Wegweiser durch diesen Blog

Tagebuchseiten:

Hier sind meine Reflexionen über Ereignisse und Begegnungen im Alltag ebenso zu finden, wie meine Gedanken über „Gott und die Welt“ – in loser Folge, ohne Ordnung …

(Mit Beginn des Jahres 2017 erscheinen einige meiner Tagebuchseiten als Selbstgespräche . Grund dafür ist eine umfassendere Idee, die ich schon lange in mir trage. Vielleicht entsteht aus den entsprechenden Texten irgendwann ein Weg, der zu ihrer Realisierung durch mich führt. Vielleicht …)

Sentenzen:

Nachdenkliches zu Themen, die mich immer wieder und nachhaltiger bewegen und beschäftigen, die in meinem und für mein Leben zumeist eine wichtigere Rolle spielen.

Verse:

Einige meiner Versuche, Gedanken, Eindrücke, Reflexionen und Ansichten in lyrischer Form zu verarbeiten.

Gedanken zu Aphorismen:

Was immer ich auch lese, ich spüre darin aus meiner Sicht interessante Sinnsprüche auf. Einige von denen, die mich besonders inspirieren, zum Nachdenken anregen, meinen Widerspruch herausfordern, bespreche, diskutiere ich hier.

Zwischenstopps:

Texte, über die ich „gestolpert“ bin, darunter Merkwürdiges, Skurriles, Witziges, Unglaubliches – manchmal mit kurzen Kommentaren von mir versehen. (mitunter auch Musiken, mit denen ich mir einen Zwischenstopp genehmige …)

Sammelsurium:

Hier finden sich von mir verfasste, kleine Rezensionen zu Büchern, die ich gelesen habe, eigene Gedanken in Aphorismenform, die ich zur Diskussion stelle, und Sonstiges, was mir mitteilenswert erscheint.

Advertisements

Tagebuchseite -682-

Siege und Siege, die wohl keine sind

So einfach ist es im Leben: Auf Schatten folgt Licht, auf Sonne folgt Regen. Mal bist du Gewinner, mal Verlierer. Sieg und Niederlage liegen dicht beisammen.

So einfach ist es wahrscheinlich tatsächlich. Nur ich tue mich schwer damit. Mit dem, was für so viele so selbstverständlich ist.

Ich habe es auch vergangene Woche wieder geschafft, jeden Morgen früh aufzustehen. Blick in den noch dunklen, kalten Hof – aus dem gegenüber liegenden Plattenbaublock scheinen nur wenige erleuchtete Fensterrechtecke. Wie viele oder wie wenige werden wohl um diese Zeit aus dem „meinen“ scheinen?

Hinter den Fensterrechtecken befinden sich Bäder. Darin waschen sich auch Leute, die in etwa einer Stunde zur Arbeit müssen. Ich gehe in die Küche, das Frühstück vorbereiten. – Der erste Sieg. Ein Sieg über mich, über den der in mir ruft: Es geht nicht! – Fünf Morgen, fünf Siege!

Am Freitagmittag ist wieder eine Woche Kompetenzfeststellung mit jungen Leuten der Hälfte einer 8.Klasse zu Ende. Ich habe in dieser Woche zwei Mal moderieren müssen – den einen Auftrag zum allerersten Mal komplett allein, den anderen, den von mir ungeliebteren, schon „gewohnter weise“. Wieder zwei Siege! Zwei Siege über mich, meine innere Panik, die mich vor jeder Bewährungssituation wieder befällt, auch wenn ich genau diese Situation schon mehrere Male zuvor schadlos überstanden habe.

Plötzlich treten zwei Mädchen aus der Gruppe zu mir und verabschieden sich, mich keck einfach mit meinem Vornamen ansprechend, den sie bei einem Pausengespräch mit meinen Kolleginnen aufgeschnappt haben müssen. Sie reichen mir sogar die Hand: „H., sie waren der Beste! Sie und die Frau R.! Dankeschön!“ Ich schaue wohl ziemlich verdutzt, verdutzt über die Ansprache und über das Lob. Die beiden lachen. „Ein schönes Wochenende, und Auf Wiedersehen, H.!“, sagen sie gehend und von der Tür her noch einmal winkend.

War das eine Gratulation? Eine Gratulation zu einem weiteren Sieg? Es fühlt sich so an für mich und ich höre meine Seele den Mädchen ein „Danke“ hinterherrufen. Sie haben mir den wohl schönsten Augenblick dieser Woche geschenkt.

*

Die Abende der Woche sind bleiern und schwer. Mit teils letzter Kraft schreibe ich nach dem Dienst in meinen beiden Jobs noch die Berichte für die Fremdeinschätzungen, die den Schülern am nächsten Morgen im Rahmen der Kompetenzfeststellung gegeben werden sollen. Ich kann mich kaum noch konzentrieren, muss mich sehr anstrengen. Manchmal verfliege ich mich in einem Gedankengewirr, das mit dem, was ich gerade tue, gar nichts zu tun hat. Muss mich dann zurückholen. Zwischendurch empfinde ich Schwäche und ein bisschen Schwindel. Aber ich schaffe es. Die Berichte werden fertig. Danach noch in meinem Buch zu lesen oder einem Film zu folgen, vermag ich nicht mehr. Nicht mal mehr einer Fußballübertragung.

Habe ich mich jeden dieser Abende auch selbst besiegt?

Wie an den Morgen hat es „Es geht nicht!“ in mir gerufen …

Freitagnachmittag. Es sind die letzten Stunden der Arbeitswoche. Stunden in meinem zweiten Job, dem mit den verhaltensschwierigen Kindern aus den „problematischen“ Elternhäusern in der teilstationären Betreuung. Dem, bei dem ich sehr oft an meine Grenzen gehen muss und das auch tue. Und mich doch nie wie ein Gewinner fühle. So ist es auch an diesem Freitagnachmittag.

Ich arbeite mit innerlich höchstem Anspannungspegel, gebe mir die größte Mühe. J. macht es mir heute wieder einmal besonders schwer.

Ich fühle mich beständig beobachtet von der einen meiner Kolleginnen hier und werde innerlich immer unsicherer. Sie arbeitet schon sehr viele Jahre hier, hat viel erzieherische Erfahrung, über die ich nicht verfüge. Ich weiß, dass sie nichts sagen wird, aber ihr Gesicht spricht Bände. Und später empfange ich zwei Bemerkungen, die mir meinen Eindruck bestätigen. Ich genüge hier nicht. Und ich weiß inzwischen, dass ich hier nie genügen werde. Jeder Tag, den ich hier einen „Sieg“ erringe, macht meine Niederlage im Ganzen größer. – Wozu also siegen?

Innerlich bebend gehe ich nach Hause. Ich denke noch kurz an die beiden Mädchen, die mir erst vor ein paar Stunden so freundlich und dankend „Auf Wiedersehen“ gesagt haben. Aber dieser Moment heilt mich nicht. Es wird Wochenende aber das ist mir eigentlich völlig egal gerade. Kein Platz in mir, mich darauf zu freuen.

*

Heute ist Sonnabend. Beim Aufstehen erinnerte ich mich an einen seltsamen Traum. Einen Traum dieser Nacht, der, wie es seit Jahren schon ist, wieder kein guter war. Ich öffnete die Augen und vor mir stand deutlich geschrieben: „Mach‘ diesen zweiten Job nicht mehr!“ – Nie hat sich dieser Satz für mich so sehr wie eine Entscheidung angefühlt. Ist es schon eine? Wäre ihre Umsetzung ein Sieg?

Ein kleines Gefühl von Freiheit überfällt mich augenblicklich.

Ich stelle mir vor, dass ich in meinem anderen Job, den mit den Achtklässlern variabler arbeiten könnte. Vor allem dann, wenn die Kompetenzfeststellungen abgeschlossen sind, wenn es ans Casemanagement und die Berufsbildvorstellungen geht, die Trainings und die Hilfen bei den Bewerbungen. All das kann ich kaum bis gar nicht mitmachen geschweige denn realisieren, weil mein zweiter Job zeitlich so liegt, dass es nicht passt, nicht passen kann. Wie schön wäre es, wenn es passte …

Aber das Kurze Gefühl der Freiheit, weicht dem der Beklemmung.

Ich würde dann nur noch 20 Stunden statt jetzt 40 pro Woche arbeiten.

Mein so oft geäußerter Wunsch in dem ersten Job ein paar Stunden mehr arbeiten zu dürfen, wurde zwar manches Mal erhört, aber nie verwirklicht. Es gibt kein größeres Stundenvolumen für DIESE Arbeit. Sie ist vollkommen drittmittelfinanziert. Bis 2020, dann steht die Finanzierung völlig zur Disposition.

20 Stunden nur mit der Option in die absolute Ungewissheit ab 2020. – Soll, KANN das meine Entscheidung sein? Soll ich das meiner kleinen Familie sagen?

Was für ein Sieg wäre das?

Lieber Gott, ich will doch gar nicht gewinnen, Ich habe so viele Neuanfänge gewagt, die letzten Jahre, mir ist es nicht wichtig Sieger zu sein. Aber ich kann auch nicht nochmal ganz neu anfangen. Die Kraft hab‘ ich einfach nicht mehr. Ich möchte nur leben und dabei meine Familie nicht im Stich lassen …

***

Ich habe gerade ein schönes Lied gefunden. Auf eine ganz bestimmte Art passt es zu den Gedanken, die ich mir mache. Es ist vom neuen Album der Söderberg-Schwestern aus Schweden, die schon seit vielen Jahren unter dem Namen „First Aid Kit“ eine unverwechselbare Musik machen, die ich durchweg sehr gern habe:

First Aid Kit – „It’s a Shame“

 

Tagebuchseite -681-

Feierabenddelta

Ich durfte heute ein bisschen eher heimkommen von der Arbeit. Sitze nun da und lasse mich und meine Gedanken von Melodien tragen.

Sie kräuseln, sich mit den Klängen bewegend, leise aus mir heraus wie Rinnsale, die einst zu einem Fluss gehörten, jenem, der in mir fließt, und nun ein Delta bilden. Ein Delta von so vielen Verzweigungen und Verästelungen wie mir schon Menschen begegnet sind in meinem Leben.

Diese winzigen Ströme rinnen und fließen und enden in einem Nirvana, das ich mir so schön und weit wie das Delta eines wirklichen Flusses wünsche. Aber das ist ein Wunsch. Ich weiß nicht, wie mein Nirvana tatsächlich ausschaut.

So pathetisch, wie sich die Beschreibung meines Empfindens hier gerade lesen mag, ist es übrigens bei Weitem nicht. Für mich ist es augenblicklich sehr real und sehr realistisch.

