Wegweiser durch diesen Blog

Tagebuchseiten:

Hier sind meine Reflexionen über Ereignisse und Begegnungen im Alltag ebenso zu finden, wie meine Gedanken über „Gott und die Welt“ – in loser Folge, ohne Ordnung …

(Mit Beginn des Jahres 2017 erscheinen einige meiner Tagebuchseiten als Selbstgespräche . Grund dafür ist eine umfassendere Idee, die ich schon lange in mir trage. Vielleicht entsteht aus den entsprechenden Texten irgendwann ein Weg, der zu ihrer Realisierung durch mich führt. Vielleicht …)

Sentenzen:

Nachdenkliches zu Themen, die mich immer wieder und nachhaltiger bewegen und beschäftigen, die in meinem und für mein Leben zumeist eine wichtigere Rolle spielen.

Verse:

Einige meiner Versuche, Gedanken, Eindrücke, Reflexionen und Ansichten in lyrischer Form zu verarbeiten.

Gedanken zu Aphorismen:

Was immer ich auch lese, ich spüre darin aus meiner Sicht interessante Sinnsprüche auf. Einige von denen, die mich besonders inspirieren, zum Nachdenken anregen, meinen Widerspruch herausfordern, bespreche, diskutiere ich hier.

Zwischenstopps:

Texte oder Begebenheiten über die ich „gestolpert“ bin, darunter Merkwürdiges, Skurriles, Witziges, Unglaubliches – manchmal mit kurzen Kommentaren von mir versehen. (mitunter auch Musiken, mit denen ich mir einen Zwischenstopp genehmige …)

Sammelsurium:

Hier finden sich von mir verfasste, kleine Rezensionen zu Büchern, die ich gelesen habe, eigene Gedanken in Aphorismenform, die ich zur Diskussion stelle, und Sonstiges, was mir mitteilenswert erscheint.

Sammelsurium -121- (Sechs Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Es ist ein bisschen her, seit ich aus dem Alltag, meinem Erleben und Empfinden geronnene Gedanken als  Aphorismen in mein Tagebuch geschrieben habe. Nun haben sich wieder ein paar angesammelt und dazu noch eine kleine Philosophie, über den, der unser aller Lebensraum ist, buchstäblich. Über den Tag … :

Wohlstand und Missgunst sind direkt proportional wachsende Verwandte. Egal, wie man es dreht.

*

Letztlich ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, was einmal versäumt wurde, für immer versäumt. Das erscheint nur deshalb so unglaubhaft, weil es so selten eingestanden wird.

*

So vieles, was gar nicht real ist, ist so schrecklich wirklich.

*

Die „Weisheit“, wonach ein jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, ist vor allem eins: zynisch.

*

Schließlich sind es der einzige Auftrag und die einzige Herausforderung eines jeden menschlichen Lebens auf dieser Welt, man selbst zu werden, zu sein und zu bleiben, zum Nutzen nicht nur für sich selbst und vor allem, ohne einem anderen menschlichen Leben Schaden zuzufügen.

*

Es  ist erbarmungslos wahr, aber es sind vor allem Enttäuschung und Frustration, Entbehrung und Leid, die den Menschen tief zu sich selbst führen, ihn sich seiner selbst bewusst werden lassen. Mit allen nur erdenklichen Folgen …

**

Schnipsel (19)

Tag

Ich lebe in dir, während du an mir vorbeiziehst. Du bleibst bei mir, wenn du längst schon wieder gegangen bist.

Lässt Spuren zurück, die Gedanken werden und Emotionen, die Worte suchen, Lieder und Bilder und Menschen, die mich der werden und sein lassen, der ich morgen bin, wenn ich wieder in dir lebe, dir, einzige Dimension, in der ich leben darf und kann und muss.

So ungleich du bist, so ähnlich bist du dir. Gestern, heute, morgen. Monotonie des Abwechslungsreichtums, sich wandelndes Stereotyp. Mit allem, was dich einschließt und allem was du umfasst.

Du bist so selten, was du bist, viel mehr und öfter das, was andere aus dir machen. Auch für mich.

Ob ich das will oder nicht.

***

Da hörte ich doch zuletzt einen Grönemeyer, wie ich ihn bis dato nicht kannte. Und vernahm sogleich, dass sich an eben diesem Lied so manche Geister schieden.

Ja, es ist ein anderer Grönemeyer, auch als der, den ich so kenne. Und ich bin wirklich kein Tänzer, aber dieser Tango (!)  hat mich irgendwie verzaubert. Und den Text finde ich, so trivial er „aufs erste Ohr“ daherzukommen scheint, dann doch wieder intelligent. Und das Video …, ach, das mag sich ein jeder selbst ansehen.

Für mich jedenfalls ist es, auf ganz eigenartige und eigensinnige Weise, ein besonderes Lied. Und darum teile ich es hier:

Herbert Grönemeyer – „Der Held“

Tagebuchseite -928-

Limit

Hätte diese Tagebuchseite seit meinem letzten Eintrag aufgeschlagen dagelegen, wären womöglich erste Spuren von Vergilben an ihr zu erkennen gewesen. Ein unbeschriebenes Blatt von einem Hauch Vergänglichkeit überzogen.

Was für eine Metapher! Noch während ich sie eben niedergeschrieben habe, ist sie auf Reisen gegangen und hat dabei einige meine Gedanken mitgenommen und neue entstehen lassen.

So etwas ist lange nicht mehr geschehen, dabei liebe ich das so. Es ist meine ureigene Art, auf Wanderschaft zu sein. Nur so vermag ich zu finden ohne zu suchen. Nur so behalte ich Sinn. Nur so kann ich leben, ist Leben für mich.

Die vergangenen beiden Wochen war kein Leben. Ein paar Lebenszeichen hatte es. Nicht aus mir heraus. Um mich herum. – Immerhin habe ich sie noch bemerkt.

Ich bin so dünnhäutig geworden, dass ich mich gar für einen kleinen Moment, eine Sekunde nur, nicht mehr beherrschen konnte, reagiert habe, wie ich sonst nicht reagiere, weil es nicht ICH ist. Ich war erschrocken darüber und ich habe mich geschämt dafür. Das wirkt bis heute nach …

Da war ein Tröpfchen, ein Mikrogramm zu viel. Ich weiß, dass, so wie es ist, es wieder geschehen kann. Umso mehr wehre ich mich dagegen. Ich möchte ICH bleiben, trotz allem und egal was geschieht.

Offensichtlich hat das Frühjahr des vorigen Jahres eine Zäsur gesetzt. Eine Zäsur für mich. Unabhängig von dem Virus, das seinerzeit seinen Präsenzzug längst angetreten hatte und das zweifellos einen immer spürbarer werdenden Beitrag reproduziert, der hinzukommt zu all dem anderen, der all das andere noch schlimmer, noch schwerer, fühlen und ertragen lässt.

Damals muss mich ein Zug mitgenommen haben und ich bin seither auf einer bizarren Reise, auf deren Verlauf und Ende ich keinen Einfluss habe, weil der Zug fremdgesteuert ist. Von außen. Wenn ich in den Führerstand blicke, sehe ich, wie da ein Programm abläuft. Anzeigen schlagen aus, Knöpfe blinken, das Steuer scheint ein virtuelles zu sein. Was ich auch zu berühren, zu verstellen suche, nirgends ist ein Hebel, nirgends ein Schalter, die sich betätigen lassen.

Die Geschwindigkeit des Zuges ist rasant, manchmal buchstäblich atemraubend. Und er rast dahin, immer wieder zackige Kurven nehmend und durch dunkle Tunnel heulend, eine lange surreale und doch so unbestreitbar wirkliche Strecke, die keinen Platz, keinen Raum, keine Zeit für Metaphern kennt.

So reise ich dahin, seit etwa einem Jahr.

Mein Vater reist mit und mein Privatleben und meine Persönlichkeit. Wir passieren Bahnhöfe, ohne dass es einen Halt gibt, Bahnhöfe, die alle denselben Namen tragen: LIMIT.

Wenn und weil das so ist, reicht manchmal ein Tröpfchen …

Die Lebenszeichen rühren mich, berühren mich, lassen mich in stiller Freude weinen. Vor dem LIMIT wird ihre Schönheit so groß, so strahlend, dass es ein bisschen  weh tut. Mein einziger süßer Schmerz! Lieder, die sonst niemand kennt, Gesten, die nur ich verstehe, Bilder, die ich schauen kann, ohne das sie jemand gemalt hat, Zeilen, geschrieben von einer zu mir ausgestreckten Hand, so einzigartig, dass ich mich zwischen sie legen und ein bisschen Geborgenheit finden kann.

Wieder habe ich soeben ein Schild mit der Aufschrift LIMIT passiert, aber ich darf ein bisschen träumen, das erste Mal seit Tagen. Weil da das Geschenk von ein paar Minuten ist, mich an ein Lebenszeichen zu erinnern.

Aus Lebenszeichen, manchmal auch aus Erinnerungen an sie, werden Metaphern geboren. Metaphern, die Gedanken mitnehmen und entstehen lassen.

Wenn das geschieht, kann ich schreiben.

Aber die Reise geht weiter …

***

Hinter dem Namen „mxmtoon“ verbirgt sich eine junge Frau mit dem Namen Maia. Im September des Jahres 2000 geboren, ist sie heute auf dem Portal „youtube“ aktiv, schreibt Lieder und singt sie auch. Viele Werke gibt es von ihr offenbar noch nicht, aber das eine, ganz aktuelle Lied hier, das ich kürzlich entdeckt habe, hat mir sofort so sehr gefallen, dass ich es gern heute teilen möchte. Text, Melodie und Stimme bilden eine sehr schöne, melancholische Interpretation – für mich ist es ein Lebenszeichen (sic!):

mxmtoon – „Creep“

Tagebuchseite -927-

Meine letzten Wünsche, ganz persönlich für mich

Tagträume sind Flüchte. Immer. Ich mache mir da nichts mehr vor. Im eigentlichen Sinne sind es gar keine Träume. Es sind sich in der Flucht materialisierende Sehnsüchte und Wünsche. Sie existieren wirklich, sind da, ich kann sie anfassen.

Zwar lebt seit vielen Jahren eine Utopie in mir, aber ich war nie ein Fantast, hatte nie Rosinen im Kopf. Es gibt Menschen, die sagen, dass es besser gewesen wäre, wenn ich welche gehabt hätte. Ich habe keine Antwort darauf.

Was ich weiß, ist, dass meine Wünsche und Hoffnungen mit den Jahren weniger, vor allem aber konkreter geworden sind. Diejenigen, die die für mich ganz persönlichen sind, sind überdies kleiner geworden. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich im Laufe meines bisherigen Lebens erfahren und immer besser verstanden habe, dass es nur auf weniges wirklich ankommt, dass, was wesentlich ist, kein Zählmaß braucht.

Zuzugeben habe ich, dass ich mehr denn je in Sorge bin, dass sich auch von diesem wenigen Wesentlichen womöglich nur ein Teil, vielleicht gar nur ein sehr kleiner, noch erfüllen wird. Ich nehme aktuell durch meine und in meiner Umgebung sehr spürbar wahr, dass sehr häufig die verbleibende Kraft, das verbleibende Umfeld und schließlich die verbleibende Lebenszeit dafür nicht mehr ausreichen. Selbst für die Verwirklichung der kleinen wesentlichen Wünsche und Sehnsüchte nicht mehr.

Insoweit sehe ich mit Bangen, wie viele Jahre Arbeitsalltag mir noch bevorstehen. Alltag, den ich annehmen muss, aus dem es für mich persönlich keine Option gibt, mich ohne akuten Krankheitsgrund vorfristig zurückzuziehen. – Während der gegebene und noch für einige Jahre herrschende und anzunehmende Alltag nahezu keine Freiräume lässt, auch nicht für das „kleine Wesentliche“, sind hernach womöglich die sonst nötigen Ressourcen erschöpft, selbst, wenn es dann noch ein Zeitreservoir gäbe.

Das ist die eine Wahrnehmung. Die andere ist die der fortgesetzten Veränderung all dessen, was mich umgibt, nicht zuletzt der Menschen. Und ich erkenne, dass die meisten dieser Veränderungen, meinen kleinen wesentlichen Hoffnungen und Wünschen entgegenstehen oder sich gegen sie richten. Früher habe ich geglaubt, dass mein Leben irgendwie anachronistisch verlaufen ist und verläuft, heute finde ich, dass ich selbst womöglich der Anachronismus bin, es in gewisser Weise schon immer war, sich das aber im Laufe der Zeiten mehr und mehr verstetigt hat.

Vor wenigen Jahren noch hätte ich mir dafür „die Schuld“ gegeben. Nachdem ich gelernt habe, mich trotz allem selbst zu mögen, tue ich das nicht (mehr), aber das macht die Situation und mein Empfinden keinen Deut besser, meine Sorge nicht geringer.

