Wegweiser durch diesen Blog

Tagebuchseiten:

Hier sind meine Reflexionen über Ereignisse und Begegnungen im Alltag ebenso zu finden, wie meine Gedanken über „Gott und die Welt“ – in loser Folge, ohne Ordnung …

(Mit Beginn des Jahres 2017 erscheinen einige meiner Tagebuchseiten als Selbstgespräche . Grund dafür ist eine umfassendere Idee, die ich schon lange in mir trage. Vielleicht entsteht aus den entsprechenden Texten irgendwann ein Weg, der zu ihrer Realisierung durch mich führt. Vielleicht …)

Sentenzen:

Nachdenkliches zu Themen, die mich immer wieder und nachhaltiger bewegen und beschäftigen, die in meinem und für mein Leben zumeist eine wichtigere Rolle spielen.

Verse:

Einige meiner Versuche, Gedanken, Eindrücke, Reflexionen und Ansichten in lyrischer Form zu verarbeiten.

Gedanken zu Aphorismen:

Was immer ich auch lese, ich spüre darin aus meiner Sicht interessante Sinnsprüche auf. Einige von denen, die mich besonders inspirieren, zum Nachdenken anregen, meinen Widerspruch herausfordern, bespreche, diskutiere ich hier.

Zwischenstopps:

Texte oder Begebenheiten über die ich „gestolpert“ bin, darunter Merkwürdiges, Skurriles, Witziges, Unglaubliches – manchmal mit kurzen Kommentaren von mir versehen. (mitunter auch Musiken, mit denen ich mir einen Zwischenstopp genehmige …)

Sammelsurium:

Hier finden sich von mir verfasste, kleine Rezensionen zu Büchern, die ich gelesen habe, eigene Gedanken in Aphorismenform, die ich zur Diskussion stelle, und Sonstiges, was mir mitteilenswert erscheint.

Tagebuchseite -867-

Einblick in meinen ganz persönlichen „Krisengedankenkatalog“

Spekulationen sind für mich sehr schlimm.

„Was wird sein, wenn …“, Wenn das nun so und so kommt …“, „Bestimmt wird das alles ganz anders als wir es jetzt erwarten…“.

Solche und ähnliche Sätze bereiten mir Stress, versetzen mich in Sorge und Panik. Kaum etwas ist schwerer für mich auszuhalten als Ungewissheit.

Nun ist die gegenwärtige Zeit permanente Ungewissheit, und Sätze wie die oben beispielhaft genannten, werden immer zahlreicher und lauter. Und in Verbindung mit ihnen, gibt es die ersten „Patentrezepteverkünder“ und jene, „die es schon immer gewusst haben“ und andere, die darauf drängen nur ja nicht „den richtigen Zeitpunkt zu verpassen“ um „alles aufzuholen“, um „wieder Wachstum“ zu erzielen und so weiter.

Ich mag viel zu wenig Ein- und Durchblick in und durch die Gesamtzusammenhänge haben, und ich bin generell kein mutiger Mensch, kein Stratege. Ich habe schon mit einfachen Veränderungen in meinem Leben die größten Schwierigkeiten, weil es selbst im ganz Kleinen, im Ungewohnten, jedes Mal wieder mit neuer Angst und Panik beginnt.

Vielleicht bin und verhalte ich mich deshalb von außen betrachtet viel zu vorsichtig, zögerlich und unentschlossen, selbst, wenn ich innerlich gerade einen Riesenschritt mache. Und, ja, ich weiß, dass ich ein sehr auf Sicherheit bedachter Mensch bin. Allerdings denke ich dabei nie nur an mich.

So bin ich, auch in diesen Zeiten, auf der Suche. Und so schwer es mir fällt, möchte ich doch auch in die Zukunft sehen, allerdings nicht im Sinne von Spekulation. Dabei gibt es so viel, was ich nicht verstehe. Dinge aus dem Heute, aus dem Gestern, aus denen Lehren zu ziehen wichtig wäre, wie ich finde.

Es drängt mich sehr, etwas davon aufzuschreiben, und so tue ich das jetzt, so ungeordnet und unfertig, wie es ist: Und mit Wissen davon und Anerkennung dafür, dass viele Menschen, bis in die Politik hinein, nach Antworten suchen, und dabei viel Wichtiges und Richtiges gesagt und getan haben. Und frei von Vorwürfen, weil doch niemand je in einer solchen Lage gewesen ist, wie sie heute gegeben ist:

Ich verstehe ganz aktuell nicht, weshalb es nicht möglich war und ist 1500 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus den griechischen Flüchtlingslagern, in denen so furchtbare Bedingungen herrschen, die wenn sich dort das Virus verbreitet, Todeslager sein werden, nach Deutschland einreisen zu lassen. Ich verstehe es nicht, weil es offenbar doch ganz schnell möglich gemacht werden kann, zig-tausende Erntehelfer aus osteuropäischen Ländern kurzfristig in unser Land einreisen zu lassen.

Ich verstehe nicht, wie angesichts allgegenwärtiger Reisewarnungen und -beschränkungen von der deutschen Regierung und dem Wissen um die Fragilität der Gesundheitssysteme in afrikanischen Ländern ein Flugzeug gechartert wird, um eine einzelne(!) 25jährige Frau jetzt nach Togo abzuschieben. Auf tagesschau.de von heute heißt es dazu unter anderem:

„Nach Informationen von NDR und WDR haben die Behörden für Mitte April ein eigenes Flugzeug gechartert, um die 25-Jährige auszufliegen. Der Flughafen in Lomé, der wegen der Corona-Lage für Flüge aus Europa eigentlich gesperrt ist, hat eine Sondergenehmigung erteilt. Bundespolizisten sollen ebenfalls im Flugzeug sitzen. Sie werden – so ist es geplant – die Frau am Flughafen an die togoischen Behörden übergeben und danach direkt zurückfliegen. Eine Einreise der Beamten ist wegen der Corona-Lage nicht möglich.“

Selbst laut Auswärtigem Amt ist übrigens die medizinische Versorgung in Togo »vielfach technisch, apparativ und/oder hygienisch problematisch«. Nicht umsonst ist der reguläre Flugverkehr eingestellt – Togo hat die Einreise von Flügen aus Europa seit dem 20. März 2020 gesperrt. Doch die Bundesregierung will nun genau für einen Tag das Einreiseverbot aufheben lassen …

Aber es geht noch mehr: Auf einer Liste der Bundespolizei ist unter anderem zu dem seit Jahren in einem schlimmen Stellvertreterkrieg befindlichen und in seiner Infrastruktur und seiner Gesundheits- und generellen Versorgung völlig daniederliegenden Jemen zu finden, dass Abschiebungen dorthin im Prinzip weiter möglich seien …

Ich verstehe nicht, wie es angeht, dass im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland die Prämisse „Eigentum verpflichtet“ festgeschrieben steht, es aber in „normalen Zeiten“ nicht möglich ist, Unternehmen und Konzerne, die sehr große Gewinne machen zu einer Art anteiliger Staatsproduktion zu verpflichten. Damit meine ich das Produzieren von Gütern wie Schutzbekleidung, Desinfektionsmitteln und -anlagen, speziellen medizinischen Geräten (Atemgeräte), Hygieneartikeln, lange haltbaren Lebensmitteln etc. zum Anlegen einer Staatsreserve, die vielleicht für 6 oder 9 Monate in Krisen- oder Katastrophenfällen ausreichen würde, um Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und die Bevölkerung mit elementar notwendigen Dingen ausreichend zu versorgen.

Ich verstehe nicht, weshalb nach wie vor die Umtriebe raffgieriger Hedgefonds nicht begrenzt werden, obwohl deren Bestreben gegenwärtig vor allem ist, aus der wirtschaftlichen Not anderer Unternehmen Kapital zu schlagen, diese „zum gegebenen Zeitpunkt“ quasi zum Nulltarif aufzukaufen. Ich verstehe das vor allem deshalb nicht, weil schon zu Zeiten der letzten Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise 2008/2009 diese Fonds eine fatale Rolle gespielt haben und Politiker bekundet hatten, dass dem „für die Zukunft“ Einhalt geboten werden müsse.

Ich verstehe nicht, weshalb unser Arbeits- und Sozialminister erst jetzt zu erkennen beginnt, dass die massenhafte Privatisierung von Krankenhäusern in Deutschland mit einem „Kaputtsparen“ einher gegangen ist obwohl seine Partei in den letzten Jahren als diese Privatisierung maßgeblich vorangetrieben worden ist, selbst Regierungsverantwortung hatte.

Ich verstehe nicht, warum bei aller verständlichen Fokussierung auf die aktuelle Viruspandemie, die Tatsache, dass über der Arktis in den vergangenen Wintermonaten erstmals ein großes Ozonloch registriert worden ist, kaum irgendwo wirklich und vor allem angemessen thematisiert wurde und wird. (Bisher sind Ozonlöcher „nur“ über der Antarktis entstanden.)

Ich verstehe nicht, weshalb der Zusammenhang zwischen menschlichen Eingriffen in die Natur, wie etwa beim Abholzen der Regenwälder, und der potenziell wachsenden Gefahr weiterer Viruspandemien in der Zukunft nicht stärker thematisiert wird. Im „Deutschen Ärzteblatt“ vom gestrigen 02.04.2020 ist dieser Zusammenhang kurz und prägnant erklärt:

„Für den Zusammenhang zwischen der Zerstörung von Lebensräumen, der Reduktion der Biodiversität und dem Auftreten neuer Infektionskrankheiten beim Menschen gibt es eine biologische Erklärung. Die Biodiversität, also die Vielfalt der Arten, spiele eine ganz entscheidende Rolle bei der Regulation von Erregern, erläuterte Sandra Junglen vom Institut für Virologie der Berliner Charité.

Während in einem intakten Ökosystem alle ökologischen Nischen gefüllt seien, entstehe durch die Zerstörung der Natur, etwa die Rodung von Regenwaldflächen, freier Raum, der nur von Arten ausgefüllt werden könne, die sehr anpassungsfähig seien.

Während spezialisierte Arten in diesen Bereichen aussterben, siedeln sich Generalisten an. „Und das Fatale daran ist, dass sich mit den anpassungsfähigen Generalisten auch die Erreger stark ausbreiten, die ebenfalls sehr anpassungsfähig sind“, so Junglen.

Auf diese Weise steigt das Risiko der Übertragung von Viren zwischen den verschiedenen Generalisten. Aber auch der Kontakt mit Menschen und ihren Nutztieren nimmt zu, etwa wenn diese in Siedlungen nahe den dann oft landwirtschaftlich genutzten, gerodeten Flächen leben.“

Ich verstehe nicht, weshalb unausgesprochen bleibt, dass die Ausbreitung des Covid-Virus in Ländern wie dem Iran (der zu den gegenwärtig am meisten betroffenen Ländern zählt) oder Syrien durch vor allem US-amerikanische aber auch europäische Sanktionen und deren Aufrechterhaltung, auch jetzt in dieser besonderen weltweiten Krisensituation, befördert und damit vielfacher Verlust von Menschenleben, der ansonsten mutmaßlich verhinderbar gewesen wäre, zumindest billigend in Kauf genommen wird.

Ich verstehe noch so vieles andere nicht

Ich will niemandem zu nahe treten, vor allem jenen nicht, die in unserem Lande so aufopferungsvoll helfen, Leben retten, die Versorgung gewährleisten, bis zur Erschöpfungsgrenze arbeiten und eher mit Beifall statt mit angemessener Bezahlung bedacht werden.

Aber ich frage mich schon, wie hilfsbereit, wie solidarisch, wie lernfähig mit wirklichem Blick auf globales Gemeinwohl unsere Gesellschaft als System tatsächlich ist und sein wird.

Mit bangem Blick sehe ihr auf so manches Ergebnis der ungebremsten Globalisierung.

Mit bangem Blick sehe ich auf die in vielen Ländern Afrikas kaum existenten Gesundheitssysteme. Wie werden die Todeszahlen dort sein, wenn das Virus dort erst richtig angekommen ist? Wer wird dann dort wie helfen wollen und können?

Nein, ich will nicht weiter in die Zukunft schauen. Zu viel müsste, damit verbunden Spekulation sein und bleiben.

Meine aktuellen Sorgen, meine vielen Fragen, meine wenigen Antworten, meine großen Zweifel, meine vielen vagen Wünsche, meine sehr geringe Hoffnung – sie sind das Paket meines Seins im Hier und Heute. Und es ist so schwer, dass ich mir mehr nicht zu tragen zutraue, dass ich glaube, schon jetzt sehr Obacht geben zu müssen.

Ich hatte gehofft, dass es mir durch mein Aufschnüren und Einblick geben für Dich, liebes Tagebuch, ein wenig leichter würde.

Aber im nebenbei laufenden Radio höre ich schon wieder neue Spekulationen und Forderungen, die wie „notwendige Rezepte“ klingen, die aber so wenig zu dem passen, worauf ich mir wirkliche Antworten wünsche.

Als wenn es nicht schon schwer genug auszuhalten wäre …

***

Max Richter – „The Consolations of Philosophy“

Tagebuchseite -866-

Gegen das Blei

Musik läuft. „Meine“ Musik. Ich stelle sie laut. Ich möchte so sehr, dass es ihr gelingt, die Schwere zu durchdringen, dass sie macht, dass all das Blei schmilzt, dass es leichter wird, ein bisschen wenigstens …

Die Zeit jetzt ist so bleiern. Und etwas von der bleiernen Schwere legt sich nach und nach auf fast alles, so sehr ich mich dagegen zu wehren suche. Das Blei liegt auch auf meinen Händen, meiner Tatstatur, dem Stift, mit dem ich sonst da und dorthin Notizen kritzele. Es liegt auch auf der Phantasie meiner verpflasterten Seele, es verhindert, dass Ideen in mir aufsteigen, zu Inspirationen werden, mir in Zeilen fließen.

Ich möchte nicht über das schreiben, über das jetzt so viel geredet und geschrieben wird. Nicht über das, was bleiern und die Schwere ist. Nicht über DAS VIRUS.

Was sonst bleibt, scheint nicht so viel zu sein. Dabei ist es viel, ist so groß, so unermesslich. Unverändert. Schönheit und Leid. Hier und auf dem ganzen Planeten. Aber es wirkt wie eingehüllt, zugedeckt von all dem Blei. Dabei ist es das nicht. Aber kaum jemand schaut noch hin. Auf all das Andere.

Je länger das Blei fließt, desto mehr ist und wird über all dieses viele Andere geschwiegen.