Ich sehe jeden Tag so viele Menschen, begegne ihnen, habe mit etlichen mehr oder minder intensiv zu tun, mit davon wiederum etlichen, wiederkehrend. Diese Begegnungen sind alle auf verschiedene Weise herausfordernd, sind bisweilen spannend, aber auch Kräfte zehrend und beherrschend. Aus einigen werden nicht im eigentlichen und persönlichen Sinne gewollte, aber aus der eigenen Profession heraus buchstäblich NOTwendige BEZIEHUNGEN. Darunter notwendig durchzuhaltende!

In der Rückschau sind das unendlich viele derartige Begegnungen und Beziehungen. In der Gegenwart jedes neuen Tages kommen mehr von dieser Art hinzu, und mutmaßlich wird auch die Zukunft noch viele davon für mich bereithalten.

Das Leben, mein Leben, ist ein Leben in diesem Geflecht.

Ich bin Bestandteil dieses Geflechts, und das kann wohl auch nicht anders sein. Ich bin selbst Geflecht geworden.

Aber da sind auch noch andere Menschen. Denen ich nicht wünschen kann, nicht wünschen mag, zu diesem Geflecht zu gehören, die nicht DIESES Geflecht sind. Nicht sein sollen. Weil Attribute wie „Durchhalten“, „Kräfte zehrend“, „NOTwendig“ nicht zu ihnen passen, für sie nicht zutreffend sind.

Jene Menschen sind weniger, viel, viel weniger als die anderen, die so vielen. In meinem Herzen sind diese wenigen mir sehr wohl sehr nah. Im realen Leben, dem innerhalb des Geflechts aber, sind sie weit, fern.

Die Zeit, die ich ihnen zu widmen vermag, ist so verschwindend gering im Verhältnis zu all der anderen Zeit meiner Tage, Wochen und Jahre. Und die Zeit, die wir TATSÄCHLICH miteinander haben, gleicht darin gerade einem Wimpernschlag.

Ich lasse mich weiter von den schönen, melancholischen Melodien tragen, lege mich auf ihnen nieder, schließe die Augen. Unter meinen Lidern fließt es. Ich lasse mich mit den Klängen aus mir selbst heraus kräuseln, als kleines Rinnsal aus dem Fließen, mit zum Delta werdend, mich im Nirvana verlierend. Dem, von dem ich mir wünsche, dass es schön ist.

Irgendwo dort sind jetzt die Menschen, die mir in meinem Herzen so nah sind.

Ich denke an Euch.

An Euch alle!

***

Bryan El feat. Amethyste – „Angels Cry“

Tagebuchseite -680-

Von Ungewissheiten, die eigenwillige Abschiede hinterlassen

Wenn es längere Zeit kein Gedanke, kein Wort von mir auf eine neue Tagebuchseite geschafft hat, so kann es dafür verschiedenste Ursachen geben. Es war der frei zu Verfügung stehenden Zeit zu wenig, es waren zu viele Gedanken oder zu wenige (wobei Letzteres noch NIE zugetroffen hat), ich habe mich nicht entscheiden können, sie in Zeilen zu schmieden, oder sie waren es mir letztlich dessen nicht Wert. Oder ich KONNTE einfach nicht schreiben, wofür der Grund dann in der aktuellen Befindlichkeit meiner Person verborgen liegt.

Meistens sind es der Zeitfaktor, meine Unentschiedenheit oder diese oder jene Unzulänglichkeit meiner selbst, die mich hindern. Oder alles zusammen. So war es auch diesmal.

Und wenn es so ist, dann bemerke ich, wie manches, was mich die verflossene Zeit über sehr gefordert und beschäftigt hat, nach und nach etwas verblasst. Meist liegt da aber nur daran, dass es immer wieder Neues, nach meinem Empfinden zu viel Neues ist, was das Erlebte überlagert. Letztlich aber bleibt viel von allem in mir haften, in mir zurück. Das ist, warum ich mich schwerer und schwerer fühle.

Zwei Dinge des rasenden Wochenkarussells der vergangenen sieben Tage gehören freilich zu jenen, die nachhaltige Eindrücke bei und in mir hinterlassen haben.

*

Da war zuerst dieser eine Stern. Es war in seiner spezifischen Art der letzte. Er kam von einer Blogseite zu mir, die ich sehr gemocht habe, auf der ich viel gelesen und kommentiert habe, die mir einen Menschen näher gebracht hat, der nach wie vor mit mir verbunden ist, worüber ich sehr froh bin. Unter dieses Frohsein hat sich allerdings doch ein banges Gefühl gemischt, seitdem ich bemerkt habe, dass jener Stern der letzte seiner Art gewesen ist. –

Er war einer jener Sterne, der einen als Zeichen dafür erreicht, dass ein abgegebener Kommentar vom Empfänger gemocht wurde, ein „Likesternchen“ also. Er kam also zu mir am Beginn der vergangenen Woche, und ich freute mich augenblicklich. Aber dann, als ich noch einmal auf den Beitrag schauen wollte, zu dem ich seinerzeit kommentiert hatte, da erschienen die Worte : “ … is no longer available. The author have delatetd this site.“

Ich wusste, dass sich jener Mensch, dem die Seite gehörte, sich schon eine Weile mit dem Gedanken getragen hatte, das Bloggen aufzugeben – er hatte geschrieben, insoweit entscheiden zu wollen. Und nun schaute mich die getroffene Entscheidung halt einfach so aus diesem Fenster hier heraus an. Nicht weniger und nicht mehr.

In mir aber hat sich augenblicklich jenes Gefühl breitgemacht, das einen befällt, wenn aus dem vertrauten Haus ein sehr guter Freund wegzieht und die Wohnungstüre zu dem eben noch „sein“ gewesenem Heim offensteht und nur noch kahle, leere Zimmer da sind, in denen sich der Hall jeder Stimme, auch der eigenen, im Nichts verfängt und nicht mehr erwidert wird.

Und ich werde dieses Bild nun nicht mehr los … – Beschäftige mich, ihn durchaus und vehement verdrängen wollend, mit dem Gedanken, ob der Abschied hier nicht doch früher oder später einen Abschied insgesamt nach sich ziehen wird.

Ich habe Angst vor Abschieden. Ich mag Abschiede nicht. Schon gar nicht von Menschen, die ich lieb gewonnen habe, die mir etwas bedeuten, denen ich von Herzen zur Seite stehen mag.

Ich wünsche mir so sehr, dass jener letzte Stern nie verlischt. Ich will ihm vertrauen.

Auch das zweite Ereignis der letzten Woche, das nachhaltig bei mir bleiben wird, war so etwas wie ein Abschied. Es war nach insgesamt gut drei Jahren Therapie bei verschiedenen Therapeuten, die letzte Sitzung bei dem Therapeuten, bei dem ich am längsten (mehr als zwei Jahre) gewesen bin, und den ich wirklich mögen und schätzen gelernt habe.

Es war so ein seltsames Gefühl, das letzte Mal dort gewesen zu sein, in jenem kleinen Raum, dessen Wände so viel von meiner Seele wissen, wie kaum ein Mensch, außer eben jenem Therapeuten. Und, ja, auch einige meiner allerschmerzlichsten Tränen sind dort geflossen. So viel von meiner Seele ist dort, und es fühlt sich so unwirklich an, jetzt nicht mehr dorthin zu gehen.

Und dann war da dieser eine Satz, den mein Therapeut gesagt hat, und der mir nicht mehr aus dem Kopf geht: „Ich hätte Ihnen gern mehr helfen wollen als ich es konnte.“ Und dann kamen da auch noch selbstkritische Worte seinerseits, dass er wohl auch manchmal etwas vom Weg abgekommen sei während unserer Gespräche, die er immer sehr genossen und als bereichernd empfunden habe.

Ich finde, dass er sich dafür gar nicht kritisieren musste. Ich war mittwochs immer sein letzter Termin, immer erst 17.00 Uhr nachdem er schon so und so viele Therapiegespräche mit anderen Patienten hinter sich hatte.

Manches Mal habe ich ihm seine eigene Erschöpfung angesehen. Habe bemerkt wie er die Augenlider immer mal wieder fest zusammendrückte, um sich auf diese Art noch einmal sammeln und besser konzentrieren zu können, konnte wahrnehmen, wie er manchmal sichtbar blasser und müder war als sonst. Er hat sich nie gehen oder hängen lassen, er war aber sehr Mensch. In einem Sinn, wie ich Menschen schätze, wie ich sie mag. Unter anderen Umständen hätte er mir womöglich Freund werden, sein und bleiben können.

Jener Satz sagte und sagt mir viel: Dass ich nicht wirklich „geheilt“ bin und dass mein Therapeut das sehr wohl weiß. Dass er vermutlich mindestens eine Ahnung, wenn nicht Wissen darüber hat, was und wie es in meiner Seele, meinem Herzen nach wie vor zugeht.

Warum sonst hätte er mehrmals darauf hingewiesen, dass ich ihn JEDERZEIT wieder anrufen könne, dass er immer irgendwie einen Einzeltermin freimachen würde, oder, dann, wenn es nötig wäre, auch mal eine Strecke von zweien, dreien oder vieren, ohne das über die Kasse oder gar zu meinen Lasten gehen müsste. Er wisse, dass ich nicht „nur so“ anrufen würde.

Und doch war es vorigen Mittwochabend ein Abschied. Ich habe ihm ein Buch geschenkt, dem Herrn D., jenes, dass so sehr MEIN BUCH geworden ist, einschließlich meiner Rezension über dieses Buch und der Geschichte , wie dieses Buch zu mir gekommen ist, die beide hier in meinem Tagebuch geschrieben stehen. Und ich habe um diese Texte herum noch ein paar andere zusammengestellt und auch ein paar Verse und Aphorismen aus meinem Tagebuch. Ein oder zweimal vorher hatte ich schon mal etwas mitgebracht von hier, und wir haben während der Therapiestunde darüber gesprochen. Er hat sich so sehr gefreut über diese kleinen Aufmerksamkeiten …

Auch wenn meine letzten Therapiesitzungen von den zeitlichen Abständen her schon recht weit auseinander lagen und ich zwischendurch längere Zeiträume selbständig durchs Leben stapfen musste, fühle ich mich nun doch auch emotionsmäßig plötzlich sehr auf mich allein gestellt.

Ich weiß durch die Therapiesitzungen mehr von mir, über mich, weiß, warum ich unter dieser oder jener Voraussetzung so und nicht anders reagiere, habe verstandesmäßig auch begriffen, dass nicht alles so bedrohlich ist, wie ich es empfinde. Dass ich es überleben kann, auch wenn da nach wie vor schlimme Symptome sind. Und ich habe auch etliche Hinweise mit Blick auf Entspannungstechniken bekommen. –

Aber ich bin nicht STÄRKER geworden, es scheint mir so, als sei die Kapazität meines Akkus, seit meinem „Crash“ vor 3 1/2 Jahren nicht mehr wirklich größer geworden. „Ein völlig entladener Akku erreicht zumeist seine volle Kapazität nicht wieder. Es ist aber ein Erfolg, wenn er für Zeitabschnitte wieder so aufgeladen werden kann, dass er für eine Weile allein ein bestimmtes Niveau speichern kann.“ So hatte es mein Therapeut ziemlich zu Beginn unserer Sitzungen mal ausgedrückt. – Ich glaube, MEIN Akku war sehr kaputt seinerzeit, und so richtig war er wohl nicht (mehr) zu reparieren.

