Wegweiser durch diesen Blog

Tagebuchseiten:

Hier sind meine Reflexionen über Ereignisse und Begegnungen im Alltag ebenso zu finden, wie meine Gedanken über „Gott und die Welt“ – in loser Folge, ohne Ordnung …

(Mit Beginn des Jahres 2017 erscheinen einige meiner Tagebuchseiten als Selbstgespräche . Grund dafür ist eine umfassendere Idee, die ich schon lange in mir trage. Vielleicht entsteht aus den entsprechenden Texten irgendwann ein Weg, der zu ihrer Realisierung durch mich führt. Vielleicht …)

Sentenzen:

Nachdenkliches zu Themen, die mich immer wieder und nachhaltiger bewegen und beschäftigen, die in meinem und für mein Leben zumeist eine wichtigere Rolle spielen.

Verse:

Einige meiner Versuche, Gedanken, Eindrücke, Reflexionen und Ansichten in lyrischer Form zu verarbeiten.

Gedanken zu Aphorismen:

Was immer ich auch lese, ich spüre darin aus meiner Sicht interessante Sinnsprüche auf. Einige von denen, die mich besonders inspirieren, zum Nachdenken anregen, meinen Widerspruch herausfordern, bespreche, diskutiere ich hier.

Zwischenstopps:

Texte oder Begebenheiten über die ich „gestolpert“ bin, darunter Merkwürdiges, Skurriles, Witziges, Unglaubliches – manchmal mit kurzen Kommentaren von mir versehen. (mitunter auch Musiken, mit denen ich mir einen Zwischenstopp genehmige …)

Sammelsurium:

Hier finden sich von mir verfasste, kleine Rezensionen zu Büchern, die ich gelesen habe, eigene Gedanken in Aphorismenform, die ich zur Diskussion stelle, und Sonstiges, was mir mitteilenswert erscheint.

Tagebuchseite -813-

Wo ich herausschaue und was ich mich dann frage

Schon als kleiner Junge waren mir zwei Vorstellungen schlichtweg unglaublich, nicht fassbar und letztlich auch nicht zu erklären.

Die eine Vorstellung war die von der Unendlichkeit des Weltalls.

Wirklich fassen, wirklich erklären kann ich sie bis heute nicht. Denke ich mich lange in die Weite der Sterne hinein, verliere ich mich. In ihrer Unendlichkeit und der meiner Seele. Was zurückbleibt, ist immer ein ganz merkwürdiges, unbeschreibliches und unbeschreibbares Gefühl. Seltsam ambivalent größer als die eigene gerade so sehr bewusst gewordene Winzigkeit. Irgendwie nicht ganz von dieser Welt …

Und die andere Vorstellung war, und ist nach wie vor, ja, das gebe ich unumwunden zu, die, dass ich BIN, dass ich ausgerechnet ICH bin. Sie war immer unfassbar und sie ist es immer wieder, immer noch.

Manchmal, wenn mir andere Menschen auf der Straße begegnen, ertappe ich mich dabei, zu bemerken, dass ich aus (m)einem Körper heraus sehe, um sie zu sehen. Ich selbst kann mich in diesem Moment nicht sehen bzw. höchstens teilweise, meine Beine, Füße, meine Hände, nie aber mein Gesicht.

Sie hingegen, die mir da entgegenkommen, sehen alles meines Äußeren, auch mein Antlitz. Was ich mir nur schwer vorstellen kann, in solchen Momenten, ist, dass diese Menschen, jeder einzelne, so wie er da herkommt, auch „nur“ aus (s)einem Körper schaut, ohne sich selbst ganz sehen zu können, mich aber in meinem ganzen Äußeren erblicken kann.

Und es kommen all die vielen Fragen wieder, die unbeantwortet bleiben:

Sieht jeder Mensch so aus seinem Körper wie ich? Ist, was ich sehe, wirklich so, wie ICH es sehe? Warum lebe ich gerade in DIESEM Körper? Und weshalb gerade jetzt? Weshalb ist mir diese Zeit und dieser Zeitrahmen darin und dafür zugemessen worden? Warum treffe ich gerade DIESE Menschen? Werde ich noch einmal in einem anderen Körper leben oder auf ganz andere, mir gar nicht vorstellbare Weise? Werde ich Menschen, die mir jetzt begegnen, dann wiedertreffen, einige davon, einen einzelnen nur? Werden wir uns erkennen oder werden wir in Körpern oder auf eine andere Weise leben, die ein Wiedererkennen nicht möglich macht, die es ausschließt? Oder bin ich, ist alles, was ich sehe, wahrnehme, einmalig nur in eben dem Zeitrahmen, der mir hier auf Erden gegeben ist?

Fühlen andere Menschen in ihren Körpern tatsächlich innerhalb des Spektrums, dass ich empfinden kann? WEIß das jemand? Bin ICH meine Seele? Wer ist meine Seele? Wer bin ICH? WARUM bin ICH? Warum so, wie ich bin? Warum kommt es mir manchmal vor, zwei zu sein oder noch mehr, etwa wenn ich im Widerstreit mit mir bin? Warum stecke ich gerade in diesem Körper und nicht in einem anderen? Wenn ich vor allem Seele bin, warum kann ich dann nicht mal in einem anderen Körper sein?

Ja, solche Fragen kommen mir immer wieder einmal in den Sinn, vor allem dann, wenn mir andere Menschen begegnen. Nicht immer, auch nicht immer nur dann. Meist eher spontan. Aber dann so intensiv, dass sich ein ähnliches Empfinden eines sich Verlierens oder eines verloren Seins einstellt, wie wenn ich mich in die Unendlichkeit der Sternenwelt hineindenke.

Das einzige, was mir offensichtlich ist, offensichtlicher mit jedem Tag meines Lebens ist, dass ich ICH bin, ein Unikat. Das spüre ich auch beständig. Ganz besonders und unmittelbar dann, wenn mir andere Menschen begegnen, wenn ich unter anderen Menschen bin.

Alles andere ist mehr Frage geblieben als Antwort geworden, obwohl ich meine, mit sehr offenen Augen und Ohren durch die Welt zu gehen und weiß, dass ich sehr viel, besonders viel, FÜHLE.

Wieder einmal frage ich mich: Bin ich je ERWACHSEN geworden? Ist es „normal“, dass ich mir immer noch solche Fragen stelle? Sind das nicht Fragen eines kleinen Jungen, der noch nicht mehr von der Welt wissen kann? Ist mein Wesen infantil?

Macht das wesentlich mein „Unikatseins“ aus? Skurril garniert mit dem Makel der fehlenden kindlichen/jugendlichen Unbefangenheit?

Und wie ist es tatsächlich bei bzw. mit den anderen Menschen? Fühlen sie sich auch (manchmal) so, als wenn sie aus „ihrem“ Körper herausschauen? Macht sich immerhin der eine oder andere auch solche Gedanken, stellt sich solche oder ähnliche Fragen wie ich? Beschäftigen sie ihn oder sie bisweilen auch so intensiv wie mich, und das, sich immer mal wiederholend, ohne Aussicht auf ein Ende?

Nicht oft, aber manchmal bemerke ich Unikate, die mir ähnlich scheinen, die mir wohl ähnlich sind. Mehr oder weniger. Und mir gefällt der Gedanke, die Vorstellung, dass es jeweils eine ähnliche SEELE ist.

Wenn ich so aus meinem Körper heraus sehe und mir so eine Seele nah ist, dann glaube ich daran, das Unikatsein nicht Einsam sein bedeuten muss. Weil ich schon gefühlt habe, dass Seelen, dort wo sie sich sehr ähnlich sind, einander VERSTEHEN. Und seitdem ich das gefühlt habe, habe ich die Ahnung, dass nur solcherart VERSTEHEN, das ist, was Menschen tatsächlich VERBINDEN kann.

Alles andere ist häufiger. Aber auch weniger. Verständnis zum Beispiel. Verständnis kann Menschen einander annähern. Wirklich VERBINDEN kann es Menschen nicht. Was nicht heißt, dass es nicht wichtig ist. Im Gegenteil.

Wenn wenigstens immer genug Verständnis da wäre! Verständnis dafür, dass eben jeder, der da aus (s)einem Körper herausschaut ein Unikat ist. Und daran nicht Schuld ist! Und deshalb Respekt verdient hat!

Das wäre so schön.

Dann wäre wenigstens das eine geklärt. Und es könnte wenigstens DEM entsprechend gelebt werden. Das Leben mit seinen so vielen ungeklärten Fragen, die gefühlt immer mehr werden. Einschließlich derer zum eigenen Ich, egal, ob von einem kleinen Jungen oder einem (einfältigen) Erwachsenen gestellt.

***

Molly Nilsson – „A slice of lemon“

 

Sammelsurium -108- (Sechs Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Clip von einem besonderen Auftritt)

Manchmal genügen allein der Klang, das Timbre einer Stimme, um eine tiefe, beschützende Geborgenheit zu schenken.

*

Viele derer, die über die Würde des Menschen sprechen, denken dabei, ohne dass sie das je zugeben würden, vor allem an sich, bestenfalls noch das eigene nächste menschliche Umfeld. Wenn es aber darum geht, tatsächlich zu teilen, abzugeben, zurückzustehen, ein spürbares Weniger zu akzeptieren, ist jenes große, wichtige Wort plötzlich kaum noch vernehmbar.

*

Nicht aufzugeben, nach Schönem in sich selbst auf der Suche zu bleiben, erhält die Möglichkeit, die Chance, Schönem außerhalb des eigenen Ich zu begegnen. Vielleicht ist das im Grunde sogar der einzige Weg.

*

Kein Mensch ist gering. Nie!

*

Wenn jeder Mensch nach seinem Tode wahrhaft zum Buch der Geschichte, die er ins sich trägt, seiner Geschichte, werden könnte, würde er tatsächlich unsterblich. Als derart greifbare, sächliche Erinnerung, ob als Vorbild, Mahnung oder Warnung, behielte jeder einen Wert, einen Nutzen.

*

Die allerersten Minuten, einer langen, sich eben zu erfüllen beginnenden Vorfreude, sind für uns in ihrer Schönheit die überwältigendsten und unfassbarsten überhaupt.

**

Schnipsel (8)

Über das Lächeln

Immer wieder höre ich es einmal, das Wort vom „gekünstelten Lächeln“. Gemeint ist wohl, dass sich da jemand ein Lächeln aufsetzt, obwohl seine Stimmungslage eine ist, aus der gerade kein Lächeln geboren werden kann. Aber er oder sie versucht dennoch zu lächeln. Vielleicht um zu gefallen, nicht zu enttäuschen oder sich nicht verletzbar zu machen.

Ein trauriges, eher verschlossenes Gesicht mit sich herumzutragen, ist heutzutage ein nicht zu unterschätzendes Risiko.

Für mich ist ein gekünsteltes Lächeln kein Lächeln. Es ist Ausdruck einer Unsicherheit, einer Ausweglosigkeit, einer Not, vielleicht auch einer Unaufrichtigkeit, einer Heuchelei. Nichts davon ist schön. Und also ist ein gekünsteltes Lächeln kein Lächeln.

Denn Lächeln als solches, aus dem Augenblick geboren, dem Augenblick einer Freude, einer Erinnerung, einer Sehnsucht auch, spontan, unverfälscht, einer besonderen, spezifischen Stimmung oder auch nur ihrem Klang tatsächlich entsprechend, ist immer schön. Weil es wahrhaft ist.

Auch und gerade Menschen, die sich äußerlich für nicht „hübsch“ halten, zeigen, wenn sie zu lächeln vermögen, ein Stück ihrer Schönheit. Oft ganz ohne Absicht, und deshalb besonders schön.

Ich wünsche jedem Menschen, lächeln zu können. Vor allem jenen, die wenig Grund dazu haben. Damit nicht übersehen werden kann, nicht übersehen wird, dass sie Schönheit in sich tragen, dass sie schön sind.

Natürlich tragen Menschen auch Schönheit in sich, wenn sie nicht zu lächeln vermögen. Aber das wissen heute nur noch wenige oder nehmen sich nicht genug Zeit und Besinnung, sich das bewusst zu machen. Aber es ist wahr.

Jeder Mensch hat in sich ein Lächeln.

***

Ich teile heute kein Lied, sondern einen Auftritt. Einen Auftritt eines 14jährigen Jungen, der an den Rollstuhl gefesselt ist. Ich teile diesen Auftritt, weil er mich in so vielfältiger Weise überwältigt hat, wie selten ein Auftritt sonst es vermochte.

Der Auftritt des Jungen hat bei allem aufrichtigen, herzlichen Lachen, das sich auch aus mir Bahn brach, auch ganz viele, ganz vielfältige Fragen, viel Stoff zum Nachdenken in mir gelassen. – In jedem Fall ist der Junge unglaublich mutig, unglaublich überhaupt … :

Carl Josef in: „Nightwash live“

Tagebuchseite -812-

Wozu noch reden, wozu noch schreiben?

Verliere ich die Fähigkeit, zu schreiben?

Seit ein paar Tagen schon stelle ich mir diese Frage so gehäuft wieder und wieder, dass ich mich nicht daran zu erinnern vermag, wann bzw. ob das je schon einmal in dieser Intensität geschehen ist.

Schreiben hat mir zumeist immer geholfen, geholfen vor allem auch, mich von etwas zu befreien, wenigstens zeitweise. Indem ich es in Zeilen gegossen habe, und es so ein andere Medium MITtragen musste, jemand außer mir.

In den letzten Tagen nun, allein gestern und heute, ist nun so vieles auf mich eigeströmt, dass mich aufgewühlt hat, mich buchstäblich innerlich aufbegehren lässt, was mich so sehr ärgert, wofür ich so wenig Verständnis aufbringen kann. Und mir ist bewusst geworden, das obwohl das scheinbar besonders viel dieser Art war, es doch wenig geworden ist, dass es viel mehr noch von alldem gibt, in den unterschiedlichsten Facetten. Nicht zu verschweigen: All diese Dinge, Begebenheiten, Handlungen und Äußerungen von Menschen waren letztlich genereller Natur.

Ich habe all das aufschreiben, mir von der Seele schreiben wollen. Ich habe es irgendwie loswerden wollen. Aber es ist so viel, es ist so komplex, und ja, so hoffnungslos, das aufzuschreiben. So hoffnungslos, wie darüber zu reden.

Heute Morgen als ich, mich an einem Gespräch mit Kolleginnen beteiligend, eines dieser Dinge ansprach, sagte eine der Frauen: „Ach lass mal, ich möchte lieber glücklich sein.“ Ich war so baff, dass ich fortan nichts mehr sagen konnte und wollte.

Nicht, dass ich ihr übelnehme, dass sie glücklich sein will. Im Gegenteil. Dass sie sich auch nach außen hin gegen all die schlimmen Nachrichten, beunruhigenden Entwicklungen, sehr oft nicht mehr nachvollziehbaren Entscheidungen von Politikern, Verwaltungsmitarbeitern, Chefs, gegen die Anfeindungen und Verletzungen , die sie sicher manchmal in ihrem Beruf und, wer weiß, womöglich auch im Freizeitleben in den (a)sozialen Medien oder sonst wo erfährt, abzuschirmen sucht, kann ich nachvollziehen. Manche nennen das wohl Psychohygiene, oder wenigstens einen Baustein davon.