Liegt das daran, dass es vielen Menschen so geht wie mehr, dass ihnen das Blei auf den Händen liegt? Liegt es daran, dass das mit dem Blei schon so viel und so schwer ist, dass da tatsächlich kein Platz mehr ist, vor allem nicht für noch mehr Leid, das andere Leid, von dem vor Wochen immerhin mehr viel präsenter gewesen ist als jetzt? Liegt es daran, dass manchem daran gelegen ist, dass endlich Zeit gekommen ist, wo (endlich), ohne dass die „Gefahr“ eines größeren Aufschreis besteht, verschwiegen werden kann?

Ich ahne, dass die Antwort auf jede dieser Fragen „Ja“ lautet.

Und ich weiß, dass ich selbst nicht stark genug bin, mich dem, was es neben dem gegenwärtig so allgegenwärtigen Blei noch gibt, ausgiebiger, intensiver zu stellen und es im Rahmen meiner Möglichkeiten zu vermitteln. Mehr als wenigstens die Sensibilität, für all dieses Andere wach zu bleiben, ein Vergessen nicht zuzulassen, Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten, vermag ich selbst gerade nicht zu realisieren.

Ich fürchte, dass das selbst für das schwierige Jetzt, für die schwere Gegenwart und die vermutlich nicht leichtere allernächste Zukunft, nicht eben viel ist.

Ich sehne mich sehr nach jener besonderen Wärme in diesen Tagen, jener, die ich an anderen, vorigen, besseren Tagen längst verloren habe. Und deren Vermissen jetzt noch einmal viel schwerer wiegt. – Wärme gehört zum Wichtigsten überhaupt …

So versuche ich, an die fernere Zukunft zu denken, an die, die sein wird, wenn das Blei weniger geworden ist. Für diese Zukunft sind so viele Wünsche in mir. Das finde ich schön. Aber ich bemerke auch, dass ich nahezu keine Hoffnung habe, wenn ich an diese Zukunft denke. Was aber sind Wünsche ohne Hoffnung? Haben sie dann irgendeinen Wert?

Auch ein bisschen Flucht gehört zu meinem Leben während dieser Tage und Wochen. So wie immer. Und wie immer auch, ist sie mir ein bisschen Elixier und ein bisschen Schmerz. Alle meine Flüchte sind so.

Die gegenwärtigen führen mich vor allem durch Bücher und in sie hinein, in und durch ihre Geschichten. In und durch ganz unterschiedliche Zeiten und Welten, in denen ich vielen verschiedenen Menschen begegne. Scheinbar nichts und niemand wirklich mit dem Hier und Heute verbunden.

Und doch erzählt mir mein Unterbewusstsein, dass ich gerade in diesen Büchern, ihren Geschichten, den Zeiten, den Welten und bei den Menschen darin, vor allem nach einem suche: nach Hoffnung. Der Hoffnung, die meinen Wünschen fehlt.

Gefunden habe ich sie bislang nicht.

So schließe ich alltäglich irgendwann das Buch, das ich gerade lese, wieder.

Um es am nächsten Tag wieder aufzuschlagen.

Und zwischendurch stelle ich meine Musik wieder lauter …

***

Das folgende Lied hat eine sehr schöne Aussage. Für mich ganz persönlich, ist es die am angemessen weitgehendste und reduzierte zugleich. Vieles, von dem was auch ich möchte oder gern würde, besingt der Sänger dazwischen. Ich finde es bemerkenswert und zutreffend, dass er diese Dinge letztlich im Konjunktiv sein und bleiben lässt und am Ende „nur“ um das Licht sein geht, überdies egal wie stark man es zu sein vermag. Für mich ist es das, was das Lied so besonders und also auch besonders schön macht:

Parka – „Licht für Dich“

Sammelsurium -114- (Sechs Sprüchlein und ein Lied)

Aus der Kiste meiner (un)sinnigen Gedanken gibt es heute wieder einmal eine kleine Auswahl, zur Zustimmung, zum Nachdenken, zum Hinterfragen, zum Widerspruch … :

 

Verletzungen, die im Inneren geschehen, sind die gefährlichsten, im Zweifel die tödlichsten. Weil sie niemand sieht.

*

Es liegt ebenso viel Tragik wie menschliches Versagen darin, dass grundsätzlich erst in der schwärzesten Dunkelheit auch die ganz kleinen aber oft so viel engagierter als die großen scheinenden Sonnen überhaupt wahrgenommen werden. Wenn es denn wenigstens dann geschieht! Mutmaßlich aber werden Tragik und Versagen also wie zuvor präsent sein, wenn es auch nur beginnt, wieder ein bisschen heller zu werden.

*

Der „Freitod“ ist ein Unwort. Keine Selbstverletzung geschieht aus freier Entscheidung, geschieht freiwillig. Und schon gar kein Suizid. Menschen, die sich selbst verletzen, sich am Ende gar selbst töten, sind nicht frei.

*

Der Gesichtsausdruck einer jeden singenden Blaumeise ist so engagiert, so unbewusst mutig und zeigt zugleich so viel Unbeirrbarkeit, Reinheit, Unschuld und Güte! Wenn wir doch von Parlamenten von Blaumeisen regiert werden könnten …

*

Wenn die Natur am stillsten ist, schreit sie am lautesten. Viele Menschen, die still werden, sind ihr am Verwandtesten.

*

Wege sind immer schon von anderen Menschen beschritten worden. Wer wirklich Eigenes, Neues versuchen oder gar schaffen will, muss irgendwann alle schon bestehenden, benutzten Pfade verlassen.

***

Ein sehr schönes Lied mit eingängiger Melodie und einem ausdrucksstarken Text, der, ein bisschen mehr oder weniger „übertragen“, durchaus in die Jetztzeit passt:

Frazey Ford – „Done“

Tagebuchseite -865-

Vom Rauch in dieser Welt

Dunkler, sich leise kräuselnder Rauch steigt aus einem Schornstein auf und zieht über dem kupfergoldenen Firmament dahin. So ist es fast immer für ein paar Minuten, wenn nach sonnigem Tag der strahlende Stern in den Horizont eintaucht.

Bildete der Rauch eine ganz gewöhnliche, harmlose Wolke, so könnte ich Schönheit sehen. Aber kein Rauch ist harmlos, und so ist die Schönheit trügerisch.

Ganz nah von dem Ort, wo der Rauch aufsteigt, steht ein Krankenhaus. Das Krankenhaus, dessen Geräusche, Gerüche und Atmosphären mir noch so sehr gegenwärtig sind. Während eines normalen Jahres werden dort etwa 45.000 Menschen behandelt. Junge und Alte. Solche, die noch ungeborenes Leben in sich tragen. Und andere, in denen der Tod schon begonnen hat, seine Saat zu säen. Manche derjenigen wissen bereits davon, andere ahnen noch nichts.

Vom Krankenhaus aus ist der Rauch nicht zu sehen. Niemand dort aber auch niemand sonst kann sagen, wo er hinzieht, wen er mitnimmt auf seinem Weg in die Unendlichkeit wo er selbst schließlich unsichtbar wird und, diejenigen, die er mitnahm, verschwinden. So wie eines Tages die Buchstaben auf ihren Grabsteinen und schließlich ihre Grabsteine selbst.

Ein Mensch muss anderes hinterlassen haben als seinen Grabstein. Sonst ist er unweigerlich früher oder später vergessen. So, als ob es ihn nie gegeben, er nie gelebt hätte auf Erden.

Ich bin so klein. So klein, dass die Endlichkeit unserer Welt für mich unendlich ist. Nicht einen Bruchteil dessen, was sie ausmacht, vermag ich zu erspüren, ergründen, zu begreifen, zu verarbeiten, zu verstehen.

Zu dem, was ich in unserer Welt spüre, gehört seit ein paar Jahren der Rauch, der unsichtbare der Unendlichkeit, die die Welt für mich ist. Er ist allgegenwärtig und von nicht fassbarer Gestalt. Manchmal trägt er sogar Namen, die ihm die Menschen gegeben haben. Seine Quellen sind zu viele. Aber menschliche Seelen gehören auch dazu, zu seinen Quellen. So viel weiß ich.

Wer seine Augen öffnet, wessen Sinne wach sind, wer nicht gleichgültig ist, spürt den Rauch in diesen Wochen besonders. In einer seiner Gestalten ist er gerade sehr fühlbar, manchmal sogar zu sehen. Nicht nur nah bei Krankenhäusern. Aber dort gerade besonders. Und sein, ihm von Menschen gegebener Name ist derzeit buchstäblich in aller Munde.

Heute war wieder so ein sonniger Tag. Ich werde am Abend wieder den kräuselnden Rauch nah beim Krankenhaus sehe können.

Und es wird nicht schön sein und auch nicht schöner werden können, wenn ich mir vorstelle, dass es auch Seelen gibt aus denen nie Rauch, sondern immer nur Liebe aufsteigt.

Denn vor allem diese Seelen sind es, die so sehr bedroht sind.

Von diesem Rauch und den so vielen anderen, von denen, die über den Flüchtlingslagern, über den Slums, den zerstörten Städten und Dörfern, den Orten wo Frauen und Kinder missbraucht werden, in die Atmosphäre steigen. Die jene sind, die zu den schwärzesten und vor allem in diesen Wochen so schnell und so sehr vergessenen gehören.

***

Lily Kershaw feat. Jon Bryant – „The sea“

 

Tagebuchseite -864-

Zum Frühlingsanfang 2020

Es ist Frühling geworden. Wie nebenbei, zumindest scheinbar von kaum jemandem bemerkt. Die Zeiten, wo der Frühlingsanfang in so mancher Zeitung wenigstens eine kleine Schlagzeile wert gewesen ist, sind offensichtlich vorüber.

Es ist Frühling geworden, und so viele sehen es nicht mehr. Nicht mehr wirklich. Seit Jahren schon nicht. Weil sie woanders sind, woanders „gebraucht“ werden, woanders Zerstreuung und Dazugehören suchen als dort, wo sich der Frühling regt.

Dem Frühling ist es egal wo wir sind. Er braucht uns nicht. Wenn wir anderswo Zerstreuung und Dazugehören suchen, ficht ihn das nicht an.

Die Straßen und Plätze sind nahezu menschenleer. Die von einem Virus offenbar gemachte Agonie liegt über der Welt. Es ist trotzdem Frühling geworden hier, so, wie diverse Breitengrade südlich nun der Herbst beginnt.

Was bedeutet der Beginn von Jahreszeiten in einer Welt, wo die Quartale viel mehr zählen als die Jahreszeiten, vor allem die Bilanzzahlen am Anfang und am Ende der jeweiligen Dreimonatsfrist?

Wie sehr sie zählen, wie wichtig sie sind, darüber echauffieren sich jene Stimmen, die am lautesten durch die Agonie dringen. Daneben ist vor allem von Angst, von Frust und Sorge zu hören. Mal schwingt Besinnung und Solidarität in diesen Tönen mit, mal aber auch Uneinsichtigkeit und Eigensinn. Und hinter mehr oder weniger verschlossenen Türen werden schon wieder Wetten abgeschlossen, wie, wann und wo, wenn „alles“ wieder vorbei ist, am besten und meisten zu verdienen ist.

Dem Frühling ist das egal, dem Herbst auch und dem Sommer und dem Winter. Der Lauf der Jahreszeiten ist nicht wirklich an Quartale gebunden. Und nicht an den Menschen, solange er wenigstens den Planeten noch irgendwie am Leben lässt.

Ist der Gedanke zynisch oder ist er ein wichtiger Wink, dass das Virus den Planten jedenfalls nicht töten wird? Und also auch die Jahreszeiten gewähren lässt.

Solange aber der Planet am Leben ist, werden auch die Jahreszeiten da sein, und wie er, eine Einladung an die Menschen, jede mit ihrer eigenen Botschaft. Immer und immer wieder. Ob Frieden ist oder Krieg, ob Gier beherrschend ist oder Demut. Ob frohe Gemeinschaft lebt oder Agonie fortschreitet.

Der mich heute Morgen viel zu früh geweckt hat, hat mir Freude geschenkt. Vor einem Jahr, als er es im beginnenden Frühling auch wieder und wieder tat, war das nicht so. Ich empfand sein rasselndes Geklopfe an einer Metallverkleidung oben an unserem Plattenbaublock als nervende Störung.

Der da klopft, ist ein Specht. Wo er tatsächlich wohnt, weiß ich nicht, aber ich freue mich wie noch nie, dass er da ist, wieder da ist und nun, wo Frühling ist, auch immer wieder kommen wird.

Sein Klopfen klingt aufmerksamkeitsheischend. Und auch, wenn ich weiß, dass er nicht mich oder andere Menschen erreichen will mit seiner Klopferei an der Metallverkleidung, so ist mir klarer denn je, wie sehr er Aufmerksamkeit auch und gerade von uns verdient hat. Und irgendwie finde ich es besonders schön und besonders passend, dass er, gewollt oder nicht, hierhergekommen ist, den Menschen den Frühling nicht einzuläuten sondern einzuhämmern. Weil so viele das sonst gar nicht mehr wirklich sehen und wahrnehmen würden, wie schon die Jahre zuvor nicht.

Und so wie der Specht hämmert, so gebietet uns das Virus, uns auf besondere Weise auf den Frühling einzulassen. Nicht laut, nicht in großen Gruppen, den Sang der Vögel überschreiend, nicht laut feiernd und die ersten Wiesenblumen zertretend. Sondern still, allein oder in Begleitung vielleicht eines oder einer Vertrauten, jetzt eben, weil es anders gar nicht geht.

Es bietet jenen, die all die Jahre etwas wie den Frühling aus dem Blick verloren haben, die woanders waren, die woanders gebraucht wurden oder gemeint haben, dort gebraucht worden zu sein, die woanders Zerstreuung und Dazugehören suchten – all denen bietet es die Chance wiederzuentdecken. Die Jahreszeiten. Das, was wichtiger ist als die Quartale. Das, was eigentlich wichtig ist. Jetzt eben den Frühling.

Wenn das geschähe, würde zugleich denjenigen, denen der Lauf der Jahreszeiten stets gegenwärtig war, die ihm Aufmerksamkeit schenkten und ihm mit Dankbarkeit begegnet sind, denen das Virus dennoch ohne Unterschied und Gerechtigkeit, Lebenskraft oder gar die Liebsten abverlangt, zumindest auch oder wieder Hoffnung gegeben sein.

Das ist, was ich mir wünsche, heute, an diesem Frühlingsanfang.

Mehr denn je, war mir deshalb und überhaupt der Frühlingsanfang des Jahres 2020 eine Schlagzeile wert, wenigstens hier in meinem Tagebuch.