Ich fasse zusammen:

Ich bin ein Anachronismus und mein Alltag gebiert Flüchte, Flüchte in überschaubare, konkrete Sehnsüchte, die niemand Anderem zu nahe treten, die wesentlich, aber letztlich klein sind, im Alltag der Gegenwart der nächsten Jahre grundsätzlich unerfüllbar bleiben werden. Für die, während der nicht vorhersagbaren, jedoch in jedem Fall endlichen Zeitdimension danach, steht über ihnen ein riesengroßes Fragezeichen, das vor allem eins tut: Bange machen.

Meine verbliebenen „kleinen“, wesentlichen, Wünsche und Sehnsüchte für mich ganz persönlich sind:

(Mehr) Zeit mit den wenigen mir wirklich nahen Menschen, die mir Freunde sind, verbringen können, ebenso wie mit der Natur, meinen Büchern und der Musik, die ich liebe, und darin begleitet zu sein und zu werden, sich darüber austauschen zu dürfen und zu können, diese Dinge miteinander zu teilen.

Ab und zu eine Umarmung zu bekommen, von einem lieben Menschen, sie wirklich spüren und vielleicht manchmal auch ein wenig darin verweilen dürfen.

Frei genug zu sein und Zeit zu haben, um schreiben zu können.

Gesund zu bleiben, vor allem nicht immer wieder und so sehr so vielen Ängsten und depressiven Phasen ausgeliefert zu sein.

Noch ein paar, wirklich nicht weite Reisen unternehmen zu dürfen, gar nicht in ferne Länder, sondern viel mehr kleine Ortswechsel im Sinne meines ersten Wunsches und auch dies nicht allein tun zu müssen.

**

Es macht mich schon seit einer ganzen Weile traurig, zu bemerken, dass ich zwar nach wie vor sehr gern schreiben würde, mir das aber oft viel schwerer fällt als bislang. Die Ursache dafür ist nicht, dass mich zu wenig bewegen würde, sondern, dass es zu viel ist, und dass es für mich (wenigstens gefühlt) oft sehr schwer wiegt, um darüber schreiben zu können, letztlich zu schwer.

Ich bin insoweit gerade sehr auf der Suche, weiß nur, dass ich nicht aufhören möchte zu schreiben, weil ich ahne, dass damit in der Folge Fatales verbunden sein könnte. Ich möchte gern bald einen Weg finden …

***

Ruby McKinnon (* 10. März 1998) ist eine kanadische Singer-Songwriterin, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Flower Face.

Seit Jahren schreibt und nimmt sie Songs in ihrem Schlafzimmer auf. Dabei sind vor allem schon viele sehr spezifische und besonders schöne Balladen entstanden, von denen ich hier wohl schon ein oder zwei geteilt habe. Das neueste Werk von Flower Face ist „Kaleidoscope“ – mich nimmt es auf bezaubernde Art gefangen, trägt mich, lässt mich auf Gedankenreisen gehen … :

Flower Face – „Kaleidoscope“

Verse -90-

Sonne

Du bist die einzige geblieben,
die mir manchmal ein Streicheln schenkt,
welches auch mein Körper spüren kann.
Wenn eine Brise des Windes dich ihre Freundin sein lässt,
dann streichelt ihr mich beide,
meine Arme, meine Beine, mein Gesicht.

Dieses Streicheln macht das Erinnern stärker,
daran, dass da irgendwann einmal Menschen waren,
die mich so berührten und daran, 
wie sehr, wie tief, ich mich darin verlieren konnte,
bis ich selbst zum Streicheln wurde. 
Achtsam, sanft, aus tiefster Dankbarkeit geboren.

So bin ich nun dir dankbar, dir und jener Freundin,
mit der du mich bisweilen gemeinsam besuchst,
obgleich die Erinnerung, die ihr wiedererweckt, 
schmerzhafter nicht sein könnte.
Aber du nimmst meine Liebe an, die nichts als aufrichtig ist
und nichts möchte, als bemerkt zu werden.

Du bist die einzige und wirst es bleiben, 
die mich nicht traurig werden lässt,
weil ich dir kein Streicheln schenken kann,
keines, was dein Körper spüren könnte.
Versuchte ich es, würde ich verbrennen,
so wie an Menschen, die ich streicheln durfte. Einst.

***

Nadia Reid ist eine Sängerin und Songschreiberin aus Neuseeland. Obwohl sie inzwischen drei Alben veröffentlicht hat, ist sie nach wie vor nur einer relativ kleinen Fangemeinde bekannt. Wie ich finde, völlig zu Unrecht. Ihr Markenzeichen ist ein sehr schöner, eindringlicher, klarer und ruhiger Folkpop, der keinerlei Effekthascherei bedarf, um ebenso hörenswert wie tiefgehend zu sein. Das Lied, das ich hier teile, ist dafür ein sehr treffendes Beispiel:

Nadia Reid – „The arrow and the aim“

Tagebuchseite -926-

(Nicht meine ersten) Gedanken über Freiheit

Es gibt wohl nur wenige Themen auf der Welt, die so häufig immer aufs Neue definiert, besprochen und hinterfragt worden sind und werden, wie das Thema Freiheit.

Auch ich habe mich damit immer wieder beschäftigt und unter anderem im Sommer 2013 einen kleinen Aufsatz in der Rubrik „Sentenzen“ meines Tagebuchs dazu veröffentlicht. Und wer mich schon länger kennt, weiß, dass ich zwei Credos habe, denen ich in meinem Leben folge, und dass eines davon ein Verständnis von Freiheit charakterisiert, das vermutlich Illusion bleiben wird, für das ich dennoch nicht aufhören will zu stehen und zu leben.  Ursprünglich von der von mir sehr geschätzten Autorin, Publizistin und Journalistin Daniela Dahn formuliert, lautet es:

Das Reich der Freiheit beginnt dort, wo man für das Zurückstellen seines Egoismus nicht mehr bestraft wird.

Gestern früh hörte ich nach längerer Zeit wieder einmal das Ende eine von mir sehr geschätzten Musiksendung (leider läuft sie ausschließlich am Sonntag und immer schon ganz früh, von 4.00 bis 7.00 Uhr am Morgen) auf einem der großen öffentlich-rechtlichen Rundfunksender dieses Landes. Zum Abschluss dieser Sendung schickte der Moderator seine Hörer mit folgender Weisheit in den Tag:

Freiheit ist, wenn man keine Angst hat, vor nichts und vor niemandem.

Der Satz war kaum ausgesprochen, da setzte sich schon mein Gedankenkarussell in Fahrt. Und es kreiselte gar nicht besonders lange, und ich fand: Der Satz hat was, der ist gut. Er ist sehr wahr. Ganz wahr?

Wenn mich niemand, auf welche Art auch immer, einschüchtert, wenn ich nicht genötigt werde, in Schubladen zu denken, dann kann mein Horizont sehr weit werden. Der Horizont meiner Gedanken, meiner Empfindungen, der Art und Weise, wie ich ihnen Ausdruck verleihe. Nichts, was mich bedrängt oder bedroht, niemand, der einen Gedanken verbietet, keine Strafe, keine Zensur, kein Hass, wenn etwas, was ich denke oder tue, nicht den Vorstellungen eines oder mehrerer anderer Menschen entspricht. Ja, das könnte wohl Freiheit sein. Es fühlt sich sehr danach an.

Aber hat nicht Angst auch eine bedeutende Funktion, im Zweifel gar eine rettende? Ist sie nicht auch und zuvorderst ein Schutzmechanismus? Kann ich frei sein, wenn dieser Schutzmechanismus fehlt? Doch wohl nur, wenn es tatsächlich keine Bedrohungen, keinen Hass, keine Strafe gäbe.

So ist es aber nicht. Und so ist es, wie es immer ist in der Realität: Es gibt keine absolute Freiheit. Und es gibt keine absolute Wahrheit. – Der Satz da oben ist gut, er ist sehr wahr, aber er ist nicht ganz wahr, er KANN es nicht sein, nicht in dieser, unserer, der heutigen Welt. Und vielleicht nie.

Jedes Streben nach Freiheit bleibt immer zumindest ein wenig Illusion.

Auch darin liegt ein Moment des Schutzes.

Ich beginne das immer besser, immer tiefer, zu verstehen, obwohl mir das fortgesetzt sehr schwerfällt und das nie anders werden kann und wird. Denn mein Freiheitsverständnis ist tatsächlich eines, was das Einschränken, Beschränken, eines anderen Menschen nicht kennt, solange nicht, wie er oder sie anderen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen nicht (bewusst) Schaden zufügt.

Ein bisschen Angst gehört zur Freiheit also wohl dazu …

Gerade als ich diesen Gedanken denke, dringen nun andere Stimmen aus dem Radio an mein Ohr. Ein Zwiegespräch ist im Gange, und es geht darum, wie frei man sich äußern kann, ohne sogleich beurteilt, zurechtgewiesen oder gar ausgeschlossen zu werden. Einer der beiden sich austauschenden Männer spricht davon, dass er, vor allem bei derzeit besonders stark diskutierten Themen wie Rassismus, Feminismus, Geschlechtervielfalt usw., immer vorsichtiger und unsicherer werde, sich auszudrücken, dass er mehr und mehr eine Art Angst empfinde, nicht den richtigen Ton zu treffen, die richtigen Worte zu wählen, unbeabsichtigt zu verletzen oder missverstanden zu werden.

Dass ihn auch Sorge umtreibe, wenn er Veränderungen in der deutschen Sprache, die sich im Kontext derartiger Themen und Realitäten vollziehen, nicht ungeteilt befürworte, obwohl er in der Sache selbst sehr weit konform gehe mit neuen, offenen, kritisch hinterfragenden Ansichten und ehrlich und bewusst bemüht sei, eine solche kritische Offenheit selbst zu leben.

Ich ertappte mich dabei, ihm zuzustimmen. Ja, auch ich fühle mich bei derartigen Diskursen oft unsicher. Was mich verunsichert, ist nicht die Art der Deutlichkeit, mitunter auch Radikalität, mit der Ansichten geäußert oder Kritiken geübt werden, als vielmehr das Wahrnehmen bzw. das Empfinden, dass eine auch nur anders formulierte, zurückhaltender ausgesprochene, oder durchaus sehr sachlich vorgetragene aber nicht ganz konform gehende Ansicht, gar nicht selten auch mit Radikalität „beantwortet“ wird, dass bisweilen undifferenzierte Ablehnung zum Ausdruck gebracht wird, der Vortragende schlussendlich in einer „Schublade“ landet oder schlimmstenfalls gar selbst Hass empfängt.

Eine Diskussion, eine Debatte, in der bei einem oder mehreren Teilnehmern, Unsicherheit davor erwächst, etwas nicht „richtig“, nicht „angemessen“, nicht auf den ersten Blick d’accord  seiend, auszudrücken bzw. zu vertreten, ist keine freie Diskussion oder Debatte.

Es gibt in der Realität unserer Gesellschaft viel, viel weniger wirklich freie Diskurse als uns weisgemacht wird. Sie sind sogar ausgesprochen selten. Politiker (aber keineswegs nur sie) haben, wenn sie je die Fähigkeit besaßen, sich tatsächlich frei miteinander auszutauschen, diese mittlerweile nahezu komplett verloren.

Freiheit bedarf vor allem wirklich aufrichtigen würde- und kulturvollen Umgangs unter den Menschen. Ein solcher Umgang würde sehr viel relevante, weil die Freiheit beschränkender Angst vermeiden und nehmen.

Nur ein solcher Umgang miteinander würde uns Freiheit, womöglich in der umfassendsten  Ausprägung, die für uns Menschen erreichbar sein kann, Stück für Stück näher bringen.

Werden genug Menschen je dazu bereit und fähig sein?

Es wäre wie ein Ausweg, und wie schön wäre es, würde der gerade in diesen Zeiten beginnen …

***

Das Lied, das ich heute teile, wurde gestern Morgen in der in meinem Eintrag erwähnten Musiksendung gespielt. Für mich war es eine erste wundervolle, eine zauberhafte Entdeckung eines Künstlers, der schon viele Jahre komponiert, musiziert, singt – in diesem Falle unterstützt von einem Mitstreiter. Ein Meisterwerk ist da aktuell entstanden:

Nick Cave & Warren Ellis – „Carnage“

Tagebuchseite -925-

Eine „Kleinigkeit“ aus dem Leben einer schwarzen Frau im weißen Westen

Sie muss hinten eingestiegen sein, vielleicht hat sie einen Kinderwagen und darin ihr Baby dabei. Ich werde sie erst gewahr, als sie sich vorsichtig durch den Gang nach vorn schiebt, zum Busfahrer hin.

