Wegweiser durch diesen Blog

Tagebuchseiten:

Hier sind meine Reflexionen über Ereignisse und Begegnungen im Alltag ebenso zu finden, wie meine Gedanken über „Gott und die Welt“ – in loser Folge, ohne Ordnung …

(Mit Beginn des Jahres 2017 erscheinen einige meiner Tagebuchseiten als Selbstgespräche . Grund dafür ist eine umfassendere Idee, die ich schon lange in mir trage. Vielleicht entsteht aus den entsprechenden Texten irgendwann ein Weg, der zu ihrer Realisierung durch mich führt. Vielleicht …)

Sentenzen:

Nachdenkliches zu Themen, die mich immer wieder und nachhaltiger bewegen und beschäftigen, die in meinem und für mein Leben zumeist eine wichtigere Rolle spielen.

Verse:

Einige meiner Versuche, Gedanken, Eindrücke, Reflexionen und Ansichten in lyrischer Form zu verarbeiten.

Gedanken zu Aphorismen:

Was immer ich auch lese, ich spüre darin aus meiner Sicht interessante Sinnsprüche auf. Einige von denen, die mich besonders inspirieren, zum Nachdenken anregen, meinen Widerspruch herausfordern, bespreche, diskutiere ich hier.

Zwischenstopps:

Texte oder Begebenheiten über die ich „gestolpert“ bin, darunter Merkwürdiges, Skurriles, Witziges, Unglaubliches – manchmal mit kurzen Kommentaren von mir versehen. (mitunter auch Musiken, mit denen ich mir einen Zwischenstopp genehmige …)

Sammelsurium:

Hier finden sich von mir verfasste, kleine Rezensionen zu Büchern, die ich gelesen habe, eigene Gedanken in Aphorismenform, die ich zur Diskussion stelle, und Sonstiges, was mir mitteilenswert erscheint.

Verse -83-

Demut und Hoffnung

(Verse an und für mich)

Ich verschenke mein Lächeln
und behalte den Schmerz,
und ich will nicht mehr länger klagen.
Ich zeig‘ euch die Sonne,
verteile mein Herz,
und verwahre die bangen Fragen.

Ich stimme euch freundlich,
will niemandem Last sein,
behalt‘ sie für mich, meine Traurigkeit.
Ich mag euch vergeben,
euch Hilfe und Halt sein,
die mir verbleibende Zeit.

Ich werde mich freuen,
wenn’s euch nur stets gut geht.
Und will dafür dankbar sein,
wenn ihr glücklich und froh seid
und so frei wie der Wind weht
und nicht wisst, wie es ist, ganz allein.

Ich verschenk‘ meine Liebe,
mein Glück, mein Vertrauen,
so lange, bis alles gegeben.
Ich werd‘ nichts mehr fordern,
nur still darauf bauen,
dass es nicht umsonst war, mein Leben.

***

Wieder einmal eine Liedperle, die vergessen worden ist, bevor sie bekannt werden konnte:

Josephin Busch – „Wovor hast du Angst“

Tagebuchseite -884-

Weshalb das Leben so sehr Kampf ist und von einem Beispiel dafür, dass Tiere die wahreren Menschen sind

Ich glaube ja generell nicht an Zufälle. Alles, was geschieht, geht auf eine oder mehrere Ursachen zurück. Und so glaube ich auch nicht an Schicksal. Grundsätzlich kennt mein Wortschatz dieses Wort gar nicht, eben, weil es davon ablenkt, dass etwa einer Situation, in die ein oder mehrere Menschen geraten sind, konkrete Ursachen zugrunde liegen. „Schicksal“ – wie schnell ist man versucht, da die Hände zu heben: „Dann ist das wohl so. Daran kann ich nun wirklich nichts ändern.“ Möglicherweise kann ich das wirklich nicht. Aber nicht, weil etwas „Schicksal“ ist, sondern weil ich nicht über Möglichkeiten, Mittel oder auch die Courage verfüge, um an den Ursachen für einen Zustand oder eine Situation etwas zu ändern. Für mich ist das ein fundamentaler Unterschied.

Schon lange bemerke ich, wie oft in den Nachrichten, in unserer Alltagssprache, in Debatten, Diskussionen, Diskursen, in Therapiestunden und in unseren Gedanken vom Kämpfen die Rede ist. Und mein Eindruck ist, dass es immer mehr und immer allumfassender um Kampf geht. Bemühe ich meine Bäume pflanzende Suchmaschine, dann stelle ich außerdem fest, dass ich bei der Eingabe der Suche nach „Kampf für“ nur sehr wenige, bei der Eingabe der Suche nach „Kampf gegen“ aber eine kaum überschaubare Zahl an Ergebnissen erhalte.

Wir kämpfen gegen das Corona-Virus, wir kämpfen gegen Diskriminierung, gegen Rassismus, wir kämpfen gegen den IS und gegen die Ämterhäufung in Aufsichtsräten, wir kämpfen gegen Killerkeime und gegen Kinderpornographie, gegen Finanzbetrüger, Terrorismus und Arbeitslosigkeit, wir kämpfen gegen den Klimawandel, gegen „illegale“ (das Wort wird in diesem Zusammenhang sehr oft falsch oder auch missbräuchlich verwendet, deshalb setze ich es hier in Anführungszeichen) Einwanderung, gegen die Beschneidung von Frauen, gegen Sexismus, gegen den Analphabetismus und gegen die Mafia, gegen Extremismus, gegen Armut und immer höhere Rüstungsausgaben. Wir kämpfen gegen noch so viel mehr. Täglich, stündlich, mit teils sehr unterschiedlicher  Motivation und unterschiedlichem Engagement, und überdies häufig gar nicht mit dem gleichen Ziel.

Unser Leben scheint tatsächlich vor allem Kampf zu sein. Nicht Leben. Und dieser Kampf ist nahezu immer Kampf gegen von Menschen Gemachtes, von Menschen Verursachtes, nicht gegen ein „Schicksal“. Und wir kämpfen dagegen, wie wir unser Leben machen, gegen uns, Mensch gegen Mensch. Weil wir uns als Konkurrenten sehen, zu Konkurrenten gemacht werden und uns zu Konkurrenten machen lassen, im Zweifel zu Feinden gar. Zwischen Konkurrenten, Feinden aber gelten die Gebote der Rücksicht und des Kompromisses wenig oder nichts. Deshalb kämpfen wir kaum FÜR etwas oder FÜR jemanden. Bestenfalls kämpfen wir, jeder für sich, für uns selbst, GEGEN die Anderen, die Konkurrenten, die realen und die selbst gemachten Feinde.

Mir scheint es so, als bräuchten wir geradezu Feinde und Feindbilder. Sie sind das, was noch verblieben ist, uns anzutreiben. Uns gegen sie zu behaupten, durchzusetzen. Ein Konkurrenz- oder Feindbild lässt sich auch immer noch finden, wenn man vor allem anderen längst kapituliert hat. Ob man das bemerkt hat, bemerken wollte, oder eben auch nicht.

Wenn ich hier von „wir“ und „uns“ schreibe, so meine ich damit nicht jeden einzelnen Menschen. Ich meine damit das System, in dem wir leben, ich meine die, die es jeden Tag aufs neue verursachen und mittragen, so wie es ist, seine Strukturen und seine Mechanismen. Und bin denn also doch bei einem sehr umfassenden „Wir“. Denn selbst ich trage dieses System mit, weil ich es nicht schaffe, aus ihm auszubrechen (womit allein freilich auch noch gar nichts getan und verändert wäre).

Dass ich es so wenig als möglich im Sinne des ihm immer wieder neu begründenden und erhaltenden Egoismus, dem „GEGEN“, das es strukturell bestimmt und ausmacht, zu leben versuche, BEWUSST so zu leben versuche, ist nicht mal mir ein Trost. Weil ich weiß, dass es zu wenig ist. Und, dass diejenigen Menschen, die das auch versuchen, zu wenige sind. Und, dass wir alle letztlich den Weg nicht wissen, keinen, der wirklich gangbar und nachhaltig Erfolg versprechen würde, obwohl die Zeit so sehr drängt.

*

In der gestrigen Lokalbeilage der hiesigen regionalen Tageszeitung wurde über die Aufnahme eines Schäferhundes, der zuvor von Tierschützern gerettet worden war, in ein Tierheim informiert. Der Hund war so sehr abgemagert, dass Hüft- und Schädelknochen deutlich zu sehen waren. Er hatte Verletzungen am Körper, ein völlig verfilztes Fell und zeigte ein verängstigtes Wesen. Er war jahrelang unter schlimmsten Bedingungen gehalten worden. Wörtlich hieß es in dem Artikel weiter:

Dass er es sehr schwer gehabt haben muss, zeigt auch die Reaktion der anderen Hunde im Heim. „Wir haben ein paar Spezialisten, die jeden anbellen, aber nicht Rex“, berichtet eine Mitarbeiterin des Tierheims.

Ich bin beeindruckt. Von der offenkundigen Empathie, der Rücksicht, sogar der sonst stets lauten, vielleicht hierarchisch „oben“ stehenden, im mindesten aber verteidigungsbereiten, im Zweifel FÜR sich kämpfenden (sic!) Hunde. GEGEN Rex aber würden sie nicht kämpfen! Ihn lassen sie gewähren, ihm erweisen sie  ALLE Respekt. Und sind sich darin einig. Einfach so. Ohne Debatte, Diskussion oder Therapiestunde. Und ohne Feindbild. Rex jedenfalls ist offensichtlich keins.

Mir fällt ein altes Zitat des Philosophen Schopenhauer wieder ein:

Seitdem ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere.

Dass Menschen sind, wie sie sind, ist kein Schicksal. Auch die menschliche Arroganz ist es nicht. Aber es ist verflixt arrogant, wenn wir meinen, von den Tieren nichts lernen zu können. Aber es wundert nicht. Wir meinen ja oft sogar, uns selbst nicht mehr zuhören zu müssen. Und tun es also auch zunehmend weniger. Vor lauter Kämpfen, GEGEN uns kämpfen!

***

Heute habe ich wieder einmal ein Stück Indie-Pop, das es sogleich in mein Herz geschafft hat. Dem Sänger und Songschreiber Jacob Bellens ist ein textlich, melodisch und vom Arrangement her durchweg bemerkenswertes Lied gelungen, finde ich. Es ist das erste Lied, das mir von ihm begegnet ist, so wie er selbst, obwohl er schon einige Jahre Lieder schreibt und aufführt. Das gemeinte ist jedenfalls sein aktuellstes:

Jacob Bellens – „Summer Sadness“

Tagebuchseite -883-

Über eine unglückliche Leiche und das Kuscheln mit Tränen

Ich möchte nicht immerfort, ich möchte nicht schon wieder nur darüber schreiben, was ich alles schlecht verkrafte, was mir wie Felsen auf der Seele liegt, was mir negativ erscheint. Über das, was und wie es aktuell schon wieder ist und in dieser oder jener Form, Ausprägung und Stärke eben immer und immer wiederkehrt.

Vielleicht liegt, dass das so ist, ja wirklich vor allem an mir.

Ich las kürzlich in einem anderen Blog die folgende Passage:

Es scheint sich zu bewahrheiten: Manche sind nicht glücklich, wenn sie nicht permanent unglücklich sein und ausgiebig darüber klagen dürfen. Austherapiert? Ja. Fazit: viel Aufwand für quasi nichts. Der Patient seufzt innerlich zufrieden und weidet sich an den ringsum frustrierten Mienen. Wenn das kein Erfolg ist …

Auf den ersten Blick ist das eine heftige Sentenz, nicht ohne bitteren oder auch bitterbösen Sarkasmus. Ich kann und will sie gar nicht „bewerten“. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es immens frustrierend sein muss, einen anderen Menschen stets nur jammern, klagen und leiden zu hören, vielleicht mal mehr, mal weniger, vielleicht auch mal über eine kleine Etappe kaum, dann aber doch wieder anschwellend, wiederkehrend und letztlich dominant und permanent seiend.

Bin ich so ein Mensch?

Eine innere Zufriedenheit mit meiner „Außenwirkung“ verspüre ich zwar nicht und ich kann weder ein „sich weiden“ an den ringsum frustrierten Mienen bei mir feststellen, noch einräumen (mir ist es sogar ganz und gar schwer vorstellbar, dass sich unglücklich fühlende Menschen derart zu reagieren imstande sind, womöglich gar noch vorsätzlich). Aber bin ich bei allem Bemühen und Gelingen, auch Schönes wahrzunehmen, zu bewahren, mich daran zu orientieren und dankbar zu sein und dies auch zeigen und ausdrücken zu wollen, nicht letztlich doch ein Mensch, der sehr viel klagt, der immer wieder ins depressiv und unglücklich sein fällt, der mindestens viel Potenzial hat, Mitmenschen zu frustrieren? Und ist dies nicht mein bei Weitem überwiegendes Erscheinungs- und Daseinsbild? Trotz so vieler und langer Therapien …

Wenn ich ehrlich bin, dann kann ich nicht anders , als das zu bejahen.

Und dazu gehört wahrscheinlich, dass ich den Tag heute (der der Katalysator für das erneute „Überlaufen“ war) und die Etappe der jüngsten paar Tage als solche empfinde, die das bestätigen. Treffender: mein Reagieren bestätigt das! – Ich bin kaputt, niedergeschlagen, unglaublich von Ängsten beherrscht. Ich fühle mich gefangen, empfinde körperlich unangenehme Symptome. Meine Gedanken kreisen um das Thema, wie und ob es nicht „besser“ wäre, wenn ich nicht mehr da wäre. Und der Satz: „Ich bin des Lebens so müde“ ist das Banner, das von meiner Seele auf die Welt scheint, wie eine schmutzige, altersschwache Leuchtreklame.

„Ich mache das nicht, und ich gehe deshalb über Leichen, tut mir leid, auch, wenn es dann eben auch dich trifft.“

Das war, das ist der „Satz des Tages“ heute, an mich gerichtet. Er hat mich völlig aus der Bahn geschmissen. Ihn hat es noch „gebraucht“, nachdem die Weichen schon zuvor mal wieder „falsch“ gestellt waren.

Ich konnte minutenlang gar nichts sagen, was zweifellos auffiel. Und, von mir als solche empfundene, Nötigung nach sich zog. Etwas zu sagen. Nicht unbedingt zu diesem Satz. Irgendwann habe ich dann auch noch irgendwas gesagt. Zu diesem Satz! Und dann fing ich innerlich an zu zittern. Weil es mit meiner Erwiderung natürlich nicht vorbei war. Und weil ich nicht wollte, dass das Zittern schließlich sichtbar wird, bin ich dann gegangen. Nach Hause gegangen, wo auch dieses Wochenende niemand auf mich wartet. Wo ich heute in den frühen Morgenstunden schon wieder so einen furchtbaren Albtraum hatte, wieder so einen ganz bösen – den dritten schon in sechs Tagen.

Und ja doch, ich fühle mich unglücklich. Sehr unglücklich. Schon wieder! Aber, bei Gott (!), ich bin nicht zufrieden damit, zufrieden mit mir, dass es mich immer so triggert, dass ich so konfliktunfähig bin, dass ich so versage.

