Wegweiser durch diesen Blog

Tagebuchseiten:

Hier sind meine Reflexionen über Ereignisse und Begegnungen im Alltag ebenso zu finden, wie meine Gedanken über „Gott und die Welt“ – in loser Folge, ohne Ordnung …

(Mit Beginn des Jahres 2017 erscheinen einige meiner Tagebuchseiten als Selbstgespräche . Grund dafür ist eine umfassendere Idee, die ich schon lange in mir trage. Vielleicht entsteht aus den entsprechenden Texten irgendwann ein Weg, der zu ihrer Realisierung durch mich führt. Vielleicht …)

Sentenzen:

Nachdenkliches zu Themen, die mich immer wieder und nachhaltiger bewegen und beschäftigen, die in meinem und für mein Leben zumeist eine wichtigere Rolle spielen.

Verse:

Einige meiner Versuche, Gedanken, Eindrücke, Reflexionen und Ansichten in lyrischer Form zu verarbeiten.

Gedanken zu Aphorismen:

Was immer ich auch lese, ich spüre darin aus meiner Sicht interessante Sinnsprüche auf. Einige von denen, die mich besonders inspirieren, zum Nachdenken anregen, meinen Widerspruch herausfordern, bespreche, diskutiere ich hier.

Zwischenstopps:

Texte, über die ich „gestolpert“ bin, darunter Merkwürdiges, Skurriles, Witziges, Unglaubliches – manchmal mit kurzen Kommentaren von mir versehen. (mitunter auch Musiken, mit denen ich mir einen Zwischenstopp genehmige …)

Sammelsurium:

Hier finden sich von mir verfasste, kleine Rezensionen zu Büchern, die ich gelesen habe, eigene Gedanken in Aphorismenform, die ich zur Diskussion stelle, und Sonstiges, was mir mitteilenswert erscheint.

Advertisements

Tagebuchseite -703-

Warum ich mich immer wieder mit einem möglicherweise falschen Beurteilen arrangiere und sogar dazu stehe …

Woran es liegt, weiß ich nicht wirklich. Aber, egal wo ich gerade bin, fallen mir diejenigen Menschen auf, die eher für sich sind oder auch abseits von anderen.

Ein Kind auf einem Schulhof, das allein steht, ziellos und etwas unruhig um sich schauend, ein Mann am Strand mit einem kleinen Rucksack auf dem Rücken, der lange zum Horizont schaut, eine Frau, die in einem Cafe´ sitzt und deren Blick sich manches Mal durch die Gesichter der anderen Gäste hindurch in der Ferne verliert, ein Mädchen mit einem Buch auf einer Bank im Park, das minutenlang keine Seite umblättert doch unverwandt mit gesenktem Kopf auf die Buchstaben vor sich sieht.

Ich erinnere mich auch besonders an Jugendliche, die mir bei meiner Arbeit begegnet sind und die in ihren jeweiligen Gruppen zu den stillen gehörten.

Gerade habe ich einen Jungen vor Augen, der im vorigen Herbst für eine Woche bei uns war und der mich sehr an einen Jungen aus der Kelly-Family erinnert hat, aus der Zeit als diese Gruppe noch Straßenmusik machte. So ein kleinerer, ein bisschen stämmiger Junge, mit langen glatten blonden Haaren, zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Er war der ruhigste in seiner Klasse, oft sehr ernst, bemühte sich sehr alle Aufträge so gut als möglich zu erfüllen, obgleich er wieder und wieder eher mäßige Erfolge erreichte.

Manchmal erscheinen gar ein Gesicht oder ein Augenpaar vor meinem geistigen Auge und nach einem Moment des Besinnens weiß ich, dass dieses Gesicht bzw. dieses Augenpaar zu genau so einem Menschen gehört, der mir irgendwann einmal auf jene besondere Weise aufgefallen ist. Und ich habe mich zuletzt bei der Frage ertappt, ob dieser Mensch das in dem Augenblick vielleicht irgendwie spürt. Und dabei, dass ich mir das wünschte.

Vielleicht ist das alles sehr seltsam.

Denn das Kind auf dem Schulhof muss ja gar nicht wirklich allein und verängstigt gewesen sein. Vielleicht hatte es gerade irgendetwas angestellt, was ihm nun im Kopf herumging und äußerlich diesen ziellosen, unruhigen Ausdruck fand. Und der Mann am Strand war vielleicht eine Art (Lebens-)Künstler auf ganz bewusster Inspirationsreise, innerlich ganz bei sich und mit sich und der Welt im Reinen. Die Frau im Cafe´ war möglicherweise eine ganz lebenslustige Person mit vielen Freundinnen, die nur eben, nach einem stressigen Arbeitstag, mal ein bisschen abschalten wollte und sich in einen Tagtraum verloren hatte. Und das Mädchen mit dem Buch wartete vielleicht gerade auf ihren Freund, wollte sich die Zeit mit Lesen verkürzen und in einen kurzen Minutenschlummer geglitten.

Und der Junge, den ich ja ein bisschen länger begleitet habe, hat er vielleicht einen richtig guten Kumpel, mit dem er Dinge tut, die im Freude machen und nicht Sachen, die er tun muss in einer Umgebung von Menschen für die er nur wenig oder keine Sympathie zu empfinden vermag?

In meiner Wahrnehmung waren aber all diese Menschen irgendwie einsam. So wie ich es gewesen bin als Kind auf dem Schulhof, als Mann mit meinen Gedanken und Emotionen am Ufer des Meeres oder in einem Cafe mit ein paar Notizzetteln vor mir auf dem Tisch oder mit einem Buch auf einer Bank des Bürgerparks, meinen Blick in der Ferne verloren habend. So, wie ich es oft in den Klassen, denen ich während meiner Schulzeit angehörte, war, ohne auch sonst irgendeinen richtigen Freund gehabt zu haben.

Fast immer habe ich mir in meinen einsamen Momenten gewünscht, dass da plötzlich jemand wäre, der einfach da ist, vielleicht nur ein Lächeln zu mir schickt oder ein paar Worte, der für einen kleinen Moment ein bisschen Zeit mit mir teilt.

Vielleicht rührt daher auch mein Bedürfnis, Menschen, die ich als einsam wahrnehme, die mir so auffallen, wie jene, die ich hier beispielhaft genannt habe, irgendetwas zu sagen, irgendetwas für sie zu tun, sie spüren zu lassen, dass sie nicht so einsam sind, jedenfalls nicht ganz so einsam.

Getraut habe ich mich das freilich noch nie. Mit meinem Selbstbewusstsein ist es nicht so bestellt, dass ich das wirklich könnte. Abgesehen davon flüstert mein Unterbewusstsein dann häufig doch: Und was, wenn du Dich völlig irrst?“

Eine Erinnerung an eine Stimme ist in mir, die einmal gesagt hat: „Jeder sieht die Dinge und Menschen so, wie er sie sehen will.“

Sehe ich betreffende Menschen also als einsam, weil ich das will? Das ist eine Frage nach der Seriosität meines Empfindens. Eine sehr schwierige und schwer zu beantwortende Frage.

Zunächst sind mir ja die genannten Menschen nur aufgefallen, weil sie sich halt anders bewegten, sich anders verhielten als die Mehrzahl in ihrer Umgebung oder dem jeweiligen Kontext. Mehr für sich, mehr abseits, mehr allein. Und erst im nächsten Schritt begann und beginnt das „schlussfolgern“, das schlussendlich aber ein Beurteilen einer Situation bzw. eines Menschen darin ist, ein Urteilen aus einer „Momentaufnahme“ heraus.

Generell sehe ich es ansonsten als anmaßend an aus einer Momentaufnahme heraus zu schlussfolgern, zu urteilen. – (Nur dann nicht, wenn das geboten ist, zum Beispiel im Angesicht einer Notsituation, einer Bedrohung, eines Unfalls etc.) Und bemühe mich deshalb so bewusst als möglich darum, genau das zu vermeiden. Was mir nach wie vor nicht immer gelingt. Und wohl so gut wie gar nicht bei Menschen, die ich als einsam wahrnehme …

Ich kann und mag einfach nicht anders, als für diese Menschen zu empfinden, und dabei möglichst keinen zu übersehen. Wahrscheinlich ist das ein Teil meines Wesens und Ausdruck eines innerlich großen Hoffens, dass meine derartigen Empfindungen diese Menschen irgendwie erreichen und daraus ein bisschen Glaube, vielleicht sogar Wissen erwächst, doch nicht ganz allein oder gar einsam zu sein auf dieser Welt.

Wenn ich schon keinen größeren Mut aufbringe …

*

Sarah Blasko – „All I wan’t“

Tagebuchseite -702-

Unaussprechlich

Es war ein Mittwochabend als ich gefordert war, eine Erinnerung zurück zu holen. Eine schlimme, die ich nicht verarbeitet hatte. Alle Bilder waren wieder da und vor allem all die Empfindungen. Das tiefe Fallen, der reißende Schmerz, das große, gähnende schwarze Loch des Verlusts.

Das Gefühl wurde immer größer, immer stärker. Ich sollte mich nicht abwenden, all die Bilder, all die Emotionen spüren. Hinsehen, Spüren. Hinsehen, Spüren – immer und immer wieder.

Dann war ich nur noch Erschöpfung. Das Gefühl implodiert, aus einem heißen, gleißenden, brennenden Feuerball, war eine eisenharte kleine Kugel geworden, ein weißer Zwerg, seltsam kalt – Seine Kleinheit fühlte sich gut an damals.

Schon bald spürte ich aber, dass er immer noch da war, dass er blieb, dass er in mich hineinwuchs, wie ein Fremdkörper, den ich verschluckt habe. Und dass er beständig Gift in mich strömen ließ und lässt, wie ein Quecksilber.

Und dieses Gift wirkt …

Wie gut, wie wichtig, wie „richtig“ ist es, dieses Ergebnis einer Therapiestunde?

Die Erleichterung, die ich damals im Eindruck des erschöpft Seins spürte, ist längst verflogen. Vom Quecksilber erstickt.

Manchmal glaube ich, dass ich noch mehr, noch viele solcher weißen Zwerge in mir trage. Nein, eigentlich weiß ich es. Seit gestern …

*

Dieser Sonntag war ein schöner. Draußen. – Nicht in mir.

Die Präsenz der weißen Zwerge war so spürbar, ihr Gift fürchterlich.

Und da war, da ist, der Nachklang dieses Gesprächs von gestern. Keines Gesprächs mit irgendwem. Nein, ganz und gar im Gegenteil. Wie eine riesige Bleikugel liegt dieser Klang, der kein schöner ist, auf meiner Seele.