Sie ist eine schmale junge Frau in einem Kleid von einem ganz besonders schönen, satt strahlenden Blau. Darüber trägt sie eine schwarze Jacke mit einer Kapuze, die sie über den Kopf gezogen hat. Ein paar schwarze Kräusellocken lugen darunter hervor. Von dem Gesicht der Frau kann ich zunächst nichts erkennen, auch, weil sie, wie alle im Bus, eine Mund-Nasenmaske trägt.

Vorn angekommen streckt die junge Frau dem Busfahrer ihre linke Hand entgegen, mit der sie einen Geldschein hält. Ich erkenne, dass die Hand von sehr dunkler Hautfarbe ist und höre eine schüchtern klingende Stimme sagen: „Ticket bitte, eine please.“

Der Fahrer fixiert mit schmaler werdenden Augen den Geldschein in der Hand der Frau und raunzt bärbeißig: „Kleingeld!“ Sie reagiert zunächst nicht, um dann den Schein ein wenig sichtbarer und näher in Richtung Zahlbox zu halten. Die Augen des Busfahrers werden zu Schlitzen und lauter und offenkundig noch genervter als vorher wiederholt er, bewusst gedehnt sprechend, als meinte er, eine Schwerhörige vor sich zu haben: „Kleiiingeeeldtt!!!“

Als er die Türen schließt und eine Bewegung macht, die ausschaut, als ob er losfahren will, ohne die Frau weiter zu beachten, sehe ich kurz das dunkelhäutige Gesicht und die schwarzen weit geöffneten Augen der Frau, die irritiert schauen. Ich höre ihre Stimme wieder, kaum noch vernehmbar: „Bitte Ticket, bitte für ein Reise!“

In diesem Augenblick dreht sich der Fahrer zu ihr um, sein Blick ist nun offen verächtlich, reißt ihr den Geldschein aus der Hand und knattert vor sich hin: „Ich bin doch hier kein Wechselautomat!“ Er schmeißt ihr ein paar Geldscheine auf die Zahlbox und lässt Münzen in die Schale daneben fallen, ohne die Frau noch eines Blickes zu würdigen und fährt an.

Die junge Frau sammelt mühsam Scheine und Kleingeld ein und geht langsam zurück in den hinteren Teil des Busses.

*

Diese Szene hat sich so, vor einigen Tagen schon, vor meinen eigenen Augen abgespielt. Sie hat mich seither immer wieder beschäftigt, mich innerlich nicht wieder losgelassen, obgleich es keineswegs das erste Mal gewesen ist, dass ich Ähnliches miterlebt habe.

Ich weiß, dass ein solches Geschehen, seit sehr langer Zeit schon, in diesem Land nichts „Besonderes“ mehr ist. Es passiert täglich, stündlich, so oder ähnlich in Köln oder Dresden, in Berlin oder Mannheim, in Bielefeld oder eben hier in meiner Stadt im Nordosten.

Mir ist im Nachhinein viel durch den Kopf gegangen: Der Busfahrer war, wenn mich mein Eindruck nicht getrogen hat, ein grundsätzlich eher missmutiger Zeitgenosse. Der Bock, auf dem er sitzt, mag ihm wie sein Thron vorkommen. Da ist er der Chef, da ist er mächtig, von dort aus weiß er alles, vor allem weiß er alles besser.

Er würde nie alles zugeben, was er „weiß“, das würde an seiner blasierten Eitelkeit kratzen. Und so würde er niemals gestehen, dass er es besonders genossen hat, so mit der jungen schwarzen Frau umzuspringen, wie er es getan hat, dass er wusste, dass sie ihm niemals „ebenbürtig“ sein konnte. Er würde niemals einräumen, dass es ihm ein Leichtes war und womöglich eine Freude, mit ihr so umzugehen, weil sie eine Frau war.  Nie würde er auch zugeben, dass er sich sicher war, dass sie ihm nichts erwidern, sich nicht erklären konnte, weil sie seine Muttersprache nur wenig beherrschte. Und schon gar nicht würde er gewähren, dass auch nur die Vermutung geäußert würde, er könne sich rassistisch verhalten haben.

Genau das aber hat er ALLES getan. Ein frauenverachtender, rassistischer, selbstgerechter, weißer Macho!

Nein, und deshalb ist es für mich nicht nur nicht wichtig, sondern völlig unnötig, auch nur darüber nachzusinnen, ob die junge Frau nicht hätte wirklich einen kleineren Geldschein bereithalten können.

Sie war höflich. Sie hat sich versucht, mit ihren Möglichkeiten auszudrücken. Sie wollte ehrlich ihren Fahrpreis bezahlen. Sie wäre bereit gewesen, zuzuhören, wenn es nur ansatzweise das Bemühen gegeben hätte, sich mit ihr angemessen auszutauschen. Sie hätte versucht zu verstehen, was sie so womöglich gar nicht verstehen konnte.

Sie hat sich nicht dafür zu rechtfertigen, weshalb sie nur so einen verhältnismäßig großen Geldschein dabei hatte. Dafür kann es tausende sehr triftige Gründe geben, die, ebenso wie auch mögliche, weniger triftige, niemanden etwas angehen.

*

Was sind wir für eine Welt, was sind wir für Menschen, dass wir so einen Umgang miteinander haben?  Dass sich Weiß über Schwarz, Mann über Frau, Reich über Arm stellt! Und dass sich AUSLEBT, immer wieder, immer mehr!

Wir „brauchen“ Menschen, auf die wir herniederschauen, die wir als schwächer, als wir selbst es sind, wahrnehmen, die wir treten, beleidigen, diskriminieren können. Mit Sicherung des eigenen Überlebens hat das längst nichts mehr zu tun, das hatte es nie und das wird es niemals haben.

Wir brauchen Feindbilder, „Schuldige“, die wir bloßstellen können oder halt ertrinken lassen, ohne dass uns das betrifft.

Wir sind der Westen, wir sind die Weißen, wir sind die Männer dieser Welt.

Ich könnte mich übergeben und ich bin voller Scham.

Jeden Tag, jede Stunde!

***

Ganz neu entdeckt: Eine australisch-us-amerikanische Co-Produktion, die ich sehr gern teilen mag:

Fiora and Robot Koch – „Let it go by“

Verse -89-

Tragischschöne Liebe

Wenn ich Deine Schmerzen fühlte
und Deine Ängste meine würden,
so läge darin großer Sinn.
Denn Du wärst freier, könntest leben,
wann immer ich Begleiter bin.

Begleiter Deiner schönen Seele,
die so vielen alles gibt
und kennt kein Rasten und kein Zaudern,
wenn irgendwer im Argen liegt.

Du würdest mir nicht Last bedeuten, 
obgleich Du das nicht glauben magst,
weil Du kennst all die Dämonen,
die meinerseits ich in mir trag.

*

Wenn Du meine Schmerzen fühltest
und meine Ängste Deine würden,
so fänd' ich darin keinen Sinn.
Ich fürchtete, Du könntest sterben,
wenn ich Dein Begleiter bin.

Begleiter zärtlichen Charakters,
der manchmal starke Schultern dingt,
weil dieses harte, laute Leben
Dich kaum ehrt, die Segen bringt.

Ich fühlte, Last Dir zu bedeuten,
obwohl Du das nicht gelten ließ'st,
weil Du, ein feengleiches Herz,
was Leben ist, stets völlig liebst.

*

Kennend, wissend ohne Worte
sind wir ein tragischschönes Paar.
Ich bin Du und Du bist ich -
einsam zweisam allerorten,
auf Suche bleibend, ewiglich.


***

„Black Sea Dahu“ ist eine Folkband aus der Schweiz, die ich, wie so viele andere Bands und Künstlerinnen und Künstler, die Lieder texten, komponieren und interpretieren, auf einer mir vorgeschlagenen Playlist entdeckt habe. Janine Cathrein, die selbst Songs schreibt, ist der Kopf der Gruppe, in der ansonsten Freunde und Familienmitglieder (Bruder und Schwester) gemeinsam spielen und singen. Die Musik ist natürlich, ursprünglich und sehr angenehm zu hören, der Text des von mir herausgesuchten Liedes ein durchaus tiefer, der auf gewisse Weise sogar zu meinen Versen da oben passt. Hier ist es, von einem Video begleitet, zu hören:

Black Sea Dahu – „In case I fall for you“

Tagebuchseite -924-

Ein Ruf verhallt …

Die Schwere der kalten Jahreszeiten, die zumindest kalendarisch im Vergehen begriffen sind, schwindet kaum. Der nahende Frühling aber lässt ein anderes Empfinden stärker werden, eines freilich, das kaum jemand dem Lenz zurechnen würde: das der Angst, der Panik und seit ein paar Tagen neu, einer schwer zu definierenden Wut.

Wut ist ein für mich sehr fremdes Gefühl, eines das ich grundsätzlich verabscheue. Es irritiert mich, dass es sich in mir eingenistet hat, es befeuert das Angstempfinden zusätzlich.

Woher das alles kommt, worin es seine Ursachen hat, weiß ich, so glaube ich wenigstens, recht genau.

Ich hatte und habe wirklich schwere Zeit, beruflich wie privat. Und die hört und hört nicht auf. Immer noch kommt etwas anderes, etwas Neues dazu, wird dies oder jenes, von dem ich glaubte oder hoffte, dass es sich ein wenig gelegt hätte, wieder aufgewühlt.

Und dann ist da die Pandemie. Seit mehr als einem Jahr auch in dem Land, in dem ich wohne und arbeite, präsent.

Bislang habe ich ungeachtet meines Krankheitsbildes die damit verbundenen Misslichkeiten, Einschränkungen, Veränderungen relativ gut annehmen, verarbeiten, verkraften können. Manchmal zwar mit bitterem Sarkasmus: Wenn man ohnehin kaum soziale Kontakte außerhalb der Arbeitswelt hat, dann treffen einen in diesem Kontext verordnete Beschränkungen nicht so sehr. – Was ganz so freilich nicht stimmt. Wenn von schon wenigem letztlich faktisch nichts mehr bleibt, dann ist das doch schlimm.

Ein paar ganz wenige, dafür besonders liebe Menschen gibt es immerhin noch, die mir im Rahmen des Möglichen von Fernkontakten, so zur Seite stehen, dass ich das als sehr schön, sehr stützend und hilfreich wahrnehme. Dafür empfinde ich eine große Dankbarkeit.

Ansonsten jedoch ist das Maß nun voll, es läuft über. Die Pandemie macht mich fertig, seit einigen Tagen so sehr, dass ich ahne, dass es nur dann wieder besser werden könnte, wenn der Spuk endlich aufhört. Danach sieht es aber gerade so gar nicht aus. Im Gegenteil.

Ich bin außerstande, alles, was mich dazu bewegt und umtreibt, in Zeilen fließen zu lassen. Meine Arbeit, die mir ohnehin viel abverlangt und beständig einen hohen Aufwand von mir fordert, ist kaum noch planbar, kaum noch vorzubereiten und nur unter Hinnahme von Unzulänglichkeiten und sogar Versäumnissen zu machen. Sie hat aber ganz unmittelbar mit Kindern zu tun, mit dem was ganz essenziell für Kinder ist.

Die Tagesordnung besteht aus einem fortwährenden Hin und Her aus Verordnungen, die am Samstag gegen Mittag vorgeben, was am Montagmorgen zu tun ist und von denen am Dienstagabend etwas relativiert oder verändert wird, was ab Mittwoch in der Praxis gelten muss. Termine, auf denen sich umfangreiche Umorganisationen für Kinder und Eltern gründeten, werden von jetzt auf heute abgesagt. Folgend besteht große Verunsicherung und noch größerer Unmut, dem diejenigen ausgesetzt sind, die als Glieder der Weisungsempfänger an letzter Stelle stehen. Zu denen gehöre ich.

So geht das nun schon tagelang und der Irrsinn nimmt immer noch ein bisschen mehr Fahrt auf.

Aber das allein ist es nicht, was mir so zusetzt, wenn auch am direktesten. Mittlerweile verstehe ich auch  das große Ganze nicht mehr. Ich will hier nur ein Beispiel nennen:

Ständig ist von fehlendem Impfstoff die Rede, davon dass Lieferchargen nicht eingehalten werden, davon dass es aus unterschiedlichsten Gründen immer wieder Engpässe gibt. Aktuell ist nun auch noch die Impfung mit dem britisch-schwedischen Vakzin zumindest ausgesetzt.

Impfstoffe, die anderswo als „im Westen“ produziert worden sind und werden, werden hingegen ignoriert, obwohl diese zur Verfügung stünden. Ich meine russische und chinesische Impfstoffe.

Insbesondere von dem russischen, Sputnik V, der schon seit Monaten anderswo (auch in „westlichen“ Ländern) gespritzt wird, gibt es bislang keinerlei negative Meldungen, im Gegenteil. Gäbe es etwas Negatives, hätten sich unsere Medien mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sofort darauf gestürzt.