Mich hat ihre Reaktion dennoch verunsichert, betroffen gemacht, und irgendwie auch geärgert. Denn sie lebt in keinem luftleeren Raum, ihr sind auf, spezielle Weise, Kinder und Jugendliche anvertraut. Aber sie sie will, im Mindesten, was das große Ganze betrifft, lieber weghören, weil sie sich nach Glück sehnt. Mutmaßlich, weil sie weiß, dass sie daran sowieso nichts ändern kann. – Vernünftig also, höre ich viele sagen. Sie setzt mutmaßlich ihre Kraft dort ein, wo sie meint, tatsächlich etwas leisten zu können. Richtig so! Alles andere ist Vergeudung von Ressourcen, ist, dass man seines eigenen Unglückes selbst Schmied ist. Zu großen Teilen immerhin.

So wahr das sein mag, so wenig vermag ICH das so als „gegeben“ als „unabänderlich“ hinzunehmen. – Oder anders gesagt. Ich versuche schon, genauso zu handeln, aber ich schaffe es nicht ansatzweise, diese anderen, schweren, paradoxen, schlimmen Dinge auszublenden. Es funktioniert nicht. Ich bin außerstande, auf diese Weise „glücklich zu sein“. – Und erfahre nun, dass es wohl besser ist grundsätzlich diese großen unabänderlichen Dinge, im Alltagsumfeld gar nicht anzusprechen, und sei es aus Rücksicht, andere Menschen damit nicht herunter zu ziehen, ihnen ihr Glücklich sein nicht zu stehlen.

Wenn darüber Reden aber wohl rücksichtslos und also letztlich hoffnungslos ist, was könnte oder sollte dann besser daran sein, es aufzuschreiben? Denn es aufzuschreiben, solche Dinge, immer wieder, auch wenn es immer wieder neue unglaubliche, schlimme Dinge sind, strengt ebenfalls an – zumal, wenn es mehr und mehr mit dem Wissen geschieht, dass es doch nur um des Aufschreibens willen aufgeschrieben wird. – Dann kann ich auch gleich, ohne mich der Anstrengung des Schreibens hinzugeben, daran ersticken, kaputtgehen oder eben nicht glücklich sein können. Ist eh‘ mein Problem …

Weil dieser Text für mich denn aber wenigstens jetzt und heute so nicht zu Ende gehen kann und soll, schreibe ich nun doch (noch) einmal nur die wichtigsten, schlimmsten, nur die mich am meisten aufgewühlt sein lassenden und ärgernden, das „große Ganze“ betreffenden Dinge nur von gestern und heute nieder (Es gab leider noch viele mehr.):

Die deutsche Bahn versprüht regelmäßig und flächendeckend Glyphosat auf ihren Gleisen, was etwa angrenzende Bebauungen, Kleingärten, Wiesen (darunter zum Teil Nutzwieden) beeinträchtigt. Über dieses Sprühen erfolgen keine Informationen , nicht einmal an die Mitbetroffenen. Obwohl etwa von Landwirten entsprechende Daten erhoben werden, redet sich das zuständige Ministerium damit heraus, dass es keine gesetzliche Grundlage für eine Erhebung gebe. Damit bleibt alles, wie es ist.

Unter anderem zwei namhafte in Deutschland verkaufende Textilketten, verlagern ihre Produktion nach und nach aus Asien (Bangladesch), begleitet und gewürdigt vom deutschen Entwicklungshilfeminister nach Äthiopien. Grund dafür soll auch sein, dass sich die fürchterlichen Arbeits- und Lebensbedingungen in Fabriken, die etwa in Bangladesch für diese Ketten produzieren, mittlerweile zu sehr herumgesprochen haben, wodurch ein Imageverlust befürchtet wird. Die Arbeitsbedingungen besonders von Frauen in den neuen Fabriken in Äthiopien sind allerdings vor allem was ihre Lebens- und Wohnsituation und insbesondere ihren Verdienst betrifft, noch schlechter als in Bangladesch. Denn hier erhalten sie mit 26 (!!!) Dollar Monatslohn nur ein Drittel bis die Hälfte vom Lohn, der in Bangladesch gezahlt wurde.

Frau von der Leyen setzt sich im wahrsten Sinne mit dem ihr eigenen Lächeln über die seinerzeit verkündete „Entscheidung“ Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien zu stoppen hinweg und unterzeichnet unter französischer Sonne an einem „großen Tag für die europäische Verteidigungsunion“ ein Rahmenabkommen, um ein milliardenschweres Rüstungsvorhaben für das neue Luftkampfsystem „FCAS“. Experten schätzen allein die Kosten für die Entwicklung auf 8 Milliarden Euro, für die Beschaffung und den Betrieb auf 100 Milliarden …

Das Scheitern des Dobrindtschen Prestigeprojekts „Deutsche Autobahnmaut für PKW“ vor dem EuGH hat die Steuerzahler in der Bundesrepublik jetzt schon einen Eurobetrag in dreistelliger Millionenhöhe gekostet. Diese Summe wird sich sehr wahrscheinlich noch erhöhen, weil Firmen, die von der Bundesregierung im Vorfeld der Mauterhebungen schon Auftragszusagen erhalten haben, nun sicher Entschädigungen verlangen werden.

Ich will und muss aufhören zu schreiben.

Sonst würde ich noch ausführlich über die bewusste Geschichtsfälschung und Verlogenheit sehr vieler deutscher Politiker bis in die höchsten Kreise hinein (z.B. die Frau Bundeskanzlerin) anlässlich des zuletzt ebenso groß wie einseitig gefeierten D-DAY (Landung der Alliierten während des II. Weltkriegs 1944 in der Normandie) zu sprechen kommen müssen.

Und auch noch erwähnen, wie weltfremd, praxisfern und positive Ergebnisse konterkarierend heute eine Frau, die in Vertretung eines Instituts des (noch) zuständigen Landesministeriums heute in meiner Stadt vor Schulsozialarbeitern auftrat und künftige Neuerungen für die Berufsorientierung vorstellte, gesprochen hat und eine Kollegin, die während des „Vortrags“ mehrfach darüber mit dem Kopf schüttelte, „augenscheinlich mangelnden Engagements“ bezichtigte.

Ich frage mich angesichts all dessen nur, in was für einem Land ich mittlerweile eigentlich lebe. Ich habe dieses Land nie besonders geliebt, aber ich bin gegenwärtig wirklich dabei, die Hoffnung zu verlieren, dass jemals noch einmal jemand dieses Land wirklich aufrichtig und ehrlich regiert, sich nicht so furchtbar über alles und alle (vor allem eifrig arbeitenden, sich engagierenden, Kinder redlich erziehenden) Menschen stellt.

Aber ich soll und kann das nicht (mehr) laut sagen. Weil ich Gefahr laufe, Menschen damit zu verstören, die lieber glücklich sein wollen.

Das immer nur klein sein und bleiben könnende eigene Engagement hilft MIR da auch nicht weiter, und Schreiben bringt eben mutmaßlich auch nichts. Das beweisen dieser Text und meine Verfassung nach seinem Niederschreiben. Allzu oft kann ich mir das selbst nicht mehr antun.

Denn die Frage „Wozu“ wird in mir immer drängender.

Womöglich verliere ich die Fähigkeit des Schreibens tatsächlich, zumindest teilweise. (Zumal ich auch den Eindruck habe, dass mir auch die Poesie mehr und mehr abhanden kommt, angesichts des vielen, was ich halt als so schlimm, mich beunruhigend und belastend empfinde.)

Mit dem Reden werde ich mich in jedem Falle künftig (noch) mehr zurückhalten. Spätestens seit heute.

***

Was folgt, ist ein schon „altes“ Lied – etwa 10 Jahre wohl. Die Band, die es produziert und eingesungen hat, gilt, außer unter Eingefleischten, schon als etwas „schräg“. Das Lied hier erzählt von einer bitteren und sarkastischen Schlussfolgerung. Es fiel mir angesichts dessen, worüber ich heute geschrieben habe wieder ein, und ich fand es sehr aktuell … :

Die Goldenen Zitronen – „Wir verlassen die Erde“

Tagebuchseite -811-

Strohwitwertag

Es ist so unfassbar dunkel.

Zeit nach dem Sonnenaufgang, und es wird nicht hell. Das bleierne Grau, das dort ist, wo es sonst einen Himmel hat, kriecht durch jede noch so kleine Fensterritze in die Zimmer hinein. Dazu weint es ein bisschen, draußen, und in der Ferne ist immer wieder ein Grollen zu hören.

Das Grau ist so schwer, das Dunkel so stark, dass sie Einzug in mich halten, obwohl ich es so gar nicht möchte.

Ich öffne das Küchenfenster, hoffend, dass sich das Grau von hier drinnen wieder davonmacht. Aber es verschwindet nicht. Während ich mir ein kleines Frühstück zurechtmache, wird das Weinen vom Hof kräftiger. Während ich esse, sinne ich. Aus meinem Herzen klingt eine schöne, verstehende Stimme. Sie ist weit, diese Stimme, weit fort. Aber mir ist sie nah in diesem Augenblick und tröstet. Tröstet einfach. Weil sie da war, gestern, und geblieben ist. In mir. So habe ich Gesellschaft bei meinem Frühstück.

Heller wird es dennoch nicht. Ich muss das Licht einschalten, mitten im Juni um 9 Uhr.

Ich mag nichts tun. Setze mich und schaue auf das dicke Buch neben mir, das ich weiterlesen wollte. Zeit verstreicht. Ich höre traurige, melancholische Melodien, die niemand spielt in diesem Augenblick. Ich erinnere mich an sie und gleite auf ihnen dahin.

Draußen zuckt plötzlich ein fürchterlicher Blitz. Die Tränen hinter dem Fenster werden zu Sturzbächen, und das Grollen ist nun über mir. So geht es eine ganze Weile. Wie lange genau, weiß ich nicht. Ich schaue zu durch das Grau und höre.

Irgendwann wird es ein wenig heller zwischendurch. Eine Episode mit weniger Regentränen schließt sich an. Aber sie währt nicht lange. Dann wird es erneut so sehr finster. Und alles beginnt noch einmal von vorn.

*

Es ist Abend, es ist Nacht geworden. Selten, dass ich um diese Zeit schreibe.

Viel Licht hatte der Tag nicht. Das Grau hat mich so beherrscht, dass ich ihn im Grunde verschenkt habe. Lebenszeit, die nie wieder kommen wird. Und nun ist es wieder dunkel. Ganz dunkel. Draußen und in mir auch. Deshalb sitze ich wohl hier und schreibe.

Ludwig Hirsch singt dazu vom großen schwarzen Vogel. So ein schönes aber auch unendlich trauriges und schlimmes Lied. Aber wohl wahr. Unglaublich wie und was ein Künstler wie auszudrücken vermag. Selbst so etwas Schlimmes. So sehr mit Melodie, Stimme und Gefühl illustriert, dass es mich zugleich erschreckt und zutiefst berührt.

Deshalb mag ich das Lied. Wahrscheinlich sollte ich das nicht. Ich weiß, dass andere Menschen das als kein gutes Zeichen deuten.

Drüben vom Hotel herüber höre ich angetrunkene Leute ein Lied intonieren. Schön klingt es nicht. So wie es halt klingt, wenn Betrunkene singen. Sie singen “ … die immer lacht“. Der Gesang, ausgerechnet dieses Lied, erscheinen mir gerade so absurd, wie nur irgendwas. Dabei passt die Wahrheit dieses Liedes eigentlich gerade sehr gut hierher, sehr gut zu diesem Tag. Einem meiner zwei Strohwitwertage an diesem Wochenende.

Davon habe ich seit einiger Zeit öfter welche.

Und sie werden mehr. Und sie haben mich gelehrt, dass sie bestens geeignet sind, eine Einsamkeit noch spürbarer zu machen. Eine Einsamkeit, die nur leiser ist, wenn ich nicht Strohwitwer bin.

Keineswegs nur an Tagen, die so dunkel sind, wie es der heutige war.

**

Ich denke an die Stimme in mir. Ich hole mir Bilder aus der Natur. Und versuche mich fort zu träumen. Hoffend, dass die Nacht mir nicht weh tut.

Schlaf schön, Welt!

***

Ich habe überlegt, ob ich Ludwig Hirschs Lied vom großen schwarzen Vogel hier in meinem Tagebuch teile. Ich habe mich dagegen entschieden, weil ich öffentlich schreibe. Und ich möchte niemanden erschrecken oder verstören.

So habe ich eine andere Melodie ausgewählt, ein anderes Lied, ein sehr schönes, berührendes. Für mich klingt es sehr nach Sehnsucht, so wie vor allem die Jugend sie kennt.

Wenn es nach Sehnsucht geht, dann bin ich nicht alt.

Das ist kein Trost für mich. Aber es ist wahr.

Slowdive – „Sleep“

 

Tagebuchseite -810-

Frag mal meine Murmelbahn (Eine Geschichte aus meinem ganz aktuellen Leben)

Kann man mich verstehen? Verstehe ich mich selbst? Verstehe ich mich JEMALS selbst?

Vor Tagen hatte ich mal wieder eine nahezu schlaflose Nacht. Am Vortag war auf der Arbeit die Zukunft jenes Projekts wieder einmal Thema gewesen, jenes Projekts, in dem ich jetzt seit etwa drei Jahren arbeite und das ich zum Sommer verlassen werde. EIN Grund dafür war und ist, dass es als solches schon in Bälde nicht mehr weitergeführt, weil nicht mehr finanziert wird.

Ein neues Konzept muss und soll her, eines das neue, wenn auch aus praxisbezogener Sicht nicht nachvollziehbare politische Weichenstellungen berücksichtigt. Angebliches Anliegen ist, das Projekt zu institutionalisieren und durch neue Ausrichtung neue Finanzmittel zu erschließen. Vier sogenannte „Brain-Stormings“ hat es dazu gegeben.

Zu zweien wurde ich von höchster Stelle hinzugezogen. Seitdem ist monatelang GAR NICHTS geschehen. Zwar habe ich von der höchsten Stelle viel Lob für meine Vorbereitungen und Ideen erhalten anlässlich der „Brain-Stormings“, meine Bereichsleitung freilich fühlte sich weniger begeistert. Sie ist es gewohnt, Dinge so zu entwickeln und zu entscheiden, wie sie es für richtig hält. Kollegen und Mitarbeiter können insoweit (nahezu) nichts so richtig machen, dass sie es als richtig akzeptieren kann. Aber das ist eine andere Problematik. Jedenfalls ist eine wirklich gewollte, sachliche Diskussion mit ihr insoweit nicht möglich. Nicht nur ich habe das mehr als einmal versucht. Auch meine Lieblingskollegin, zum Beispiel, eine absolut integere Frau mit sehr viel Lebens- und Praxiserfahrung.