Ich bin dabei etwas zu sehen, was ich nicht sehen will. Ich weiß zwar nicht ganz genau, ob ich es so sehe wie es ist. Ich weiß fast nie, ob ich Dinge und Menschen so sehe wie sie sind. Nichts und niemand muss so sein, wie ich es/ihn/sie sehe. Und sehr wahrscheinlich ist auch nichts so. Das tröstet mich im konkreten Fall aber nicht. Denn es fühlt sich nicht gut an. Gar nicht gut.

Es fühlt sich wie alles Schlimme an, das mich auszumachen imstande ist: Verlieren, Versagen, einsam sein, Schmerz, Traurigkeit, Ohnmacht, Angst.

Ich habe heute kaum sprechen können. Ich konnte nicht und ich konnte auch nicht wollen. Nicht einmal das. Auch nicht über ein anderes Thema, irgendeins, ein belangloses.

In mir war und ist nur dieses eine. Das, was mich seit gestern so sehr bewegt, mich so sehr quält, wie niemals vorher. Wie ein (neuer) weißer Zwerg, ein riesengroßer und schwerer und giftiger. – Gestern ist er vermutlich entstanden, während dieses Gesprächs …

Ich kann darüber nicht reden, ich kann darüber nicht einmal schreiben. Ich habe riesengroße Angst davor, dass es jemand verstehen könnte. Und Angst vor Ratschlägen.

Ratschläge, meine liebe Tagebuchseite, wirst du mir nicht geben. Du wirst mich damit verschonen. Auch dieses Mal. Obwohl Du mutmaßlich und hoffentlich die einzige bist, die versteht, was hier nun geschrieben steht.

Dafür bin ich dir unermesslich dankbar.

*

Ich schaue in ein Gesicht, welches einem Stern gleich aufgegangen ist, vor einer Zeit die noch in Tagen nur zählbar ist, und das ich doch noch nie gesehen habe. Es hat eben erst begonnen, sich vor mir und für mich in Zeilen zu zeichnen. Sacht paraphieren sich erste seiner Konturen ab. Wunderschöne! Innerliche!

So ganz und gar das Gegenteil von Gift …

***

Tina Dico – „Someone you love“

Tagebuchseite -701-

Über eine Grenze meiner „Verstehensfähigkeit“

Es gibt Dinge, die kann und werde ich nie verstehen, obwohl es, natürlich, für alles eine Erklärung gibt. Und weil das so ist, machen diese Dinge mir Angst, und dieser Angst habe ich nur wenig bis nichts entgegen zu setzen.

Vor allem gestern und vorgestern ist wieder an die schlimmen Bombenangriffe auf Dresden im Februar 1945 erinnert worden.

Zu diesem furchtbaren Ereignis habe ich eine ganz besondere Beziehung. Eine familiäre. Denn genau um jene Zeit waren meine Lieblingsoma und ihre Tochter, meine Mutter, damals in Dresden. Nach vieltägiger Flucht vor der nahenden Front, zu Fuß, später bei Winterkälte in einer offenen Lore fahrend mit den allerletzten Habseligkeiten, aus Schlesien kommend. Meine Mutter war damals gerade vier Jahre alt geworden.

Meine Oma und meine Mutter wurden während der Bombenangriffe in einem Keller verschüttet. Irgendwann gelangten sie schließlich noch nach draußen. Mit nichts als ihrem Leben, in einer fremden, brennenden Stadt.

So lange meine Mutter lebte, schauderte und fror sie nun, wenn irgendwo der Ton einer Sirene erklang …

Heute Morgen höre ich die Frühnachrichten im Radio, darin eine Meldung, die, obwohl ganz aktuell, so gar nicht „neu“ klingt. Wieder hat ein junger Amerikaner an einer Schule ein Blutbad angerichtet, 17 Menschen erschossen.

Ja und das ist es, was ich nicht verstehe: Immer wieder wird geschossen, auf Menschen, wird gemordet, wird Gewalt ausgeübt. Obgleich es so viele mittelbare und unmittelbare Erfahrungen von Leid, das durch Töten, durch Gewalt entstanden ist, gibt.

Es kann nicht sein und es ist nicht wahr, dass Zeit alle Wunden heilt. So heilt, dass sie vergessen werden, vergessen sind, in den Köpfen jener Menschen die morden, die töten, die vergewaltigen, die quälen.

So vergessen, dass heute vor allem Männer, Jugendliche, immer öfter aber auch schon Kinder Freude am „Spiel“ mit Gewalt empfinden, das sie verharmlosend „zocken“ nennen. In so vielen dieser Spiele wird auf Menschen geschossen, gezielt, abgedrückt und gefeuert, nachdem das „Opfer“ zuvor ausgiebig ins Visier genommen wurde. In 3D, realitätsnah, „auf echte Menschen schießen“, so dass es heftige Explosionen gibt, so, dass Körperfetzen umherfliegen. – Ganz legal, nicht verboten. –

Verbote so höre ich immer wieder, würden nichts nutzen, nur den Reiz erhöhen. Und überhaupt, es sei nach wie vor sehr umstritten, ob es einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Beschäftigung mit Gewaltspielen und der Bereitschaft tatsächlich zu töten gäbe.

Mich aber zerreißt es.

Ich höre die ruhige Stimme meiner Oma, die mir, der ich von mir aus immer wieder Fragen danach stellte, vom Krieg erzählt, vom Hunger, von der Flucht, vom Verlust ihres ersten Ehemannes, vom Betteln, vom verschüttet Sein. Ich sehe , wie sich meiner Mutter die feinen Härchen auf ihrem Arm aufstellen und sich eine Gänsehaut bildet, während sie Kartoffeln schält, und am Mittwochmittag um 12 Uhr die Sirenen des Dorfes kontrolliert werden für den Fall, dass sie bei einem Feueralarm einsatzbereit sein müssen. Ich erinnere mich an die Bilder, die mir S., meine aus Bosnien stammende Freundin zeigt, mit den Einschusslöchern im Haus ihrer Großeltern. Ich denke an meinen Besuch in Auschwitz, ich sehe das Bild eines Waisenmädchens aus Leningrad, ich habe die Bilder aus Syrien im Kopf …

Wie kann jemand so etwas vergessen? Wie kann jemand, dem diese Dinge vor Augen sind, ein Gewaltspiel „spielen“?

Ich VERSTEHE das nicht!

Ich verstehe auch meinen Sohn nicht. Und meine Frau nicht. –

Mein Sohn hat so ein Spiel, in dem auf Menschen geschossen wird und ist auch mit dem einen oder anderen Schulfreund online unterwegs auf diesem Pfad. Soweit ich das beurteilen kann, wahrlich nicht auf dem der übelsten Sorte, aber „harmlos“ mag und kann ich sein Tun auch nicht nennen.

Meine Frau sieht das recht gelassen. Sie weiß, wie ich auch, dass unser Sohn im realen Leben, eine friedfertige Natur ist. Schlägereien oder gar Quälereien sind ihm fremd, ja, selbst „Kraft“- oder Gewaltausdrücke habe ich von ihm noch nie vernommen. – Dennoch ist da eine Faszination wieder zu „zocken“. „Ein bisschen tun das alle, er kann sich doch nicht ganz ausschließen“, sagt meine Frau.

Ich denke an meine Kindheit. Und, ja, da gab es eine kurze Zeit, während der fünf Jahre, die wir auf einem Dorf unser zu Hause hatten, da ließen wir uns vom Stellmacher aus Holzabfall Gewehre aussägen. Nachher beschlugen wir sie selbst mit Nägeln oder Nieten, damit sie wie eine „Winchester“ aussahen. Ich auch, obwohl ich damals nicht mal wusste, was eine „Winchester“ ist.
Inspiriert hatten uns Indianer- und Abenteuerfilme. –

Für mich war das allerdings wirklich nur eine sehr kurze Episode. Ich verlor sehr schnell die Lust am „Cowboy und Indianer spielen“. Das geschah einfach so, ohne, dass ich damals eine wirkliche Ahnung vom Krieg der Weißen gegen die Ureinwohner Amerikas gehabt hätte. Ich war damals 11 oder 12.

Ich weiß, dass nicht alles mit kindlicher oder sonstiger Naivität zu entschuldigen ist, aber damals war das wohl doch der entscheidende Grund, weshalb ich da ein paar Wochen „mitgemacht“ habe.

Mein Sohn aber ist über 16. Er ist sicher noch nicht „fertig“ aber naiv ist er ganz gewiss auch nicht. Aber ich denke, nein, ich weiß es, dass er meine Sicht für übertrieben hält.

Ist sie das aber wirklich? Ist meine große emotionale Nähe, die ich, wenn ich von Dresden höre, oder Meldungen aus Amerika vom nächsten Amoklauf, oder auch „nur“ einen Film sehe oder ein Foto in bzw. auf dem jemandem Gewalt angetan wird, empfinde, wieder einmal „nur“ Ausdruck meiner großen Sensibilität?

Noch einmal: Ja, ich VERSTEHE die verschiedenen Erklärungen zu den Ursachen, auch die Ursachen selbst, die Menschen töten, vergewaltigen und quälen lassen..

Aber, dann verstehe ich sie doch wieder nicht. Gar nicht.

Ein Grund dafür mag sein, dass ich von Menschen weiß, selbst schon Menschen kennengelernt habe, die selbst viel Leid und Gewalt erfahren haben, und GERADE DESHALB niemals mit „gleicher Münze“ zurückzahlen würden. Sondern, im Gegenteil, buchstäblich Liebe leben!

Ja, es gibt auch dafür wieder Erklärungen, weshalb diese Menschen das vermögen und andere aber eben nicht. Und warum es auch viele Menschen gibt, die nie selbst Gewalt erfahren haben und dennoch auf schlimmste Art gewalttätig werden.

Es gibt für alles eine Erklärung. Immer und immer wieder. Wir wissen das, mehr oder minder bemühen wir uns, von diesem Wissen ausgehend, der Gewalt etwas entgegen zu setzen. Aber es geht doch immer weiter, das Töten, das Morden, das Vergewaltigen, das Quälen. Und das „Zocken“.

Nein, letztlich ich verstehe es nicht. Ich KANN es nicht. Mich zerreißt es, innerlich …

***

Dirk Michaelis (Karussell) – „Wie ein Fischlein unterm Eis“

Tagebuchseite -700-

Warum und was ich teilen möchte

Finden. Bewahren. Teilen. – Das ist der Umgang mit den kleinen Dingen dieser Welt, den ich mir wünsche. Mit den scheinbar kleinen Dingen, die ich nie als solche empfinde. Für mich sind sie das Größte! Für mich sind sie das Leben, das, was das Leben groß, es überhaupt lebenswert macht.