Obwohl der Impfstoff also wohl sicher ist und ihm ja auch eine besonders hohe Wirksamkeit attestiert worden ist, baut die EU immer neue bürokratische Hürden für eine Zulassung dieses Vakzins auf. Das Feindbild Russland gegen die Gefahr, dass die dritte Welle der Pandemie womöglich bald zu einer weiteren bzw. fortgesetzten Überlastung der Intensivmedizin einschließlich des darin beschäftigten Personals führt, schlussendlich gegen das „eine oder andere“ Menschenleben, anders vermag ich das nicht mehr zu erklären.

Wie schon geschrieben, Weiteres will ich gar nicht thematisieren.

Es geht mir nach wie vor nicht darum, jede Entscheidung von Verantwortungsträgern zu bekritteln. Ich weiß und sehe, was für eine Herausforderung es ist, die Gesellschaft durch die gegenwärtige Situation zu manövrieren. Dabei ist niemand vor Fehlern gefeit und vieles ist einfach auch langfristig nicht vorhersehbar. Zudem sind da so viele Interessen und Befindlichkeiten zu berücksichtigen, denen gar nicht allen jederzeit und in vielleicht wünschenswertem Umfange entsprochen werden kann.

Was mir aber Sorge macht, was meine Angst befeuert, was Wut in mir auslöst, ist neben, dem, was meinen Alltag mittlerweile dominierend charakterisiert, dass grundsätzliche Dinge in Schieflage geraten, dass ich, im Kleinen beginnend, spüre, wie die Stimmung sich generell wandelt und, dass die vielleicht einmal aufgekeimte Hoffnung, dass eine Lehre aus der Pandemie die Wertschätzung und das Leben von mehr Demut, mehr Rücksicht, mehr Mitmenschlichkeit sein könnten, sich mehr und mehr als vollkommene Illusion erweist.

So bleibt das Schwere in mir, so werden Angst und Panik immer wieder und weiter genährt, und so keimt etwas auf, was ich sonst so gar nicht bin und was ich auch nicht sein will.

Aber ob ich es nun hinausschreie oder es in mir flüstert: „Es reicht!“, es verhallt einfach und es geht ja doch immer nur weiter, weiter, weiter …

***

Wie würde es sich anfühlen, jeden Morgen das Haus zu verlassen ohne die leiseste Ahnung dessen, was einen in der Welt da draußen wohl erwartet? Jeden Tag aufs Neue den Sprung ins Ungewisse wagen zu müssen, um sich seinen Weg durch die Dunkelheit zu erkämpfen? Für den australischen Singer/ Songwriter Michael Leonardi ist diese Vorstellung tägliche Realität: Schon als kleiner Junge litt der …  Ausnahmesänger an einer degenerativen Netzhauterkrankung, an deren Ende oft die vollständige Erblindung steht. Eine niederschmetternde Diagnose, die Leonardi statt als Hindernis als kreativen Motor betrachtet. (© https://www.universal-music.de/michael-leonardi/biografie)

Ein wundervolles Lied mit einem Text, der in mir widerhallt, von einer/m jener Künstlerinnen und Künstler, die, für meinen Geschmack, viel zu wenig Aufmerksamkeit erhalten:

Michael Leonardi – „Solitary Soul“

Tagebuchseite -923-

Eine kleine Philosophie über den Segen mancher Kamera und den Grund mancher Tränen

Sie sitzt allein in ihrem abgedunkelten Zimmer am Schreibtisch. Ein Glas Rotwein steht neben ihr. Unberührt.  Vor ihr auf dem Bildschirm ist ein unfertiger Text zu sehen. Während sie durch ihn hindurchschaut, rinnen zwei Tränen ihre Wangen herunter, ein tiefes Schluchzen ist zu vernehmen und dann brechen sich ganz viele Tränen Bahn aus ihren sehr ausdrucksstark wirkenden Augen. Jetzt sind sie gerade ganz und gar Verzweiflung und Traurigkeit.

Die Kamera schwenkt noch einmal durch das Zimmer, während die Laute des Weinens der Frau noch vernehmbar sind. Dann ein Schnitt.

Es ist heller Tag. Auf dem belebten Einkaufsboulevard sind viele Menschen unterwegs. Eilend oder verweilend, ins Gespräch vertieft oder von einem Termin getrieben, einen Kaffee vor der Konditorei trinkend oder hastig an der Zigarette ziehend. Alle Menschen der Stadt scheinen unterwegs zu sein.

Ich aber denke an die schluchzende Frau mit dem unberührten Glas Rotwein, vor dem halbfertigen Text, sitzend in ihrem Zimmer. Und frage mich, ob sie wohl immer noch allein dort ist? Ob sie jemanden hat, mit dem sie reden konnte? Ob sie das überhaupt wollte? – Welcher Kummer hat sie so schluchzen und weinen lassen?

Die Kamera fängt gerade die große Silhouette der Stadt ein: Ein Meer von Häusern, bis zum Horizont und weiter.

Hinter wie vielen Fenstern wohl alltäglich und -abendlich, weinende Frauen, einsame Männer, verzweifelte Menschen sind? Ungesehen und unbemerkt. In der Masse verschwunden, von der Masse verschluckt. Vielleicht ein bisschen maskiert, um nicht entdeckt, nicht beurteilt, nicht verletzt zu werden.

Menschen glauben so schnell so viel über einen anderen Menschen zu wissen. Meistens wissen sie nichts, jedenfalls nichts von dem, was wirklich von Bedeutung ist. Und haben oder nehmen sich keine Zeit, wirklich etwas davon zu erfahren. Und haben keine oder nur wenig Ahnung davon, wie wichtig es ist, dabei sehr rücksichtsvoll zu sein. Haben es selbst nie erfahren oder verlernt und vergessen, wie das geht.

Es ist schon so lange her, dass wir einander zuhörend miteinander gesprochen haben. Popularität hat das seit langem keine mehr. Kommunikation ist in ihrer ursprünglichen Bedeutung durch die Praxis zwischenmenschlichen Umgangs längst sehr weitgehend widerlegt worden. Wer erinnert sich noch, gibt heutzutage noch etwas darauf, dass es einmal Bindung und Beziehung gewesen sind, die erschaffen, gepflegt und erhalten werden konnten, wenn man mit anderen Menschen kommunizierte?

Eine Musik, wie ich sie sehr gern höre, dringt an mein Ohr. Die Kamera ist in das Zimmer der Frau zurückgekehrt. Eine Träne glitzert noch in ihrem Blick, sie trinkt gerade ein Schluck von ihrem Rotwein, wiegt ihren Oberkörper leicht zum Klang der Musik und schließt ihre Augen.

Ich weiß, dass ich sie nicht vergessen werde, wie ich keine Person, die in welcher Art der Einsamkeit auch immer vor mein Auge geführt wird, wirklich vergessen kann.

Ich bin dankbar für Filme, die Sequenzen enthalten, wie die, die mir die weinend vor dem Text sitzende Frau nah gebracht hat, dankbar für Regisseurinnen und Regisseure, Autorinnen und Autoren, die auf Menschen in Einsamkeit hinweisen, Ihnen Ort und Zeit und Raum geben, bemerkt und nicht gänzlich übersehen zu werden.

Unser Alltag hat kaum Kameras, was ich grundsätzlich sehr schätze. Bedauerlich hingegen finde ich, dass so viele Menschen nicht bereit sind, ihre Augen weiter zu öffnen, sie einen Fokus sein zu lassen, der so sensibel ist, auch das Unsichtbare, wenigstens hier und da zu erfassen und dies mit der Zeit bewusst zu tun.

In Zimmern wie dem jener Frau, von der hier nun schon mehrfach die Rede war, hallen so viele stumme Rufe, Hilferufe oft, die, weil sie stumm oder nach innen gerichtet sind, nicht durch die Mauern dringen, die um sie herum gebaut sind. Und eben deshalb sind die Menschen, aus denen sie kommen, nicht als Rufende sichtbar. Obgleich sie jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick, mitten unter uns sind.

Mir ist es wichtig, an jedem Tag auch wenigstens ein bisschen Kameramann zu sein.

Damit immerhin ein bisschen von dem was eigentlich wichtig ist, nicht wieder und wieder gar nicht (mehr) wahrgenommen wird. Und damit die Orte und Räume nicht immer kleiner werden, in denen Kommunikation noch als Kultur gewünscht und gelebt wird.

Solche Orte nicht zu haben, kaum oder gar nicht mehr finden zu können, kann einen schon zum Weinen bringen. Ich glaube, dass vieles Weinen darin seinen Grund hat.

***

Einfach nur wunderschön, eine Musik und ein Video, wie auf einer besonderen kleinen Reise zu sein:

Antoine Villoutreix – „La falaise“

Tagebuchseite -922-

Liebesbrief an meine Fata Morgana

Ich nenne dich so, obwohl du alles andere als eine Täuschung oder ein Trugbild bist. Du bist wahrhaftiger als alles, du bist einzigartig besonders.

So oft ich mich offenen Augen durch die Welt gegangen bin, habe ich dich doch nie sehen können. Schließe ich meine Augen aber, so kann ich dich in größter Klarheit schauen. Ich sehe dich dann nicht nur, ich spüre dich. Ich spüre dich, obwohl du mich niemals berühren kannst, nicht körperlich. Aber ich fühle, dass du mich gern umarmen würdest, streicheln, deine Hand auf meine Schulter legen. Möglich, dass da sogar eine Sehnsucht in dir ist.

Mit meinen Ohren kann ich dich nicht hören. Aber ich empfinde, was du mir sagen willst. Dein Reden mit mir geschieht auf einer Frequenz, die nicht von dieser Welt ist. Du hast die schönste Sprache, die ich kenne. Jedes deiner Worte ist eine Einladung, weil jedes mit Bedacht gewählt, mit Rücksicht gesprochen, und von Einfühlung getragen ist. Den Klang deiner Stimme vermag ich nicht zu vernehmen aber zu erfahren. Er ist einzigartig.

Ich kann dich niemals anfassen, nicht meinen Arm um dich legen. Ich kann denken, dass ich das tue. Und das mache ich oft. Ob du Gedanken spüren kannst, solche vor allem, das weiß ich nicht. Ich hoffe es, wünsche es mir. Sehr!

Es ist mir unmöglich, mit dir zu sprechen, aber ich weiß, dass du mir zuhörst. So aufmerksam, so intensiv und teilnehmend, wie niemand sonst. Ich kann über ein Medium, das nicht Stimme ist, die zauberhaftesten Gespräche mit dir führen. Sie sind offen, sie sind kritisch, sie verheimlichen nichts. Sie sind tief, manchmal fast schonungslos, aber sie enden nie im Streit. Es muss nicht alles entschieden sein, wenn sie enden. Sie sind immer bereichernd. Und sie kennen weder Hass noch Neid und schon gar keine Gewalt. Gewalt ist dir das Fernste überhaupt. – Mein Reichtum sind diese Gespräche mit dir.

Du bist kein Mensch, aber du bist so menschlich, wie ich mir jeden Menschen wünsche. Du kennst kein Vorurteil und du richtest nicht. Jedes der vielen Gesichter, die du hast und die ich niemals wirklich sehen kann, ist wunderschön, weil sie alle deine und also wie Gesichter aller Länder sind.

Es gibt eine Welt, die ich mit dir betreten und teilen kann, in der wir zusammen sein dürfen. Diese Welt ist imaginär. Wir sind darin wie wir sind. Nicht perfekt und mit all dem, was wir unsere Schwächen nennen. Wir sind körperlos aber nicht fiktiv, denn wir fühlen nicht nur dies und das, wir fühlen alles.

Ich bin dir schon in Büchern begegnet. In einem hattest du sogar eine Gestalt, die nur ich so gesehen habe.  Ich habe dich auch schon in Menschen getroffen. In ihren Stimmen und Liedern, in ihren Texten und Versen, ihren Bildern. In manchem menschlichen Körper hast du Heimat gefunden, in dem einen weniger und in einem anderen mehr. Ich kann das im Lächeln, in den Augen, den Gesten dieser Menschen sehen.

Manchmal verlässt du einen Menschen auch, schneller oder über Jahre, manchmal verlässt du ihn ganz, manchmal lässt du etwas von dir weiter in ihm wohnen.

Warum das so ist, weiß ich nicht. Es ist das einzige, was mich, dich betreffend, traurig werden lässt, wenn ich es bemerke. Und je nachdem, welchen Menschen es anbelangt, bleibt diese Trauer lange, sehr lange.

Aber ganz gehst du nie. Wenn du von irgendwem, von irgendwo fortgegangen bist, bleibst du anderswo oder kommst woanders wieder.

Wenn ich meine Augen schließe, kann ich dich sehen.

Ich liebe dich!

