Wegweiser durch diesen Blog

Tagebuchseiten:

Hier sind meine Reflexionen über Ereignisse und Begegnungen im Alltag ebenso zu finden, wie meine Gedanken über „Gott und die Welt“ – in loser Folge, ohne Ordnung …

(Mit Beginn des Jahres 2017 erscheinen einige meiner Tagebuchseiten als Selbstgespräche . Grund dafür ist eine umfassendere Idee, die ich schon lange in mir trage. Vielleicht entsteht aus den entsprechenden Texten irgendwann ein Weg, der zu ihrer Realisierung durch mich führt. Vielleicht …)

Sentenzen:

Nachdenkliches zu Themen, die mich immer wieder und nachhaltiger bewegen und beschäftigen, die in meinem und für mein Leben zumeist eine wichtigere Rolle spielen.

Verse:

Einige meiner Versuche, Gedanken, Eindrücke, Reflexionen und Ansichten in lyrischer Form zu verarbeiten.

Gedanken zu Aphorismen:

Was immer ich auch lese, ich spüre darin aus meiner Sicht interessante Sinnsprüche auf. Einige von denen, die mich besonders inspirieren, zum Nachdenken anregen, meinen Widerspruch herausfordern, bespreche, diskutiere ich hier.

Zwischenstopps:

Texte oder Begebenheiten über die ich „gestolpert“ bin, darunter Merkwürdiges, Skurriles, Witziges, Unglaubliches – manchmal mit kurzen Kommentaren von mir versehen. (mitunter auch Musiken, mit denen ich mir einen Zwischenstopp genehmige …)

Sammelsurium:

Hier finden sich von mir verfasste, kleine Rezensionen zu Büchern, die ich gelesen habe, eigene Gedanken in Aphorismenform, die ich zur Diskussion stelle, und Sonstiges, was mir mitteilenswert erscheint.

Tagebuchseite -937-

Sommer 2021

Inzwischen weiß ich es: Urlaub ist es nicht. Nie ist es weniger Urlaub gewesen als in diesem Sommer. Vorübergehende Abwesenheit von Arbeitsalltag im sonst üblichen Sinne, das ist es. Ich versuche das wertzuschätzen.

Die Gründe für den Nicht-Urlaub sind vielfältig. In dem Augenblick, wo ich mir auch nur einen von ihnen bewusster vor Augen führe, wird er zum Trigger. Wäre es anders, hätte ich längst schon darüber geschrieben, wobei einiges wohl doch zu persönlich ist, um in diesem Tagebuch zu landen.

Mein mir nächster, liebster, engster, wichtigster Freund, mein Vater, liegt abermals im Krankenhaus. Seit Montag, und seither bin ich in großer Sorge. Jeden Abend telefoniere ich mit der Klinik im Nachbarbundesland. Ich höre so viele Fachbegriffe, versuche zu verstehen, frage nach. So wie es klingt, muss mein Vater schon wieder ungeheuer viel durchmachen. So, wie ich es verstehe, wird es schwieriger, immer schwieriger.

Ich bin so froh, dass wir uns am Sonntag vor einer Woche nach einem halben Jahre endlich wieder einmal sehen durften und konnten. Ich spüre seine Umarmung, die wir uns schenkten, als wir uns verabschiedeten und das Klopfen seiner Hand auf meiner Schulter.

Weiter vermag ich gerade nicht zu denken oder richtiger: Ich verbiete es mir.

Der Abend des Samstags war Angst. Jene, die mir besonders Angst macht, weil ich vor allem von ihr befürchte, dass sie permanent werden könnte, wenn sich einige Dinge in immer kürzeren Abständen wiederholen bzw. irgendwann zum beständigen Fakt werden. Dinge, über die ich nicht entscheiden kann. Diese Dinge sind zutiefst privat, deshalb schreibe ich sie hier nicht auf.

Die Angst hat mit Alleinsein in Einsamkeit zu tun und, wenn es wie am Samstag ist, mit Geräuschen, die in mir Erinnerungen wachrufen, ungute, die ich nie verarbeiten konnte, ist es ziemlich schlimm.

Jeden Tag verrichte ich ein Tagwerk.

Ich habe das Schuljahr nachbereitet, alle Unterlagen sortiert und geordnet, vieles aussortiert, Material bestellt. Das hat viel Mühe gemacht und ging nicht „mal eben so“.

Ich gehe einkaufen, koche für mich und meinen Sohn, der in dieser Woche fast an jedem Tag eine Klausur im Rahmen seines Studiums, das er seit seinem Beginn nun schon ein Jahr ausschließlich online bestreitet, absolvieren muss, erledige ein bisschen anderen Haushaltskram.

An der Steuererklärung verzweifele ich schon, bevor ich sie eigentlich zu erstellen begonnen habe. (Sie ist bis jetzt liegen geblieben, weil ich während des letzten Jahres einfach KEIN freies Wochenende hatte.) Mein bisher genutztes Programm wird nicht mehr unterstützt, ich muss auf ein Onlineportal wechseln. Die Anmeldung ging nur bis zu einem bestimmten Schritt, jetzt muss ich auf Post warten – auf anderem Wege erhalte ich das nötige Zertifikat nicht, um die Anmeldung abzuschließen.

Eine kleine Radtour habe ich unternommen, während der ich zum einzigen Mal in diesem Jahr meinen so sehr geliebten Kornblumen begegnet bin, sogar ganz vielen, an einem Feldrain.

An einem Sonnabend hatte ich seit über einem Jahr die Freude, ein paar Stunden mit einer Freundin verbringen zu dürfen – wir waren lange am Hafen, ein bisschen in der Stadt. Wir hatten uns viel zu erzählen und das war schön, angenehm, es hat sich gut und richtig angefühlt.

Einen Tag in der Landeshauptstadt habe ich dann wieder allein verbracht. Ich wollte irgendwie raus und da ich auch ein paar Erledigungen machen musste, bin ich schließlich gefahren. So sehr ich mich gefreut habe, einen seit Jahren verschwunden geglaubten Suppenladen an anderer Stelle wiedergefunden zu haben, in dem es das beste Chili der Welt gibt und Herr Schmidt an einer wohl schon betagten aber liebevoll gehätschelten Maschine nach wie vor einen überaus akzeptablen Espresso kreiert, so verloren fand ich mich am Nachmittag bei einem Latte Macchiato allein in einem Backshopcafe´ eines Einkaufszentrums sitzen.

Lange und oft habe ich wieder und wieder überlegt, für zwei, drei Tage allein auf eine kleine Reise zu gehen. Umzusetzen habe ich das nicht geschafft. Der Gedanke, sich dann noch einsamer zu fühlen, sich im Genießen von etwas Schönem noch bewusster zu werden, dass man dies und so vieles allein tut, tun MUSS,  dass das Schöne, noch mehr als sonst, als zu schön um wahr zu sein, empfunden wird, hat mich nicht losgelassen. Allein er hat meine Depression befeuert, so, dass es eben auch Zeiten gab und gibt, jetzt, in denen ich kaum überhaupt etwas zu tun imstande bin, während denen ich einfach NICHTS kann. So blieb und bin ich hier.

Ein bisschen Musik ist mir geblieben und das Lesen, zu dem ich sonst viel weniger Zeit habe, die Freude über das spitzbübische Wesen der Spatzen, die unseren Balkon besuchen und unendliche und weite Gedankenreisen.

Jetzt denke ich, natürlich, immer wieder an meinen Vater.

Was ich sonst noch stärker wahrnehme als sonst, sind die „großen Entwicklungen“. Ich möchte so gern so vieles genauer wissen, tiefgründiger erfassen, besser verstehen können. Aber ich schaffe das selbst jetzt nicht. Es gibt so viele Podcasts, Audios, Filme, unterschiedliche Webseiten – allein die Vielfalt an Themen, die meine Tageszeitung aus der Bundeshauptstadt aufzeigt und (dankenswerterweise) auch mal kontrovers behandelt, mit Hintergrundinformationen versieht, sind letztlich nicht überschaubar. –

Mich macht das traurig und es zieht mich auch runter, denn, das, was ich im Kontext der gängigen, der üblichen Informationen über die Reise unserer Welt erfahre, erschreckt mich immer mehr, macht mich sehr unruhig, unzufrieden, verzweifelt. Das, was ich als gut und richtig wahrnehme, hat nicht genug Macht und Geld.

Ich bin nicht so einfältig, mir Illusionen zu machen: Die, die plötzlich klimafreundlichere Wirtschaft machen „wollen“, tun das, weil sie nicht mehr anders können. Freuen kann ich mich darüber allerdings nicht. Denn sie tun es, um nach wie vor und mehr denn je, Geld damit zu verdienen, Profit zu generieren. Und meine Lebenserfahrung flüstert mir, wer dabei (wieder) auf der Strecke bleiben wird. Und ich fühle mich auch bei diesen Gedanken allein.

In knapp 12 Tagen wird wieder Alltag sein. Die „Viruszahlen“ beginnen, wenn auch noch wertmäßig im niedrigen Bereich, wieder exponentiell zu wachsen. Die Menschen lernen nicht. Die Politik lernt nicht. Es MUSS ins Ausland in Urlaub gefahren werden, es MUSS wieder in Größenordnungen gefeiert werden, schließlich haben „wir“ so lange gelitten, MONATELANG. Es reicht uns nicht einen Kaffee im Freien genießen zu können, wir wollen mehr, größeres, ALLES. – Ob geimpft oder nicht.

Es hat sich nichts geändert, und es wird sich nichts ändern.

Nun ist es ein langer Eintrag geworden. Dass ich vom Thema abgekommen bin, mit der Zeit, kann allenfalls so scheinen. Denn ich habe, so, wie ich es mir vorgenommen hatte, ausschließlich über die Zeit geschrieben, über der „Sommerurlaub“ geschrieben steht, für mich …

***

Von „Bad Actor“ weiß ich nur, dass er eigentlich Markus Sasse heißt, als Musikproduzent, Sänger und Songschreiber aktiv ist und sich bisher wohl mit drei oder vier Liedern, deren eigener Interpret er ist, an die Öffentlichkeit gewagt hat. Das zweit Neuste davon ist das nun folgende. Obwohl ich den Text nur ansatzweise verstehe (eine Übersetzung habe ich noch nicht finden können), mag ich das Lied, das ich vorgestern sogar im Deutschlandfunk gehört habe. Und es vermittelt eine Grundstimmung, in der ich mich irgendwie gerade besonders wiederfinde:

Bad Actor – „Around we go“

Tagebuchseite -936-

Wenn das Wichtigste verloren geht …

Es gab Zeiten, in denen ich Geschichten gefunden habe.

Ihre ersten Worte standen an auf die Masten von Straßenlaternen geklebten Zetteln geschrieben, erklangen zwischen den Noten einer Harfenspielerin, der ich in einer größeren Stadt begegnete oder lächelten mich vorsichtig vom Munde eines Mädchens an, das mit einem Buch allein auf einer Parkbank saß.

Andere begannen an einem Seeufer und kamen mir mit einer auf dem Wasser dahin gleitenden Entenfamilie näher, sprachen ganz leise, als sie über eine von bewaldeten Bergen umgebene Hochebene schwebten oder waren lustig, als sie mich aus kleinen schwarzen Waldmäuschenknopfäuglein anschauten.

Erwärmend und romantisch waren jene, die mir während eines Sonnenuntergangs aus den kräuselnden Wellen des Meeres zuflüsterten und erdend die eine, die ein Silvesterabend war, einer, wie ihn wohl nur wenige Menschen kennen.

Es gab Zeiten, in denen ich selbst Teil von Geschichten war, mitunter sogar eine Hauptrolle in der einen oder der anderen besetzte. Meist, ohne das zu wissen oder gar zu wollen.

Sie erzählten von mir, der sich stets nicht nur in sich, sondern auch in anderen Menschen suchte, um sich selbst zu finden, der andere Menschen, fast immer unvollkommen nur, erkannte und also sich wieder und wieder hinterfragte, sich und immer wieder die ganze Welt.

In so mancher dieser Geschichten fand es sich, dass sie gut ausging, allein deshalb, weil eine ganz bestimmte, ganz besondere Umarmung mich zu Hause sein und fühlen ließ und immer schon ahnen, dass ich ein anderes zu Hause nie haben würde.

Die Zeiten sind andere geworden.

Ich weiß nicht, ob die Geschichten mehr oder weniger geworden sind, nicht, ob es andere sind, als ich sie früher gefunden habe. Aber ich finde kaum noch eine.  

Ich wähne, dass ich in mancher Geschichte noch eine Rolle spiele. Aber ich bin müde geworden zu hinterfragen. Was ich von mir erkenne, scheint nicht mehr das zu sein, was ich bin. Es ist, als würde ich mich mehr und mehr verlieren.

Wenn das, was einst zu Hause war, zur Erinnerung wird und nur ein Andenken bleibt, lässt es sich nur schwer Geschichten finden. Und die Rolle dessen, der kein zu Hause, keine Heimat, mehr hat, fühlt sich selbst heimatlos an oder ist es womöglich tatsächlich. Selbst, wenn sie doch noch Teil mancher Geschichte ist. Und das ist sie wohl, glaube ich. Aber das tröstet nicht und ändert nichts.

Vielleicht ist es Zeit, selbst Geschichten zu schreiben. Wenn es nicht anders geht, dann eben nur aus sich selbst und mit sich allein beginnend. Aber ist das überhaupt möglich? Was sollen das für Geschichten sein, wovon könnten sie erzählen?

Es fühlt sich so schrecklich fremd an, und bloß die Vision macht mich schon furchtbar traurig, jedes Mal wenn meine Gedanken ein Stückchen weiter an ihr stricken. Wenn aber die Vision schon traurig macht, wie könnte dann die Realität eine andere sein? – Ich fürchte so sehr, dass sie das Alleinsein erst so richtig bewusst machen würde.

Und so schaffe ich nicht mal einen ersten Buchstaben, nicht einen ersten kleinen Schritt.