Ich wollte und will nicht, dass er vergessen wird …

***

Heute habe ich ein Lied von einem Indie-Folk-Pop-Duo, das es bereits seit 2014 gibt und das seine Songs selbst schreibt. Sie sind voller Poesie und meist sehr melodisch. Ein Stück, das mir besonders gefällt, stammt aus dem Anfangsjahr der beiden Künstler. Es erzählt zwar nicht vom ausdrücklich vom Frühling aber es transportiert eine sanfte, liebevolle Stimmung, die mir, wenn ich zuhöre, sehr gut tut, und die in mir nachhallt, auch, wenn die Musik schon verklungen ist. Nicht das Schlechteste in diesen Zeiten … :

The Sweeplings – „Across the sea“

Tagebuchseite -863-

Philosophien eines Sonntagsspaziergangs (Über Schuld und Unendlichkeit)

Das Meer ist unschuldig. So sehr zerstörerisch es auch zu sein vermag, schuldig ist es nicht. Nie!

Nicht wenn Steilküsten angesichts seiner Kraft herniederstürzen und Menschen unter sich begraben. Nicht, wenn ein Tsunami weite Landstriche überspült und Bäume, Bauten, Existenzen und Leben unter sich fortreißt. Nicht, wenn Schiffe auf ihm in Seenot geraten und schließlich sinken und nur das Leid der Angehörigen der Seeleute, der Menschen, die auf ihm auf Reisen waren, hinterlässt.

Es kann unberechenbar sein, gewalttätig und ruinös, es kann Schmerz säen und Verlust, aber es ist und wird nie schuldig sein.

Ich durfte es wiedersehen, das Meer, nach so langer Zeit. Nicht für lange, wohl eine Stunde nur. Aber ich durfte es sehen. Als ich es sah, war es ganz sanftmütig. Friedliche Symbiose mit dem Himmel über ihm, der ihm von seinem zarten Sonntagsblau schenkte, von Federwolken durchzogen wie er war und von noch etwas schwacher Frühlingssonne wie in ein Pastell aus Weißgold getaucht.

Immer, wenn ich zum Horizont blickte, wurde ich unendlich.

Wenn man unendlich wird, verlieren sich Schmerzen in der großen Weite. Und sei es nur für Augenblicke.

Ich kostete eine Fingerspitze des kühlen, leicht salzigen Nass‘, und dieser Tropfen wärmte mein Innen ein bisschen, denn das Meer schmeckte immer noch ganz genauso wie jenes in meiner Erinnerung.

Und meine Unendlichkeit verband sich, wie früher, mit der Unendlichkeit der feinen Sandkörnchen, der Millionen Kiesel, der zahllosen Muschelschalen, dem leisen Plätschern der Brandung.

Niemand, der mich dahin und darin begleitete, obgleich ich in Begleitung war.

Manchmal scheint es mir, als ob diese Unendlichkeit für die meisten anderen Menschen zu groß ist.
Mir macht sie keine Angst. Im Gegenteil. In ihr fühle ich mich nicht einsam, selbst wenn ich allein bin, ob mit oder ohne Begleitung.

Jenes Kind in mir, das mir das liebste ist, begann zu schauen, sich ab und zu in die Hocke zu begeben, immer wieder, um einen Ausschnitt der Abermillionen Sandkörnchen, der vielen Kiesel und Muscheln, näher zu betrachten. Mal in ihrer vom Wasser umspülten, nimmer wirklich ruhenden, und mal in ihrer vom Wind gestreichelten, doch bisweilen ebenfalls bewegten Heimat des Strandes.

Und wie sehr es sich freute, dieses Kind, als es zunächst das Mittelstück eines versteinerten Belemniten und danach noch zwei schöne, kleine Hühnergötter fand. Und die machte es mir zum Geschenk, einem Geschenk, dass mir wieder und wieder Erinnerung verheißt, an jene Unendlichkeit, in der ich mich nie einsam fühle und das ich deshalb behutsam in meine Manteltasche steckte, um es mitzunehmen, dorthin, wo die Unendlichkeit nicht ist.

Das Meer ist wahrlich unschuldig. Und der Wind, der zum Orkan werden kann. Und die Sonne, die imstande ist, alles zu verbrennen. Und der Bär und der Löwe, die Menschen anzufallen vermögen, und der Skorpion und die Schlange mit ihren tödlichen Giften.

Und das Bakterium ist es. Und das Virus ist es auch: Unschuldig!

Die Natur ist unschuldig, egal, wie sie sich präsentiert. Und die Kinder sind unschuldig. Alle Kinder!

Schuld sind allein Menschen. Menschen mit Bewusstsein.

Wirkliche Schuld ist bewusste Schuld. Bewusste Schuld bleibt wird nicht unbewusster, wenn sie verdrängt wird. Schon gar nicht, wenn auch das bewusst geschieht.

Schuld ist eine allein und rein „menschliche“ Kategorie, eine allein menschliche Eigenschaft. So wie Hass, wie Geiz, wie Gier und Neid.

Wo diese Eigenschaften sind, kann keine Unendlichkeit sein. Wo sie sind, ist kein Platz für irgendetwas anderes.

So viele Kinder bekommen das zu spüren, so viele Frauen, so viele, die irgendwie „anders“ sind, farbig statt weiß, vielfältig statt einfältig, und die, die lieben mögen, ohne nach dem Geschlecht zu fragen.

Und die Natur bekommt das zu spüren.

Und das Meer …

***

Clara Louise – „Ruf meinen Namen“

 

Tagebuchseite -862-

In welcher Weise ich gegen das Virus „wie gemacht“ bin und welcher Art meine Sorgen mit Blick auf seine Verbreitung sind

Heute früh hörte ich im Radio von der Empfehlung in Zeiten wie diesen, Sozialkontakte, wenn irgend möglich, zu vermeiden.. Ich konnte nicht anders: Meine Reaktion war ein bitteres innerliches Auflachen.

Ganz abgesehen von meiner Krankschreibung, die mich jetzt schon mehrere Wochen sehr überwiegend zu Hause sein lässt, war mir schon beim Hören jener Empfehlung bewusst, dass ich mit Blick auf dieselbe gar nichts verändern muss, ja, gar nichts verändern kann. Denn außerhalb meines Arbeitskontextes, habe ich im Mindesten „nach außen“ so gut wie keine sozialen Kontakte mehr.

Da sind eine Handvoll Menschen, mit denen ich mehr oder weniger häufig telefoniere oder mich schriftlich austausche, wobei ich da das Umfeld meine virtuellen Tagebuchs schon einrechne. Da sind höchstens ein- bis zweimal im Jahr, grundsätzlich gedrängt in einen Zeitrahmen von bestenfalls vier oder fünf Tagen, persönliche Begegnungen mit paar meiner wenigen wirklichen Freunde. Das sind die Besuche alle paar Wochen bei meinem Vater. Und da sind die sehr wenigen, sporadischen sonstigen, direkten Begegnungen, mit zwei, drei netten, sympathischen Menschen, die hier in „meiner Stadt wohnen. Alle paar Wochen einmal, meistens zufällig und kurz, auf der Straße. Und allerbestenfalls ist da noch ein kleiner Urlaub im Jahresverlauf …

Zusammengenommen liest sich das sogar, als wenn es doch gar nicht so wenig wäre. Und, was die wirklichen Freundschaften angeht, so sind es zwar nach wie vor sehr wenige, aber im Vergleich zur Zeit etwa vor 10 Jahren, bin ich mit drei bzw. vier, die ich so nennen kann und mag, ungleich reicher beschenkt als vormals. Quantitativ, vor allem aber, was die Qualität dieser Freundschaften betrifft.

Einzuräumen habe ich, dass in meiner eigenen Person vielfältige und starke Gründe gegeben sind,  die es verhindern, dass ich außerhalb des sich im beruflichen Alltag quasi zwangsläufig Ergebenden mehr soziale Kontakte habe, entsprechende Interaktionen suche bzw. beginne und erhalten kann. Diese Gründe sind ebenso vielfältig, wie zu einem nicht unerheblichen Teil, sehr persönlich. Manche, der mir ursprünglich „naturgegebenen“ haben sich durch meine psychischen Probleme, meine entsprechende Krankheit, buchstäblich verschärft. In und aus der eigenen Familie treffe ich insoweit auf wenig Verständnis und Unterstützung.

Dennoch und ganz grundsätzlich kann und möchte ich niemand die Schuld daran geben, dass ich außerhalb meines beruflichen Tuns kaum soziale Kontakte habe. Und im Zusammenhang meinem Bestehenmüssen in meinem Beruf, versuche ich das so gut es eben geht zu überspielen, was freilich mitunter alles andere als einfach ist, wenn sich etwa Gespräche anderer um fast nichts anderes drehen.

Immerhin scheine ich für Zeiten, wie die eines gemeinen, noch nicht behandelbaren, sich ausbreitenden Virus, wenigstens auf eine Weise „gut gerüstet“ zu sein und ganz ohne besondere Anstrengung ein sehr soziales Verhalten zu repräsentieren. Das war’s dann aber auch. Mein Leben ist durch das Virus nicht ärmer geworden und wird nicht ärmer als zuvor. Und, dass es nun so allmählich meine ohnehin permanenten Sorgen und Ängste immer stärker befeuert, macht eigentlich auch nichts. So was bin ich ja „gewohnt“.

Dabei drehen sich diese Ängste und Sorgen gar nicht um mich, und wenn in mir Panik aufkommt, dann sind das jeweils meine ganz persönlichen Attacken und haben nichts mit den ansatzweise schon wahrzunehmenden Gemeinschaftstendenzen, die sich etwa in Hamsterkäufen manifestieren, zu tun.

Aber diese Hamsterkäufe als solche, die beunruhigen mich, die Unentschlossenheit der Politik, das Wissen um die Endlichkeit der Ressourcen der Gesundheitssysteme, das aus den Fugen Geraten der Finanzwelt mit so perfiden Spitzen wie dem Spekulieren und Wetten auf die Höhe der nächsten Kursverluste, an der sich selbst in Zeiten wie diesen Börsenzocker ungeniert bereichern.

Die Welt beginnt zu taumeln, und die Menschen sind so leicht, lenk- und manipulierbar. Und andere, keinesfalls minder wichtige Themen, wie die Notlage von Millionen Flüchtlingen, das Anhalten und Weiterführen von Kriegen wie im Jemen oder in Syrien, die nicht etwa plötzlich aufgehört habenden rassistischen und sexistischen Übergriffe, die sogar neue Dimensionen erlangende Läster, Beleidigungs-, Lügen- und Hass“kultur“ auf allen möglichen „sozialen“ Kanälen und all den anderen Dingen die so lange Themen waren, wie sie „neu“ gewesen sind.

Letzteres ist freilich nicht neu. Vor allem über weniger populären Geschehnisse und Vorgänge wird schon seit Jahren nur so lange berichtet, wie sie „Quote“ verheißen und man sie reißerisch aufmachen kann. Hintergründe werden eh‘ weitestgehend ausgeblendet. Und dann schnell zum nächsten Skandal, zu den nächsten „News“, nicht zu lange bei einer Sache aufhalten. Etwas wirklich in seiner Komplexität beleuchten und hinterfragen, geriert Langeweile. Darum geht es also nicht. Infos sind angesagt, kurz und oberflächlich, um schnell Geld zu machen. Infos sind Waren. Ex und hopp. The show must go on … –

Es wird nichts, gar nichts, dazugelernt!

Das Virus bietet nun so vielfältige Plattformen, die Menschen zu bannen, zu beeinflussen, zu lenken. Es geht immer weiter ums „Verdienen“! Die Verunsicherung, das Versagen, die nächsten Visionen, zu Themen von und bis morgen machen! Und obendrein, weil wir schließlich immer noch „die Besseren und Überlegenen“ sind, etwa mit dem Finger auf den Iran zeigen, wie „unfähig das Regime“ dort reagiert, die „Mullhas dort alles aus dem Ruder laufen lassen“ mit Blick auf das Virus. Natürlich aber kein Wort zu den Auswirkungen der umfassenden Sanktionen der westlichen Welt gegen dieses Land. –

Arroganz und Selbstgefälligkeit sterben zuletzt.

Um einen Menschen mache ich mir sehr persönlich Sorgen: Um meinen Vater. Anfang der Woche ist der vierte Versuch fehlgeschlagen, jene in ihm „tickende Bombe“ zu entschärfen. Sollte kein Wunder passieren, war es der letzte Versuch.

Es ist also nicht das Virus, was meinen Vater am unmittelbarsten bedroht. Dennoch wünsche ich vor allem ihm und Menschen, die ähnlich andere Kämpfe auszufechten, und gar nicht die Ressourcen haben, etwa Hamsterkäufe zu tätigen, vor allem, dass sie, so weit und gut es nur irgend geht, verschont und im Zweifel beschützt werden vor dem Virus. Ich wünsche ihnen, wünsche uns Besonnenheit, Solidarität, Mitmenschlichkeit, die Besinnung auf das eigentlich Wesentliche …

***

Heute teile ich ein 42 Jahre altes Lied aus der DDR. Es stammt sage und schreibe aus dem Jahr 1978 (mag deshalb für moderne Ohren ein bisschen ungewohnt klingen) und wurde geschrieben und aufgeführt von „Karat“, jener Band aus dem Osten, die heute vor allem und bisweilen alleinig mit dem Lied „Über sieben Brücken musst Du geh’n“ in Verbindung gebracht wird. „Karat“ hat aber über einen sehr langen Zeitraum sehr bemerkenswerte Songs kreiert und gespielt, darunter immer wieder sehr schöne und ausdrucksstarke Balladen.

Eine sehr stimmige, schön arrangierte, instrumentierte und getextete Ballade, die leider sehr in Vergessenheit geraten ist, ist „Märchenzeit“. Es ist ein Lied, dass eine Kindheitserinnerung zum Gegenstand hat, dessen eine Sehnsucht enthaltende Botschaft aber eine so aktuelle und auf so viele Gegebenheit passende ist, dass es schon fasziniert. Ich habe „Märchenzeit“ kürzlich wieder einmal gehört und empfunden, dass das Lied mich gerade in diesen Tagen ganz besonders berührt. Vielleicht geht es ja auch anderen Menschen so. Hier ist:

Karat – „Märchenzeit“

Tagebuchseite -861-

Glückes Zufälligkeit

Es fühlt sich sehr merkwürdig an während der ersten Minuten, der ersten halben Stunde, während ich einen Fuß vor den anderen setze. Die Luft tut gut, und es ist hell um mich herum. Die Sonne ist ein bisschen später aufgestanden, aber jetzt taucht sie alles in ein klares Licht. Ich greife nach ihrer Hand und lasse mich führen. Denn nur vage weiß ich, wo ich eigentlich hin will.

Was ich sehe, während dieser ersten Minuten, dieser ersten halben Stunde, ist wahrlich nicht alles schön. Das Sonnenlicht aber bringt alles zum Vorschein. Und weil es kaum Grün hat zwischen den Plattenbauschluchten und, weil es eben noch nicht wirklich Frühling ist, auch auf dem Weg durch die Moorwiese nicht, tritt alles Menschenverursachte um so deutlicher in den Fokus. Und augenscheinlich verursachen Menschen in starkem Maße Schmierereien und Müll.