Mein Therapeut hat gegeben, was er konnte …

*

Nun liegt wieder eine Woche vor mir. Eine von zwei aufeinanderfolgenden „AC“-Wochen. Mit besonders viel Arbeit, mit Überstunden, die nicht vergolten werden.

Ich denke an den Stern, ich denke an das Geräusch der Tür, die sich am Mittwoch hinter mir schloss.

Ich würde gern wieder mehr und freier schreiben können.

Das kann ich, wenn mir Zeit gegeben ist, mir der Alltag nicht im Wege steht oder ich mir selbst, immerhin gut allein.

Mit all dem anderen sieht es da schon weniger gut aus, obwohl ich es gern (besser) können würde und vor allem müsste.

Denn niemand anderes kann einen Schritt für mich gehen.

***

Die Sängerin des folgenden Liedes, hat herausgefunden, allein zu tanzen …

Maxine Kazis – „Tanz für mich allein“

Tagebuchseite -679-

Nachdenken über Zuhause

Ich mag diesen Raum, diesen kreisrunden Raum. Diesen Raum, der immer ein bisschen Duft in sich hat, nach verschiedenen Tees, nach Büchern und nach Schokolade.

Mitunter dringt von draußen Vogelgezwitscher zu mir in diesen Raum. Ein anderes Mal ist es Meeresrauschen. Manchmal flüstert ein kleiner Windhauch und bringt frischen Wiesen- oder Blumenduft mit, manchmal braust ein zotteliger Sturm, manchmal ist da auch Donnergrollen. Seltener höre ich Hundegebell oder das Schnattern einer Ente. Manchmal vernehme ich das Motorengeräusch eines Autos oder die Klingel eines Fahrrades. Und oft sind da Stimmen. Menschliche Stimmen, Stimmen aller Couleur und Lautstärke. Wenn sie schreien oder schlimmes sagen, fühle ich mich unwohl. Irgendwann schließe ich dann die Fenster, ziehe die Vorhänge zu …

Und dann wird es still. Sehr still.

Wenn ich möchte, klingt leise Musik von der Art, wie ich sie gern habe, an mein Ohr. Sie klingt hinter den vielen Regalen hervor, die mit Büchern gefüllt sind. Der ganze Raum ist umsäumt von Regalen mit Büchern, bis unter die Decke. Vielen Büchern. Büchern, in denen mein Leben geschrieben steht und illustriert ist, mit all seinen Höhen und Tiefen, mit den Begegnungen, die ich hatte, den Freuden und Enttäuschungen, den Krankheiten und vor allem und immer wieder den Gefühlen und Empfindungen, die mich während all dem begleitet und ausgemacht haben.

In anderen Regalen stehen Bücher, die versuchen, die Rätsel meiner Seele und der Welt, für sich und in Beziehung miteinander zu erklären. Oft habe ich ein solches Buch in der Hand und lese darin. Aber sie sind alle schwer zu verstehen.

Und dann sind da auch noch ein paar Regale mit jenen Büchern, die von anderen Menschen geschrieben wurden und die ich bislang in meinem Leben gelesen habe oder noch lesen werde. Es sind dies ganz unterschiedliche Bücher. Sie umfassen Romane und Erzählungen ebenso wie Briefe und kleine Geschichten, einstmals geschrieben oder erzählt, für sich selbst oder mir, um sie mir direkt mitzuteilen.

Der Raum liegt zu ebener Erde. Aus ihm führen mehrere Türen in hübsche kleine, aber fein eingerichtete Zimmer. In jedem einzelnen findet sich all das, was jener Mensch, der darinnen wohnt, gern hat und zum Leben benötigt, dafür, sich frei, ungezwungen, behütet und verstanden, ja, geliebt zu fühlen. Und geliebt zu sein! Es sind Zimmer, die Heimat sein wollen. Heimat für Menschen, die ich besonders schätze, die ich gern habe, die unbedingt beschützt sein und bleiben sollen. Jedes Zimmer hat ein Fenster und eine Tür nach draußen, in die Welt hinein. Kein Mensch ist in mir und bei mir gefangen. Jeder entscheidet, ob er bleiben mag oder gehen möchte, auf Zeit oder für immer.

Der Raum, von dem ich schreibe, bin ich. Er ist in mir.

Und wer von den Bewohnern der kleinen Zimmer es mag, darf jederzeit zu mir, in den großen, kreisrunden Raum, mit den vielen Bücherregalen kommen, seine Sorgen mit mir teilen, mit mir lachen oder sonst etwas tun oder unternehmen, wonach ihm Herz oder Sinn stehen.

Außer den Türen in die kleinen Zimmer, gibt es noch eine große Tür, eine gläserne, in dem großen runden Raum. Es ist die Tür, durch die ich in die Welt schauen kann, durch die ich gehe, wenn ich in die Welt hinaus will oder muss. In sie eingelassen ist ein kleines Fenster, so eins, wie es früher die Sprechfenster an den Schaltern von Bahn oder Post gewesen sind.

Wenn meine Seele es will, wenn sie es braucht, wenn sie zu mir spricht, dass sie nicht mehr kann, dann schaue und spreche ich nur durch dieses kleine Fenster in die bzw. mit der Welt, mit den Menschen, die nicht in einem der kleinen Zimmer, die wie auf einen Orbit gereihte Satteliten um meinen Raum, um mich, herum angeordnet sind.

Ich bleibe dann bei mir, in mir. Ich gehe dann nicht mehr fort von mir.

Heute schrieb einer jener Menschen, der in einem meiner kleinen Zimmer wohnt, folgende Sätze:

„Kein Ort kann mir ein Zuhause sein. Zuhause bin ich nur in mir selbst.“

Und:

„Zuhause ist da wo dein Herz ist.“

Ich habe sehr über diese Worte nachgedacht.

Ich lebe, ich wohne, in dem beschriebenen großen Raum, ich bin dieser Raum. Mein Herz schlägt in diesem Raum. Nur hier schlägt es. Der Raum ist in jedem Fall der Ort, der Platz, an dem ich immer bin und an den jener Teil von mir, der Ausflüge in die Welt unternimmt, immer wieder zurückkehrt. Wo anders sollte ein Zuhause, sollte mein Zuhause sein können, wenn nicht hier, nicht in mir, bei mir?

Ein Zuhause muss ja nicht immer und gleichbleibend behaglich sein. Und das ist das meine auch nicht. Vor allem dann nicht, wenn ich in jenen Büchern, die Rätsel meiner Seele zu erklären versuchen, die meine Seele sind, lese.

Aber ich fühle mich immerhin sicherer hier, sicherer als an jedem anderen Ort, sicherer als dort wo „draußen“, wo die Welt ist, allemal. Wenn ich es will, wenn ich es schaffe, kann ich die große Tür, kann ich die Fenster, kann ich selbst das kleine Sprachloch, schließen. Und bei mir sein, ganz allein bei und mit mir. Erst einmal habe ich es überhaupt nicht mehr rechtzeitig geschafft. Seither haben ein paar der Fenster Risse bekommen. Risse, auf die ich achtgeben muss.

Ganz sicher ist mein Zuhause also auch nicht.

Besonders wenn ich das sehr spüre, mir das sehr bewusst wird, schaue ich auf die kleinen Türen, die von meinem großen, runden Raum in die kleinen Zimmer führen. Und dann frage ich mich, ob mein Zuhause tatsächlich nur in mir selber ist, sein kann und sein muss.

Und dann wünsche ich mir, dass das nicht so ist …

***

Ich habe sie, seit ich sie erst vor ein paar Wochen gefunden habe, schon zwei oder dreimal hier in Form von Musikvideos geteilt: Sophie Zelmani. Und ich teile heute nochmals (und wahrscheinlich immer noch nicht zum letzten Mal) ein Lied von ihr, weil ich nicht lassen kann von ihrer Musik, ihren Liedern, der Art, wie sie singt. Ich mag sie sehr, sie hat es geschafft zu meinen allerliebsten Künstlern zu gehören. – Das Lied hier, hat, wie alle von ihr, einen tollen Text und ist überhaupt ganz wundervoll. Er/Es passt durchaus zu dem Eintrag oben:

Sophie Zelmani – „Coming Home“

 

Verse -55-

Sternenhochzeit

Wenn ich schau in Sternenlichter,
stell ich mir vor, das wär’n Gesichter.
Solch zartes Funkeln, so ein Strahlen!
Möcht’s gern in DEIN Gesicht auch malen!

Auch hinter Wolken gibt es Sterne,
nicht zu seh’n aus meiner Ferne.
Und von manchem blieb gar noch
am Ende nur ein schwarzes Loch.

So gibt’s auch Sterne unsichtbar.
Vernebelt, schwarz und dennoch da!
Strahlend, leuchtend nur noch innen.
SIE suche ich mit allen Sinnen.

Sind verborg’ne Kostbarkeiten,
verdunkelt erst im Lauf der Zeiten.
Strahlenkraft gerann zu Leid
durch Fremder Habsucht, Hass und Neid.

So fand ich Dich, SELBST schwacher Stern …
Doch will ich für Dich leuchten gern,
bis Widerschein auf Dei’m Gesicht
lässt sein uns: Sternenpärchenlicht.

***

Manchmal begegnen mir Lieder, die lassen mich einfach schreiben. Und manchmal bemerke ich, dass Verse, die ich schrieb, ein bisschen wie manche Lieder sind … :

Heather Nova – „I wanna be your light“

Tagebuchseite -678-

Eindrücke einer Tagesreise, Teebeutelkunst und eine Erkenntnis

Herbstfelder und -bäume reisen an mir vorbei während ich mich fortbewegen lasse. Da steht ein Ziel auf dem Ticket. Aber ich lasse mich nicht fahren um anzukommen.

Als ich aussteige, weiß ich noch nicht wohin ich gehen werde. Meine Füße tragen mich zu jenem Teich, der mitten in der Stadt liegt. Die Silhouette der Gebäudezeile auf der gegenüberliegenden Seite schreibt meine früheste Kindheit in den grauen Himmel. So oft ich schon dort war, auch immer wieder während der letzten Jahre, ich will wieder dorthin.

Jedes Mal mischen sich Vergangenheit und Gegenwart dort auf andere Weise.