So sind die Zeiten gerade, meine Zeiten …

***

Lieder von Mine habe ich hier schon einige vorgestellt. Für mich ist sie eine der bedeutendsten Sängerinnen und Songschreiberinnen im Deutschland der Gegenwart. Dies Lied hier belegt das eindrucksvoll und ist zugleich Beispiel für die vor allem musikalische Weiterentwicklung, die die Künstlerin seit einigen Jahren vollzieht und vervollkommnet. Ihre Texte sind ohnehin jedes Mal einzigartig – dieser hier geht mir gerade besonders nahe …

Mine – „Mein Herz“

Tagebuchseite -935-

Eine kleine Traum – und Zeitphilosophie

Die Tage entfliehen mir und den Tagen entflieht die Zeit. Ich vermag nicht anzukommen.

Im Innenhof steht ein Container, gefüllt mit Brettern, Platten, Kanthölzern. Möbelschrott. Zurückgebliebene Bilanz zweier Leben, die nun nicht mehr hier wohnen und die in 10, 20, 40, höchstens 80 Jahren gänzlich vergessen sein werden.

Wenn das so ist, wie soll man dann ankommen?  Wo? Und warum?

Gerade noch war ich fasziniert davon, die Entdeckung gemacht zu haben, mit eigenen Augen sehen, mit eigenem Herzen fühlen zu können. Gerade noch war ich verunsichert dadurch, bemerkt zu haben, nicht wie die anderen zu sein. Nahezu gar nicht. Und als sich sodann ein wenig Stolz darauf und Vertrauen in mich selbst einstellte, begann das Misstrauen. Misstrauen in mich selbst, Scham auch. Und Angst.

Dennoch versuchte ich zu leben, versuchte wohl anzukommen.

Doch da waren und sind so viele Anspielungen auf die eigenen verborgen geglaubten Seiten. Vor allem jene, die mein Anderssein ausmachen. Und es waren Urteile darüber. Und Schlüsse daraus. Geboren aus den Menschen, die vor allem sich und ihr Fortkommen sehen und dabei immer lauter und zudringlicher geworden sind.

Friede ist nun nur noch vor mir und in mir selbst. Ein fragiler Friede.

Ich habe immer geträumt. Leben hat vor allem den Wert, den die Träume ihm geben. Das habe ich gefunden.

Ich träume wieder viel, so, wie damals als Kind. Der Unterschied ist, dass diese Träume kaum noch von Hoffnung erhellt werden. Keine Sehnsucht, am wenigsten meine eigene, vermag Träume auf die Erde herabzuziehen. Das habe ich gelernt. Es zu akzeptieren, fällt immer noch schwer.

Man kann nicht anders und wirklich glücklich sein, wenn es andere nicht wollen. Möchte man dennoch anders bleiben oder kann nicht anders sein, wird man einsam und man wird es bleiben. Mit seinen Träumen, solange denn etwas bleibt, dass das Träumen weiter zulässt.

Das Leben hat vor allem den Sinn, den die Träume ihm geben. Wenn es nicht gelingt, die Träume auf die Erde zu holen, sie hier Wirklichkeit werden zu lassen, hat das Leben auf Erden keinen Sinn.

Ich sehe auf den Innenhof meiner Seele und sehe, wie der Container sich füllt. Mit Lettern, Gedanken, Philosophien. Traumschrott. Zurückbleibende Bilanz (m)eines Lebens. Es wird nicht lange dauern, bis sie vergessen ist.

Die Tage entfliehen. Und mit ihnen flieht die Zeit. Meine Zeit, in der ich nicht anzukommen vermag …

***

Noelle ist noch ganz neu auf der Musikbühne. Sie kommt aus Ontario in Kanada und hat sich bisher vor allem balladenhaften Liedern verschrieben, die sie mit einer auf besondere Weise ausdrucksstarken Stimme vorträgt.

„Therapy“ wird mit zarter, teilweise gehauchter Singweise vorgetragen, so als ob man aufpassen wolle, etwas ganz Kostbares nicht zu verletzen/kaputt zu machen. Das sehr schöne und stimmungsvolle Stück handelt davon, für jemanden, den man liebt da zu sein, der gerade eine schwere Zeit durchmacht. Es soll zugleich eine Versicherung sein, dass die Person, an die der Song gerichtet ist, einem wirklich vertrauen kann in der Art: egal, was du gerade durchmachst, ich werde da sein für dich.

Das Werk kommt außerdem mit einer aufbauenden Botschaft der Musikerin daher, die da lautet: „Es ist so wichtig, Menschen an sich heran zu lassen und sich die Hilfe zu holen, die man braucht, ob das eine traditionelle Therapie ist oder ob es ist, sich einer nahestehenden Person anzuvertrauen.“

Sie ergänzte: „Es gibt Menschen, die sich um dich sorgen und die für dich da sind, sogar in deinen dunkelsten Momenten.“ (© Copyright 2021 by MUSIC ALLNEW/noelle-therapie/)

Noelle – „Therapie“

Verse -91-

Liebeslied

Deine schöne, sanfte Stimme
trägt mich übers Sommerland,
lässt mich schweben, lässt mich gleiten,
mich, der gar nicht fliegen kann.

Blumenmeere seh' ich wogen.
Kinderlachen streift die Weiten.
Sterne zwischen Federwolken
mich auf meinem Flug begleiten.

Doch dann wird deine Stimme leiser,
Tränen rauschen ihren Klang.
Ich unterbreche meine Reise,
schau dich aus Augen flehend an.

Das schöne Lied ist nun zu Ende,
verklungen deine Melodie.
Schau mein Haupt, das Herz, die Hände
und weiß: Fliegen werd' ich nie.

Auch in deinem Blick sind Tränen,
denn was wir fühl'n sind ich und du.
So such ich nun, für dich zu singen
und spür': du hörst dem Mühen zu!

Also geht  uns're Reise weiter,
nicht rasch, nicht weit, mal Flug, mal Schritt.
Doch in Gewissheit, uns zu haben,
nehmen wir einander mit.

Ich hör' nicht auf, an dich zu glauben,
bleibst du auch Traum und Illusion.
Fühl' ich mich am Boden kleben,
such' ich aufs Neu' stets deinen Ton.

***

Old Sea Brigade und Luke Sital-Singh sind zwei Sänger und Songschreiber, die sich bei einer Show, während der sie jeweils einen Auftritt hatten, kennengelernt haben. Dieses Kennenlernen begründete die Freundschaft zwischen Ben Cramer (Old Sea Brigade) aus den USA und Luke Sital-Singh aus Großbritannien. Wie inspirativ diese Freundschaft ist, beweist das nachfolgende wundervolle Lied:

Old Sea Brigade, Luke Sital-Singh – „Call me when you land“

Sammelsurium -122- (Fünf Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Meine Liste und Sammlung aus dem eigenen Gedankenwirrwarr geronnener Sinnsprüche erweitert sich beständig. Auch für den Beginn dieses Sammelsuriums habe ich wieder ein paar herausgesucht:

Für so viele, die sich einmal aufgemacht haben, erweist sich kein Weg als langwieriger und schwieriger als der zu sich selbst.

*

Wenn still zu feiern immer weniger gesellschaftsfähig wird, zeugt das von einer Veränderung in der gesellschaftlichen Kultur, die im Mindesten nachdenklich machen sollte.

*

Soziale Medien sind so wenig sozial, wie die sozialen Wesen, die sie bevölkern. Sie werden nur „so genannt“, was geflissentlich aber von niemandem erwähnt wird.

*

Abendgedanken, die davon sprechen, wieder einen Tag überstanden zu haben, beschreiben letztlich ein Stück verlorenes Leben.

*

Influencer sind die Ideologen der Gegenwart: Nicht weniger hinterfragenswürdig als jene, vergangener Zeiten und Gesellschaften. Im Gegenteil, seitdem mit dem Influencen unmittelbar Geld verdient werden kann …

**         

Schnipsel (20)

Vom einem letzten Sieg der Liebe

Es geht ihm nicht um Sex, es geht ihm um Geborgenheit, ein Streicheln, eine Umarmung darum, sich aneinander anlehnen zu können, eine immer noch geliebte Hand zu halten. Aber es ist wohl so, dass er das nicht mehr verdient hat. Wenn sonst nichts ist, dann eben auch keine noch so kleine körperliche Geste mehr. Dann eben gar nichts.

Dass kein Sex mehr ist, schon viele, viele Jahre nicht mehr, schreibt sie ihm zu. Ein bisschen akzeptiert er das sogar.

Es gab eine Zeit, wo sehr viel passierte, Dramatisches, zwischen Leben und Tod des Kindes, dass sie sich wünschten. Das Kind wurde schließlich doch noch gesund auf die Welt geholt. Es vergingen Monate und Jahre und er war und blieb überfordert mit dem was und wie es geschehen war. Sie blieben uneinig darüber, wie es weitergehen sollte. Dass das so war, so blieb, schreibt sie auch ihm zu. Vielleicht ist das sogar richtig so.

Er war nur unsagbar erleichtert und froh, dass es gut ausgegangen war seinerzeit, empfand es als das größte Geschenk und schließlich wollte er damit zufrieden sein. Sie aber war es nicht.

Aber sie sprach nicht darüber, bis es dann irgendwann als Vorwurf aus ihr herausbrach. ER habe entschieden.

So war, so ist, die „Strafe“ wohl nur gerecht.

Leben an der Seite von geliebten Menschen und bestraft zu sein und zu bleiben, ist nicht leicht. Unter Fremden zu leben, ohne je ein bisschen körperliche Nähe zu bekommen, mag schon schwer sein, unter geliebten Menschen ist es wie eine seelische Folter. – Es aushalten zu müssen ist ein großer zusätzlicher Kampf, je länger, desto härter, je aussichtsloser, desto entmutigender. Für ihn, der so sehr, wohl so „besonders“ für einen Mann, Gefühlsmensch ist.

Ob es für sie auch so ist? Er kann es sich nicht vorstellen.

Er zeigt ihr, dass er da ist, immer noch, zum Anlehnen, zum Zuhören und Umarmen, zum Streicheln. – Alles, was sie ihm zeigt, ist, dass es ihr egal ist, ihr wohl nichts mehr bedeutet. Es ist nicht das, was sie wollte. Und ER hat ja entschieden.

Sie ist alle zwei, drei Wochen fort, für ein Wochenende. Seit ein paar Jahren schon. Zuerst fuhr sie nur sporadisch, jetzt regelmäßig. Früher hatte es mit Arbeit zu tun, heute spricht sie nicht mehr darüber. Er mag ihr nichts unterstellen und er hat für sich beschlossen, auch kein Recht dazu zu haben.

Er selbst war ihr immer treu, ist ihr immer treu. Unter allen Gegebenheiten und Bedingungen, auch denen, die er seit einigen Jahren wie seelische Folter empfindet. Er kann nicht anders.

Es ging und geht ihm nicht um Sex. Es ging und geht ihm immer nur um Liebe.

Glücklich geworden ist er so nicht. Und er wird es auch nicht mehr werden können.

Für die Liebe lebt er dennoch weiter. Und je weniger er selbst bekommt, desto mehr möchte er sie Anderen nahebringen. Ohne jede Bedingung. Solange seine Kraft, die der Alltag ihm lässt, noch reicht …

Das ist der Sinn seines Lebens, dessen, was (als) Leben für ihn geblieben ist.

***

Wieder einmal habe ich eine Künstlerin „entdeckt“. Ich hörte ein Lied von ihr und war augenblicklich fasziniert. Von der Stimme, von der Melodie, von der Atmosphäre, die Musik und Arrangement für mich erlebbar werden ließen. Auf der Webseite der in Berlin lebenden, deutschen Sängerin und Songschreiberin Ava Vegas (so ihr Künstlername), die eine sehr interessante Biografie hat, heißt es unter anderem:

“ … in den Liedern von Ava Vegas (fliegt) etwas Herrliches durch die Nacht, etwas Glänzendes, sichtbar in einem glitzernden Licht, das sich in Pailletten spiegelt, zugleich umhüllt von einer unausweichlichen Dunkelheit. Hart, weich, frohlockend, zu Tode traurig. Die Musik ist wie eine Aufzeichnung jenes Zustandes, in dem man erkennt, dass die Welt, nach der man sich sehnt, nicht existieren kann. Verliebt, verlassen, ekstatisch, traurig. Und doch kann diese Welt existieren. Es klingt und hallt in der Musik von Ava Vegas wider …“

Diese Zeilen könnten aus mir geschrieben sein, wenn ich denn Lieder schreiben könnte. Ava Vegas kann das. Und das ist jenes Lied, das ich von ihr hörte, eine Single von ihrem Ende 2020 erschienen ersten Album:

Ava Vegas – „Hold on to your stars“

Tagebuchseite -934-

Sommerferienbeginn

Es ist dieses Nirvana, zwischen der Unfassbarkeit, etwas eine Zeitlang loslassen zu dürfen, das gerade getan zu haben, es aber noch nicht realisieren zu können, dass es jetzt tatsächlich fort bleiben kann, schon fortgeblieben ist und weiter fortbleibt für etwa vier Wochen: das Hamsterrad, das Alltag heißt. Es ist dieses Nirvana, das ich gerade empfinde, ohne ahnen, ohne ermessen zu können, ob ich nun irgendwo anders ankommen werde, wo es wirklich schön ist.

“ … erreicht den Hof mit Müh‘ und Not …“ ist die Metapher, die es trifft, mein Ankommen gestern Nachmittag, hier vor diesem Fenster, in diesem kleinen so voll gestellten Raum, aus dem heraus meine Gedanken in den Orbit fliegen, ob nun sichtbar oder nicht.

Ich freue mich unsagbar auf die freie Zeit, nach der ich mich so sehr gesehnt habe. Aber ich habe auch sehr große Angst vor ihr. Es ist die erste Urlaubszeit ohne gemeinsame Pläne, es ist nicht einmal sicher, wie viel gemeinsame Urlaubszeit es geben wird.