Hey, und ich höre, während ich das schreibe, all die schönen Lieder. Die, die schon so lange geschrieben sind und die doch an nur so wenige Ohren dringen und von so vielen Menschen gar nicht gehört werden mögen. Und jene neuen schönen, die auch kaum jemand hört. Und ich weiß, dass noch mehr solche Lieder geschrieben werden und, dass ich sie finden kann. Und eine Träne der Freude rinnt mir über das Gesicht.

Und ich sehe mir dazu den Film meiner schönsten Erinnerungen an. Ich kann diesen Film „virtuell“ in meiner Seele spielen lassen. Die Träne macht nicht, dass seine Bilder verschwimmen.

Und ich sehe Blumen im Jetzt, dort, wo ich gerade nicht bin und aller meistens nicht sein kann. Aber ich weiß, dass sie da sind. Alle. Vor allem mein kleiner Strauß menschlicher Blumen. Ein Strauß des Inbegriffs der Schönheit. Eine zweite Träne netzt ihn. Eine Träne der Dankbarkeit.

Ich bin unglücklich. Ich bin des Lebens müde. Lange schon. Heute, „schon wieder einmal“ ganz besonders.

Ich lege mich in die beiden Tränen, die der Schönheit und die der Dankbarkeit, lasse mich von ihnen einkuscheln …

***

Alvvays – „Dream Tonite“

Tagebuchseite -882-

Elf plus?  (ein Gedankensammelsurium)

Elf Tage sind vergangen. Elf Tage, während derer ich mein Tagebuch nicht aufgeschlagen habe, um darin zu schreiben. Elf Tage, die ich nicht etwa in jenem Urlaub war, mit dem ich alljährlich ganz bewusst eine kleine Schreibpause einlege.

Nun ist es ja nicht so, dass ich mir ein Wochen-, Monats-, oder Jahreslimit an Einträgen setze, die ich jeweils unbedingt „schaffen“ will. Wenn es einen Ort ohne Zwang geben kann und darf, dann ist das mein Tagebuch. Und das soll und wird immer so bleiben.

Wenn ich nun zurückblicke, dann waren jene elf Tage keineswegs so leer oder bedeutungslos, als dass  nicht genügend Stoff zum Schreiben vorhanden gewesen wäre.

Aber ich habe diese Tage als für mich sehr unruhige, seltsame, irritierende Tage empfunden, im Ergebnis paralysierend.  Alles erschien mir zu viel. Ich bin unglaublich schnell erschöpft gewesen bis dahin, buchstäblich die Augen nicht mehr offenhalten zu können. Ich konnte mich nur sehr schwer konzentrieren, war immer wieder stark abgelenkt. Je länger das so war und je bewusster ich mir dessen wurde, desto mehr feuerte es meinen Gedankenkochtopf an und brachte mein Seelenkarussell zum Rotieren. Was, wie zumeist, anwachsende Unzufriedenheit über mich selbst gebar, zumal ich zwar zu tun, zu arbeiten, hatte, aber längst nicht auf dem Level, welches mich nach den Sommerferien wieder erwarten wird.

Auch jetzt, während ich das schreibe, ist da ein seltsames Empfinden in mir, Irritation auch. Denn ich schreibe wie ein Beobachter, so, als wäre der, über den ich da gerade schreibe, nicht ich, sondern irgendwer neben mir. Wahrscheinlich ist das so, weil ich mir ganz insgeheim in einem versteckten inneren Winkel meiner selbst wünsche, dass es so wäre. Dass ich das nicht gewesen wäre, während der vergangenen elf Tage.

Es war wirklich nicht wenig, was passiert ist, während der elf vergangenen Tage.

Mein Sohn hat sein Abitur gemacht, prima gemeistert. Seine Schulzeit ist nun zu Ende. Leider habe ich weder an seiner Zeugnisübergabe, noch an der anschließenden kleinen Abschiedszeremonie ab 21.00 Uhr auf dem Schulhof seines Gymnasiums (mit Fackeln) teilnehmen können. Es war jeweils nur ein Elternteil erlaubt. Alle anderen Vorhaben, das Ende der Lebensetappe „Schule“ feierlich, heiter oder sonst wie zu begehen, hatte das Virus schon vorher zunichte gemacht.

In mir sind so viele Gedanken an die „zwischendurch“ vergangenen zwölf Jahre, und ja, ich bin stolz auf diesen jungen Mann, meinen Sohn, den ich noch glasklar als das etwas schüchtern dreinblickende Bübchen mit seiner Schultüte an seinem allerersten Schultag in Erinnerung habe. Und ich bin froh, dass er „anders“ ist, als ich es seinerzeit zum Ende meiner Schulzeit gewesen bin. Ich bin inzwischen recht überzeugt, dass er manches nicht von mir geerbt hat. Und das ist gut so.

MEIN  erstes Schuljahr ist nun auch fast zu Ende. Nächste Woche ist noch Dienst angesagt, Organisatorisches, Aufräumen, Planung. Dann ist es wirklich vorüber, und ich habe Ferien. –

Das schönste an diesem Schuljahr waren die Kinder, vor allem die „meiner“ 5. Sie waren mir in allen Zeiten dieses Arbeitsjahres DER Lichtblick. Ich habe die ganze „Bande“ richtig gern. Sie waren auch einer der wenigen für mich spürbaren Lichtpunkte während der vergangenen elf Tage.

Ansonsten war es ein schweres und komisches Jahr für mich. Arbeitsmäßig war ich an der obersten Grenze, dessen, was ich noch zu leisten vermag. Ob ich das durchgehalten hätte, wenn nicht meine Operation mit der nachfolgenden langen Krankschreibung dazwischen gekommen wäre? Ich zweifle daran. Auf der anderen Seite bin ich durch meinen langen Ausfall nun immer noch beinah ebenso „grün“ wie zu Beginn meiner Arbeit an der Freien Schule im vorigen August. Ich kenne einfach so viele Abläufe nach wie vor nicht, werde auch im nächsten Jahr noch einmal nahezu alles „zum allerersten Mal“ machen (müssen). Zumal ich in anderen Klassenstufen andere Fächer unterrichten werden muss. Aber da sind noch so viele Unsicherheiten – das wäre ein Thema für sich. Dass der vielen Ängste die diese in mir beständig auslösen und reproduzieren freilich auch …

Dass ich meinen Vater endlich wiedersehen konnte, war wunderschön. Und, dass da diese eine Freundin ist, die immer für mich da ist, die regelmäßig mit mir telefonieren mag, jetzt sogar, wenn wir es wollen, so, dass wir uns dabei sehen können. Und, dass da noch zwei, drei Menschen sind, die mir wirklich nahe stehen. Auch, wenn sie recht weit weg wohnen, wir uns kaum sehen oder treffen können.

Freilich ist mir, und das hat nicht nur mit der „Coronazeit“ zu tun, zuletzt wieder sehr bewusst geworden, dass ich zwar (durch die Schule) sehr viel unter Menschen, sozial aber trotzdem überwiegend allein bin, mich oft in diesem Sinne auch einsam fühle.

Neben den schönen Dingen, gab es, wie immer, auch andere. Und die erfassen mich irgendwie immer mehr und nachhaltiger. Es bewegte und bewegt mich deshalb innerlich so viel und so emotional, dass es nicht „aufschreibbar“ war und noch nicht ist. Ich schaffe es nicht, sie auf diese Weise wenigstens ein bisschen los zu werden.

Erstmalig geht es mir insoweit mit gerade kurzfristig Erlebtem so, wie es mir mit vielen Etappen meines längst gelebten Lebens geht, die ich schon so lange zu reflektieren gedenke, in einem größeren Zusammenhang, als eine Abhandlung (in welcher Form auch immer). Ich möchte das inzwischen wirklich, aber ich KANN nicht beginnen. Jedes Mal, wenn der Gedanke konkret wird, nimmt es mir buchstäblich vollständig die Luft. Zum Atmen, zum Denken, zum Schreiben. Abgesehen davon, dass ich grundsätzlich zeitlich nicht ansatzweise frei genug bin, meinem Wunsch zu folgen.

Dass ich nunmehr dennoch und weiterhin von Wunsch schreibe, hat übrigens ganz besonders mit meinem Vater zu tun. Er bestärkt mich, seitdem ich mich getraut habe, ihm ein paar meiner Texte und Verse zu zeigen. Er empfindet es nicht als „verschwendete Zeit“, wenn ich schreibe wie ich schreibe. Er mag sogar mit mir über das, was ich schreibe, sprechen. Er ist mir so nah wie niemand sonst aus meiner Familie, die es eher als unproduktiv und vor allem nicht familiendienlich ansieht, wenn ich aus freien Stücken am Schreibtisch sitze.

Dabei war neben der immer entscheidenden und letztlich maßgebenden Motivation für mich selbst zu schreiben, mich zu reflektieren, mich kritisch zu hinterfragen und mich mit mir und meiner Umwelt, den vielen Fragen meiner Zeit und der Welt rückblickend nachvollziehbar auseinanderzusetzen, insgeheim auch die Hoffnung in mir, meinen Nächsten, meiner Frau, meinem Sohn, vielleicht seinen Kindern, etwas zu schreiben. Halt auch für sie zu schreiben. – Ich gebe zu, dass ich ein bisschen traurig bin, dass meine heimliche Hoffnung auf ein entsprechendes Interesse Hoffnung geblieben ist und ich sie mittlerweile begraben habe.

Der Wunsch ist trotzdem nicht tot. Schon wegen meinem Vater wird er das nie sein. Und jüngstens auch wegen jener Freundin nicht, der, von der ich oben schon schrieb, dass sie wirklich immer für mich da ist, für meine Gedanken, meine Sorgen, meine Ansichten und Fragen und die selbst unter anderem ein ganz wunderbares „Schreiberlein“ ist. Mit der ich mich in jener Art und Weise austauschen kann, wie mit meinem Vater. Mit niemandem sonst geht das so.  – Und deshalb ist da noch ein Wunsch: Ich wünsche mir, die beiden würden sich einmal persönlich kennenlernen.

Sehr realistisch ist das aus verschiedenen Gründen nicht. Aber die beiden wissen inzwischen voneinander und, wenn ich ihre gegenseitigen Grüße richtig deute, mögen sie sich, soweit das unter den gegebenen Möglichkeiten halt geht.

Dies eben schreiben zu können, hat mir nun wahrhaft gut getan. Nach zwei Albtraumnächten in Folge, von der die gestrige eine ganz fürchterliche gewesen ist, haben mir diese letzten, höchst selbst geschriebenen Zeilen ein kleines Lächeln ins Gesicht gezeichnet.

Ich weiß nicht, ob die „elf Tage“ nun erst einmal vorbei sind. Aber immerhin steht da nun dieses Lebenszeichen in meinem Tagebuch geschrieben.

***

Vor einigen Monaten habe ich schon einmal ein Lied der jungen österreichischen Sängerin und Songschreiberin OSKA geteilt. Nun bin ich wieder auf eines gestoßen, und es gefällt mir nicht minder gut.

Offensichtlich gehört die junge Künstlerin auch zu jener Gruppe so vieler, die sehr schöne Musik machen und interpretieren, aber kaum Aufmerksamkeit erlangen, weil es an „Beziehungen“ mangelt. Ich finde das geradezu tragisch, um so mehr, je länger ich wahrnehme, was für ein Einheitsgedudel die meisten der „einflussreichen“ Rundfunksender so lange abspulen, bis es einem wirklich zu den Ohren raushängt.

Hier also ist noch einmal OSKA:

OSKA – „Come home“

Tagebuchseite -881-

Was passiert mit „meiner“ Sprache?

Wer mich kennt, weiß, dass mir Sprache sehr viel bedeutet. Ich liebe es nicht nur zu schreiben, weit mehr als wohl die Mehrzahl meiner Zeitgenossen, ich finde es auch ebenso herausfordernd wie motivierend, mich mündlich verständlich, angenehm und insgesamt so auszudrücken, dass man mir gern zuhört und mich versteht. Außerdem lese ich sehr gern, und empfinde oft eine geradezu diebische Freude, wenn mir dabei besonders originelle, bildhafte, in dieser oder jener Hinsicht überraschende Formulierungen begegnen.

Sprache ist mir etwas ganz besonders Wertvolles, ich liebe es, in ihr zu leben und diese Art der Liebe und des Lebens zu teilen. Ich liebe meine Muttersprache als solche, ich finde, dass sie einen großen Reichtum in sich beherbergt und das Potenzial einer besonderen Schönheit.

Mir tut es deshalb besonders weh, wenn ich erfahre oder bemerke, wenn sie beschädigt, beschmutzt oder wenn sie missbraucht wird. Leider geschieht das nach meiner Wahrnehmung gar nicht so selten. Im Gegenteil, in Zusammenhang mit der Digitalisierung von Medien, dem verbreiteten Nutzen so genannter sozialer Netzwerke, dem Einzug der Globalisierung in die Kommunikation, scheint mir das eine (beängstigend) zunehmende Tendenz zu sein.

Etwas, was diese Tendenz ausmacht, ist das Entstehen und Verwenden von „Wortneuschöpfungen“ von denen viele für mich im Mindesten hinterfragungswürdig und – notwendig, etliche aber auch in meinen Augen auch ganz offensichtlich diskriminierend, ausgrenzend und verletzend oder auch (mehr oder minder bewusst) in die Irre führend sind.

Ich möchte das an einigen Beispielen verdeutlichen, die auf den ersten Blick „gar nicht so schlimm“ zu sein scheinen. Sie aber deshalb zu verharmlosen, nicht als das zu benennen was sie tatsächlich sind, halte ich für ein nicht weniger schweres Versagen und Verbrechen an „meiner“ Sprache und noch viel mehr jenen Menschen, die bzw. deren Lebensumstände damit „charakterisiert“ werden, als wenn es sich um noch offensichtlichere und eindeutigere Begriffe handeln würde.

*

Langlebigkeitsrisiko

Versicherer sprechen vom „Langlebigkeitsrisiko“, also dem Risiko, dass ein Versicherter zu lange lebt. Oder genauer: länger lebt als „kalkuliert“. Mit der „Folge“ für die Versicherung, dass sie gegebenenfalls mehr zahlen muss als eigentlich beabsichtigt oder „vorgesehen“. (etwa im Bereich von Rentenversicherungen)

Für mich ist das eindeutig ein Begriff der Verletzung der Menschenwürde. Er ist kongruent zum Unwort des Jahres 1998:  „sozialverträgliches Frühableben“.

Behindertenbonus

Dies ist eine immer wieder auftretende Beschreibung bzw. Bezeichnung für spezielle Leistungen für behinderte Menschen, zum Beispiel den Rabatt für Schwerbehinderte beim Autokauf, nicht selten aber auch grundsätzlicher für soziale Leistungen für Menschen mit einer Behinderung. Außerdem wird der Begriff häufig gebraucht, wenn es um (Leistungs-)Beurteilungen behinderter Menschen geht. Es ist dann etwa von einem „Behindertenbonus“ die Rede, wenn ein Mensch mit einer Behinderung, eine gleichwertige oder sogar bessere Beurteilung für eine Leistung erhält oder erhalten hat als ein Mensch ohne Behinderung.