Ich atme den Duft unvergleichlicher Salzbrötchen, dort wo längst kein Bäcker mehr ist. Statt dessen das Büro eines Bundestagsabgeordneten. Ich mag sein großes Foto, das am früheren Schaufenster prangt, nicht ansehen. Mir ist als hätte er mir meine Brötchen gestohlen.

Ich sehe die „5“ am Haus der ersten Wohnung, in der ich, neugeboren, Herberge und Familie fand. Ein paar Häuser weiter, dem Ort „meiner“ zweiten Wohnung, beobachte ich mich, in der Sandkiste sitzend, mit Förmchen Kuchen backen. Auf der Sandkiste und drumherum steht jetzt ein modernes Haus in dem niemand mehr wohnt.

So geht es weiter.

Ich sehe viel , sehr viel aus den längst vergangenen Kindertagen, und fühle ALLES von damals. Ich gehe durch die früheren Straßen und begegne dem einen oder anderen Menschen, der mir entgegenkommt, auf derselben Straße, demselben Weg. In diesem Moment und doch in einer Zeit, ganz weit weg von der, in der ich mich gerade befinde.

Als ich dann auf dem Hof meiner allerersten Schule stehe, verschwindet die aktuelle Realität für einen Moment vollends für mich. Ich habe das Bedürfnis die Schule zu betreten und all die alten Lehrer, meine Mitschüler von damals dort zu treffen, in mein Klassenzimmer mit der „17“ an der Tür einzutreten, mich in eine der Holzbankreihen zu setzen und zu bemerken, dass ich keine Ahnung habe, welches das Heft für die Matheübungen und das für die Klausuren ist und mit dem Wort „Fibel“ nichts anzufangen weiß.

Kleiner, damals blonder Junge, Klasse 1a, erster Schultag.

Irgendwann, etwas später, finde mich an einem befestigten Teil des Ufers jenes Sees wieder, der auch den Namen der Stadt, meiner Geburtsstadt, trägt. Ein Fischreiher landet buchstäblich vor meinen Füßen. Ein schlankes, majestätisches Tier. Eine Frau tritt voller Neugier immer näher und näher an ihn heran, bis er sich verängstigt wieder in die Lüfte erhebt. Sie hat ihn verjagt. – Aber mein Gespräch mit ihm, kann sie nicht unterbrechen.

Ich beschließe, dem Ufer des Sees noch ein ganzes Stück zu folgen. Dorthin wo es mir einen Blick auf seine ganze schöne Größe eröffnet, so weit! Bis dorthin, wo die Welt auf seiner gegenüberliegenden Seite zu Ende zu sein scheint. Leicht hügeliges bewaldetes Land geht dort in das dunkler werdende Grau des Himmels über. Der Herbst ist so gegenwärtig. Jeder Windstoß, der mich berührt, ist wie ein Ausatmen. Ich stelle mir vor, dass irgendwo dort oben der Reiher fliegt. Unsichtbar geworden in dem vielen Grau, das auch seine Farbe ist und ihn darob in sich aufgenommen hat. Aber doch da. Wie meine Freunde, meine kleine Familie, die gerade in München ist. So vermag ich auch in diesem Augenblick ein bisschen darauf zu vertrauen, dass ich nicht allein bin, obwohl ich mich gerade ziemlich einsam fühle.

Mein nächstes Gespräch führe ich mit einer Schar Stockenten.

Ich bin immer noch am See, direkt unterhalb des Schlosses, auf einer klitzekleinen Insel, die mit dem Garten, der rund um das Schloss herumführt, nur durch eine hölzerne Brücke verbunden ist. Ich schaue mich um und sehe den kleinen blonden Jungen froh lachend auf einem riesigen Findlingsstein stehen.

Ein sehr junges Pärchen betritt die Insel. Ich mache die Bank, auf der ich mit den Enten sprechend gesessen habe, frei. Denn die kleine Insel trägt, wenn ich mich recht erinnere, den Namen der beiden: Liebesinsel.

Als ich weitergehe, bemerke ich, dass der große Findlingsstein verschwunden ist …

Es wird Mittag und Nachmittag. Für den Schlossgarten habe ich mir noch etwas Zeit genommen und bin dann in das, was man gemeinhin mit „Stadt“ verbindet, untergetaucht. Der Not gehorchend und meinem Hunger. Froh, wenn auch ein wenig bekümmert feststellend, dass auch moderne Buchhandlungen, denn doch immer noch ein bisschen Oasen geblieben sind für mich. Meine schmerzenden Füße bemerke ich kaum noch während ich in diesem und jenem Buch, das ich zur Hand nehme, zwischen den Zeilen spazieren gehe.

Ich beschließe, mich dennoch noch nicht wieder heimfahren zu lassen. Nicht bevor ich noch einmal ganz in die Nähe meiner „ersten Wohnung“ zurückgekehrt bin, obwohl das noch einmal ein ganzes Stück Weges ist. Ich kann nicht anders. Ich muss, wie so oft, wenn ich in meiner Geburtsstadt bin, in das Cafe meiner Kindheit.

Heute spüre ich besonders, wie allein ich unter den dort weilenden, miteinander sprechenden Menschen bin. Allein mit meinem Stück Apfelkuchen, meinem Latte Macchiato und meinem kleinen Notizbuch. Ich bin gar nicht wirklich hier, spüre ich. So wie vor ein paar Stunden als mir Menschen aus und in einer ganz anderen Zeit auf den Straßen meiner frühen Kindheit begegnet sind.

An den Wänden des Cafes entdecke ich gerahmte Teebeutelkunst.

Eine Künstlerin oder ein Künstler hat gebrauchte Teebeutel so aufgerissen, und den überbrühten Inhalt daraus entfernt, dass jeweils ein Stück bräunliches „Papier“ entstanden ist. Jedes als solches schon ein raues Unikat, mal hier oder dort eingerissen, mal dort oder hier ein Stückchen fehlend. Alle in dem (erstaunlichen) Format nicht ganz von der Größe einer Seite aus einem Vokabelheft. An jedem der „Papiere“ befindet sich noch das Bändchen und das kleine Kärtchen, das im Mindesten verrät, welche Sorte Tee das Beutelchen einst umschlossen hat. Gegebenenfalls auch noch ein wenig mehr.

Schließlich zieren all die kleinen „Leinwände“ aber auch noch farbige Bilder. Mal mehr, mal weniger, den schon vorhandenen unterschiedlich bräunlichen Linien und Rändern folgend. In bunten Tönen ist da auf einer „Teeleinwand“ ein lustiger Zwerg zu sehen, auf einer anderen ein Seepferdchen, auf jeder der vielen ein anderes Bild, ein anderes Motiv. Mitunter auch nur ein formfreies Muster aus nur einer Farbe in mehreren Abstufungen, das zur eigenen Inspiration einlädt.

Ich bezahle meinen Kaffee und meinen Kuchen und gehe, langsam die Häusersilhouette meiner frühen Kindheit verlassend, noch einen Umweg an einer Kirche, einem kleinen Marktplatz vorbei und durch eine kleine Straße mit Kopfsteinpflaster hinunter zu dem Teich mitten in der Stadt an dem meine ziellose Wanderschaft am Vormittag begonnen hatte.

Einen Augenblick verweile ich hier noch, umrunde dann das Gewässer und lasse mich schließlich wieder heimfahren. Nun braucht es kein Ziel mehr, das auf dem Ticket steht.

Ich habe etwas gefunden, auf irgendeinem Buchdeckel oder in einer der Zeilen stehend, eines jener Bücher, die ich heute in der Hand hielt und flüchtig durchblätterte. Es war ein Satz, der ungefähr so lautete:

„Ich bin meine eigene Vergangenheit.“

Wie wahr das ist! Nie bin ich mehr oder weniger oder etwas anderes. In keinem Moment, auch keinem der Gegenwart. Denn auch die ist soeben schon wieder Vergangenheit …

Mir scheint, dass das vieles erklärt.

*

Sudha & Maneesh de Moor – „Tvameva“

 

Tagebuchseite -677-

Vom Ungesagten …

Gedanken sollen frei sein. Gedanken wollen frei sein. Das spüre ich in jeder Minute meines Lebens.

Wie frei sind Gedanken, die ungesagt bleiben?

In mir gibt es viele solcher Gedanken. Ich traue mich nicht, sie auszusprechen. Ich befürchte, sie würden als unpassend, als nicht angemessen, als übertrieben, als unschicklich gar, angesehen. Als weltfremd, als seltsam, abstrus. Mitunter wohl auch als gefährlich!

Je nachdem, denn es handelt sich um sehr unterschiedliche Gedanken. Die meisten entspringen meinen Erfahrungen, meinen Empfindungen, auch meinen Sehnsüchten. Und es sind viele.

Empfindsame, mehr emotional ausgerichtete Menschen denken nicht weniger als die rationaleren. Im Gegenteil. Vor allem denken sie wohl komplizierter, differenzierter. Zerdenken manches.

Sind diese Menschen weniger frei als andere?

Sind vor allem sie es, die sich nicht trauen, die Probleme damit haben, ihre Gedanken vor anderen Menschen auszusprechen?

Ich vermute, dass die Antwort auf diese Frage „Ja“ lautet. –

Einerseits ist das irgendwie einleuchtend. Denn empfindsame Menschen haben oft ein weniger ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Mindestens im Unterbewusstsein lebt in ihnen die Angst vor Verletzung, bei so manchem auf kummervollen eigenen Erfahrungen begründet. Auseinandersetzungen fordern sie sehr stark heraus, ihre Seele, ganz buchstäblich. Urteile über ihre Gedanken klingen in ihnen nach, begründen Unsicherheit, geben Selbstzweifeln und eigener Schuldzuweisung Nahrung.

Andererseits ist es unverständlich. Schade sowieso. Denn wer, wenn nicht diese Menschen, würde seine Gedanken, behutsam, so wohlbegründet wie möglich, ohne verletzen zu wollen, äußern? Wer wäre mehr bereit zuzuhören, neu zu überdenken, mögliche Antworten nicht sogleich zu verwerfen?

Manches Mal scheint es mir so, als wenn sich empfindsame Menschen untereinander, leichter auszutauschen vermögen, eher dem „ähnlichen“ Gegenüber Gedanken preiszugeben in der Lage sind, die sie sonst kaum oder gar nicht aussprechen würden. Für mich persönlich habe ich diese Erfahrung gemacht.

Dennoch bleiben immer ein paar Gedanken ungesagt.

Gesagtes wird nie ganz so verstanden, wie es gesagt wird. Wie es gemeint ist. Dafür gibt es mindestens so viele Gründe, wie es unterschiedliche Menschen gibt. Schlussendlich können Menschen einander niemals allumfassend wirklich verstehen.

Manchmal wünsche ich mir wohl aber genau das. Während ich das denke und niederschreibe, höre ich schon die Einwände, den Widerspruch: Wie langweilig die Welt dann wohl wäre. Und, dass es so letztlich gar keine Entwicklung mehr geben könne. Schließlich würde und wäre die Welt und jeder einzelne Mensch auf ihr viel unfreier als wenn für den Einzelnen nicht jeder Gedanke sagbar wäre und bliebe.