Es gibt so viel zu finden in unseren Zeiten. So viel mehr als früher: damit meine ich nicht etwa vor 100, 200 oder 500 Jahren. Nein, ich meine so viel mehr als in jener Zeit als ich noch Kind war. Das ist noch nicht lange her. Vorgestern. Gestern.

Wenn ich früher etwas fand, dann kannten es nach kurzer Zeit die meisten der mich umgebenden Mitmenschen auch. Ein Lied blieb nie lange ein Lied nur für mich. Bald schon hatten es gefühlt alle gehört. Das Buch, das ich gerade entdeckt hatte, war längst von vielen gelesen worden oder würde es in Kürze sein.

Ich glaube, dass das nicht nur daran lag, dass ich in einem Land aufwuchs, in dem es nie ein Überangebot gab, die Auswahlmöglichkeiten grundsätzlich geringer und bescheidener waren als anderswo auf der Welt. Immer aber noch relativ groß. Die großen „Hits aus dem Westen“ konnte man auch in „meinem“ Land hören, die meisten jedenfalls, sogar „legal“, mutmaßlich nur nicht so oft wie dort wo sie herkamen.

Viel mehr denke ich, dass die eben erst begonnene Digitalisierung unseres Lebens, der entscheidende Grund dafür ist, dass Menschen heute weit mehr Dinge entdecken, die, als solche, zunächst einmal, für mehr oder weniger lange Zeit, vielleicht gar für immer, nur bei ihnen bleiben, weil sie andere Menschen gar nicht sehen, gar nicht hören, ihrer gar nicht gewahr werden. Es gibt so unüberschaubar viel von allem, jeden Tag mehr, jeden Tag unüberschaubarer, dass das gar nicht anders sein kann.

Und jeder findet anderes schön und wichtig und bewahrenswert für sich.

Ich habe für mich gefunden, dass ich mich „früher“ nicht dadurch stärker uniformiert oder konform gefühlt habe, weil es weniger zu entdecken und zu finden gab und, dass es zumeist in kurzer Zeit von vielen gefunden wurde. Ich fand, dass es genug zu entdecken gab. Und vor allem, dass dadurch, dass dieses Entdecken schon bald ein Entdecken von vielen wurde Verbindungen entstanden.

Die Vielfalt, die Unüberschaubarkeit all dessen, was es heute zu finden gibt, trägt hingegen die Saat der Vereinzelung in sich. Interessen definieren sich darüber so weit auseinander, dass es unter Umständen sehr kompliziert ist und immer komplizierter wird, ähnlich gesinnte Menschen zu finden. Menschen, mit denen man die Dinge, die man entdeckt und für bewahrenswert gefunden hat, auch wirklich , emotional, sich erkennend und verbindend miteinander zu teilen, gemeinsam zu erleben und zu genießen vermag. Weil Diese Menschen genau DIESE Dinge ebenso für besonders bewahrens- und teilenswert halten.

Ich habe eine nicht geringe Sorge in mir, wo uns die immer größere Unübersichtlichkeit, die in rasanter Geschwindigkeit immer zahlreicher, vielfältiger und zugleich spezifischer werdenden „Findungsmöglichkeiten“ hinführen werden. Manchmal befürchte ich, dass im Bestreben, nur ja nicht zu „zu vielen“ gehören zu wollen, die Gefahr liegt schließlich zu vereinzeln.

Die Vision eines Mainstreams an Vereinzelten, die in dieser Masse alles sind, nur keine Individuen mehr, sondern eine Armee von durch ihr „einzeln Sein“ Uniformierter, die den jeweiligen Nachbarn nicht mehr als solchen zu erkennen vermögen, ihn nicht mehr verstehen, verstehen können und verstehen wollen.

Eine Welt der Nischen, der Eliten, der Cliquen und Exklusiven, von „Dazugehörigen“ und solchen, die übrig bleiben. Die auf der Suche nach Menschen sind, nach dem Menschlichen. Nach dem vermeintlich Kleinen.

Seit ich für mich erkannt und verstanden habe, wie wichtig das Finden, das Bewahren , vor allem aber des Teilen von vermeintlich kleinen für mich Wesentlichkeiten darstellender Dinge ist, bin ich zu einem ziemlich schlimmen Sammler geworden. Auch weil ich befürchte und sehe, wie viel allgegenwärtig und angesichts dessen, dass Halbwertzeiten durch unser uns mittlerweile charakteristisch gewordenes, beständiges  einander „selbst Überholen“, gefühlt zu Sekundenbruchteilen verkommen, an vermeintlich kleinen, schönen Dingen, ganz schnell auf immer vergessen wird.

Wir verlernen zu erkennen, WIEVIEL und WAS bewahrenswert ist. Wir beginnen sogar schon zu übersehen, DASS etwas bewahrenswert ist.

Das mag manchem (viel) zu dramatisch klingen.

Für mich ist es ein sehr persönlicher Erkenntnisprozess. Sollte ich mit meinem Empfinden „daneben“ liegen, desto besser!

Solange ich aber so empfinde, ist für mich das auf der Suche bleiben, ohne bewusst zu suchen, das Finden von vermeintlich Kleinem, aus meiner Sicht Bewahrenswertem und das Teilen (wollen) desselben mein Sinn.

Auch, weil ich nicht schließlich (auch) ein vereinzelter Einzelner werden möchte.

***

Sylver – „Shallow Water“

Tagebuchseite -699-

Von meiner Melodie und einem Stückchen meines Traumes

Ein weicher Teppich aus Klängen berührt meine Füße. Vorsichtig setze ich meine Schritte darauf, einen nach dem anderen. Es ist ein Gefühl wie ein immerwährendes Schweben. Ein bisschen irritierend für jemanden, der sich nach Sicherheit sehnt.

Aber ich gehe weiter, denn die Melodie ist nicht zu Ende und sie ist wunderschön. Manchmal lässt sie mich auf jene Art und Weise leise frösteln, wie es sonst nur ein feiner Windhauch vermag, der an einem warmen Tag meine Haut sacht streichelt. Und sie macht, was der Wind ebenso auszulösen imstande ist, sie macht, dass mir zwei Tränen aus den Augen treten und langsam meine Wangen hinunter kitzeln.

Ich gehe und ich sehe, von dem weichen Teppich gewogen und getragen werdend. Komme kaum voran, aber das Panorama, welches sich mir um mich herum darbietet, wechselt seine Formen und Farben beständig. Durch den Schleier der Tränen schaue ich alles als wäre es mit einem Weichzeichner gemalt.

Sehe das kleine Haus am Rande der Siedlung mit der Seitentür. Sie öffnet sich und führt durch eine winzige Diele in einen Raum der viele Bücher ist und Briefe und Papier auf einem Schreibtisch. Eine Seite gerade soeben beschrieben. Handbeschrieben. Die Tinte ist noch nicht trocken, und der heiße Tee in der großen Tasse daneben schickt zarte Fähnchen seines Aromas in den kleinen Kosmos dieses Raumes, der ganz erfüllt ist von den Klängen, die ich immer noch höre. Die Seite ist mit meinem Namen unterschrieben.

Vom Schreibtisch aus kann ich durch ein Fenster hinaus sehen in einen Garten. Einen Garten mit vielen Blumen darin, auch vielen wilden, und Beeten auf denen Gemüse wächst und rote Beeren. Unter einem Apfelbaum steht eine einfache, etwas verwitterte Holzbank, auf der ein Mann sitzt und in die Nachmittagssonne blinzelt. Es scheint als ruhe er ein wenig aus von der Arbeit am Schreibtisch und im Garten.

Neben ihm auf der Bank liegt ein aufgeschlagenes Buch, eins, dem man die Jahre, von denen es erzählt, ganz genau ansieht.

Das Buch ist genauso alt wie ich.

Und ein Mädchen, das je nur in meinem Herzen gelebt hat, ein kleines, mit einem etwas besonderen Namen, den nur ich kenne, kommt über die Wiese zu der Bank gelaufen, auf der der Mann sitzt. Die Musik, die aus dem Raum des Häuschens dringt und sich mit dem Zwitschern der Vögel vermischt, scheint ihn weit fortgetragen zu haben. Und so traut sich das Mädchen das aufgeschlagene Buch aufzunehmen. Und sie beginnt zu lesen:

“ Ein weicher Teppich aus Klängen berührt meine Füße …“

Nun verklingt die Melodie.

Wie gern hätte ich dieses Buch für Dich geschrieben …

***

Ich habe heute wieder einmal ein „altes“ Lied. Seitdem ich es das erste Mal gehört habe, mochte ich es. Es erschien 1988 auf der Langspielplatte „Die Farben meiner Tränen“, dem ersten Soloalbum von Ines Paulke. Das Lied heißt „Die Vergangenheit“ und gehört für mich zu den schönsten, die Ines Paulke gesungen hat. Eine Frau, mit einer besonderen Stimme und Ausstrahlung, die sich im Februar 2010 im Alter von nur 51 Jahren das Leben nahm. Ein guter Zeitpunkt also, um an sie zu erinnern …

Ines Paulke – „Die Vergangenheit“

 

Tagebuchseite -698-

Kormorane vor Himmelsblau – Erkennen während eines Spaziergangs

Spaziergänge sollen ja heilsam sein, den Kopf frei machen, die Aufmerksamkeit auf anderes lenken, als das, was man gerade im Kopf zum soundsovielten Male seziert. Obwohl ich schon so manches Mal erlebt habe, das gerade das bei mir nicht so recht funktioniert, vor allem dann nicht, wenn ich mich bewusst auf den Weg mache, eine mehr oder minder lange Strecke zu Fuß zu bewerkstelligen, bin ich gestern ausdrücklich von dem Wunsch getragen, endlich wieder ein bisschen freier atmen zu können, losgestiefelt.

Wenn ich hier aus der Tür trete, bin ich nicht gleich in der prallen Natur. Bis dorthin ist es schon recht weit. Aber zumindest wenn ich „meine“ Plattenbausiedlung hinter mir gelassen habe, gibt es kleine Orte, die ich mögen kann.

Es war ein sonniger aber kalter Nachmittag gestern. Noch nicht weit von dem Haus, in dem sich unsere Wohnung befindet, nahm ich das Zwitschern eines Vogels wahr. Ich vermutete einen Buchfinken, aber leider konnte ich den kleinen Kerl nicht richtig erkennen gegen das Sonnenlicht.. Überhaupt halten sich meine ornithologischen Kenntnisse in sehr bescheidenen Grenzen, und so vermochte ich auch in der Folge ein paar kleine Vögel nicht zu bestimmen. Immerhin begegneten mir noch allerlei Spätzlein und eine sehr hübsche Kohlmeise, die ich gut beobachten konnte.