Nun ist diese Lieblingskollegin noch ein paar Jahre älter als ich, und ihre Sorgen hinsichtlich dem, was (nicht) kommen wird, sind besonders groß. Aber mal ganz unabhängig davon und auch davon, dass ich so oder so aus dem Projekt ausscheiden werde, ist uns dessen Zukunft alles andere als egal. Denn was da, letztlich auf dem Rücken vieler jugendlicher Menschen wegbrechen würde, können und mögen wir uns nicht vorstellen. Abgesehen davon, dass die Projektarbeit und vor allem die erzielten Ergebnisse von allen Praxispartnern und den Jugendlichen selbst höchst anerkannt sind und eine wissenschaftliche Evaluation eigentlich nur Lob und die dringende Empfehlung der Fortführung beinhaltet hat.

So ist die Ausgangslage, und eben so, dass nun schon lange nichts mehr passiert ist mit Blick auf die Zukunft. Und niemand allein angefangen hat und anfangen würde, tatsächlich mal etwas NIEDERZUSCHREIBEN, was wenigstens einem Entwurf oder einer Diskussionsgrundlage für ein neues Konzept nahe käme. Auch die Bereichsleitung, die das beständig irgendwie verdrängt, wegschiebt, sich überfordert zeigt, nicht. – Darüber haben wir am bewussten Tag recht ausführlich gesprochen.

Und ich merkte da schon, wie sehr mich das Ganze innerlich aufwühlte …

Was folgte, war jene fast schlaflose Nacht, während der ich in den vielen Wachphasen unablässig bei jenem Gespräch war, die ganze Situation immer wieder an mir vorüberglitt, ich ein Gefühl immer größer werdender Anspannung entwickelte und mein Gewissen nicht aufhörte auf mich einzureden.

Als ich am Morgen aufstand, war ich gerädert und voller Traurigkeit. In mir herrschte die Dunkelheit der Nacht, und kurz vor dem eigentlichen Erwachen aus dem letzten sich wälzenden Halbschlaftraum sah ich eine Ratte, die mein Gesicht hatte und ein sinkendes Schiff verließ.

So ging ich wieder zur Arbeit. Ich erzählte nach einiger Zeit, die ich ganz für mich brauchte, der Lieblingskollegin ein bisschen (nicht alles) von meiner unruhigen Nacht. Und erzählte ihr zwei, drei meiner wichtigsten Gedanken und Ideen für ein zukünftiges, institutionalisiertes Projekt, die ich seit jenen Brain-Stormings in mir trug. Sie gefielen ihr, schienen ihr plausibel und schlüssig, und obwohl da nichts an Hinterland war und ist, was an sich Mitvoraussetzung für das Erstellen eines Konzepts ist (Finanzrahmen, Wissen über mögliche Kooperationspartner und Kernziele etc., alles Dinge, über die sich höhere Ebenen verständigen und dazu Abstimmungen und Vorgespräche tätigen müssten), entwickelten wir nach und nach eine Art Konzeptgliederung.

Und dann, ja dann habe ich angefangen zu schreiben, tatsächlich einfach angefangen zu schreiben. Vorerst zu den aus meiner Sicht wichtigsten Gliederungspunkten.

Ich schreibe aus dem Bauch, Recherchen, die ich für die Brain-Stormings vorbereitet hatte und Äußerungen und Gedanken, die dort gemacht wurden, einbeziehend und aufgreifend.

Die Traurigkeit ist seither etwas gewichen. Mein Gewissen hat sich beruhigt. Die große Anspannung ist geblieben. – Denn das Schreiben ist für mich auch Anspannung. Ich weiß, wofür ich schreibe und weiß es doch nicht. Es kann völlig umsonst sein, nicht gewollt, es kann verworfen werden, teils oder gänzlich. Ich ringe um jede Formulierung, und es strengt sehr an. Ich habe nicht viel Zeit, aber ich will zumindest jene wesentlichen Punkte mit Inhalt füllen. Ich kann niemanden fragen, habe keine Hilfe jetzt, aber ich schreibe weiter. Ich muss. Ich kann nicht anders.

Kann nicht anders, obwohl ich bei und für diesen Arbeitgeber schon manches Konzept geschrieben habe, das dann in der Tonne landete. Aus immer unterschiedlichen Gründen geschah das, die nie in oder bei mir lagen. Das hat man mir immer gesagt.

Trotzdem schreibe ich. Nicht für mich. Denn ich werde das Projekt verlassen. – Doch für mich, für mein Gewissen, das vor allem die vielen Jugendlichen sieht und, ja, auch meine Lieblingskollegin.

Ich schreibe auch, weil mir für das, was meine Zukunft sein wird, meine Arbeit an der Freien Schule, bisher keine Zeit zur Vorbereitung eingeräumt wird. Das bedingt neue Anspannung. Die ich zu bekämpfen suche. Und wenn es eben damit ist, dass ich für ein Projekt, was nicht mehr meins sein wird, was vielleicht dann doch stirbt, konzeptionelle Gedanken niederschreibe, die Zeit, die ich anders nicht nutzen darf, mit etwas auszufüllen suche, in dem ich dennoch und trotz allem Nutzen sehe. Auch diesen hier:

Ich möchte dem Bild der Ratte nicht eines Morgens im Spiegel begegnen.

Kann man mich verstehen?

Verstehe ich mich selbst?

Nach allem, was ich durchgemacht habe. Angesichts all der Lehren, die ich ziehen bzw. gezogen haben sollte … ?

Kürzlich las ich, dass die Schwierigkeit des „Ertragens“ gerade einer Zeit des Aufblühens, des Erwachens, des Aufbruchs, der Schönheit, wie sie Frühling und Frühsommer sind, damit zusammenhängt, dass es depressiven Menschen den Unterschied zum Grau der eigenen Seele so sehr bewusst macht.

Auch dagegen schreibe ich wohl an.

Kann man mich verstehen?

Verstehe ICH mich JEMALS selbst?

Und wird das je von Nutzen sein?

*

Das nachfolgende Lied ist mir vor kurzem begegnet. Nicht jede Aussage darin passt zu mir. Aber vom Grunde her erzählt es viel von mir. Die Metapher einer Murmelbahn passt sehr zu meinem Leben, finde ich gerade. Innerhalb der Bahn ist Bewegung möglich. Ein Ausbruch bedeutet Fallen. Absturz.

Oder nicht?

Ich frage meine Murmelbahn, frage mich, ob ich mich selbst verstehe … :

Schnipo Schranke – „Murmelbahn“

 

Tagebuchseite -809-

Hilflos

Es gibt immer wieder diese Momente, es gibt Situationen, es gibt Menschen, die mir in meinem Leben begegnen, wo ich absolut nicht weiß, was ich tun soll, obwohl alles nach Handeln, nach Hilfe, schreit. Heute Morgen, als ich die Regionalzeitung überflog, wurde mir das wieder einmal sehr bewusst.

Dort war ein Artikel abgedruckt, in dem von einem Mann berichtet wurde, der an der unheilbaren Muskelschwunderkrankung ALS leidet und darüber, wie sich seine Angehörigen bemühen, ihm das (verbleibende) Leben so lebenswert als möglich zu gestalten, für ihn da zu sein. –

Ich denke, dass die Angehörigen das ihnen Mögliche tun, der Mann wird und kann das (noch) spüren. So schwer und schlimm seine Erkrankung auch ist, so hatte er vor ihrem Ausbruch ein anderes Leben, war nicht sein ganzes Leben lang in einem Körper gefangen, der die meisten notwendigen Dienste nicht verrichten konnte. Er kennt ein anderes Leben. Er hat es selbst erlebt. Was er jetzt durchmachen muss, kann und wird deshalb besonders furchtbar für ihn sein. Ja.

Mir ist ein anderer Mensch bekannt geworden, der seit Geburt in seinem Körper gefangen ist. Der aber stets bei vollem Bewusstsein war und ist. Und sehen, hören, wahrnehmen konnte und kann, wie andere Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer, sich bewegen, wie sie spielen, tanzen, verreisen können. Wie selbstverständlich es für sie ist, sich selbst ein Essen zuzubereiten, eine Wochenendtour zu machen, im Garten zu werkeln, spazieren zu gehen, Einkäufe zu erledigen, zu basteln, zu schreiben usw.

Jener Mensch sieht und hört all das, ist seinerseits absolut auf den Rollstuhl angewiesen, leidet unter Spastik und Schmerzen, und kann sich generell nur sehr eingeschränkt und unter Aufbringung großer Mühe bewegen. Organe funktionieren nur mit Hilfsmitteln. Dieser Mensch, eine Frau, noch keine 40, geht ungeachtet ihrer so vielen Beeinträchtigungen einer Arbeit nach. Regelmäßig. Sie möchte so gern nützlich sein, etwas tun. Sie möchte teilnehmen und teilhaben können an dem, was für die anderen LEBEN ist. Sie strengt sich sehr an dafür. Oft mit Humor. Manchmal mit Galgenhumor. Mitunter mit letzter Kraft.

Sie führt ein anderes „Leben“, eines an dem sie immer mal wieder sehr verzweifelt. Sie kämpft unablässig mit Unwägbarkeiten des Alltags, die für andere, für gesunde Menschen, keine Hürde darstellen. Selbst auf den Balkon ihrer kleinen Wohnung innerhalb eines betreuten Wohnkomplexes zu gelangen ist eine halsbrecherische Herausforderung, denn da ist eine Schwelle …

Wenn ihre Kolleginnen und Kollegen auf Exkursionsfahrt gehen, kann sie nicht mit, wird sie nicht mitgenommen. Es bräuchte zu viele „Extras“ für sie. Sie ist viel allein. Sehr viel. Wer an Angehörigen und Freunden sie besuchen kann, tut dies wohl wenn es irgend geht. Aber was sind diese wenigen Stunden gegen die unendliche vielen und langen Tage?!

Sie hat Sehnsucht, diese Frau. Sehnsucht nach Nähe, nach Wärme, nach Berührung, nach Liebe. Nach dem, was jeder Mensch ersehnt. Sie bekommt nur ganz wenig davon. Eigentlich bekommt sie es nie. Nicht so, wie sie es sich wünscht. Von Dauer, innig, nur für sie, für den Menschen, der sie ist, in ihrer Seele, in ihrem Herzen. Aber sie bekommt es nicht: Weil da ihr Körper ist. Immer und immer wieder ihr Körper, ihr Gefängnis, in dem sie „leben“ muss, von ihrer Geburt bis zu ihrem Ende.

Ich kenne diesen Menschen, diese Frau, die so oft das Kunststück fertig bringt andere zu ermutigen, nicht nur durch ihr Kämpfen und immer wieder Aufstehen, sondern auch durch verbalen Zuspruch, durch Empathie, virtuell. Ich begleite sie schon eine ganze Weile durch die wenigen Höhen und die vielen Tiefen ihres Lebens. Ich habe großen Respekt vor ihr, davor, dass sie doch nie aufgibt, dass sie so viel erträgt. Sie ist im Grunde ihres Herzens so bodenständig, so lebenslustig, dass es mich sehr häufig zutiefst innerlich rührt. Denn sie kann das ja im eigentlichen Sinne nicht leben.

Manches Mal gar hat sie mir Mut und Zuversicht zugesprochen und tut dies bis heute immer wieder. SIE MIR!

Ich tue das umgekehrt auch. Aber ich komme mir zunehmend armselig dabei vor. Obwohl ich weiß, mein Herz mir sagt, dass ich damit Wichtiges tue. Auch damit, dass ich zuhöre, dass ich signalisiere, verstehen zu wollen, dass ich mitfühle, Anteil nehme, dass ich bestärke, nicht aufzugeben, dass ich an Erfolge erinnere usw.

Ja, ich weiß, dass das wichtig und nötig ist. Und ich tue es immer wieder. Nicht aus Pragmatismus, sondern weil mir dies Frau wichtig ist. Nicht egal. Weil ich möchte, dass sie spürt, verstanden zu werden. Dass da nicht nur Gleichgültigkeit und Bürokratie ist, von denen sie immer wieder Konfrontation erfährt. Weil ich ihr helfen will. Helfen. Helfen! Irgendwie. – Wie?

Wie kann ich dieser Frau helfen? WIRKLICH helfen?! Was soll, was kann ich tun?

Ich kenne all die wohlgemeinten (und das schreibe ich hier ohne jeden Anflug von Ironie) Worte, wonach man sich so annehmen soll, wie man ist. Das man leben soll, so gut es eben geht, dass man im Kleinen Freude, Stärkung, Kraft suchen und finden soll.

Heute Morgen hörte ich im Radio einen Pfarrer sagen, dass man jede Krankheit als Herausforderung, die einem etwas zu sagen hat, begreifen solle, die einem neue Wege eröffnet.

Ich musste in diesem Augenblick unwillkürlich an jene Frau denken. Müssen die Worte dieses Pfarrers nicht wie Hohn in ihren Ohren klingen? Und die vielen wohlgemeinten Worte, so ehrlich, so aufrichtig sie auch geäußert sein mögen?

Es gibt Menschen, die mir in meinem Leben begegnen, wo ich absolut nicht weiß, was ich tun soll, obwohl alles nach Handeln, nach Hilfe, schreit.

Das ist so furchtbar!

Und schwer, unendlich schwer (für mich), mit dieser Unfähigkeit einfach so weiter LEBEN zu können, zu dürfen.

*

Es ist unerträglich, dass dieser Text endet wie er endet. Dass er nicht einmal den Ansatz einer Antwort auf die Frage nach WIRKLICHER Hilfe in sich trägt. Nicht für diese eine Frau, schon gar nicht für die vielen Menschen, die in ähnlichen Gefangenschaften leben müssen wie sie. Aber ich weiß keine, solange ich schon darüber nachdenke. Und das ist schon sehr lange.

Ich WEIß keine …

***

Das nachfolgende Lied passt womöglich gar nicht zu dem Text da oben. Allenfalls im Sinne eines bitteren Sarkasmus vielleicht. Ja, vielleicht ergänzt es den Text gerade in diesem Sinne.

An dem Lied, wie an der Band, die es geschrieben hat und darbietet, scheiden sich wohl so einige Geister. Mag es so sein, Geschmäcker sind verschieden. Ich mag viele Lieder dieser Band aus Österreich. Dieses hier halt irgendwie besonders:

Wanda – „Ich sterbe“

Verse -72-

So sehr besonders

Wenn ich in trüben Wassern steh‘,
wirst Du für mich zum klaren See.
Und tret‘ ich doch nur auf der Stelle,
wirst Du für mich zu einer Welle,
die mich hin zum Ufer trägt.

Dort wirst Du für mich sich’res Land.
Reichst vom Gestade mir die Hand,
und nimmst mich mit in Deine Weiten.
Schenkst mir Zuhör’n und Begleiten,
wann immer es Dir wichtig scheint.

Du wirst für mich zu sanftem Licht,
das ohne Urteil zu mir spricht,
will mein Blick sich neu verdunkeln.
Wenn wieder böse Geister munkeln,
dann bist Du ganz und gar: VERSTEH’N.

Licht, Land und Wasser! – Elixier,
LEBEN find‘ ich neu mit Dir!
Bist mir zu Hause, zeigst mir Sinn,
wann und wo ich immer bin.

Ich möcht‘ Dir auch so Heimat sein.