Letzteres lässt mich innehalten. Etwas für sich zu behalten, bei sich bewahren zu können, ist das nicht auch Freiheit? Ja und nein. Etwas nicht aussprechen zu müssen, ist etwas anderes als etwas nicht aussprechen zu können. Es nicht zu dürfen oder es nicht zu vermögen, ist auch nicht dasselbe.

Ich bin allein. Meine Gedanken sind meine einzige Gesellschaft. Ich habe mir das ausgesucht für eine kleine Zeit. Heute ist Tag 1 dieser Zeit. Vier weitere werden folgen.

Es war nicht der Drang nach mehr Freiheit, Freiheit des Denkens oder Schreibens, der mich diese Entscheidung hat treffen lassen. Es war meine Ratlosigkeit. Wohl auch meine Depression. Insoweit ist „ausgesucht“ nicht das treffende Wort.

Wenn Ratlosigkeit und Depression Entscheidungen treffen, ist der Mensch, aus dem heraus das geschieht, wohl nicht besonders frei.

Ich fühle mich auch nicht so.

Und in mir sind eine Menge unausgesprochene und mutmaßlich unaussprechbare Gedanken. Seltsame, wohl weltfremde und womöglich auch unangemessene.

Schwer zu ermessen in tiefen, engen Tälern …

*

Ich habe heute ein italienisches Musikvideo, das etwas zeigt, was ungesagt blieb …

Miko Vanilla – „Endless Love“

Sammelsurium -93- (Etwas mehr über mich und ein „Stöckchen“)

Ich wurde nominiert …

Ich bin zuletzt gleich dreimal im Rahmen verschiedener Blogawards nominiert worden. Da das „Ob“ und „Wie“ der Teilnahme letztlich freiwillig ist, habe ich mich entschieden, auf die nachfolgende Art auf die jeweils gestellten Fragen einzugehen. Ich tue das, weil ich weiß, dass die Nominierungen aus wirklicher Wertschätzung und ehrlichem Interesse resultieren und ich mich deshalb einem etwas näheren Kennenlernen nicht verschließen möchte.

Hier also nacheinander meine Antworten auf die einzelnen Fragen. Zunächst die von Barbara – https://einefrageamtag.de/

• Was würde mich an Dir überraschen?

Ach, da gäbe es bestimmt so einiges. Jeder Mensch birgt Überraschungen für seine Mitmenschen in sich, weil jeder Mensch einzigartig ist. Was Dich wirklich überraschen würde, hinge von vielem ab, denke ich: von Deinen Erwartungen, die Du gegenüber dem betreffenden Menschen hast, von Deinem (schon oder noch nicht vorhandenen) Wissen über ihn, sehr auch von Deinen eigenen Werten, dem was Dir mehr oder halt auch weniger wichtig ist.

Meine Beobachtung bislang ist, dass etliche Menschen überrascht darüber sind, mit wie wenig (vor allem was Materielles betrifft) ich wirklich zufrieden bin, wie viele Dinge mir tatsächlich Angst machen, was ich alles bemerke, wahrnehme, was anderen gar nicht auffällt und, dass ich selbst nicht Auto fahre (keinen Führerschein besitze).

• Was machst Du komplett anders als andere Leute?

Ich glaube, ich denke oft sehr speziell. Aber ob das jetzt komplett anders ist? Da sind auch andere Sachen, die mich sicher von vielen, vielleicht auch von den meisten meiner Zeitgenossen unterscheiden, aber ob ich einzelne Sachen tatsächlich komplett anders mache? Da sind schon so gewisse „Schrullen“, die sich im Laufe der Zeit entwickelt und verfestigt haben, aber ansonsten … Ich weiß nicht …

• Womit kannst Du inzwischen leben, obwohl Du lange damit gehadert hast?

Ich kann einzelne Eigenschaften, die mich im Besonderen ausmachen, inzwischen ein bisschen besser selbst annehmen als noch vor ein paar Jahren. Das ist allerdings nach wie vor oft schwer, und es gibt noch bei Weitem mehr, wo das nicht so ist, wo es mir nach wie vor nicht gelingt.

• Wohin geht Deine nächste Reise?

Das weiß ich noch nicht. Es gibt da so zwei, drei Wünsche in mir, die nicht spektakulär sind. Die tatsächliche Planung von Reisen hängt in den allerseltensten Fällen nur von mir allein ab, deshalb ist das für mich kaum zu beantworten.

• Was war deine interessanteste Erfahrung mit Drogen?

Das mag jetzt langweilig klingen, aber ich habe keine Erfahrungen mit Drogen, schon gar keine „interessanten“. Drogen machen mir Angst. Auch Alkohol. Und folgerichtig auch betrunkene Menschen. Ich trinke deshalb selbst nur sehr wenig Alkohol. Meine Zeit des „rauchen Probierens“ liegt Jahrzehnte zurück und alles andere ist mir gänzlich fremd.

*

Weitere Fragen sind von  Sophie  – https://liebesgedankentagebuch.wordpress.com/blo/ :

• Welche ist deine Lieblingsjahreszeit und warum?

In meiner Kindheit war das tatsächlich der Herbst. Heute ist es das Frühjahr, weil es so viel mit Erwachen, mit neu geboren Werden, zu tun hat. Eine meiner Lieblingsfarben, das zarte Lindgrün, macht viel des Frühjahrs aus. – Der Herbst hingegen ist mir immer schwerer geworden. Dennoch liebe ich auch etwas an und in ihm, die wundervollen Farben zum Beispiel. Letztlich hat schon jede Jahreszeit schöne Seiten, und so kann ich auch jeder etwas abgewinnen. Dem Frühling und dem Sommer halt etwas mehr als den anderen beiden.

• Was ist dein Lieblingsbuch?

Eine einfache Frage, für mich freilich unsagbar schwer, ja im Grunde gar nicht beantwortbar. Weil ich Bücher grundsätzlich liebe und nicht nur eines zu jenen zähle, die ich „Lieblingsbuch“ nennen mag. Wenn ich jetzt hier einige wenige aufzähle, dann sind das alles Lieblingsbücher von mir, aber die Liste ist nicht vollständig. Kann sie gar nicht sein … :

„Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier
„David Copperfield“ von Charles Dickens
„Die Insel“ von Robert Merle
„Jane Eyre“ von Charlotte Bronte
„Die Stadt der Blinden“ von Jose Saramago
„Die Bücherdiebin“ von Markus Zusak
„Ditte Menschenkind“ von Martin Andersen Nexö
„Der Schwarm“ von Frank Schätzing
„Der Steppenwolf“ von Hermann Hesse
„In einer kleinen Stadt“ („Needful Things“) von Stephen King
„Schuld und Sühne“ von Fjodor Dostojewski
„Das Haus der Schwestern“ von Charlotte Link
„Im Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafon
„Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde
„Sturmhöhe“ von Emeli Bronte

• Wenn du ein Tier sein könntest, welches möchtest du sein und warum?

Ein Delfin! Unbeschwert durchs Wasser gleiten zu können, den Reichtum des Meeresgrundes schauen, in die Höhe zu springen vermögen und dabei den Himmel zu erblicken und so viel Intelligenz besitzen, anderen Lebewesen helfen zu können.

• Welche drei Dinge würdest du mit auf eine einsame Insel nehmen?

Einen lieben Menschen, eine Schreibmappe, ein Buch.

• Wofür bist du heute dankbar?

Dafür, dass ich bislang nie einen Krieg erleben musste, dass ich in einem Land, einer Region geboren worden bin, wo ich Natur, Literatur, Musik und liebe Menschen um mich herum haben kann, ohne wirkliche Not und Bedrohung zu erleben. Dafür, dass ich satt zu essen habe und eine warme Unterkunft.

*
Zum guten Schluss kommen hier nun auch noch meine Antworten auf die Fragen von SB – https://starkbleibenblog.wordpress.com/blog/

• Wer ist dein Vorbild und warum?

Mein Vater.

Ich verdanke meinem Vater viel, besonders meine Liebe zu Büchern, zur Natur, mein Bestreben freundlich zu meinen Mitmenschen zu sein, ein aufrichtiges Leben zu führen. Mein Vater vereinigt in sich vor allem Eigenschaften wie Aufrichtigkeit, Verlässlichkeit, Bescheidenheit, Treue, Menschlichkeit. Er betrachtet Dinge und Menschen differenziert und verständnisvoll, ist vielseitig interessiert und war und ist in der Lage, fast alles zu meistern. Er war und ist stets ein guter Vater, der mir immer mehr zu meinem besten Freund geworden ist.

Auch meine Großmutter mütterlicherseits, meine „Lieblingsoma“ wird mir stets ein Vorbild bleiben. Sie hat unendlich viel Schweres und Schlimmes durchleben müssen und ist doch immer eine Frau voller Liebe, Herzlichkeit und menschlicher Größe geblieben.

Ansonsten, „im Größeren“, sehe ich in Albert Schweitzer ein Vorbild, den ich sehr schätze, weil er eine wunderbare Ethik entwickelt, vertreten, verkörpert und auch wirklich gelebt hat. Ich glaube, er gehört zu den ganz wenigen Menschen, die keine „dunkle“ Seite haben.

• Welches Lied nimmt dich mit in eine andere Welt?

Oh, das ist nicht bloß eins. Es sind viele, die mich in andere Welten, ins Land meiner Träume, führen und dieses Land in immer neuen Farben malen, Teil dieses Landes werden.

Buchstäblich in das letzte Land, in das ich reisen werden, werde ich freilich EIN Lied mitnehmen und es mich. Ich habe es schon zweimal geteilt in meinem Blogtagebuch, zu hören ist es:  hier

• Auf was bist du besonders stolz?

Stolz ist eine schwierige Eigenschaft für mich. Ich beantworte daher die Frage mit etwas anderen Worten: Ich bin schon irgendwie froh darüber, bislang nie wirklich oder gar vollständig aufgegeben zu haben. Ansonsten ist da nicht so viel, was mir einfiele, zumindest nicht auf mich bezogen. Wie gesagt, mit „Stolz“ als Empfindung, als Eigenschaft, kann ich persönlich wenig anfangen.

• Was ist dein Ziel im Leben bzw. deine Lebensaufgabe?

Nicht ganz umsonst gelebt zu haben. Für andere Menschen, vor allem meine kleine Familie und alle lieben, sensiblen Menschen, da zu sein, wenigstens den mir möglichen Anteil daran zu leisten, dass unsere Welt nicht kaputt geht, dass Menschen gegenseitig, rücksichts- und respektvoll und in Würde miteinander leben können, dass die Natur bewahrt wird, Frieden wird und bleibt. Meinem Sohn einen guten Start in sein Leben zu ermöglichen, für ihn da zu sein, wenn er mich braucht, so lange ich irgend kann.