Ich ging zuerst recht ziellos, gelangte aber schließlich auf etwas ungewohntem Wege zu einem Ausläufer des Seehafens, jenem Teil, in dem im Sommer viele kleinere und größere Yachten festmachen. Jetzt herrschte hier große Leere und Stille. Nur die etwas geheimnisvolle „Capella C“, eine ziemlich imposante englische Expeditionsyacht, die 1968 erbaut und sogar schon Fürst Rainier III. von Monaco zu Gast gehabt haben soll, hatte mal wieder oder immer noch festgemacht. (So richtig weiß hier niemand, was es mit diesem Schiff auf sich hat, warum es gerade in unserem Hafen liegt und was darauf bzw. damit gerade für Pläne geschmiedet werden.)

Sonst waren nur zwei kleinere, schon betagtere, kutterähnliche Wasserfahrzeuge mit Namen „Antje“ und „Seeadler“ zu sehen. Beide gefielen mir. Und, wenn ich mit ihnen nicht aufs Meer hinausmüsste, auf eine längeren Flussstrecke würde ich wohl gern auf einem der beiden mal mitfahren.

Von den Kaikanten aus hatte eine hauchdünne Eisschicht begonnen, das Wasser zu überziehen, nur in der Mitte und zur Bucht hinaus kräuselte sich das Wasser im kaum spürbaren Wind. Dort schaute ich, zwischen den Gebäuden des Technologiezentrums rechts und der Werft links, vorbei hinaus zum Horizont. Über mir gewahrte ich einen eisig strahlenden Himmel an dem zwei Kormorane kreisten. Wie sie in ihrem schwarzen Kleid vor dem kühlen Azur dahinschwebten … – ein erhaben schöner Kurzfilm. Und, um nicht übersehen zu werden, plätscherten ein paar Lach- und Sturmmöwen im Wasser herum, und zwei, drei der kleineren erhoben sich schließlich auch in die Lüfte und bildeten mit ihrem weißen Gefieder einen neuen Kontrast zum Himmelblau.

Meine Gedanken waren mittlerweile tatsächlich in eine andere Richtung gedriftet. Ein bisschen weg aus ihrer Gefangenschaft mit der dunklen Begleiterin und der mit der Häuslichkeit verbundenen Gegenwart des mich immer noch nicht wirklich verlassen habenden Infekts.

Die Bilder des Hafens, der Vögel, der segelnden Kormorane mischten sich mit solchen von Menschen, die mir vor allem zuletzt während meiner Arbeitstage begegnet waren und mit einigen, die Begegnungen vor mir wiedererstehen ließen, in der lebendigen Schönheit jener Zeiten, als sie wirklich geschahen.

Eine Mischung, die seltsam durcheinander vor meiner inneren Projektionswand ablief.

Ich sah auch Bilder, die nicht mit eigenem Erleben in Zusammenhang standen, Bilder , die mir in der virtuellen Welt begegnet sind, die wieder vor allem Menschen zeigten. Menschen, denen die Chancen und die Möglichkeit gegeben waren, von einer gesicherten Position aus, die Welt zu sehen, zu bereisen, die etwas leisteten, was Anerkennung fand, die suchten und fanden und aus deren Gesicherten Freude und Glück sprachen.

Ich ging immer noch spazieren, doch hatte ich jetzt die Welt, in der ich meine Schritte setzte, verlassen. Ich nahm sie gar nicht mehr richtig wahr. Einen Moment noch, sah ich das Bild eines Menschen immer wieder ganz klar vor mir. Eines jungen Menschen ohne gesicherte Position, dem, seit ich ihm begegnete, viele meiner Wünsche gelten. Dieser Mensch zeichnete in diesem Augenblick ein Lächeln auf meine Lippen.

Inzwischen war ich ein Stück durch die Innenstadt gegangen, ohne das wirklich bemerkt zu haben, und befand mich schon in einem kleinen Wäldchen, in dem ein Weg zur Rückseite eines Discountmarktes führt, in dem ich noch ein paar kleine Besorgungen erledigen wollte. Das Klopfen eines Spechtes holte mich zurück in die Realität. Recht hoch oben im Geäst eines Baumes machte er sich zu schaffen.

Sein Klopfen und er selbst erinnerten mich augenblicklich an die Zeit vor fast ganz genau vier Jahren. Damals begegnete ich immer wieder Buntspechten, wenn ich das großzügige waldähnliche Arial welches sich hinter der Klinik, zu einem der schönen Seen der Landeshauptstadt hin erstreckte, durchstreifte.

Und nun fühlte ich hier plötzlich alles genauso, wie ich es damals dort gefühlt hatte. In und mit eben derselben Stimmung, dem Empfinden von damals. Und ich begriff etwas, was sich pathetisch anhören und lesen wird, was aber so klar und rein und deutlich zu mir kam, dass es merkwürdigerweise schließlich ein sanftes, ein freundliches Erkennen war:

Ich bin traurig, bin Traurigkeit. Personifiziert. – Ich bin immer traurig. Ich bin in meiner Schwermut traurig aber auch dann, wenn ich lache. Und wenn ich Schönes sehe, Schönes spüre, Schönes erlebe ist die Traurigkeit doch nie ganz fort – sie ist doch in und bei mir und legt sich über das Schöne, sobald es vorüber ist. So wird und bleibt es traurigschön, als solches unglaublich intensiv. Und unvergesslich. Alle meine guten Erinnerungen sind so.

Ich glaube das ist so, weil ich noch nie völlig unbeschwert war, nie vermocht habe, es zu sein. Auch das ist mir gestern, zum ersten Mal, bewusst geworden. Dass das wahr ist!

Nun, da ich sie als das erkannt habe, was sie ist, sehe ich es als meine Aufgabe, mit meiner Traurigkeit zu leben, sie anzunehmen, mich ungeachtet ihrer Permanenz zu freuen, dankbar zu sein. Sie nicht (zu) sichtbar werden zu lassen, dennoch Freundlichkeit, Rücksicht und Liebe auszustrahlen und wirklich zu geben. Bescheiden zu bleiben und demütig. Sie sogar mögen zu lernen, damit meine dunkle Begleiterin sie nicht für sich vereinnahmt und gegen mich in Stellung bringt, so dass ihre Verbindung mit dem Schönen eines Tages verschwindet.

Ja, fast vier Jahre ist es her, seit ich in der Klinik war. So viel ist seither „aufgearbeitet“. Geblieben ist Traurigkeit. Seit gestern, seit jenem Spaziergang, weiß ich es ganz genau. Und, dass nichts und niemand mir tatsächlich helfen können wird, mit ihr zu leben, sie irgendwie zu akzeptieren. Jeden Tag wieder neu. Das muss ich allein tun, allein schaffen.

War mein Spaziergang gestern nun ein „guter“?

Abgesehen davon, dass er meine körperlichen Kräfte ein bisschen zu stark gefordert hat, ich buchstäblich ein bisschen „zu weit“ gegangen bin, noch nicht wieder voll bei Kräften seiend, denke ich darüber noch nach.

Ich werde noch viel Zeit zum Nachdenken haben, ganz allein für mich. Drei Tage lang ( Sonnabend bis Montag) ist meine kleine Familie in Hamburg für einen Kurzurlaub. Meine eigenen Kurzurlaubspläne nach Berlin, haben die Viren meines Infekts gefressen. Deshalb werde ich diese drei Tage nun allein sein und verbringen. Vielleicht sollte das ja gerade jetzt ja so sein.

Alleinsein ist nicht Einsamkeit

Traurigkeit nicht Depression

Es wird eine Prüfung werden.

Ich denke an die schwebenden, schwarzen Kormorane vor dem Himmelsblau …

***

Sophie Zelmani – „Memory loves you“

 

Tagebuchseite -697-

Das Echo des Januar

Ich höre mich nicht reden, ich höre mein Echo. Ganz von fern dringt es durch zu mir.

Ich spüre mich auch nicht schreiben. Ich ahne die Schatten, die die Lettern werfen, während die Sonne untergeht. Mühsam kann ich sie gerade noch lesen.

Der Januar ist schon vor Tagen vergangen. Ich wollte Rückschau halten als das geschah, aber mir ist so heiß geworden. Zu heiß.

Nun schaue ich aus dem Dunklen, in dem ich wieder wohne, hindurch durch eine Ascheschicht, unter der es immer noch nicht ganz erkaltet ist und sehe auf die Schatten der Buchstaben, die ich wohl doch jetzt geschrieben haben muss. Jetzt zum Beginn, zweier für mich freier Wochen. Zweier Wochen, die ich einmal herbeisehnte. Aber das war einmal.

Die Vorfreude ist mit verbrannt in der Hitze. Geblieben ist nichts. Nur die Echos und die Dunkelheit.

Ja, der Januar ist vorüber. Seit seinem Ende bin ich nicht mehr der, der ich an seinem Beginn und während seines Verlaufes war.

Es war der erste Monat mit nur noch dem einen Halbtagsjob für mich. Der freilich in diesem Januar kein Halbtagsjob war. Sondern viel mehr. Ich wusste das vorher. Und hatte auch deshalb den anderen halben im November gekündigt. Weil ich ahnte, dass ich sonst den Januar nicht mehr schaffen würde. Heute weiß ich, dass ich richtig geahnt habe. Heute weiß ich, was ich schon wieder für einen Irrsinn betrieben habe, die 15 Monate zuvor. Zwei solche „Halbtagsjobs“ gehen nicht, gehen gar nicht. Gehen absolut über meine Kraft. Ich WEIß das jetzt, aber es fühlt sich doch wieder wie Versagen an.

Jetzt im Januar hat der verbliebene Halbtagsjob völlig gereicht. Ich war, ich bin, auch so am Ende. Dieses Gefühl muss ich mir merken, weil ab Ende Februar mutmaßlich die vier, fünf Monate folgen werden, an denen ich generell tatsächlich nur vier Stunden täglich arbeiten werde. Und mein Gewissen mich plagen wird, und Schuldgefühle produzieren …

Das wird sein. Sicher wie das Amen in der Kirche.

Jetzt noch nicht, jetzt hat mich meine dunkle Begleiterin wieder. Sie ist noch stärker als mein Gewissen.

Die letzten beiden Arbeitstage habe ich nicht mehr bei vollem Bewusstsein erlebt. Sondern „angefeuert“ von um und über 39° Fieber an den Abenden, beginnend am Mittwoch.

Ich habe mir Standpauken dafür angehört, dass ich dennoch zur Arbeit gegangen bin, „gedopt“ sogar noch eine Moderation eines Assessmenttages gemacht habe, dazu die üblichen Mikrobeobachtungen, die Begleitung von Schülern während der Auftragsphasen, das Schreiben der Tageseinschätzungen und am Freitag auch noch die Assessmentkonferenz.