So werde ich viel allein sein in diesem Urlaub. Aber nicht unabhängig.

Wie kann man in positivem Sinn allein sein, wenn man nicht unabhängig ist?

Ich weiß, dass ich etwas in Bücher und in die Musik fliehen werde. Das fällt mir noch am leichtesten im gegebenen Status, und Zeit dafür ist ja nun endlich, wenigstens für die paar Wochen. Ein bisschen Flucht in die nächste Umgebung, soweit sie sich zu Fuß, mit dem Rad oder einem Regionalbus erreichen lässt, mag mir auch noch gelingen. Und vielleicht, endlich, auch wieder ins Schreiben.

Ob mir mehr gelingen kann, gelingen wird?

Ich weiß es nicht. Die Frage ist zu  groß für mich. Sie berührt jene danach, ob und wie ich mich selbst auszuhalten vermag, wenn der Alltag einmal leise ist, wenn ich nur mich habe, aber keine wirkliche Unabhängigkeit. (Womöglich wäre wirkliche Unabhängigkeit allerdings noch viel mehr zu groß für mich …)

Die gut vierwöchige Episode ist in jedem Falle viel zu kurz und viel zu kostbar, um sie bloß verstreichen zu lassen. Ich werde Energie finden müssen in ihr und ich werde lernen müssen, diese Energie aus Dankbarkeit für kleinste Begebenheiten und Erfolge zu gerieren, weil ich sonst allzu schnell wieder aus letzten Reserven schöpfen muss, wenn das Alltagsleben wieder begonnen haben wird.

Es ist wohl gut, dass ich mir niemals vorstellen konnte und musste am Beginn einer Ferienzeit solche Gedanken zu haben, wie sie mir jetzt durch den Kopf gehen. Dass ich bei aller Wehmut, die mich zwangsläufig dabei erreicht, doch auch Trost und sogar Kraft finden muss aus Erinnerungen und Vorstellungen von Erlebnissen und Begegnungen, die einmal waren, während früherer freier Tage, und von solchen, die ich mir wünsche und von denen ich mir, es  wie ein Mantra vor mich hin sprechend sage, dass der Traum von ihnen, der Glaube an sie das Potenzial ihres wirklich Werdens bewahrt.

Ich versuche zu atmen. Ganz bewusst. Das fällt leicht in dem noch gegenwärtigen Nirvana. Ich empfinde es als schön, das bemerken zu können, auch wenn es vielleicht oder auch sicher nur eine Momentaufnahme sein wird, ein Gefühl das ganz flüchtig ist.

Meine Seele ist aufmerksam. Das so Wichtige, was da zwei Absätze höher geschrieben steht, ist ihr gegenwärtig.

Und so sagt sie, sage ich, leise Dankeschön für diesen Augenblick dieses leichten, freien Atemholens.

Dies ist der Beginn meiner Sommerferien …

***

Etwas mysteriös, doch leicht daherkommend, ein bisschen geheimnisvoll, doch eingängig – ein Lied, dessen Melodie wie aus den 60ern des vorigen Jahrhunderts in die Jetztzeit gebeamt scheint. Aber es ist tatsächlich ein ganz neues. Übrigens von „The Coral“, einer Band, die es bereits seit 1996 gibt und die aus England kommt, jedoch nie einen großen Bekanntheitsgrad erlangt hat. Ich habe jetzt freilich einen „Ohrwurm“ … :

The Coral – „Faceless Angel“

Tagebuchseite -933-

Vom Entstehen des Schriftbilds einer Seele und einem kurzen „bei mir Sein“

Die Zeiten, die so viele Ereignisse, Stimmungen, Emotionen mit sich tragen, streichen über meine Tagebuchseiten dahin, ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen.

Bei meiner Seele scheint es ebenso zu sein. Die Matrix eines Tages wird von der des nächsten überschrieben und also unsichtbar. So geht es fort, des übernächsten Tages Spuren überzeichnen die der vorigen, die des ersten sind kaum noch zu erkennen.

Aber eine Seele ist weich, und was von Oberflächenseite her überschrieben ist, drückt sich auf der gegenüberliegenden mit jedem Überschreiben nur tiefer ins Gemüt. Wohl nicht alle, die starken Ausschläge aber schon. Und so entsteht auf der gegenüberliegenden Seite der Oberfläche der Seele, buchstäblich aus ihr herauswachsend, ihr ganz eigenes Schriftbild. Die tatsächliche, die einzig wahre Geschichte des Menschen, in dem sie wohnt, wird auf diese Weise geschrieben. Jede Minute, jede Stunde, jeden Tag.

Wer weiß, wie schwer sich diese Geschichte erzählen lässt, oder auch nur Bruchstücke davon, versteht vielleicht, weshalb es empfindsamen Menschen so schwerfällt  sie niederzuschreiben, vor allem dann, wenn die Matrizes der einzelnen Tage in einem fort so sehr angefüllt sind, dass es nicht fassbar ist, dass jede doch immer nur in einem Fenster von 24 Stunden entsteht. Dabei böte das Schreiben immerhin die Chance die Lettern, die die Seele sind, ein bisschen leichter werden oder wenigstens scheinen zu lassen.

So geht es mir nun schon seit Wochen und der gerade verwendete Konjunktiv mutet wie ein Motto an, das keinen „Verstoß“ duldet.

Dabei trage ich so viele Geschichten dieser Wochen in mir. Und es sind auch besondere, unglaublich emotionale dabei, solche, die mich vor Rührung noch immer fortzutragen vermögen. Die vergangenen beiden Wochen waren besonders voll davon:

Es waren keineswegs meine eigenen, und ich hatte nicht einmal eine besondere Verantwortung für sie, aber es waren Kinder, die ich sehr lieb gewonnen habe. Kinder, die auf ganz besondere, mich immer wieder sehr berührende Weise ein Stück ihres Lebens mit mir teilten, die mir so sehr geholfen haben, durch einen schon wieder besonders schwierigen Abschnitt meines eigenen Lebens hindurch gekommen zu sein. –  Ich habe uns eine letzte Stunde geschenkt, und vorgestern dann, sind sie gegangen. Neues Leben, neues Lernen, neue Menschen erwarten sie.

Ich durfte ein T-Shirt behalten, das sie ausdrücklich mir zugedacht hatten, das all ihre Namen trägt. Und natürlich behalte ich die Erinnerungen, die ich mit ihnen verbinde. Es sind viele, nur gute, und keine werde ich je vergessen. – Ich bin voll von tief empfundener Dankbarkeit für diese Kinder.

*

Es war vorhin gerade, als würde die Zeit für ein paar Momente ein bisschen verklingen, die schwierige, die hektische, die so angefüllte Zeit des Alltags.

Ich weiß nicht mehr, wann ich das letzte Mal auf unserem Balkon saß, einfach so. Ich hatte die Zeitung dabei und las darin während ein sanfter Landregen herniederging. Eine gute halbe Stunde mag das so gegangen sein, dann wurden mir die Lider schwer, obwohl ich erst gut drei Stunden zuvor aufgestanden war. Aber es war eine sehr heiße Nacht gewesen. Die Wohnung heizt sich immer sehr schnell auf, und selbst ausgiebiges Lüften bringt erst nach ein, zwei Tagen wirklich Linderung, wenn die Temperaturen zugleich zurückgehen.

Von unserem Balkon habe ich nur einen bedingt schönen Blick. Immerhin gibt es jetzt viel Grün, das kleine Schwedenhotel gegenüber meines Wohnblocks hat wieder Gäste und ein bisschen können meine Augen auch von den Kleingärten in der Nähe erhaschen. So prägt die Plattenbaulandschaft das Bild nicht allzu sehr.

Ich habe das Grün genossen und den schließlich immer stärker werdenden Regen, das ihn begleitende Donnergrollen und das gelegentliche Blitzen. Die Luft wurde zu einem frischen Streicheln und meine Nase fühlte sich wie ein Gourmet, als es den Duft des frischen Regenwassers geschenkt bekam. So war ich eine schöne Viertelstunde ganz bei mir. Wieder allein, aber doch in einem guten Sinne. Ich bin das so schon sehr, sehr lange nicht mehr gewesen.

Der Moment ist nun vergangen, aber er hallt und schwingt noch in mir.

Ich lasse es hallen und lasse es schwingen und denke darüber nach, warum ich so selten in gutem Sinn bei mir sein kann. Manchmal scheint es mir, als sei es zu wenig, was ich dazu brauche. So wenig, dass andere Menschen, auch mir nahe, es nicht nachvollziehen, nicht akzeptieren können. Und dass es unter anderem das ist, was mich mehr und mehr von diesen und von den Menschen überhaupt entfernt.

Allein in gutem Sinn bei sich zu sein wird und ist dadurch besonders schwer …

***

Coverversionen von Musikstücken haben es ja generell schwer. Meist werden sie recht einvernehmlich als „nicht an das Original heranreichend“ beurteilt, um sich einer freundlichen Ausdrucksweise zu befleißigen. Manche Zeitgenossinnen und -genossen werden auch deutlicher und sprechen von „Verbrechen am Original“ oder davon, das Coverversionen einfach nur überflüssig seien. – Ich teile diese Auffassungen, jedenfalls so grundsätzlich, nicht. –

Weil das so ist, teile ich heute hier ein Cover, sogar ein Cover-Mashup, also eine Mischung, eine Verschmelzung von zwei Coverversionen, die mir in allem sehr gefällt, vor allem ihrem Arrangement und ihrer Interpretation. Es ist sicher mutig, Werke von Prince und Lady Gaga in einem „neuen“ Stück zu vereinen. Aber dies hier bringt für mich, nicht zu leise gehört, immer wieder einen Gänsehautmoment:

Julie Mintz – „Purple Rain/Million Reasons“ (Cover-Mashup by Prince and Lady Gaga)

Tagebuchseite -932-

Aktueller Lebenslauf

Es ist, als wenn Leben und Zeit mich regieren. Nicht mein Leben, nicht meine Zeit. Sie nehmen mich mit, mein Leben und meine Zeit, ohne dass ich ihnen zu entkommen vermag. Etwas pathetischer ausgedrückt, könnte ich auch sagen, dass ich in ihnen gefangen bin.

Im Grunde trifft es das auch, denn ich schaffe es kaum noch zu schreiben, wo und so wie ich schreiben möchte.

Noch weniger als zuvor bin ich zudem in der Lage, mich unter Menschen zu begeben. Je zahlreicher sie wieder auf Straßen und Plätzen, an Stränden und sonst in der Natur unterwegs sind, desto mehr scheue ich mich davor, mich unter sie zu begeben. Mir ist das ja schon immer schwergefallen, jetzt fällt es mir noch schwerer. Zum einen, weil mich halt Anderes so sehr einnimmt und nicht loslässt, zum anderen, weil ich noch ungleich mehr Angst als jemals davor habe, mich umso einsamer zu fühlen, je mehr fremde Menschen mich umgeben.

Und dann sind da auch noch so ein paar merkwürdige Geschehnisse und Empfindungen, die mich sehr beschäftigen, manchmal gar ein wenig vereinnahmen. Es handelt sich dabei um Dinge, die ureigen mich betreffen, die sehr persönlich sind, Veränderungen vor allem, an und mit mir, die mir nicht gefallen, die mir Sorgen bereiten. Sie verursachen, dass ich sehr über mein Leben nachdenke und, dass mir bewusster denn je wird, ist und bleibt, dass und wie sehr die Zeit, meine Zeit, verrinnt.

Ohne, dass ich etwas dazu getan hätte, hat mich am 15. Mai dieses Jahres die Erinnerung an ein Ereignis eingeholt, an das ich tatsächlich schon lange nicht mehr gedacht hatte, schon gar nicht etwa bewusst oder an einem 15. Mai. In diesem Jahr war diese Erinnerung plötzlich ganz unvermittelt und ganz stark wieder da, nicht nur als bloße Erinnerung, sondern mit einer Emotion wie der eines Fingerzeigs, eines Omens. Sie war mit einem Male praktisch zeitlich auf den Punkt genau da und hat sich jedenfalls nicht gut angefühlt. – Vor exakt 40 Jahren, am 15. Mai, hatte ich plötzlich nur noch eine Viertelstunde zu leben …

Ich bin über den unvermittelten, „punktgenauen“ Eintritt dieser Erinnerung erschrocken. Seither versuche ich alles, ihr keine besondere Bedeutung beizumessen, schon gar nicht der Emotionalität, mit der sie mich überfallen hat. Das gelingt mir nur sehr allmählich. Jene Zeit und jenes Leben, die mich regieren, sind merkwürdigerweise dabei sogar irgendwie hilfreich. Wenigstens scheint mir das so.

Froh, ja sogar glücklich bin ich darüber während der letzten Wochen, immer wieder in einem Buch, einem Roman gelebt zu haben. Trotz allen fremd geleitet Seins, ungeachtet mancher Antriebslosigkeit und Phasen sehr starker Erschöpfung, Momente, die mich in dieses Leben einließen, ergriffen zu haben.

Es war ein ganz wundervolles Buch. Der Roman einer sehr früh (im „Alter“ von 29 Jahren) verstorbenen jungen Autorin. Ein Text voller Dramatik, ein frühes Plädoyer für gleichberechtigtes Leben von Frauen, in einer sehr schönen, intelligenten, bildhaften, jedes Wort liebenden Sprache verfasst.

Eine Schrift, die in beeindruckender Weise Personen und Charaktere zeichnet und beschreibt, sodass sie buchstäblich spür- und erlebbar werden bis tief hinein in ihre Empfindungswelten. Mich hat sie ganz mitgenommen, in sich hinein, ich habe in ihr gelebt, gemeinsam mit den Figuren, die in ihr lebten und in deren Empfindungen. – Romane wie dieser, fassen mich, je älter ich werde, immer mehr an, berühren mich zutiefst, werden so zu einem Bestandteil MEINES Lebens.