Ganz kurz gesagt, ist mein Sinn: Liebe zu finden und Liebe zu schenken.

• Dein allergrößter Wunsch

Mich einmal ganz und gar umfassend glücklich fühlen zu können. Meine Ängste und Depressionen zu verlieren. Gesund zu sein und zu bleiben. (Oh je, das sind schon wieder gleich drei Wünsche, die freilich sehr miteinander zusammenhängen.)

**

Wer nun immer noch ein bisschen mehr über mich erfahren möchte, der mag das Wort „Stöckchen“ oben in die „Suche“ eingeben. In den dann erscheinenden Beiträgen ist insoweit allerlei zu finden …

Im Übrigen könnten die dort jeweils von mir beantworteten Fragen ja vielleicht für den einen oder anderen Leser, der meinem Blogtagebuch folgt, auch ein „Stöckchen“, das er/sie aufnehmen mag und also  Anregung zu sein, seine eigenen Ansichten und Gedanken dazu aufzuschreiben. Ich würde mich freuen, dazu mal anderswo lesen zu können …

***

Abschließend noch eine Melodie, die ich gestern fand, und die mir als solche und speziell in der hier dargebotenen Art und Weise , sehr gut gefällt:

Simply Three – „Rain“

Tagebuchseite -676-

Ein Spiegelbild der eigenen Erbärmlichkeit

Ich beginne nun doch zu schreiben, wissend, dass (auch) diese Tagebuchseite keine der schönen, der voller Geschichten und Poesie werden kann und wird. Das macht mich noch ein bisschen trauriger als ich ohnehin schon bin. Denn ich liebe und genieße es doch so, auf eben diese Art zu schreiben, weil es den Teilen von mir Gestalt und Ausdruck verleiht, die ich selbst während der letzten Jahre ein wenig zu mögen gelernt habe. Aber so zu schreiben vermag ich nur, wenn ich frei genug dafür bin, wenn Platz in mir ist aus Empfindungen Bilder werden zu lassen, die in Zeilen zu erstehen imstande sind.

Jedoch bin ich nach wie vor weder frei genug, noch ist ausreichend Platz in mir. Der Mühlstein der Depression liegt auf meiner Brust und will und will nicht kleiner werden. Im Gegenteil. Seit zwei, drei Wochen ist es so, als bekomme er immer wieder aufs Neue Nahrung. Dabei möchte ich ihn so gern loswerden diesen Stein, und wenn es wenigstens mal wieder für eine kleine Frist wäre. Rund wie er ist, rollt er sowieso irgendwann wieder auf mich und lässt meinen Atem flacher und schwerer werden. Aber eine kleine Pause wäre doch und jetzt zu schön …

Statt dessen, führt die Depressivität vermehrt in Angstzustände hinein. Da ist der Druck auf der Brust, da ist das schmerzhafte Spüren des Herzens, da ist die Enge im eigenen Körper, da sind unruhige, albträumerische Nächte. Wie oft habe ich das alles schon erlebt …

Meine Wünsche und Träume, so scheint es mir, passen so wenig zur realen Welt, dass es so gut wie keine Anknüpfungspunkte gibt, dass wenigstens ein paar mehr sich für mich tatsächlich leben ließen. Dabei habe ich keine großen oder gar unbescheidenen Träume. So mancher würde sich wahrscheinlich gar fragen, ob das denn wirklich alles sei, was ich mir wünsche.

Die Realität bzw. was ich auf meine Art und Weise wie davon wahrnehme, setzt mir derart zu, dass der Platz für meine ohnehin so schwer zu verwirklichenden Träume, nie größer, sondern zumindest gefühlt zwischenzeitlich immer kleiner wird. Wirklich groß wird dieser Platz nie.

Ich bin so gestrickt, dass die Welt, die Menschen darin, mich nicht wirklich und vor allem nicht über wirklich lange Zeiträume anzunehmen, zu ertragen, vermögen. Wenn ich mich denn gebe, so wie ich bin, so wie ich TATSÄCHLICH bin. Letztlich bin ich zu anstrengend, nicht auf Dauer verkraftbar, ich verlange zu viel Kraft von anderen. Ohne es zu wollen zwar, aber das macht keinen Unterschied.

Gebe ich mich anders, fröhlicher, geselliger, „cooler“, so, oder wenigstens mehr wie ich zumeist aber gar NICHT bin, dann empfange ich mehr Sympathie, mehr Lächeln, Lockerheit. Ohne ermessen zu können, wie wirklich diese Zeichen und Gesten sind. Für mich wirken sie generell, wie Smalltalk, den ich so wenig beherrsche, eben ist: Unverbindlich, flüchtig, dahingesagt. – Womöglich tue ich manchem unrecht, wenn ich das so empfinde. Und sicher ist es auch verquer, es so zu sehen und zu beklagen, in allem immer irgendein „Indiz“ für eine gewisse „Tiefe“ und „Authentizität“, erspüren zu wollen oder (krankhaft?) zu müssen.

Was aber soll ich wie dagegen tun? Ich fühle mich nahezu immer, nahezu überall, nahezu bei jedem FALSCH. Ich empfinde falsch, ich verhalte mich falsch.

Ich weiß, ich habe so oft gesagt und geschrieben, dass es „richtig“ und „falsch“ in Absolutheit nicht gibt.

Wahrscheinlich bin also auch ich nicht absolut falsch. Nicht so absolut, als dass ich nicht doch noch ab und an und phasenweise gesellschaftsfähig und aushaltbar bin, es nicht hin und wieder noch kleine Phasen eigenen Glücksempfindens geben kann. Die dann oft gleich so hoch ausschlagen, dass das aber auch schon wieder befremdlich wirkt und ist, für die und das, was mich an Realen/m umgibt.

Oh wie gut ich das alles weiß! Wie genau ich mich kenne! Wie toll ich mich zu reflektieren vermag!

So gut, so genau, so toll, dass ich mir ein Ei drauf backen kann! – Denn es nutzt mir rein gar nichts. Es quält mich mutmaßlich nur noch ein Stückchen mehr, DIESES wissen, können und vermögen.

Nun habe ich soweit geschrieben und schäme mich. Auch das ist so ein „Verhaltensmuster“, wie es Therapeuten gern nennen, dass ich für mich eigentlich längst abgelegt haben sollte. – Ich schäme mich trotzdem. Für mich. Für mein nicht endendes Gejammere über meine Luxusprobleme.

Vor mir liegt nun „freie“ Zeit. Mehr als eine Woche. Realisiert haben mein Körper und meine Seele das überhaupt noch nicht. So sehr nicht, dass ich noch nicht einmal Freude empfinde angesichts dieser Aussicht. Die Mühle der letzten Wochen hat irgendwie noch nicht aufgehört sich zu drehen. Ich spüre sie so, als liefe sie immer noch.

So schwer wie mir war und ist, habe ich eine Entscheidung gefällt, mich betreffend, für diese mehr als eine Woche. Eine Entscheidung, von der ich nicht weiß, ob sie gut für mich ist. Als ich sie traf, konnte ich nicht anders. Jetzt regen sich Zweifel in mir, aber sie lässt sich nicht mehr zurücknehmen. Aber ich weiß auch nicht, ob ich sie denn tatsächlich zurücknehmen wollte, wenn es denn noch ginge. –

Ich bin so schrecklich durcheinander. Vermag nicht voraus zu planen. Halte es mit mir selbst nicht aus. Wie soll(t)en es dann Andere können?

Werde allein sein . Dann MUSS ich es . Aushalten. Mit mir …

Nun denn, das reicht für heute.

Was für eine erbärmliche Tagebuchseite das nun geworden ist!

*

Flora Cash – „For Someone“

Tagebuchseite -675-

Über Vergangenheit(en)

Es ist so als würde über eine alte, sich über Generationen bestätigt habende Weis- und Wahrheit gesprochen, wenn es heißt, dass man sich vor allem an das Schöne erinnern würde, wenn die Gedanken in die Vergangenheit reisen.

Vielfach scheint das tatsächlich zu stimmen. Wenn ich mich an Kindertage erinnere, erinnere ich mich zuerst an die schönen. Denke ich an die Zeit meines ersten, meines Direktstudiums zurück, dann erstehen Episoden vor mir, die mir ein anderes Empfinden, eine ganz eigene Atmosphäre zurück vermitteln, die ich als angenehm nachfühle.

Manchmal genügen ganz kleine Impulse, mich sogar eine Atmosphäre einer Zeit, eines Augenblicks, tatsächlich spüren zu lassen, die oder den ich selbst gar nicht erlebt habe, und die obendrein suggerieren, dass da damals ein Stück „heile Welt“ gewesen ist.

Es gibt da zum Beispiel so einen schon recht bejahrten Schlager mit dem Titel „Die kleine Kneipe in unserer Straße“ vom Österreicher Peter Alexander gesungen, der das, obgleich ich an sich nur selten Schlager höre, immer wieder „geschafft“ hat.

Immer wenn ich das Lied hörte oder höre, habe ich das Bild einer abendlichen Großstadtstraßenflucht mit großen Altbauhäusern vor Augen. Ich sehe vor einem Gemüseladen eine Frau mit hochgebundenen grauen Haaren und einer schmutzigen Schürze das Trottoir fegen, einen älteren Mann Gemüsekisten in das Innere des Geschäfts schleppen, und ich höre das einer „Zwiebacksäge“ ähnelnde Geräusch eines vorbeifahrenden Mopeds. Auf dem Pflaster der Kopfsteine schimmert ein Abglanz des Kupfers der untergehenden Sonne und aus einer Eckkneipe, deren Tür offensteht, dringen Stimmengewirr und Fetzen von Musik aus einer Jukebox. Drinnen sitzen debattierende Männer vor halbvollen Biergläsern und führen bei einem „Strammen Max“ immer intensiver werdende Gespräche über den Glanz und das Elend der kleinen und der großen Welt.

Manchen solcher Kneipen wird heute noch nachgesagt, sie hätten seinerzeit das Zeug gehabt, Ausgangspunkt großer Bewegungen, gar Revolutionen, zu sein. Wenn die Welt darinnen und darum herum nicht doch letztlich eine recht heile und friedliche gewesen wäre. Zumindest in der Erinnerung …

Heute sind sie längst nur noch Vergangenheit, diese Kneipen. Die „neue“ Welt, die globalisierte, ist keine Welt von Eckkneipen im „klassischen Sinne“ mehr.

Sind sie aber tatsächlich so gewesen, wie sie heute in meinen oder den Erinnerungen anderer Menschen erscheinen?

Ich habe das lange Zeit gar nicht hinterfragt. Hier, wo ich wohne, hat es nie Eckkneipen gegeben.