Die Wahrnehmung des Unrats, lässt meine Gedanken augenblicklich dahin zurückkehren, wo ich soeben herkomme. Von der Müllhalde meiner Seele, die gerade wieder viele Stunden gefangen saß, dort wo ich wohne. Laut war es dort, von außen und von innen. Und der Lärm hat mich gejagt, nah an die völlige Erschöpfung heran.

Ich will mich nicht daran erinnern und gehe weiter und will meine Schritte links auf einen anderen Weg lenken. Da höre ich ihn plötzlich wieder ganz nah, den Lärm. Ich sehe in der Ferne ein paar Jungs auf Banklehnen sitzen oder darauf balancieren. Sie haben Bier dabei und Musik, die mir nicht gefällt. Das Beklommenheitsgefühl des Vormittags steigt wieder in mir auf. Ich spüre, dass ich nicht die Kraft habe, diese Gruppe zu passieren und wähle einen anderen Weg. Und ich versuche, an ein paar liebe Menschen zu denken, sie in Gedanken mitzunehmen und teilhaben zu lassen an dem schönen Sonnenlicht.

Die Luft wird frischer, je näher ich dem Hafen, dem Wasser, komme. Aber nicht unangenehmer. An etwas geschützteren Stellen ist es sogar mehr als erträglich. Ich halte inne, schaue über die noch verwaisten Anleger für die Yachten im Westhafen, weit hinaus, dorthin wo sich die Bucht irgendwo zum freien Meer hin öffnet.

Ich gehe weiter mit dem Ziel, in einem Bäckereigeschäft am Alten Hafen eine Pause einzulegen, um meinen Rücken nicht zu überfordern. Aber dort ist es schon um die frühe Nachmittagszeit so voll, dass ich keinen Platz finden kann. So gehe ich weiter bis zur Spitze der Hafenpromenade und setze mich einen kurzen Augenblick auf eine der Bänke dort.

Schon wieder gehen meine Gedanken auf Wanderschaft in die dunklen Gefilde, die mich bis vorhin so sehr umgeben haben im Verlauf der letzten Tage. Ich möchte das nicht und auch nicht, dass da die vielen quälenden Grundsatzfragen schon wieder in mir hochkommen.

Ein leises Platschen erreicht meine Ohren. Ein Haubentaucher ist aus dem Nichts aus dem Wasser aufgetaucht und schaut auf den Wellen schaukelnd zu mir herüber. Ich muss lächeln. Lieber kleiner Kerl … Er schaukelt noch einen kleinen Moment, um dann ebenso schnell wie er gerade aufgetaucht war, wieder unter der Wasseroberfläche zu verschwinden. Ich sehe ihn danach nicht wieder. Und es scheint mir, dass er nur deshalb gerade jetzt einmal schnell aus dem Wasser gespitzt ist, um mich am Abrutschen in das Gedankendunkel zu hindern. Ich fühle mich sehr berührt …

Als ich in den Himmel schaue, sehe ich zwei Kormorane durch die Luft schnellen.

Ich erhebe mich von meiner Bank. Die Pause war zwar sehr kurz, aber um länger sitzend hier zu verweilen, ist es doch noch ein bisschen zu kühl. Ich laufe also weiter, in die Innenstadt hinein, um einen Strauß Blumen zu kaufen. Nicht für mich. Oder doch, ein bisschen. Denn sie werden schließlich zu Hause stehen, und so werde auch ich sie ansehen können. Und ich weiß jetzt schon, dass ich das oft tun werde. Ich mag Blumen sehr.

Ich bemerke, dass es nun wirklich Zeit wird, heimwärts zu gehen. Die Länge des Weges, die sich ergeben hat, und die Tatsache, dass ich keine richtige Pause einlegen konnte, machen sich nun doch ein wenig bemerkbar. Nicht in Form von Schmerzen. Aber ich empfinde eine Erschöpfung im Rücken.

Während ich durch die kleine Straße mit der Kaffeerösterei gehe, gewahre ich schon von fern ein sich seitlich neigendes, mir zulächelndes Gesicht. Es ist eine Frau, die einen Kinderwagen vor sich herschiebt und die ich im nächsten Augenblick erkenne.

Es ist K., jene Kollegin, die ich Mitte vorigen Jahres nur noch für etwa zwei, drei Wochen kennenlernen durfte, als ich noch in meinem alten Projekt arbeitete.

Ich habe K. sofort gemocht, und auch, wenn wir uns nach jenen zwei, drei Wochen nur noch sporadisch begegnet sind, ist die Sympathie geblieben. K. ist eine sehr aufmerksame, freundlich-zurückhaltende Person, mit der man sehr schön ins Gespräch kommen kann. Ein Mensch, dem man ansieht, dass er grundsätzlich nichts Böses in sich trägt, der Ruhe, Verlässlichkeit und Vertrauenswürdigkeit ausstrahlt. Ich habe sehr bedauert, nicht länger mit ihr zusammengearbeitet haben zu können. Immerhin haben wir uns nie ganz aus dem Blick verloren. Wenn wir uns sehen, freuen wir uns wohl beide, und, wenn auch selten, geht auch mal eine SMS zwischen uns hin und her.

K. fragt mich sofort freundlich, wie es mir geht, wie es im Krankenhaus war. Ich erzähle kurz und erkundige mich auch bei ihr. Sie arbeitet Vollzeit und muss dabei manchmal auch unterwegs sein. Das ist nicht einfach mit einem gut zweijährigen Jungen, wenn außer dem Freund, der auch arbeitet, niemand in erreichbarer Nähe ist, der mal einspringen könnte. Ich erinnere mich an die Zeit als mein Sohn so klein war, und ich verstehe sie gut.

Es wird so schwierig sein, sich mal auf einen Tee oder Kaffee zu treffen, aber wir wollen es weiter probieren. Das ist die Verabredung, während der mir K. freundlich lächelnd ihre Hand reicht und wir uns gute Zeit wünschen.

Die zufällige Begegnung mit K. begleitet mich nun auf meinem Heimweg, und ich laufe keine Gefahr mehr, mich in der Dunkelheit in meinem Inneren zu verlieren.

Als ich zu Hause ankomme, ist es ruhig dort. Mein Sohn ist in seinem Zimmer, „zocken“ mit ein paar Kumpels. Ich schneide den kleinen Rosenstrauß an, stelle die Blumen ins Wasser und koche mir einen Pfefferminztee.

Während die ersten warmen Schlucke in mein Inneres rinnen, denke ich an die Sonne, den Haubentaucher, an K. und reise noch ein Stückchen weiter zu Menschen, die in den Stübchen meines Herzens wohnen. Und ich fühle mich das erste Mal seit Tagen, wenigstens für diesen Moment, ein bisschen geborgen und bin sehr dankbar, für die Zufälligkeiten des Glücks, die ich eben da draußen dann doch noch erfahren habe.

***

Über Aisha Badru weiß ich nicht mehr, als dass sie eine Sängerin und Songschreiberin aus New York ist und wunderbar ausdruckstarke Lieder mit tiefgehenden Texten schreibt. Sie hat einen wachen, kritischen und zugleich schönen Blick auf unsere Welt  unser Denken und Tun und lässt ihre Gedanken und Botschaften dazu mit viel Poesie und Melodie in ihre Lieder fließen. Sie ist bisher kaum bekannt. Eines ihrer schönsten Stücke für mich ist dies hier:

Aisha Badru – „Enough“

Gedanken zu Aphorismen -25-

„Zu einer Minderheit zu gehören, selbst zu einer Minderheit von einem einzigen Menschen, stempelt einen noch nicht als verrückt“ – George Orwell in: „1984“-

Es kommt nicht mehr darauf an, wo meine Reise hinführt. Wichtig ist, dass ich weiterfahre, weitergehe. Auch und gerade dann, wenn ich dabei allein oder gar einsam bin.

Wichtig ist, dass ich mich nicht verliere. Und wenn ich mich verloren habe, dass ich mich dann wiederfinde und mich damit arrangiere, so, dass die Reise nicht nur Anstrengung ist, nicht nur Frustration produziert, Schuld- und Versagensempfinden. Auch dann nicht, wenn das Wiederfinden und Finden eben immer mehr nur noch in und bei mir selbst geschieht.

Seit meiner Entlassung aus dem Krankenhaus habe ich mich sehr verloren. Sehr.

Mein aktuelles Wiederfinden hat vielleicht gestern begonnen.

Ich spürte da etwas, ganz sachte zunächst. Ich hatte ein Buch, einen Roman, aufgeschlagen und darin die ersten Seiten zu lesen angefangen. Und, es war, als ob das Lesen mich erdete. Allein die Tätigkeit des Lesens in diesem Buch. Als ich es nach etwa 40 Seiten beiseitelegte, begann ohne weiteren Anstoß eine Art des Nachdenkens in mir. Klaren Nachdenkens, als solches auch irgendwie unbarmherzig, weil es einige Ergebnisse zeitigte, die überhaupt keine schönen sind. Die ich, und gerade das wurde mir klarer denn je, hinnehmen muss, MIT ihnen leben muss, auch wenn ich sie in meinem Inneren nicht zu akzeptieren vermag.

Wie das gehen kann, gehen soll, weiß ich noch nicht. Und es ist besonders schwer, insoweit einen Weg zu finden, wenn immer wieder neue Tropfen die unbarmherzigen Ergebnisse meines Nachdenkens weiter nähren. Und just heute hat es schon wieder getropft. Und es tropft jeden Tag mehr, aus unterschiedlichen Wolken, die an meinem Lebenshimmel ziehen.

Wenn nur die vielen Verpflichtungen, Zwänge nicht wären, aus denen eine Flucht unmöglich ist, wenn man nicht wirklich Aussteiger werden will oder kann. Ich glaube inzwischen schon, dass ich das wirklich wollen würde, aber ich verfüge weder über das Können noch die Kraft, das zu realisieren. Weil das so ist, macht es keinen Sinn für mich, mich weiter damit zu befassen. Eine Option, die nicht zu bewerkstelligen ist, ist keine Option. Allein die Verheißung, dass das Weiterfahren, Weitergehen dann eben auch allein, einsam gar, tatsächlich möglich wäre, ist keine Option.

Es ist nicht wahr, dass man seine Träume leben kann, so wenig wie wahr ist, dass es Freiheit im allumfassenden Sinne gibt.

So paradox das erscheint, so wahr ist vielmehr: Die umfassendste Freiheit ruht in der eigenen Gefangenschaft, im Seelen-Ich, dort, wo ich allein, einsam, bin. Nur aus dieser Freiheit vermag Menschlichkeit zu erwachsen. Und so sind die Momente jene höchsten Glücks- und Freudeempfindens, während der ich ein Stückchen dieser Freiheit nicht nur an andere Menschen weitergeben, sondern mit Menschen wahrhaft teilen kann. Diese Momente aber sind selten, sind besonders, sind kostbar.

Und es sind und bleiben MOMENTE, vor allem dann, wenn die eigene Seele zu schwach, zu mitgenommen, zu beansprucht ist, ihr seltenes unmittelbares, direktes Erleben, mitzunehmen auf jene viel längeren, schwereren und so trostlosen Abschnitte der eigenen Reise, und zwar im beständigen Empfinden genau jener Unmittelbarkeit, die dann, bedingt etwa durch örtliche Entfernung, nicht mehr tatsächlich vorhanden ist.

Das Vertrauen auf die Unmittelbarkeit wirklicher Seelenverwandtschaft in beständiges, unmittelbares Empfinden zu verwandeln, das ist wohl die Kunst, die es bräuchte, um das Weiterfahren, Weitergehen, machbar(er) zu machen.

Kann man diese Kunst erlernen, Kann man sie beherrschen. Kann ICH das? Oder ist auch das eine utopische, nicht umsetzbare und also KEINE Option?

Eine zaghafte, leise, aber immer eindringlicher werdende Stimme spricht zu mir, dass ich das können lernen MUSS. Dass ich mich in dieser Option finden muss, auch genau in ihr immer wiederfinden muss, wenn ich wieder verloren gehe. Denn das wird immer wieder passieren. Insoweit mache ich mir nichts mehr vor (was Resultat eine früheren Weiderfindungsprozesses ist).

Die noch leise Stimme sagt mir auch, dass ich immer wieder versuchen muss, anderes, vor allem das, was Verpflichtung, was Zwang ist, das, was sich mir als Heuchelei, als Unehrlichkeit, als Charakterschwäche, als Gleichgültigkeit, als Rechthaberei, Machtgehabe, Arroganz und Anmaßung darstellt, so wenig wie möglich an mich heranzulassen. Auch und gerade, weil ich weiß, dass es insoweit immer nur bei mehr oder weniger kläglichen Versuchen bleiben wird. Hochsensibel zu sein lässt sich nicht abschalten.

Ich habe begonnen mich wieder zu finden. An diesem unwirtlichen Ort, dem der Unbarmherzigkeit, den weitere Tropfen weiter nähren werden. Ich bin auf Bewährung hier. Mich wiederzufinden heißt nicht mehr als mir dessen wieder bewusst zu werden.

Solange ich noch krankgeschrieben bin, muss ich mich bewähren gegen die Trigger, die aus der Wohnung über mir dringen, heute Abend zur besonderen Herausforderung einmal wieder so intensiv, dass ich es nicht ignorieren kann, gegen das Empfinden von Einsamkeit. Ich muss mich bewähren in der Anwendung des Wissens um die Notwendigkeit, mit mir allein aus Dingen nicht Traurigkeit sondern Freude werden zu lassen, die mir Freude wären, wenn ich sie nicht allein tun müsste, und Dinge, die mir unangenehm sind, die mich verunsichern, nicht in Angst und Panik wachsen zu lassen

Und dann, wenn ich wieder arbeiten gehen muss, geht dieses Bewähren weiter und wird zu einer noch weit größeren Dimension wachsen, jener, die mich schon stets und ganz und gar gefordert hat.

Es kommt nicht mehr darauf an, wo meine Reise hinführt. Wichtig ist, dass ich weiterfahre, weitergehe. Auch und gerade dann, wenn ich dabei allein oder gar einsam bin.

Kurzfristig gilt es, meine Dämonen irgendwie in Schach zu halten und die Nacht zu schaffen. Andere Gesellschaft habe ich mal wieder nicht. Und morgen, mich zu überwinden, es hinzubekommen, mit mir selbst zum Hafen zu gehen, über das Wasser zu schauen, Menschen zu sehen und Schiffe und Möwen, und vielleicht noch irgendetwas Schönes zu entdecken. Und darüber und überhaupt nicht (wieder) trauriger zu werden.