Ich habe mich dafür entschieden, dass die Schüler, die die letzte Woche bei uns waren, ihre Assessmentwoche beenden und so die Voraussetzungen für eine Zertifikatserteilung erreichen konnten. Wir waren so übel unterbesetzt, dass das buchstäblich an jedem Einzelnen derer hing, die während dieser Woche noch als Mikrobeobachter bzw. Moderatoren eingeplant waren. Letztes Aufgebot sozusagen.

Ich weiß, was alle normalen Menschen davon halten, dass ich das getan habe. Nicht nur weil mir gerade die Kraft dazu fehlt, möchte ich gar nichts dagegen sagen. Sarkastisch aber zutreffend könnte ich anmerken, dass ich, wenn ich mich überfordere, wenigstens das nicht so spüre, was mir sonst so zu schaffen macht. Was immer dasselbe ist. Was mich so anwidert. Worüber ich in größer werdenden Teilen aber weder reden noch schreiben kann. So wie jetzt, wo es wieder so sehr präsent ist. SCHOOON wieder!!!

Seit Sonnabend habe ich nun frei, seit gestern ist das Fieber fast runter. Aber ich fühle mich nicht besser. Die Schüttelfrostphasen sind vorüber, die letzte Nacht war die erste seit vieren, die ich einigermaßen geschlafen habe. Aber der Kopf schmerzt, die Nase läuft, irgendetwas ist immer noch wie „im Anzug“ und ich fühle mich seltsam schwach.

Als wäre ich gar nicht ich, sondern nur mein eigenes Echo.

Ich selbst bin in mir, unter der Ascheschicht, meine dunkle Begleiterin in „trauter“ Gesellschaft habend. Sie verlässt mich wirklich nie! Alle meine ursprünglichen, immer vage gewesenen und gebliebenen Pläne für die bevorstehenden zwei Wochen sind gecancelt. Selbst wenn ich reisefähig wäre, würde das mutmaßlich nicht anders sein.

Ich höre meinem Echo zu. Ich erkenne die Schatten der Buchstaben, die ich schreibe. Ich lese hier und da.

Für mehr reiche ich nicht.

Mehr bin ich nicht.

Und Verzweiflung.

Aus der heraus scheine ich manchmal mehr zu sein, mal für drei, mal für fünf oder auch ein paar mehr Wochen vielleicht. Ja, auch, weil ich das eigentlich immer noch möchte, ein bisschen wenigstens.

Aber ich bin es nicht.

***

Kirlian Camera – „Blue Room“

 

Sammelsurium -96- (Sechs Sprüchlein und ein Lied)

Es ist mal wieder Sprüchleinzeit in meinem Tagebuch.

Hier sind meine neuesten kleinen, ungefilterten Gedanken und Eingebungen, so wie sie über mich gekommen sind, während Tagen und Nächten der letzten Wochen:

Freiheit ist immer relativ. Mit der Demokratie ist es ebenso. Ehrlich wäre, das auch zuzugeben.

*

Die wesentliche Dimension eines Menschen, wird auf keinem einzigen Foto zu erkennen sein. Ihnen allen fehlt es an Tiefe …

*

„Leben“ ist undefinierbar. Wei jeder etwas anderes darunter verstehen will.

*

So viele schütteln, wenn vom „Heiligen Geist“ die Rede ist, verständnislos oder gar abwinkend den Kopf. Dabei ist damit nichts anderes als die Gabe und die Fähigkeit gemeint, Liebe zu leben und zu geben. Und ein Saatkorn davon steckt mindestens in jedem Menschen. Das anzunehmen, hat doch nichts mit Religion zu tun.

*

Ein Mensch und ein kleines Boot geben ein gutes Gleichnis ab. Wenn die Wellen um ihn herum zu hoch schlagen, wird sein Ziel nicht erreichbar sein. Niemand ist allein seines Glückes oder Leides Schmied.

*

Wenn Gesichtszüge entgleisen, geht das in der Regel immerhin ohne Personenschäden ab.

***

Ein Lied, das irgendwie in keine Schublade passt. Für meine Ohren ist es nach wie vor gewöhnungsbedürftig. Aber weil es nicht so „richtig“ passt, mag ich es irgendwie. Und ich mag es teilen:

Sarah Lesch – „Da Draussen“

Tagebuchseite -696-

Antonia

Sie sitzt ganz am Rande des Halbkreises. Neben ihr jenes Mädchen, dass das einzige ist, das ihr hin und wieder Aufmerksamkeit schenkt. Zum Beispiel während der Pausen, wenn sie zusammen stehen mit ihren Smartphones. Manchmal gehen sie auch gemeinsam nach Hause. Erzählen währenddessen, lachen.

Es schaut aus wie eine Freundschaft. Wie eine bröckelnde. Denn das andere Mädchen hat auch schon Augen für die Jungs der Klassenstufe. Und dann zum Beispiel mag sie sie nicht in ihrer Nähe haben. Dann fällt sogar mitunter eine etwas abfällige Bemerkung ihr gegenüber. Und manches Mal sitzt sie dann allein.

Sie scheint überhaupt allein unter all den anderen, obwohl sie mitten unter ihnen ist, die ganze Woche lang. Keiner jedoch spricht sie an, wenn es durch die Aufgaben, die gemeinsam zu lösen sind, nicht sein muss. Wenn das andere Mädchen nicht bei ihr ist, isst sie allein ihr Frühstücksbrot oder sieht sich ein Musikvideo an. Manchmal zieht sie sich ihren grünen Parka über und geht ein bisschen hinaus.

Dabei ist sie sehr lebendig, sehr wuselig. Hat ein Lächeln für jeden und ist kolossal hilfsbereit. Nichts ist ihr zu schwer, sich selbst heraus- und überfordernd geht sie alles an. Gibt sich die größte Mühe, bleibt geduldig. Schaut manches Mal hilfesuchend um sich. Weil sie es dann doch wieder nicht schafft. Fragt dann und wann, und dankt jedes Mal so höflich, so freundlich, dass es mir fast ins Herz sticht.

Sie möchte Kinderkrankenpflegerin werden oder Erzieherin. Kinder, so sagt sie, seien immer nett zu ihr. Sie möge Kinder so sehr. Und ihre großen blaugrauen Augen lächeln dabei aus ihrem schmalen, immer recht blassen Gesicht. Sie raucht nicht wie die meisten anderen, und ich höre nie einen „Kraftausdruck“ oder irgendein abwertendes Wort gegenüber einem anderen Mädchen oder Jungen aus ihrem Mund.

Sie ist sehr auffallend klein und zart gegenüber den anderen Schülern ihrer Klassenstufe. Es ist die achte. Sie würde äußerlich gut und gern noch in die fünfte passen. Das Lernen fällt ihr schwer. Oft sehr schwer. Obwohl sie sich so anstrengt. In Mathe und Englisch, so erzählt sie mir, ist es besonders schlimm. Als ich ihr von der Möglichkeit kostenloser Nachhilfe bei uns erzähle, strahlen ihre Augen, und sie fragt mich sogleich nach der Telefonnummer unter der sie sich dafür anmelden kann.

Beim Logikauftrag während der Assessmentwoche bin ich ihr als Mikrobeobachter zugeteilt. Sie quält sich durch die Aufgaben, rutscht manchmal auf ihrem Stuhl hin und her oder tupft mit einer Fingerspitze auf den Tisch. Sonst ist ihr keine Anspannung anzusehen, obwohl sie merkbar nur sehr langsam vorankommt, immer wieder auf die Aufgaben schaut und nicht weiter weiß. Öfter meldet sie sich und fragt nach, bekommt schriftliche Hilfshinweise. Arbeitet beharrlich weiter. Und schafft es doch wieder nicht. Und fragt wieder. Geduldig. Ganz höflich, sich tatsächlich jedes Mal bedankend. Und ein Lächeln dazu schenkend.

Am Ende hat sie 22 Fehler. Das sind sehr viele für einen K2-Auftrag in Logik. In der Selbsteinschätzung sagt sie, dass es sehr schwer für sie gewesen ist. Dass sie aber trotzdem weitergemacht habe, weil sie wenigstens etwas schaffen wollte.

Während der Auswertungen mache ich mir zunehmend Sorgen um sie. So wie es jetzt ausschaut, wird sie eine Ausbildung als Kinderkrankenpflegerin oder gar Erzieherin kaum schaffen. Als Helferin? Vielleicht …

Sie ist so willig und ehrgeizig. So leistungsbereit. Sie weiß, was sie gern möchte, strahlt so viel Frohsinn aus, und sie wäre wohl Kindern gegenüber die liebevollste Person, die man sich nur vorstellen kann. Aber sie ist eben auch sehr unstrukturiert, kann sich selbst nicht wirklich realistisch einschätzen und hat eindeutige Grenzen beim Lernen und Planen. Und obgleich sie sich manchmal gegen eine dumme Bemerkung oder ein „Wegschieben“ ihrer Person durch Mitschüler zur Wehr zu setzen versucht, ist sie ihrem Wesen nach doch ganz und gar gutmütig. Sie könnte keiner Fliege ein Leid antun.

Meine Kolleginnen sehen sie auch so. Wir sind uns einig, dass sie ein „Casemanagement“ brauchen wird. Wer es übernimmt und was es ihr tatsächlich bringen kann, wird sich zeigen müssen.

Ich habe während meiner langen Zeit als Sozialarbeiter noch nie so ein Mädchen kennen gelernt. Noch nie habe ich für einen jungen Menschen, der mir persönlich in meinem Beruf begegnet ist, so viele gute Wünsche in mir gehabt und irgendwie aber auch so viel Sorge.

Am Freitagmittag, als die Assessmentwoche zu Ende geht und all ihre Mitschüler schon in Aufruhr sind, laut das Wochenende „plan“ machend und die ersten Partystandorte erwägend, schubsend zu ihrer Garderobe drängelnd aus dem Raum strömen, der eine oder die andere noch ein „Tschüss“ für uns da lassend, packt sie ihre Sachen in den Rucksack, fragt nach ihrem Werkstück vom Grobmotorikauftrag, das sie mit nach Hause nehmen möchte und holt ihren schicken grünen Parka.

Und dann kommt sie zu jedem einzelnen von uns Moderatoren und Beobachtern, gibt jeder und jedem die Hand, sagt „Auf Wiedersehen“ und immer wieder „Danke“. Als sie bei mir anlangt verabschiedet sie sich auch, bedankt sich noch einmal für die Telefonnummer und sagt: „Da sehen wir uns bestimmt wieder!“, und ihr Gesicht lächelt und ihre Augen strahlen.

So ein zutiefst ehrliches, freundliches und Güte ausstrahlendes Gesicht. – Jeder von uns hat es, hat Dich, lieb gewonnen.