*

Hot Chip – „Melody of love“

Tagebuchseite -808-

Von Verborgenem, Offenbaren und einer neuen Dimension von Glück

Niemand sieht alles von mir. Dabei möchte ich keine Geheimnisse haben. Dennoch gibt es Verborgenes. Sehr Persönliches, das mich selbst peinlich berührt, wofür ich mich schäme, worüber ich zutiefst traurig bin, dass es da ist und, dass es ist, wie es ist. Bei mir, in mir. Teil meines Ich.

Ich trage keine Maske, um es zu verbergen. Und gebe mich, wie ich bin, versuche es wenigstens, auch wenn schon das verletzlich macht. Aber ich verberge es. Es zu verbergen, gehört zu mir. Wohl zu der Angst, die ich (auch) bin.

Manches dieses Verborgenen ist vor allem Last für mich. Im Mindesten Katalysator meiner grauen Stunden, vielleicht auch mehr. Therapien waren und sind nicht der Ort, das Milieu, darüber sprechen, mich zu „öffnen“, einen Blick auf etwas von dem Verborgenen freigeben zu können. Jedes Vertrauen war und ist nicht groß genug dafür. Niemandem gegenüber.

Nur einem Menschen gegenüber ist es so groß geworden, dass ich zu sprechen vermochte über das eine des Verborgenen. Schon seit einer Weile habe ich in mir gespürt, dass das möglich werden könnte. Die Unsicherheit, das Zögern, sie sind nach und nach gewichen. Und nun zuletzt, am im Rückblick schönsten Tag meiner vor eben ein paar Tagen vergangenen Reise in die große Stadt, konnte ich tatsächlich sprechen. Und wurde so sehr beschenkt:

Mit einem feinen, rücksichtsvollen, empathischen Zuhören, mit Blicken aus Augen, die Verständnis und Verstehen zugleich waren, mit sensiblen Worten, die kein Urteil fällten. Mit der aufrichtigsten Dankbarkeit für das erwiesene Vertrauen, das so besondere. Mit Mitgefühl im ureigensten Sinn. Mit der mehrfach bekräftigten Versicherung, dass ich nicht zu viel zugemutet habe mit meiner Offenbarung.

Das das geschehen könnte, war meine letzte große Angst, bevor ich mich schließlich getraute, zu reden.

Gelöst ist jener Teil des bislang so ganz und gar Verborgenen deshalb und damit nicht. Ob er je noch lösbar sein wird, ist eine Frage, die niemand beantworten kann, womöglich auch die Zukunft nicht, egal wie lang sie noch sein mag.

Aber ich bin nun nicht mehr allein damit. Und das fühlt sich, auch und mit dem Abstand von ein paar Tagen, nachdem ich es teilen konnte, teilen durfte, so besonders an, wie es jener Mensch ist, der mir zuhörte, mich verstand, mich obendrein seiner Dankbarkeit versicherte, dafür, dass er nun ein Stück meiner Last mitträgt.

Ich bin kaum in der Lage, das zu „verarbeiten“. Aber in mir ist so ein großes, stilles Glück.

Nicht Überschwang, nicht Schwärmerei, nicht Springen, Tanzen, Jauchzen, nicht „die ganze Welt umarmen können“.

Vielmehr eine sanfte Decke, auf der ich durch die Welt gleiten darf, eine Decke, die mich nicht fallen lässt, die jenen offenbarten Teil meines Verborgenen nun gar mitnimmt und beschützt und also auch mich.

*

Ein und einen halben Tag nach meiner Offenbarung noch, es war ein noch ganz junger Morgen, die Uhr zeigte halb Zwei:

Ich stehe an einem offenen Fenster meines Obdachs für diese Reise. Aus der 15. Etage schaue ich über die riesige Stadt. Über Silhouetten und Lichter. Mein Blick findet keinen Horizont. Kann ihn dann auch nicht mehr finden, weil er in Tränen ertrinkt. Als er sich langsam senkt, überfällt mich ein Schwindel. Denn ich vermag in die Weite zu schauen, nicht aber in die Tiefe. Die Tränen machen, dass der Schwindel größer wird und doch nicht. Für einen Augenblick streift mich der Gedanke zu fliegen und zu stürzen. Ich bin so traurig.

Genau in diesem Augenblick spüre ich, zum ersten Mal, dass da jene sanfte Decke unter mir ist.

Ich werde nicht stürzen.

Und weiß seither um eine für mich vollkommen neue Dimension von Glück.

**

Es hat ein paar Tage mehr Zeit gebraucht, bis ich DAS aufschreiben konnte, weshalb mein Tagebuch etwas länger geschlossen blieb als ich es ursprünglich zu wissen gemeint hatte.

Nun bin ich also wieder zurück. Nicht ohne eine ganz große, ganz feste Umarmung hierzulassen, auf dieser Tagebuchseite. Sie soll, sie MUSS hier geschrieben stehen. Und also unvergessen sein. Jener besondere Mensch wird wissen, dass sie ganz allein für ihn ist!

***

Während meiner Reise ist es mir begegnet, während einer Autofahrt, jenes Lied, das davon erzählt, dass niemand leicht zu lieben ist. Ich bin es gewiss nicht, und deshalb ist meine Faszination ebenso groß wie meine Dankbarkeit, dass da Menschen sind, die mich wohl dennoch sehr mögen. –

Ich meinerseits mag das Lied sehr:

Sharon van Etten – „No one’s easy to love“

Tagebuchseite -807-

Die Antwort auf die Frage, was depressiv und ängstlich macht

Eigentlich ist es ganz einfach. Und plausibel:

Ob es die Traurigkeit ist oder die Angst, die Schwermut oder die Panik, das Endzeitgefühl oder die Überforderung – es entsteht, es wächst, es bleibt, es kommt wieder wenn bzw. weil etwas fehlt.

Wir forschen so sehr nach Ursachen, wir suchen so sehr nach dem Grund und wähnen uns dabei viel mehr als Versager denn als Verlierer. Denn wir haben nie etwas gefordert, und wir fordern nichts. Wir machen uns verantwortlich, uns selbst, niemand anderen, suchen bei uns und in uns nach Schuld. Wir haben es so schwer und machen es uns noch schwerer, zu verstehen, zu akzeptieren, dass wir nicht schuldig sind, nicht Grund oder Ursache.

Das ist auch so, weil es nicht zu unserem Wesen gehört, andere Schuldige zu finden. Für unsere Traurigkeit, unsere Angst, unseren Schwermut, unsere Panik, unsere Überforderung und das Endzeitgefühl.

Es fällt uns leichter, zu erkennen, dass es Ungerechtes gibt und Böses, Quälendes und Zerstörerisches, Gebieterisches und Dunkles, Bedrohliches, Unmenschliches. Wir spüren Schmerz und Verletzung, Kälte und Gleichgültigkeit, wir spüren Einsamkeit und Verlassen sein, Orientierungs- und Hilflosigkeit. Wir spüren es entstehend, wachsend, bleibend, wiederkommend, wenn bzw. weil etwas fehlt:

Liebe!

Liebe die nichts fordert, nichts verlangt. Liebe, die nicht erdrückt, nicht vereinnahmt. Liebe, die zuhört und zu verstehen sucht. Liebe die anzunehmen bereit ist und eine Hand reicht. Liebe, die einlädt, heute, morgen und wieder. Liebe, die DA ist und die Begleiter sein und bleiben mag. Als reine, gute Liebe.

Nicht nur uns, den „Diagnostizierten“ fehlt diese Liebe. Vielen anderen Menschen auch. Solchen auch, die es vielleicht nicht so spüren, die es mehr oder weniger kompensieren können, die sich wehren oder abstumpfen, wenn zu wenig von ihr da ist. Die sie vielleicht (noch) nicht so vermissen, dass es sie krank macht, krank sein und schlimmstenfalls bleiben lässt.

Unsere Symptome, unser Kranksein kommen so sehr vom mehr oder minder beständigen Vermissen, dem Vermissen von Liebe.

Wir selbst können dieses Vermissen, das Empfinden des Fehlens, des Verlusts allein nur begrenzt mindern. Dadurch, dass wir versuchen (müssen, sollten) uns selbst anzunehmen, uns selbst zu lieben. Und dadurch auch, so gut, so oft, so viel es geht, Liebe zu leben.

Zumindest untereinander können wir uns dann sehen, besser sehen, zueinander finden.

Wenn das gelingt, wird das Fehlen weniger …

*

Ich weiß, dass es so werden und sein wird während der nächsten Tage. Ich werde auf Reisen sein und Menschen treffen, mit denen ich auf diese schöne Weise verbunden bin. Ich werde freier atmen können während dieser Tage, ich werde Heimat fühlen.

Dort wo ich Heimat fühle, ist Liebe.

**

Morgen Nachmittag werde ich aufbrechen, am Sonntagnachmittag zurück sein. Für mein Tagebuch wird Pause sein während dieser Zeit. Für manchen Menschen, der es liest, womöglich auch … 😉

Bis zum Wiederlesen in ein paar Tagen also!

***

Das Lied, das ich heute teilen möchte, ist ein ganz besonderes, eins, wie ich es noch nie hier geteilt habe. Es handelt sich um ein absolutes Erstlingswerk, selbst getextet, selbst komponiert und selbst akribisch vertont und arrangiert mit den Mitteln, die für und bei einem solchen Erstlingswerk, das man ganz allein produziert, eben zur Verfügung stehen.

Was dabei herausgekommen ist, ist nach meinem Empfinden sehr beeindruckend. Es ist ein Lied, das ich gern höre, das mich berührt.

Es ist von einer jungen Frau, einer Bloggerin hier, der ich schon ein Weilchen folge, geschrieben und produziert worden. Ich möchte ihr gern helfen, dieses Lied und sie ein bisschen bekannter zu machen.

Deshalb und weil mir das Lied eben sehr gefällt, teile ich also nun hier:

blongelic – „Back to yesterday“

Tagebuchseite -806-

Nicht belanglos

Ich kann nicht Autofahren. Konnte es auch nie. Selbst, wenn ich es könnte, dürfte ich es seit ein paar Jahren nicht mehr. So erledige ich viele Wege zu Fuß, seit jüngstem auch wieder mit dem Fahrrad.

Jedem Weg, den ich so absolviere, versuche ich etwas Schönes abzugewinnen. Meistens muss ich mich dazu nicht erst besonders auffordern. Meine Sinne sind eh‘ immer wach, vor allem, wenn ich draußen bin.

Seit einigen Wochen bin ich an Freitagen und Sonnabenden des Öfteren Strohwitwer. Dann bin ich besonders häufig zu Fuß unterwegs. So wie heute Morgen zum Einkaufen.

Zu meinem Lieblingsdiscounter sind gut und gern 20 Minuten zu laufen, hin und zurück also das Doppelte. Ich gebe zu, dass die Rücktour jeweils schon etwas anstrengend ist, denn dann sind Körbe bzw. Beutel mit Lebensmitteln gefüllt. Ich habe, wenn ich so beladen, die Wege durch die Gartenanlage benutzend unterwegs war, schon so manchen verständnislosen und auch irritierten Blick erhalten. Aber das war und ist mir egal.

Heute Morgen war es noch sehr ruhig als ich den Weg zur Gartenanlage einschlug. Die Luft war frisch und belebend und mich empfing ein wundervolles Vogelgezwitscher. Unter anderem glaube ich, zwei Grünfinken erkannt zu haben. Viele Vogelarten vermag ich in der Natur leider nicht zu unterscheiden, abgesehen davon, dass sich die kleinen Kerle natürlich auch nicht gerade in Positur stellen, um sich bestimmen zu lassen. Dabei wüsste ich sehr gern, viel mehr darüber, welcher Gesang von welchem Vogel stammt und wie der Sänger ausschaut.

In jedem Fall war es ein recht vielstimmiges Vogelzwitscherorchester heute Morgen. Wenn sich doch Menschen mit ihren Stimmen ähnlich viel Freude zu schenken vermöchten, wie es die kleinen gefiederten Gesellen tun, dachte ich.

Aber dann erinnerte ich mich sogleich, dass längst nicht alle Vögel über ein „schönes“ Gesangsvermögen verfügen. Mir fiel der Eichelhäher ein, der meist nur durch ein Kreischgeräusch in seiner Funktion als „Waldpolizei“ auffällt. Auch Krähen und Raben sind eines Gesanges eher nicht mächtig, und das durchdringende „Lachen“ der „Ostseehühner“, wie manche hier an der nordostdeutschen Küste die Möwen scherzhaft nennen, ist weit davon entfernt, zu einer Melodie werden zu können.

Es ist halt mit den Vögeln wie mit den Menschen. Äußere Eindrücke und Wahrnehmungen sagen längst nicht alles. Also: Immer schön differenziert bleiben …

Bei Pflanzen im Allgemeinen und Blumen im Besonderen fällt mir das leichter. Auch, wenn heute Morgen vor allem die tiefdunkelroten und vollen Blüten von Pfingstrosen (ich war erstaunt, sie hier im Seeklima schon in voller Blüte zu sehen) einen besonders großen Eindruck auf mich machten. Und dazu, sozusagen in vollendetem Kontrast, das strahlende Weiß von Schneeballsträuchern. Dennoch übersah ich auch die zahlreichen, verschiedenen kleinen Wildblumenblüten nicht, die scheu unter Hecken, zwischen Schuppen und von nicht gemähten Grasflecken hervor blinzelten.

Ich atmete ein paar Mal tief ein und aus.

Wenn ich von so vielen Farben, so vielen Klängen, zugleich einer solchen Ruhe und so einem Frieden umgeben bin, wie heute früh auf dem Weg zum und vom Discountmarkt, dann ist es mir gar nicht so schwer mit dem Tragen, selbst, wenn es über eine gewisse Strecke geht. Für meinen Körper gilt das immer. Für meine Seele manchmal auch.

Für die war es gestern schon mal recht schön.

Auch gestern Nachmittag war ich ein längeres Stück zu Fuß unterwegs. Von meinem Plattenbaustadtteil in die Altstadt und zurück. Mein Haarschopf hatte es dringend nötig, mal wieder ein bisschen zivilisiert zu werden.

Auf dem Weg der durch das Wiesen- und Riedgelände in die Stadt führt, begegnete mir das erste Mal ein freundliches Lächeln. Eine meiner neuen Schülerinnen aus der fünften Klasse, die ich während der Individuellen Lernzeit an meiner künftigen Arbeitsstelle betreue, winkte schon von Weitem und rief meinen Namen. Ganz voller Freude sprudelte sie hervor, dass wir uns wohl nun öfter träfen. Ja, vorige Woche war sie mir schon einmal in der Innenstadt begegnet. Und nun wieder. Dass wir uns etwa eine gute Stunde später abermals völlig zufällig über den Weg laufen sollten, wussten wir da noch nicht. Das Mädchen machte dieser Umstand dann allerdings noch fröhlicher.

Ich kann mich nicht erinnern, erlebt zu haben, dass eine Schülerin sich so freut und so ausgesprochen freundlich reagiert, wenn sie einem Lehrer begegnet. Und dann gleich mehrmals …

Zwischen den beiden Begegnungen mit Roxy, nachdem ich etwas von meinem Haaren verloren und als Salär für diesen Verlust auch einige Euros mit „verlieren“ musste, meinte ich, dass es nun auf noch ein, zwei Euros auch nicht ankäme.