Es ist so schwer, sich einsam zu fühlen, es mutmaßlich sehr oft tatsächlich zu sein und doch weiterzugehen, immer wieder um des Weitergehens willen, und nicht verrückt zu werden …

***

Milo Greene – „Silent Way“

 

Tagebuchseite -860-

Solange es noch geht

Es ist Abend, spät, kurz vor bevor ich die Augen schließe, mit der immer wieder trügerischen Hoffnung, dann vor allem zu vergessen.

Was am Fenster meiner Seele vorbeizieht, in diesem letzten Augenblick bewussten Bewusstseins ist nicht schön. Nichts davon ist schön.

Es sind die Bilder vom Kopf eines Menschen im Fadenkreuz einer Waffe, abgebildet auf einem Plakat mitten in einem Fußballstadion. „Hurensohn“ steht darunter auf einem anderen Transparent. Es ist nicht das einzige Fußballstadion, in dem sich mir diese Bilder zeigen.

Es sind Bilder von Hamsterkäufen in Supermärkten und Discountern. Ich stehe vor leeren Regalen und höre Menschen von einem Virus reden, aber ich verstehe sie nicht. Und ich erinnere mich an die tägliche Zahl der Verkehrstoten in Deutschland, und die Zahlen der an der Grippe alljährlich Versterbenden, und verstehe nicht die Empfehlung, sich mit Mineralwasser einzudecken. Steht der Zusammenbruch des Trinkwassersystems in Deutschland bevor? Und ich verstehe nicht die Radiomoderatorin, die diverse Beispiele aus den asozialen Netzwerken anführt, so wie das von dem „lustigen“ Foto eines Menschen mit einem vor den Mund gebundenen Slip. Die Atemschutzmasken wären „aus“ gewesen. Mir läuft ein Schauer über den Rücken.

Es sind die Bilder von einem über den Pflegenotstand Fabulierenden und der Notwendigkeit entsprechende Fachkräfte aus dem Ausland zu rekrutieren. Während mir seine Worte durch mein Innen geistern, erinnere ich mich an die kürzlich gelesene Nachricht, wonach über 300.000 gut ausgebildete und teilweise vieljährig bewährte Pflegefachkräfte aus Deutschland ihre Arbeitsstellen verlassen haben, weil sie die Arbeitsbedingungen nicht mehr ertragen, nicht mehr aushalten, konnten. Und ich erinnere mich auch dort gelesen zu haben, dass die Hälfte dieser Fachkräfte bereit gewesen wäre, in ihren Beruf zurückzukehren, wenn sich insoweit wirklich etwas zum Besseren ändern würde. Und mir fällt jene ehemalige Kollegin ein, die zu ihrer Mutter nach Rumänien zurückkehrte und mir ein paar Wochen später schrieb, dass dort aufgrund von Abwanderung bzw. Abwerbung in den Westen ein riesiger Mangel an Ärzten sowie Gesundheits- und Pflegekräften herrsche, und sie mit ihrer Mutter eine zuletzt über 100km lange Fahrt auf sich nehmen musste, in der Hoffnung diese einem Facharzt vorstellen zu können.

Es sind die Bilder, die einen weinenden Fußballtorwart zeigen, der sich aktuell nicht in bester Spielform befindet und am vorletzten und am gestrigen Spieltag mehrere Patzer beging, die zu Gegentoren führten. Außerdem wurde bekannt, dass er ab der nächsten Saison bei einem anderen, einem „verhassten“ Verein spielen wird. Er weinte, weil er von den eigenen „Fans“ beschimpft und beleidigt wurde und von denen der anderen Mannschaft zusätzlich verhöhnt. Ja, in ihrer Häme, ihren Beschimpfungen wurden urplötzlich die Fanlager unterschiedlicher Clubs solidarisch. – Ich erinnere mich an die „Betroffenheit“ als vor Jahren der ehemalige Nationaltorwart Enke Suizid begangen hatte …

Es sind die Bilder der rassistisch motivierten Mordserie von Hanau, des in die Karneval feiernde Menge von Volkmarsen rasenden Autos.

Es sind die Bilder von jener jungen Frau, die anlässlich eines Besuchs bei uns quasi in einem Atemzug davon sprach, Vegetarierin geworden zu sein, nicht zuletzt um Tiere zu schützen und davon, dass sie es so sehr liebe mit der Mode zu gehen, und es so wunderbar sei, dass man immerfort so unkompliziert bestellen und zurücksenden könne und wie stattlich das Garderobenarsenal in ihrem Kleiderschrank angewachsen sei. Und für Ledertaschen habe sie eine besondere Schwäche. Und meine Frau hörte ich sagen, dass man nur einmal lebe.

Es sind die Bilder, wie die der EU-Politiker, die sich nicht auf einen gemeinsamen Haushalt einigen konnten, wie bockige Kinder nur noch in kleinen „Interessengrüppchen“ debattierten und, ohne ein Ergebnis erreicht zu haben, wieder von dannen fuhren, während beispielsweise aktuell etliche soziale Projekte, die bislang aus EU-Mitteln gefördert wurden kurz vor der Schließung stehen. Es sind die Bilder vom Gezänk innerhalb unserer gewesenen „Volksparteien“, von den von Enttäuschung und Hass getragenen Äußerungen jener Menschen in diversen Fernsehinterviews, die entweder gar nicht mehr oder AfD wählen.

Es sind die Bilder von den Flüchtlingen an der türkischen Grenze und die der Politiker, die tatsächlich und unisono dieselben heuchlerischen, sinn- und substanzlosen Reden halten wie in den Jahren 2014 und 2015 als hernach die „Flüchtlingskrise“ über „den Westen“ „hereinbrach“.

Es sind die Bilder, die ich zwischen den Zeilen zahlreicher Hilferufender sehe, Bilder von Kulten, zu deren Wesen es gehört, Frauen und Kinder zu quälen, zu missbrauchen, zu foltern, bis die eine Persönlichkeit das nicht mehr zu ertragen vermag und sich in viele spaltet, die dann wieder jede auf jeweils andere perfide, menschenverachtende, sie jeder Würde beraubende Weise „bestraft“ werden. Und kaum ein Täter wird belangt.

Es sind Bilder, Bilder, noch mehr, noch viel mehr solche Bilder, ein unendlicher Film. Er hört nicht auf. Er wird immer länger und er wird immer noch mehr Horrorfilm. Der Horrorfilm der Realität.

Ja, ich höre schon das „Aber“.

Und nein, ich übersehe die Bilder, die Schönes zeigen, Humanität, Hilfe, Lebensfreude, nicht. Ich sehe das Engagement für Klima- und Umweltschutz, sehe die vielen ehrenamtlichen Helfer in Hospizen oder in der Nachbarschaft, die jungen Forscher, die mit Elan Lösungen suchen und finden im Sinne wirklichen Menschheitsfortschritts und diejenigen, die sich mitunter bis zur Selbstverleugnung um die vielen Opfer, Gestrandeten, Geschmähten, die vielen „Verlierer“, kümmern, sie aufzufangen, ihnen Zuwendung zu geben suchen. Und ich lese die „Gänseblümchen der Woche“ von Dieser und Jenem, und mein Kummer darüber, dass mir selbst viele der dort aufgeführten kleinen Dinge nicht (mehr) beschieden oder erreichbar sind, wird klein hinter der Freude darüber, dass andere Menschen sie noch oder wieder haben und erleben dürfen. Dies alles und noch viel mehr Gutes, Positives sehe ich.

Nicht zuletzt sehe und spüre und fühle ich es in tiefster Tiefe, wie sehr ein paar andere Menschen, mir geben, für mich da sind.

Im Ganzen gesehen aber, so erkenne ich es inzwischen, stimmt die Relation nicht mehr. Das Negative, das Böse, das Perfide und Gierige, ist dem Positiven, dem Guten, dem Aufrichtigen und Demütigen voraus. Und der Abstand vergrößert sich mit jedem Tag, jeder Stunde.

Aufgeben gilt nicht und geht nicht. Aufgeben wäre im Ergebnis nicht besser als gleichgültig sein oder werden und also negativ.

Aber meine Hoffnung ist fort. Endgültig.

Und meine Kraft wird immer weniger.

Der nächste Abend kommt, mit den nächsten Bildern. Und die Nacht ist ungewiss bis auf die Gewissheit, dass ich seit unzählbaren Jahren nicht mehr schön träumen kann.

Und der nächste Morgen kommt.

Und irgendwie schaffe ich es wieder, noch einmal aufzustehen. Zitternd an ganzer Seele und von Schwindel befallen, doch mit dem Vorsatz, wenn ich es irgend vermag, immer noch und doch wieder ein Stückchen Liebe zu teilen wollen.

Solange es noch geht, solange ich noch irgend kann.

***

Mir ist zwar nicht einmal mehr nach Galgenhumor, aber ich habe zuletzt ein Stück Musik entdeckt, das wohl genau den verkörpert. Irgendwie kommt die Gruppe, die das betreffende Lied geschrieben hat und intoniert ein wenig wie „Die Ärzte“ daher. Unterschied: Sie tun es melodisch-deutsch-rappend. Und auf so eingängige Art, dass sogar ich es gern höre. Ihr Vorschlag zur Rettung des Friedens und zur Lösung von Konflikten auf der Welt ist so simpel: Pizza!

Antilopen Gang – „Pizza“

Tagebuchseite -859-

Das Beschreiben einer Seite, so, dass sie leer bleibt

So lange sitze ich schon vor dieser Tagebuchseite, die bis eben noch wahrhaft ein unbeschriebenes Blatt gewesen ist …

Es ist so surreal:

Unmengen von Nachrichten, von denen leider heutzutage 40 Prozent Spekulationen, 40 Prozent Halbwahrheiten und bestenfalls 20 Prozent Informationen sind, denen freilich nur selten hinreichende und unparteiische Auskünfte und Erläuterungen zu ihren Hintergründen beigefügt sind, erreichen mich. –

Ich bin vielseitig interessiert, möchte nicht abseits stehen. Aber es ist zu viel. Zu viel auch, zu dem mir eine eigene Meinung auf der Zunge liegt, zu viel, worüber ich mich gern tiefergehend austauschen möchte, zu viel, wozu ich Verständnisfragen habe, sich Widerspruch in mir regt, zu viel auch, woran ich mehr und mehr verzweifle.

Ich weiß darob nicht wohin mit meinen Emotionen, würde sie mir am liebsten von der Seele schreiben, kann aber nicht. Weil es zu viel ist, weil ich nichts auslassen möchte, weil ich so sachgerecht und differenziert wie möglich hinterfragen, darlegen und argumentieren will. So wie ich es mir auch von anderen Menschen wünsche, wie ich mir Gespräche vorstelle, Kommunikation miteinander.

Ich habe sogar das Gefühl und daraus erwachsend den Anspruch, es stets genau so tun zu müssen. Notwendig! Und tue es dann doch nicht. Weil ich nicht kann. Und es fühlt sich an wie Versagen. Und das ist es wohl auch.

Aber das ist nicht das Einzige.

In mir sind so viele Gedanken, Wünsche, Dinge, die ich anderswo gelesen habe, Geschehnisse und Episoden unterschiedlichster Art, denen ich selbst beiwohnte oder die ich angesehen habe, freiwillig oder nicht, Fragen, Träume, Wünsche, Erinnerungen, mit denen es mir ganz genauso geht.

Sie sind zu viele. Jede einzelne wird Emotion, nein, Emotionen. Auch zu viele. Und so verharre ich schließlich wieder.

Seiten bleiben ungeschrieben, bleiben leer, weiß – ganz und gar Widerspruch seiend zu dem, was in mir vorgeht.

Mein ganzes Leben, seit ein paar Jahren jedenfalls auch als solches für mich spürbar, erkennbar, ist so. Surreal. Zu viel von allem, manches „zu wenig“ darin eingeschlossen, nicht (mehr) beherrschbar. Nicht für mich.

„Konzentriere Dich auf das Wesentliche“ höre ich „aus dem Off“. „Höre dabei auf Dich!“ „Stelle das in den Mittelpunkt, was Dir wichtig ist, was Dir gut tut!“

Was aber, wenn ich von dem, was mir gut täte, nicht leben kann? Wenn das, was mir wichtig ist, nicht in die Zeit passt, mir diese selbst, die Reaktionen der Menschen, zeigen, dass, was mir wichtig ist, im großen Weltgetriebe überhört, nicht für maßgeblich gehalten wird. Wenn millionenfaches Tun und Handeln allüberall das bestätigt.

Was ist „DAS Wesentliche“? Wenn es das wäre, was etliche Menschen vorgeben, dass es das sei, bestünde noch etwas Hoffnung. Das Dilemma, dass zwischen Vorgabe und Handeln aller meistens keine Übereinstimmung besteht freilich, verneint sogar den gewählten Konjunktiv. Und dann kommen noch jene Menschen hinzu, die gleich bekennen, dass ihnen völlig Anderes wesentlich ist oder die, die sagen, dass ihnen grundsätzlich alles egal ist.

Einem Menschen, dem es an Unabhängigkeit, zuvorderst materieller, fehlt, mag wissen, was ihm wesentlich ist, was ihm gut täte. Er wird es nicht umsetzen können.

Er kann sich um Kopf und Kragen schreiben, diese Möglichkeit, dieses Leben, diese Art zu leben, bleibt ihm.

Wenn er denn kann …

*

Diese Tagebuchseite erscheint mir, obwohl ich sie nun schließlich doch vollgeschrieben habe, so weiß, so leer, als wenn ich es nicht getan hätte.

***

Ich habe gestern eines der für mein Empfinden schönsten, berührendsten und aussagekräftigsten Lieder über die Freundschaft finden dürfen. Nie zuvor habe ich erfahren, wie sich in einem einzigen Lied wohl so ziemlich ALLES dazu ausdrücken lässt, mittels einer so einfachen, eingängigen aber ganz und gar passenden Melodie und einer Sprache, die von so bezaubernder Poesie ist, dass es unmöglich ist, in oder an ihr etwas kitschig oder gar schwülstig zu finden. – Ich habe das Lied, dieses Meisterwerk, gestern das erste Mal gehört, und dann das zweite Mal … ganz laut  … :

Enno Bunger – „Ponyhof“

Tagebuchseite -858-

Von einer Tagtraumreise und meinem Erwachen in einem Schneeglöckchenfleck aus Papier

Wie schön es hier ist!

Ein Weg, der nicht zu enden scheint, vom Zartgrün der Baumkronenblätter überdacht, die nie wieder so leuchten werden, wie wenn die Sonne im Frühjahr sie wie Pergament zu durchstrahlen vermag. Es duftet nach jungem Wald, und eine Bachstelze begleitet mich immer ein paar Meter voranfliegend, mich dann mit der Schwanzfeder wippend scheinbar wieder erwartend, um dann zum nächsten kleinen Vorausflug anzusetzen.