Ich danke Anne Brontë dafür, dass ich durch sie „Die Herrin von Wildfell Hall“ und ihre Geschichte kennenlernen und erfahren durfte. So gern hätte ich noch länger, viel länger, darin leben mögen. Aber ich habe das Buch vorhin ausgelesen …

Ebenso glücklich bin ich darüber, dass ich in den Herzen ein paar anderer Menschen lebe, leben darf.

In der vergangenen Woche ist mir das wieder einmal ganz besonders bewusst geworden und auch, dass ich in diesen Herzen meinen Sinn am tiefsten leben darf und also mein Leben. Und es ist geradezu überwältigend für mich, dass diese Menschen DAFÜR dankbar sind.

Wie sehr, das habe ich aktuell durch nur wenige Worte eines dieser Menschen erfahren dürfen.

Morgen beginnt eine neue, schwere Woche, eine Woche, während der Zeit und Leben mir und meinem Leben wieder die Spur weisen werden, die Schienen, auf denen ich mich bewegen werden muss.

Immerhin zwitschert immer mal ein Vöglein an den Dämmen dieses Weges und das eine oder andere Kinderlachen erreicht mich. Manchmal auch höre ich ein freundliches Wort oder ich sehe ein Lächeln, wo ich gar keines erwartet habe.

Wenn ich am Abend schlafen gehe, versuche ich mich damit zuzudecken. Mit der Geschichte aus dem Buch, mit der Dankbarkeit der Menschen, in deren Herzen ich leben darf, mit dem Kinderlachen und den Liedern der Natur und mit dem unbekannten, unerwarteten Lächeln.

***

Fabian Sigmund, ein Sänger und Songwriter aus der Schweiz, ist Fai Baba. 2008 ist er zum ersten Mal unter diesem Namen in der Öffentlichkeit aufgetreten. Seither ist er sowohl solo, als auch mit verschiedenen Bands unterwegs. Sein Album „Sad and Horny“ von dem das Lied stammt, das ich heute hier teile, war eines der besten im Jahr 2016 in der Schweiz. – In unseren Landen ist der Künstler wohl weitgehend unbekannt und damit auch dieses textlich und melodiös sehr schöne Lied:

Fai Baba –  „Why Do I Feel So Alone“

Tagebuchseite -931-

Eine wahre Geschichte vom Maiengrün

Kein Grün ist schöner als Maiengrün. Sein sanftes Leuchten, seine Frische, sind unvergleichlich. Wenn es mir möglich wäre, würde ich es trinken, denn es gibt keinen Zweifel für mich: Es ist ein Elixier – ein Elixier, das für reinste natürliche Schönheit, für Reinheit im Erwachen, steht.

Ich trinke es mit meinen Augen.

Niemals, wenn ich aus dem Fenster meiner Wohnung  in den Hof des Plattenbaukarrees schaue, ist dieser unsichtbarer und deshalb schöner als in diesen Tagen des Mai. Mit den Jahren haben die Bäume, die einst in ihm gepflanzt worden sind, so eine stattliche Größe und Höhe erreicht, dass ihre nun so prachtvoll und dicht belaubten Kronen ineinander übergehen und die Fassaden der Häuser in sich verschwinden lassen, beinahe so, als wären sie gar nicht da.

Wenigstens im Frühjahr könnten manche Orte in meinem ansonsten eher tristen Wohnumfeld tatsächlich recht schön sein, wenn da nicht Menschen einschließlich ihrer Hinterlassenschaften wären.

Menschen sind die einzigen Lebewesen, die tatsächlich imstande sind, umfassend zu zerstören. Und sie können oder wollen nicht bemerken, dass dies Zerstören so oft bereits seinen Anfang nimmt, wenn sie immer noch meinen, nur das zu tun, was ihnen doch nun einmal gegeben und deshalb ihr kleinster und berechtigtster Anspruch sei: nur einfach und ganz „normal“ zu leben.

Es rührt mich, wie sehr mein Lieblingsgrün dagegen anzustrahlen bestrebt ist.

Wenn ich meine Schritte ein Stück fort aus der Plattenbausiedlung Richtung Altstadt lenke, erreiche ich ein teils naturbelassenes kleines Areal, das meinen Stadtteil mit der Altstadt verbindet. Dort gibt es Bilder, die ich, vor allem jetzt in dieser Jahreszeit, mit meinen Augen fotografiere. Ich stelle mich ganz an den Wegrand, bis keine Spuren von Zivilisation den Bildausschnitt, den ich betrachte und in mir aufnehme, mehr zu erfassen vermögen.

Ich erkenne dann, dass es selbst hier paradiesische Inseln gibt, und es macht mich ein bisschen glücklich, dass ich sie mir zu erschließen vermag. Sogar hier, wo die Himmel sich meist über mir zusammengezogen präsentieren, wo ich mich meist so gequält und allein fühle.

Während ich hier schreibe, mir die Bilder der schönen Insel und das linden Maiengrüns durch die Seele reisen und ich im Begriff bin, ein wenig morgendlichen Frieden zu finden, dringt plötzlich eine mich augenblicklich irritierende Unruhe zu mir. Es dauert einen Moment bis ich realisiere, dass eine recht große Zahl von Vögeln in heller Aufregung am Fenster meines kleinen Arbeitszimmers vorüber kreuz und quer den Himmel durchpflügt, begleitet von einem vielstimmigen, lauten Rufen, Krächzen und Schreien.

Ich trete auf den Balkon hinaus. Was ich von dort aus sehe, nimmt mir den Atem.

Eine große Schar Elstern, Krähen und sogar Möwen ist dabei, ein junges Elsternpaar zu unterstützen, einen Raubvogel, der sich in dessen Nest im oberen Teil einer maiengrünen Baumkrone breit gemacht hat, zu vertreiben. Sie versuchen auf ihn einzuhacken, sogar gegen ihn anzufliegen. Immer und immer wieder nehmen sie entsprechende Anläufe begleitet von den schrillen, aufgeregten Lauten, die ich schon in meinem Zimmer vernehmen konnte.

Ich vermag nicht zu erkennen, um was für einen Raubvogel es sich handelt. Vor Jahren hatte sich einmal ein majestätischer Sperber auf dem Geländer unseres Balkons niedergelassen.

Der Eindringling hier erscheint mir etwas größer und weniger auffällig gefärbt. Stoisch konstatiert er die Angriffe der anderen Vögel, kaum, dass er einmal ein wenig die Balance ausgleichen muss, wenn einer der Verteidiger gegen ihn anfliegt. Das Geäst und das Laub des Baumes bieten ihm recht guten Schutz.

Plötzlich erhebt er sich mit zwei, drei Flügelschlägen aus dem Baum. In seinen Krallen hält er ein Junges aus dem Nest der Elstern. So energisch die ganze Vogelschar ihn, nun mit noch einmal deutlich anhebendem Geschrei verfolgt, so unangefochten fliegt er in den nahen kleinen Park und verschwindet, für mich unsichtbar werdend, in den Wolken meines geliebtesten Grüns, welche die Bäume, Sträucher und Wiesen dort bilden.

Ich bemerke, dass ich ganz erstarrt dastehe, dass mein Herz ganz schnell schlägt und dass ich übervoll mit Mitgefühl und Trauer mit den beiden Vogeleltern bin, deren eine Hälfte verstohlen in das geplünderte Nest hinabschaut. Lange vermag ich diesen Anblick nicht zu ertragen.

Ich schlurfe zurück in mein Arbeitszimmer und frage mich, weshalb mir die Natur gerade jetzt, gerade eben, in jenem Moment, in dem sich meine Erinnerung des Glücks eines kleinen, schönen Friedens bewusst wurde, so eindringlich vor Augen führte, dass jedes kleine Glück, jeder feine Frieden, immer und zu jeder Zeit bedroht ist.

Als wenn ich das nicht auch ohne dieses Beispiel gewusst hätte, als wenn mir all die diversen Bedrohungen nicht sowieso schon andauernd so furchtbar präsent wären, als wenn ich daran erinnert werden müsste, dass ich womöglich zu keiner Zeit ein Recht auf ein Stück wirklich angst- und  sorgenfreies Leben hätte.

Die Natur vermag Metaphern zu schreiben, die unerbittlich sind. Vor ihr sind alle gleich. Elstern wie Menschen.

Ich sehe, wie sich mein geliebtes Maiengrün im kleinen Park im Winde wiegt.

Als wäre nichts geschehen.

Ein wenig schaue ich noch hinüber zum Park, solange bis das Grün allmählich immer blasser wird, weil das Meer meiner Augen es aufzulösen beginnt.

Der Mai geht auf die Zielgerade …

*

Danique van Kesteren und Bart van Dalen sind „Donna Blue“, ein leider bislang nur wenig beachtetes Indie-Pop-Duo aus den Niederlanden. Bisweilen ein wenig mysteriös, bisweilen sanft-romantisch, sphärisch, die Melodien, eine Gitarre und ein Gesang, die Bilder auf die inneren Leinwände der Zuhörenden malen. „Desert Lake“ hat ein Ufer, das mir gerade wie das meine scheint …

Donna Blue – „Desert Lake“

Tagebuchseite -930-

Zwei Gesichter

Während ich den kleinen Flur entlang gehe, glättet es sich schon ein wenig, und in dem Moment, in dem ich die Tür öffne und den Raum betrete, breitet sich ein Lächeln darauf aus. Ich höre einen Morgengruß aus seinem Munde. Es strahlt Zuversicht aus und Ermutigung, und es wird diesen Ausdruck während der kommenden Stunden nicht mehr verlieren. Den einer Einladung, den der Freundlichkeit, den der Geduld. Ganz egal, was geschehen wird.

Es fällt ihm über den Tag von Stunde zu Stunde schwieriger, diesen Ausdruck zu bewahren. Aber es bleibt dabei, auch dann, wenn das und diejenigen, die es wahrnimmt, es ihm schwer machen über den Tag, mitunter sehr schwer. Nur dann, wenn es einmal nicht gesehen oder beobachtet werden kann, verändert es sich für einen Augenblick. Um dann wieder zu lächeln, einzuladen, freundlich zu sein.

Nachdem ich den Raum zum letzten Mal verlassen habe und die Tür geschlossen bleibt bis morgen und die Kinder und die Kolleginnen andere Welten aufsuchen als die, in der wir bis eben gemeinsam unser Tagwerk verrichteten, geht es langsam in eine Art Neutralität über. Es wird sie beibehalten, solange ihm der Wind um die Nase weht und Sonnenstrahlen oder Regentropfen es berühren, während ich auf dem Fahrrad an den Ort fahre, der vor immer länger zurückliegender Zeit, ein anderes, ein wirklicheres Zuhause war, als es das jetzt ist. Längst ist es fremd geworden, dort, wo einst Geborgenheit und Muße waren.

Immerhin habe ich nun hier die zwiespältige Freiheit, über längere Zeiten unbeobachtet zu sein, nicht wahrgenommen zu werden. Und die Kraft zu lächeln, einen zuversichtlichen, einladenden, freundlichen Ausdruck zu vermitteln, die längst verbraucht und verschlissen ist, lässt es nun verschwinden, ohne dass es jemandem weh tun oder jemanden verletzen könnte: mein Gesicht, das ich für den Teil des Tages trage, während dem ich Verantwortung für die Kinder und im Kollegium meinen Dienst zu tun habe. Die zweite Tablette des Tages vermag daran schon lange nichts mehr zu ändern.

An seine Stelle tritt nun ein anderes Gesicht. Es ist jenes, aus dem immer schwerer und matter werdende Augen schauen, mal noch eine halbe, mal noch eine ganze Stunde lang. Ein Gesicht wie ein Schatten seiner selbst. Und dann schließen sich seine Augen und das Gesicht reißt meinen Körper  binnen Sekunden in einen komatösen Zustand mit, mal für eine halbe, oft für eine ganze Stunde lang. Es gibt nicht den Hauch einer Chance, sich dagegen zu wehren.

Das Erwachen aus jenem Koma ist trügerisch, denn Welt und Gesicht bleiben grau, und Körper und Seele tun weh. Buchstäblich und spürbar. Jeden Nachmittag, jeden Abend, jedes Wochenende und jeden Morgen noch, solange, bis ich die Tür zu den Kindern wieder öffne.

Selbst die seltenen Spaziergänge helfen nicht mehr, dieses zweite Gesicht aufzuhellen, denn sie lassen manche Schmerzen eher noch stärker werden seit einiger Zeit. Und irgendetwas sagt mir, dass das keineswegs nur daran liegt, dass ich nunmehr, abgesehen von ein paar Begleiterinnen und Begleitern, die in meiner Seele wohnen, fast ausschließlich nur noch mit mir allein spazieren gehe.

Die letzte Energie des fahlen Gesichts der zweiten Hälfte des Tages, der Nächte, der Wochenenden und der erwachenden Morgen richte ich darauf, jeden Tag ein bisschen zu lesen, aus einer anderen Welt, einer anderen Zeit und in einer anderen Sprache als jenen, die das Hier und Jetzt ausmachen.

Ich bin ein bisschen stolz darauf, dass mir das seit einigen Tagen gelingt. Obwohl ich mich tatsächlich zwingen muss. Aber der Lohn ist so schön: ein Streicheln!

Ja, Bücherzeilen können so sehr zärtlich sein allein dadurch, dass sie sind und ich mit meinem traurigen Gesicht zwischen ihnen sein und verweilen darf. Auch wenn es oft nur Minuten sind, die die Kraft noch zum Verweilen reicht.

Und da ist auch noch eine Stimme. Die einzige, die sich Woche für Woche ganz bewusst ein Stündchen nimmt, um zu mir und mit mir zu sprechen. Auch, wenn dann das zweite, das erschöpfte, traurige, verzweifelnde Gesicht mein Antlitz ausmacht. – Es sind so wahre, so schöne, so tiefe und bereichernde Gespräche, die ich mit ihr führen darf, solche, die ich mir immer gewünscht habe.