Ich sehe diesen Begriff als ungeheuer zynisch und diskriminierend an. Mit einer Behinderung leben zu müssen, ist alles andere als einen Bonus zu haben, bevorteilt zu sein.

Positiver Rassismus

Diese Unwortkonstruktion feiert gerade aktuell eine beängstigende Wiedergeburt.

Rassismus ist eine sehr komplexe Macht- u. Diskriminierungsform.

Rassismus ist ganz klar eine sachlich ungerechtfertigte Charakteristik, Beurteilung bzw. Ungleichbehandlung aufgrund der Hautfarbe, der ethnischen Herkunft, der Staatsangehörigkeit oder der Sprache.

Rassismus ist offene oder versteckte Ablehnung. Er entsteht aus Vorurteilen, politischer oder gesellschaftlicher Beeinflussung, Erziehung und Sozialisation und erfährt eine Katalysierung im Zusammenhang mit sozialer Ungleichbehandlung, Demokratiedefiziten und gesellschaftlichen Verwerfungen.

Wenn das so ist, und daran gibt es meines Erachtens keinen Zweifel, ist ausgeschlossen, dass Rassismus positiv sein kann, in welcher seiner Erscheinungsformen auch immer.

Der Begriff „positiver Rassismus“ führt zu vollkommen paradoxen Aussagen wie: „Positiv rassistisch ist jeder, der eine Personengruppe aufgrund äußerer Merkmale positiver einschätzt als andere.“ Daran ändern auch Versuche wie die der „Einordnung“ derartiger Aussagen in die „Kategorie“ „umgekehrte Diskriminierungnichts. Diskriminierung bleibt Diskriminierung – sie ist menschenfeindlich!

Auch nicht vorsätzliches, unbeabsichtigtes oder auf Unkenntnis beruhendes rassistisches Verhalten, das ebenfalls oft unter dem Begriff „positiver Rassismus“ subsumiert wird,  ist und bleibt rassistisch, in seiner Wirkung ist es gegen andere Menschen gerichtet und also keineswegs in irgendeiner Form positiv.

Letztlich und in seiner Konsequenz ist der Begriff dazu geeignet Rassismus und seine Erscheinungsformen zu relativieren und deshalb nach meiner Auffassung strikt abzulehnen und nicht zu verwenden.

Pflegefall

Diese Wortschöpfung hat mittlerweile leider sogar Aufnahme in den Duden gefunden.

Was ist ein Pflege“Fall“? Eine Akte? Ein Anstrengungserfordernis? Eine Belastung? Ein potenzielles „Langlebigkeitsrisiko“ (sic!!!).

Oder ist es … ein Mensch?

Ein Mensch, der besonderer Unterstützung und Zuwendung bedarf, dem durch NIEMANDEN, egal in welcher gesundheitlichen Verfassung er sich befindet, seine Individualität abgesprochen werden darf, ohne ihn letztlich zu diskriminieren! – Mit der Benutzung des Wortes „Pflegefall geschieht genau das!

Das Wort gehört nicht in den Duden, sondern auf den Müllhafen der Geschichte trauriger sprachlicher Verirrungen.

*

Bedauerlicherweise könnte ich die Liste solcher und ähnlicher Beispiele nahezu unendlich fortsetzen. Dazu ist hier nicht genug Raum und Zeit. Besonders erschreckend für mich ist, wie viele davon längst bzw. jeweils sehr schnell Eingang in unsere Alltagssprache und bisweilen sogar in den Duden finden.

Was passiert mit meiner Sprache?

Ich glaube, dass es ungemein wichtig ist, sich viel mehr, viel intensiver, viel bewusster zu dieser Frage  auszutauschen, dass es notwendig ist, auf sie achtzugeben.

Nicht zuletzt um des gegenseitigen VERSTEHENS willen!

***

„Rakede“ ist eine Berliner Hip-Hop/Electro-Pop-Band. Das Lied hier ist freilich eher melodisch und balladenhaft. Es erzählt die Geschichte eines desillusionierten Lebens und einer Hoffnung. Schönes Arrangement, ein gelungenes Stück Indie aus Deutschland. Hörenswert, wie ich finde:

Rakede – „Nimmst Du mich mit“

Tagebuchseite -880-

Alter WEIßER Mann

Warum ist es offensichtlich so schwer hinzunehmen und zu akzeptieren, was Fakt ist? 

Fakt ist, dass  „WEIß“ und „WEIßSEIN“ ebenso wie „SCHWARZSEIN keine biologische Eigenschaft und keine reelle Hautfarbe bezeichnen, sondern eine politische und soziale Konstruktion.

Mit WEIßSEIN ist die dominante und privilegierte Position innerhalb des Machtverhältnisses Rassismus gemeint, die sonst zumeist unausgesprochen und unbenannt bleibt. WEIßSEIN umfasst ein unbewusstes Selbst- und Identitätskonzept, das weiße Menschen in ihrer Selbstsicht und ihrem Verhalten prägt und sie an einen privilegierten Platz in der Gesellschaft verweist, was z.B. den Zugang zu Ressourcen betrifft. Eine kritische Reflexion von WEIßSEIN besteht in der Umkehrung der Blickrichtung auf diejenigen Strukturen und Subjekte, die Rassismus verursachen und davon profitieren … (siehe HIER )

Dies zu akzeptieren, bedeutet zu akzeptieren, dass es einen Unterschied macht, WEIß oder SCHWARZ zu sein. Auch einen Unterschied, arm und WEIß oder arm und SCHWARZ zu sein.

Es bedeutet auch zu akzeptieren, dass als WEIßER liberal oder links zu sein,  einschließen kann, mehr oder weniger selbstgefällig  zu sein, unter anderem weil gedacht wird, schon alles über Rassismus zu wissen, und deshalb keine Grundlage mehr dafür vorhanden sei, sich rassistisch zu verhalten. Niemand brauche einem mehr was „erzählen“. – Derartiges „Identitätsbewusstsein“  tief verbunden mit der Idee, progressiv und links zu sein, kann so durchaus dazu führen  besonders empört und ablehnend zu reagieren, wenn jemand einem WEIßEN Liberalen bzw. Linken signalisiert, rassistisches Verhalten bei ihm wahrgenommen zu haben.

Kein WEIßER hat je erfahren, wie es ist, sozialen Druck wegen unseres WEIßSEINS zu erleben. Kein WEIßER hat  je selbst erlebt, wie es ist, rassistisch beleidigt, verunglimpft, bedroht, geschlagen oder ermordet zu werden.  Insbesondere deutsche WEIßE haben  nach wie vor so wenig  Ahnung von den Gräueln und Auswirkungen des deutschen Kolonialismus und Neokolonialismus gegenüber bzw. für Schwarze(n) Menschen.

Die dominante und privilegierte Position WEIßER Menschen schließt eine mächtige Form WEIßER Kontrolle ein. Kritisch auf das WEIßSEIN, auf die FAKTISCH gegebene Dominanz und Privilegierung angesprochen zu werden, führt immer noch sehr grundsätzlich zu einer mehr oder weniger bewussten Sorge, Kontrollverlust zu erleiden, anstatt etwa ganz konsequent wirklich ALLE Stereotypen in Bezug auf andere Menschen, und hier insbesondere  SCHWARZE  Menschen kritisch zu hinterfragen und im Zweifel nachhaltig abzulegen.

Nicht anders ist es aus meiner Sicht zu verstehen, dass WEIßE sich darüber empören, wenn Schwarze Menschen  auf die Frage „Woher kommst Du?“  genervt reagieren oder etwa die Bemerkung : „Ach ihr Schwarzen habt doch alle so viel Temperament im Blut.“ als das auffassen, was sie ist: rassistisch!

Wenn nun ein SCHWARZER Mensch einen WEIßEN mit dieser oder anderen rassistischen Erfahrungen konfrontiert, führt das bei jenem im Mindesten zu Irritation, sehr häufig aber vielmehr zu Empörung, gar Entrüstung.

Wir WEIßEN ertragen es nach wie vor wenig, auf unser WEIßSEIN , auf dessen Bedeutung, angesprochen zu werden. Wir können kaum damit umgehen, wenn uns jemand darauf hinweist, dass unser WEIßSEIN, unsere privilegierte Stellung, unser Leben und unsere Ansichten unablässig beeinflusst und geformt hat und das fortgesetzt tut.

Wenn ich an dieser Stelle einwerfe, dass das für WEIßE Menschen , die innerhalb der Privilegierten, eine mehr oder weniger unterprivilegierte Stellung einnehmen (müssen), besonders schwer erträglich ist, so nicht, um zu relativieren, sondern um auf eine Dimension der Kompliziert- und Vielschichtigkeit der Problematik  hinzuweisen.

Eine andere ist, dass  entsprechende Reaktionen so vieler WEIßER es SCWARZEN Menschen noch schwerer machen, offen und auf Augenhöhe über ihre Erfahrungen, Wahrnehmungen und Empfindungen zu sprechen.

Ich weiß, dass viele Gedanken und Thesen, die ich hier aufgeschrieben habe (angeregt übrigens von einem ausführlichen und sehr instruktiven Interview, das die Soziologin Robin DiAngelo im Sommer 2018 „Zeit Campus Online“ gegeben hat) nicht unbedingt „populär“ sind.

Ich stehe aber zu ihnen, ganz bewusst meine eigene Person als WEIßER sehend und kritisch betrachtend und ganz bewusst ohne „Berücksichtigung“  jahrzehntelanger Arbeit in der Beratung  von Menschen ausländischer Herkunft, darunter vor allem immer wieder Flüchtlinge.

Ich verstehe und akzeptiere, dass ich möglicherweise von SCHWARZEN Menschen  zunächst als „alter WEIßER Mann“ gesehen werde. (Ich gestehe, dass es mir vor ein paar Wochen noch nicht so leicht gefallen wäre, das zu schreiben wie heute.)

Ob und inwieweit ich mich von anderen „alten WEIßEN Männern“ unterscheide, kann ein anderer Mensch nur erfahren, wenn ich ihm und er mir tatsächlich vertrauen wollend, einander als MENSCHEN unterschiedlicher Sozialisation sehend, wahrnehmend und annehmend, begegnen und austauschen können.  

Jede Begegnung mit einem SCHWARZEN Menschen erfordert deshalb von mir als zweifelsfrei Privilegiertem insoweit eine besondere Bereitschaft, ein besonderes Bereitsein, eine besondere Empathie, besonderes eigenes Hinterfragen und besonders aufmerksames Zuhören.

All die Demonstrationen dieser Tage sind ermutigend und sind sehr wichtig. Noch wichtiger ist, dass daraus eine wirkliche Kultur respektvoller Kommunikation und ebensolchen Umgangs von Menschen, egal welcher Hautfarbe, wird. Frei von Gewalt, von Diskriminierung, von Vorurteilen und von Rassismus.

Bis dahin ist es noch sehr, sehr weit …

***

Aisha Badru  –  „Soil’s daughter“

Tagebuchseite -879-

Inselwunsch

Ich wünsche mir eine Insel. Nein, keine reale Insel, kein Atoll, weit in der See gelegen, fern von allen und allem. Und, nein, auch keine Insel der Glückseligkeit im virtuellen Sinne. Es geht mir nicht um Glückseligkeit.

Es geht mir um einen festen Halt, etwas, das nicht an mir zerrt, das mir Erdung ist, dass mich ruhiger werden lässt. Nicht gelassener. Handlungsfähiger, weil meine Seele bündelnd und beschützend. Nicht zuletzt vor sich selbst.

Viele Menschen sehen mich als berechenbar, als einfühl- und mitfühlsam, als respekt- und rücksichtsvoll, als vertrauenswürdig und grundsätzlich hilfsbereit, als menschlich. Es scheint wohl kaum so, als ob ich Halt bräuchte. Ich wirke orientiert und wissend, ich wirke ausgleichend und so, dass ich Menschen erreichen kann. Mir wurden sogar schon „Charisma“ und eine sehr „schöne Aura“ nachgesagt.

Aber, das, was die Welt ausmacht, das Leben, die mich unmittelbar umgebende Welt, ihre Einflüsse, auf mich und mein eigenes Leben, und schließlich dieses eigene (Er)Leben selbst sind so komplex, so widersprüchlich, erscheinen mir also bisweilen absurd, krank, irritierend und letztlich in ihrer Vielfalt und Gemengelage gefährlich. Sie machen mich unsicher, sie sind und werden mir zu viel, ich vermag sie nicht angemessen einzuordnen und zu verarbeiten. Sie sind wie eine beständige, schlimme Reizüberflutung.

So sehr, dass ich mir eben jene Insel, eine Insel des Halts, der Erdung, wünsche. Es gibt ein paar ganz, ganz wenige Menschen, die mir sehr vertraut sind, die ich wirklich kenne und liebe, die mir in dieser Weise Insel sind. Meine größte Dankbarkeit gilt ihnen

Aber, und dafür schäme ich mich, obwohl ich mich ihrer sicher sein kann, dem, dass sie da sind, gibt es nicht selten Momente, in denen sie mir fehlen. So sehr meine Seele sich bewusst macht, dass sie mir immer nah sind, so sehr sendet sie immer wieder Signale zu spüren, dass sie ja doch nicht unmittelbar da sind, da sein können und so die Insel eben sehr oft eine ideelle, eine virtuelle ist.

Ja, ich schäme mich sehr dafür, dass ich so empfinde. Denn wie unendlich groß ist das Geschenk, sich überhaupt derartiger Inseln in Menschengestalt gewiss sein zu dürfen! Ich weiß das wohl, und deshalb erscheint mir die immer wiederkehrende Bitte nach mehr Nähe im Realen sehr unbescheiden.

Aber ich schaffe es nicht, mich wirklich zu wehren gegen jenes wiederkehrende Empfinden des Fehlens. Dieses, ich bin da völlig aufrichtig, gar nicht so seltenen Empfindens.

Es ist so wenig selten wie die Instabilität, die Fragilität, die Widersprüchlichkeit, die Bedrohlichkeit des so vielen, was mich umgibt und was Welt und Leben und ihre Einflüsse auf und für mich ausmachen.

Ich sehe das Gesicht und höre die Worte meines Vaters am letzten Wochenende, ich sehe die Bilder der Ermordung eines farbigen Menschen und nehme die Verunglimpfung von Menschen wahr, die gegen Rassismus aufbegehren.  Ich spüre den Eifer und die schöne ind so wunderbar unverfälschte soziale Kompetenz der 11-und 12jährigen Kinder, die mir anvertraut sind, und erfahre von der infamen Heuchelei saudi-arabischer Magnaten, die es sich auf einer „Geber“konferenz  generös eine vergleichsweise hohe Geldsumme kosten lassen, den Jemen unterstützen, jenes Land, in dem sie selbst seit hunderten Tagen abertausende Zivilisten mit eigenen Waffen und solchen „des Westens“  dahin morden. Ich sehe die Angst und das ideelle und materielle bedroht Sein vieler, unter anderem vor allem älterer Menschen und derer, die sich um sie kümmern, sie pflegen, und ich sehe die Rückkehr zur „Normalität“ des Lebens einschließlich einer staatlichen Hilfe in Höhe von 9 Milliarden Euro für ein Unternehmen, das an der Börse einen Wert von weniger als der Hälfte dieses Betrages hat.