Und wenn heute von Kneipen die Rede ist, dann ist damit etwas anderes gemeint. Da sitzen Menschen, die sich ein gutes Essen und Getränke zu Preisen leisten können, wie sie eben heute in „Kneipen“ üblich sind. Nicht nur einmal, sondern manches Mal , an diesem und jenem Feierhaben halt. Überwiegend Menschen aus Büros, aus Verwaltungen, aus „der Wirtschaft“, junge Wissenschaftler usw. Mutmaßlich und wohl auch real geht es dort „weniger rau“ zu als in mancher Eckkneipe damals. –

Was denn wohl schon ein Gegenargument dafür wäre, dass „die kleinen Kneipen in unseren Straßen“ seinerzeit vor allem Horte und Ausdruck heiler Welten gewesen sind. (Es gibt noch viel mehr, ich weiß …)

Aber Orte der Einkehr, im ureigensten Sinne des Wortes, nach einem vielfach langen und harten Arbeitstag mögen sie wohl gewesen sein, selten für die Familie, weit öfter nur für die „Ernährer“ derselben.

Mein Ort der Einkehr ist der Abend jeden Alltags, der Abend, den ich sehr grundsätzlich bei mir daheim bin. Dort spüre ich das Abfallen der Last der Mühen des Tages. Wenigstens für einen Moment. Im nächsten bin ich meist schon zu erschöpft, als dass ich im eigentlichen Sinn weiterhin genießen könnte. Oder ich muss mich aufraffen, noch dies und jenes, vom Alltag Mitgebrachte zu erledigen. Um danach um so schneller und unumkehrbarer müde zu werden …

Was wird in ein paar Jahren als das Schöne von diesen „Einkehren“ in meinem Gedächtnis erscheinen, wenn ich in die Vergangenheit reise? Wird es überhaupt etwas sein?

Das ist eine der Fragen, die ich mir mit Blick auf das vermeintlich überwiegend Schöne bei Rückschauen stelle.

Aber da ist noch eine andere. Eine, die aus vielleicht nur meinem ganz spezifischen Wahrnehmen entsteht, dass ich Vergangenes durchaus nicht nur und manchmal auch überhaupt nicht als schön empfinde. Damit meine ich nicht nur einzelne Episoden, die ich in früheren Jahren erlebt oder durchgemacht habe. Es sind „Filme“ darunter, die schon sehr lange, fast mein ganzes Leben lang, spielen. Wenn ich SIE sehe, muss ich bewusst nach Schönem suchen in Vergangenem, das sich sonst auch in der Rückschau als ganz generell schwer, als dunkel, als sehr anstrengend oder bedrohlich für mich zeigt.

Warum ist das so? Geht es zumindest einigen anderen Menschen ebenso?

Vergangenheit ist für mich in der Rückschau nicht immer und nicht grundsätzlich überwiegend schön., Die Aussage: ‚Nimm’s nur nicht so schwer jetzt, in ein paar Jahren erinnerst Du Dich doch nur noch an das Schöne!‘, stimmt so nicht. Nicht für mich.

Vergangenheiten, die einen unabhängig von eigenen Rückschauen immer wieder einholen, sind nicht schön. Sie sind hartnäckige Verfolger.

‚Lass diese Vergangenheiten los!‘, ist kein „Rat“, der für mich umsetzbar ist, so gut gemeint er sein mag, so richtig er womöglich ist.

Dafür gibt es viele Gründe, die ich unmöglich alle auf dieser Tagebuchseite benennen kann. Aber einen möchte ich doch aufschreiben, ich vermute, dass er vielleicht der triftigste, der entscheidende ist:

So vieles in der Gegenwart, der Realität meines Lebens, fühlt sich genau so an, empfinde ich ebenso, wie jene Vergangenheiten, die mich einholen. Sie finden hier neuen Nährboden, werden noch umfänglicher. Und werden mich so mutmaßlich in der Zukunft nur noch hartnäckiger immer wieder „besuchen“ und einholen können.

So schaue ich denn auch nur scheu in jeden neuen Morgen …

*

Nein, ich möchte hier nun nicht etwa das in meinem Eintrag erwähnte Lied von Peter Alexander teilen.

Da ist vielmehr eine Melodie, die gerade in diesen Tagen zu mir gekommen ist, die vielleicht auch zu mir kommen wollte. Sie ist von „Hammock“ erschaffen worden, zwei Musikern aus den USA (Tennessee) und stammt von ihrem gerade herausgekommenen Album „Mysterium“.

„Now and Not Yet“ trifft exakt meine gegenwärtige Stimmung und Verfassung. Es ist so laut oder leise, wie ich gerade bin, es offenbart so viel Schwäche oder Kraft wie die, über die ich aktuell verfüge, es hat die Melodie, die ich seit etlichen Tagen empfinde, die ich seit etlichen Tagen bin … :

Hammock – „Now and Not Yet“

 

Tagebuchseite -674-

Grundehrlich

Ich sitze hier und schaue nachdenklich vor mich hin. Gerade habe ich meine letzten Tagebucheinträge durchgeblättert und darin eines gefunden, was mich jetzt schon wieder seit Wochen vereinnahmt, beherrscht und in mir haftet wie klebriger Teer: Schwere. Eine richtig schwere Schwere. Eine, die bis hier und heute immer nur schwerer geworden ist.

Sie ist mir so leid, dass ich mich nur schwer aufraffen konnte, jetzt zu schreiben. Ich wusste, dass ich auch heute nicht würde um sie herum oder über sie drüber hinweg schreiben können. Wenn etwas derart beherrschend ist, dann geht das nicht.

Die einzige Alternative wäre gewesen, gar nicht zu schreiben. Aber Schreiben ist das Leben, dass mein eigentliches (einzig wirkliches?) ist, und bei der Schwere meiner gegenwärtigen Schwere würde ich mir am Ende wochen- oder monatelang das Schreiben versagen müssen. Nein, eine wirkliche Alternative wäre das nicht.

Und eine andere? Gibt es andere Möglichkeiten?

Es ist ein trauriges Zeugnis, das bekennen zu müssen, aber es fühlt sich gerade so an, als das mich nichts wirklich erreicht. Nicht einmal das, was ich an sich gern tue, was ich auch und trotz des so sehr knappen Zeitfensters, welches mir meine Arbeit gerade jetzt wieder nur lässt, bewusst immer wieder versuche.

So arbeite ich, so schreibe ich, so lese ich, so versuche ich für andere Menschen da zu sein, so kämpfe ich gegen meine innere Schwermut an – ich schaue in den Himmel, bemerke manchen Sonnenstrahl, bemerke liebe Worte und eine schöne Melodie.

Aber die Schwere bleibt. Zäh, schwarz, klebrig wie Teer.

Würde ich heute ein Resümee über die nun 3 1/2 Jahre verfassen, die seit dem offenkundig Werden meiner Krankheit vergangen sind, ein Resümee über die Ergebnisse von Klinikaufenthalt und Therapien, von gestarteten Neubeginnen und dem, was ich erreicht habe, es würde ein trauriges, kurzes, kaum ermutigendes Resümee sein.

Ich schreibe es nicht, weil die Zeit, meine Zeit dafür gerade eine denkbar schlechte ist. Aber gibt es für ein ehrliches Resümee „bessere“ oder „schlechtere“ Zeiten?

Ich weiß es nicht. Wie ich so oft nichts weiß, wenn ich mich selbst zu befragen beginne. Ich tue es dennoch immer wieder. Wiederkehrende verzweifelte Versuche etwas in mir zu finden, was ich bislang übersehen habe, was anders ist als ich bin. Aber hinterher ist oft alles nur noch ein bisschen schwerer …

Nun schaue ich durch meine Schwere hindurch, aus meiner Schwere hinaus aus dem Fenster:

Heute scheint mal die Morgensonne, sogar das letzte abdankende Sommergrün ringt sich als ihr Echo ein Strahlen ab. Und was für eins! Und der Himmel rafft alle Kraft zusammen um mir noch einmal ein Blau zu schenken, wie es mich an meine Lieblingsblume erinnert. Es fällt zugegeben um Etliches blasser aus, aber es berührt mich sehr, dass er sich so anstrengt.

Und da war gerade eine Nachricht, eine gute, eine , die mich sogar ein bisschen lächeln ließ, eine, wie eine schöne zarte Rose, die sich anmutig und mit trotzender Kraft aus dem grauen Gewitterbrei der übrigen „News“, die diese Welt so sehr ausmachen und beherrschen mittlerweile, heraus zu recken geschafft hat.

Es gibt noch so dies und das, was mich an sich freudig stimmt und dem ich mich bewusst (!) nicht zu versagen versuche.

Aber da ist eben auch vieles, sehr vieles, was mich traurig stimmt, was mir Schmerz verursacht, beginnend mit Ungewissheit über diesen, diese, dieses und jenes und endend mit Gewissheit über Faktisches dem gegenüber ich mich immer nur und immer wieder ohnmächtig fühle und ohnmächtig bin.

Normalerweise würde ich mich jetzt nach einem Ausgang befragen. Aber ich frage lieber nicht (mehr) … –

Statt dessen schaue wieder aus dem Fenster und bin nun mal ganz grundehrlich zu Dir, was mein Fühlen angeht, mein Tagebuch:

Ich könnte immer nur noch heulen. Wenn ich denn könnte!

Und wenn ich mich dann so elendiglich sehe, immer und immer wieder …

*

RHODES – „Somebody“

Zwischenstopp -49-

Die folgende Nachricht habe ich heute um 8.30 Uhr im Deutschlandfunk gehört – endlich mal was wirklich Gutes, Schönes aus der Welt des Fußballs, etwas, woran man sich überall anderswo endlich (!) ein Beispiel nehmen sollte:

Der norwegische Fußballverband hat beschlossen, weibliche und männliche Nationalspieler künftig gleich zu honorieren.

Wie der Verband mitteilte, erhalten die Spielerinnen ab nächstem Jahr etwa doppelt so viel wie bisher für ihre Einsätze. Um die gleiche Bezahlung zu ermöglichen, trete das norwegische Männer-Team einen Teil seiner bisherigen Honorare ab. Solch eine Regelung sei international einzigartig, betonte der Chef der norwegischen Fußballspieler-Vereinigung, Walltin.

Verse -54-

November

Gefühl‘, Gedanken, all mein Sehnen
sind unermesslich, wiegen schwer.
Nebel, Abbild meiner Seele,
legt sich auf alles ringsumher.

Darinnen geh‘ ich meine Schritte,
ohne zu seh’n, wohin ich geh.
Kann nicht vernehmen meine Stimme –
ihr Klang erstirbt in tiefer See.

Ich schaue ewig diesen Nebel,
wabernd schwer in Dunkelheit.
Kein Licht, kein Ton und kein Erkennen.
Still zu steh’n scheint alle Zeit.

