern. Und sagten, man habe ja schon so einiges von mir gehört, da sei es schön, nun auch mal ein Gesicht dazu zu haben. Für mich völlig unglaublich: Diejenigen, die mit mir redeten. mich fragten, spendeten mir alle Zuspruch. Ihnen gefiele mein Ansatz, vor allem in Deutsch. Jenem Fach, dass ich so viel habe, und das mir beim Vorbereiten regelmäßig besonders viel Arbeit macht, weil das Lehrbuch völlig chaotisch aufgebaut ist und ich über keinerlei lehrmethodische Materialien für diesen Unterricht verfüge.

Ich war ein bisschen glücklich …

Weiß aber auch, dass ich die nächsten Deutschstunden (neben anderen) noch nicht vorbereitet habe.

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In wenigen Stunden wird mein Kumpel hier sein. Ein paar Stündchen weiter, werde ich hoffentlich Katie Melua lauschen können. Und dann sollen noch wenigstens zwei „freie“ Tage folgen. Ich möchte sie gern genießen können.

Aber wirklich „frei“ bin ich nicht …

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Natürlich möchte ich heute ein Lied von Katie Melua teilen. Sie hat so viele wunderschöne Songs, und einige habe ich hier im Verlaufe meiner nun schon langen Bloggerkarriere auch schon geteilt. – Ich habe mich, auch, wenn ich es hier schon einmal vorgestellt habe für eines der nach meinem Empfinden allerschönsten Lieder entschieden, obendrein in der besonders beeindruckenden Orchesterversion, die einfach nur traumhaft ist. Wenn ich es laut höre, „friere“ ich … :

Katie Melua – „I will be there“