Die Welt aber ist noch viel, viel zerrissener als es dieses Hunderttausendstel an Beispielen auch nur anzudeuten vermag.

Und diese Zerrissenheit, reißt halt auch an mir.

Und deshalb wünsche ich mir eine Insel. Ich habe das Gefühl, ihrer immer öfter zu bedürfen …

*

Ich habe heute Zeilen eines 17jährigen Mädchens gelesen. Ganz großartige Zeilen. Zeilen, die etwas auf den Punkt gebracht haben. In einer Weise, wie ich es bislang nur sehr, sehr selten real erlebt habe. So richtig, wie aus meiner Sicht die Haltung und Einstellung dieses Mädchens ist, so mutig ist sie heutzutage (leider) immer noch. Die allermeisten Menschen, die sind, wie auch ich, WEIß, verstehen und leben diese Haltung und vor allem das Eingeständnis, welches das Mädchen benannt hat nämlich bislang nicht oder doch allenfalls unzureichend.

Wer wissen will, was gemeint ist, der möge: HIER lesen.

Das Mädchen mit seinen Zeilen ist mir heute ein bisschen Insel geworden, hat mir Halt geschenkt.

Dankeschön dafür!

***

toksi – „Unendlichkeit“

Sammelsurium -115- (Award – Fragen und Antworten)

Fragen an mich

Kürzlich bin ich von der lieben Kopfstimme im Rahmen eines Blogawards nominiert worden. Die Nominierung ist von so viel Wertschätzung für mein Geschreibsel hier motiviert, dass ich mich entschlossen habe, zumindest auf die Fragen zu antworten, die sie mir und anderen Nominierten im Rahmen dieses Awards gestellt hat.

Ansonsten  muss ich …  „ehrlicherweise gestehen, dass ich generell gar kein großer Freund solcher Awards bin. Irgendwie haben die doch so etwas „Kettenbriefartiges“ und in bestimmten Abständen wiederholen sich solche Runden quasi etwas „routinemäßig“. Da ich schon sehr lange blogge, weiß ich wovon ich schreibe …“ (so habe ich es auch in meinem Kommentar auf Kopfstimmes Blog geschrieben).

Also werde ich hier selbst auch niemanden nominieren, obgleich es einige Blogs und Schreiberlein gibt, die ich meinerseits sehr mag, sehr schätze, denen ich bis hin zu realer Freundschaft sehr zugeneigt und auch dankbar bin. Jede/Jeder mag aber selbst entscheiden können, ob er die Fragen auch beantworten möchte und so untereinander noch ein Stück mehr Kennenlernen realisiert wird.

*

Hier also nun meine Antworten auf die zum Teil für mich wirklich sehr schwierigen Fragen … :

In welcher Fantasiewelt würdest du am liebsten einen Tag verbringen?

Nicht nur einen Tag würde ich gern in einer Welt, die keinen Hass, keine Angst, keine Vorurteile und keine körperliche und verbale Gewalt kennt, verbringen. In meiner Fantasie gibt es so eine Welt, so ein Land. Ich muss öfter dorthin fliehen. Die Realität ist so (sehr) fern von dieser Fantasie …

Erzähle von der schönsten Erinnerung aus deiner Kindheit.

Ich habe manche schöne Erinnerung an meine Kindheit, und ich vermag beim besten Willen keine „die schönste“ zu nennen.

Ich sehe von meinem Vater gebaute Wassermühlen in einem Bergbach während des einzigen Winterurlaubs, den ich mit meinen Eltern und meinem Bruder in Thüringen verbracht habe. –

Ich rieche den unvergesslichen Duft von Vanillewaffeln aus einem Verkaufswagen nahe eines Campingplatzes  während der Tage, die ich erstmals die Ostsee sehen und spüren durfte. – Ich sehe mich an der Seite meines Opas das erste Mal in einem Fußballstadion sitzen. – Ich fühle die Hitze der „Wüste“ während meiner Expeditionen in eine große Sand- und Kieskuhle, während derer ich tatsächlich urzeitliche Muscheln, versteinerte Seeigel und Belemniten und andere „Schätze“ fand. –

Ich sehe bunt schillernde Seifenblasen in den Himmel steigen, von mir „selbst gemachte“ aus einer Tasse mit Wasser und Spülmittel mit einem Trinkröhrchen vorsichtig in die Winde gepustet. – Ich sehe mich glücklich mit unserem kleinen Hund kuscheln.  …

Ja, ich könnte noch lange so weiter schreiben.

Welcher deiner Beiträge war bis jetzt der zeitintensivste/aufwendigste?

Das vermag ich nicht zu sagen. Ich blogge mittlerweile seit achteinhalb Jahren, und da gab es einige Beiträge für die es recht viel Zeit und Aufwand brauchte. In der Tendenz waren und sind das wohl die unter den Rubriken „Sentenzen“ und „Gedanken zu Aphorismen“ in meinem Blogtagebuch. Aber auch für manche „einfache“ Tagebuchseite, habe ich mitunter viel Zeit, Kraft und mitunter auch Recherche aufbieten müssen.

Gibt es Dinge in deinem Leben, die du gern anders gemacht hättest?

Sehr schwierige Frage, weil ich sie mit dem Erfahrungshorizont meines bisherigen Lebensweges (und anders lässt sie sich wohl gar nicht beantworten), sehr deutlich mit „Ja“ beantworten muss. Schwierig auch, weil ich in einem anderen Land, in einem anderen System aufgewachsen bin als jenen, in denen ich nun schon seit 30 Jahren lebe. Und nochmals schwierig, weil die eigene Persönlichkeit, der eigene Charakter etwas ist, was zumindest im Ansatz, in seiner genetisch bedingten Hälfte, schon immer da gewesen ist und es so nur immer ein durch diese Persönlichkeit, diesen Charakter bedingtes Entscheidungsspektrum gegeben hat.

Ich habe das Dilemma anderswo schon einmal ähnlich zusammengefasst: Ich bin rückblickend im Reinen mit mir, aber ich bin nicht glücklich über meinen Weg, und ich bin auch nicht wirklich glücklich im Jetzt. – Das ist aber ein sehr weites und schwieriges (sic!) Feld.

Was ist die großartigste wahre Geschichte, die du je gehört hast?

Ich zögere schon wieder mit einer Antwort. Bin halt kein Mensch für Superlative. Und auch, wenn es langsam langweilig werden mag, möchte, ja muss, ich auch hier lieber relativieren: Eine „großartigste“ Geschichte kann und will ich nicht benennen. Das hieße großartige, gute Geschichten gegeneinander aufwiegen zu müssen, und das möchte ich nicht.

Ich kenne Geschichten vom Überleben von Menschen, ich kenne Geschichten von Befreiungen und solche der Nächstenliebe und Hilfe. Darunter solche, die „im Großen“  niemals wahrgenommen wurden, weil sie über den Augenblick, während dem sie geschahen, hinaus nicht bekannt geworden sind, mitunter nur ganz winzige Episoden.

Sie sind ALLE großartig.

Wenn du dich selbst für 30 Sekunden anrufen könntest, zu jedem Zeitpunkt in der Vergangenheit oder der Zukunft, wann würdest du dich anrufen und was würdest du sagen?

Ich würde keine Worte finden, mich anzurufen. Ich würde es aber (auch wenn das vielleicht schräg klingt) gern schaffen, mich einmal , für 30 Sekunden, selbst zu umarmen, würde wissen wollen, wie sich das anfühlen würde, was ich dabei spüre. Völlig egal, wann!  All meine entsprechende Vorstellung von einer solchen Umarmung, von einem entsprechenden Spüren, erscheint mir freilich so utopisch. Ich hoffe nur, dass sie nicht so viel mit jenem in sich zusammen gekauert sein zu tun hat, wie wenn ich in meinem Schneckenhaus meine angezogenen Beine mit meinen Armen umschließe.

Was bringt dich immer zum Lachen?

Manche spontane, unverstellte Originalität von Kindern, Situationskomik, intelligenter Humor.

Besonders schön empfinde ich es allerdings, lächeln zu können. Und das kann ich nahezu immer, wenn ich ein Lächeln geschenkt bekomme. Ein Lächeln für mich, ist mir stets eines der größten Geschenke.

Schreibe über eine Sache, von der alle Leute begeistert scheinen, und die du einfach nicht nachvollziehen kannst?

Ich nenne nur ein Beispiel (es gäbe mehrere):

Große Rock- oder Popkonzerte in gigantischen Hallen oder auf riesigen Freilichtanlagen mit Tausenden Menschen, grellen Lichtshows und allem, was eben so „dazu gehört“.

Was war das verrückteste, das du je erlebt hast?

Ich fürchte, dass mein Leben nicht spektakulär genug verlaufen ist, um diese Frage wirklich beantworten zu können, denn etwas wirklich „Verrücktes“ fällt mir tatsächlich auch nach längerem Nachdenken nicht ein. Kann und wird auch damit zusammenhängen, dass ich sehr wenig mutig und risikofreudig bin. Mir fehlt nichts, wenn es nicht „verrückt“ zugeht.

Überraschendes, Glückliches, auch besonders Trauriges könnte ich allerdings schon einiges benennen. Ich denke da zum Beispiel an eine Wanderung, während meiner jüngeren Jahre, die ich (wie damals viele) mit meinem Uraltstudienkumpel in der Slowakei unternahm. Wir hatten uns furchtbar verlaufen und erwischten schließlich mit Hilfe zweier Romamädchen, hungrig und durstig, mein Kumpel mit Blutblasen an den Füßen, nach ungewollt absolvierten 45 (!) Kilometern in einem kleinen Dorf den allerletzten Zug in die Stadt unserer Herberge. Aber in der Erinnerung ist es eine schöne Tour geblieben – ich habe da unter anderem einen ganz speziellen Sonnenuntergang unauslöschlich in meinem Kopf …

Gibt es etwas, dass du unbedingt noch ausprobieren möchtest?

Ja, ich habe es noch nicht geschafft, mich am Kalligraphieren zu versuchen. Und dann gibt es da schreiberisch auch noch andere stille Wünsche …

Bei zwei, drei anderen Dingen schwanke ich noch, ob es denn „unbedingt“ sein soll oder muss.

*

Ja, soweit meine Antworten auf die Fragen. Es war wirklich gar nicht so einfach aber doch interessant. Auch für mich selbst …

***

Ein feines Lied und ein bezauberndes Video dazu:

Hollie Cowl – „She knows“

Tagebuchseite -878-

Falsche Schöne

Es fühlt sich an wie Abend, wie später Abend. Es fällt mir schwer, die Augen noch offen zu halten. Jede Bewegung fordert große Überwindung, und die Gedanken sind schwer. Nicht einer von ihnen redet von Zufriedenheit, am wenigsten von Zufriedenheit mit mir selbst.

Eine Musik, von der ich nicht weiß, ob sie wirklich da ist, zieht durch den Raum und trägt mich schon mit ihren ersten Klängen aus den Wänden heraus. Die Melodie, die sie ist, ist keine von heute. Sie ist eine meiner jungen, meiner wirklich jungen Jahre.

So wie damals sehe ich auch heute, immer, wenn ich sie höre, Lichter. Viele Lichterpunkte, bunt, die funkeln in der Klarheit einer dunklen Frühsommernacht wie eine Fata Morgana am Firmament. Ich sehe die flimmernden Punkte und sehe Schiffe und Kräne im Hafen liegen und bin auf einer Reise. Glitzerndes Wasser, im Wind wehende Haare, Ahnungen von einem lächelnden Mädchen.

Die Musik scheint aus mir selbst zu kommen, ich bin die Welle, die sie ist, schwebend, gleitend. Einer Materie bedarf es nicht. Ich könnte gehen, gehen, unbestimmt lange, unbestimmt weit, wenn nur die Musik, die Welle, da bliebe.

Ich spüre, wie sehr die Welle Wunsch und Sehnsucht ist. Aber sie ist eine geduldige Erwartung, sie tut nicht weh, so sphärisch wie sie klingt, so bedingungslos sanft wie sie mich trägt. Ich möchte nirgends anders sein.

Heute weiß ich, dass ich nicht anders konnte, als bei ihr zu bleiben, sie nie zu verlassen. Ich fühle, manchmal vereinnahmend stark, dass sie immer wieder einmal da ist, mich erinnert, mich wieder mit fortnimmt in ihre Zeit, in die Zeit meiner jungen Jahre als ich die wahre Dimension ihrer Hoffnungen und Wünsche nicht einmal ansatzweise zu ermessen vermochte. Was nur immer gewesen ist, war, dass sie, dass es sich groß anfühlte, und frei …

Nun, wo die jungen Jahre vorüber sind, weiß ich um die Ausdehnung, den Umfang, die unglaubliche Beträchtlichkeit dieser Welle.

Was ich nicht weiß, ob es dieses Wissen ist, was weh tut oder das Spüren der Welle selbst, wenn sie mich wieder einmal mitnimmt in die Vergangenheit der jungen Jahre, wieder hinein in dieses skurrile Gefühl der Freiheit, das ich in einem Land empfand, das eine Mauer umgab.

Oder ist es das Empfinden, dass je größer die Freiheit um mich herum mit den Jahren geworden ist, die eigene, die meine, die einst die Welle war, desto kleiner wurde? War die geduldige Erwartung, die sich in den funkelnden Lichterpunkten spiegelte, am Ende tatsächlich Fata Morgana?

Ich weiß nicht, ob es Abend, später Abend gar, ist. Zu viele Stunden fühlen sich so an. Während so vieler ihrer selbst, sind meine Augen so schwer, kostet jede Bewegung unglaubliche Überwindung und ist mein Atem flach und leise bevor er sich wieder und wieder in einem Seufzer entlädt.

Die Musik kommt wieder und der Tag zieht an mir vorüber. Einer wie die so vielen, die, obwohl sie zu schwer für mich scheinen, doch alle zu kurz für mich sind, für das, was ich wohl tun sollte, tun müsste.

Sie will wieder zur Welle werden, die Musik, und zieht, ja, zerrt an mir, mich wieder fort zu nehmen.

Ich wehre mich nicht, obwohl die Reisen mit ihr mir nunmehr bestenfalls ein Lachheulen in mein Gesicht zeichnen und sie mir mehr und mehr scheint und sich anfühlt wie eine falsche Schöne.

Aber ich kann nicht anders als sie zu lieben.

Ja, ich liebe sie …

***

Dies ist so eine Melodie meiner jungen Jahre, die mich mitnahm auf jene Reisen, von denen ich hier schrieb. Viel später habe ich gefunden, dass der Text zu ihr, ein bedeutungsvoller, schöner, metaphorischer ist. So sehr passend …

Ich höre, und die Welle will kommen …

Amanda Lear – The Sphinx

Tagebuchseite -877-

Zwei Musen auf der Rathaustreppe

Die letzte Zeit verläuft so seltsam. Es ist, als lebe ich aus dem Off. Man kann mich hören, man kann manchmal meine Umrisse wahrnehmen. Mitunter spreche ich zu Menschen. Aber keiner ist richtig, ist wirklich, bei mir. Und ich bin nicht wirklich da.