So lenkte ich meine Schritte auf eine nach einem schweren Brand vor einigen Monaten jüngst an neuem Orte wieder eröffnete Eisdiele. Kaum, dass ich diese betreten hatte, bekam ich schon wieder ein ganz freundliches Lächeln geschenkt. Hinter dem Tresen stand ein Mädchen, das vor zwei Jahren bei uns im Assessment gewesen war und fragte mich schelmisch, ob ich denn schon eine Eiskugelauswahl getroffen hätte und wie es mir gehe. –

Ich bekam zwei ziemlich große Kugeln auf meine Waffel und erfuhr auf meine Rückfrage, dass Pia jetzt nach der 10. Klasse von der regionalen Schule noch aufs Gymnasium wechseln wird. Sie hatte sich das damals schon gewünscht und es nun tatsächlich geschafft und war darüber, sichtbar, voller Freude. Und hier in der Eisdiele verdiente sie sich nun nebenbei selbst ein bisschen Geld.

Für mich war diese kleine Begegnung wie ein Glücksmoment. Vervollkommnet übrigens dadurch, dass die Eiscreme wirklich sehr gut schmeckte – die eine Sorte, „Vanille-Rhabarber“, die ich noch nie anderswo bekommen habe, ganz besonders.

Wenn an sich „ganz normale Tage“ so sind, dann sind auch sie für mich ganz besonders. Deshalb habe ich die für manch anderen Zeitgenossen vermeintlich belanglosen Momente da oben, hier aufgeschrieben. Genau genommen waren es sogar noch ein, zwei mehr gestern und heute. Ja, so viele auf einmal, in so kurzer Zeit. Das ist wirklich selten.

Umso mehr ist es wichtig für mich, solche Momente nicht zu übersehen, nicht verstreichen zu lassen.

Ich werde sie mir wieder tief in mir drinnen bewahren, obgleich ich mir wünsche, mir solche Momente irgendwann nicht mehr so bewusst „einfrieren“ zu müssen, weil mein Alltag doch nur selten solche Augenblicke, vor allem solche Begegnungen, bietet. Ich glaube, dann könnte und würde meine Seele doch noch ein bisschen heiler werden.

***

Ein wunderschönes Stück „Indie-Pop“ … :

Cults – „Always forever“

 

Tagebuchseite -805-

To go

Es ist noch nicht so lange her als Menschen, um sich zu stärken, um einen Moment innezuhalten, um sich anlässlich einer zufälligen Begegnung mit einer bekannten Person, nachdem gemeinsame Wege sich in der Zwischenzeit verloren hatten, ein paar Minuten für ein Gespräch zu nehmen, oder aus sonst einem mehr oder weniger „schwerwiegenden“ Grund in eine Bäckerei, ein Bistro oder ein Cafe begaben, um Kaffee zu trinken. Einen Kaffee aus einer Porzellantasse. Sitzend an einem Tisch oder Tresen. In dieser noch nicht so lang vergangenen Zeit gab es noch gastronomische Einrichtungen wo das in recht angenehmer Atmosphäre zu erschwinglichen Preisen möglich gewesen ist.

Es ist erst ein paar Jahre her, dass Menschen, unterwegs zwischen zwei Terminen, nach einem nüchtern anzutretenden Arztbesuch, aus Unlust, sich als Single schon wieder allein eine Mahlzeit zubereiten zu müssen oder weil in der eigenen Firma kein warmes Essen angeboten wurde, einen nahen Imbiss oder eine entsprechende Kantine, eine kleine nicht ferne preiswerte Gaststätte aufsuchten, um zu Mittag zu essen. Für eine halbe oder dreiviertel Stunde, idealerweise ein paar Schritte Fußweg hin und zurück einschließend. Manchmal begleitet von einer lieben Kollegin, manchmal von einem Freund oder einer Freundin erwartet

Es ist ebenfalls eine noch nicht lange zurückliegende Erinnerung an Zeiten, wo es üblich war, hin und wieder nach absolvierter Tagschicht im Betrieb, die kleine Kneipe an der Ecke oder in der Gartensparte Treff für ein Stündchen bei einem Feierabendbier einzukehren und, wer wollte, dazu auch aus drei vier einfachen Speisen wählen konnte, um seinen Hunger zu stillen, ohne gleich das ganze gerade verdiente Tagessalär auf den Kopf hauen zu müssen. Fast immer in Gesellschaft, den Nachbarn dort treffend, den Kollegen mitnehmend, die Ehefrau einladend.

Es waren dies auch die Zeiten des Briefe- und Kartenschreibens, die Zeiten, in denen es nur eine Handvoll Fernsehprogramme hatte und das Wort Smartphone, sofern schon gedacht, noch keinerlei gegenständliche Entsprechung kannte. Und also noch geredet, geschrieben, zugehört und gelesen werden musste und wurde. Vielleicht bei einem Kaffee aus einer Porzellantasse, in einem Bistro sitzend, allein oder gemeinsam.

*

Ich gehe mit offenen Augen durchs Land.

Aus einer Tankstelle kommt ein Mann in mittleren Jahren gehetzt, einen Plastikbescher „Coffee to go“ balancierend, während er in seiner Umhängetasche nach dem Autoschlüssel kramt und einen verstohlenen Blick auf die Uhrzeit wirft, die sein Smartphone anzeigt. In der Fußgängerzone ruft eine junge Mutti ihrer Freundin zu, ihr schnell einen Kaffe zum Mitnehmen aus der „Backfaktory“ mitzubringen, sie sei vorhin verspätet „ohne alles“ von zu Hause aufgebrochen. Ein paar Schritte weiter sitzt ein junger Typ mit Basecap und Sonnenbrille auf einer Bank und schlürft einen Macchiato aus seinem Plastikbecher. Von hier aus kann er „unerkannt“ mehr junge Weiblichkeiten „checken“ als anderswo …

Ab der zwölften Stunde des Tages schälen sich Unzahlen von Pausierenden in Asiaimbisse, Dönerbuden und Frittenrestaurants hinein und nach kurzer Zeit wieder heraus, sodann ausgestattet mit Styroporpackungen, gestapelt in Plastiktüten, in Alufolie gewickelten Currywürsten und „Pommesboxen“. Die Pizzaboten haben hohe Zeit und bei Lieferando stehen die Telefone nicht mehr still. Es wird bestellt und geliefert, was das Zeug hält. Pizza im Karton, Salat in der Plastikbox, Dressing und Ketchup in kleinen ausquetschbaren Weichplasttuben.

Am Abend hängen ein paar Kerle, noch in Arbeitskluft, auf den Bänken neben dem Discounter ab. Zwei leergequalmte Zigarettenschachteln liegen zwischen ihnen herum und vor jedem stehen drei, vier schon leere oder noch volle Plastikbierflaschen der Discountermarke. „Eddy“ und „Shorty“ servieren „Böcker“ mit Kartoffelsalat vom Imbisswagen, der an diesem Tag der Woche immer hier in der Nähe steht, und reichen das Plastikbesteck herum. Für die Minuten der Speiseneinnahme stecken die drei anderen Jungs ihre Smartphones in die Hosentaschen ihrer Latzhosen. Bei „Andy“ dauert’s ein bisschen länger. Bis er per WhatsApp mit seiner „Lebensabschnittsgefährtin“ „Schluss gemacht“ hat …

**

Das eine, was hier geschrieben steht, meint viel mehr als „Nostalgie“. Und das andere viel mehr als „Überspitzung“ . Beides zusammen meint, beschreibt und charakterisiert anhand weniger, womöglich ein wenig überzeichneter, aber keinesfalls phantasiegeborener, Beispiele unseren Weg von einer „to be – “ zu einer „to go – Gesellschaft“.

Wir halten kaum noch inne. Wir sind unterwegs. Wir sind gefragt. Wir sind mobil. Wir sind cool. Und flexibel. Multitasker.

Wir sind das, weil es halt so ist. Heute. Weil es verlangt wird. Weil es schnell gehen muss. Weil wir dabei sein wollen und dazugehören. Weil wir sonst zurückbleiben.

Wir wollen alles können, alles haben, alles erreichen. Wir wollen die ersten sein. Vorreiter, Trendsetter. Wir wollen und können uns nicht aufhalten lassen, Zeit verschwenden.

Computer, Smartphone, Lieferdienste, Apps und Alexas …

Wir werden es der Zeit schon zeigen, die immer knapper wird obwohl wir immer schneller werden.
Wir werden schneller sein. Wir, die wir immer mehr „ich“ werden und sind. Wir, die wir mitlaufen. Jeder für sich.

Wir sind auf dem Weg, von der „to go-“ zur „to flee -“ Gesellschaft zu werden. Wir fliehen vor uns selbst. Laufen vor uns weg. Bemerken es aber nicht. Weil wir nicht wegkommen von uns, uns immer wieder einholen, je schneller wir werden.

Wir fliehen aber nicht nur vor uns. Wir fliehen vor unserem Planeten, unserer Existenzgrundlage.

Das freilich könnten wir bemerken, wenn wir, wenn alle, es wollten. WIRKLICH wollten. Wollten wieder „to be“, „zu SEIN“.

Gibt es noch einen Glauben daran, der groß genug ist?

***

Haarm – „Better Friend“

Tagebuchseite -804-

Von der Bedeutung des Weißen

Das Blatt Papier vor mir ist weiß und unbeschrieben. Es ist ein neues Blatt. Ich könnte darauf schreiben, Wege darauf zeichnen, meinen Stift oder meine Tastatur in jede Richtung führen, die mir gefällt, die ich erkunden oder beschreiben möchte. Vielleicht habe ich mit den Jahren deshalb im Schreiben mein Medium gefunden, Kreativität selbst zu leben, weil das so ist.

Malen, Komponieren, Fotografieren sind ähnliche Medien. Auch sie beginnen mit der Weiße, der Unberührtheit, einer Leinwand, einer Tafel, eines Gefäßes oder eines Stücks Papier. Aber sie liegen mir weniger bzw. gar nicht, was ich durchaus bedauere. Aber, dass ich zu schreiben vermag, ist hinreichender Trost.

Denn Geschriebenes vermag auch zu klingen, vermag Bilder entstehen zu lassen. Und so ist jeder und jede Schreibende immer auch ein bisschen Maler, Fotograf und Komponist. Ich weiß, dass das mehr als eine Vorstellung ist. Oft durfte ich das schon in Texten anderer Menschen erkennen, erspüren, erleben.

Bisweilen habe ich davon gehört, dass auch jeder neue Tag wie ein weißes Blatt Papier sei.

Diese Vorstellung gefällt mir, sehr sogar. Aber sie ist bestenfalls Wunsch. Die Realität sieht für die allermeisten Menschen anders aus.

Für sie ist kein Tag, schon an seinem Beginn nicht, ein weißes unbeschriebenes Blatt. Es stehen schon Worte drauf, und es sind schon Wege gezeichnet, vorgegeben, in Länge und Richtung. Die Worte weisen an, wann und wo zu beschleunigen und abzubiegen ist. Und es finden sich raue graue Stellen auf dem Tagespapier, auf denen keine Tinte hält und kein Bleistift eine Linie zu hinterlassen vermag, vor denen die Wege plötzlich enden. Manche beginnen irgendwo dahinter wieder. Andere enden davor oder darinnen. Für immer. Und manchmal führen sie direkt auf Labyrinthe zu, die zuvor schon jemand auf das neue Tagespapier gekritzelt hat. Manchmal nahezu das gesamte Blatt ausfüllend. Mitunter nur dieses eine, mitunter aber auch viele, viele folgende.

Weiße Flächen sind immer endlich auf dem Tagespapier. Sie werden immer endlicher mit der Zahl der Lebensjahre, die derjenige Mensch noch hat, vor dem das jeweilige Blatt liegt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Das fortschreitende Alter das Menschen ist nur einer. Unaufhaltsam zwar, aber gar nicht immer so entscheidend.

Entscheidend sind dasjenige und diejenigen, die an den Vortagen Dein weißes Tagespapier schon mit Wort- und Wegvorgaben versehen. Und entscheidend ist, wie sie das tun. Sie machen, dass Du mehr oder weniger nur eingeschränkt kreativ zu sein vermagst. Bestimmen das Quantum Deiner Atemluft.

Wenn dieses Quantum nur genügt, wirklich atmen zu können, dann ist alles gut.

Wenn ein Tag wirklich an seinem Beginn ein gänzlich weißes Blatt Papier wäre, müsste ich alltäglich eine Meisterschaft und Kreativität aufbringen, um (über)leben zu können, über die ich nicht ansatzweise verfüge. Dessen bin ich mir bewusst.

Aber viele Blätter, viele Tage sind schon an ihrem Beginn so wenig weiß …

Ich blättere ein bisschen nach vorn in meinem Kalender der von mir noch ungelebten Tage. Am Ende des Monats entdecke ich ein paar Tagesseiten, nicht ganz eine Handvoll, die sind jetzt noch so weiß, dass Hoffnung besteht, dass größere weiße Flächen darauf verbleiben werden, bis ich sie aufschlagen und tatsächlich in diese Tage eintreten werde. Und wohl Zeit haben, ein bisschen freier und tiefer zu atmen.

Zum Schreiben werde ich dann mutmaßlich zwar kaum kommen.

Aber es braucht ja auch Quellen für die Kreativität. Diese zu besuchen, aus ihnen zu schöpfen aber gehört zum Allerschönsten des kreativ seins, weil es Inspiration ist. Und Inspiration gehört zum wunderbarsten Erleben überhaupt. Sie steht am Beginn ausdrucksvollen, bildhaften, klingenden Schreibens. Am Beginn dann hoffentlich, wenigstens für eine Weile, wieder schöneren, kreativeren Schreibens als dem, das zuletzt meine Tagebuchseiten immer wieder füllte.

Ich freue mich auf das Monatsende, das weißere, mit Platz für Richtungen, die mir gefallen, die ich weiter erkunden möchte. Und beschreiben. Schreiben …

***

„Rapper sind Dichter und Denker“, sagt Orpheo. Und weil er es auch wirklich so meint, hat er seine aktuelle EP so genannt. Das heute hier von mir geteilte Lied, bestätigt seine Aussage. Das sage ich, der ich sonst so gar kein Fan von Rap bin.

Ich höre das Lied mit seinem wunderbaren Text und reiße mir eine Wimper aus. Und hoffe, dass sie bis ans Monatsende fliegt … :

Orpheo feat. Voer – „Wimpern“

 

Tagebuchseite -803-

Gegen mich für mich?

Mir gehen diese „Selbstbetrachtungen“ auf den Wecker. Dabei ist es nicht so, dass ich etwa nach ihnen suche, sie kommen einfach zu mir. Sind da. Dann, wenn es am unruhigsten ist, dann, wenn ich eigentlich gar keine Zeit zum Denken habe. Zeit zum Atmen brauchte. Dann setzen sie sich auf eine Schaukel meiner Seele und pendeln darauf hin und her. Bis mir buchstäblich schwindlig wird.