Ihr gelingt es immer, Woche für Woche, ein Lächeln in das fast erloschene Gesicht zu malen und ein bisschen neue Zuversicht, sodass es für Momente jenem Gesicht, das ich bei den Kindern trage, gleicht. Und es fällt mir dann leicht und ist mir ein Bedürfnis, der Stimme immer etwas von diesem Lächeln und dieser Zuversicht zurückzugeben, vor allem, wenn ich bemerke, dass das gerade besonders wichtig für sie ist.

*

Es stehen ein paar Tage ohne die Kinder bevor, ein paar Tage in meinem zwiespältig gewordenen Zuhause. Es werden wieder keinesfalls wirkliche Tage der Muße sein. Aber ich werde wenigstens etwas mehr Zeit haben, dem zweiten, dem müden, grauen, erschöpften Gesicht ein paar Streicheleinheiten, die in Bücherzeilen oder Melodien verborgen liegen, zukommen und es währenddessen dem anderen, dem freundlichen, geduldigen und einladenden Antlitz, ein bisschen ähnlicher sein zu lassen.

**

Ami Warning wurde 1996 in München geboren und hat sich autodidaktisch das Gitarre spielen beigebracht. Nachdem sie zunächst in der Band ihres aus Aruba stammenden Vaters aufgetreten ist, begann sie schließlich eigene Lieder zu schreiben. Drei Alben hat sie bislang veröffentlicht, das letzte in deutscher Sprache. Ihre Lieder haben klare, schöne Texte und ihre Stimme besitzt eine ebenso außergewöhnliche wie vielfältige Klangfarbe. Ich mag diese Stimme sehr, sie ist unverwechselbar: Rau und leicht, tief und klar, warm und hell. Für mich gehört Ami auch zu jenen jungen Musikerinnen und Musikern, die viel mehr Aufmerksamkeit verdient haben und möchte deshalb sehr gern eines der für mein Empfinden schönsten Lieder von ihr teilen.  

Ami Warning – „Fliegen“

Tagebuchseite -929-

Vergleichen?

Oft, sehr oft, ist mir geraten worden, mich nicht mit anderen Menschen zu vergleichen. Das bringe nichts, ende nur damit, Neid zu entwickeln, sich schwach oder gar als Versager zu fühlen und würde also eigene Leistungen und Potenziale nicht in angemessenem Licht oder gar ganz  unbedeutend erscheinen lassen.

Bemerkenswerterweise hat offenbar niemand jener Ratgeber in Betracht gezogen, dass ein Vergleichen der eigenen Person, der eigenen Position in der Gesellschaft mit, anderen Menschen und deren Stellung im Gemeinwesen ja auch zu „positiven“ Ergebnissen führen könnte. Etwa dem, dass ich erkenne, dass es mir doch „gar nicht so schlecht“ gehe, das andere Menschen „weitaus übler“ dran seien. Immerhin einige derselben Ratgeber haben mich freilich in anderen Zusammenhängen im Sinne einer „Ermutigung“ gerade darauf aufmerksam gemacht, dass es ich doch vergleichsweise gut dastehe und über die Runden käme.

Genau an dieser Stelle, habe ich mir selbst immer wieder gesagt, das mit dem Vergleichen doch zu unterlassen. Genussvermögen für oder Stolz auf mein vergleichsweise komfortables Dasein auf der Grundlage des Wissens um materiell schlechter gestellte, mit mehr Leid konfrontierte oder anderweitig benachteiligte oder gar diskriminierte Menschen zu entwickeln, habe ich immer als extrem zynisch und verwerflich angesehen.

Dennoch habe lange versucht, der oben genannten Empfehlung generell zu folgen, vor allem, seit mir von fachlich kundiger Stelle bewusst gemacht worden ist, dass ich tatsächlich meine eigenen  Fähigkeiten und Leistungen (viel) zu wenig wertschätze und sie grundsätzlich nicht als etwas Besonderes sehen würde und also ein (viel) zu negatives Selbstbild habe. Ich habe versucht, ihr zu entsprechen, obwohl ich ganz und gar aufrichtig von mir sagen kann, dass ich keinen Neid kenne. Ich neide wirklich und wahrhaftig niemandem etwas, auch dann nicht, wenn es um Materielles oder eine (vermeintlich) bessere Lebensqualität geht. Es bedrückt oder enttäuscht mich nicht, wenn andere Menschen „mehr haben“, „sich mehr leisten“ können als ich.

Was mich allerdings beständig umtreibt, ist die Frage, welche Ursachen es für die vielfältigsten Unterschiede, die zwischen Menschen existieren, gibt, eben und nicht zuletzt auch die materiellen. Das Nachdenken darüber führt mich immer wieder zu Themen wie Gerechtigkeit, Chancengleichheit und gleichberechtigter Teilhabe. Es eröffnet aber auch weitergehende Fragen, wie etwa die, welche Unterschiede vor allem durch Menschen (bewusst) selbst gemacht werden und durchaus in diversen Fällen erhalten werden wollen.

Das Beherzigen des Rates, mich nicht mit anderen Menschen zu vergleichen, aber, steht der Beantwortung dieser Fragen entgegen. Für mich geht es beim Vergleichen nicht darum zu ergründen, welchen Platz ich in Bezug auf diesen Sachverhalt oder jenen Fakt im Verhältnis zu anderen Zeitgenossen habe, sondern warum das so ist. Und weitergehend um die Frage: Weshalb steht dieser oder jener Mensch, warum stehen bestimmte Gruppen von Menschen, im Vergleich zu anderen so und nicht anders da.

Brauche ich nicht Vergleiche, um mich Antworten auf diese Fragen nähern zu können? Ist es wirklich falsch oder wenigstens für mich, meine Person, kontraproduktiv, wenn glaube, dass sie doch wichtig sind? Denn wie sollte es ohne eine Positionsbestimmung (eben auch die eigene) möglich sein, Ursachen für Unterschiede zu erkennen, wenn man sich die Unterschiede „besser“ erst gar nicht bewusst machen soll.

Ich bin hin- und hergerissen. Wieder einmal nutzt mir die „Weisheit“ meiner ganzen Lebenserfahrung, oder besser, meiner so vielen Erfahrungen mit dem Leben, gar nichts.

Warum ich gerade jetzt über Sinn oder Unsinn jener mir so häufig gegebenen Empfehlung nachdenke, hat natürlich Gründe. Aktuelle Gründe.

Einer ist, dass ich seit einiger Zeit nicht etwa von irgendwelchen, sondern von ganz nahen Menschen damit konfrontiert werde, dass Vergleichen essenziell sei, um im Leben nicht zurückzubleiben, um Vorteile für die Gestaltung und Absicherung des eigenen Lebens zu erspüren und zu nutzen. Das Leben sei nun einmal Wettbewerb, dem man sich stellen müsse. Wer das nicht täte, dürfe sich nicht wundern, wenn er zurückbleibe.

Ein anderer, damit aber im Zusammenhang stehender Grund ist, dass ich bemerke, dass ich immer einsamer werde. Mutmaßlich, weil ich mich dem „Wettbewerb Leben“ nicht stelle und noch mehr, weil ich das bewusst nicht tue. Vieles, was andere Menschen „Leben“ nennen, ist nicht mein Leben. Viele Menschen sind mir sehr fremd, und es sind immer mehr geworden mit den Jahren.

Ich bedaure nicht, dass mein Leben ein anderes, aber ich bin nicht zufrieden, ich bin unglücklich damit, dass es wohl ein immer einsamer werdendes ist. Ist es Schuld, die dafür ursächlich ist, meine Schuld? Welchen Preis müsste ich zahlen, nicht einsamer und unglücklicher zu werden? – Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass der Preis der Teilnahme am „Wettbewerb des Lebens“ für mich nicht zahlbar ist. Weil ich damit nicht glücklicher würde und die „Gesellschaft“, die ich dann hätte, mich nicht weniger einsam fühlen und sein ließe.

Ein dritter Grund für mein verstärktes Nachdenken über den Sinn und Unsinn jener eingangs beschriebenen Empfehlung ist, dass ich spüre, dass meine Kräfte weniger werden.

Vielleicht erscheint es wenig schlüssig, ja komisch, dass ich diesen Grund mit dem Für und Wider des Vergleichens in Verbindung bringe. Ich tue das, weil ich spüre, dass und wie wichtig eine (zu)treffende Standortbestimmung für mich ist, so rasch als möglich. Wie soll, wie kann das ohne Vergleichen gehen?

Es ist wichtiger denn je für mich, zu erkennen, was, mit wem und auf welche Weise ich noch leisten kann, leisten muss, leisten möchte. Denn ich habe auch auf diese drei „Ws“ keine Antwort, jedenfalls keine, die mich zufrieden stellt, die mich etwas beruhigter sein lässt.

Mir ist nur klarer denn je, dass die Zeit keine Gnade kennen wird …

**

Nach wie vor möchte ich so gern schreiben, nach wie vor aber  ist dieses Schöne für mich so schwer. Immer wieder frage ich mich, wie es mit meinem Tagebuch weitergehen kann?

Ich wünschte, es könnte literarischer werden. Manchmal denke ich, es sollte politischer sein. Oft meine ich, dass es zu viel von mir erzählt, zu viel von dem einen, und dass es zu wenig von mir offenbart, zu wenig von dem anderen.

Ich überlege, ob ich (nur noch) mir selbst schreiben sollte.

Es ist Sehnsucht in mir, dass es viel mehr ein Ort des Austauschs sein sollte, eine Sehnsucht, die ursprünglich das geringste Motiv gewesen ist, diese Seiten hier zu beschreiben.  

Allerdings ist es gerade so, dass viel zu viel in mir ist, als dass ich mich schreibend tatsächlich auszutauschen vermag mit anderen Menschen. Ja, selbst das ist inzwischen eine Frage meiner Kräfte geworden. Und darüber bin ich wirklich sehr traurig. Auch deshalb, weil das Potenzial so noch mehr Einsamkeit empfinden zu müssen, einsamer zu sein, nicht geringer wird.

***

„Berge“ ist ein Duo aus Berlin, das schon lange gemeinsam musiziert, Lieder schreibt und singt. Die beiden Künstler haben sich dem Anliegen verschrieben, sich zu engagieren, Zuversicht zu spenden, Wertschätzung zu vermitteln. Manchem mag die Art und Weise, wie sie das tun, bisweilen kitschig erscheinen. Ich sehe nichts Kitschiges in den Liedern, den Texten, den Interpretationen. Ich finde vielmehr viel Berührendes darin. So, wie in ganz besonderer Weise, im aktuellsten Werk von „Berge“, dem nachfolgenden Lied, einer Würdigung von wirklicher Liebe:

Berge – „Das Heiligste der Welt“

Sammelsurium -121- (Sechs Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Es ist ein bisschen her, seit ich aus dem Alltag, meinem Erleben und Empfinden geronnene Gedanken als  Aphorismen in mein Tagebuch geschrieben habe. Nun haben sich wieder ein paar angesammelt und dazu noch eine kleine Philosophie, über den, der unser aller Lebensraum ist, buchstäblich. Über den Tag … :

Wohlstand und Missgunst sind direkt proportional wachsende Verwandte. Egal, wie man es dreht.

*

Letztlich ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, was einmal versäumt wurde, für immer versäumt. Das erscheint nur deshalb so unglaubhaft, weil es so selten eingestanden wird.

*

So vieles, was gar nicht real ist, ist so schrecklich wirklich.

*

Die „Weisheit“, wonach ein jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, ist vor allem eins: zynisch.

*

Schließlich sind es der einzige Auftrag und die einzige Herausforderung eines jeden menschlichen Lebens auf dieser Welt, man selbst zu werden, zu sein und zu bleiben, zum Nutzen nicht nur für sich selbst und vor allem, ohne einem anderen menschlichen Leben Schaden zuzufügen.

*

Es  ist erbarmungslos wahr, aber es sind vor allem Enttäuschung und Frustration, Entbehrung und Leid, die den Menschen tief zu sich selbst führen, ihn sich seiner selbst bewusst werden lassen. Mit allen nur erdenklichen Folgen …

**

Schnipsel (19)

Tag

Ich lebe in dir, während du an mir vorbeiziehst. Du bleibst bei mir, wenn du längst schon wieder gegangen bist.

Lässt Spuren zurück, die Gedanken werden und Emotionen, die Worte suchen, Lieder und Bilder und Menschen, die mich der werden und sein lassen, der ich morgen bin, wenn ich wieder in dir lebe, dir, einzige Dimension, in der ich leben darf und kann und muss.

So ungleich du bist, so ähnlich bist du dir. Gestern, heute, morgen. Monotonie des Abwechslungsreichtums, sich wandelndes Stereotyp. Mit allem, was dich einschließt und allem was du umfasst.

Du bist so selten, was du bist, viel mehr und öfter das, was andere aus dir machen. Auch für mich.

Ob ich das will oder nicht.

***

Da hörte ich doch zuletzt einen Grönemeyer, wie ich ihn bis dato nicht kannte. Und vernahm sogleich, dass sich an eben diesem Lied so manche Geister schieden.

Ja, es ist ein anderer Grönemeyer, auch als der, den ich so kenne. Und ich bin wirklich kein Tänzer, aber dieser Tango (!)  hat mich irgendwie verzaubert. Und den Text finde ich, so trivial er „aufs erste Ohr“ daherzukommen scheint, dann doch wieder intelligent. Und das Video …, ach, das mag sich ein jeder selbst ansehen.

Für mich jedenfalls ist es, auf ganz eigenartige und eigensinnige Weise, ein besonderes Lied. Und darum teile ich es hier:

Herbert Grönemeyer – „Der Held“

Tagebuchseite -928-

Limit

Hätte diese Tagebuchseite seit meinem letzten Eintrag aufgeschlagen dagelegen, wären womöglich erste Spuren von Vergilben an ihr zu erkennen gewesen. Ein unbeschriebenes Blatt von einem Hauch Vergänglichkeit überzogen.