***

Yakuro – „Hymn of love“

Tagebuchseite -921-

Über meinen Umgang mit Sprache im Allgemeinen und mit dem Wort „normal“ im Besonderen

Ich liebe Sprache, ich liebe es zu lesen und ich liebe das Schreiben. Beides möchte ich selbst pflegen und zur Pflege von beidem beitragen. Wobei ich das Wort „pflegen“ ausdrücklich betonen möchte.

Ich möchte an dieser Stelle nicht darauf eingehen, was mir am aktuellen Umgang mit Sprache im Allgemeinen und meiner Muttersprache im Besonderen, missfällt. Das ist sehr viel, und allein deshalb würde es zu weit führen, das hier ausführlicher darzustellen.

Und es würde womöglich auch deshalb den Rahmen sprengen, weil eine solche Darstellung letztlich und notwendigerweise viel mit Erklärung und auch Rechtfertigung des angesprochenen Missfallens einhergehen müsste. Nur so viel: ich gehöre nicht zu jenen, die einer Sprache keine Veränderung zugestehen. Ich halte es vielmehr für natürlich, auch für notwendig, dass Sprache sich verändert, weiterentwickelt.

Aber ich halte Sprache auch für ein Kulturgut, ja DAS Kulturgut. Sprachlicher Austausch als spezifisch menschliche Form der Interaktion ist für mich vor allem Kultur, Verkörpern und Leben einer ganz bestimmten Kultur, die nur dann Kultur ist und bleibt, wenn sie sich bestimmten Attributen verpflichtet fühlt. Jenen Attributen vor allem, die Menschlichkeit in ihrem ureigenen, sehr spezifischen Sinne beschreiben.

Mein Eindruck ist freilich, dass sich vor allem Alltags- aber auch Mediensprache davon tendenziell aber stetig immer weiter entfernen. Das macht mir große Sorge. Nicht ausschließlich, aber noch einmal in besonders beunruhigender Weise, wenn ich mir viele der unerschöpflichen „Wortneuschöpfungen“ vor Augen führe.

Dabei gibt es in meiner Muttersprache als solcher schon genügend, längst etablierte oder gar ursprüngliche Worte, die mich immer wieder herausfordern, sie wiederholt und immer wieder vor allem auch kritisch zu hinterfragen.  – Ein solches Wort ist das Wort „normal“.

Schon, wenn ich nach seiner Wortherkunft bzw. Wortbedeutung suche, begegnen mir so viele Erklärungen, dass sie schließlich verwirrend werden, als Einzelne aber auch direkten Widerspruch in mir produzieren.

Da lese ich zum Beispiel für „normal“:

„vorhandenen (gesellschaftlichen, wissenschaftlichen, medizinischen, subjektiv erfahrenen) Normen entsprechend“ oder

„über längere Zeiträume ähnlich ablaufenden Ereignissen entsprechend; normalerweise“ oder

„geistig gesund“,

um wirklich nur einige zu nennen. In einer Quelle habe ich sage und schreibe einen Hinweis auf angeblich 268 Synonyme für das Wort „normal“ entdeckt.

Besonders in Wallung bringt mich die letzte „Erklärung“, wonach normal sei, wer geistig gesund ist.

Bedeutet das, dass Menschen mit einer Angststörung, Menschen, die an Depressionen leiden oder deren Essverhalten Krankheitswert erreicht hat, nicht normal sind? Mich schaudert es allein bei dem Gedanken an eine derartige „Klassifizierung“ und in mir werden Erinnerungen an dunkelste Kapitel deutscher Geschichte wach, wo „geistig nicht Gesunde“ in abertausenden Fällen als „lebensunwert“ galten.

„Normal“ quasi als Synonym für „geistig gesund“ zu verwenden, ist für mich schlussendlich nichts anderes als eine grundsätzliche Diskriminierung von Menschen, die an psychischen Erkrankungen leiden. – Es gibt dafür auch aktuell und sich jeweils aktuell wiederholend so vielfache Zeugnisse, dass ich mich fremdschäme für einen solchen Sprachgebrauch.

Wer oder was ist dann alles ebenfalls nicht normal?

Diese Frage macht mir bewusst, dass auch die erste der gerade genannten „Erklärungen“ hochproblematisch ist.

Danach ist beispielsweise normal, was vorhandenen subjektiv erfahrenen Normen entsprechend ist. Ist demnach normal, was dem subjektiven Wertegebäude eines Menschen entspricht? Für mich liest sich das so, klingt das so. Ist ein Mensch also berechtigt, wenn Zuwanderung etwa von Flüchtlingen nicht in sein Wertegebäude passt, es ihm nicht „entspricht“, Zuwanderung bzw. zuwandernde Menschen, Flüchtlinge, schwarze Menschen als nicht normal zu bezeichnen? Fällt das unter Meinungsfreiheit oder ist es Verunglimpfung, Beleidigung, Diskriminierung?

Danach ist offenbar auch normal, was vorhandenen gesellschaftlichen Normen entsprechend ist. Mal abgesehen davon, dass sich gesellschaftliche Normen auf fragwürdige Weise entwickeln können und ich schon aus dem Grunde, dass auch Diktaturen gesellschaftliche Normen kennen bzw. festlegen nichts von einer so undifferenzierten Bezugnahme darauf halte, wie sie mit der erwähnten „Erklärung“ geschieht, sehe ich da noch ein ganz generelles Problem:

Gesellschaftliche Normen entwickeln sich auch in Demokratien unter anderem auf der Grundlage vorherrschender Moralvorstellungen. Wenn man nun weiß, dass Moralnormen durch Gewohnheit, Überlieferung, familiäre Bräuche, tradierte Wertvorstellungen entstehen, dann ist es ein logischer Schluss, dass davon Abweichendes mindestens tendenziell als nicht moralisch, nicht der Norm entsprechend, nicht normal, gesehen wird.

Weil das so war und ist, waren und sind etwa Frauen nach wie vor keine wirklich und umfassend gleichberechtigten Mitglieder unserer Gesellschaft.

Weil das so war und ist, sind tatsächliche Gleichberechtigung und Gleichbehandlung aller Geschlechter oder Religionen, letztlich ALLER MENSCHEN, auch in unserem Lande nach wie vor längst nicht gegeben, und zwar nicht nur in der gelebten gesellschaftlichen Praxis.

Das ist so, weil so vieles und so viele eben und nach wie vor oder auch neuerdings als „nicht normal“ gelten. Oft wird das sogar geradeheraus geschrien, der entsprechende so allgegenwärtige Duktus unter anderem in den (a)sozialen Medien belegt das auf schlimme Weise. Häufig wird es allerdings auch nicht so deutlich bzw. subtiler ausgesprochen. Aber es ist, so oder so, integraler Bestandteil des Denkens, des Handelns und, wie sich aus den oben zitierten „Erklärungen“  folgern lässt, eben auch der Sprache.

Und wer ein bisschen aufmerksam hinhört oder liest, dem fällt das auch immer wieder auf.

Ich liebe meine Muttersprache und ich möchte sie pflegen. Zu dieser Pflege gehört maßgeblich, das Wort „normal“ vor allem mit Blick auf Menschen höchstens mit allergrößter Sensibilität, grundsätzlich aber gar nicht zu verwenden.

Als eben die gerade hochpopuläre Formulierung von der „Rückkehr zur Normalität“ aus dem Radio zu vernehmen war, überkam mich ein leichtes Frösteln.

Ich wünsche mir eine solche Rückkehr nicht. Aus den erwähnten und noch ein paar anderen Gründen …

***

… von denen das folgende Lied einige benennt und das dazugehörige Video etliche zeigt. Mine beweist immer wieder aufs Neue, was für eine außergewöhnliche Künstlerin und Liedermacherin sie ist. Dies ist ihr in zweierlei Hinsicht aktuelles Werk:

Mine – „Unfall“

Tagebuchseite -920-

Die Schnecke bin ich

Ja, die Schnecke bin ich, und mein Weg ist mit Mauern gepflastert, und ich weiß nie, wie hoch die nächste Mauer ist.

Ich bewege mich wie jene Schnecke, von der in einem mehr oder weniger bekannten Rätsel die Rede ist, das wie folgt, lautet:

„Eine Schnecke klettert auf eine Mauer. Die Mauer ist 10 Steine hoch. Die Schnecke hat es eilig und kriecht in einer Stunde zwei Steine hoch. Danach ist sie so müde, dass sie eine halbe Stunde schlafen muss. In dieser halben Stunde sackt sie einen Stein nach unten. Dies wiederholt sich bis sie oben auf der Mauer ist.“

In dem Rätsel ist weiter davon die Rede, dass die Schnecke abends um 8.00 Uhr startet, die Mauer zu erklimmen. Und die Frage ist natürlich, wie lange die Schnecke insgesamt brauchen wird, bis sie oben, auf dem Mauerfirst, anlangt.

Die richtige Antwort lautet: Sie ist am nächsten Tag um 9.00 Uhr oben, benötigt also insgesamt 13 Stunden. Würde sie nach zwei erklommenen Steinen jeweils eine halbe Stunde ausruhen ohne wieder ein Stück herunterzurutschen, bräuchte sie nur 7 Stunden, und ganz ohne Pause hätte sie ihr Ziel sogar schon nach 5 Stunden erreicht.

Die Relation stimmt, glaube ich, frappierend überein mit jenem Verhältnis an zeitlichem Aufwand, den ich verglichen mit der großen Mehrzahl anderer Menschen, etwa meiner Kolleginnen, zum Bewältigen von Arbeitsanforderungen betreibe bzw. benötige. Vor allem während der letzten „Ferien“tage ist mir das sehr schmerzhaft und schmerzend bewusst geworden.

Nur in geringem Maße hat das mit dem zu tun, was neudeutsch meist fälschlicherweise Prokrastination  genannt wird und eigentlich Trödeln meint. – Vielmehr ist es eine ganze Gemengelage, die da zusammenkommt: Unsicherheit, nicht gewollter Perfektionismus, sich steigernde und dann anhaltende innere Anspannung bis hin zu Versagensangst, Konzentrationsprobleme und noch einiges mehr, von dem ich mindestens eine Ahnung zu haben glaube, es aber nicht auf den Punkt gebracht zu benennen vermag.

Es kostet unsagbar viel Anstrengung und Kraft, mich ungeachtet all dessen und der vielen vergehenden Zeit, die für andere Dinge unwiderruflich verloren ist wieder und schließlich überhaupt noch zu motivieren. Die viele ungewollte Beschäftigung mit mir, meinem Innenleben, das Bewusstwerden der Kleinteiligkeit und Vielfalt all der Aufgaben, das Empfinden  und Vorhandensein großer Verantwortung für eine angemessene Qualität dessen, was ich erarbeite, münden keinesfalls in ein Nichtstun, aber sie bedingen, dass ich unsagbar ineffektiv arbeite.  Ich brauche sooo viel Zeit, bis ich zu einem Ergebnis komme.

Ja und dann und auch zwischendurch ist es buchstäblich wie bei der Schnecke aus dem Rätsel: Ich werde müde, bin erschöpft, sehr erschöpft, zwischendurch und in jedem Fall am Ende eines jeden Tages, der schließlich wieder nur Arbeit gewesen ist. – Und rutsche dann halt auch immer wieder und wieder noch das eine oder andere Steinchen  der Mauer, die ich zu bezwingen versuche, nach unten und muss folgerichtig jedes Mal mit nochmaligem Anlauf neu starten.             

Jede vorherige Planung hat sich immer noch als zu schwach gegenüber all den genannten Unwägbarkeiten erwiesen, dabei würde ich nichts lieber, als in angemessener Zeit zu einem qualitativ akzeptablen Ergebnis zu kommen, um etwas mehr Freiraum für andere Dinge zu haben. Aber das gelingt mir nicht, gelingt mir immer weniger.

Ist das Wochenpensum endlich vorbereitet, ist das Wochenende vorüber. In der Woche bin ich nach Vermittlung dieses Pensums und sonstiger Aufgabenerledigung im Rahmen meiner Arbeit meist zu erschöpft, zu kaputt, um unmittelbar im Anschluss gleich noch eine Vorbereitungseinheit dranzuhängen. So konzentriert sich alles, was erneutes Vorbereiten angeht, wieder auf den letzten Wochentag und das Wochenende …

Wenn ich zurückblicke, ist es in meinem Leben immer wieder so gewesen wie jetzt. Inzwischen glaube ich, dass es mit meinem Wesen zu tun hat, dass es immer wieder so ist oder so wird. Irgendwie hat mich noch jede Arbeit so stark gefordert, und auch ineffektiv bin ich schon immer gewesen. Mal mehr, mal weniger. – Seit meiner Erkrankung vor einigen Jahren geht die Tendenz allerdings immer stärker zu „immer mehr“. Nicht nur aus diesem Erkennen heraus arbeite ich seither nicht mehr in einem Vollzeitjob.