Begegnungen werden anberaumt, entstehen, finden statt, zwischen Nirvana und Realität.

Wochentäglich in der Sphäre klarer bis verzerrter Töne und zusammenbrechender und wieder auferstehender und bisweilen gar stabil seiender Bilder des Onlineunterrichts, den ich ungeachtet fortgesetzter Krankschreibung seit 14 Tagen „meiner Fünften“  in Deutsch und Mathematik gebe.

Gelegentlich, und vielmehr ausschließlich fühlbar, wenn ich in die Romanwelt eines Buches eintauche, was ich nach wie vor hin und wieder schaffe.

Letztlich recht selten auch mal per Telefon. Einige dieser Begegnungen gehören zu den schönsten dieser Zeit. Wie die gestern mit meinem Vater. Nun ist es fix, dass wir uns am Pfingstsonntag nach vielen Wochen endlich wieder einmal „livehaftig“ sehen werden. Ich bin voller Vorfreude, und er ist es auch. Es war die größte Freude der Woche. Am Vatertag, von dem ich ansonsten zum ersten Mal so ganz und gar nichts bemerkt habe.

Daheim ist irgendwie auch alles Off. Ich versuche, mich darin einzurichten und ab und zu ein Zeichen zu senden. Mit sehr mäßigem Erfolg. Und draußen trage ich Maske, auch dann, wenn ich keine vor Mund und Nase habe. Lächle weg, was in mir ist, wenigstens zum äußeren Schein. An den Reaktionen derer, die mein Äußeres sehen, erkenne ich, dass es funktioniert. Ich bin nicht sonderlich stolz drauf, dass ich das nunmehr hinbekomme. Zumal es eine dumme Lüge ist, dass Maskentragen weniger verletzlich macht. Zumindest soweit ich für mich selbst spreche.

Als ich am Montag vom Friseur komme, den unfreiwilligen Corona-Look endlich wieder los geworden seiend, schlendere ich irgendwelchen Gedanken nachhängend  an der Giebelseite des Rathauses vorbei, um alsdann den ausgedehnten Marktplatz Richtung Heimweg zu überqueren.

Da dringt mein Vorname in mein Off, zweistimmig gerufen. Es sind zwei klare helle Stimmen, die zweifelsfrei von der Rathaustreppe herkommen, und als ich mich dahin umwende, gewahre ich zwei Mädchen, die die Eigentümerinnen der Stimmen sind und die mir zuwinken. Und ich erkenne A. und M. an deren Namen ich mich freilich erst erinnern kann, als mir die beiden auf Nachfrage auf die Sprünge helfen.

Es wird ein schönes Gespräch, was wir nun für ein paar Minuten miteinander haben. Vor gut zweieinhalb Jahren waren die beiden Mädchen im Potenzialassessment, bei dem ich seinerzeit als Sozialarbeiter tätig war. Sie möchten wissen, wie es mir geht, was ich jetzt beruflich mache. Und ich erfahre, dass die beiden  gerade ihre letzte schriftliche Prüfung für den Erwerb der mittleren Reife absolviert haben. A. wirft ein, dass sie früher schon „ein bisschen speziell“ war. Sie möchte nun versuchen Ergotherapeutin zu werden. Und M. strahlt als sie sagt, dass sie es doch noch aufs Fachgymnasium geschafft hat.

Beiden ist anzumerken, wie gelöst sie sind.  Zwei Musen der Fröhlichkeit. Sie lachen viel und verraten mir, dass es unendlichen Spaß macht von der Rathaustreppe aus, Leute zu beobachten. Und manchmal sähe man halt jemanden, den man kennt und dann …  ja, manchmal traut „man“ sich dann halt.

Ich sage ihnen, dass ich es schön finde, dass sie sich getraut haben, dass ich erfahren durfte, welchen Weg sie zwischenzeitlich genommen haben, dass sie ein bisschen mit mir reden mochten und, dass ich ihnen wünsche, dass sich ihre Wünsche erfüllen und sie das nötige Glück dafür haben mögen. Sie meinen, dass man sich ja vielleicht mal wiedersähe, wünschen mir, dass ich gesund bleibe und winken mir zu.

Ich verabschiede mich, winke den beiden auch noch einmal zu und gehe weiter, und in mir ist Freude.

Immerhin waren die beiden Mädchen seinerzeit gerade einmal eine Woche im Assessment und danach habe ich sie höchstens noch zwei- oder dreimal  im Vorbeigehen an ihrer Schule gesehen. Und gerade sie sind es nun gewesen, die mir die allererste Begegnung seit Wochen geschenkt haben, die nichts mit einem Arztbesuch, einem Einkauf oder einem Besuch bei meinem Arbeitgeber zu tun hatte. Und die real gewesen ist und während der ich nicht bloß ein Umriss war und keine Maske tragen musste.

Ich schaue mich ein letztes Mal um und fotografiere mir mit meinen Augen ein Erinnerungsbild. Auch, wenn es nur virtuell ist, wird es bei mir, in mir bleiben.

Im Off, in und aus dem ich nun seit Montag wieder lebe.

***

Wieder einmal habe ich so ein Lied entdeckt, das zumindest in meinen Breiten nirgendwo gespielt wird, wo „gängige“ Sender am Senden sind. Dabei ist es ein sehr schönes, ausdrucksstarkes Lied, sowohl was seine Melodie, sein Arrangement, seinen Text und nicht zuletzt seinen Vortrag angeht.

Ich höre es gern  und mag es gern teilen:

Max Mutzke – „Schwerelos“

Tagebuchseite -876-

Was WEIß ich denn?

Diese Frage stelle ich mir in den letzten Wochen, in den letzten Tagen immer öfter. Weil ich bemerke, dass ich sie mir nicht (mehr) zufriedenstellend beantworten kann, lässt sie mich nicht mehr los.

Während meines Nachdenkens über diese Frage ist mir der Philosoph Immanuel Kant wieder eingefallen. Sein Menschenbild war maßgeblich dadurch gekennzeichnet, dass er die Vernunft als höchstes Gut des Menschen ansah. Hiervon ausgehend lautete die erste von vier Lebensfragen, die Kant aufwarf:

„Was kann ich wissen?“

Spontan fallen mir zu dieser Frage drei Folgerungen ein:

  1. Ich kann wissen, ich weiß, was ich gelernt habe.
  2. Ich kann das wissen, worauf ich Zugriff habe, was ich nachschlagen, mir  erschließen kann.
  3. Durch den Einsatz meiner Vernunft bin ich was ich bin. Das schließt die Art des Umgangs, mit dem, was ich weiß, ein.

Und eine weitere Frage fällt mir auch noch ein:

Weiß ich, was wahr ist?

Was ist denn wahr? Was ist die Wahrheit?

Klicke ich mich auf der Suche nach einer Erklärung bzw. Bestimmung von Wahrheit durch die Weiten des Internets, fällt mir auf, dass es viel mehr und viel eindeutigere und präzisiere Definitionen von dem, was Lüge ist gibt, als von Wahrheit. Ein Grund dafür könnte sein, dass es absolute Wahrheit grundsätzlich nicht gibt.

So lange etwas ganz offensichtlich ist, mag es noch relativ (sic!) unkompliziert sein: Wasser zwischen 0 und 100° C ist flüssig, eine Amsel kann fliegen und eine Kugel ist rund. Das sind Fakten, jederzeit überprüfbar, nachweisbar. Zumindest mit heutigem Erkenntnisstand.

Umgangssprachlich bedeutet Wahrheit denn auch die Übereinstimmung von einem Gedanken oder einer Aussage mit dem, was tatsächlich vorhanden oder passiert ist. So lautet auch der klassische Wahrheitsbegriff der abendländischen Philosophie.

Bis ins Mittelalter hinein wurde freilich vielfach noch angenommen und für wahr gehalten, dass die Erde eine Scheibe sei. Diese Annahme beruhte offensichtlich mehr auf Vermutungen als auf Erkenntnis.

Ich kann also wohl wissen, was ich gelernt habe, aber inwieweit das auch wahr ist, hängt vom allgemeinen Erkenntnisstand ab.

Nun gibt es heute unglaublich viele Möglichkeiten nachzuschlagen und damit auch Chancen, sich Dinge, Sachverhalte, Zusammenhänge, Erkenntnisse zu erschließen. So viele, wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. So gesehen, könnte ich heute auch so viel wissen, wie es Menschen zuvor kaum möglich gewesen ist. –

Ich schreibe freilich bewusst „könnte“, denn ich empfinde nicht, dass es so ist. Und das liegt keineswegs nur an der ungleich größeren Komplexität, Spezifität und Kompliziertheit von Dingen, Sachverhalten, Zusammenhängen und denen ihnen zugrunde liegenden Erkenntnissen.

Vielmehr stellt es sich für mich so dar, dass ich in all dem Wust an „Informationen“ immer weniger in der Lage bin, herauszufinden, was und wie viel auf tatsächlicher und weitgehendst möglicher gesicherter Erkenntnis beruht und was eher das Produkt von Mutmaßungen und Spekulationen oder gar bewusster Halb- oder Fehlinformation ist.

Was ist tatsächlich Verschwörungstheorie und was wird möglicherweise ganz oder in Teilen mit dieser Apostrophierung versehen, um unbequeme Wahrheiten (sic!) zurück zu halten oder zu vertuschen? Woher weiß ich, warum, wie, von welcher Motivation oder von welchem „Auftrag“ ausgehend jemand „informiert“?

Ja, ich kann wissen, was ich mir durch Nachschlagen zu erschließen vermag. Aber WAS ist das? Was ist das wert? Wie nah an der Wahrheit ist dieses Wissen? Darf ich dieses „Wissen“ in Diskussionen, in Gespräche mit anderen Menschen einbringen? Wie verantwortungsvoll oder -los ist das?

Das, was gemeinhin als „gesunder Menschenverstand“ bezeichnet wird, ist mir dabei eine nur unzureichende Hilfe. Vor allem die brennenden, die die Menschen tatsächlich betreffenden Fragen sind zu zahlreich, zu komplex und ich müsste mehr, viel mehr vertrauen können, auf das, was ich hier oder dort höre, lese, wahrnehme. Aber selbst „Wahrheiten“ über vermeintlich kleine Dinge sind häufig alles andere als offensichtlich.

Selbst Erfahrung, auch die eigene, ist nicht uneingeschränkt vertrauenswürdig. Abgesehen davon, dass kein Medium immer fehlerfrei zu informieren in der Lage sein kann und wird und ich mir ein GEWISSES Urteilsvermögen über die Seriosität oder Unseriosität wenigstens eines (selbstverständlich verschwindend kleinen) Teils der mir zugänglichen Medien zuspreche, drängen sich mir immer häufiger und immer nachdrücklicher zwei Erkenntnisse (sic!) auf:

Zum Ersten: Mehr oder weniger häufig sind Informationen nicht wirklich umfassend, werden nicht alle relevanten Hintergründe benannt, werden Dinge ( und sei es aus „Zeitgründen“) weggelassen, ist die Auswahl der als relevant angesehenen Informationen zu einem Thema nicht wirklich nachvollziehbar, wird nicht hinreichend abgegrenzt, was tatsächlich gesicherte Information und was nur Meinung ist.

Und zum Zweiten: Es gibt kaum Medien, kaum Informationen, kaum Erklärungen, Kommentare etc., die nicht IM AUFTRAG arbeiten bzw. entstehen. Und der Auftrag bestimmt was wie mitgeteilt, erläutert, hinterfragt wird oder eben auch nicht.

Die Vernunft ist das höchste Gut des Menschen, meinte Immanuel Kant.

Durch den Einsatz meiner Vernunft, bin ich was ich bin.

Durch den Einsatz seiner Vernunft, durch die Art und Weise ihres Einsatzes, ist jeder was er ist.

Davon, dass jeder seine Vernunft so einsetzt, dass aus der Menschheit eine sich vertrauen könnende, eine an sich glauben könnende, eine umfassend, ausschließlich auf Erkenntnis beruhend, wissende, und somit sich retten und bewahren könnende Menschheit wird und schließlich ist, ist die Menschheit entfernter denn je.

Ich WEIß nicht was ich weiß, aber das glaube ich wirklich zu wissen. Und, dass Liebe der Schöpfung, Liebe der Menschheit, derjenige Wert ist, der jede individuelle Vernunft definieren müsste, damit sich das ändert.

Solange das nicht so ist, lautet die Antwort auf die Frage, was ich WISSEN KANN, und gibt es noch so viele Naschlage- und Erschließungsmöglichkeiten:

So wenig, so sehr wenig …

***

Das heute hier geteilte Lied, hat mit dem Text da oben mal gar nichts zu tun. Aber nach so schwieriger Lektüre ist es vielleicht ja gerade mal nicht so verkehrt, wenn es als „Gegenpart“ ein bisschen „schräg“ wird. So ganz genau weiß ich gar nicht, warum ich den Song mag, allerdings hat er Ohrwurmpotenzial …

Bilderbuch – „Bungalow“

Tagebuchseite -875-

Eine wahre Sternchengeschichte

Durch allen Rauch der Welt und all die Wolken, die den eigenen Himmel verdüstern, dringen manchmal winzige, wärmende Sternchen.

*

Selbstvergessen und gedankenverloren lenke ich meine Schritte hin zum Ort einer Erledigung, an deren Ende ein Ergebnis, eine Prognose und eine Entscheidung, die getroffen werden wird, stehen werden. Nicht von mir, weil mir dazu das notwendige Fachwissen fehlt. Ich sehe dem Ganzen mit Bangen entgegen. Immerhin ist es nicht zu groß, zu stark. …

Ich schaue zu Boden beim Gehen, auf den asphaltierten Weg oder auf die rechts und links an ihn grenzenden Bereiche. Der Weg führt durch ein ganz kleines, schmales Wäldchen. Der Verkehrslärm der unmittelbar neben ihm befindlichen, viel befahrenen Straße ist nicht zu überhören. Aber ich höre ihn heute irgendwie gedämpft, als wenn sich die Fahrzeuge auf der Straße hinter einer schalldämpfenden Mauer bewegen würden.

Deutlicher vernehme ich Vogelgezwitscher. Vielstimmiges, aus den Höhen der Bäume, aus den Niederungen des Gebüschs. Wie immer versuche ich für einen Moment, einen der Sänger zu erspähen, hebe deshalb meinen Blick vom Boden. Aber auch, wie (fast) immer, gelingt es mir nicht einen der zwitschernden Gesellen zu entdecken. Sie singen der Welt aus sicherer Tarnung. Mir scheint und ich wünsche mir, dass sie wissen warum. Und ja, ich glaube, sie haben und tun so sehr recht damit wie nie zuvor. Denn die Zeiten sind andere geworden, keine besseren, auch nicht für sie.

Ich lasse meinen Blick wieder sinken und streife dabei einen Abschnitt des Waldbodens rechts neben dem Weg. Er ist bedeckt von ockerbraunem Laub des vorigen Herbstes, durch das sich viele zartgrüne Schösslinge ihren Weg gebahnt haben. Hier und da ist auch eine Blüte zu sehen. Nur manchmal lässt sich ein Fleckchen der schwarzen, nährstoffreichen Erde dazwischen erkennen.