Was für eine Metapher! Noch während ich sie eben niedergeschrieben habe, ist sie auf Reisen gegangen und hat dabei einige meine Gedanken mitgenommen und neue entstehen lassen.

So etwas ist lange nicht mehr geschehen, dabei liebe ich das so. Es ist meine ureigene Art, auf Wanderschaft zu sein. Nur so vermag ich zu finden ohne zu suchen. Nur so behalte ich Sinn. Nur so kann ich leben, ist Leben für mich.

Die vergangenen beiden Wochen war kein Leben. Ein paar Lebenszeichen hatte es. Nicht aus mir heraus. Um mich herum. – Immerhin habe ich sie noch bemerkt.

Ich bin so dünnhäutig geworden, dass ich mich gar für einen kleinen Moment, eine Sekunde nur, nicht mehr beherrschen konnte, reagiert habe, wie ich sonst nicht reagiere, weil es nicht ICH ist. Ich war erschrocken darüber und ich habe mich geschämt dafür. Das wirkt bis heute nach …

Da war ein Tröpfchen, ein Mikrogramm zu viel. Ich weiß, dass, so wie es ist, es wieder geschehen kann. Umso mehr wehre ich mich dagegen. Ich möchte ICH bleiben, trotz allem und egal was geschieht.

Offensichtlich hat das Frühjahr des vorigen Jahres eine Zäsur gesetzt. Eine Zäsur für mich. Unabhängig von dem Virus, das seinerzeit seinen Präsenzzug längst angetreten hatte und das zweifellos einen immer spürbarer werdenden Beitrag reproduziert, der hinzukommt zu all dem anderen, der all das andere noch schlimmer, noch schwerer, fühlen und ertragen lässt.

Damals muss mich ein Zug mitgenommen haben und ich bin seither auf einer bizarren Reise, auf deren Verlauf und Ende ich keinen Einfluss habe, weil der Zug fremdgesteuert ist. Von außen. Wenn ich in den Führerstand blicke, sehe ich, wie da ein Programm abläuft. Anzeigen schlagen aus, Knöpfe blinken, das Steuer scheint ein virtuelles zu sein. Was ich auch zu berühren, zu verstellen suche, nirgends ist ein Hebel, nirgends ein Schalter, die sich betätigen lassen.

Die Geschwindigkeit des Zuges ist rasant, manchmal buchstäblich atemraubend. Und er rast dahin, immer wieder zackige Kurven nehmend und durch dunkle Tunnel heulend, eine lange surreale und doch so unbestreitbar wirkliche Strecke, die keinen Platz, keinen Raum, keine Zeit für Metaphern kennt.

So reise ich dahin, seit etwa einem Jahr.

Mein Vater reist mit und mein Privatleben und meine Persönlichkeit. Wir passieren Bahnhöfe, ohne dass es einen Halt gibt, Bahnhöfe, die alle denselben Namen tragen: LIMIT.

Wenn und weil das so ist, reicht manchmal ein Tröpfchen …

Die Lebenszeichen rühren mich, berühren mich, lassen mich in stiller Freude weinen. Vor dem LIMIT wird ihre Schönheit so groß, so strahlend, dass es ein bisschen  weh tut. Mein einziger süßer Schmerz! Lieder, die sonst niemand kennt, Gesten, die nur ich verstehe, Bilder, die ich schauen kann, ohne das sie jemand gemalt hat, Zeilen, geschrieben von einer zu mir ausgestreckten Hand, so einzigartig, dass ich mich zwischen sie legen und ein bisschen Geborgenheit finden kann.

Wieder habe ich soeben ein Schild mit der Aufschrift LIMIT passiert, aber ich darf ein bisschen träumen, das erste Mal seit Tagen. Weil da das Geschenk von ein paar Minuten ist, mich an ein Lebenszeichen zu erinnern.

Aus Lebenszeichen, manchmal auch aus Erinnerungen an sie, werden Metaphern geboren. Metaphern, die Gedanken mitnehmen und entstehen lassen.

Wenn das geschieht, kann ich schreiben.

Aber die Reise geht weiter …

***

Hinter dem Namen „mxmtoon“ verbirgt sich eine junge Frau mit dem Namen Maia. Im September des Jahres 2000 geboren, ist sie heute auf dem Portal „youtube“ aktiv, schreibt Lieder und singt sie auch. Viele Werke gibt es von ihr offenbar noch nicht, aber das eine, ganz aktuelle Lied hier, das ich kürzlich entdeckt habe, hat mir sofort so sehr gefallen, dass ich es gern heute teilen möchte. Text, Melodie und Stimme bilden eine sehr schöne, melancholische Interpretation – für mich ist es ein Lebenszeichen (sic!):

mxmtoon – „Creep“

Tagebuchseite -927-

Meine letzten Wünsche, ganz persönlich für mich

Tagträume sind Flüchte. Immer. Ich mache mir da nichts mehr vor. Im eigentlichen Sinne sind es gar keine Träume. Es sind sich in der Flucht materialisierende Sehnsüchte und Wünsche. Sie existieren wirklich, sind da, ich kann sie anfassen.

Zwar lebt seit vielen Jahren eine Utopie in mir, aber ich war nie ein Fantast, hatte nie Rosinen im Kopf. Es gibt Menschen, die sagen, dass es besser gewesen wäre, wenn ich welche gehabt hätte. Ich habe keine Antwort darauf.

Was ich weiß, ist, dass meine Wünsche und Hoffnungen mit den Jahren weniger, vor allem aber konkreter geworden sind. Diejenigen, die die für mich ganz persönlichen sind, sind überdies kleiner geworden. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich im Laufe meines bisherigen Lebens erfahren und immer besser verstanden habe, dass es nur auf weniges wirklich ankommt, dass, was wesentlich ist, kein Zählmaß braucht.

Zuzugeben habe ich, dass ich mehr denn je in Sorge bin, dass sich auch von diesem wenigen Wesentlichen womöglich nur ein Teil, vielleicht gar nur ein sehr kleiner, noch erfüllen wird. Ich nehme aktuell durch meine und in meiner Umgebung sehr spürbar wahr, dass sehr häufig die verbleibende Kraft, das verbleibende Umfeld und schließlich die verbleibende Lebenszeit dafür nicht mehr ausreichen. Selbst für die Verwirklichung der kleinen wesentlichen Wünsche und Sehnsüchte nicht mehr.

Insoweit sehe ich mit Bangen, wie viele Jahre Arbeitsalltag mir noch bevorstehen. Alltag, den ich annehmen muss, aus dem es für mich persönlich keine Option gibt, mich ohne akuten Krankheitsgrund vorfristig zurückzuziehen. – Während der gegebene und noch für einige Jahre herrschende und anzunehmende Alltag nahezu keine Freiräume lässt, auch nicht für das „kleine Wesentliche“, sind hernach womöglich die sonst nötigen Ressourcen erschöpft, selbst, wenn es dann noch ein Zeitreservoir gäbe.

Das ist die eine Wahrnehmung. Die andere ist die der fortgesetzten Veränderung all dessen, was mich umgibt, nicht zuletzt der Menschen. Und ich erkenne, dass die meisten dieser Veränderungen, meinen kleinen wesentlichen Hoffnungen und Wünschen entgegenstehen oder sich gegen sie richten. Früher habe ich geglaubt, dass mein Leben irgendwie anachronistisch verlaufen ist und verläuft, heute finde ich, dass ich selbst womöglich der Anachronismus bin, es in gewisser Weise schon immer war, sich das aber im Laufe der Zeiten mehr und mehr verstetigt hat.

Vor wenigen Jahren noch hätte ich mir dafür „die Schuld“ gegeben. Nachdem ich gelernt habe, mich trotz allem selbst zu mögen, tue ich das nicht (mehr), aber das macht die Situation und mein Empfinden keinen Deut besser, meine Sorge nicht geringer.

Ich fasse zusammen:

Ich bin ein Anachronismus und mein Alltag gebiert Flüchte, Flüchte in überschaubare, konkrete Sehnsüchte, die niemand Anderem zu nahe treten, die wesentlich, aber letztlich klein sind, im Alltag der Gegenwart der nächsten Jahre grundsätzlich unerfüllbar bleiben werden. Für die, während der nicht vorhersagbaren, jedoch in jedem Fall endlichen Zeitdimension danach, steht über ihnen ein riesengroßes Fragezeichen, das vor allem eins tut: Bange machen.

Meine verbliebenen „kleinen“, wesentlichen, Wünsche und Sehnsüchte für mich ganz persönlich sind:

(Mehr) Zeit mit den wenigen mir wirklich nahen Menschen, die mir Freunde sind, verbringen können, ebenso wie mit der Natur, meinen Büchern und der Musik, die ich liebe, und darin begleitet zu sein und zu werden, sich darüber austauschen zu dürfen und zu können, diese Dinge miteinander zu teilen.

Ab und zu eine Umarmung zu bekommen, von einem lieben Menschen, sie wirklich spüren und vielleicht manchmal auch ein wenig darin verweilen dürfen.

Frei genug zu sein und Zeit zu haben, um schreiben zu können.

Gesund zu bleiben, vor allem nicht immer wieder und so sehr so vielen Ängsten und depressiven Phasen ausgeliefert zu sein.

Noch ein paar, wirklich nicht weite Reisen unternehmen zu dürfen, gar nicht in ferne Länder, sondern viel mehr kleine Ortswechsel im Sinne meines ersten Wunsches und auch dies nicht allein tun zu müssen.

**

Es macht mich schon seit einer ganzen Weile traurig, zu bemerken, dass ich zwar nach wie vor sehr gern schreiben würde, mir das aber oft viel schwerer fällt als bislang. Die Ursache dafür ist nicht, dass mich zu wenig bewegen würde, sondern, dass es zu viel ist, und dass es für mich (wenigstens gefühlt) oft sehr schwer wiegt, um darüber schreiben zu können, letztlich zu schwer.

Ich bin insoweit gerade sehr auf der Suche, weiß nur, dass ich nicht aufhören möchte zu schreiben, weil ich ahne, dass damit in der Folge Fatales verbunden sein könnte. Ich möchte gern bald einen Weg finden …

***

Ruby McKinnon (* 10. März 1998) ist eine kanadische Singer-Songwriterin, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Flower Face.

Seit Jahren schreibt und nimmt sie Songs in ihrem Schlafzimmer auf. Dabei sind vor allem schon viele sehr spezifische und besonders schöne Balladen entstanden, von denen ich hier wohl schon ein oder zwei geteilt habe. Das neueste Werk von Flower Face ist „Kaleidoscope“ – mich nimmt es auf bezaubernde Art gefangen, trägt mich, lässt mich auf Gedankenreisen gehen … :

Flower Face – „Kaleidoscope“

Verse -90-

Sonne

Du bist die einzige geblieben,
die mir manchmal ein Streicheln schenkt,
welches auch mein Körper spüren kann.
Wenn eine Brise des Windes dich ihre Freundin sein lässt,
dann streichelt ihr mich beide,
meine Arme, meine Beine, mein Gesicht.

Dieses Streicheln macht das Erinnern stärker,
daran, dass da irgendwann einmal Menschen waren,
die mich so berührten und daran, 
wie sehr, wie tief, ich mich darin verlieren konnte,
bis ich selbst zum Streicheln wurde. 
Achtsam, sanft, aus tiefster Dankbarkeit geboren.

So bin ich nun dir dankbar, dir und jener Freundin,
mit der du mich bisweilen gemeinsam besuchst,
obgleich die Erinnerung, die ihr wiedererweckt, 
schmerzhafter nicht sein könnte.
Aber du nimmst meine Liebe an, die nichts als aufrichtig ist
und nichts möchte, als bemerkt zu werden.

Du bist die einzige und wirst es bleiben, 
die mich nicht traurig werden lässt,
weil ich dir kein Streicheln schenken kann,
keines, was dein Körper spüren könnte.
Versuchte ich es, würde ich verbrennen,
so wie an Menschen, die ich streicheln durfte. Einst.

***

Nadia Reid ist eine Sängerin und Songschreiberin aus Neuseeland. Obwohl sie inzwischen drei Alben veröffentlicht hat, ist sie nach wie vor nur einer relativ kleinen Fangemeinde bekannt. Wie ich finde, völlig zu Unrecht. Ihr Markenzeichen ist ein sehr schöner, eindringlicher, klarer und ruhiger Folkpop, der keinerlei Effekthascherei bedarf, um ebenso hörenswert wie tiefgehend zu sein. Das Lied, das ich hier teile, ist dafür ein sehr treffendes Beispiel:

Nadia Reid – „The arrow and the aim“

Tagebuchseite -926-

(Nicht meine ersten) Gedanken über Freiheit

Es gibt wohl nur wenige Themen auf der Welt, die so häufig immer aufs Neue definiert, besprochen und hinterfragt worden sind und werden, wie das Thema Freiheit.

Auch ich habe mich damit immer wieder beschäftigt und unter anderem im Sommer 2013 einen kleinen Aufsatz in der Rubrik „Sentenzen“ meines Tagebuchs dazu veröffentlicht. Und wer mich schon länger kennt, weiß, dass ich zwei Credos habe, denen ich in meinem Leben folge, und dass eines davon ein Verständnis von Freiheit charakterisiert, das vermutlich Illusion bleiben wird, für das ich dennoch nicht aufhören will zu stehen und zu leben.  Ursprünglich von der von mir sehr geschätzten Autorin, Publizistin und Journalistin Daniela Dahn formuliert, lautet es:

Das Reich der Freiheit beginnt dort, wo man für das Zurückstellen seines Egoismus nicht mehr bestraft wird.

Gestern früh hörte ich nach längerer Zeit wieder einmal das Ende eine von mir sehr geschätzten Musiksendung (leider läuft sie ausschließlich am Sonntag und immer schon ganz früh, von 4.00 bis 7.00 Uhr am Morgen) auf einem der großen öffentlich-rechtlichen Rundfunksender dieses Landes. Zum Abschluss dieser Sendung schickte der Moderator seine Hörer mit folgender Weisheit in den Tag:

Freiheit ist, wenn man keine Angst hat, vor nichts und vor niemandem.