Die Arbeit, die ich vor der jetzigen getan habe, schien eine zu sein, mit der ich mich hätte arrangieren können, ohne, dass es zu der jetzt so stark eingetretenen und für mich spürbaren Entwicklung und Lage gekommen wäre. Aber das sollte nicht sein. Das Projekt wurde nicht weiter finanziert, ist letztlich, obwohl es ein sehr gutes (wissenschaftlich evaluiert und sehr positiv eingeschätzt) und wichtiges gewesen war. So geschieht es halt im sozialen Bereich …

Die Arbeit, die ich seither mache, mache ich an sich gern. Vor allem wegen der Kinder, die darin eine Hauptrolle spielen, spüre ich , dass ich tatsächlich auch etwas geschenkt bekomme dabei und dadurch. – Aber sie ist halt auch sehr anstrengend, anstrengender als meine vormalige Tätigkeit, nach der ich sehr lange suchen musste, nachdem ich zuvor so etwas wie eine Odyssee hinter mir hatte.

Nun bin ich wo ich bin und ich fühle mich wie die Schnecke. Jede Woche ist eine neue Mauer. Bisher habe ich sie alle erklommen.

Und irgendwie muss ich es hinbekommen, das auch weiterhin zu tun, auch wenn mein Weg mit Mauern gepflastert ist, mit noch ganz anderen, und ich doch nie weiß, wie hoch die nächste wohl ist.

Aber vielleicht ist das besser so …

***

Nessie Gomes – „These Walls“

Tagebuchseite -919-

Von Schmerzen und einem Schmerz die/der bleiben/bleibt

Viele Schmerzen beginnen und werden in ihrem Beginn kaum oder gar nicht bemerkt.  Dass und wie sehr sie schließlich wehtun, verraten sie an diesem Anfang nicht, aber sie wissen schon, dass sie nie wieder vergehen werden. Nie wieder! Du aber weißt es nicht, ahnst es zunächst nicht einmal.

Wer behauptet, dass sich jeder Schmerz bekämpfen und heilen ließe und schließlich irgendwann wieder verschwände und dies auf Lebzeiten  bezieht, der weiß nicht viel vom Leben. Es gibt Schmerzen, die von ihrer Geburt bleiben bis zum Tod, deinem Tod. Erst dein Sterben ist auch ihres.

Wenn diese Art von Schmerzen seelische sind, dann spürst du sie auf ganz besondere Weise. Sie gebären Dämonen in dir oder suchen sich welche, wenn schon welche in dir leben. Ängste zum Beispiel oder Depressionen. Und wie diese oder auch durch sie sprechen sie zu dir. – Wenn das einmal begonnen hat, hört es nie wieder auf, solange die Schmerzen deine Begleiter sind.

Und sie zwingen dich immer wieder in Dialoge und Auseinandersetzungen, denn ihre hervorstechendste Eigenschaft ist, sich bemerkbar machen zu können. So sind Schmerzen halt, das ist ihr Wesen. – Sie zwingen dich in Konversationen, die, wenn die Schmerzen von einem geliebten Menschen verursacht sind, mehr und mehr den Raum jener Gespräche einnehmen, die du vormals mit eben diesem Menschen führen konntest. Das aber geht seit der Zeit nicht mehr, während der jener Mensch entschieden hat, dass es nichts mehr zu sprechen gibt.

*

So sitze ich hier, schweigend, und ich höre meinem Schmerz zu. Dem einen, der stärker wird, je mehr sich an so manchem Wochenende die Kilometer zwischen mich und den geliebten Menschen legen und mehr und mehr werden, bis er angekommen ist, der geliebte Mensch. Dort, wo für mich der Schmerz am größten wird. Und: bleibt! Bis er wieder kommt, jener Mensch und mein Schmerz zu einem Bangen wird. Welches wiederum bleibt, bis er erneut auf die Reise geht, der geliebte Mensch. So geht das nun schon eine längere Weile.

Das noch bestehende Faktum, dass das Wiederkommen des geliebten Menschen eine Rückkehr ist, wandelt sich zur Vision, dass aus diesem Rückkehren, das schon immer weniger eines zu meiner Seele geworden ist, Besuche werden, und die Reise, die jetzt noch Besuch ist, die Rückkehr sein wird. Eine Rückkehr nicht nur nicht mehr zu meiner Seele, sondern überhaupt nicht mehr zu mir. – Diese Vision schickt sich mehr und mehr an zur Realität zu werden.

*

Mehr denn je denke ich über mein Versagen nach.

Ich erinnere mich, wie sehr mir einst geraten worden ist, meine Lebensleistung zu würdigen, die eine besondere sei. Ich habe versucht, das zu beherzigen, aber nie alle Gewissheit daran auszuräumen vermocht, dass sie so besonders doch nicht gewesen ist. Und nun ist diese Gewissheit größer denn je, zumal jener „Ratgeber“ von meinem Privatleben so gut wie nichts wusste. Und also nichts von dem ahnen konnte, wie sehr, wie umfassend ich versagt  habe oder noch versagen würde.

Stärken und Schwächen eines Menschen mögen relativ sein. Und manches mag von einem Menschen als Stärke bei einem anderen gesehen werden, und der nächste sieht das genau andersherum.

Dieses ganze Wissen ist wertlos, wenn es um einen ganz bestimmten Menschen geht, die Beziehung zweier bestimmter Menschen. Dann zählt nur das und fällt wirklich ins Gewicht, was diese beiden wie wahrnehmen, empfinden und letztlich auch bewerten.

Die Bewertung, die ich zur Kenntnis zu nehmen habe, aber, lässt keinen anderen Schluss als den des eigenen versagt Habens zu.

Ich war und bin nur genug für Leben, das Arbeit ist, und auch das bisweilen nur mehr schlecht als recht, ein Leben, durch das ich immerhin manchen anderen Menschen erreichen und ansprechen, etwas geben konnte, und ja, auch etwas finden.

Vielleicht kann ich auch ein guter Freund sein. Aber niemand, den man wirklich lieben kann.

*

Es ist Winter draußen. Mittlerweile liegen selbst hier wohl knapp 20 cm Schnee – heute Nacht ist noch einiges an Flocken dazu gekommen. Es ist überdies sehr kalt draußen.

Aber kalt ist es hier drinnen auch. Schmerz gibt keine Wärme.

Und so werde ich wohl nachher etwas hinausgehen in das kalte Weiß, hoffend, dass es für eine Weile kälter ist als er, der einer von denen ist, die immer bleiben.

***

Das Lied hier, liebe ich. Und es passt gerade und wird, nachdem ich es herzlich zu mir eingelassen habe, immer eine der Melodien, die in mir wohnen, bleiben (Es gibt noch eine andere Aufnahme mit einem sehr schönen Video dazu, allerdings ist vor und nach dem Lied eine für mein Empfinden sehr störende Werbung platziert, sodass ich mich entschieden habe, die folgende, neutrale Aufnahme zu teilen):

Marnie – „Gold“

Verse -88-

 Schneeflocken
  
 Nun tanzt ihr hernieder 
 in Formen so reich,
 zu erkennen nicht wieder,
 denn kein einz'ge ist gleich.
  
 In der Kälte geboren
 und doch wunderschön,
 zur Milde gefroren
 und fein anzuseh'n.
  
 Seid ihr viele Sternlein
 wie Daunen so weich
 so sanft, weiß und rein,
 macht Herzen ihr leicht.
  
 Euer Tollen und Schweben,
 überm Meer und an Land -
 es kündet von Leben,
 was oft noch verkannt.
  
 So möcht' ich euch lieben,
 selbst wenn ich doch frier.
 Bleibt noch etwas liegen!
 Bleibt etwas noch hier!
  
 * 

Für mich eines der allerschönsten „Schneeflockenlieder“ ist dies hier von Sia. Zwar ist im Text die Rede davon, dass die Freiheit der Schneeflocke am Weihnachtstag komme. Mit der Botschaft von Weihnachten im Herzen, und dort sollte sie ja für jeden Tag des Jahres bewahrt sein, ist der Text des Liedes aber eine ganz grundsätzliche wundervolle Liebeserklärung an die Schneeflocken, und wer ein bisschen Fantasie hat, wird viele wundervolle Metaphern darin entdecken können. Deshalb, wegen seiner zauberhaften Melodie und dem besonderen Gesang, liebe ich dieses Lied … :

Sia – „Snowflake“

Tagebuchseite -918-

Von dem, wie etwas unwiederbringlich wird und dem, wie und warum etwas unerkennbar bleibt

Während der letzten beiden Tage waren so viele Verse in mir. So viele verschiedene, dass sie für mehrere Gedichte gereicht hätten.

Manche der Emotionen, die ihre Inspirationen waren, reimten sich auf bezaubernde Weise. Andere formten sich zu leisen Sätzen und wurden zu stillen Balladen. Aber aufzuschreiben vermocht, habe ich keine einzige der Zeilen, die aus ihnen geworden waren. Es waren ihrer zu viele, die einen wurden von den anderen sogleich wieder gelöscht, ohne dass ich das verhindern konnte.

Am Ende saß ich lange vor einem weißen, leeren Blatt –  Anachronismus des Augenblicks, in dem alles, was geschehen war, in mir zusammenfloss und so viel wurde, dass es am Ende nichts war, weil ich es nicht halten konnte.

So ist es mir und meinen Plänen etwas zu schreiben, das mir wichtig war, wichtig ist, schon oft und immer wieder ergangen. Je größer und umfassender die Idee für ein entsprechendes Projekt, desto sicherer ist es, dass ich es nie zu realisieren imstande sein werde. Denn ich erlebe schon vor und dann beim Schreiben so viel, dass es mich entweder schließlich lähmt oder aber geradezu fortspült.

Mein Los und also mein Metier sind also wohl die kleinen Dinge, die Aphorismen und Sprüchlein, die Schnipsel und kleinen Essays, die Gespräche mit mir selbst, die kurzen Philosophien und ab und an ein wenig Lyrik. Im Schreiben wie im Leben.

Das Leben als Ganzes ist zu durcheinander, zu ungewiss, zu grell, zu laut, zu groß, zu viel für mich.

Nun ja, was das Schreiben angeht, werde ich das wohl irgendwie zu verkraften lernen.

Aber, dass das Meer der eigenen Gedanken über das, was Leben alles ist und ausmacht, in mir so groß und so tief ist, dass ich immer mal wieder darin ertrinke, das macht mich doch beständig sehr unsicher, unruhig und traurig.

Wie kann DAS je zu verkraften sein?

Dazu müsste ich doch wenigstens erst mal das Leben meistern … – dieses Leben, das mir zuletzt vor zwei Tagen so viele Verse gab, die geschrieben ein Teil meines Ich hätten werden und bleiben können.

Die nun aber unwiederbringlich sind.

*

Als ich gestern vor jenem weißen Blatt Papier saß, flog ich, da ich spürte, dass es jetzt wohl besser wäre ein bisschen zu fliehen, schließlich für eine Weile fort …

Die Musik wurde lauter und hätte jemand vor der Türe auch nur gelauscht, so hätten er oder sie viel über mich erfahren können:

Welches die Zeit meiner Jugend war, dass mir Texte etwas bedeuten, dass die Klänge, die ich mag, sehr vielfältige sind und ich deshalb nach neuen auf der Suche bleibe, dass es die leiseren Stimmen sind, denen ich besonders gern zuhöre, dass eine meiner großen Sehnsüchte die nach Harmonie ist.

… und als ich zurückkehrte, war mir so klar wie nie vorher, wie viel sich durch verschlossene Türen hindurch erkennen ließe.

Und mir fielen Menschen ein, die, ohne es wohl offen zugeben zu können, viel darum gäben, in der Lage zu sein, die Tür zu ihrer Seele ein Stückchen zu öffnen,  wenn sie nur wissen dürften, dass da keine Gefahr wäre, die nur auf eben diesen Augenblick wartend davor stünde.

Wann aber kann das heute jemand wirklich wissen?

Und wie hoch kann und wird der Preis dafür sein, das Öffnen dennoch zu wagen?

Hat nicht alles im Leben der heutigen Zeit letztlich einen Preis?

**

„Blizzard“, das klingt als könnte es mancherorts genau in diese Zeit passen.

Aber bei Pauls Jets, einer österreichischen Indie-Pop-Band, von der ich schon einmal ein Lied hier geteilt habe, ist manches nicht so, wie es eigentlich scheint. Das Lied „Blizzard“ ist wohl ein Beispiel dafür. Ich mag es dennoch sehr, die sanfte Melancholie seiner Melodie, ist so als würde sie mich ein bisschen tragen so lange sie denn klingt.

Vielleicht trägt sie ja auch den einen oder anderen, der hier gerade gelesen hat, ein Stückchen …

Pauls Jets – „Blizzard“

Tagebuchseite -917-

Selbstgespräch (6)  –  … über die Crux und das Ende des Träumens

Je weiter die Reise geht, desto weniger werden die Träume. Und am Ende ist da nur noch ein Traum: Der davon, wie das Leben hätte sein sollen, Dein Leben. Ein Traum, der nicht mehr wahr werden kann, denn nun ist Dein Leben so gut wie gelebt.