Möcht‘ mich sammeln, möcht‘ mich finden,
heischend nach Ruh‘ und Einsamkeit
und schließlich mich an nichts mehr binden.
Wünscht‘, ich wär‘ dazu bereit.

Doch ist mir dies noch nie gelungen.
Verlief mich immer nur im Kreis.
So wird’s wohl sein, hab‘ ich gefunden,
dass ich’s bin, der NOVEMBER heißt.

*

Ich habe es selbst sehr lange nicht mehr gehört, nun aber wieder entdeckt und bin froh darum: Ein Lied in einer ganz anderen Zeit entstanden aber voller Erkenntnis, Tiefgang und Verstehen, die zeitlos sind. Weit entfernt davon, das zu sein, was unter einem „Schlager“ gemeinhin verstanden wird. Gesungen von einem Österreicher, der für mich vor allem ein sich stets treu gebliebener Liedermacher ist:

Peter Cornelius – „Ein Diamant verbrennt“

 

Tagebuchseite -673-

Vom schönsten Briefpapier (Gedanken im Herbst)

Wenn stürmische Winde im Herbst durch die Kronen der Bäume jagen, erinnert mich das an flatternde Haare im Wind. Was sich fließend und fliegend am Kopf eines Mädchens im Sommer wie Freiheit anfühlt jedoch, ist in Oktober- und Novembertagen ein Verlieren. Die Häupter der Bäume werden immer schütterer, immer kahler…

Ich kenne die vielen Geschichten vom Vergehen und wieder Geborenwerden, die vor allem in den Herbsttagen erzählt werden. Sie leben in den Jahreszeiten, und sie leben in und durch die Generationen der Welten der Pflanzen, der Tiere, der Menschen.

Wenn man sie leben lässt.

Wenn der Mensch sie am Leben lässt.

Dennoch denke ich in dieser Zeit mehr an das Verlieren und an Verluste als zu anderen Zeiten. Wissend, dass nichts daran liegt, dass liebe Menschen mich bislang meist im Herbst verlassen haben, einige gar ganz von dieser Erde gegangen sind.

Der Herbst ist für mich eine Zeit des mir auf besondere Weise bewusst Werdens. Sie ist still und melancholisch und führt mich an jene meiner Wurzeln, die ebenso sind. Die meisten meiner Wurzeln sind so. Wohl deshalb empfinde ich mein mir bewusst Werden während der Herbst- und Wintertage besonders intensiv.

Früher mischte sich gelegentlich Selbstmitleid unter dieses Empfinden. Heute ist es ausschließlich eine tiefe Einkehr in mich, eine Bestandsaufnahme meiner selbst, die ganz von selbst beginnt, sich fortsetzt, andauert. Bis die Tage wieder grüner werden. Allerdings tue ich mich nach wie vor äußerst schwer, diese Bestandsaufnahme zu „bewerten“. Im Grunde gelingt mir das überhaupt nicht. Ich weiß nicht, ob und vor allem nicht wann eine solche Bewertung „richtig“ wäre. Und so tue ich mich ebenso schwer, Schlüsse zu ziehen, aus dem was ich in mir finde während der grauen, kalten Tage.

Mit einer Ausnahme.

Mit der Ausnahme meiner Wünsche.

Die sind in den Herbst- und Wintertagen bunter und vielfältiger als zu irgendeiner Zeit sonst. Sie sind so bunt und so vielfältig, wie das schönste Herbstlaub. Und ebenso zahlreich.

Jedes einzelne bunte Blatt ist jeweils einer meiner Wünsche. So stelle ich es mir vor.

Und, wenn die Blätter mit dem Wind fortfliegen, dann ist Freude in mir, weil ich mir denke, dass da einer meiner Wünsche treibt und segelt, hin zu einem oder mehreren Menschen, die dieses Wunsches bedürfen, für den oder die ich mir wünsche, dass er sich bei ihnen, mit ihnen, in ihnen erfüllt. Und es ist Freude in mir, weil auf jedem der Blätter die Farben gemalt sind, die dem Frühling innewohnen.

Es gibt kein schöneres Briefpapier. (Ulmen- und Ahornblätter sind das schönste …)

Wie wunderbar wäre es, wenn ein jeder Mensch, so ein Blatt aufheben, mit sich nehmen und über die kalte Jahreszeit bei sich bewahren würde. Und seine Botschaft, dass, was auf ihm in den Farben des Frühlings geschrieben steht, zu verstehen und anzunehmen wüsste.

Ich werde mich aufmachen, so ein Blatt zu finden in den kommenden Tagen und es als Brief lieber Menschen an mich zu lesen. Jener Menschen, die mir helfen, mir meiner bewusst zu werden und mich mehr zu akzeptieren, wie ich wirklich bin.

Vor allem in den Zeiten der stürmischen Winde, die sich so sehr nach Verlieren anfühlen …

*

Mogli – „Road Holes“

Tagebuchseite -672-

Leuchten

Ich bin heute nicht aufgewacht, und der Morgen war dunkel. Nicht einmal die Aussicht auf vier freie Tage vermochte mich zu wecken. Gefühlt war ich gar nicht schlafen gegangen …

Wo kein Schlaf, da kein Erwachen. Wer in der Nacht schlaflos ist, erwacht nicht. Nacht und Tag werden ununterscheidbar. Im Herbst mit naturgegeben zunehmender Tendenz, im Winter in dieser Art gar eingefroren. Die Morgen immer länger finster, die Abende auch. Und was dazwischen übrig bleibt, schafft es auch nur vergleichsweise selten, wirklich hell zu werden.

Treffen Herbst- oder Winterzeit und schlaflose Nächte zusammen, wird es besonders schwer. Und kommt noch mehr Schweres oder als solches Empfundenes hinzu, dann scheint es manchmal als wäre gar kein Licht mehr.

Dunkelheit. Tristesse.

So heute Morgen gespürt. Zum ersten Mal, ganz deutlich, in diesem gerade begonnenen Herbst. Und, wenn langjährige Erfahrungen nicht trügen, keinesfalls zum letzten Mal.

Sonnabend. 6.30 Uhr. Ich bin aufgestanden. Kein Unterschied zum Liegen zuvor. Kein Gedanke an vier freie Tage. Der Albtraum der Nacht brauchte noch allen Platz, da wo sonst das Denken beginnt.

Im Spiegel im Bad, niemand zu sehen. Ich habe ihn trotzdem gewaschen, sein Gesicht rasiert.

Schlug dann ein neues Buch auf und versuchte darin etwas zu finden. Grundsätzlich finde ich immer etwas in Büchern beim Lesen, und mein Denken und Fühlen heftet sich daran, verbindet sich damit. Und das nehme ich dann mit in den Tag, durch die Zeit. Heute las ich, begann zu finden. Aber als ich das Buch zuklappte, blieb es drinnen.

Da beschloss ich, hinaus zu gehen, für eine frühe Erledigung. Zunächst habe ich gar nichts gesehen. Das geschieht mir hier öfter, und ist womöglich gar nicht so verwunderlich. In einer Plattenbausiedlung gibt es nicht sonderlich viel zu sehen.

Da mich mein Weg am Rande dieser Siedlung entlang führte, sah ich aber schließlich doch etwas. Es war ein sanftes Licht, ein Leuchten, wie mit einem Weichzeichner gemalt. Vom Himmel kam es nicht. Und doch war es da, surreal, wie nicht von dieser Welt, hatte es sich auf den Blättern eines Baumes niedergelassen. Grün und Gelb, merkwürdig voneinander abgegrenzt, als trüge das Laub auf der einen Seite des Baumes nur die eine und auf der anderen nur die andere Farbe. So, wie es von dort schien, dieses Leuchten, wirkte es wie eine Erinnerung.

Von nun an sah ich wieder gar nichts mehr, nichts, was mit der mich gerade umgebenden Realität zu tun hatte. Ich sah nicht, wo und wie ich ging und nicht, was ich wo und wie einkaufte.

Aber Erinnerungen begannen sich zu mir auf den Weg zu machen, und in mich hinein. Erinnerungen, die mir sichtbar wurden, die ich sehen konnte, in mir. Weil sie zu leuchten begannen, eben in der Art und Weise, wie das Leuchten auf den Blättern des Baumes, weich und etwas surreal, aber spürbar, empfindbar, ganz deutlich. Sobald ich bewusst an sie dachte.

Da leuchteten Landschaften, die ich gesehen und durchwandert hatte, einzelne Blumen und Tiere, von denen mein Gedächtnis einst Fotos machte. So sah ich Meere. Wälder, Berge, Wiesen, Kornblumen, Mohnblüten und Klee, einen Hirschkäfer, eine Eidechse, Eichhörnchen, viele kleine Waldmäuschen und ebenso viele verschiedene zwitschernde Vögel. Sogar ein mit dem Raureif des Winters umhüllter Ast leuchtete mich an.

Am wundersamsten aber leuchteten Menschen, die ich in jener Erinnerung sah. Sie leuchteten, so wie ich sie vormals gesehen hatte, in der Realität der letzten Wochen oder weiter zurück liegender Zeiten. Schreibende leuchtetet durch ihre Zeilen hindurch, Zeichnende oder Malende durch die Bilder, die sie malten, Zuhörende durch die Musik, der sie lauschten oder mit mir geteilt hatten. Alles waren es Menschen, die mir einmal nahe waren oder sind.

Völlig verblüfft war ich, als ich solche Menschen leuchtend wahrnahm, obgleich es ihnen selbst offensichtlich gerade nicht gut ging. Und fast konsterniert, als ich mich an Gräber mir nahe gewesener und in meinem Herzen nach wie vor seiender Menschen treten sah und es aus diesen Gräbern zu leuchten begann. Weich, surreal, aber unübersehbar.

Wie konnte ich so etwas „sehen“, so etwas fühlen? War es noch oder nur Erinnerung? War es Tag oder Nacht – schlief ich oder wachte ich?

Ich vermag es nicht zu sagen. Auch jetzt nicht, während ich diese Zeilen schreibe. Mutmaßlich bei Bewusstsein …

Aber ich weiß, dass dieses Leuchten existiert, in vielem, was mich umgeben hat und umgibt und vor allem, dass es Menschen gibt, die für mich leuchten. Einige vielleicht ganz unbewusst, und damit meine ich nicht nur jene, die schon verstorben sind. Es gibt sie in meiner Erinnerung und es gibt sie in dem was mein Leben ist. Und mein Leben ist mehr als Erinnerung.

Es ist da, dieses weiche Leuchten, ob ich schlaflos bin oder nicht, ob ich (m)ein Erwachen bemerke oder nicht, ob es Herbst oder Winter oder gerade eine der anderen Jahreszeiten ist.

Ich muss nur, so schwer Zeiten auch sein mögen oder werden, den Weg und die Kraft finden, mich zu erinnern.

*

Sophie Zelmani – „September tears“