Der Satz war kaum ausgesprochen, da setzte sich schon mein Gedankenkarussell in Fahrt. Und es kreiselte gar nicht besonders lange, und ich fand: Der Satz hat was, der ist gut. Er ist sehr wahr. Ganz wahr?

Wenn mich niemand, auf welche Art auch immer, einschüchtert, wenn ich nicht genötigt werde, in Schubladen zu denken, dann kann mein Horizont sehr weit werden. Der Horizont meiner Gedanken, meiner Empfindungen, der Art und Weise, wie ich ihnen Ausdruck verleihe. Nichts, was mich bedrängt oder bedroht, niemand, der einen Gedanken verbietet, keine Strafe, keine Zensur, kein Hass, wenn etwas, was ich denke oder tue, nicht den Vorstellungen eines oder mehrerer anderer Menschen entspricht. Ja, das könnte wohl Freiheit sein. Es fühlt sich sehr danach an.

Aber hat nicht Angst auch eine bedeutende Funktion, im Zweifel gar eine rettende? Ist sie nicht auch und zuvorderst ein Schutzmechanismus? Kann ich frei sein, wenn dieser Schutzmechanismus fehlt? Doch wohl nur, wenn es tatsächlich keine Bedrohungen, keinen Hass, keine Strafe gäbe.

So ist es aber nicht. Und so ist es, wie es immer ist in der Realität: Es gibt keine absolute Freiheit. Und es gibt keine absolute Wahrheit. – Der Satz da oben ist gut, er ist sehr wahr, aber er ist nicht ganz wahr, er KANN es nicht sein, nicht in dieser, unserer, der heutigen Welt. Und vielleicht nie.

Jedes Streben nach Freiheit bleibt immer zumindest ein wenig Illusion.

Auch darin liegt ein Moment des Schutzes.

Ich beginne das immer besser, immer tiefer, zu verstehen, obwohl mir das fortgesetzt sehr schwerfällt und das nie anders werden kann und wird. Denn mein Freiheitsverständnis ist tatsächlich eines, was das Einschränken, Beschränken, eines anderen Menschen nicht kennt, solange nicht, wie er oder sie anderen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen nicht (bewusst) Schaden zufügt.

Ein bisschen Angst gehört zur Freiheit also wohl dazu …

Gerade als ich diesen Gedanken denke, dringen nun andere Stimmen aus dem Radio an mein Ohr. Ein Zwiegespräch ist im Gange, und es geht darum, wie frei man sich äußern kann, ohne sogleich beurteilt, zurechtgewiesen oder gar ausgeschlossen zu werden. Einer der beiden sich austauschenden Männer spricht davon, dass er, vor allem bei derzeit besonders stark diskutierten Themen wie Rassismus, Feminismus, Geschlechtervielfalt usw., immer vorsichtiger und unsicherer werde, sich auszudrücken, dass er mehr und mehr eine Art Angst empfinde, nicht den richtigen Ton zu treffen, die richtigen Worte zu wählen, unbeabsichtigt zu verletzen oder missverstanden zu werden.

Dass ihn auch Sorge umtreibe, wenn er Veränderungen in der deutschen Sprache, die sich im Kontext derartiger Themen und Realitäten vollziehen, nicht ungeteilt befürworte, obwohl er in der Sache selbst sehr weit konform gehe mit neuen, offenen, kritisch hinterfragenden Ansichten und ehrlich und bewusst bemüht sei, eine solche kritische Offenheit selbst zu leben.

Ich ertappte mich dabei, ihm zuzustimmen. Ja, auch ich fühle mich bei derartigen Diskursen oft unsicher. Was mich verunsichert, ist nicht die Art der Deutlichkeit, mitunter auch Radikalität, mit der Ansichten geäußert oder Kritiken geübt werden, als vielmehr das Wahrnehmen bzw. das Empfinden, dass eine auch nur anders formulierte, zurückhaltender ausgesprochene, oder durchaus sehr sachlich vorgetragene aber nicht ganz konform gehende Ansicht, gar nicht selten auch mit Radikalität „beantwortet“ wird, dass bisweilen undifferenzierte Ablehnung zum Ausdruck gebracht wird, der Vortragende schlussendlich in einer „Schublade“ landet oder schlimmstenfalls gar selbst Hass empfängt.

Eine Diskussion, eine Debatte, in der bei einem oder mehreren Teilnehmern, Unsicherheit davor erwächst, etwas nicht „richtig“, nicht „angemessen“, nicht auf den ersten Blick d’accord  seiend, auszudrücken bzw. zu vertreten, ist keine freie Diskussion oder Debatte.

Es gibt in der Realität unserer Gesellschaft viel, viel weniger wirklich freie Diskurse als uns weisgemacht wird. Sie sind sogar ausgesprochen selten. Politiker (aber keineswegs nur sie) haben, wenn sie je die Fähigkeit besaßen, sich tatsächlich frei miteinander auszutauschen, diese mittlerweile nahezu komplett verloren.

Freiheit bedarf vor allem wirklich aufrichtigen würde- und kulturvollen Umgangs unter den Menschen. Ein solcher Umgang würde sehr viel relevante, weil die Freiheit beschränkender Angst vermeiden und nehmen.

Nur ein solcher Umgang miteinander würde uns Freiheit, womöglich in der umfassendsten  Ausprägung, die für uns Menschen erreichbar sein kann, Stück für Stück näher bringen.

Werden genug Menschen je dazu bereit und fähig sein?

Es wäre wie ein Ausweg, und wie schön wäre es, würde der gerade in diesen Zeiten beginnen …

***

Das Lied, das ich heute teile, wurde gestern Morgen in der in meinem Eintrag erwähnten Musiksendung gespielt. Für mich war es eine erste wundervolle, eine zauberhafte Entdeckung eines Künstlers, der schon viele Jahre komponiert, musiziert, singt – in diesem Falle unterstützt von einem Mitstreiter. Ein Meisterwerk ist da aktuell entstanden:

Nick Cave & Warren Ellis – „Carnage“

Tagebuchseite -925-

Eine „Kleinigkeit“ aus dem Leben einer schwarzen Frau im weißen Westen

Sie muss hinten eingestiegen sein, vielleicht hat sie einen Kinderwagen und darin ihr Baby dabei. Ich werde sie erst gewahr, als sie sich vorsichtig durch den Gang nach vorn schiebt, zum Busfahrer hin.

Sie ist eine schmale junge Frau in einem Kleid von einem ganz besonders schönen, satt strahlenden Blau. Darüber trägt sie eine schwarze Jacke mit einer Kapuze, die sie über den Kopf gezogen hat. Ein paar schwarze Kräusellocken lugen darunter hervor. Von dem Gesicht der Frau kann ich zunächst nichts erkennen, auch, weil sie, wie alle im Bus, eine Mund-Nasenmaske trägt.

Vorn angekommen streckt die junge Frau dem Busfahrer ihre linke Hand entgegen, mit der sie einen Geldschein hält. Ich erkenne, dass die Hand von sehr dunkler Hautfarbe ist und höre eine schüchtern klingende Stimme sagen: „Ticket bitte, eine please.“

Der Fahrer fixiert mit schmaler werdenden Augen den Geldschein in der Hand der Frau und raunzt bärbeißig: „Kleingeld!“ Sie reagiert zunächst nicht, um dann den Schein ein wenig sichtbarer und näher in Richtung Zahlbox zu halten. Die Augen des Busfahrers werden zu Schlitzen und lauter und offenkundig noch genervter als vorher wiederholt er, bewusst gedehnt sprechend, als meinte er, eine Schwerhörige vor sich zu haben: „Kleiiingeeeldtt!!!“

Als er die Türen schließt und eine Bewegung macht, die ausschaut, als ob er losfahren will, ohne die Frau weiter zu beachten, sehe ich kurz das dunkelhäutige Gesicht und die schwarzen weit geöffneten Augen der Frau, die irritiert schauen. Ich höre ihre Stimme wieder, kaum noch vernehmbar: „Bitte Ticket, bitte für ein Reise!“

In diesem Augenblick dreht sich der Fahrer zu ihr um, sein Blick ist nun offen verächtlich, reißt ihr den Geldschein aus der Hand und knattert vor sich hin: „Ich bin doch hier kein Wechselautomat!“ Er schmeißt ihr ein paar Geldscheine auf die Zahlbox und lässt Münzen in die Schale daneben fallen, ohne die Frau noch eines Blickes zu würdigen und fährt an.

Die junge Frau sammelt mühsam Scheine und Kleingeld ein und geht langsam zurück in den hinteren Teil des Busses.

*

Diese Szene hat sich so, vor einigen Tagen schon, vor meinen eigenen Augen abgespielt. Sie hat mich seither immer wieder beschäftigt, mich innerlich nicht wieder losgelassen, obgleich es keineswegs das erste Mal gewesen ist, dass ich Ähnliches miterlebt habe.

Ich weiß, dass ein solches Geschehen, seit sehr langer Zeit schon, in diesem Land nichts „Besonderes“ mehr ist. Es passiert täglich, stündlich, so oder ähnlich in Köln oder Dresden, in Berlin oder Mannheim, in Bielefeld oder eben hier in meiner Stadt im Nordosten.

Mir ist im Nachhinein viel durch den Kopf gegangen: Der Busfahrer war, wenn mich mein Eindruck nicht getrogen hat, ein grundsätzlich eher missmutiger Zeitgenosse. Der Bock, auf dem er sitzt, mag ihm wie sein Thron vorkommen. Da ist er der Chef, da ist er mächtig, von dort aus weiß er alles, vor allem weiß er alles besser.

Er würde nie alles zugeben, was er „weiß“, das würde an seiner blasierten Eitelkeit kratzen. Und so würde er niemals gestehen, dass er es besonders genossen hat, so mit der jungen schwarzen Frau umzuspringen, wie er es getan hat, dass er wusste, dass sie ihm niemals „ebenbürtig“ sein konnte. Er würde niemals einräumen, dass es ihm ein Leichtes war und womöglich eine Freude, mit ihr so umzugehen, weil sie eine Frau war.  Nie würde er auch zugeben, dass er sich sicher war, dass sie ihm nichts erwidern, sich nicht erklären konnte, weil sie seine Muttersprache nur wenig beherrschte. Und schon gar nicht würde er gewähren, dass auch nur die Vermutung geäußert würde, er könne sich rassistisch verhalten haben.

Genau das aber hat er ALLES getan. Ein frauenverachtender, rassistischer, selbstgerechter, weißer Macho!

Nein, und deshalb ist es für mich nicht nur nicht wichtig, sondern völlig unnötig, auch nur darüber nachzusinnen, ob die junge Frau nicht hätte wirklich einen kleineren Geldschein bereithalten können.

Sie war höflich. Sie hat sich versucht, mit ihren Möglichkeiten auszudrücken. Sie wollte ehrlich ihren Fahrpreis bezahlen. Sie wäre bereit gewesen, zuzuhören, wenn es nur ansatzweise das Bemühen gegeben hätte, sich mit ihr angemessen auszutauschen. Sie hätte versucht zu verstehen, was sie so womöglich gar nicht verstehen konnte.

Sie hat sich nicht dafür zu rechtfertigen, weshalb sie nur so einen verhältnismäßig großen Geldschein dabei hatte. Dafür kann es tausende sehr triftige Gründe geben, die, ebenso wie auch mögliche, weniger triftige, niemanden etwas angehen.

*

Was sind wir für eine Welt, was sind wir für Menschen, dass wir so einen Umgang miteinander haben?  Dass sich Weiß über Schwarz, Mann über Frau, Reich über Arm stellt! Und dass sich AUSLEBT, immer wieder, immer mehr!

Wir „brauchen“ Menschen, auf die wir herniederschauen, die wir als schwächer, als wir selbst es sind, wahrnehmen, die wir treten, beleidigen, diskriminieren können. Mit Sicherung des eigenen Überlebens hat das längst nichts mehr zu tun, das hatte es nie und das wird es niemals haben.

Wir brauchen Feindbilder, „Schuldige“, die wir bloßstellen können oder halt ertrinken lassen, ohne dass uns das betrifft.

Wir sind der Westen, wir sind die Weißen, wir sind die Männer dieser Welt.

Ich könnte mich übergeben und ich bin voller Scham.

Jeden Tag, jede Stunde!

***

Ganz neu entdeckt: Eine australisch-us-amerikanische Co-Produktion, die ich sehr gern teilen mag:

Fiora and Robot Koch – „Let it go by“

Verse -89-

Tragischschöne Liebe

Wenn ich Deine Schmerzen fühlte
und Deine Ängste meine würden,
so läge darin großer Sinn.
Denn Du wärst freier, könntest leben,
wann immer ich Begleiter bin.

Begleiter Deiner schönen Seele,
die so vielen alles gibt
und kennt kein Rasten und kein Zaudern,
wenn irgendwer im Argen liegt.

Du würdest mir nicht Last bedeuten, 
obgleich Du das nicht glauben magst,
weil Du kennst all die Dämonen,
die meinerseits ich in mir trag.

*

Wenn Du meine Schmerzen fühltest
und meine Ängste Deine würden,
so fänd' ich darin keinen Sinn.
Ich fürchtete, Du könntest sterben,
wenn ich Dein Begleiter bin.

Begleiter zärtlichen Charakters,
der manchmal starke Schultern dingt,
weil dieses harte, laute Leben
Dich kaum ehrt, die Segen bringt.

Ich fühlte, Last Dir zu bedeuten,
obwohl Du das nicht gelten ließ'st,
weil Du, ein feengleiches Herz,
was Leben ist, stets völlig liebst.

*

Kennend, wissend ohne Worte
sind wir ein tragischschönes Paar.
Ich bin Du und Du bist ich -
einsam zweisam allerorten,
auf Suche bleibend, ewiglich.