Der Weg verliert sich schließlich in einen schmalen Pfad, der sich aufwärts schlängelt. Ich muss ein Stück bergan steigen. Meine Füße suchen nach Trittflächen. Zwischen den vielen Moospolstern und Baumwurzeln, die den Pfad säumen und durchziehen, finden sich immer wieder kleine Erdlöcher, und aus manchem schaut mich ein kleines Waldmäuschengesicht spitzbübisch an.

Mein Pfad erreicht seine höchste Höhe. An seinem Ende öffnet sich der Wald, und ich schaue über ein Plateau, über grüne Matten mit zahllosen Wildblumen und Sträuchern, in die Ferne. Bewaldete Berge zeichnen sich am Firmament ab und über mir leuchtet nun ein blauer Himmel. Es ist Sommer geworden. Die Sonne brennt heiß. Ich lasse mich auf der Bank eines nahen Unterstandes nieder, trinke kühlen, ungesüßten Tee aus meiner Flasche und lasse die Gedanken fliegen.

Vor mir erscheint in diesem Augenblick ein schönes, gütiges, lächelndes Gesicht. Ich habe es in einer anderen Welt getroffen, einer Welt, die real ist und auch nicht. Es passt, dass es mir jetzt und hier in den Sinn kommt. Ich würde ihm sehr gern alles zeigen, was ich gerade gesehen habe, sehe und nachher noch sehen werde. Möglich sein wird das nicht, aber um so wichtiger ist mir die Illusion.

Schließlich gehe ich weiter während es langsam Herbst wird. Der Wind nimmt zu, und er nimmt mich mit den jagenden Wolken mit ans Meer. Die Sonne steht bleich, wie durch Milchglas schimmernd, über dem Horizont. Geruch von salziger Gischt und Frische mischt sich mit dem Geschrei der über mir in den Böen mit ausgebreiteten Flügeln balancierenden Möwen. Das Meer leckt die Spuren, die ich im Sand hinterlasse, fort und nimmt sie mit an die anderen Ufer, die es säumen. Wenn sie dort ankommen, an den anderen Orten, wird man sie nicht sehen können.

Manche Spur, manche Berührung zu spüren, erfordert ein bisschen Fantasie. Das ist so, weil es Entfernungen gibt. Die jeweiligen Spuren und Berührungen sind deshalb nicht weniger wichtig oder wertvoll.

So bin ich im nun Winter angekommen, in dem solches Spüren besonders viel bedeutet. Mein Weg hat mich in die Straßen einer Stadt geführt. Es herrscht ein recht hektisches Treiben hier, von dem ich nicht viel bemerke. Musikfetzen dringen an mein Ohr, es duftet nach Nüssen und mir begegnen mehrmals glitzernde Kinderaugen. Sie funkeln in mich hinein und lassen die Augen anderer Kinder aufleuchten. Diese Kinder haben mir vor Tagen einen Brief geschrieben. Mit einem ganz persönlichen Gruß von einem jeden und einer Geschichte, in der ich erst entführt und dann von eben diesen Kindern gerettet werde.

Diesen unglaublich lieben Brief gibt es wirklich, alles andere, was auf dieser Seite geschrieben steht, war und ist Erinnerung. Erinnerung, wie ich sie mir wie kleine Filmsequenzen aus meinem Herzen holen und anschauen kann, buchstäblich, immer, wenn ich das möchte.

Manchmal werde ich traurig darüber, weil diese kleinen Filme mehr oder weniger lange Zeit zurückliegen und neue nicht mehr so viele hinzukommen.

Jetzt aber kann ich gerade lächeln, weil die Erinnerungen mich heute zu jenem so nahen, so wirklichen, Brief zurückgeführt haben.

Vor Kurzem habe ich draußen zu ein paar Schneeglöckchen gesprochen. Still in einem inneren Dialog aber sehr bewusst, weil sie sich so bezaubernd von der tristen Umgebung abgehoben und mich berührt haben, wie die unsichtbaren Spuren, die das Meerwasser bei sich trägt.

Der Brief ist wie ein Schneeglöckchenfleck in so vielem Grau. Jede Zeile, jedes Wort: ein Glöckchen.

Und so habe ich nun beschlossen, auch zu ihm zu sprechen. Ich werde den Kindern eine Antwort schreiben …

***

Ich bekomme regelmäßig Empfehlungen für Musik, die mir gefallen könnte. Während ich es sonst wenig schätze, ungefragt mit Ratschlägen, Hinweisen, Empfehlungen und anderem „gut Gemeintem“ beehrt zu werden, habe ich diese Art der Lenkung meiner Aufmerksamkeit inzwischen so sehr schätzen gelernt, dass ich es bedauere, nicht mehr Zeit dafür erübrigen zu können.

Eine ganz neue aktuelle Empfehlung, die mich erreichte, war das folgende Lied. Die Autorin und Sängerin ist eine junge Österreicherin mit einer Stimme zwischen Festig- und Zerbrechlichkeit, mit einem sanft anmutenden Ausdruck, der im Gedächtnis bleibt. Ihre Debütsingle ist soeben erschienen, und sie ist ein wundervolles Stück Indie-Pop, das die Geschichte einer zerbrochenen Liebe und Freudschaft, die ja vielleicht in einem Paralleluniversum eine Chance hat, erzählt. Ich wünsche mir sehr, dass Maria Burger alias OSKA noch viele so schöne Lieder schreibt und singt, wie dieses:

OSKA – „Distant Universe“

Tagebuchseite -857-

Keine Bergpredigt

Wie oft habe ich schon vor Bergen gestanden? – Es lässt sich nicht mehr zählen.

Etliche habe ich überwinden, bezwingen können, manche habe ich mit Freude erklommen. Ihre Anstiege waren mal sanft, unterbrochen vor Abschnitten, wo das Gehen frank und frei möglich war. Öfter einmal ging es freilich auch derart steil und unwegsam bergauf, dass, ohne sich zwischendurch festzuhalten, ein Weiterkommen ausgeschlossen gewesen wäre.

Manche Berge habe ich auch gar nicht schaffen können.

Immerhin habe ich dann jeweils eine Möglichkeit gefunden, sie zu umgehen, wenn die entsprechenden Wege mitunter auch lang und ebenfalls nicht einfach gewesen sind. Aber ich habe doch immer noch zurückfinden können auf jenen Weg, der Weitergehen ermöglichte, wenigstens bis zum nächsten Hindernis, zum nächsten Berg.

Mit Manchem habe ich mein Leben in der Vergangenheit schon verglichen, am häufigsten wohl mit einer Reise, und dabei wiederum vor allem mit einer Reise in einem Zug. Mir schien das besonders treffend, weil das Bild der an verschiedenen Stationen zu- bzw. aussteigenden Menschen mir besonders treffend erschien. Denn niemand lebt sein Leben allein. Menschen begleiten uns, mal über kürzere, mal längere Phasen unserer Lebensreisezeit.

Während der jüngst vergangenen Tage ist mir nun bewusst geworden, dass an der Metapher des Lebensreisezuges etwas nicht stimmt, dass dieses Bild eine, die entscheidende Frage, nicht im Blick hat und nicht beantwortet: Die Frage danach, wer für das Fortkommen verantwortlich ist, dafür, dass das Leben Bewegung ist. Denn Stillstand ist es nicht, so oft es auch so scheinen mag.

Die Antwort liegt quasi auf der Hand, weil es nur eine gibt: Ich bin verantwortlich. Ich allein. – Es steht häufig nicht in meiner Macht, den Weg zu gehen, den ich gehen möchte; ich habe es oft nicht in der Hand, zu gestalten, ob bzw. wie viel Regen, Sonne, Sturm oder Eis meinen Weg begleitet, wer mir wie begegnet, während ich unterwegs bin. Auch, wie lange ich bisweilen verharre, ist nicht immer nur von meinem Willen abhängig.

Aber ob und dass ich schließlich weitergehe oder eben nicht, das ist meine Entscheidung. Nur ich kann mein Antrieb sein, oder um im Bild der Metapher zu bleiben, meine eigene Lokomotive.

Nun ist die Lokomotive, die ich bin, nicht mehr das neuste Baujahr. Sie war in ganz unterschiedlich beschaffenen Gelände unterwegs, kennt die Umgebungen zweier Gesellschaftsordnungen und war gar nicht nur einmal mehr oder weniger schlimm entgleist. Sie trägt Spuren, sichtbare, und solche, die nicht oder nicht mehr zu sehen sind. Und sie ist viel bergan gefahren, nach ihrem eigenen Empfinden nahezu immer.

Nachdem einer besonders schweren Entgleisung, durfte und musste sie lange im Depot bleiben. Die Reparatur war schwierig und konnte nicht mehr völlig gelingen. Aber sie kam wieder in Fahrt, wenngleich ihr Lauf seither doch merklich unregelmäßiger, von Geschwindigkeitsschwankungen und vielem Ruckeln gekennzeichnet ist.

Wenn jedes meiner Lebensjahre ein Anhänger wäre, hätte ich schon eine stolze Zahl zu ziehen.

Manche der Lebensjahre waren und sind im Nachhinein nicht besonders schwere, andere hingegen lassen sich allein bis heute nur mit viel Mühe von der Stelle bewegen, die Erinnerungen, die in ihnen verpackt sind, sind und bleiben schwer.

Ist es deshalb mein Eindruck, dass es mir immer schwerer fällt, mein eigener Antrieb zu sein, weil jedes Jahr ein Anhänger mehr an meinen Lebenszug gekoppelt wird? Oder trügt auch dieses Bild und mein Eindruck, dass es nunmehr tatsächlich nur noch bergan geht, dass das Letzte, was sich vor mir befindet tatsächlich ein stetig ansteigender Berg ist, der nicht mehr zum umfahren geht, weil es eben der letzte ist? Den ich aber auch nicht mehr schaffen kann, schaffen werde.

Denn, das ist wohl wahr, nach längerem Nachdenken nicht zu bestreiten: Den letzten Berg vermag niemand noch vollständig zu erklimmen. Sonst wäre er nicht der letzte …

Ich versuche mir die Hoffnung zu bewahren, dass auch der Berg, vor dem ich gerade stehe und der mir so unheimlich, so riesig, so steil und so unbezwingbar erscheint, vielleicht doch noch nicht der letzte ist. Aber mich auf diese Hoffnung verlassen kann ich nicht. Ich vermag nicht, wirklich an sie zu glauben. Ich will sie nur nicht einfach fortwischen.

Ich kann und will auch nicht einfach stehenbleiben auf diesem Bergweg, der so sehr steil ist. Allein das kostet ungemein Kraft. Und wenn sie weniger wird, werde ich irgendwann einen Schritt zurückgehen, und dann wieder einen, ich werde es tun müssen. Und je tiefer ich gerate, um so grauer und unwirtlicher wird es werden, weil hier schon alles verbraucht ist, denn ich war ja schon einmal hier. Nahrung also gibt es nur weiter oben. Und irgendwann könnte ich, wenn die Schritte nach unten immer schneller werden müssen, abstürzen.

Davor habe ich Angst.

Also versuche ich weiterzugehen. Einen nächsten Schritt zu setzen, und sei es auch nur ein kleiner.

Die Angst davor, die Angst dabei ist eine etwas andere. Gespeist von der Ungewissheit wie lange es noch so weiter gehen kann. Genährt von der Gewissheit über die Größe, die Höhe, den Umfang und die steiler werdenden Pfade des Berges. Getränkt von der Ahnung, dass es der letzte Gigant sein könnte, dessen Gipfel ich nicht mehr zu erreichen vermag.

Und die Sorge mischt sich dazu , dass es auch auf diesem Weg so ist, wie es schon immer war, dass es auch künftig häufig nicht in meiner Macht stehen wird, von mehreren möglichen Wegen den zu gehen, den ich gehen möchte, dass ich es auch weiterhin oft nicht in der Hand haben werde, zu gestalten, ob bzw. wie viel Regen, Sonne, Sturm oder Eis meinen Weg begleitet, wer mir wie begegnet, während ich unterwegs bin. Auch, wie lange ich bisweilen verharren darf, wird in der Zukunft nicht immer nur von meinem Willen abhängig sein.

Ich stehe nun vor diesem riesigen Berg, vielleicht dem letzten.

Ich weiß, dass ich weiter gehen muss.

Aber ich weiß so gar nicht wie und wie das gehen soll …

***

Ich habe wieder einmal ein Lied, das unbekannt bleiben wird. Aber es ist viel zu schön und viel zu wahr, um es nicht wenigstens zu teilen:

Tonbandgerät – „Mit dieser Welt allein“

 

Verse -81-

Fatale Wahrheit(en)

Nicht Dein Lachen spricht, was wahr ist.
Dein Reden sagt nicht, was Du denkst.
Nicht eine Deiner schönen Gesten
lässt ahnen, was Du stets verdrängst.

Du gibst Dich freundlich und scheinst heiter.
Dein Charisma ist Sympathie.
Wo’s schwer ist, machst Du emsig weiter.
Dass Du schwach bist, zeigst Du nie.

Stets hörst Du zu, suchst zu verstehen,
nimmst den Alltag mit nach Haus.
Willst nicht gewinnen, nur bestehen,
doch leer sieht’s in Dir drinnen aus.

Du kannst nicht weinen, magst nicht klagen,
denn die Leere bist ja Du,
in der es schreit, das scheinbar Stille,
so hoffnungslos und immerzu.

So lebst Du fort und lächelst weiter.
Denn hörst Du auf, stirbt Deine Zeit,
die Du hast unter den Menschen.
Was Dir dann bleibt ist: Einsamkeit.

Sie ruft nach Dir, die fahle, schöne,
verheißt Geborgenheit und Ruh‘,
ist doch auch Sehnsucht, Schmerz und Trauer.
Was denkt, was meint Dein DU dazu?

Nun ist die Frage aller Fragen
also gestellt, doch bleibt’s dabei:
Nicht einsam und nicht unter Menschen –
Nirgends bist und wirst Du frei.

***

Das Paradies – „Eis auf einer Scholle“

 

Tagebuchseite -856-

Ich dachte, ich wüsste schon alles darüber, warum ich schreibe …

Manche Erkenntnis braucht etwas länger.

Bislang glaubte ich mir immerhin über eines sehr im Klaren zu sein: Über meine Motivation zu schreiben.

Schreiben zur Selbstverständigung, zum kritischen und ehrlichen Hinterfragen von Geschehnissen, Gedanken, Empfindungen, nicht zuletzt und immer wieder auch der eigenen Person, des eigenen Handelns und Denkens.