Plötzlich meine ich in dem Gewirr aus Ockerbraun, Grün, Schwarz und den farbigen Blütentupfern eine Bewegung wahrzunehmen. Eine ganz winzige, raschelnde. Ich bleibe stehen und schaue genauer hin, aber es ist alles ruhig. Gerade als ich meinen Blick wieder abwenden will, sehe ich es nun tatsächlich zappeln, ein paar der grünen Stängel und etwas von dem Laub bewegen sich. Nicht von selbst, wie ich sodann erkennen kann. Ein winziges Stückchen dunkelbraunen, glänzenden Fells, verschwindet eben unter einem Blatt.

Ich mache einen kleinen Schritt – genau in diesem Augenblick geht das kleine Fell in einen schwarzen Nichts verloren. Schon in der nächsten Sekunde aber schauen mich aus diesem Nichts, das sich als ein kaum sichtbares kleines rundes Loch im Waldboden entpuppt, plötzlich zwei Sternchen an. Schwarz aber leuchtend, kaum größer als Stecknadelköpfe.

Obwohl ich mich leicht bewege, kommen die Sternchen eine Winzigkeit näher und geben so preis, dass sie zu einem Gesicht gehören. Einem sehr hübschen, dunkelbraun glänzenden Fellgesicht. Klein und ein bisschen spitz, mit zwei winzigen, nach hinten gelegten Öhrchen und einer ebenso kleinen schwarzen Nase. Ein Waldmäuschengesicht!

Das kleine Kerlchen, dem das Gesicht gehört, lässt seine schwarzen Sternchen beständig auf mir ruhen. Auch als es nach und nach kecker werdend nach etwas Fressbarem schnuppert, bleiben die Sternchen ganz bei mir. Und schließlich auch dann, als es tatsächlich eine Kleinigkeit zum Knappern gefunden hat und sich, das Entdeckte zwischen den Vorderpfötchen haltend, daran gütlich tut.

Was für ein friedlicher, Freude schenkender Anblick! Als ob das niedliche Mäuschen nur darauf gewartet hätte, dass ihm jemand bei seinem kleinen Snack einen Moment lang Gesellschaft leistet. Denn auch als ich mich wieder leicht bewege, lässt sich das Tierchen ganz und gar nicht stören. Seine glitzernden schwarzen Sternchenaugen ruhen auf mir und schenken mir ihr Vertrauen.

Für einen Augenblick denke ich, dass mir das Mäuslein womöglich nicht nur die zutrauliche Wärme seiner Augensterne schenken, sondern auch noch einen kleinen Plausch mit mir führen wollte, wenn es das denn könnte. MEINE innere Stimme hat längst ein Gespräch mit ihm begonnen …

Ich bemerke, dass ich den Verkehr der nahen Straße nun gar nicht mehr höre, dass ich schon länger an diesem Orte stehe, dass ich die Zeit ein wenig vergessen habe. Ich weiß nicht, ob mich jemand der Passanten, die ich nun rechts und links hinter mir gewahre, wahrgenommen oder gar beobachtet hat.

Ich war und bin ganz bei dem kleinen Mäuschen auf dem Waldboden vor mir und bei meiner Dankbarkeit für sein Auftauchen, für den langen, lieben Blick, den es mir geschenkt hat, der so wenig mit Gefahr oder Angst gemein hatte, dass ich mein Bangen für diesen Moment tatsächlich überhaupt nicht mehr gespürt habe.

Im Stillen sage ich meinem kleinen Freund Auf Wiedersehen und Danke und wünsche ihm, dass im nie etwas zustoßen möge.

Dann gehe ich weiter, weil ich ja muss. Und die kleinen Sternchenaugen schauen mir noch nach, zumindest empfinde ich das.

*

Durch allen Rauch der Welt und all die Wolken, die den eigenen Himmel verdüstern, dringen manchmal winzige, wärmende Sternchen …

***

Auch eine „Sternchengeschichte“, eine gesungene, mit einem für sich sprechenden, poetischen Text. Und ein wirklich großartiges Video dazu!:

Mary Lambert – „She keeps me warm“

Tagebuchseite -874-

Bleiernes Schreiben

Es wird Zeit, dass ich mal Klartext schreibe. Das wenigstens ist mir hier und jetzt Motivation, Buchstaben und Worte zu Zeilen und Sätzen zu formen. Wobei ich genau weiß, dass das nicht wirklich etwas werden wird mit dem Klartext. Denn das Tagebuch, das ich schreibe, ist öffentlich, und da sind Dinge, die ich deshalb gar nicht wirklich klar schreiben kann.

Ich weiß auch, dass sich durch das „Klartext“ schreiben nichts klären wird. Klartext schreiben ist nicht mehr als ein zwischenzeitliches Erleichtern, als einen Atemzug machen, zwischen Phasen, in denen ich kaum zu atmen in der Lage bin. Nachher werde ich das Geschriebene lesen und besten- bzw. schlimmstenfalls weiter grübeln.

Um es, auch wenn es wie der Umgang mit dem Holzhammer wirkt, gleich auf den Punkt zu bringen: Ich bin KOMPLETT unzufrieden mit mir und der Welt. – Ich denke schon seit Wochen, dass das so ist, aber dann waren da noch mal „Steigerungen“ – ja, es IST wohl so: Es geht immer noch ein bisschen tiefer, immer noch ein bisschen schlimmer. – Womöglich ist das „KOMPLETT“ da oben denn doch immer noch nur eine relative Charakterisierung.

Immerhin relativ genug, dass ich so häufig wie noch nie darüber nach gedacht habe, sogar mit dem Schreiben aufzuhören. Hinter allem was ich tue, noch mehr hinter dem, was ich eigentlich tun müsste, tun sollte, es aber immer wieder nicht kann, stehen nur noch zwei Worte in großen Lettern: WOZU NOCH? Wozu noch, wenn selbst das einzige wofür ich überhaupt noch lebe, das Lieben, das Liebe geben, mir mittlerweile so schwer ist. Weil es fast nur noch SO WEH tut. Weil es manchmal gar nicht mehr ankommt.

Wozu noch, wenn alles, wirklich nahezu ALLES, was um mich herum geschieht, nur noch in zwei Gefühle mündet: in Angst und in Leere, tiefe, bodenlose Leere.

Ich weiß um alles, was ich in einer solchen Situation tun sollte. Gestern las ich von einem „Depressions-Survivalguide“ eines Menschen, der basierend auf vielen eigenen leidvollen Erfahrungen geschrieben hat, den ich Wort für Wort hätte unterschreiben können, dass er an sich richtig ist. Jedenfalls hat mir mein Geist, das (immer noch) gesagt. Meine Erfahrung aber, die sagt etwas ganz anderes. Die sagt: Du hast das alles schon probiert, Du hast es wieder und wieder versucht. Es hat Dir phasenweise auch gut getan, geholfen. Man hat Dich dafür sogar einen „Kämpfer“ genannt. Aber Du bist immer wieder auf NULL zurückgefallen. IMMER wieder: Auf NULL. Und seit ein paar Tagen fühlt sich das endgültiger an als je zuvor.

Wozu also noch? WIE noch?

Ein „ich kann nicht mehr“ würde mir nicht abgenommen, weil nach außen hin alles „gut“ ausschaut. Ein „ich will nicht mehr“ würde mir als Trotz bzw. Verweigerung weiterhin „an mir arbeiten zu wollen“ ausgelegt. (Ich habe das schon erlebt, nicht zuletzt im Verlauf von Therapien!) Weil das so wäre, müsste ich, wenn ich es doch sagte, ebenso, als wenn ich es nicht täte, KÄMPFEN MÜSSEN. Was macht es dann für einen Unterschied ob ich es sage oder nicht? Keinen!

Wie aber soll ich kämpfen, wenn ich eh‘ schon überfordert bin, wenn eine Überforderungsangst, wie ich sie noch nie kannte, das noch katalysiert. Wie soll ich kämpfen, wenn Versagensängste mich inzwischen BEHERRSCHEN und weil ich gerade (und das ist keine FEHLeinschätzung) erfahre, einen der wichtigsten Bereiche meines Lebens betreffend (und das ist so einer, über den ich öffentlich nicht schreiben kann und werde), sehr vollkommen versagt zu haben?

Alle erdenklichen und vielen wohlgemeinten Ratschläge, von denen ich versucht habe, so viele als möglich zu probieren, ihnen entsprechend zu handeln, haben mir letztlich nicht helfen können. Weil das so ist, traue ich mich kaum noch zu reden, auch deshalb nicht, weil ich ANGST davor habe, wieder, vermeintlich neue, Ratschläge zu bekommen.

Diese Tagebuchseite ist keine Seite der Klage oder gar Anklage. Ich jammere nicht, beklage mich nicht, dass es für mich ist wie es ist, so eben, wie ich es hier aufgeschrieben habe. Und ich mache niemanden dafür verantwortlich, dass es so ist. Auch mich nicht. Ich kann nichts dafür, dass ich zu schwach bin fürs Leben. Das weiß ich inzwischen. Ich habe es lernen und verstehen lernen müssen. Und ich habe es getan.

Ich bin auch zu schwach fürs Sterben. Dafür, einen Zeitpunkt dafür zu bestimmen. Ich weiß, dass ich am Leben hänge, so sehr, dass ich es eben nicht loslassen kann. Weil ich grundsätzlich nicht loslassen kann. Weil so vieles für mich eine Seele hat, ich Seelen wahrnehme, selbst in Dingen, die selbst gar nicht leben.

Und ich bin dankbar. Unendlich dankbar. So sehr, dass ich keine bekannte Dimension zu benennen imstande bin, die dem Ausmaß dieser Dankbarkeit gerecht zu werden vermag:

Für die paar menschlichen Seelen, die mich immer noch und immer wieder wirklich begleiten. Und die sich überdies nie anmerken lassen, wie schwer das immer wieder ist.

Euch zu umarmen, Euch zu lieben, ist, neben den Wundern der Natur, der Bilder, der Klänge und der Worte, das einzige, was mir nicht weh tut.

Es tut mir leid, sehr leid, dass ich darob dennoch nicht stärker bin.

*

Das, was ich hier heute geschrieben habe, ist das, was mein Leben, was ALLES überlagert. Weil das so ist, fällt mir das Schreiben seit ein paar Wochen so schwer wie das Leben. So schwer, wie lange nicht, wie vielleicht noch nie. Aber ich möchte es auch nicht verlieren, das Schreiben. Das nicht auch noch …

**

Dido – „Don’t leave home“

Sammelsurium -115- (Sechs Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Heute klappe ich wieder einmal die große Truhe meiner kurzen Eingebungen und Gedanken auf und damit sie nicht in Vergessenheit geraten, schreibe ich wieder ein paar davon hier auf. Zur Inspiration, zum Weitersinnen, zum Widerspruch, zur Zustimmung … :

 

Bücherregale sind, obwohl Gegenstand, den Menschen so sehr verwandt. Bergen sie nicht, wie jeder Mensch, in sich, verborgen hinter so vielen Hüllen, eine Unmenge von Geschichten, deren Gründe, Tiefen und Tragweiten wir durch bloße äußere in Augenscheinnahme nie und nimmer zu erahnen vermögen?

*

Zugleich über den Dingen stehen und Bodenhaftung bewahren wollen, schließt einander aus.

*

Ohne Sex kann man sehr wohl leben, nicht aber ohne wenigstens hin und wieder eine liebevolle Umarmung zu empfangen.

*

Ein jeder Mensch fühlt und empfindet auf seine ganz eigene Weise und nicht selten für andere Menschen kaum oder gar nicht nachvollziehbar. Wer immer diese Eigenheit an ihm kritisiert oder sie ihm gar abspricht, sollte wissen, dass er/sie damit die Einzigartigkeit dieses Menschen in Frage stellt, ja, letztlich sogar ihn selbst.

*

Die ganze Wahrheit sagt man nur zu sich selbst.

*

Die Unschuld eines Kindes schenkt so unsagbar viel Hoffnung und Zuversicht und gebiert doch zugleich die größte Sorge. Das ist so, weil die erwachsenen Menschen dieser Welt so sind wie sie sind.

**

Schnipsel (13)

Spüren und Erkenntnis eines Augenblicks

Zwei majestätische Fracks in Grau und Weiß auf sattgrünem Grunde. In etwas zufälliger oder gewollter Entfernung voneinander.

Ich musste schon ein bisschen genauer hinschauen, während mein Rad mich durch die Landschaft trug, und blieb doch ein paar Wimpernschläge ungläubig, während der Wind mir leise durch die Haare fuhr. Denn so nah hatte ich in freier Natur noch nie vorher Kraniche gesehen.

Die sich links von meinem Weg an diesen säumende Hecke barg ein Orchester, das diesen besonderen Augenblick mit einer wunderschönen Suite untermalte. Ich hörte so viele unterschiedliche Instrumente und Stimmen. Zu wem sie im Einzelnen gehörten, hätte ich auch dann nicht sagen können, wenn ich ihre jeweiligen Inhaber hätte entdecken können.

Aber selbst, wenn ich sie hätte sehen können, hätte ich doch ihre Namen kaum gewusst.

Ich möchte immer wissen, erfahren, verstehen. Kürzlich habe ich mir die Frage gestellt, ob das eher Fluch oder eher Segen ist.

In diesem Moment der schönen, geheimnisvollen Stimmen und Instrumente, zu dem sich die majestätischen Fracks im Grün bewegen, wird mir bewusst, dass ich vor allem nie etwas übersehen, überhören möchte, was wirklich wichtig ist.

Dieses Bewusstwerden beantwortet die Frage nicht, aber ich spüre sofort, dass es manche eigene Überanstrengung rechtfertigt.

***

Ich habe heute wieder einmal ein „überhörtes“ Lied entdeckt, schon 2009 geschrieben und produziert, und doch kaum gespielt und eben auch nur wenig gehört.

„Wär‘ nicht schwer“ ist ein traurigschönes Stück vom Duett „Hausboot“, dessen einer Teil mit Tino Eisenbrenner ein Sänger, Songschreiber und Poet ist, der mich schon mal in meinen jungen Jahren begleitet hat, und den ich in und mit diesem Lied nun nach sehr langer Zeit wiedergefunden habe. Ich mag das Lied sehr, vielleicht auch, weil es so ist, als erzählte es ein kleines bisschen von mir … :

Hausboot – „Wär nicht schwer“

Tagebuchseite -873-

Ein oberflächlicher, aktueller Streifzug zum Thema: Angst und ich

Ich passe in keine Statistik. – Diese Erkenntnis ist für mich nicht neu, aber immer wieder frappierend. Manchmal faszinierend, manchmal inspirierend. Manchmal aber auch frustrierend, weil man, wenn man nirgendwo „reinpasst“, zumindest tendenziell nicht verstanden wird. Vor allem mit Blick auf meine vielen Ängste, finde ich das ziemlich belastend.