Du hast diese Arbeitswoche für mich zu einer besonderen werden lassen, weil ich einen ganz besonderen jungen Menschen kennenlernen durfte, mit dem es viel Freude gemacht hat zu arbeiten, auch wenn das auf spezifische Weise doch gar nicht so einfach war. –

Dafür sage ich DIR von Herzen „Dankeschön“ auch mit diesem kleinen Eintrag auf meiner Tagebuchseite über Dich, liebe Antonia.

***

Klee – „Nimm dein Leben in die Hand“

Tagebuchseite -695-

Von (m)einem besonderen Vermissen

Ich wandere durch die Tage und sehe Menschen kommen und gehen. Und fühle diejenigen, die ich nicht kommen und gehen sehe, die aber über Entfernungen mit mir verbunden sind oder waren. Das ist wie immer, und es ist insoweit gar nicht weiter erwähnenswert.

Erwähnenswert ist freilich, dass ich diese letztgenannten Menschen vermisse, den einen oder die eine mehr, den anderen oder die andere ein bisschen weniger. Aber ich vermisse sie alle.

Ich glaube, nein ich weiß, warum das für mich so besonders schmerzlich ist.

Abgesehen von meiner allerengsten kleinen Familie gibt es niemanden, keinen Freund, keine Freundin, nicht einmal einen liebenswerten Verwandten, der oder die hier einfach so um die Ecke wohnen oder arbeiten würde. Die Möglichkeit eines Spontanbesuchs besteht nicht, nicht einmal die, sich mehr oder minder zufällig auf einem der Wege, die wir zu gehen haben, unvermittelt zu begegnen. Und sich Zeit abknapsen zu können für ein gemeinsames Glas Tee oder einen kleinen Spaziergang zwischen den Hafenbecken.

Wir leben hier sehr allein, ja fast schon isoliert. Jede für eine andere Familie kleine Herausforderung wird so für uns schnell zu einem Problem. Denn in der Nähe ist da niemand, den man etwa spontan um die eine oder andere etwas speziellere Hilfe bitten könnte. Und wildfremde Menschen ansprechen, Nachbarn, die man kaum sieht, das schaffe ich nicht.

Meine Frau hat wenigstens zwei wirklich gute Bekannte, vielleicht sind es auch mittlerweile Freundinnen, hier in der Stadt. Beide sind von ihren Lebenspartnern verlassen worden vor etwas mehr bzw. etwas weniger als zwei Jahren. Aber sie kannten sich vorher schon. Nicht zuletzt über die Kinder. Manchmal treffen sie sich, manchmal unternehmen sie eine Kleinigkeit miteinander, manchmal sind ist eine oder sind beide auch für einen Nachmittag bei uns.

Ich habe niemanden hier in der Stadt, hier in der Umgebung. Auch nach 30 Jahren, die ich jetzt hier lebe, nicht. Niemanden, der mir Freund oder Freundin wäre. Ein paar flüchtige Bekannte gibt es …

Ich bin so froh, dass ich wenigstens Gedankenverbindungen zu anderen Menschen habe, die mir Freunde oder Freundinnen sind. Dafür bin ich wirklich dankbar. Hätte ich sie nicht, wäre ich manches Mal wohl noch viel tiefer in eines meiner Täler hinabgestiegen. Keineswegs nur deshalb bin ich unglaublich dankbar dafür, dass ich sie habe. Und vor allem über das Schreiben meines Tagebuches, sind es in den letzten Jahren ein paar mehr geworden.

Sie stehen meinen wenigen realen Freundschaften kaum nach, weil ich diese eben auch nur ganz selten sehe. Sie sind mir alle wichtig, weil sie mir Sinn geben. Sinn zu versuchen an mich zu glauben, Sinn weiter zu leben, Sinn, etwas geben und für jemanden da sein zu können, nachhaltiger als anlässlich flüchtiger Begegnungen und auch über die eigene kleine Familie hinaus.

Ich habe genau genommen, meinen Sinn erst durch diese Freundschaften wirklich (wieder)gefunden, und als ich ihn zu verlieren drohte.

Wahrscheinlich sollte ich weniger unbescheiden sein, zufrieden mit dem, was ich wie an diesen Menschen habe, denn das ist sehr viel.

Aber das Empfinden des Vermissens bleibt doch, obwohl ich das versuche.

Und es wird immer stärker und präsenter, je länger ich so gar keinem dieser Menschen wirklich, real, begegnen konnte, und sei es nur für die halbe Stunde, die es braucht, um ein Teeglas bei einem kleinen Gespräch zu leeren.

Deshalb ist es zur Zeit sehr, sehr präsent.

Ein bisschen habe ich es loswerden wollen mit dem Schreiben dieser Zeilen.

Gelungen ist es mir nicht. Im Gegenteil …

***

Schon zu meiner Stimmung heute Abend passend, habe ich hier heute eine alte Rockballade einer auch schon alten Heavy-Metal-Band. Sie ist wunderschön. Ein unglaublich poetisches und melodisches Lied, das ich gern teilen möchte – wundervolle Musik:

UFO – „Belladonna“

Tagebuchseite -694-

Buntgraue Gedankensalatblätter

Wenn ich über besonders Vieles nachdenke, fällt es mir besonders schwer, auch nur irgendetwas davon aufzuschreiben. So geht es mir derzeit gerade mal wieder. –

Vielleicht „hilft“ es ja ein wenig, wenn ich zunächst einmal aufschreibe, worüber ich gerade besonders nachdenke. Wobei ich mich da mal auf die Dinge beschränken werde, die sich während der letzten Woche sozusagen neu in den Fokus geschoben haben. Meine „Gedankenaltlasten“ kommen früh genug hier wieder zum Vorschein.

Ein Thema, das mich neuerdings wieder einmal stärker beschäftigt, ist das Thema „Bedürfnisse“. Das ist so eines meiner „running subjects“. Es hat ganz offensichtlich mit den rasanten Entwicklungen auf unserer Welt zu tun, dass das so ist. Auf Messen werden ständig neue Produkte und Trends gezeigt, von denen letztlich möglichst viele verkauft werden sollen. Damit das möglich wird, müssen entsprechende Bedürfnisse da sein bzw. geweckt werden. Und an letzterem wird wiederum auch sehr heftig, und immer subtiler gearbeitet.

Und mehr und intensiver denn je frage ich mich, wohin das wohl führen wird. Gleichermaßen frage ich mich zu meiner eigenen Position, die ich als eine immer „spezieller“ werdende wahrnehme, was vor allem kritischer, bewusster verweigernder, nicht mehr verstehender und mehr Ängste entwickelnder meint. „Fortschritt“ ist bei all diesen Überlegungen ein Schlüsselwort, eins, zu dem ich schön öfter mal geschrieben habe, mit dem ich aber wohl nie fertig werden werde.

Ein anderes Thema ist das der „Begegnungen mit Menschen“. Es beschäftigt mich aktuell noch viel mehr als „gewöhnlich“, obwohl es eines ist, das mich generell nie loslässt. Durch meine Arbeit bedingt, ist es so, dass ich während der letzten Wochen besonders vielen Menschen begegnet bin. Jungen Menschen insbesondere, im Alter zwischen 13 und 16 Jahren vor allem. Grundsätzlich nur jeweils für eine Woche. –

Ich weiß nicht, wie ich das wirklich treffend beschreiben kann oder soll, aber mir sind das irgendwie zu viele zu kurze Begegnungen. Für einige dieser Menschen interessiere ich mich durch die eine Woche der Begegnung ausgelöst mehr, ich mache mir Gedanken um sie, von denen sie vielleicht nicht einmal etwas ahnen. Ich möchte sie nicht einfach gleich wieder loslassen müssen, kann sie nicht einfach wieder vergessen. Das, was ich von ihnen kennenlernen konnte, auch manche der Hintergründe ihres so- oder so- Seins, beschäftigen mich sehr. Und manchmal gibt es von diesen jungen Menschen auch (erste) Signale der Dankbarkeit, dass da jemand ein Interesse zeigt, nachfragt, irgendwie auf etwas eingeht, was sonst mutmaßlich nicht Thema ist, sein kann oder gar sein darf.

Aber dann gehen sie halt wieder, und ich bleibe mit meinen Gedanken zurück. Die nicht wieder gehen …

Schließlich habe ich zuletzt auch wieder besonders viel über meinen mehr oder weniger heimlichen letzten Lebenstraum nachgesonnen und, wahrscheinlich durch einen meiner nach wie vor stets nicht schönen Nachtträume ausgelöst, über das Sterben, mein Sterben.

Es ist schon seltsam, wenn man im eigenen Traum ertrinkt, buchstäblich in trübem grünem Wasser, in gewissem Abstand andere Menschen um sich wahrnehmend. Tiefer sinkend, atmen wollend und nicht mehr könnend …

Ich weiß nicht, wo so ein besonders böser Traum gerade jetzt (wieder) herkommt. Hängt es damit zusammen, dass ich in den letzten Wochen bemerkt zu haben glaube, mich immer mehr von vielen Menschen entfernt zu haben. Immerhin fällt mir auf, dass ich immer weniger „mitreden“ kann, bei ganz vielen offensichtlich sonst gängigen und „normalen“ Themen nicht, die ansonsten unter den Kolleginnen ganz selbstverständlich ausgetauscht werden, weil jede etwas dazu weiß, weil jede dies und das dazu auch schon mal erlebt hat. Nur ich nicht. Immer wieder: Ich NICHT.

Das mit dem heimlichen Lebenstraum ist etwas ganz Eigenes. Er ist so sehr unrealistisch. Im Mindesten habe ich ihn zu spät geboren. Aber auch, wenn er früher in mir präsent gewesen wäre, wäre er vermutlich nicht wesentlich realisierbarer gewesen. – Aber es ist in der Tat zusätzlich so, dass ich viel zu spät wirkliches Bewusstsein darüber erlangt habe, wer ich bin und was ich mir für mich persönlich wünsche.

Der Spruch. „Lebe Deinen Traum“ geht mir deshalb ziemlich auf die Nerven. Eine Durchhalteparole, die keine ist. Im Gegenteil. Mich frustriert diese Aussage.

Der gemeine, gewöhnliche Mensch ist klein. Ich bin klein. Kleine Träume kann ich manchmal ein bisschen leben …

Ja, so ein buntgrauer Salat geht mir durch den Kopf. – Jetzt liegt er, ein bisschen sortiert immerhin, hier auf dieser Tagebuchseite herum. Mal sehen, vielleicht schaffe ich es ja doch noch, zu dem einen oder anderen Salatblatt, demnächst ein bisschen mehr ins Detail zu gehen, WIRKLICH zu schreiben.

Gerade frage ich mich, ob das irgendwie gut wäre oder eher nicht.