***

„Black Sea Dahu“ ist eine Folkband aus der Schweiz, die ich, wie so viele andere Bands und Künstlerinnen und Künstler, die Lieder texten, komponieren und interpretieren, auf einer mir vorgeschlagenen Playlist entdeckt habe. Janine Cathrein, die selbst Songs schreibt, ist der Kopf der Gruppe, in der ansonsten Freunde und Familienmitglieder (Bruder und Schwester) gemeinsam spielen und singen. Die Musik ist natürlich, ursprünglich und sehr angenehm zu hören, der Text des von mir herausgesuchten Liedes ein durchaus tiefer, der auf gewisse Weise sogar zu meinen Versen da oben passt. Hier ist es, von einem Video begleitet, zu hören:

Black Sea Dahu – „In case I fall for you“

Tagebuchseite -924-

Ein Ruf verhallt …

Die Schwere der kalten Jahreszeiten, die zumindest kalendarisch im Vergehen begriffen sind, schwindet kaum. Der nahende Frühling aber lässt ein anderes Empfinden stärker werden, eines freilich, das kaum jemand dem Lenz zurechnen würde: das der Angst, der Panik und seit ein paar Tagen neu, einer schwer zu definierenden Wut.

Wut ist ein für mich sehr fremdes Gefühl, eines das ich grundsätzlich verabscheue. Es irritiert mich, dass es sich in mir eingenistet hat, es befeuert das Angstempfinden zusätzlich.

Woher das alles kommt, worin es seine Ursachen hat, weiß ich, so glaube ich wenigstens, recht genau.

Ich hatte und habe wirklich schwere Zeit, beruflich wie privat. Und die hört und hört nicht auf. Immer noch kommt etwas anderes, etwas Neues dazu, wird dies oder jenes, von dem ich glaubte oder hoffte, dass es sich ein wenig gelegt hätte, wieder aufgewühlt.

Und dann ist da die Pandemie. Seit mehr als einem Jahr auch in dem Land, in dem ich wohne und arbeite, präsent.

Bislang habe ich ungeachtet meines Krankheitsbildes die damit verbundenen Misslichkeiten, Einschränkungen, Veränderungen relativ gut annehmen, verarbeiten, verkraften können. Manchmal zwar mit bitterem Sarkasmus: Wenn man ohnehin kaum soziale Kontakte außerhalb der Arbeitswelt hat, dann treffen einen in diesem Kontext verordnete Beschränkungen nicht so sehr. – Was ganz so freilich nicht stimmt. Wenn von schon wenigem letztlich faktisch nichts mehr bleibt, dann ist das doch schlimm.

Ein paar ganz wenige, dafür besonders liebe Menschen gibt es immerhin noch, die mir im Rahmen des Möglichen von Fernkontakten, so zur Seite stehen, dass ich das als sehr schön, sehr stützend und hilfreich wahrnehme. Dafür empfinde ich eine große Dankbarkeit.

Ansonsten jedoch ist das Maß nun voll, es läuft über. Die Pandemie macht mich fertig, seit einigen Tagen so sehr, dass ich ahne, dass es nur dann wieder besser werden könnte, wenn der Spuk endlich aufhört. Danach sieht es aber gerade so gar nicht aus. Im Gegenteil.

Ich bin außerstande, alles, was mich dazu bewegt und umtreibt, in Zeilen fließen zu lassen. Meine Arbeit, die mir ohnehin viel abverlangt und beständig einen hohen Aufwand von mir fordert, ist kaum noch planbar, kaum noch vorzubereiten und nur unter Hinnahme von Unzulänglichkeiten und sogar Versäumnissen zu machen. Sie hat aber ganz unmittelbar mit Kindern zu tun, mit dem was ganz essenziell für Kinder ist.

Die Tagesordnung besteht aus einem fortwährenden Hin und Her aus Verordnungen, die am Samstag gegen Mittag vorgeben, was am Montagmorgen zu tun ist und von denen am Dienstagabend etwas relativiert oder verändert wird, was ab Mittwoch in der Praxis gelten muss. Termine, auf denen sich umfangreiche Umorganisationen für Kinder und Eltern gründeten, werden von jetzt auf heute abgesagt. Folgend besteht große Verunsicherung und noch größerer Unmut, dem diejenigen ausgesetzt sind, die als Glieder der Weisungsempfänger an letzter Stelle stehen. Zu denen gehöre ich.

So geht das nun schon tagelang und der Irrsinn nimmt immer noch ein bisschen mehr Fahrt auf.

Aber das allein ist es nicht, was mir so zusetzt, wenn auch am direktesten. Mittlerweile verstehe ich auch  das große Ganze nicht mehr. Ich will hier nur ein Beispiel nennen:

Ständig ist von fehlendem Impfstoff die Rede, davon dass Lieferchargen nicht eingehalten werden, davon dass es aus unterschiedlichsten Gründen immer wieder Engpässe gibt. Aktuell ist nun auch noch die Impfung mit dem britisch-schwedischen Vakzin zumindest ausgesetzt.

Impfstoffe, die anderswo als „im Westen“ produziert worden sind und werden, werden hingegen ignoriert, obwohl diese zur Verfügung stünden. Ich meine russische und chinesische Impfstoffe.

Insbesondere von dem russischen, Sputnik V, der schon seit Monaten anderswo (auch in „westlichen“ Ländern) gespritzt wird, gibt es bislang keinerlei negative Meldungen, im Gegenteil. Gäbe es etwas Negatives, hätten sich unsere Medien mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sofort darauf gestürzt.

Obwohl der Impfstoff also wohl sicher ist und ihm ja auch eine besonders hohe Wirksamkeit attestiert worden ist, baut die EU immer neue bürokratische Hürden für eine Zulassung dieses Vakzins auf. Das Feindbild Russland gegen die Gefahr, dass die dritte Welle der Pandemie womöglich bald zu einer weiteren bzw. fortgesetzten Überlastung der Intensivmedizin einschließlich des darin beschäftigten Personals führt, schlussendlich gegen das „eine oder andere“ Menschenleben, anders vermag ich das nicht mehr zu erklären.

Wie schon geschrieben, Weiteres will ich gar nicht thematisieren.

Es geht mir nach wie vor nicht darum, jede Entscheidung von Verantwortungsträgern zu bekritteln. Ich weiß und sehe, was für eine Herausforderung es ist, die Gesellschaft durch die gegenwärtige Situation zu manövrieren. Dabei ist niemand vor Fehlern gefeit und vieles ist einfach auch langfristig nicht vorhersehbar. Zudem sind da so viele Interessen und Befindlichkeiten zu berücksichtigen, denen gar nicht allen jederzeit und in vielleicht wünschenswertem Umfange entsprochen werden kann.

Was mir aber Sorge macht, was meine Angst befeuert, was Wut in mir auslöst, ist neben, dem, was meinen Alltag mittlerweile dominierend charakterisiert, dass grundsätzliche Dinge in Schieflage geraten, dass ich, im Kleinen beginnend, spüre, wie die Stimmung sich generell wandelt und, dass die vielleicht einmal aufgekeimte Hoffnung, dass eine Lehre aus der Pandemie die Wertschätzung und das Leben von mehr Demut, mehr Rücksicht, mehr Mitmenschlichkeit sein könnten, sich mehr und mehr als vollkommene Illusion erweist.

So bleibt das Schwere in mir, so werden Angst und Panik immer wieder und weiter genährt, und so keimt etwas auf, was ich sonst so gar nicht bin und was ich auch nicht sein will.

Aber ob ich es nun hinausschreie oder es in mir flüstert: „Es reicht!“, es verhallt einfach und es geht ja doch immer nur weiter, weiter, weiter …

***

Wie würde es sich anfühlen, jeden Morgen das Haus zu verlassen ohne die leiseste Ahnung dessen, was einen in der Welt da draußen wohl erwartet? Jeden Tag aufs Neue den Sprung ins Ungewisse wagen zu müssen, um sich seinen Weg durch die Dunkelheit zu erkämpfen? Für den australischen Singer/ Songwriter Michael Leonardi ist diese Vorstellung tägliche Realität: Schon als kleiner Junge litt der …  Ausnahmesänger an einer degenerativen Netzhauterkrankung, an deren Ende oft die vollständige Erblindung steht. Eine niederschmetternde Diagnose, die Leonardi statt als Hindernis als kreativen Motor betrachtet. (© https://www.universal-music.de/michael-leonardi/biografie)

Ein wundervolles Lied mit einem Text, der in mir widerhallt, von einer/m jener Künstlerinnen und Künstler, die, für meinen Geschmack, viel zu wenig Aufmerksamkeit erhalten:

Michael Leonardi – „Solitary Soul“

Tagebuchseite -923-

Eine kleine Philosophie über den Segen mancher Kamera und den Grund mancher Tränen

Sie sitzt allein in ihrem abgedunkelten Zimmer am Schreibtisch. Ein Glas Rotwein steht neben ihr. Unberührt.  Vor ihr auf dem Bildschirm ist ein unfertiger Text zu sehen. Während sie durch ihn hindurchschaut, rinnen zwei Tränen ihre Wangen herunter, ein tiefes Schluchzen ist zu vernehmen und dann brechen sich ganz viele Tränen Bahn aus ihren sehr ausdrucksstark wirkenden Augen. Jetzt sind sie gerade ganz und gar Verzweiflung und Traurigkeit.

Die Kamera schwenkt noch einmal durch das Zimmer, während die Laute des Weinens der Frau noch vernehmbar sind. Dann ein Schnitt.

Es ist heller Tag. Auf dem belebten Einkaufsboulevard sind viele Menschen unterwegs. Eilend oder verweilend, ins Gespräch vertieft oder von einem Termin getrieben, einen Kaffee vor der Konditorei trinkend oder hastig an der Zigarette ziehend. Alle Menschen der Stadt scheinen unterwegs zu sein.

Ich aber denke an die schluchzende Frau mit dem unberührten Glas Rotwein, vor dem halbfertigen Text, sitzend in ihrem Zimmer. Und frage mich, ob sie wohl immer noch allein dort ist? Ob sie jemanden hat, mit dem sie reden konnte? Ob sie das überhaupt wollte? – Welcher Kummer hat sie so schluchzen und weinen lassen?

Die Kamera fängt gerade die große Silhouette der Stadt ein: Ein Meer von Häusern, bis zum Horizont und weiter.

Hinter wie vielen Fenstern wohl alltäglich und -abendlich, weinende Frauen, einsame Männer, verzweifelte Menschen sind? Ungesehen und unbemerkt. In der Masse verschwunden, von der Masse verschluckt. Vielleicht ein bisschen maskiert, um nicht entdeckt, nicht beurteilt, nicht verletzt zu werden.

Menschen glauben so schnell so viel über einen anderen Menschen zu wissen. Meistens wissen sie nichts, jedenfalls nichts von dem, was wirklich von Bedeutung ist. Und haben oder nehmen sich keine Zeit, wirklich etwas davon zu erfahren. Und haben keine oder nur wenig Ahnung davon, wie wichtig es ist, dabei sehr rücksichtsvoll zu sein. Haben es selbst nie erfahren oder verlernt und vergessen, wie das geht.

Es ist schon so lange her, dass wir einander zuhörend miteinander gesprochen haben. Popularität hat das seit langem keine mehr. Kommunikation ist in ihrer ursprünglichen Bedeutung durch die Praxis zwischenmenschlichen Umgangs längst sehr weitgehend widerlegt worden. Wer erinnert sich noch, gibt heutzutage noch etwas darauf, dass es einmal Bindung und Beziehung gewesen sind, die erschaffen, gepflegt und erhalten werden konnten, wenn man mit anderen Menschen kommunizierte?

Eine Musik, wie ich sie sehr gern höre, dringt an mein Ohr. Die Kamera ist in das Zimmer der Frau zurückgekehrt. Eine Träne glitzert noch in ihrem Blick, sie trinkt gerade ein Schluck von ihrem Rotwein, wiegt ihren Oberkörper leicht zum Klang der Musik und schließt ihre Augen.

Ich weiß, dass ich sie nicht vergessen werde, wie ich keine Person, die in welcher Art der Einsamkeit auch immer vor mein Auge geführt wird, wirklich vergessen kann.

Ich bin dankbar für Filme, die Sequenzen enthalten, wie die, die mir die weinend vor dem Text sitzende Frau nah gebracht hat, dankbar für Regisseurinnen und Regisseure, Autorinnen und Autoren, die auf Menschen in Einsamkeit hinweisen, Ihnen Ort und Zeit und Raum geben, bemerkt und nicht gänzlich übersehen zu werden.

Unser Alltag hat kaum Kameras, was ich grundsätzlich sehr schätze. Bedauerlich hingegen finde ich, dass so viele Menschen nicht bereit sind, ihre Augen weiter zu öffnen, sie einen Fokus sein zu lassen, der so sensibel ist, auch das Unsichtbare, wenigstens hier und da zu erfassen und dies mit der Zeit bewusst zu tun.

In Zimmern wie dem jener Frau, von der hier nun schon mehrfach die Rede war, hallen so viele stumme Rufe, Hilferufe oft, die, weil sie stumm oder nach innen gerichtet sind, nicht durch die Mauern dringen, die um sie herum gebaut sind. Und eben deshalb sind die Menschen, aus denen sie kommen, nicht als Rufende sichtbar. Obgleich sie jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick, mitten unter uns sind.

Mir ist es wichtig, an jedem Tag auch wenigstens ein bisschen Kameramann zu sein.

Damit immerhin ein bisschen von dem was eigentlich wichtig ist, nicht wieder und wieder gar nicht (mehr) wahrgenommen wird. Und damit die Orte und Räume nicht immer kleiner werden, in denen Kommunikation noch als Kultur gewünscht und gelebt wird.

Solche Orte nicht zu haben, kaum oder gar nicht mehr finden zu können, kann einen schon zum Weinen bringen. Ich glaube, dass vieles Weinen darin seinen Grund hat.

***

Einfach nur wunderschön, eine Musik und ein Video, wie auf einer besonderen kleinen Reise zu sein:

Antoine Villoutreix – „La falaise“