Schreiben nach und nach auch zum Austausch mit anderen Menschen, aus Freude am Schreiben selbst, am Teilen von Gedanken, auch daran, nach mehr oder weniger viel vergangener Zeit Rückschau und Rückfrage halten zu können.

Schreiben auch, weil es mir von allem was kreativ sein kann, am nächsten liegt, weil ich es mag, mich mit Sprache zu beschäftigen, mich in ihr verständlich zu machen, auszudrücken.

All das und manches mehr in diesem Zusammenhang ist mir längst gegenwärtig und ich habe es schon so manches Mal erklärt, wenn ich entsprechend gefragt worden bin.

Seit ein paar Tagen weiß ich, dass wahrscheinlich all das von einer anderen Motivation, einer, die ich bislang gar nicht gesehen habe und die ich mir nur sehr schwer eingestehen kann, überlagert ist, ja, das diese Motivation meine eigentliche ist.

Ich bin darauf gestoßen, während ich einen Roman las. Den Roman „Die Wand“ von Marlen Haushofer, einer bereits 1970 im viel zu jungen Alter von nur 49 Jahren verstorbenen österreichischen Schriftstellerin.

Dieser Roman, den ich im Übrigen mit großer Anteilnahme gelesen habe und den ich „Menschen mit Tiefgang, mit Zweifeln an „Werten“ der konsumgläubigen Gesellschaft und Menschen mit der brennenden Frage nach dem Sinn des Lebens“ (Quelle siehe: hier) sehr gern empfehlen möchte, erzählt die Geschichte einer Frau, die jäh von aller Zivilisation abgeschnitten wird und fortan gezwungen ist, ihr Leben vollständig allein zu bestreiten, wenn sie es denn weiterleben will. Der Roman selbst besteht aus den Aufzeichnungen, die diese Frau über ihr isoliertes Leben machte und führte, so lange wie die in einer Jagdhütte verbliebenen Bleistifte und Papier reichten.

An einer Stelle dieser Aufzeichnungen finden sich schließlich, freilich bestenfalls angedeutet, auch Gedanken über Motivationen für das Schreiben – Gedanken in diesem Fall geboren nicht zuletzt aus und im Kontext der besonderen Lebenssituation jener Frau.

Und aus diesen Gedanken heraus sind in mir weitergehende Überlegungen gewachsen. Und schließlich war da etwas und ist da etwas geblieben, was sich so liest:

Ich schreibe, weil ich so, wie ich werden will, nicht sein kann, nicht werden kann, nicht werden darf.

Inzwischen habe ich viele Tage über diesen Satz nachgesonnen. Und bin nun überzeugt davon, dass er wahr ist und neben dem bereits Aufgeführten sehr viel von meiner Motivation zu schreiben ausmacht und zugleich ein bisschen auch Flucht davor ist. Vor dieser (neuen) Erkenntnis.

Mein Schreiben hat überhaupt viel mit Fliehen, mit Flucht, zu tun. Ich fliehe aus der Welt, wie sie ist, in Welten, wie ich sie mir wünsche. Manchmal komme ich dabei nicht weit.

Dann bleibe ich in der Welt des Schreibens, die dann immerhin Erleichterung sein kann, die zugleich aber auch ein Gefängnis ist und bleibt. Oft jedenfalls. Weil es halt davon ausgehend, darauf folgend, nicht weiter dahin geht, wo ich sein und werden kann und darf, wie ich will. Diesen Ort gibt es womöglich, ja wahrscheinlich, nur in mir, meiner Phantasie. Das hat und ist für mich das letzte Tröstliche, was ich zu ermessen vermag. Für mich ist das von Bedeutung. Andere nennen meinen Ort und dieses Empfinden vielleicht meine Krankheit.

Mag sein, dass das sie das ist. Dass das so ist.

Meine Erkenntnis erklärt im Übrigen vieles:

Warum ich einst begonnen habe zu schreiben, findet sehr stark seinen Grund in ihr. Und auch, warum mir das schreiben oft so schwer fällt, obwohl ich es doch so liebe. Sie erklärt neben Anderem auch, weshalb größere Schreibprojekte mir schon beim bloßen Nachdenken über sie, dann, wenn Inhaltsbruchstücke als Erinnerungen in mir aufleben, buchstäblich den Atem nehmen bis hin zu jener Art Lähmung, die verhindert, dass ich auch nur einen Letter zu Papier bringen kann.

Vielleicht bewahrheitet sich darin die Wahrheit meiner Erkenntnis auf eine besonders zynische Weise:

Ich kann, ich darf, nicht so sein, so werden, wie ich sein will.

***

Wanda – „Gib mir alles“

Tagebuchseite -855-

Über die Fütterung von Marienkäfern und nur noch zwei andere meiner vielen Einfältigkeiten

Ich habe ein Augenpaar gesehen. Ich bin ihm heute in einem Kurzfilm begegnet. Sein Blick war magisch, ich werde ihn nie wieder vergessen. Weil ich diese Augen wieder anschauen können möchte, habe ich nach einem Foto gesucht. Und habe eins gefunden und bewahre es nun wie ein wunderbares Gemälde. Denn ich kann und werde mich in ihnen verlieren, wieder und wieder, so wie es mir in manchen, besonderen Gemälden gelingt.

Wenn ich in solche Augen sehen darf, auf Bildern, in Szenen auf einer Bühne oder einer Leinwand oder im Alltag, sorgen sie dafür, dass in mir ein Film zu spielen beginnt. Ein Gedankenfilm, in dem alle Bilder auftauchen, die ich in und hinter diesen Augen zu sehen glaube. Manche davon zeigen mich selbst. Meine Hoffnungen, meine Wünsche, meine Sehnsüchte. Mein Mitgefühl, mein Bedürfnis zu teilen, zu geben und nicht allein zu sein. Und ich glaube all das auch von dem Menschen, dem die Augen gehören, zu sehen. So deutlich und so intensiv, dass es mir schwerfällt, mir einzugestehen, dass vieles davon Illusion sein kann.

Ich schaue dennoch immer wieder in solche Augen, suche sie sogar, freue mich über jede derartige Begegnung. Für den Preis möglicher Desillusionierung und sicheren Empfindens unerfüllter Sehnsucht. Ich kann nicht anders. Es gibt Augenpaare, an denen ich nicht einfach vorüber zu gehen vermag. Das ist so, das bleibt so. Egal wie einfältig, wie dumm, wie am Ende quälend das sein mag.

Es nicht zu tun, hieße, es bewusst nicht mehr zu tun, hieße meine Liebe und meine Sehnsucht einzusperren.

Ich tue noch andere aus meiner Liebe und Sehnsucht geborene, einfältige, vielleicht dumme Dinge.

Ich füttere Marienkäfer. Vier oder fünf sind es mittlerweile schon. Sie haben keinen Platz zur Winterruhe gefunden. Bei unter 13 Grad Celsius vermögen sie aber nicht (mehr) zu fliegen. Draußen, bei den schwankenden Temperaturen unterhalb dieser Grenze würden sie sicher sterben. Ich bin nicht imstande, sie nach draußen zu setzen, wo sie es doch nun einmal irgendwie nach drinnen, ins Warme, geschafft haben, an verschiedene Stellen in unserer Wohnung.

Ich habe sie nach und nach zusammengetragen – hier in das Zimmer, in dem ich vor diesem Fenster sitze und schreibe. Habe recherchiert und gelesen, dass es möglich ist, dass sie einen Winter überstehen können, wenn sie ein wenig Wasser und Nahrung finden. – So habe ich ihnen das Fensterbrett meines Zimmers als Übergangswohnheim angeboten. Es steht eine Pflanze dort und es sammelt sich immer ein wenig Kondenswasser an den Fensterscheiben, und auf einen Folienstreifen habe ich einen kleinen Kleks Honig getropft, nachdem ich herausgefunden habe, dass der gut als Ersatznahrung fungieren kann.

Und nun sehe ich tatsächlich, innerlich jedesmal irgendwie glücklich, immer wieder einmal einen oder zwei oder sogar vier der kleinen Kerlchen vom Honig naschen.

So geht das nun schon ein paar Wochen. Ab und zu erneuere ich den Honigtropfen und kann den einen oder anderen der kleinen Siebenpunkte herumkrabbeln sehen. Ansonsten tun sie nichts. Am wenigsten sind sie störend. Meiner Liebe und meiner Sehnsucht schenken sie ein Stückchen Freiheit.

Ich mag sie leben lassen und möchte ihnen im Frühjahr die große Freiheit der erwachenden Natur schenken können.

Zuletzt sind mir immer einmal wieder junge Menschen begegnet, die ganz aus sich heraus kreativ sind. So kreativ, dass Geschichten, Lieder, Gedichte, Romane, entstanden sind aus diesen jungen Geistern, die etwas sagen möchten und etwas zu sagen haben. Die Nachdenklichkeit vermitteln oder Freude, Sehnsucht oder Einsichten, die reich sind und inspirierend. Die belegen, dass es in der vor allem jungen twitternden, influencenden, likenden, shitstormenden und irrlichternden Welt der Verführungen und Ellenbogen Inseln der Poesie, des Zuhörens, des Ansprechens, der Bereitschaft zu einem Austausch gibt. Einer Poesie die, zu dem, was eigentlich menschlich ist, einlädt.

Viele dieser jungen Leute haben kaum eine Bekanntheit, keine Lobby, keinen Ruhm, viele werden mutmaßlich nie viel davon erlangen. Manchem ist daran, ebenso mutmaßlich, auch gar nicht vordergründig gelegen. Vordergründig ist, dass jeder von ihnen etwas sagen möchte, niemand jedoch nur irgendwas um seiner selbst willen.

Mich rührt das so sehr an. So sehr, dass ich begonnen habe, einigen dieser Menschen zu schreiben. Ein kleines Feedback, eine Ermutigung, ein Dankeschön. Wenn es mir möglich ist, tue ich hier und da auch ein wenig mehr, etwa, indem, ich eine ihrer Geschichten empfehle, eins ihrer Lieder teile, eins ihrer Gedichte anderswo rezitiere, oder einen ihrer Romane bespreche.

Und manchmal ist es dann so, dass ich etwas zurückbekomme, ein überraschtes, begeistertes, etwas ungläubiges „Danke“ oder gar ein paar Zeilen an mich. So wie gestern die der jungen Amerikanerin, deren allererstes Lied ich in meinem Tagebuch geteilt hatte. Sie schrieb mir, offenkundig ganz voller freudiger Emotion: „Awe thank you that means the world!!!“ (Ergebenen Dank, das bedeutet die Welt!!!)

Ihr Lied war wie eines jener Augenpaare, die wie magisch auf mich wirken.

Und offenbar habe ich hinter ihnen doch wirklich etwas gesehen, was es dort tatsächlich gibt:

Jenes Leuchten, dass ich mir für alle so wünsche …

***

Sehnsucht ist an kein Alter gebunden. Hier ist sie besonders schön be- und umschrieben, wieder von so einem (noch) sehr unbekannten jungen Menschen:

Daniela May – „Sehnsucht“

Sammelsurium -113- (Vier Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Für die Fähigkeit, wirklich lieben zu können, bezahlt man.

*

Der Sinn eines Geschehnisses liegt in ihm selbst. Nur die menschliche Eitelkeit mag das nicht einsehen.

*

Politiker zu sein, und dabei ausschließlich seinem Gewissen zu folgen, ist unmöglich. Wirkliche Gewissensmenschen haben ein riesiges Potenzial wahrhaft menschliche Politiker zu sein, aber zugleich auch das größte Potenzial überhaupt, an einer solchen Tätigkeit zugrunde zu gehen.

*

Aufrichtiges Mitleid ist eine Form der Liebe.

**

Schnipsel (12)

Fremd

Ich habe kürzlich Zeit in einem Krankenhaus verbringen müssen. Zeit, auch für viele Gedanken. Zeit, nicht zum ersten Mal zu bemerken, dass die Welt noch viel absurder scheint und ist, wenn ich als Patient aus dem Raum einer Klinik auf sie schaue, als wenn ich selbst in ihr lebe.

In Klinikräumen geht es ausschließlich um das Wesentliche. In der Welt da draußen immer weniger. So oft schon gar nicht mehr.

Das ist mir sehr eindringlich bewusst geworden. Auch, dass ich die Welt, wie sie ist, wie sie sich, von Menschen verursacht und angetrieben weiter entwickelt, immer weniger mag und sie mir immer mehr Angst macht.

Seit ich die Klinik wieder verlassen habe, spüre ich diese Angst, mein Unwohlsein, eine Sorge, noch viel, viel stärker als zuvor. Wohl, weil mir das Wesentliche, das, um was es wirklich geht, gerade ganz besonders nah gewesen ist. Wohl auch, weil das Land, in dem ich lebe, sich noch viel mehr, intensiver und von Menschen gemachter, selbst zerlegt, als bevor ich das Krankenhaus aufsuchen musste.

Ich spüre, stark und eindeutig wie noch nie, dass ich diese Welt, dieses Land, nicht mehr aushalte, nicht mehr will.

Ich bin so unglaublich, so verstörend fremd hier …

***

Ich teile heute ein Lied einer bislang tatsächlich völlig unbekannten, noch ganz jungen Künstlerin, die in Portland (US-Staat Oregon) zu Hause ist. Es ist augenscheinlich ihr allererstes überhaupt veröffentlichtes Lied. Sie hat es selbst komponiert und den Text dazu geschrieben. Vorhin beim Surfen habe ich es ganz zufällig entdeckt. Ich mochte es sofort. Hier ist, in einem sehr schönen Duett mit Ben Morang gesungen:

Emerson Rankins – „Hopeless“

 

Tagebuchseite -854-

Freundin (Ein öffentlicher Brief)

Ich habe immer wieder überlegt, wie ich es Dir am besten sage.

Lange wollte ich es in Verse kleiden. Die Verse, die ich probierte, fand ich an sich schön und angemessen, aber es passte nicht hinein, was ich sagen möchte, was ich sagen will. Es war, es ist zu viel, zu groß, zu wichtig. Es brauchte mehr Platz, als ihn Strophen bereit zu halten vermögen.

Was ich Dir sagen möchte, steht zwar längst in meinem Herzen geschrieben. Und was dort verewigt ist, stirbt nicht eher als ich selbst. (Was übrigens vermutlich der wesentlichste Grund ist, dass nicht aufgeben will. Denn würde ich das, stürbe jener Teil von Dir, der in meinem Herzen steht, mit. Und das will ich nicht. Nicht Du und kein Teil von Dir soll je vor mir sterben!) Aber das ist mir nicht genug. Du sollst es so wissen können, wie ich es weiß. Und andere Menschen sollen es wissen, wie Du bist, wie kostbar.