***

Ich und Ich – „Brücke“

Verse -57-

Unerfüllt

Bist du noch hier? Bist du gegangen?
Fühl’s nun so leer an jedem Ort.
Weiß mich in mir und dir gefangen,
und wünsch‘ mich klagend selber fort.

Gibt es dich? Soll ich dich finden?
Was redet mir mein Sehnen ein?
Dein Bild wird nimmermehr verschwinden.
Ich bleibe schuldig, blind und klein.

So irrend lebe ich mein Leben,
jag‘ nur dem Traume hinterher,
der letztlich ist mein ganzes Streben
und meine schlimmste Angst noch mehr.

Wo will ich hin? Wo werd ich enden,
wissend, dass ich doch verlier?
Denn nichts wird dieses Blatt je wenden.
So werd‘ ich geh’n … War niemals hier …

***

Ein vergessenes Lied von einer vergessenen Sängerin aus einem (fast) vergessenen Land. Sehr schön, aber mit und durch die Läufe der Zeit und der Menschen in und mit ihr, als wäre es niemals hier gewesen …

Marion Scharf – „Verloren an Dich“

Tagebuchseite -693-

Zartes Ahnen und bohrende Fragen – die erste Woche meines „neuen Zeitalters“

Die erste Woche meines „neuen Zeitalters“ ist Geschichte. Und erste Empfindungen, Reaktionen, sind da. Noch keine richtigen Erkenntnisse. Mehr so ein Spüren, so ein Ahnen. Irgendwie diffus noch. Und nach wie vor jede Menge Zweifel. Und auch Angst, was da noch alles kommen könnte …

Noch nie habe ich nur einen 20-Stundenjob gehabt. Obwohl, auf dem Papier ist es einer, in der Realität (noch) nicht. Jeden Tag der vergangenen Woche habe ich nicht vier, sondern im Schnitt sechs Stunden gearbeitet. Das wird bis zu den Winterferien so bleiben, dann wird es tatsächlich anders sein. So, wie es auf dem Papier steht. Mutmaßlich wird sich dann mein „neues Zeitalter“ noch einmal anders anfühlen, womöglich auch noch weitere, neue Zweifel auftauchen.

Doch zurück zur vergangenen Woche, der mit den sechs Stunden täglich. –

Überwiegend haben diese sechs Stunden Arbeit mir Freude gemacht. Es ist der Teil der Arbeit in dem Projekt, der zwar anstrengender ist als der übrige, aber er ist auch abwechslungsreicher. Es geschieht viel, ich muss aufmerksam sein, ich lerne viele Menschen auf recht spezielle Weise kennen. Junge Menschen zwischen 13 und 15 Jahren. Ich muss sie vor allem unter ganz bestimmten, wechselnden Bedingungen sehr exakt beobachten und sie dann einschätzen. Und ich musste, diesmal, viel moderieren, einen Auftrag (mit etlichen Übungen vorab und einem Vortest) anleiten, den die jungen Leute erfüllen mussten, drei Mal, für jeweils eine kleine Gruppe.

Jeder einzelne Tag hat mich sehr gefordert. So, dass ich anschließend durchaus erschöpft war. –

Aber nun kam das Neue: Ich musste nicht mehr in (m)einen zweiten Job wechseln, übergangslos, mich sofort umstellen auf eine ganz andere Situation, jüngere Kinder, besonders schwierige Kinder, nicht wissend, was in den ersten Stunden des Tages schon mit ihnen oder durch sie geschehen war, was meine Kolleginnen schon besprochen hatten oder tun mussten.

Statt dessen konnte, durfte ich nach Hause gehen. Einfach nach Hause. Seltsam.

Ja, es hat sich seltsam angefühlt. Bis zum letzten Tag der Woche. Manchmal sah ich durch das Fenster des Büros noch eine Kollegin, dort, wo sonst mein zweiter Job startete. Sie sind jetzt nur noch zu zweit dort. Also unterbesetzt. Wegen mir. Bis auf Weiteres. Und das kann dauern in unserem Laden …

Zu Hause, das war zunächst fast immer erst einmal etwas zu Essen machen. Eigentlich schon ein bisschen spät für eine Mittagsmahlzeit, aber ich esse nach dem zeitigen Frühstück nichts mehr, also brauchte ich ein bisschen Nahrungszufuhr. Dann abwaschen. Meist dauerte es dann nicht mehr lange bis mein Sohn nach Hause kam. dennoch blieb fast jeden Tag noch ein bisschen Zeit.

Meine „besondere“ Zeitung (Ich lese die „Berliner Zeitung“, obwohl ich gar nicht dort wohne, sondern viel weiter nördlich), die sonst, morgens kaum eines Blickes gewürdigt ins Altpapier wanderte, ward nun doch ein bisschen gründlicher studiert. Und ich fand das schön. Meist lese ich vor allem das Feuilleton, die Wissenschaftsseite oder Reportagen, in denen Menschen oder Länder oder ein bestimmtes Thema ausführlicher, mit Hintergrund, vor- bzw. dargestellt werden. Wann hatte ich das letzte Mal Zeit und vor allem noch Kraft dazu? Oder zum Schreiben? – Ich habe Mailbriefe geschrieben, vorige Woche. Ja Plural, also nicht bloß einen!

Muße zum Schreiben. Auch das ist so lange her …

Ich habe noch manch Anderes vor. Freue mich zum Beispiel darauf, das zu Hause schon ein bisschen schöner machen zu können, bevor meine Frau heimkommt.

Dennoch ist es ein komisches Gefühl. Und noch unwirklich.

Jedes Mal, wenn ich vergangene Woche meinen Arbeitsplatz verlassen habe, war diese Ungewohntheit ganz präsent in mir: Du DARFST jetzt Feierabend haben!

Aber innerlich war da dann doch auch schon so ein bisschen Erleichterung. Das leise Spüren eines aufatmen Könnens. Luft holen, ohne dass da gleich der nächste Zwang ist. Ich habe das noch nicht verinnerlicht. Aber dieses leichte Spüren ist unfassbar … schön …

Mir ist der ganze Wahnsinn der letzten Monate noch einmal so richtig bewusst geworden. Sozusagen von einer anderen, der neuen, Perspektive aus. Wie habe ich es geschafft, nach so einem Tag, wie ich ihn die letzte Woche immer wieder gemeistert habe, noch stundenlang in einem noch schwierigeren Job weiter zu arbeiten? So, dass ich am Ende so oft 9, 10, 11 Stunden auf der Uhr hatte, von denen ich mir die überzähligen kaum gutschreiben konnte und durfte?

Mir ist auch, deutlich wie nie, bewusst geworden, dass ich nach meiner langen Krankheit wirklich Pech hatte, in den schwierigsten Arbeitsfeldern und unter Bedingungen arbeiten zu müssen, von denen mir eigentlich jeder hier gesagt hat, dass das, über längere Zeit zumal, unmöglich sei.

Ich wollte nicht kneifen. Wollte wieder arbeiten. Ich wollte mich allem stellen, musste es, nachdem jenes Projekt, für das sich so viel Vorarbeit geleistet hatte, und das ich schließlich gern wollte, wegen eines Versäumnisses „an höchster Stelle“ nicht genehmigt werden konnte. Also habe ich angenommen, was mir angeboten wurde.

Und habe nun bemerken müssen, dass es so nicht (mehr) geht und nicht mehr gehen wird, gehen kann. Nie mehr …

Dennoch lässt mir mein Gewissen keine Ruhe. Es stellt mir Fragen, ziemlich bohrende.

Wie das wohl sein wird, wenn dann tatsächlich nur noch vier Stunden Dienst ist? Wie es wohl sein wird, wenn ich ein paar Monate, dann wenn der „zweite Teil“ der Arbeit überwiegend anstehen wird, die Vormittage daheim sein und erst zum frühen Nachmittag meinem Job nachgehen werde?

Das sind noch die leichteren der Fragen. Da sind weit schwierigere:

Machst Du es Dir nicht zu leicht? Meinst Du, dass man es sich in Deinem Alter leisten kann, nur noch halbtags zu arbeiten? Wie sieht es mit der Verantwortung für Deine Familie aus? Du bist einen halben Tag daheim und trägst auch nur noch gut halb so viel wie ehemals zum Lebensunterhalt bei? Wie wird die Bilanz des Familienbudgets ausschauen, nach drei, vier Monaten? Du vermutest doch selbst, dass es so sein kann, dass günstigstenfalls eine „schwarz Null“ herauskommt, wenn keine besonderen Ausgaben anstehen. Was, wenn eine größere Anschaffung notwendig wird? Und Urlaub? Allein die „gewöhnliche Sommereise ins Herkunftsland Deiner Frau kostet …

Mein Gedanke an eine zusätzliche Nebentätigkeit für bis zu 10 Stunden die Woche bändigt meine Sorgen nicht. Wie soll sich eine Nebentätigkeit finden, wenn mein Halbtagsjob so angelegt ist, dass er zeitweise schwerpunktmäßig am Vormittag und dann wieder für ein paar Monate eher am Nachmittag meine Anwesenheit erfordert? Und, wenn ich dafür dann auch noch längere Wege in Kauf nehmen müsste, wäre ich am Ende vielleicht bald wieder „am Limit“.

Ach, mein Gedankenkarussell dreht sich schon (wieder) recht heftig. Es hat schon so kräftig an Tempo und Intensität zugelegt, dabei ist mein „neues Zeitalter“ gerade ein bisschen mehr als eine Woche alt.

Aber so bin ich. Für viele wahrscheinlich „unverbesserlich“, auch irgendwie verkehrt. Oder? Die Fragen, die mich quälen, sind aber doch so wichtige Fragen …

***

First Aid Kit – „Fireworks“

Tagebuchseite -692-

Miteinander aneinander vorbei – bin ich süchtig?

So oft bewegen mich Grundsatzfragen. Solche an und um das Leben, und immer und immer wieder besonders die zwischenmenschlichen Beziehungen, unser Zusammenleben betreffend.

Da bin ich dann auch schon bei einer der grundsätzlichsten meiner Grundsatzfragen, auf die ich wohl niemals mehr fertig werde, auch nur eine halbwegs (mich) zufriedenstellende Antwort zu finden. Es ist die Frage WIE wir eigentlich zusammenleben.

Die Frage ist wohl deshalb eine so schwierige für mich, weil mein immer vorherrschenderer Eindruck der ist, dass Menschen weit weniger miteinander leben als aneinander vorbei. Häufig bis in die kleinsten und unmittelbarsten Milieus und Zusammenhänge hinein. Vor allem im beruflichen Bereich fällt mir das immer wieder besonders auf.