Gegen was, gegen wen kämpfe ich eigentlich? Und warum gerade jetzt im Frühjahr immer wieder? Wo alles um mich herum grüner wird und heller und bunter. Und Klänge da sind, die ich so lange vermisst habe.

Denn, ja, ich kämpfe wirklich. Die Erschöpfungen allabendlich sind derart, dass sie nur durch vormaliges Kämpfen erklärbar sind. Kämpfen mit der Schaukel? Ich habe keine Ahnung.

Es ist so schwer morgens aufzustehen, obwohl die Sonne schon durch die hellen Rollos hindurch scheint. Ich trete mich, damit ich es schaffe. Und ich schaffe es.

Mein Bauchgefühl bedankt sich dafür. Es lässt die Unruhe der Nacht in sich noch anschwellen, so dass ich mich beim Zähneputzen an Luftknappheit beinah verschlucke. Und während des Anziehens vor dem Frühstück, das Gefühl aufsteigender Tränen niederringe. Zum ersten Mal während des Tages, nicht zum letzten. Und es jedes Mal schaffe.

Es sind nicht meine Schritte, die mich in den Morgen gehen lassen. Ich hocke in meinem Schneckenhaus. Während Vogelsang zu mir durchdringt, trete ich gegen seine Wände. So gelange ich zur Arbeit. Schaffe es. Schaffe den Tag. Schaffe ihn zwischen Monotonie, aufsteigender Wut und mit ihr schon wieder niedergerungenen Tränen.

Lese davon, dass sich Kükenschreddern rechnet, erinnere mich an eine fürchterlich weltfremde Politikerdiskussion über die Kriegsgefahr im Nahen Osten und sehe Frieda lächeln. Frieda aus der Fünften, die sich in ihrem Wohnumfeld von Lehrern umzingelt sieht, wie sie schelmisch ausplaudert. Ziehe, gerade von einer Weiterbildung in einer anderen Stadt zurückgekehrt, binnen 30 Minuten (!), die mir dafür gegeben sind, aus meinem Büro aus, um den ganzen Krempel in ein anderes zu schmeißen, in dem ich niemals wirklich sein werde und eile zum nächsten Dienst in eine Schule. Und schaffe das. Schaffe noch mehr an diesem Tag. Und an den anderen der Woche.

Wie und warum, das weiß ich nicht. – Friedas Lächeln allein kann der Grund nicht sein.

Ja, ich kämpfe. Und es strengt so sehr an.

Mich beschleicht Sorge. Weil es schon jetzt im Frühjahr so schwer ist. Und ich habe Angst, dass es wieder anhaltend wird. Und, obwohl ich gelernt habe, nach Gründen zu suchen, um bei diesen ansetzen zu können, keine wirklich triftigen zu finden imstande bin. Und sich deshalb das grinsende Gefühl an mich heranschleicht, das ICH der Grund bin.

Das macht mir noch mehr Angst. Bringt die Schaukel so richtig in Schwung. Und ich werde immer verwirrter. Und zweifle daran, überhaupt noch imstande zu sein, etwas „richtig“ zu machen, richtig machen zu KÖNNEN. Richtig für MICH!

Ich schaue zurück. Nur ein kleines Stück. Denke an all die Veränderungen der letzten fünf Jahre. Die ich überstanden, geschafft, gemeistert habe. So wie die Tage der vergangenen Woche. Ich weiß, dass ich darauf stolz sein sollte. Das hat man versucht, mir beizubringen. Und ein wenig hat es wohl „geholfen“, denn ein bisschen bin ich es sogar.

Dann schaue ich nach vorn, dort wo schon wieder Veränderung ist. Wo die kleine Frieda durch die Ungewissheit der nächsten Jahre hindurch lächelt.

Ich versuche mir einzureden, dass ich es wieder schaffen werde.

Und muss in diesem Moment so sehr mit dem Aufsteigen von Tränen kämpfen, wie die ganze Woche noch nicht.

Geht es schon wieder und eigentlich immer nur darum, es wieder und wieder zu schaffen? Es zu überwinden, zu schaffen, bestenfalls zu meistern? Warum ist, warum bleibt kaum anderes?

Warum sind da immer wieder jene Geister, die die Schaukel zum Schwingen bringen?

Wer, zum Geier, sind diese Geister?

Ich ahne, dass sie Ich sind. Und Ich Depression. Viel mehr als ich mir eingestehe. Und ich also wenn ich gegen sie kämpfen will, kämpfen muss, ich gegen mich kämpfen muss. Und mich dafür lieben und mögen. Und daran glauben, dass ich für mich gegen mich kämpfe. Ohne zu wissen für welchen Preis und zu welchem Preis ich das tue.

Ist es da ein Wunder, dass die Schaukel nicht aufhört zu schaukeln? Die Schaukel der Selbstbetrachtungen. Und, dass diese mir so auf den Wecker gehen? Genau jetzt, wo ich schon wieder eine Tagebuchseite damit vollgekritzelt habe, wieder ganz besonders?

Am Ende ist das aber wohl das geringste meiner Probleme …

***

Florrie – „Borderline“

Melancholie (Sentenzen -39-)

Schon einmal, vor Jahren, habe ich in meinem Tagebuch zum Thema „Melancholie“ geschrieben. Seinerzeit in Versform als sehr persönlicher Ausdruck meiner selbst. Heute nun ist es mir ein Bedürfnis, mich der Melancholie als Thema zu widmen, ahnend, dass meine Gedanken auch zum Widerspruch herausfordern werden:

Vor einer Woche (am 06.05.2019) ließ mich eine in einer in Berlin erscheinenden Tageszeitung formulierte Aussage von Harry Nutt innehalten und seither nicht mehr aus dem Nachdenken darüber fortkommen. Es handelt sich um diese hier:

„Der Melancholiker sieht sich seit jeher mit der Befürchtung konfrontiert, dass seine Weltabgewandtheit ansteckend sein könnte. Es scheint für die anderen kaum erträglich, dass sich die Melancholie jeglicher Erklärung entzieht.“

Jeder der beiden Sätze für sich hat in mir viele Gedanken ausgelöst.

Der erste schien mir zunächst sehr plausibel.

Melancholie und Depression pflegen eine recht enge Verwandtschaft (mancher setzt sie gar gleich), und ich habe es selbst immer wieder und bis in die aktuellste Gegenwart hinein erlebt, dass Menschen irgendwann aufhören, es mit mir auszuhalten. Ob dafür nun „Ansteckungsgefahr“ entscheidend (gewesen) ist, lasse ich einmal dahinstehen.

Fakt ist aber, dass anhaltende Melancholie, Melancholie, zumal wenn sie als Wesen eines Menschen daherkommt, das sich grundsätzlich in Gestalt von Niedergeschlagenheit, Traurigkeit, Verstimmung äußert, sehr wenig einladend für andere Menschen ist. In heutigen Zeiten allgegenwärtiger Spaß- und Konsumgesellschaft meiner Wahrnehmung nach noch mehr – da gilt sie offenkundig als besonders „uncool“.

Es ist anstrengend, einem solchen Wesen zu begegnen, gar auf es einzugehen, es auszuhalten. Denn es ist besonders ausstrahlend und einnehmend, es vermittelt eine nicht nur momentan spürbare Atmosphäre. Es ist häufig viel weniger Temperament als es vor allem Cholerik und Sanguinik sind. Dafür viel mehr Zustand, ein generell nicht einfach vorübergehender Zustand, dem das Potenzial zugeschrieben wird, andere (auch nachhaltig) herunterziehen zu können. Ich teile diese Befürchtung übrigens, weshalb ich, so schwer mir das auch fällt, weil es immer sogleich ein Stück sehr persönlicher „Offenbarungseid“ ist, am Beginn einer jeden Begegnung mit einem anderen Menschen, die sich empfindungsmäßig als tragfähiger erweisen könnte, entsprechende Warnungen ausspreche. Vor meiner Melancholie. Und also vor mir.

Ein Wort, in dem bis hierher besprochenen ersten Satz des Zitats, hat mich dann schon intensiver und länger beschäftigt, das Wort „Weltabgewandtheit“. Sind Melancholie und Weltabgewandtheit tatsächlich so synonym, wie jener Satz diese beiden Begriffe wie selbstverständlich nebeneinanderstellt? Siegmund Freud spricht in diesem Sinne von einer „Aufhebung des Interesses für die Außenwelt“.

Mir sind diese Formulierungen zu absolut. Ich bin sehr oft melancholisch, ich leide an depressiven Episoden. Ja, ich stelle die „Außenwelt“ immer wieder in Frage, exakter gesagt, Teile, Aspekte ihrer von Menschen verursachten Erscheinungs- und daraus gewordenen Daseinsformen. Nicht aber DIE Außenwelt!

Ich wende mich NICHT von DER Außenwelt als Ganzes ab. Nicht von der Natur, nicht von ALLEN Menschen, nicht vom Zusammenleben, von Interaktion, von Sozialität in jeder Form. Im Mindesten wehre ich mich dagegen. Allerdings bewirkt dieses „dafür kämpfen müssen“ einen Teil meiner Melancholie – aber nicht den entscheidenden, den ursächlichen. Möglicherweise, ja wahrscheinlich, kann oder wird das in tieferen Stadien von Melancholie bzw. Depression anders sein und in vollkommener und anhaltender Tiefe mag es dann tatsächlich zutreffend die Außenwelt als Ganzes erfassen. (Ahnungen davon habe ich selbst schon erfahren und erleben müssen.)

Sehr lange aber, so meine persönliche These, geht Melancholie, gehen auch insbesondere leichte und mittlere, mittelschwere Phasen von Depression mit einer LIEBE zur Außenwelt, wenigstens zu bestimmten Momenten, Aspekten einher. Sie sind ein Ruf nach Liebe, eine Bitte darum.

Wenn Freud meint, dass Melancholie unter anderen der „Verlust der Liebesfähigkeit“ sei, dann verstehe ich das nicht. Wie oft schon habe ich es bei anderen wie bei mir selbst empfinden und miterleben dürfen, wie sehr ein Signal der Zuwendung, der Einfühlung, der Rücksicht, also der Liebe, insbesondere von melancholischen, von depressiven Menschen nicht nur wahrgenommen, sondern ERWIDERT worden ist!

Gerade, wenn bzw. dass der Ruf nach Liebe von Melancholikern bzw. Depressiven offenkundig so wenig wahrgenommen oder der Bezug von Melancholikern zur Außenwelt undifferenziert geäußert, „bewertet“ oder gar festgeschrieben wird, ihnen Liebesfähigkeit auf eben diese Weise abgesprochen wird, ist das für diese Menschen, fatal. Ihnen wird dadurch bzw. bestärkend bewusst, wie „uncool“ sie sind, wie wenig sie für die „Außenwelt“ auszuhalten, wie anstrengend sie für andere sind.

Für noch fataler halte ich die Aussage, die jener zweite Satz des obigen Zitats beinhaltet, jene, wonach „sich die Melancholie jeder Erklärung“ entzieht. Entsprechend heißt es im Online-Lexikon „Wikipedia“, bei Melancholie handele es sich „um eine Gemütsstimmung, die in der Regel auf keinen bestimmten Auslöser oder Anlass zurückgeht“.

Konsequent zu Ende gefolgert hieße das, dass die Depression (im Sinne ausgeprägterer, nicht mehr nur „leichter“ Melancholie) eine Krankheit ist, für die es keine Erklärung, keine Ursache, keinen Auslöser oder Anlass gibt.

Ist sie dann überhaupt eine Krankheit?

Wenn sie es nicht ist, ist sie dann eine quasi naturgegebene Anomalie, die einigen Menschen eigen ist? Oder ist sie am Ende doch nur Einbildung, sich „etwas vormachen“ oder „sich interessant machen wollen“?

Viele Reaktionen im Alltag belegen, dass genau das von sehr vielen Menschen, die nicht betroffen sind, wohl so oder ähnlich gesehen wird. Als Anomalie bzw. Einbildung.

Wer aber kann, wer soll sich mit anomalen, ihre Einbildungen lebenden und von anerkannten Psychologen der Liebesunfähigkeit überführten und sich von der Außenwelt abgewendet habenden Menschen beschäftigen, sich ihnen zuwenden, sie aushalten?

Mag sein, dass diese Frage sehr zugespitzt, womöglich auch zynisch klingt. Letzteres ist in keinem Fall beabsichtigt, weil ich selbst sehr gut weiß, das Zynismus nicht produktiv ist, nicht weiterhilft.

Allerdings habe ich es in meiner Wahrnehmung SELBST bei manchem Psychologen (Therapeuten) schon so empfunden, als ob er unterstellte, dass es letztlich nur an der eigenen EINSTELLUNG läge, weniger melancholisch, weniger depressiv zu sein.

Seltsam nur, dass diese Therapeuten immer die waren (sind), die am penibelsten, am bohrendsten nach „in der Kindheit liegenden URSACHEN“ (sic!) für die abweichende „Einstellung“ fragten ohne sie so zu benennen. So als seien Melancholie bzw. Depression allenfalls das Ergebnis „falscher“ oder falsch verstandener Erziehung bzw. pädagogischer Zuwendung in der Vergangenheit.

So als wäre die Welt wenigstens grundsätzlich RICHTIG, wie sie ist, und Melancholie und Depression nur Erscheinungsformen, die von Menschen verkörpert werden, die nicht hinreichend auf diese RICHTIGE Welt vorbereitet worden sind. Ohne Not, ohne „Auslöser“ , ohne, dass es sonst eine Erklärung für Melancholie gibt.

*

Sehr gut möglich, dass mancher meinen Gedanken nicht folgen oder gar zustimmen kann. Ich musste sie mir, hier in meinem Tagebuch, aber einmal von der Seele schreiben.

Sollte der Eindruck entstanden sein, dass ich anderen Menschen „Schuld“ an eigener Melancholie oder Depressivität“ zuweisen oder dem Einzelnen ein schlechtes Gewissen einreden wolle, weil er/sie es mit Menschen, wie ich einer bin, eben nicht auszuhalten vermag, so war das nicht meine Intension, schon gar nicht meine Absicht.

Meine Gedanken wollen weder eine pauschale „Abrechnung“ noch eine pauschale Be- oder gar Verurteilung anderer Menschen sein.

Sie sind lediglich Ausdruck meines ganz persönlichen Empfindens.

Im Übrigen sehe ich, neben der aus meiner Sicht eben grundsätzlich (lange) vorhandenen Liebesfähigkeit, weitere positive Momente in der Melancholie, die allerdings nur wenig bzw. nach meiner Wahrnehmung eher isoliert thematisiert werden. Zum Beispiel das Hinterfragen an sich, das Innehalten, das mit melancholischen Momenten einhergeht, das Potenzial, das sich aus Melancholie für die verschiedenen Bereiche der Kunst eröffnet, die Bedeutung von Melancholie im Kontext eines „Temperamentegleichgewichts“ innerhalb eines Menschen und anderes mehr.

***

Ella Vos – „Mother (Don’t cry)“

Tagebuchseite -802-

Fragen in (trügerischer) Ruhe

In mir ist es ruhig. Sehr ruhig. Ein bisschen zu ruhig. Es ist eine Ruhe, die ich mir erzwungen habe während der gerade vergangenen Minuten, Stunden.