Kürzlich las ich in einer Berliner Tageszeitung Aussagen und Erkenntnisse des Psychiaters und Psychologen Borwin Bandelow zum Thema Ängste und Panik, im Zusammenhang mit der aktuellen Viruspandemie war er darum gebeten worden, sich entsprechend zu äußern. Einiges möchte ich hier zunächst zitieren:

„Je älter man wird, desto weniger Angst hat man. … Psychologisch gesehen müssten ältere Menschen grundsätzlich mehr Angst haben, weil ihnen mehr passieren kann. Sie können krank werden, den Partner verlieren, finanzielle Verluste im Alter erleiden. Doch die Lebenszufriedenheit steigt ab dem 54. Lebensjahr sogar an. Das hat auch ganz biologische Gründe. Angst wird über Rezeptoren im Gehirn gesteuert, die nutzen sich ab, werden wie alles andere im Körper langsamer.“ …

„Frauen haben doppelt so viel Angst wie Männer und in (der) Altersgruppe zwischen 30 und 40 ist man außerdem besonders ängstlich.“

Um es sehr abkürzend zusammen zu fassen: Nichts davon trifft auf mich zu. Ich bin weder eine Frau, noch kann ich bestätigen, dass zwischen meinem 30. und meinem 40. Lebensjahr meine Ängste am schlimmsten gewesen sind. Auch, dass meine Lebenszufriedenheit um mein 54. Lebensjahr herum begonnen hat, zuzunehmen und ich seither weniger Angstphasen oder-zustände zu durchleben habe, kann ich überhaupt nicht bestätigen.

Selbst, wenn ich annehme, dass kaum einem „normal Sterblichen“ die oben zitierten Erkenntnisse tatsächlich gegenwärtig sind, empfinde ich es doch immer wieder und sehr dominierend so, dass bei einem Mann in meinem Alter, Souveränität, ein gesundes Maß an Risikobereitschaft, die Tendenz, nicht zu zögern, sondern anzupacken, entscheidungsfreudig zu sein und sich durch unvorhergesehenes oder plötzliche Veränderungen nicht aus der Bahn werfen zu lassen, vorausgesetzt wird.

Wirklich zu wehren vermag ich mich gegen diese sehr vorherrschenden Sichtweisen nicht. Aber sie setzen mir zu. Befeuern meine Verunsicherungen, meine Ängste sogar noch. Ich fühle mich durch sie beständig in Defensive und Rechtfertigungsnot versetzt. – Und dabei bleibt es letztlich beständig und schaukelt sich im Zweifel hoch, weil es eben nicht „einfach so“ möglich ist, sich öffentlich zu seinen Ängsten zu äußern, zumal, wenn sie komplex sind, nahezu alle Lebensbereiche betreffen, wenn sie KRANK sind.

Ich war immerhin froh, dass in dem bereits erwähnten Interview der Tageszeitung aus Berlin mit Bandelow auf die Frage, ob es Menschen gäbe, die vor allem jetzt, in der Pandemiezeit, anfälliger seien für schwere Ängste, der Psychologe ausführte:

„Menschen mit einer generalisierten Angststörung. Diese Menschen haben ohnehin schon überproportional viel Angst vor ganz viel im Leben. Auch depressive Menschen sind anfälliger dafür, jetzt schlimm Angst zu haben …“ (Außerdem erwähnte er in diesem Kontext noch Menschen mit Zwangserkrankungen.)

Das „froh sein“ rührte und rührt daher, dass ich als Betroffener weiß, dass eine generalisierte Angststörung im Alltag von nur ganz, ganz wenigen Menschen nachvollzogen, geschweige denn VERSTANDEN wird. Wenn dann noch eine Kombination, etwa mit Depressionen hinzukommt (Angstschübe sind oft starke Auslöser für nachfolgende depressive Episoden), kann man letztlich gar kein Verstehen mehr erwarten.

Ich schreibe das ohne jeden Vorwurf, weil ich mir zumindest im Ansatz vorstellen kann, wie schwer bis unmöglich es für einen Menschen ist, der Empfindungswelten und -spektren von generell Angstgestörten und Depressiven nicht erlebt, diese nachvollziehen oder gar verstehen zu können.

Ängste und Depressionen in der Art, wie ich sie erlebe und so einige andere Menschen auch, sind nicht gesellschaftsfähig. Sie sind auch angesichts der gegenwärtigen Pandemie, und der Tatsache, dass nunmehr grundsätzlich mehr Menschen Ängste haben, nicht gesellschaftsfähiger geworden. Im Gegenteil.

Die ungeschriebene unausgesprochene, aber beständig im Raum stehende Forderung, seine Ängste und Depressionen öffentlich zu ERKLÄREN, damit man gerechtfertigt ist, damit man verstanden wird, damit begründet ist, warum man sich so „merkwürdig“ verhält, ist und bleibt letztlich eine rein plakative. Weil das, was ein von einer generalisierten Angststörung und von Depressionen betroffener Mensch vorzubringen hätte, nicht populär ist, wie eine Ausrede für alles ankommt und unglaubhaft erscheint. („So was gibt’s doch gar nicht! Heute haben alle „Burn Out“ oder so was, und jeder findet dafür einen Grund.“)

„Andere müssen sich auch zusammenreißen und tun das – also stell‘ Dich nicht so an. Es muss doch mal was bringen, dass Du schon in der Klinik warst und Therapien hattest. Du musst bloß mal Deine Komfortzone verlassen.“ – wenn es so nicht ausgesprochen wird, steht es doch in den Gesichtern geschrieben. Selbst in denen der Familie. Deutlich (nicht selten hinter verbal geäußertem „Verständnis“ sicht- und spürbar hervortretend)!

Was dazu führt, dass man sich noch viel weniger traut, die eigenen Ängste zu bekennen. Und noch angstbesetzter wird, weil man glaubt, Menschen immer weniger (ver)trauen zu können, und als Folge immer wieder auch depressiv.

Ich spüre so sehr, das und was alles von mir „erwartet“ wird – jetzt, wo manches in meinem Arbeitsleben wieder anzulaufen beginnt. Und es ist, als würde es mich erdrücken, obwohl noch kaum etwas wirklich begonnen hat.

Erzählen kann ich das nahezu niemandem.

Ich schaffe es nicht, und es nutzt ja auch nichts.

***

Chelsea Wolfe – „Be all things“

Tagebuchseite -872-

Ertappt

Grundfragen stellt man sich nicht jeden Tag. Auch ich nicht, der ich mir wahrlich sehr oft sehr grundsätzliche Fragen vorlege. Man lebt halt sein Leben, lebt so vor sich hin. Ich jedenfalls entdecke immer mal wieder, das es so ist. Mich betreffend.

Hin und wieder frage ich mich, ob bzw. inwieweit das Leben, das ich lebe, mein Leben ist. Inwieweit es ein von mir gemachtes, gewolltes Leben ist.

Wie sehr steuern mich gesellschaftliche Vorgaben, Anforderungen des Alltags, Zwänge, die da sind, weil es wirkliche Freiheit nicht geben kann und weil die, die übrig bleibt, durch manchen und manches, das mächtig und entscheidungstragend ist, noch mehr eingeschränkt wird? Wie sehr stehe ich mir selbst im Weg.? Wann bin ich zu rücksichtsvoll, wann zu verpeilt, zu verbittert, zu naiv? Wann sind meine psychischen Probleme essentiell?

Das ist, wie ich weiß, nur ein Fragenauszug. Und selbst den kann ich bestenfalls im und aus dem Augenblick beantworten, selbst dann aber kaum erschöpfend.

Aber ich möchte die Grundsatzfrage nicht aus dem Blick verlieren: Inwieweit ist das Leben, wie ich es lebe, MEIN Leben?

Gestern war in der hiesigen Regionalzeitung ein aktuelles Interview mit dem Schauspieler Dieter Hallervorden veröffentlicht. Darin sagte er unter anderem auf die Frage, was ein erfülltes Leben im Alter ausmache, folgendes:

„Wenn man im Rückblick sagen kann: ‚Ich habe die Ziele, die ich mir gesteckt habe, erreicht.‘ Ich hasse es, wenn Leute mit 82 gestehen, dass sie gern mit acht Jahren Ballettunterricht genommen hätten. Man muss die Dinge zu dem Zeitpunkt anpacken, wo man Lust darauf verspürt, und darf keine Gelegenheiten verpassen.“

Seitdem ich das gelesen habe, hat die Grundsatzfrage für mich eine noch größere Dimension angenommen: Wann habe ich MEIN Leben gelebt, wie steht es aktuell damit, und kann bzw. wird das Leben, dass ich ab morgen und in der Zukunft führe, mein Leben sein?

Und ich bin seit ich diese Aussage gelesen habe, sie in mir „lebt“, wütend, ein ganzes Stück auch auf Herrn Hallervorden.

Weil er mich wohl hassen (!) würde, dafür, wie ich weite Teile meines Lebens gelebt habe, dafür dass ich mir oft über meine Ziele nicht klar war und das auch heute manchmal nicht bin, dafür, dass ich in der Vergangenheit sehr oft Gelegenheiten verpasst, sie gar nicht als solche erkannt habe, und das wohl auch heute gar nicht so selten so ist. Und weil er es so pauschal sagt, ohne die Frage zuzulassen, weshalb das so war und ist. Sein Urteil ist fertig, und für ihn ist es daraus folgend offenbar legitim, andere Menschen zu hassen.

Darüber hinaus hat jene Aussage ein sehr starkes Empfinden des „ertappt seins“ in mir ausgelöst. Nicht, dass ich mich von Herrn Hallerfordern erwischt worden zu sein fühlen würde. Vielmehr habe ich mich durch das, was er gesagt hat, selbst überführt. Dessen, dass ich mir nicht wirklich beantworten kann, was mich antreibt, woraus ich Motivation schöpfe, ob ich überhaupt je einen Antrieb bzw. eine Motivation (entwickelt) habe, vor allem aber, was gegenwärtig dafür steht. Ob es überhaupt etwas gibt, was ich aktuell im Sinne eines tatsächlichen, MEIN Leben leben, insoweit benennen könnte.

Ich glaube, dass der Lebenswille, den ich möglicherweise als solchen nie hatte, ausschließlich ein Überlebenswille ist. Ein Überlebenswille, der sich vor allem daraus speist, dass mir sehr bewusst ist, dass ein Leben auf der Erde ursprünglich und urtümlich ein Geschenk gewesen ist, grundsätzlich das größte Geschenk, was denkbar ist. Dieses Bewusstsein, die Momente des Spürens, das ich beschenkt bin, bedingen meinen Überlebenswillen.

Ich war schon oft des Lebens, meines Lebens, sehr müde. Eine Zeit lang war diese Müdigkeit nicht so präsent. Seit ein paar Monaten ist sie es wieder. Sie ist, wenn sie da ist, so präsent, dass ich mir vorstelle, wie es wäre, zu sterben, auch, auf welche Art das geschehen könnte. Was mich dann bewahrt hat und bewahrt, ist, dass ich Angst habe zu sterben, dass ich zwar des Lebens, bisher nie aber des Überlebens müde geworden bin. Auch in meinen dunkelsten Stunden nicht.

Das Bewusstsein über das Geschenk des Lebens schwimmt auf meinem Tränenmeer. Es SCHWIMMT!!!

Und während ich das denke und sehe, ertappe ich mich ein weiteres Mal:

Was, wenn dieses Bild mein Leben ist?

Ich ahne es. Ob das immer schon so war, vermag ich nicht nachzuvollziehen. Nicht so unmittelbar.

Aber ich glaube zu wissen, dass es nunmehr, dass es heute, gegenwärtig, so ist.

***

Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich bislang schon zweimal ein Lied von „Oehl“ hier geteilt, jenem ganz besonderen österreichisch- isländischem Indiepop-Duo. Das Lied und das Video hier sind für mich dabei „am Besondersten“, um das denn mal nicht so ganz sprachregelkonform zu beschreiben.

Oehl – „Tausend Formen“

 

Verse -82-

Vom Wunsch zu teilen

Ich sehe mich am Ufer sitzen,
am malerischen, schönen See,
die Sonne auf den Wellen blitzen,
Fischlein durch das Wasser flitzen,
so friedlich. – Doch in mir ist Weh.

So gern möcht‘ ich den Frieden teilen,
die Schönheit und der Sonne Strahl.
Doch kann ich nur allein verweilen,
während die Gedanken eilen.
Zeit und Zeit und Mal für Mal.

So viele Wünsche, so viel Beten,
schreib ich nur wieder auf Papier,
dem Herzen folgend, ungebeten.
Auf das es Seelen finden täten
allein an Seen, wie ich grad hier.

So wenig Zeit ist uns gegeben
und noch viel weniger an Raum,
zu teilen wahrhaft unser Leben,
Freude, Leid und Sehnsuchtsstreben. –
An manchem See stirbt mancher Traum.

Als ich nun wieder Schritte setze,
schau ich ein winz’ges Blümelein,
ein zart Gesicht, leicht zu verletzen.
Beschließ‘, mich zu ihm noch zu setzen.
So sind wir beide nicht allein.

***

HAEVN – „Where the heart is“

Tagebuchseite -871-

Das Wetter ist so schön …

Es gibt nichts mehr zu erzählen.

Das, was noch geschehen darf, wann, wie, ob, wie lange, wird so sehr zerredet auf allen Medien, Kanälen, in den Supermärkten, ja allüberall, dass in mir keinerlei Neigung ist, auch noch Worte darüber zu verlieren. Innerlich bin ich übervoll davon, gesättigt, was gleichzeitig macht, dass da eine riesengroße Leere ist, ein Loch, das sich einfach nicht füllen lässt.

Aber „das Wetter ist so schön“. Und ein regionaler Rundfunksender gibt nicht auf, darob gute Laune zu verbreiten. „Alles ist ganz easy, alles ist ganz happy …“

Viele Menschen trinken gerade sehr sauren Wein. Weil es anderen nicht mehr gibt. Wobei der der Deutschen noch immer vergleichsweise süß schmeckt. –

Wie wird da jemand angesehen, der daher kommt und noch saureren Wein in die Gläser gießt?

Mir ist das egal, mich ficht das nicht an, es interessiert mich nicht mehr, wenn ich Spielverderber bin.

Ich bekenne, dass mich das schöne Wetter, so sehr es scheint, Trost sein zu wollen, so sehr es das mir liebste Grün erstrahlen lässt, so sehr es mir die Erinnerung zurückbringt, dass die Natur, diejenige ist, die mich am intensivsten, am aufrichtigsten liebt, dass dieses schöne Wetter meine Traurigkeit über das, was ich gerade gar nicht mehr hören und aufnehmen kann. verstärkt.

Denn dieses Wetter ist eine Illusion. Es ist zu schön, zu makellos, zu sehr wie für Seelen gemacht, vor allem vermeintlich für die kranken.

Das Wetter selbst ist krank. Letzter Betrug an all den Menschen, die sich schon seit Jahren und Jahrzehnten, wehrlos, klaglos, angepasst, verzweifelt, dazugehören und nicht zurückbleiben wollend, betrügen lassen. Sie haben sich an ihre Ohnmacht gewöhnt und genießen die Bequemlichkeit des Stroms mit dem sie sich treiben lassen.