Nun liegt es ja in der Natur der Sache, dass ein beruflich zusammen agierendes Team zunächst einmal immer eine Zweckgemeinschaft ist. Nicht Sympathie, nicht Freundschaft, sondern eine Aufgabenstellung, die nicht in Einzelarbeit zu bewältigen ist, führt Menschen zusammen. Unterschiedliche Menschen, mit unterschiedlichen Charakteren, Arbeitsauffassungen., Ansprüchen an sich und andere, mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Vorstellungen von der eigenen Rolle und von gemeinsamem Handeln. Und so weiter und so weiter, das ließe sich gefühlt endlos so fortsetzen.

Weil das so ist, ist jedes gemeinsame Agieren, ist jeder Tag, den man zusammen verbringt, ein Kompromiss. Was sollte es auch anders sein können, wenn alle Menschen auf so unterschiedliche Weise verschieden sind, dass es sich gar nicht abschließend beschreiben lässt. Selbst Freundschafts- und Liebesbeziehungen erfordern Kompromisse, wenn sie tragfähig bleiben wollen. immerhin besteht in solcherart Beziehungen (hoffentlich) generell eine größere Bereitschaft Kompromisse einzugehen, eine größere Bereitschaft, dies mit gegenseitiger Rücksicht zu tun, möglichst ohne Streit aufkommen zu lassen bzw., wenn dies doch geschieht, diesen dann so friedlich wie möglich wieder beizulegen.

In anderen Beziehungskonstrukten, den pragmatisch hergestellten, den „unfreiwilligen“ ist derartige Bereitschaft regelmäßig weit weniger ausgeprägt. Es besteht weit größere Gefahr, dass jemand, der grundsätzlicher kompromissbereit ist, mehr Rücksicht nimmt, eher einlenkt, eigene Ansichten, Ansprüche und Auffassungen zurückstellt, am Ende unzufrieden(er) wird, ja, womöglich tatsächlich „der Dumme“ ist.

Mein Empfinden ist, dass es unendlich viele Menschen gibt, die in den vielfältigen Zweckgemeinschaften menschlicher Existenz zu leben angewiesen sind (und das sind wir alle!), darin so „miteinander“ leben und also mehr oder minder bewusst aneinander vorbei, weil wirkliche Kompromisse, wirkliche Ausgleiche, bei denen alle Beteiligten ein Höchstmaß an Zufriedenheit spüren und die von tatsächlicher Wertschätzung geprägt sind und diese ebenfalls empfindbar werden lassen, nicht entstehen. Die Einen stellen zu viel und tendenziell mehr bzw. immer zurück, der Anderen ganz überwiegend weniger oder auch gar nicht.

So ist das Leben. So „funktioniert“ es.

Ich weiß nicht wie vielen oder wenigen Menschen es so geht wie mir, wie sehr naiv und unreif es ist, mit diesem „Funktionieren“, was wohl Normalität ausmacht, so wenig und so schlecht zurecht zu kommen wie ich. Mutmaßlich ist diese Normalität so normal, das „normale“ Menschen sie gar nicht hinterfragen, ja, nicht einmal auf die Idee kämen, das zu tun. – Menschliches Zusammenleben ist immer ein Kompromiss, dabei gibt es Gewinner und Verlierer. So ist das nun mal.

Ich hingegen suche nach Harmonie. Ich suche sie, weil ich sie brauche, wie die Luft zum Atmen, zum Leben. Ich suche sie nicht nur auf den Inseln der Freundschaft. Dort habe ich erfahren, wie viel sie mir bedeuten, wie wichtig sie mir sind und warum. Habe auch erfahren, dass diese Inseln mir zu klein sind, dass ich mich überall da krank fühle und offenkundig auch tatsächlich in Gefahr bin krank zu werden, wo ich keine Harmonie finde.

Ich bin niemand, der wirklich zu streiten vermag. Ich scheue Konflikte, weil sie in mir heftigste Angst- und Anspannungsgefühle auslösen können. Ich habe zwar eigene Ansichten, Meinungen, und ich glaube auch, dass ich mit denen nicht hinter den Berg halte, aber sie durchsetzen vor allem GEGEN andere Personen, das ist und fällt mir unsagbar schwer. Ganz regelmäßig suche ich dann für mich allein ein Arrangement, zumindest dort, wo ich eine Zweckgemeinschaft nicht so mir nichts dir nichts verlassen kann. Und im Arbeitskontext beispielsweise, geht das nun mal nicht. Damit versuche ich dann zu leben. Weil das Leben nun einmal so ist. (sic!)

Und weil es ist wie es ist, und ich es SO so schwer annehmen, so schwer verkraften kann, bin ich, wo immer es mir möglich scheint, um Ausgleich bemüht, um mehr Miteinander. So lange mir das möglich ist. Wird der Preis zu hoch oder müsste ich mich selbst verleugnen dabei, dann ziehe ich mich zurück.

Ich habe des Öfteren schon geschrieben, dass mich mein Suchen, meine Sehnsucht auch, antreibt, mich im Leben zu finden, weiter zu leben, mit mir und mit anderen Menschen.

Immer häufiger mischt sich darunter das Empfinden oder Erkennen (?), dass es nicht nur Suche, nicht nur Sehnsucht, sondern womöglich eine Sucht ist, die mich treibt: Die Sucht nach Harmonie. Immer mehr glaube ich, dass ich sie anders nicht treffend, nicht hinreichend bezeichnen könnte.

Aber Süchte sind doch wohl immer irgendwie gefährlich …

Und von der hier ahne ich, dass sie mich viel Kraft kostet, mir andererseits aber auch Motivation ist.

Ist das positiv? Ist das negativ? – Bezüglich Suche und Sehnsucht sind mir solche Frage nicht in den Sinn gekommen. Solche schon wieder so grundsätzlichen Fragen …

*

Fraygeist – „Was du Liebe nennst“

Tagebuchseite -691-

Farbensuche

Es ist seit Wochen, wenn nicht Monaten, der erste Morgenhimmel, der mich durch das Fenster hier mit einem zarten Lichtblau empfängt. Ein paar Wolken, die tatsächlich weißen Federn gleichen, zeichnen ihn so unschuldig, wie es nur irgend geht.

Ja, diese unschuldigen Farben, die hellen lichten und die dunkleren, samtenen, sie sind auch das Leben. Manchmal kommt mir dieses Wissen abhanden hinter all dem vielen Grau, das sich wie zuletzt unablässig und obendrein anhaltend weinend aus dem Himmelsgewölbe über das Land hier ergossen hat. So sehr, dass alles Blei geworden zu sein schien. Bleiern und schwer.

Die Erde, das Land, buchstäblich. So sehr, dass sie noch immer einen Teil der Maisernte des vorigen Herbstes nicht freigegeben hat. Und die Maschinen, die sich ihrer zu bemächtigen suchten, einfach bis zu den Radnarben in sich hinein sog. Kaum ein Feld hier in der Region ist noch befahrbar. So viele Himmelstränen sind auf die Erde gefallen während der letzten Monate.

Manchmal denke ich, dass sie ein Zeichen sind …

Das Lichtblau draußen, hat mich erinnert, dass ich dennoch auf Farbensuche bleiben muss. So grau das Leben so oft auch ist. Auch mein inneres. Und auch, wenn ich mich seit einer Weile damit zu trösten versuche, dass das Leben grau zu sehen immerhin näher an ihm selbst ist als es sich schwarz-weiß zu malen: Es ist ja doch nicht die einzige Lebensfarbe.

Mag sein, dass letztlich ein dunkles Grau dabei herauskäme, wenn man alle Farben, die ein Leben ausmacht, mischen würde. Aber wozu sich das vorstellen?

Kein einzelner Tag hat alle Farben. Ich aber lebe an jedem einzelnen Tag. Und der Morgen des Tages heute ist lichtblau. Ein lichtblau, das durch alle anderen Farben, die gerade präsent sind, überstrahlt.

Leben, Überleben, wird nur möglich sein, wenn kein noch so zartes lichtblau, kein noch so sanftes schwarzrot übersehen wird. Nichts ist nur schwarz. Nichts ist nur weiß. Aber nichts ist auch nur grau. So oft und so mächtig und beständig es auch grau sein mag und grau ist.

Für Seelen, die darüber traurig geworden sind, ist es nicht einfach, auf Farbensuche zu bleiben. Dabei, so habe ich es an manchem Menschen mit trauriger, sensibler Seele inzwischen gefunden, sind sie es, die die schönsten Farben zu finden imstande sind, und zeigten sie sich auch noch und nur im winzigsten Tupfer. Und sie sind es sehr oft auch, die die schönsten Farben in sich tragen.

Das aber wissen oder erkennen sie nicht oder sind nicht imstande, es als für und in sich gegeben anzunehmen. Und wenn doch oder wenigstens ein bisschen, dann schließlich sind oder bleiben sie zu bescheiden, zu scheu, sind zu wenig selbstbewusst, sich dies einzugestehen oder sie gar bewusst zu offenbaren: Die vielen schönen Farben im eigenen Herzen.

Mir selbst geht es ebenso. Ich weiß, dass viele Farben in meinem Herzen sind. Ich habe sie ja alle selbst fotografiert, in der Natur, auf den Noten mancher Melodie, zwischen den Zeilen wundervoller Sätze, in und aus Menschengedanken und -gesichtern. Sie sind alle in mir drinnen, bewahrt, so dass sie mir , bitte, nie verloren gehen mögen.

Aber das so oft so dominant, so mächtig seiende Grau, real oder als solches wahrgenommen, saugt nicht nur so vieles in sich ein, es drückt auch auf so vieles. Vor allem auf sensible Herzen. Wie schwer ist es, dagegen ein kleines Herzenstürchen aufzustemmen? Wie klein und schwach ist der Farbenschein, der daraus zu dringen vermag?!

Das zarte Lichtblau von heute Morgen hat sich Bahn gebrochen durch das schwere Grau der vergangenen Wochen. Inzwischen hat es ein weiches Weißgold zu sich eingeladen, das mit kleinem Pinsel den Schein der Sonne auf die Umgebung malt. Wie schön das ist!

So schön, wie es aus manchem Menschen scheint. Vielen, gerade derer, die das gar nicht (mehr) ahnen.

Gerade denen möchte und werde ich das aber sagen. Wie sie scheinen, strahlen. Ob nun ganz stark oder eher sanft. Wann und wo immer ich das kann. Weil gerade sie mich auf meiner Farbensuche haben fündig werden lassen und mich also leben, überleben lassen.

Und heute Nachmittag will ich Zeit finden, Zeit, um in der Natur ein bisschen von der Farbe, jenseits des schweren, mächtigen Grau, für mich, mein Herz, einzufangen.

Für mich und dafür, dass andere Menschen ein bisschen davon finden können, in mir, durch mich, wenn es draußen wieder nicht mehr so leuchtet, wenn es in ihnen und um sie herum wieder nur dunkel ist.

*

Birdy – „Not about Angels“