Ich habe das getan, weil ich mich nicht klagen, mich nicht selbst bemitleiden hören will. Klagen, Jammern, Selbstmitleid empfinden, würde mich schließlich wütend machen. Wütend auf mich. Im Verlauf immer wütender. Ich möchte aber nicht wütend(er) auf mich werden.

Ich möchte nicht traurig, nicht verzweifelt sein, nicht mit mir hadern, möchte mich nur einfach so aushalten können. Ohne Groll, ohne Selbstmitleid, ohne Fatalismus auch.

Ich möchte aber auch nicht mehr hoffen, wünschen, sehnen, weil mich das so sehr quält. Meine Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte führen in Traurigkeit, Verzweiflung und Selbsthader. Nicht allein, aber auch nicht unmaßgeblich und immer wieder, fortgesetzt.

Das ist ein Teufelskreis.

Irgendwann und irgendwo habe ich, glaube ich, einmal geschrieben, dass, wer keine Hoffnungen, keine Wünsche und Sehnsüchte mehr hat, aufhört zu leben.

Ich aber möchte nicht aufhören zu leben.

Genau DAS ist der Teufelskreis.

In der erzwungenen Ruhe stehen die alten, und doch immer wieder aktuellen Fragen geschrieben. In ihrer grausam unverrückbaren, beständig bleibenden Aktualität, die bleiben, ganz egal, was ich tue, versuche, wie ich mich anstrenge. Stehen da, für sich. Die Emotionen, die sie sonst begleiten, weggezwungen. Damit ich nicht wieder wütend auf mich werde.

Die Emotionen sind fort, allerdings ist eine Ahnung da. Eine neue, die sich wohl deshalb nicht mit wegzwingen ließ. Es ist die Ahnung, dass jene Fragen gewonnen haben. Den Sieg errungen über mich. Weil ich so lange, so unendlich lange keine Antwort auf sie gefunden habe. Es ist die Ahnung, dass es nie eine Antwort geben wird. Und also die Fragen bleiben werden. Für immer. Unbeantwortet.

Und ich also unwissend.

Unwissend sein, unwissend bleiben aber bedeutet hilflos zu sein, zu bleiben.

So empfinde ich (mich) auch. Eine negatives Empfinden, das das Einfallstor für Traurigkeit, Verzweiflung, Selbstmitleid und schließlich Wut ist. Für all das, was ich nicht immer wieder haben, immer wieder aushalten und überwinden müssen will. Und deshalb während der letzten Minuten und Stunden weggezwungen habe. Das ist mir tatsächlich gelungen.

Für ein bisschen Ruhe. Womöglich etwas zu ruhige Ruhe.

Mir fallen eine Handvoll Menschen ein, denen ich all meine Tagebucheinträge, meine Sentenzen, Aphorismen und Verse, schenken könnte und würde.

Dieser Gedanke vermittelt mir ein Gefühl schöner Zufriedenheit.

Die Ruhe wird noch ruhiger.

Die Ruhe, in der die Fragen geschrieben stehen:

Warum ist es mir nahezu jeden Morgen so schwer, aufzustehen, den Tag zu beginnen?

Warum ist das letzte, was ich am Abend und das erste, was ich am Morgen spüre, ein Gefühl der Angst, der Ungewissheit, ein Druck, der mich nicht wirklich zu Atem kommen lässt?

Warum träume ich nur bizarr, nur schlecht, selbst von Dingen, die noch gar nicht richtig geschehen sind, die Herausforderungen betreffen, auf die ich mich zu freuen versuche?

Warum bereitet mir jede sich nur andeutende Veränderung innerlich Panik?

Weshalb sind mir so viele Menschen so unbegreiflich, verunsichernd und angstmachend, und weshalb ist dennoch so viel Gutgläubigkeit und Liebe in mir?

Warum tun mir alle Emotionen weh, auch die schönen?

Warum schaffe ich es nicht wenigstens über jene meiner Schatten zu springen, deren Existenz mir nahe stehende Menschen leiden lassen?

Warum möchte ich trotz all dem nicht einfach nur sterben?

Jede Ruhe, die ich empfinde, die ich spüre, erzwungen oder nicht, ist und bleibt wohl trügerisch …

***

Nina June – „When we fall“

 

Sammelsurium -107- (Sechs Sprüchlein und ein Lied)

Aus dem „Sprüchebeutel“ meines Gehirns wieder einmal ein paar Gedanken, zum drüber Nachdenken, Zustimmen, Widersprechen, Diskutieren … :

Einem Menschen, der verzweifelt, mangelt es an Zuwendung, an Liebe, anderer Menschen. In jedem einzelnen derartigen Fall ist das so.

*

Jedes Lebewesen ist beständig Veränderung, so schwer ihm selbst Veränderung auch fallen mag. Ganz ohne Zutun seinerseits. Im Mindesten altert es mit jeder Sekunde …

*

Wenn es um eine Dankbarkeitsäußerung geht, so vermögen die Art und Weise eines einzigen Blickes oder eines einzigen Lächelns so viel an Worten zum Ausdruck zu bringen, dass kein einziges davon gesprochen oder geschrieben werden braucht, um die Dankbarkeit und ihr Maß, wahrnehm-, fühl- und spürbar werden zu lassen.

*

Für alles, was lebt, gibt es keine Unendlichkeit. Weder in der Zeit, noch im Raum, noch in der Liebe. Für diejenigen, denen wenig Liebe zuteilwird, ist das manches Mal ihr letzter, bizarrer, Trost.

*

Es scheint paradox, dass Einsamkeit so unendlich vielfältig sein kann. Aber diese vermeintliche Paradoxie löst sich auf, wenn man sich nur einmal alle möglichen Ursachen für Einsamkeit vergegenwärtigt.

*

Das Überleben der Menschheit und die Demokratie könnten eine ebenso einfache wie schlüssige Basis für ihre Definition und Realisierung haben, wenn nur das Gebot, nie etwas bewusst zum Schaden eines Dritten zu tun, tatsächlich von ALLEN gelebt würde.

***

Klingt für mich ein bisschen wie ein modernes Stück „NDW-Retro“. Aktueller Indie-Pop aus Österreich mit Ohrwurmpotenzial:

Pauls Jets – „22703“

Tagebuchseite -801-

Wo andere Urlaub machen …

Ich soll nicht klagen, ich soll dankbar sein. Aufhören zu jammern. Im „Hier und Jetzt“ leben, zuversichtlich in die Zukunft sehen. Flexibel bleiben. Optimistisch sein.

Hier, wo ich lebe, gibt es den „landesregierungsamtlich“ geborenen Slogan: „Leben, wo andere Urlaub machen!“ Für die Region wird vor allem wegen der schönen Landschaft und der guten, klaren Luft geworben. Man könne sich hier herrlich erholen und wunderbar seinen Lebensabend verbringen, wo vieles noch so urtümlich sei und es so herrlich ruhige Gegenden gebe.

Alljährlich hat „mein“ Bundesland die größte Halle aller Bundesländer auf der Internationalen „Grünen Woche“ in Berlin. Vor allem landwirtschaftliche Produkte von hier genössen einen ausgezeichneten Ruf, weit über die Grenzen der Region hinaus, heißt es. Für die Jugend gebe es nunmehr sehr gute Perspektiven, was Bildung, Qualifizierung, Arbeit und Lebensperspektiven angehe. Die Lebenserwartung steigt, es gibt Wirtschaftswachstum und Angebote in den Bereichen Sport und Kultur. Man sei „auf einem guten Weg“, seit Jahren schon …

Hier, wo ich lebe, leben nicht mehr so viele. „Mein“ Bundesland ist das am dünnsten besiedelte in Deutschland. Unzählige Menschen, vor allem junge, haben die Gegend verlassen. „Meine“ Stadt zählte 1989 knapp 59.000 Einwohner, jetzt sind es noch etwas mehr als 42.000. Kein Einzelfall. Das Bruttoinlandprodukt hier, ist das geringste in Deutschland. Es gibt kaum Industrie, das Land ist das „bäuerlichste“ Bundesland. Die Löhne sind die niedrigsten in der ganzen Bundesrepublik. Im Jahr 2017 betrugen die Bruttoarbeitsentgelte in den westdeutschen Bundesländern im Durchschnitt (!) 3.339 Euro, hier 2.391, das ist fast ein Drittel weniger bei allerdings kaum geringeren Lebenshaltungskosten als im deutschen Mittel. Im Bereich Digitalisierung ist die Region Schlusslicht, auch bei Empfang von DAB+ – Radio.

Die Zahl der Schul- und Ausbildungsabbrecher gehört zu den höchsten, bei der Erwachsenenweiterbildung hat das Land die „Rote Laterne“. Die Lebenserwartung ist vergleichsweise niedrig (vor allem bei Männern), anteilig leben hier die meisten dicken Menschen Deutschlands und die Zahl der jährlichen Alkoholtoten ist am höchsten. Das Risiko der Altersarmut ist in „meinem“ Bundesland deutschlandweist mit Abstand am größten (das mit dem „wunderbaren Lebensabend“ oben ist denn auch mehr eine Aussage, die Zugezogene aus anderen Bundesländern meint.)

Was sie Angebote an Sport und Kultur betrifft, so ist dies differenziert, im ländlichen Raum jedoch deutlich überschaubar. Gerade musste ich in der hiesigen Regionalpresse lesen, dass nach 46 Jahren Zugehörigkeit zur 1. Liga der DDR bzw. Bundesliga, 2. oder 3. Liga in Deutschland die traditionsreiche Frauenhandballmannschaft meiner Stadt, deren Spiele ich mit Freude regelmäßig besucht habe, aus Kosten- und logistischen Gründen ihren Leistungssportspielbetrieb beenden wird (Keine Insolvenz!).

Über geplante und bereits, entgegen vor allem überwiegender Praktikermeinungen, angeschobene „Neuerungen“ im hiesigen Bildungswesen und die Ohnmacht gegenüber dem immer größer werdenden Lehrermangel, über die zunehmende Unterversorgung vieler Dörfer mit Ärzten und etliches andere mehr, möchte ich mich lieber nicht auslassen, denn …

… ich soll ja nicht klagen. Soll dankbar sein und aufhören zu jammern, weiter im „hier und jetzt“ leben und zuversichtlich in die Zukunft sehen. Flexibel sein und optimistisch bleiben.

Immerhin habe ich die reine, schöne Luft hier zum Atmen …

Seit neuestem schaue ich in besonders aufgeweckte, wissbegierige, lernbereite, interessierte Kinderaugen.

Und ich frage mich, ob diese Augen, dann wenn sie ein jugendliches oder erwachsenes Alter erreicht haben, wohl hier bleiben werden, in der schönen, sauberen Luft. Oder ob sie gehen werden, wie so viele ihrer Art in den letzten Jahren schon, dorthin, wo es mehr Entwicklungsmöglichkeiten, besseren Verdienst, weniger Altersarmut und nicht so viele Alkoholtote gibt. Ich ahne die Antwort auf diese Frage …

Und ich denke an die Augen, der vielen Kinder und Jugendlichen, die ich bisher in dieser oder jener Form begleitet oder betreut habe, von denen immer wieder etliche aus unterschiedlichsten Gründen verhaltensbesonders, lernschwach oder auf diese und jene Weise benachteiligt waren und sind.

Sie werden mutmaßlich die saubere Luft noch lange atmen, dem „bäuerlichen Milieu“ erhalten bleiben, sie werden weniger flexibel sein können. Man wird sie weniger „brauchen“ können und haben wollen, dort, wo die Industrie brummt und die großen Sportvereine sichere Sponsoren haben.

Ich mag die Kinderaugen, alle, und ich wünsche mir so sehr, dass alle die gleichen Chancen hätten, hier, wo ich wohne, lebe, arbeite. Dass für diejenigen, die bleiben (werden), freiwillig oder nicht, die Weichen nicht jetzt schon sehr eindeutig gestellt werden und bleiben.

Aber das sehe ich nicht.

Ich sehe, dass es mir gut geht. Dass ich nicht Hunger leiden muss, dass ich ein Dach über dem Kopf habe, und das zumindest das hier nie gefährdet sein wird. Daran, dass ich von meiner künftigen Rente niemals einen Pflegeplatz werde bezahlen können, denke ich nicht oder versuche wenigstens, es auszublenden. –

Und wenn ich das viele Leid und Elend auf der Welt sehe, die Not, in der so viele Menschen ihr Dasein organisieren und fristen müssen, dann schäme ich mich dafür, dass ich doch immer wieder ins Jammern verfalle, mir der Optimismus abhanden kommt und ich mich selbst daran erinnern muss, doch dankbar zu bleiben.

Dennoch gelingt es mir nicht, „anders“ zu sein, zu denken, zu empfinden, als ich es eben tue. Liegt das (nur) daran, dass es in einer Umgebung, in der es vergleichsweise weniger gute Entwicklungen gibt, schwieriger ist, Optimismus zu bewahren?

Aber es gibt auch hier Menschen, die Optimismus ausstrahlen. Nach meiner Wahrnehmung sind das allerdings vor allem solche, die vergleichsweise gut verdienen, auch hier in sehr gesicherten Verhältnissen leben, gute Anstellungen haben usw. – Manchmal freilich, kommt mir dieser Optimismus irgendwie „gemacht“ vor, wie ein Zweckoptimismus für diejenigen, die unter den oben skizzierten, vergleichsweise nicht so attraktiven Lebensverhältnissen leben müssen.

Ich bin nicht undankbar. Ich will mich nicht beklagen. Ich will versuchen, mir Zuversicht zu bewahren.

Ich lebe, ich arbeite, bin und bleibe hier, wo andere Urlaub machen und einen ruhigen und gesicherten Lebensabend verbringen können.

Aber ich stelle mir mitunter auch die Frage: Wer aus einer anderen Region Deutschlands würde tatsächlich mit mir, mit den ganz „durchschnittlichen“ Menschen hier, tauschen wollen?

Mir fällt der Gedanke ein, wonach man sich erst durch Vergleichen immer wieder selber unglücklich mache. Und bemerke, dass mir dieser Gedanke gerade irgendwie scheinheilig vorkommt.

***
Still Corners – „Black Lagoon“

Tagebuchseite -800-

Lieblingsfarben

Es interessiert mein Lieblingsfarbengrün ganz und gar nicht, dass ich während dieser Woche nie weiß, welcher Wochentag gerade ist.

Als ich die Augen von der Tatstatur meines PC aufschauen lasse, sehe ich es einfach vis a vis durch die große Fensterfront des Büros. Auf der Wiese, dem Laub der Bäume, und fast alle Sträucher, welcher Größe und welchen Ausmaßes auch immer, einhüllend. Etwa zwei, vielleicht drei Wochen wird es so leuchten und dann seinen Ton langsam wechseln.

Dieses aktuelle, besondere, Grün vermittelt vor allem Neubeginn und Frische. So was wie Neujahr, das kalendarisch jetzt, um diese Zeit, für meinen Geschmack viel passender, viel besser platziert wäre.