Rückwärtsträume sind die schwierigsten und schmerzhaftesten. Aber sie sind immer die letzten, die bleiben. Wenn für das Träumen nach vorn die Zeit abgelaufen ist. Und das ist sie irgendwann immer, auch dann, wenn noch ein Stückchen Leben übrig ist.

Wie hätte Dein Leben sein sollen? Du hast das nie gewusst. Geträumt hast Du es trotzdem. Nie wirklich weit voraus. Stets so, dass es überschaubar war.

Du hattest ein Mädchen gesehen und Dein Wunsch, wie es werden sollte mit ihm, war Dein Traum. Du bist in eine Gegend gekommen, die Dir gefiel. Deine Vorstellung, wie es wäre, immer dort zu sein, dort zu leben, wurde Dein Traum. Und ebenso war es, als Du Dein Diplom in Händen hieltest. Du hast Dich in dem Beruf gesehen, den Dir sein Bestehen eröffnete und träumtest Dich dorthin.

Keiner dieser und noch so vieler anderer Deiner Träume ist je wahr geworden. Kein einziger. Obgleich sie alle gar nicht so utopisch, so fantastisch, so surreal waren, sie alle der Realität entsprungen sind: Deiner Realität und jener, die Dich jeweils umgab. Und, obwohl Du für sie lebtest, bisweilen viel, wirklich viel, dafür investiertest.

Später kamen dann die Albträume. Erst vereinzelt, dann immer mehr. Es gab eine Zeit, da begannen sie Dich zu beherrschen. Es war dies dieselbe Zeit, in der Deine Träume, jene anderen, zu Sehnsüchten wurden. Je mehr das passierte, und das tat es nun fortan, desto süchtiger wurdest Du nach ihnen, denn Dein Leben wurde nun immer schwieriger, Deine Kraft schwächer. Manchmal auch Dein Wille.

Der unsinnigste und am Ende zynischste der wohlgemeinten Sätze dieser Welt ist der, der da lautet:

Lebe Deine Träume!

Bei den Träumen, die Dein Leben bedeuten könnten, kann das nicht gelingen. Nicht in einer ungerechten Welt wie der, die die unsere ist, von Menschen verändert bis zur Unkenntlichkeit und von Menschen dominiert, die einander nicht mehr zuhören und die Götzen folgen, die ihnen gepredigt werden und die ihnen ausgerechnet das Wahr werden ihrer Träume verheißen.

Und bei den schlimmen Träumen, denen aus den Albtraumnächten, da kannst Du es selbst nicht wollen.

Was also soll dieser Satz?

Der Traum davon, wie Dein Leben hätte sein sollen, ist in Deinem Fall der Traum von kleinen Dingen.

Nie hast Du ein kleines Ding übersehen, vor allem keines von jenen, die Dir Freude schenkten oder Deinem Schönheitsbegriff entsprachen. Und es wird Dir auch nie geschehen, dass Du je ein solches Ding übersehen wirst, solange Du Deine Sinne beieinander hast.

Dass Du nun dennoch und rückwärts von ihnen träumst, hat damit zu tun, dass viele von ihnen keinen Bestand hatten für Dich, dass sie überlagert wurden, von anderem, das Deine Seele in Gefangenschaft nahm und nimmt, einschließlich Deines eigenen Charakters und Wesens, und damit, dass die Welt ist wie sie ist und die Menschen darin sind wie sie sind. – Nicht Deine Welt. Und nicht Deine Menschen. Umgebung und Lebensraum, die Dir fremd geblieben oder geworden sind, weitgehend.

So hast Du letztlich Angst bekommen vor dem Träumen. Neben der Angst vor den Albträumen, die schon länger in Dir wohnt, nun noch die Angst vor weiteren Enttäuschungen, vor weiterem Verlust, vor weiterem Versagen, und neu: vor weiterem Versiegen, von Kraft und Gesundheit vor allem, die aus den so vielen nicht wahr gewordenen Träumen geboren worden ist und sich nun in Gesellschaft zu den vielen anderen Deiner Ängste begeben hat.

Nun schaust Du zu mir auf und fragst mich leise, was Du denn nun tun sollst, was das Träumen angeht.

Schaue bitte nicht zu mir auf, ich stehe doch nicht über Dir. Es liegt so sehr in unserer Natur, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen, dass es gar nicht anders geht. Das ist sehr tröstlich und schön, weißt Du? Deshalb rede ich so gern mit Dir, auch über das Schwere. –

Aber eine Antwort auf Deine Frage habe ich nicht. Wahrscheinlich, weil ich, wie eben Du, nicht über unser beider Horizont hinweg schauen kann.

***

Es war ein ganz unglaublicher Moment gestern.

Ich bekam von einem Streamingdienst bereits am Montag, wie allwöchentlich, eine Playliste vorgeschlagen, die sich vorgeblich an meinen Hörgewohnheiten orientiert. Als ich nun erst gestern Zeit fand, dort hineinzuhören, war da ein Lied, das mich augenblicklich „anfasste“, das ich aber noch nie zuvor gehört hatte. Ich mochte es sofort sehr. Es klang für mich, obgleich sehr getragen und balladenhaft, modern und es hat, wie ich bald feststellte einen schönen Text, den eines sehnsuchtsvollen aber keineswegs kitschigen Liebesliedes.

So recherchierte ich schließlich ein bisschen dazu und glaubte meinen Augen nicht zu trauen als ich las, dass dieses Lied bereits im Jahr 1977 entstanden sein soll. Der Name der Gruppe, von der es vorgetragen wird, hatte mich zwar schon etwas stutzig werden lassen, weil es eine „altbekannte“ ist. Aber wieso hatte ich das Lied noch nie gehört?  Wirklich NIE!

Jedenfalls wäre es ungeheuer schade gewesen, wenn es nicht gestern doch noch zu mir gefunden hätte.  Sehr gern teile ich nun hier:

Barcley James Harvest – „Poor Man’s Moody Blues“

Sammelsurium -120- (Sieben Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Meine heutige „Sprücherunde“, die wie immer eine Einladung zum Lesen, Diskutieren, Zustimmen oder auch Widersprechen sein möchte, ist insoweit eine Premiere, als alle meine Aphorismen sich diesmal mit einem Thema befassen, in diesem Fall dem Thema „Tränen“. Auch der anschließende kleine Beitrag aus meiner Reihe „Schnipsel“, der durch eigenes Erfahren inspiriert entstanden ist, greift dieses Thema auf. Hier aber zunächst einmal die Sprüchlein:

Der innerlich weint, weint ohne jede Scham. Denn da ist nur er selbst. Und wie zerbrechlich auch immer, ist er sich doch der letzte Freund. Für Tränen vor einem Freund aber schämt man sich nicht.

*

Salz, das süß ist? – Das der Freudentränen!

*

Keine Tränen (mehr) zu haben, bedeutet nicht, ausgetrocknet zu sein.

*

So oft sind es gerade die wunderschönen Bilder, Texte und Klänge, die, wenn sie auf die Sehnsucht eines Menschen treffen, zu Tränen werden.

*

Keine Träne ist vergossen. Das ist einfach nicht wahr.

*

Auch wo Tränen rinnen, ist ein Flussbett und sind also auch zwei Ufer.

*

Die still geweinten Tränen, sind die, die am lautesten rufen.

**

Schnipsel (18)

Sie reisten nun alle wieder an ihm vorbei: der Fluss, die Berge, die Wiesen und die Wälder. Blieben hinter ihm zurück, während er aus dem Fenster schauend, im Zug saß, der ihn dorthin zurückfuhr, von  wo er vor ein paar Wochen hierhergekommen war.

Immer wieder war es so gewesen, Jahr um Jahr. Und immer wieder war er traurig und voller Sehnsucht gewesen, noch im letzten Augenblick der Gegenwärtigkeit des Wassers und der Höhen, der Düfte und der Melodien, und dies Fühlen blieb als aus der Gegenwart Erinnerung wurde und verging nie wieder ganz.

Aber immer war da dennoch Hoffnung gewesen, die auf Vertrauen wachsen konnte, dass er wiederkommen würde. Und dann kam er auch immer wieder.

Beim letzten Mal aber war da nichts mehr, worauf sich Vertrauen bauen ließe. Und obwohl er noch nicht wissen konnte, das dieses Mal tatsächlich das letzte sein würde, rannen ihm das erste Mal Tränen über das Gesicht, während der Zug seine Reise begann.

Und nun weiß er: Wenn zum Abschied Tränen rinnen, verlässt man ein Stück Heimat. Fluss, Berg, Wald, Mensch. Manchmal für immer.

***

Es ist still und stiller geworden um Birdy, jene englische Sängerin mit der besonderen klaren und eindringlichen und zugleich sanften und schwebenden Stimme, die vor Jahren, selbst gerade einmal 15, 16, 17 Jahre jung, mit Liedern wie „Skinny Love“, „People help the People“ oder „Wings“ lange und weit oben in den Charts platziert war.

Heute ist sie 24 und singt mindestens ebenso schöne, wenn nicht noch schönere Lieder, und wird doch nur noch vergleichsweise wenig gehört. Ein Beispiel ist ihr neuester Titel, mit einem Text, in dem ich mich sehr wiederfinde und einer sehr schönen Melodie. Und Birdy singt zauberhaft:

Birdy  – „Surrender“

Tagebuchseite -916-

Gedanken über die Fragilität einer Einzigartigkeit

Es ist so eigenartig, so paradox, so irritierend und unverständlich, geradezu absurd aber irgendwie auch faszinierend. Dabei kenne ich mich doch, dabei bin ich doch ich.

Warum dann immer wieder diese Zweifel daran, dass ich mich kenne? Tue ich das wirklich? Kennen mich andere Menschen besser als ich selbst? Bei meinem früheren Therapeuten würde ich das sofort bejahen, der hat so viele Dinge aus mir herausgelesen, die mir selbst bis dato unbekannt gewesen sind. Bei manchem Kollegen, manchem Begleiter vermute ich das auch, zumindest in Teilen. Ich bin für einige Menschen durchschaubar, beinah gläsern, so scheint es mir, auch dann, wenn ich bestrebt bin, möglichst wenig von mir preiszugeben. Die, die in mich hineinzuschauen vermögen, machen mir oft Angst. Denn sie müssen mir ja keineswegs wohlgesonnen sein.

Wer kann wie viel von mir sehen? Diese Frage beschäftigt mich oft. Ich möchte mich schützen, aber da ist auch der Gedanke, dass wer nicht alles von mir sieht, mich auch niemals wirklich und umfassend einschätzen kann. Ich kann nicht erwarten, dass er oder sie, mich sieht, mich liest, wie ich tatsächlich bin und wie ich mir, daraus folgend wünsche, dass er bzw. sie mir begegnet.

Aber es beginnt schon bei mir selbst. Selbst, wenn ich weiß, wer ich bin, kenne ich mich dann auch? Ich bin mir dessen nicht sicher.

Warum macht mir faktisch jede Veränderung Angst? Ich weiß doch, dass nicht jede Veränderung eine schlimme ist, weiß, dass manche Veränderung am Ende gar nicht so eintritt, wie es sich ursprünglich angedeutet hatte. – Dieses Wissen nützt mir nichts, hilft mir nicht. Jede auch nur anberaumte Veränderung, allein ihre Möglichkeit, bedeutet für mich: Angst.

Ich weiß so oft nicht, warum ich Dinge tue. Warum ich sie so oder so tue. Ich weiß es häufig auch dann nicht, wenn ich sie schon oft getan habe. Es fühlt sich mitunter so an, als steuere mich irgendetwas. Ich weiß nicht, ob ich das will oder nicht, weil ich nicht einzuschätzen in der Lage bin, ob oder wann das eher gut oder eher schlecht ist. Aber es beschäftigt mich, weil es mich oft, dann wenn es eben so geschieht, ich es geschehen lasse, unzufrieden sein lässt. Etwas dagegen oder nur anders zu tun aber, das verstehe ich nicht.

Warum stelle ich mir solche Fragen?

Ich habe so viel über mich erfahren, vor allem während der letzten Jahre, Dinge, die ich zuvor tatsächlich nicht wusste, die mir viel erklärten und erklären, die mich grundsätzlich erklären. Dennoch bleiben diese Fragen, und es kommen immer neue hinzu. Es ist unendlich. Und das Gefühl, das ich beim Bewusstwerden dessen empfinde, ist eines, das ich aus meiner Kindheit kenne.

Es ist das Gefühl jenes unstillbaren Wissensdurstes danach, warum ich, warum meine Seele gerade in diesem Körper, dem aus dem sie herausschaut auf die Welt, lebt. Fühlt es sich für die anderen aus „ihrem“ Körper heraus sehenden auch so an?  Warum kann ich alle sehen, mich selbst aber nicht? Warum brauche ich dazu einen Spiegel? Und sehe ich mich dann auch so, wie mich die anderen sehen?