„Das Wetter ist so schön“, da lässt es sich noch leichter treiben. Und das scheint nur allzu gerechtfertigt in diesen Zeiten, wo so wenig geschehen darf und der Wein so sauer schmeckt.

Während ich das so schreibe, höre ich all die Einwände:

Ob ich den Menschen selbst in Zeiten von Ausgangssperren und Kontaktbegrenzungen einen Aufenthalt in sonnendurchfluteter Luft madig machen will oder muss. Ob man in der vielen Sonne, die gerade vom Himmel scheint, nicht, verflixt nochmal, gerade jetzt ein Zeichen der Hoffnung sehen könne. Ob ich mich wohlfühle in der Rolle des ewigen Mahners, der doch sicher vor der eigenen Türe noch genug Dreck zu kehrten hat.

Nichts von all dem ist meine Absicht. Von meiner Position aus irgendjemandem etwas madig machen, seine Hoffnung vergällen oder ihn zu etwas ermahnen zu wollen, ist im Übrigen eh‘ nicht von Belang, denn dadurch ändert sich niemand und nichts. Dessen bin ich mir bewusst.

Sollen die Menschen sich freuen, sollen sie sich treiben lassen, sollen sie ignorieren, was ihnen das Herz schwer macht.

Ich schreibe hier nur für mich. Und, was das schöne Wetter angeht, so möchte ich nur verstehen und mir bewusst machen, warum ich es, wie so viele andere Dinge auch, nicht einfach nur genießen kann. Auch dann nicht, wenn ich es nach der Maxime, ‚Jedes zu seiner Zeit‘, tun oder versuchen würde und es sicher legitim wäre, auch oder gerade in Zeiten wie den aktuellen, ungeteiltem Genuss seine Zeit zu geben.

Ich vermag das offensichtlich nicht (mehr). Aber nur weil ich es nicht kann, habe ich kein Recht das, andere Menschen betreffend, zu kritisieren. Denn, dass ich es nicht (mehr) kann, ist mein ganz eigenes, ganz persönliches Problem.

Und wenn ich nun dennoch relativierend einwerfe, dass es ja nicht um die Frage des Genießens oder gar des Absprechens von Genuss geht, sondern um ganz andere Fakten an sich, so mag das verhallen.

Ich schreibe für mich. So war es immer. So wird es sein und bleiben. Niemand muss sich darum kümmern.

Denn vielleicht habe ich ja tatsächlich nichts mehr zu erzählen.

*

Ich habe Sehnsucht danach, mit dem Rad ein bisschen in die Natur zu fahren. Über sechs Monate lang konnte und durfte ich das nicht. Seit vorgestern weiß ich, dass ich es wieder probieren darf. Noch vorsichtig. Vielleicht heute, vielleicht morgen, werde ich es wohl versuchen. Vor allem auch, gilt es die halbe Etage aus unserem Keller heraus und wieder hinein zu überwinden – so ein E-Bike ist recht schwer …

Und wenn ich dann rollen werde durch das sonnendurchflutete Himmelsblau und durch das erste junge Lindgrün der Sträucher und Bäume hier im verhältnismäßig doch noch kühlen Nordosten, und die Farbtupfer der frühen Wildblumen und das Zwitschern der vielen gefiederten Gesellen mich begleiten werden, wird es schön sein. Schön und doch begleitet vom Text und der Warnung jenes so alten und doch so verstörend aktuellen Liedes, das schon die ganze Zeit wie eine innere Stimme in und aus mir klingt, und in dem sich jene Zeilen finden, die ich oben in Parenthese gesetzt habe:

“ Alles ist ganz easy, alles ist ganz happy. Denn das Wetter ist so schön …“

***

Peter Schilling – „Die Wüste lebt“

Tagebuchseite -870-

Geburts- und andere Tage

An jedem Tag haben Menschen Geburtstag.

Wir gratulieren uns zu unseren Geburtstagen.

Innig, von wirklicher Verbundenheit oder generellem Respekt, von aufrichtigen Wünschen und Höflichkeit begleitet und getragen.

Förmlich, schnell dahingesagt, weil sich das Gratulieren halt so gehört, bisweilen auch mehr oder weniger geheuchelt. Mitunter gar ganz bewusst.

Mancher auch gratuliert manchem überhaupt nicht mehr. Und mancher will auch gar keine Gratulation.

Wieder andere wünschen sich gar, sie wären nie geboren worden.

*

Wie viele gute Wünsche, wie viel Zuspruch, wie viel Trost und wie viel Wärme empfängt ein neugeborenes Kind?

Von einem kleinen, unglaublichen Wunder ist die Rede, davon, dass ihm nie Böses widerfahren soll, dass es so niedlich, so hübsch ist. Eine friedliche, glückliche Zukunft wird ihm gewünscht, Freundschaft und Liebe, dass ihm nie Böses geschehen, dass es gesund bleiben, ein langes, schönes erfülltes Leben haben soll.

So ist es grundsätzlich. Und meist hält all das an und vor, solange das Kind ein Kleinkind ist, in den Kindergarten geht und die ersten Schuljahre absolviert. Meist, nicht immer. Zumindest soweit es den engeren Familienrahmen des Kindes betrifft.

Aber häufig hält das in dieser Weise nicht an, abgesehen davon, dass das Kind schon in seinen frühen Jahren von anderswoher, mehr oder weniger zeitig zu spüren bekommt, dass ihm nicht all und jeder wohlgesonnen ist. Es beginnt zu spüren, was Missgunst bedeutet und Unehrlichkeit, dass es Unfairness gibt und sogar offenen Hass.

So gut es geht, versucht das kleine Ich, sich damit auseinanderzusetzen, fragt Vertraute und immer mehr auch sich selbst, es will verstehen und sich wehren können, wenn es zu schlimm wird. Es möchte wissen, was in welcher Situation gegenüber welchem Menschen angemessen ist im Denken und vor allem im Handeln. Es möchte immer dringender und drängender die Frage beantworten können, wer es selbst ist, sein kann, sein darf, sein will und wovon und von wem das abhängig ist.

Je früher es verletzt, gehasst, missbraucht wird, desto eher wird es sich in sich zurückziehen, das Leben hinterfragen und in manchem Fall ganz in Frage stellen und, desto eher wird es möglicherweise aber auch ausbrechen (wollen) noch lauter, noch aggressiver, als das und die, die es bedrohen, hassen, mobben, missbrauchen. Und manches Mal richtet es diese Aggressionen dann gar gegen sich selbst, vor allem wenn es meint, Schuld oder Mitschuld an seinem Dilemma zu tragen.

Wohin verschwinden all die Wünsche und Zusprüche, all der Trost und die Wärme, die ihm einst gespendet, mit auf den Weg geben, für das ganze Leben verheißen worden sind?

Woher kommen die Missgunst, der gierige Egoismus, das Überlegenheitsstreben, die Unaufrichtigkeit und der Hass, wenn doch so eine große Mehrzahl an Menschen, seinen Kindern einst nur Gutes, nur Freundliches, nur Friedliches gewünscht hat?

Wer denkt im ganz „normalen“ Alltag an diese Wünsche, wer lebt sie dort noch bewusst, regelmäßig bewusst? Kann man sie dort noch leben, ohne sich vielleicht allein deshalb heimlichen Spottes, kopfschüttelnden Unverständnisses oder gar Lächerlichkeit und dem Urteil eigener Schwäche auszusetzen?

Warum vermögen wir es offensichtlich nicht, uns jeden Menschen, dem wir begegnen, wenigstens für einen ersten kurzen Augenblick als jenes unschuldige, allein gänzlich hilflose Neugeborene vorzustellen, der er war und an die Wünsche und Zusprüche, die er mutmaßlich zunächst in seinem Leben erfahren hat?

Weshalb können wir uns, egal wer wir wodurch auch immer geworden oder nicht geworden sind, nicht darauf besinnen und verständigen, Menschen grundsätzlich von dieser Vorstellung aus zu betrachten, anzunehmen und zu behandeln?

Weil es zu spät dazu ist?

Weil es Phantasterei ist?

Weil sich niemals alle Menschen darauf einlassen werden, das zu tun?

Wenn wir zu wissen glauben, dass das so ist, wozu geben wir dann unseren Neugeborenen überhaupt noch unsere Wünsche, unseren Zuspruch, unseren Trost und unsere Wärme mit auf den Weg?

Weil wir, sofern noch vorhanden, unser Gewissen beruhigen wollen? Weil uns von Beginn an letztlich nur ein Wunsch motiviert, dass es unserem Kind bitte besser gehen soll als so vielen anderen?

Und ist das denn falsch?

*

Unser Umgang miteinander wirft für mich immer wieder unendlich viele Fragen auf. Sehr unbequeme, vielleicht auch ungehörige Fragen. Anlässlich von Geburtstagen, denen von anderen Menschen, schließlich aber auch dem eigenen, ganz besonders.

***

Mir ist mal wieder ein schönes Stück Indie-Pop aus Österreich begegnet. Erinnert ein bisschen an „Wanda“, finde ich, hört sich aber ebenso toll an:

Der Nino aus Wien – „Hände“

 

Tagebuchseite -869-

Unschuld (Karfreitagsgedanken)

Die Luft ist so klar, so rein, heute Morgen, es ist ein bisschen kühl, aber ohne mich frösteln zu lassen. Die Kühle ist sanft, so dass ich sie zu genießen vermag. Das erlebe ich sonst höchstens mal im Hochsommer. Aber es ist noch nicht einmal Mitte April.

Die Klarheit und Reinheit und die sanfte Kühle der Luft lassen mich an Unschuld denken.

Da ist etwas, ganz unverstellt und ohne jede Bedrohung auszusenden, und es ist als höre ich es leise zu mir sprechen: „Du darfst Dir nehmen von mir, ich verlange nichts dafür. Ich bitte Dich nur, mich sein und bleiben zu lassen, wie und was ich bin: Unschuldig.“

Ich höre die Bitte, und ich verstehe ihren tiefen Sinn, ihre Motivation.

Ich erinnere mich, wie vielfach Mädchen, Frauen, Menschen, die Missbrauch erfahren haben, sich hernach selbst schuldig fühlen. Obgleich sie sich niemals schuldig gemacht haben. Sie fühlen sich schmutzig, sie fühlen sich schwach, sie fühlen gar, anderen geschadet zu haben bzw. immer noch zu schaden. Sie, die beschmutzt worden sind, sie, die gequält, gedemütigt, gefoltert wurden, sie, die sich gewehrt haben so gut und so lang sie es eben konnten und die, so sich so oft, vor die jüngere Schwester, die Tochter, die Freundin, gestellt haben, damit ihnen nur nichts passiert oder gar gleiche Qualen widerfahren.

Ich atme die klare, reine, sanftkühle Luft ein und meine jene leise Stimme wieder zu hören: „Deine Gedanken sind freundlich, aber sei gewarnt: So klar und rein und sanft, wie Du mich spürst, bin ich womöglich nicht. An so vielen Orten dieser Welt wurde und werde ich von Menschen beschmutzt. Meine Freunde, die Pflanzen und ich, sind schon lange zu schwach, diesen Schmutz wegzuwaschen. Es kann sein, dass ich Dir schade, auch wenn Du glaubst, dass ich Dir gut tue, weil es sich so anfühlt.“

Mich beeindrucken diese Worte zutiefst. Menschen, die Missbrauch erfahren haben, die „anders“ sind, vermögen solche Worte allermeistens nicht zu sprechen und noch weniger davon, dass sie unschuldig sind.

Dabei ist das so offenkundig.

Ist es tatsächlich so anstrengend das zu sehen? Ist es wirklich so schwierig, die Worte zu hören, die diese Menschen sagen, ohne sie aussprechen zu können?

Wenn ich das Tun und Handeln Menschen auf unserem Planeten betrachte, dann muss das vielen, sehr vielen, in der Tat sehr schwer fallen. Oder sie haben gar die Fähigkeit verloren oder nie besessen, so zu sehen, so zu hören.

Wer das aber nicht (mehr) vermag oder es verdrängt, der wird sich nie nach eigener Schuld und daraus folgend nach eigener Verantwortung fragen. Obwohl es sich gerade bei jenen, nach außen hin genauso anhört, als täten sie gerade das, denn ihre Stimmen sind NICHT still.

Vor allem dann nicht, wenn die Zeiten wirklich schwere sind. Dann werden sie nur noch lauter.

Jetzt gerade schreien sie …

Ich atme noch einmal die klare, reine, sanftkühle Luft dieses Morgens. Nein, ich weiß nicht, wie klar und rein sie wirklich ist. Aber ich weiß um ihre uneingeschränkte Aufrichtigkeit, weiß, dass sie ehrlich ist, weiß, dass sie mir nie bewusst etwas vormachen oder mir schaden würde. Ich liebe sie mit dem, was sie ihre Schwäche nennt.

Und leise spreche ich zu ihr und beglückwünsche sie zu dem Mut, mir mit ihrer sprachlosen Stimme von ihrer Unschuld erzählt zu haben.

*

Über Schuld und Unschuld eines Menschen zu befinden, Schuld und Unschuld hinreichend zu definieren, gehört zum Schwierigsten überhaupt. Mir geht es insoweit ähnlich wie mit dem Begriff Wahrheit. Und ähnlich, wie ihn betreffend, bin ich mit Blick auf Schuld und Unschuld geneigt zu sagen, dass auch diese beiden Begriffe nicht absolut zu fassen sind. Kann ein Mensch vollkommen schuldig oder vollkommen unschuldig sein, zumal wenn er das (Klein)Kindesalter verlassen hat?

Ich tue mich generell sehr schwer, einem Menschen Schuld zuzuweisen. Aber ein Kriterium gibt es dann doch, woran ich glaube, das doch recht angemessen festmachen zu können. Das Kriterium des Vorsatzes.

Eine Lüge ist eine Lüge, wenn vorsätzlich gelogen wird (wobei man im Kontext von Schuldbeurteilung hier weiterführend die unter Umständen gegebene Berechtigung oder gar Notwendigkeit von Notlügen einbeziehen müsste), Heuchelei ist dann schuldbewehrt wenn sie vorsätzlich geschieht, und Schuld entsteht grundsätzlich wenn vorsätzlich im Sinne ihrer Entstehung gehandelt wird (wobei auch dann eine gerechte und gerechtfertigte Einzelfallbeurteilung immer noch sehr schwierig bleiben kann).

**

Es ist traurige Tatsache, dass tagtäglich unschuldige Menschen beschimpft, verleumdet, missbraucht oder gar getötet werden. Heute, am Karfreitag wird einem solchen unschuldigen Menschen ganz besonders gedacht. Und unabhängig wie gläubig jemand ist, kann und sollte dieser Tag und dieses Gedenken ein mahnendes sein.

Ob das vor dem aktuellen, dem durch die Pandemie bedingten so „besonderen“ Osterfest mehr ins Bewusstsein aller Menschen dringt als das sonst der Fall ist?

Vielleicht mag der Eine oder Andere ja einmal tief Atem, holen, draußen, wo die Luft sich rein und klar anfühlt. Und vielleicht ist da ja dann doch eine Stimme …

***

Morcheeba – The sea“