Aber vermittelt es die Frische tatsächlich oder suggeriert es sie mehr nur? Wenn ich mir die schon jetzt wieder vollkommen staubtrockenen Böden ansehe, erscheint es mir geradezu unglaublich, woher und woraus das gegenwärtige Grün seine strahlende Reinheit geboren hat.

So genügsam ist die Natur also eigentlich.

So, wie die drei Hornveilchenblüten, die ich schon seit einiger Zeit beobachte, die sich zwischen zwei Gehwegplatten aus einer winzigen Ritze langsam und beschwerlich einen Weg an Tageslicht gebahnt haben. Sie leben augenscheinlich von nichts und schenken der Welt, schenken mir, doch ihre wundervoll tiefblau-violetten Antlitze. Ihr Standort ist nicht ganz ungefährlich vor dem Eingang unseres Plattenbaublocks, und ich freue mich über jeden Tag, an dem sie nicht von irgendjemandem, den sie sehr wohl „stören“ könnten, an jenem Platz, einfach herausgerissen worden sind.

Im Frühjahr, dem Teil, der für das tatsächliche, das wahrnehmbare Ergründen, Erblühen und Erklingen steht, empfinde ich das Angebot, das die Natur ist und verkörpert, besonders intensiv. „Komm hierher!“, „Überlege dir, mich dort zu besuchen!“, „Hey, da bin ich auch und ganz besonders!“, ruft sie mir gefühlt von allen nur erdenklichen Orten aus zu. Und: „Versäume keine Minute!“, „Die Zeit, die du nicht bei mir warst, ist unwiederbringlich!“

Dennoch verstreicht die allermeiste Zeit, ist mit anderem angefüllt. Ohne, dass ich es ändern kann.

Ich lese einen kleinen Absatz aus dem „kleinen Prinzen“. Der Satz: „Was wichtig ist, sieht man nicht.“ springt mir daraus in die Augen. Und mir wird plötzlich ganz unmittelbar klar, wie sehr das nicht nur allgemein, sondern ganz persönlich für mich und all die von mir nicht zu sehende Natur gilt. Und gleichermaßen für geliebte Menschen, die ich nicht sehen kann. Je weniger ich sie sehe, als desto wichtiger empfinde ich sie, desto wichtiger sind sie und werden sie für mich.

Es sind dies jene Menschen, die kaum etwas verlangen von mir und doch immer wieder da sind, wieder kommen, mich ihre Schönheit, die ihres Charakters, fühlen lassen. Ich spüre diese Menschen für mich wie ich das Lieblingsfarbengrün der Natur, jetzt, um diese Zeit spüre. Sie haben eine lieblingsregenbogenfarbene Seele, von der sie oft selber nur so wenig wissen.

Um die Natur mache ich mir große Sorgen. Denn mir ist bewusst, dass sie kaum noch genügsamer werden kann, wenn sie die bleiben soll und will, als die ich sie zum Beispiel durch das große Bürofenster sehe.

Und unweigerlich kommt mir der mich fragende Gedanke, ob ich den lieblingsfarbengrünen Menschen nicht auf Dauer zu viel abverlange und zumute, so wie die Menschheit es seit Jahren mehr und mehr mit der Natur getan hat und tut.

Wenn Zeit, viel Zeit verrinnt, während der man Dinge und Menschen nicht sieht, die ohnehin schon wichtigen, aber dadurch eben noch wichtiger werdenden, Dinge und Menschen, wird man, werde ich, ungeduldig. Diese Ungeduld speist sich aus dem Wissen, dass, was vergangen, unwiederbringlich ist. Zeit ist zwar ewig, aber nichts ist ewig, was in ihr geschieht.

Auch mein Lieblingsfarbengrün des Frühlings nicht, nicht mein Lieblingsfarbenblau der Kornblumen des Sommers, keine Lieblingsfarbe. Ich fürchte, auch die unendlich bunten  Lieblingsregenbogenfarben der schönen Seelen nicht.

Wenn alle Lieblingsfarben tatsächlich einst verschwunden sind, ist es wahrlich egal, welcher Wochentag dann jeweils ist oder noch sein wird.

Weil dann kein Leben mehr sein wird.

Ich schaue in den Himmel, schaue in das zauberhafte Grün, und schließe die Augen …

Was wichtig ist, sieht man nicht?

***

Aurora – „The Seed“

Tagebuchseite -799-

Probefahrten

Neben mir sind zwei Stieglitze auf Reisen. Während ich fahre, fliegen sie. Ein kleines Stückchen nur begleiten sie mich, jedoch nicht zu übersehen, wegen ihres so zauberhaft bunten Federkleids. Ich rieche Feldluft, und vor und hinter und neben mir sehe ich Frühlingsgrün.

Es fühlt sich ungewohnt und neu an, so zu fahren. Fast zwei Jahre habe ich das schon nicht mehr getan. So lange steht mein altes hochbetagtes Fahrrad schon im Keller, mein treues Gefährt über so viele Jahre. Steht da mit abgefahrenen Reifen, einem knirschenden Tretlager, einer ausgeleierten Kette, einer bestenfalls flackernden Beleuchtung und diversen anderen kleineren und größeren Wehwehchen.

Was letztere betrifft, hat es diese mit seinem Besitzer gemeinsam, was ein nicht unwesentlicher „Mitgrund“ dafür ist, dass es schon so lange da unten im Keller steht. Die Wehwehchen jenes Besitzers haben es ihm zum Ende hin öfter einmal unmöglich gemacht, den unerlässlichen kühnen Schwung, der für den Aufstieg auf ein echtes Herrenrad nun einmal absolviert werden muss, noch zu vollführen. Und wenn jener Schwung denn doch noch das eine oder andere Mal erzwungen wurde, dann für den Preis einer sehr schmerzhaften Erinnerung daran, dass die eigene Wirbelsäule ein schon recht mitgenommenes (und leider nicht mehr reparables) Verschleißteil ist.

Nun aber ist ein neues Radel da. Nach langer und nicht eben einfacher Entscheidung. Ich habe beschlossen, es doch noch einmal ein bisschen wissen zu wollen. Ein bisschen, das heißt, in angemessener Weise. Was bedeutet, dass das neue Radel alters- und gesundheitsgerechter daherkommt als mein alter treuer Gefährte. Was allerdings seinen Preis hat(te) … –

Ja, ich habe sehr, sehr lange überlegt, ob ich mir so ein Rad anschaffen, leisten, gönnen, kann und darf. Etwas nur für mich für so viel Geld habe ich mir in meinem ganzen Leben noch nie gekauft. Für etliche andere Zeitgenossen ist es wahrscheinlich gar keine wirklich bedeutende Summe, aber ich verdiene nicht gut, und da ist meine Familie. Und da war auch immer wieder die Frage, ob ich die seinerzeit noch in Frage stehende Anschaffung denn dann auch wirklich so nutzen würde, dass sie sich wenigstens einigermaßen amortisiert. – Ich habe wirklich lange überlegt, und mein Gewissen hat bis heute nicht ganz Ruhe gegeben.

Heute, das ist ein Tag nach der gestrigen etwa 15 km langen Probefahrt, während der das kleine „Wettrennen“ mit den Stieglitzen eine Episode war.

Diese Fahrt führte mich unter anderem an eine Schule. Eine besondere Schule. Eine „Freie Schule“, an der Kinder von der ersten bis zur sechsten Klasse lernen, in kleinen Verbänden. Die einzelnen Klassen (von denen es in jeder Stufe jeweils nur eine gibt) umfassen jeweils nur 15 Schülerinnen und Schüler. Die Schule wird von einer Tochtergesellschaft meines Arbeitgebers betrieben. Und eben dieser hat mich vor schon ein paar Wochen gefragt, ob ich mir vorstellen könne, dort ab August als Lehrer zu arbeiten.

Ich war vollkommen baff, und habe diesen Zustand bis heute nicht ganz überwunden. –

Ja, mein Projekt, in dem ich jetzt beschäftigt bin, steht ungeachtet aller großen Erfolge und Zusprüche, die es erfahren hat, nach jetzigem Stand ab 2020/21 sehr grundsätzlich auf der Kippe, da der Grundpfeiler der bisherigen Finanzierung definitiv wegfallen wird. Ja, die Rahmenbedingungen dort haben sich vor allem im letzten halben Jahr deutlich verschärft – nicht von ungefähr laufe ich seit Monaten mit 50, 60, 70 Überstunden durch die Gegend.

Aber die Arbeit als solche macht mir Spaß dort, ist mir mit Blick auf viele der Jugendlichen, mit denen ich dort zu tun habe, wirklich Herzenssache geworden. Es ist eine Lieblingskollegin da, die ich so gar nicht einfach im Stich lassen möchte. Und die Arbeit in diesem Projekt war der immerhin vierte Neubeginn nach meiner langen Erkrankung binnen weniger Jahre.

Und nun soll ich noch einmal, schon wieder, etwas Neues beginnen? Etwas so herausforderndes, so verantwortungsvolles? Etwas, was nach vorliegenden Beschreibungen verlockend klingt, dessen Praxis freilich keineswegs nur sich erfüllende Verlockungen bereithalten wird, wie mir mein bisschen Lebenserfahrung einflüstert.

Ich verfüge zwar über eine pädagogisch-methodisch-didaktische Hochschulausbildung – die aber liegt über 30 Jahre zurück, wurde in jenem Teil Deutschlands erworben, der einmal DDR hieß, und bezog sich auf den Unterricht und die Arbeit mit Erwachsenen. Erst während der letzten vier Jahre habe ich mit Jugendlichen und ein wenig auch mit Kindern gearbeitet, allerdings in sozialpädagogischem Kontext, nicht in Form von Fachunterricht.

Wenn ich auf Gedankenreise in (m)eine mögliche Zukunft an dieser Schule gehe, schlägt mir das Herz bis zum Hals, mein Atem wird flacher, der mir nur allzu bekannte und nimmer vertraut werdende Dämon meiner Ängste schaut mich grinsend von innen an. VERÄNDERUNG, schreit es mich an, und ruft Erinnerungen wach, daran, wie ich IMMER gefühlt habe und IMMER fühle, wenn Veränderungen anstehen, zumal größere.

Ich habe es mit „Pro- und-Contra-Listen“ versucht. Die helfen dann, wenn es auf ihnen nicht 50:50 steht.

Meine haben mir nicht helfen können. –

Ich habe mit ein paar Menschen gesprochen, sehr lieben, mir wichtigen, mir sehr wertvollen Menschen. Von allen bekam ich Zuspruch, lieben, sensiblen Zuspruch …

Vorige Woche am Donnerstag war ich dort an der Schule. Hatte ein langes Gespräch mit der Schulleiterin, habe mir alle Räume angesehen, habe eine „Individuelle Lernzeit“ mit der 5. Klasse mitgemacht – die soll ich nun schrittweise, dann allein, drei Mal pro Woche mit dieser Klasse absolvieren. Bis zum Ende des laufenden Schuljahres. Als „Probefahrt“ sozusagen. Um dann, ab Mitte August „richtigen“ Unterricht zu geben, in verschiedenen Fächern und in verschiedenen Klassen. Welche in welchen wird während der kommenden Wochen geplant werden.

Man rechnet also schon mit mir …

Als ich gestern mit meinem neuen Fahrrad zurück fuhr von der Schule, schauten mich durch meine Gedanken hindurch viele der Kinder jener 5. Klasse an, in der ich am Donnerstag mitgeholfen hatte. Freundliche Kindergesichter, mich ein bisschen neugierig fragend, in für mich ungewohnt schöner Sprache sprechend, motiviert zu lernen. Ich spürte den Fahrtwind und abwechselnd hatte ich das Empfinden, dass mir die Welt zu groß und im nächsten Augenblick zu klein würde.

Vor zwei Wochen als ich die Anzahlung für mein neues Fahrrad in Auftrag gab, war mein letzter davor liegender Gedanke gewesen, dass ich das Fahrrad gut gebrauchen, gut nutzen könnte, um damit künftig regelmäßig zu der Schule zu fahren …

Nun ist die eine Probefahrt, die mit dem Radel, schon absolviert.

Und die andere? Die angeblich am vorigen Donnerstag an der Schule erst begonnen hat? Ist das überhaupt noch eine Probefahrt?

Soeben beginnt mein Herz wieder, mir bis zum Hals zu schlagen.

Ich versuche, an die beiden Stieglitze zu denken …

***

Von Lina Maly gibt es ein neues, sehr hörenswertes Lied über das „unterwegs sein“. (Obendrein von bezaubernden Bildern begleitet!) Sie hat eine sehr schöne, reflektierte und irgendwie zuversichtliche Sicht darauf. Wenn ich das Lied höre, wünsche ich mir jedes Mal, diese Sicht auch haben zu können. Aber ich tue mich nach wie vor und immer wieder so schwer damit.

Lina Maly – „Unterwegs“

Verse -71-

sensibel sein

sensibel sein ist …

wenn der klang einer stimme für dich
wie ein streicheln ist,
wenn das streicheln eines warmen windes
auf deiner haut
dich ganz in der tiefe deiner seele berührt,
wenn der gesang eines vogels
dein herz zum tanzen bringen kann,
wenn das leuchten
einer jungen baumkrone
oder einer blühenden Wiese macht,
dass du die ganze welt umarmen möchtest,
wenn das hören einer melodie
in gänsehaut auf dir geschrieben steht,
wenn dir die ästhetik und ethik eines wortes,
der strich und die farben eines bildes
wie sinnfindung sind,
wenn ein freundliches lächeln
dir das schönste geschenk sein kann,
wenn dein herz türen öffnet,
um leben in sich wohnen zu lassen,
menschliches leben,
deines und das von menschen,
die dir heimat geben und heimat sind.

sensibel sein ist …

wenn das spüren der verzweiflung
eines anderen menschen,
sich selbst nicht lieben zu können,
deine augen zu meeren werden lässt,
wenn die großen augen eines hungrigen kindes,
dich ganz und gar zu schmerz machen,
wenn bilder von menschen
aus fernen ländern auf der flucht,
zerstörter städte und dörfer,
misshandelter frauen und kinder,
wenn das erleben, das wahrnehmen
von tod, von naturkatastrophen,
der zerstörung der umwelt,
der ausgrenzung und stigmatisierung
von menschen, die irgendwie „anders“ sind,
krank, arm, beeinträchtigt oder nicht weiß,
dich traurig werden lassen,
dich ohnmächtig fühlend und wütend zugleich
und deiner kleinheit so bewusst,
und doch immer wieder das bedürfnis,
den wunsch in dir werden und bleiben lassen,
zu geben und zu teilen und zu lieben
so lange es dir nur möglich ist.

sensibel sein ist …

so schön
und
so schwer.

***

ViVii ist eine schwedische Indie-Dreampop-Band, die es schon seit einigen Jahren gibt, nach wie vor aber fast nur unter „Insidern“ bekannt ist. Ihre meist eingängigen Melodien sind immer von einer textlichen Botschaft begleitet, über die sich nachzudenken lohnt. Auf ihrer aktuellen Single geht es um die Botschaft der Liebe, eine Botschaft, die vor allem für sensible Menschen immer wieder eine besonders wichtige ist …

ViVii – „Love, love, love“