Und so schreibe ich Dir diesen Brief, und darin das, was ich Dir unbedingt sagen möchte. Und ich tue es öffentlich:

Ich gebe zu, dass ich mir sehr wünsche, dass wir uns öfter als ein oder zweimal im Jahr sehen könnten. Zeit unmittelbar mit Dir zu haben, gehört zum Schönsten, was mein Leben auszumachen vermag.

Ungeachtet meines Wunsches, ungeachtet dessen, dass ich Dich nicht öfter sehen kann, bin ich freilich vor allem eines: Dankbar! Ganz und gar dankbar. Denn, auch, wenn ich Dich nicht sehen, nicht unmittelbar Zeit mit Dir verbringen kann, bist Du mir nah. Beständig. Auf verschiedene Weisen. Und Du bist sehr nah! Du tust so viel dafür, dass das so ist, dass ich das spüren kann.

Ich möchte Dir sagen wann und wie ich das spüre:

Ich spüre es, und jetzt in der kalten Jahreszeit ganz besonders, wenn plötzlich die Sonne ein bisschen mehr wärmt, obwohl das Thermometer kein Grad mehr zeigt und das Meer ein bisschen blauer wird, obgleich der Himmel grau verhangen ist und bleibt. Das geschieht immer dann, wenn ich ahne, dass ein Gedanke von Dir mich streift. Ob das in dem jeweiligen Moment wirklich so ist, ist nicht bedeutsam. Bedeutsam ist, dass die Vorstellung stimmt, dass sie richtig ist. Und das ist sie. Weil Du so viele Gedanken an und für mich hast.

Und das Drohen grauer Wolken, viel mehr der, die meine Seele immer wieder so sehr verdüstern als jener, die das mit dem Himmel tun, wird manchmal etwas wie ein Spiel, das ich beobachten kann, ohne so sehr beteiligt zu sein, wie ich es wäre, würdest Du nicht in meinem Herzen leben. Du hilfst mir „drauf“ zu schauen auf dieses Spiel, das perfide. Und eisiger Regen wird zu funkelnden Perlen …

Und weißt Du, wenn mich Deine Wünsche einholen, ich mich an sie erinnere, dann legen sich meine unendlich vielen Ängste mitunter tatsächlich ein bisschen schlafen. Und in die tiefe Nacht malt sich ein Schein, der sich anstrengt, den Schrei meines letzten bösen Traums fort zu leuchten. Dieser Schein ist der Stern, der Du bist. Du musst einer sein, denn Du vermagst es, eben auch aus der Ferne zu glitzern, zu funkeln, mir Licht zu senden.

Wenn ich nur Deine Nähe habe, sie mir vorstelle, dann werden manchmal sogar das Fordern meines Anspruchs, der Druck des Alltags und die Ohnmacht gegenüber dem, was ich nicht (mehr) zu begreifen vermag, leiser. Und ich kann die Zeit intensiver spüren in ihrer Unendlichkeit jenseits der Dauer, die mein Leben ausmacht, und Hast und Eile relativieren sich für den Augenblick. Wenigstens ein bisschen.

Das alles machst Du mit mir, das alles tust Du für mich und noch so viel mehr.

Du hörst mir zu, wenn ich ein Ohr brauche, dem ich vertrauen kann, wann immer ich dessen bedarf. Du bringst die Geduld für mich auf, die ich niemals auch nur wünschen oder gar erwarten kann, weil sie so groß, so unerschöpflich, selbst so geduldig sein muss, dass es schon unbescheiden ist, sich so eine Geduld nur zu erträumen.

Immer, wenn ich mich danach sehne, hast Du eine Umarmung für mich, Deine Schulter an die ich mich anlehnen darf, Deinen schönen, klugen Geist, um mir die so bereichernde Gespräche zu schenken, wie ich sie sonst nicht finden kann.

Dass Du all das tust, all das bist, dabei so ein umfassendes wahrhaftes Verstehen, selbst für das Schwerste, offenbarst, weil Du Verurteilen nicht kennst, Vorurteile in die Verbannung schickst und, wenn Du einmal urteilst, das immer sehr differenziert und nie für immer und ewig und unumkehrbar tust und obendrein noch so jung an Jahren bist, vermittelst mir eine Zuversicht, wie ich sie aus keinem anderen Menschen zu gewinnen imstande bin.

Und also bin ich ganz Dankbarkeit, wenn ich an Dich denke, wenn ich Dich in meinem Herzen besuche, wenn ich spüre, dass und wie Du da bist, Deine Empathie, Deine Menschlichkeit, Deine Schönheit.

Mehr denn je und so ganz und gar klar ist mir das bewusst geworden während meiner Tage, die ich jüngst im Krankenbett verbringen musste, während der so viele Episoden meines Lebens Zeit hatten noch einmal an mir vorüber zu ziehen.

In Verse hat diese Dankbarkeit wirklich nicht gepasst. Das tut mir ein bisschen leid. Vielleicht kannst und magst Du aber ja diesen Brief als einen großen Vers annehmen, meinen Vers an und über und vor allem für Dich!

***

„Oehl“ ist eine österreichisch-isländische Co-Produktion. Zwei-Mann-Indie-Pop, der leicht daher kommt und doch zum Nachdenken einlädt. Ein Lied, das aktuell auf Spartensendern doch ab und an mal läuft, ist „Wolken“.

Oehl – „Wolken“

 

Tagebuchseite -853-

Langsame Zeit

Nein, es hätte keines Krankenhausaufenthalts bedurft, um mich demütig, dankbar und auf ureigen Menschliches fokussiert sein zu lassen. Er wäre ebenso wenig nötig gewesen, um mir vor Augen zu führen, wie entfremdet und fremd ich viele Abläufe dessen, was Alltag ausmacht, was Leben in der Gesellschaft beeinflusst und bestimmt, empfinde. Und ich habe ihn auch nicht gebraucht, um die Kostbarkeit der Menschen, die einen festen Platz in meinem Herzen haben zu ermessen und die Ahnung sensibel zu halten, dass es darüber hinaus noch mehr kostbare Menschen gibt, die ich nur nicht näher kenne.

Und doch hat dieser Aufenthalt all das mit mir gemacht:

Mich noch demütiger, dankbarer, auf menschliches fokussierter zu machen, mein Empfinden von Fremdheit in und Fremde von Alltag und Gesellschaft noch deutlicher wahrzunehmen und die Kostbarkeit von Herzensmenschen noch intensiver zu spüren.

Ich bin sehr froh, dass meine Operation als solche gut verlaufen ist, dass ich alle meine Zehen und Finger noch bzw. wieder fühlen darf, dass ich kaum noch unmittelbare Nachwirkungen oder Schmerzen empfinden muss. Ich hatte einen großartigen Chefarzt, der mich fachkundig operiert hat und der sich für JEDEN seiner Patienten JEDEN Tag ein paar Minuten Zeit genommen hat, um ihm am Krankenbett Zuversicht zuzusprechen und für Fragen zur Verfügung zu stehen.

Auf der Station, auf der ich hauptsächlich lag, war ich in der Obhut eines ebenso freundlichen wie aufmerksamen und Patienten wirklich betreuenden Schwestern- und Pflegerteams. Ich hatte ein den Umständen entsprechendes, angenehmes 2-Personen-Krankenzimmer.

Vor allem im Aufwachraum nach der Operation, auf Wachstation und auf den Fluren des Krankenhauses, habe ich unmittelbar ein Stück des unermesslichen Spektrums menschlichen Leids in Krankheit gehört, gesehen, gespürt. Auch, auf jeweils sehr unterschiedliche Weise, durch meine insgesamt vier Bettnachbarn habe ich insoweit einiges erfahren, aus Familien- und Lebensgeschichten, Berührendes, Verstörendes, Schönes, Tragisches, aufnehmen können, mitunter auch müssen.

Seit drei Tagen bin ich wieder daheim.

Nun hat die Zeit der Geduld begonnen.

Ich bin nach wie vor etwas schwach an Konstitution und Kondition und darf viele Dinge (noch) nicht tun. Meine Bewegungsmöglichkeiten im Nackenbereich sind eingeschränkt, ich darf nichts tragen und muss weiter Medikamente nehmen. Viel Ruhe, viel Wärme, sind geboten. Am kommenden Montag wird die Eingriffsstelle mutmaßlich abschließend versorgt um dann ganz zu verheilen. Bis zum Ende des Monats bin ich zunächst weiter krankgeschrieben.

Alles geht noch sehr langsam. Zwei „Ausflüge“ nach draußen, um zu meinem Orthopäden bzw. zur Abgabe meines Krankenscheins und der Besorgung von Medizin zu kommen, waren wegen der endlich wieder frischen Luft zum Atmen, schön, haben mir aber auch aufgezeigt, dass die Grenzen meiner körperlichen Leistungsfähigkeit noch sehr endlich sind.

Mein Geist hingegen ist auf Hochgeschwindigkeitskurs. Es geht viel durcheinander darin, zu viel – mir liefen Tränen, ich war voller Glück und voller Schwere und vorgestern schrie sich ein Grauen mitten in der Nacht aus einem Albtraum.

Ich möchte das sehr gern sortieren, möchte, dass es leiser wird.

Ich bin also zurück, freue mich, dass ich es geschafft habe, hier heute ein bisschen zu schreiben, im Wissen, dass auch das erst mit Geduld und nach und nach wieder mehr und regelmäßiger werden kann. Ebenso wie das Lesen und Kommentieren von Einträgen der lieben Community, die sich für mein Tagebuchgeschreibsel interessiert und so oft so sehr für mich da ist.

Für mich ist noch langsame Zeit, sie muss noch so sein …

***

Anna Ternheim – „Everytime we fall“

 

Tagebuchseite -852-

Bitten und Hoffen

Die Tränen eines wieder einmal als sehr einsam empfundenen Samstagabends sind getrocknet. Der salzige Nachgeschmack ist geblieben. Die Angst nach einem ganz schrecklichen Albtraum zwischen Nacht und Morgen kriecht nur langsam aus Gliedern und Seele.

Ich erinnere mich an jene schönen, so gar nicht nur dahin gesungenen Texte der vielen Lieder, die meine sind und die ich gestern in großer Zahl für mich erklingen ließ. Texte, Lieder, tief, so sehr VERSTEHEN seiend, als wären sie aus mir und für mich geschrieben. Texte wie wunderbare Gespräche. Gespräche wie die, die ich mit einigen sehr lieben Menschen führen darf.

Diese Menschen waren mir, wie fern, örtlich gesehen, auch immer, sehr nah, während ich die Lieder hörte.

Nun, heute Morgen, ist es so, als säße ich zwischen der Zeit. Jener Zeit, die morgen nach meinem vorerst letzten Arbeitstag endet und jener, die mutmaßlich nach dem Mittwoch beginnt. Dieses zwischen der Zeit Sitzen fühlt sich an, wie aus einem Loch zu schauen hoch zum Himmel, einem Himmel, dessen Farbe ich noch nicht erkennen kann. Zwischen schwarzem Dunkelgrau und einem zarten Blau scheint alles möglich.

Ich hoffe auf das Blau, ich wünsche es mir so sehr. Ich versuche inständig, daran zu glauben. Ich WILL es. Aber es liegt nicht in meiner Hand. Wirklich nicht. Und weil das so ist, bleibt das Dunkelgrau als eine Bedrohung präsent, so sehr ich mich dagegen zu wehren versuche. Der noch so gegenwärtige Albtraum ist grausiges Indiz dafür.

Nichts geht gegen die brodelnde innere Unruhe, egal, was ich versuche. Und ich weiß, dass sie immer noch mehr, immer noch brausender werden wird, bis ich irgendwann am Mittwoch in einen sehr tiefen Schlaf geschickt werde.

Eines der Dinge, die ich gegen das innere Brodeln probiert habe, hat sich als fatal erwiesen. Ich konnte es nicht ahnen:

Ich habe mir gestern Abend einen Film aus einer Mediathek angesehen. Ganz bewusst, einen aus einer an sich völlig unverfänglichen Sparte, die ganz leichte Kost verheißt, von manchem gar als Kitsch belächelt wird. Ich wollte genau so einen Film vor mir dahinplätschern, das Dunkelgrau nicht völlig von mir Besitz ergreifen lassen. Aber es sollte nicht sein.

Der Film war sehr emotional, von Kitsch meilenweit entfernt, nach meinem Empfinden ganz und gar nicht in jene Schublade gehörend. Es war ein sehr guter Film, aber ein Film zur falschen Zeit, zur falschen Situation. Am Ende saßen meine Einsamkeit und meine Angst nicht mehr vor diesem Fenster. Wenn sie wenigstens ertrunken wären in den vielen Tränen, die ich nicht zurückhalten konnte. Statt dessen schwammen sie munter auf dem salzigen Nass. – Selten habe ich besser verstanden, dass genau das ihr Element ist. Egal ob die Tränen geweint sind oder nicht. Gestern waren sie geweint. Ohne das es leichter wurde. Im Gegenteil.

Ich will nicht pathetisch sein. Und ich bin nicht der Mittelpunkt der Welt. Was am Mittwoch meine Zeit teilt, haben vor mir schon viele Menschen durch- und überstanden. Die meisten gut. (Nicht alle …)

Ich werde ab Dienstag im Krankenhaus sein, und ich werde, so alles bleibt wie geplant, am Mittwoch operiert werden. Am Rücken. Es ist eine Operation mit vielen Risiken, die ich wissen musste und die ich nun ausblenden muss, vor allem die möglichen Folgen. Die ich ausblenden will. Weil ich mir das zarte Blau so sehr wünsche.

Ich muss irgendwie gegen das innere Brausen, die Angst, ankämpfen, weil ich Raum brauche. Zum Glauben, zum Bitten, zum Hoffen.

Wenn ich mein Tagebuch nun zuklappe, dann tue ich es mit ganz viel Bitten und Hoffen. Darauf, dass ich es nach der Zeitenwende und ein paar Tagen, die sicher erst vergehen müssen, weiter beschreiben zu können vermag.

In diesem Sinne, allen, die mich hier lesen, die mich begleiten, Geduld mit mir haben, gar Zeit für mich geben: Ganz dankbare und liebe Grüße!

Hoffentlich bis ganz bald!

***

Eines jener Lieder, die ich gestern hörte, möchte ich hier teilen. Vielleicht habe ich das schon einmal getan – ich weiß es nicht mehr genau. Es wäre dann allerdings schon länger her. Aber das ist gar nicht von Belang. Weil es eines der schönsten Lieder überhaupt ist, die ich kenne.

Es ist so wunderbar, so eindringlich gesungen. Und es hat einen tiefen Text, in dem im Bild seiner Titelzeile so eine besondere Hoffnung klingt. Genau die, auf die ich schon vertrauen konnte und gerade in diesen Tagen weiter ganz besonders intensiv vertrauen möchte, darauf, dass sie mich begleitet.

Rosenstolz – „Auch im Regen“