Es ist das Gefühl des ins Bodenlose Gleitens, das sich in meiner Kindheit einstellte, wenn ich in die Sterne blickte und auf die Reise ging und spürte, dass sie nie zu Ende gehen würde, obwohl ich so sehr zu sehen wünschte, was da wäre.  Und, weil ich wohl damals schon wünschte innehalten zu können. Aber es ging immer weiter, es kamen immer neue Gestirne hinzu. Und ich musste, aus dem mir zugewiesenen Körper herausschauend, immer weiter gleiten und reisen, unendlich …

Hinter jedem Stern kam und kommt ein neuer, hinter jede Frage wartet die nächste, und je tiefer ich in mich gehe, desto tiefer geht es noch. Es gibt keinen Halt. Es gibt kein Innehalten. Es gibt überall nur Unendlichkeit. In mir und um mich herum. Und ich bin klein darin, so klein, so sehr klein. Ein Partikel, um es mit einer großen Dimension auszudrücken.

Was ist das eigentlich: Erwachsen? Ist es mehr als irgendein angepasst sein, angepasst sein müssen? Nahezu alles spricht dafür – insoweit ist „Erwachsensein“ nur der auf „Kindheit“ folgende Aggregatzustand des Menschen.

Meine Fragen resultieren womöglich auch daraus, dass sich meine Seele gegen diesen Aggregatzustand wehrt. Sie ist nicht erwachsen. Sie wird nicht erwachsen. Nicht weiser.

Sie wird nur älter.

Ich werde nur älter. Partikel in der Unendlichkeit meiner selbst und des Universums.

Wie unwichtig, wie belanglos doch alle meine „großen“ Fragen sind …

Und doch hört es nicht auf, dass ich sie denken muss, immer und immer wieder.

Es ist so eigenartig, so paradox, so irritierend und unverständlich, geradezu absurd aber irgendwie auch faszinierend …

***

Schon einmal habe ich ÄNN alias Alina Nimmervoll aus Österreich hier vorgestellt. Bisher hat mir jedes Lied, das ich von ihr gehört habe, auf irgendeine Art und Weise gefallen.  Noch ist die Künstlerin, zumindest außerhalb ihres Heimatlandes weitgehend unbekannt … Hier ist:

ÄNN – „Circles“

Tagebuchseite -915-

Entdeckung oder Auf der Suche nach ein bisschen Mozart

So manches Wochenendfrühstück nehme ich allein zu mir, weil niemand da ist, mit dem ich es teilen könnte. Wenn das so ist, dann schweifen meine Gedanken noch intensiver und hektischer über meinem Müsli, meinem Tee, meinem Ei und meinem Honigbrot dahin als wenn ich nicht allein wäre. Und ich esse dann ungewollt weniger bewusst. Wenn alles verzehrt ist, bemerke ich, dass ich gar nicht gegenwärtig gewesen bin, dass ich kaum etwas geschmeckt habe, obwohl ich mein Frühstück doch trotz und wegen des Alleinseins besonders genießen wollte.

Meine Gedanken kreisen meist um wenig erbauliche Dinge. Unter anderem bin ich  häufig schon beim nächsten Schritt und der heißt auch über weite Strecken meiner Wochenenden: Arbeit. – Das allein ist schon nicht eben schön. Inzwischen aber schwingen jedes Mal auch die Erinnerungen an vergangene Arbeitswochenenden mit, Erinnerungen an quälend mühsames Recherchieren, daran, dass Zeitpläne darüber nahezu grundsätzlich zu Schall und Rauch wurden und ich schließlich zwar alles erledigt habend aber selbst erledigt da saß: sogar zu erschöpft, zu depressiv, zu verbittert noch etwas zu tun, was mir Freude machen könnte.

Und wieder und wieder ist es so und wird es so …

Ich möchte nicht, dass das so weitergeht, immer so weitergeht.

Vor wenigen Wochen habe ich damit begonnen, mir Musik „unter meine Arbeit“ zu legen. Klassische Musik!

Ich habe herausgefunden, dass ich diese Musik beim Arbeiten laufen lassen kann, weil mich diese Musik im Unterschied zu aller anderen nicht ablenkt, dass ich „über sie hinweg“ arbeiten kann. Wenn ich einmal aufschaue, wenn ich nicht weiter weiß, wenn die Schwere mich überkommt, weil es nicht so vorangeht, wie es sollte, dann sind da diese klassischen Klänge. Sie erreichen mich augenblicklich, auch, wenn ich zuvor wegen der Konzentration auf das Notwendige tatsächlich gar nichts von ihnen wahrgenommen habe, obwohl die Musik unaufhörlich lief. In den Momenten ihres Durchdringens zu mir aber empfinde ich ihre Schönheit.

Ich habe diese Schönheit lange nicht erkannt, und wahrscheinlich ist ihr Erkennen erst aus dem von mir so stark empfundenen Gegensatz dieser besonderen Musik zu meinen Wochenendwolken aus Arbeit und Alleinsein geboren worden.

Wie jede Geburt war also auch diese ein kleines Wunder.

Die Musik, die mein wochen(un)endliches  Arbeiten begleitet, und dabei nur zwischenzeitlich von mir bemerkt wird, ist von Mozart und Vivaldi, von Haydn und Schubert, von Dvorak und Strauß, von Brahms und Smetana, Tschaikowski und Beethoven und manchem anderen. Es ist immer konzertante Musik. Sinfonien, Serenaden, Menuette. Immer ohne Gesang. Nie vorher in meinem Leben ist so viel klassische Musik aus Lautsprechern meiner Wohnung gedrungen.

Andere Musik ruft mich, ich kann dann nicht umhin, mich ihr voll und ganz zu widmen. Diese hier jedoch lässt mich einfach nur sein. Auch und gerade dann, wenn ich sie gar nicht oder kaum höre. Aber ich spüre, dass sie es mag, wenn ich sie bewusst wahrnehme, während der kleinen Pausen des Arbeitens etwa, wenn ich innehalte, weil sie etwas Schönes hat, was ich gerade in diesem Moment zum ersten Mal entdecke.

Mich gewähren lassen, mir ein wenig Rückhalt sein, mir, wenn ich mich darauf einlassen mag, etwas Schönes zeigen. Niemals aufdringlich und nicht verstimmt oder traurig sein, wenn das mit dem Einlassen gerade nicht gelingt, weil ich es aus diesem und jenem Grunde nicht kann.

So, genauso, habe ich entdeckt, ist diese Musik.

Obwohl sie mich nicht ruft, so wie vielerlei andere, in der ich so sehr aufgehen kann, dass ich neben dem Verweilen, dem Leben in ihr, augenblicklich nichts anderes beginnen oder fortführen kann, weiß ich, dass ich mich nun manches Mal zu ihr aufmachen werde. Sie ist es wert, hat es verdient, mehr als nur ein Hintergrund zu sein, über den ich hinweg arbeite, weil sie Eigenschaften besitzt, die sonst nur jemand hat, den ich Freund oder Freundin nenne.

Ich glaube, es lohnt sich, an jedem Tag wenigstens auch ein klein bisschen auf die Suche nach Mozart zu gehen. Es hat den Anschein, als ob ich dabei immer mal wieder etwas finden könnte …

Vielleicht ja auch den Genuss an manchem einsamen Wochenendfrühstück.

***

Keine klassische Musik, eher etwas von jenen Melodien, „die mich rufen“: So ein Stück ist das nachfolgende Lied, das mir gerade eben zum ersten Mal begegnet ist, ebenso wie die kanadische Sängerin und Songschreiberin Basia Belut, die eine erstaunliche Stimmbreite hat und mich mitunter ein bisschen an die legendäre Marianne Faithfull erinnert. Das Lied ist allerdings zweifelsfrei ein wirkliches Original. Und es ist sehr schön:

Basia Bulat – „Are you in love?“

Tagebuchseite -914-

Ein bisschen Philosophie über die Sprache

Wenn Gedankenstraßen sich materialisieren, dann fließen sie in Zeilen, die wiederum zu Straßen werden. Ich wähle Lettern und Worte in bewusster Reihenfolge, möchte den Zeilenstraßen, die unter meinen Händen werden, ein Antlitz geben. Eines, das dem der Straßen, die sich in meinem Inneren  durch meine Seele gebahnt haben, möglichst ähnlich ist. Es sollen Straßen sein, die von meinen Gedanken authentisch berichten, meine Geschichten authentisch erzählen.

Sprache ist mein schönster Rohstoff. Ich versuche, sie zu pflegen, sie zu achten, sorgsam und sensibel mit ihr umzugehen. Darin bin ich Laie und bin frei. Frei selbst in Unfertigkeit, von der ich weiß, dass sie nie enden wird, nie enden kann. Und die mich nicht stört. – Ich glaube, dass diese Unfertigkeit die einzige ist, mit der ich von Herzen frank und frei leben mag. Solange sie da ist, habe ich ein Feld, auf dem ich immer wieder finden kann und finden werde, von dem, was ich schön nenne. Was für eine großartige Aussicht!

Falsche Worte sind schlimm, oft verhängnisvoll. Falsch verstandene Worte sind es immer.

Jeder Mensch sieht die Welt mit seinen Augen. Und weil jeder Mensch einzigartig ist, sieht er sie auf einzigartige Weise.  So auch die Zeilenstraßen. Ein Jeder liest sie anders. Nur wenige, so, wie sie gemeint waren, gemeint sind. Ungeachtet der ursprünglichen und so sorgfältigen Auswahl der Buchstaben und der Worte durch den Schreiber. Sie werden so unterschiedlich verstanden wie die Menschen verschieden sind. Und manchmal wollen sie verschieden, wollen sie falsch verstanden werden.

Dieses Phänomen scheint mir in der neuesten Zeit immer weniger Phänomen denn Absicht zu sein. Das ist eine ganz persönliche Sicht.

Streit um des Streitens willen, nicht der Sache wegen. Und nur nicht die Menschen und deren Handeln, dahinter, darinnen, dazwischen fragen oder gar hinterfragen. Zu schwierig, zu komplex, zu mühsam. Diskurse, Diskussionen, tiefe Gespräche, ausführliche Briefe sind langweilig und beschwerlich, sie führen nicht schnell genug zu „Lösungen“ zu eindeutigen Botschaften. Ganz anders als „HDGL“, „ACAB“ oder „Good n8 4you.“.

Des einen bemühte und bewusste Wortwahl, nennt der andere Wortklauberei.

Des anderen Wortklauberei nennt der eine differenzierte Ausdrucksweise.

Und für beides finden sich Anhänger, Sympathisanten  und Widersprechende. Und für jeden derselben  gibt es eine Plattform, ein (a)soziales Netzwerk.

Zeilenstraßen können, mögen, wollen auf so unterschiedliche Weise gelesen und (nicht) verstanden werden. Nicht erst seit heute.  – Warum kommt es mir dann dennoch so vor, dass sich die Menschen heute noch viel weniger verstehen als einstmals?

Wortflüsse und Zeilenstraßen fließen und führen aneinander vorbei. Und kreuzen sie sich doch das eine oder andere Mal, dann klingt das so oft nach Karambolage. Nehme ich es deshalb so wahr, dass meine Sprache immer leiser wird?

Ich liebe die leisen Dinge. Und so liebe ich sie, meine Sprache mehr und mehr in diesen Zeiten. Meine Sprache, die nur wenig die heutige ist. Sie ist vielmehr derjenigen ähnlich, die sich häufig in den Zeilenstraßen der Bände auf den Friedhöfen der vergessenen Bücher (dies vom spanischen Schriftsteller Carlos Ruiz Zafon geschaffene Bild aus Worten ist selbst ein Ausdruck dieser Sprache, die zum Beispiel zu zeichnen vermag) ruhen.

Ich höre die leise Stimme eines Menschen. Ich lese sein leise geschriebenes Buch. Ich höre beiden zu. Leise. Und weiß augenblicklich, dass dieser Mensch imstande ist, auch meine Gedanken zu hören. Und wahrscheinlich sogar zu verstehen.

Solcherart Sprache ist für mich Schönheit in dieser lauten Welt. Selbst und auch und gerade dann, wenn sie nicht nur von Schönem zu mir zu sprechen vermag. Ich spüre, dass sie sich wünscht, dass ich ihre Zeilenstraßen so authentisch sehe, wie sie geschrieben, gesprochen, gemeint sind.

Und nichts ist mir wünschenswerter als ihr diesen Wunsch zu erfüllen.

***

Ein Lied, das keine zusätzlichen Worte braucht, von einem Künstler, der ebenso heißt, der seinerseits freilich viel, viel mehr Aufmerksamkeit verdient hat, als sie ihm bislang zuteilwurde.

Florian Künstler – „Leise“