Wegweiser durch diesen Blog

Tagebuchseiten:

Hier sind meine Reflexionen über Ereignisse und Begegnungen im Alltag ebenso zu finden, wie meine Gedanken über „Gott und die Welt“ – in loser Folge, ohne Ordnung …

(Mit Beginn des Jahres 2017 erscheinen einige meiner Tagebuchseiten als Selbstgespräche . Grund dafür ist eine umfassendere Idee, die ich schon lange in mir trage. Vielleicht entsteht aus den entsprechenden Texten irgendwann ein Weg, der zu ihrer Realisierung durch mich führt. Vielleicht …)

Sentenzen:

Nachdenkliches zu Themen, die mich immer wieder und nachhaltiger bewegen und beschäftigen, die in meinem und für mein Leben zumeist eine wichtigere Rolle spielen.

Verse:

Einige meiner Versuche, Gedanken, Eindrücke, Reflexionen und Ansichten in lyrischer Form zu verarbeiten.

Gedanken zu Aphorismen:

Was immer ich auch lese, ich spüre darin aus meiner Sicht interessante Sinnsprüche auf. Einige von denen, die mich besonders inspirieren, zum Nachdenken anregen, meinen Widerspruch herausfordern, bespreche, diskutiere ich hier.

Zwischenstopps:

Texte oder Begebenheiten über die ich „gestolpert“ bin, darunter Merkwürdiges, Skurriles, Witziges, Unglaubliches – manchmal mit kurzen Kommentaren von mir versehen. (mitunter auch Musiken, mit denen ich mir einen Zwischenstopp genehmige …)

Sammelsurium:

Hier finden sich von mir verfasste, kleine Rezensionen zu Büchern, die ich gelesen habe, eigene Gedanken in Aphorismenform, die ich zur Diskussion stelle, und Sonstiges, was mir mitteilenswert erscheint.

Tagebuchseite -843-

Der Kalender ist stehengeblieben

Mein Kalender auf dem Schreibtisch zeigt den 9. des Monats an. Dabei ist bereits der 12. Dabei habe ich jeden Tag unter anderem hier an diesem Ort gesessen vor diesem Kalender und war alles andere als untätig. Nicht immer effektiv, aber wenn man immer erschöpfter wird, dann ist es irgendwann kaum noch möglich, effektiv zu arbeiten. Weil irgendwann der Zeitpunkt erreicht war und überschritten wurde von dem an man nur noch erledigt und müde war und ist.

Wenn ich es nicht mehr schaffe oder gar nicht mehr daran denke, den Kalender auf dem aktuellen Stand zu halten, wenn die Seiten meines Tagebuchs leer bleiben, wenn ich völlig den Faden verliere, auch nur annähernd zu verfolgen, was anders wer und anderswo geschrieben wird und in der Folge zu lesen steht, wenn es immer stiller wird in mir, bedrohlich still, dann ist mein Leben zu laut und zu viel. Das habe ich gelernt.

Dieses „zu laut“ und „zu viel“ ist kein zu laut und zu viel an Geselligkeit oder Musik, an Weihnachtstrubel oder Feiertagsvorbereitungsstress an gegenseitigen Besuchen oder Treffen mit Freunden oder Bekannten. Nein, nichts von alle dem. All das erlebe ich gar nicht, es zieht an mir vorbei, oder treffender, es geschieht völlig ohne mich.

„Oh der Glückliche“ spüre ich manchen denken und sinnen, dass da wohl jemand ist, der es vermag inne zu halten, der sich nicht anstecken lässt von all der Weihnachtshektik (es gibt kaum zwei widersprüchlichere Worte in einem), der Dinge geschehen lässt, Momente der Ruhe für Kerzenschein, Tee und ein gutes Buch findet.

Aber auch das ist es nicht. Gar nicht. Nichts auch von alledem.

Was es dann ist?

Arbeit, viel Arbeit und Mehrstunden, Vertretungsstunden. Und zusätzliche pflichtige Termine und Aktivitäten. Und ein sehr leerer Akku. Und seit einigen Tagen ab Mittag regelmäßig schlimmer werdende Schmerzen. Richtig böse Schmerzen. Und nicht so gute Nachrichten. Und Mehreres, was mich beunruhigt und unzufrieden sein lässt aber offenkundig unklär- und unlösbar ist. Und erledigt sein, und müde sein, und ich sich immer wieder aufrappeln müssen.

Wenn da nicht ein paar Blicke und Gesten wären, ein paar Nachrichten und Zeichen, manchmal auch ein Gespräch (ein ganz besonderes mit einem ganz besonderen Menschen), dann wäre die bedrohliche Stille in mir womöglich schon implodiert, denn ja, wenn sie sich Raum bräche, würde sie nur mir schaden. Ich kenne diese Erfahrung.

Es ist eigenartig, wenn der Kalender stehenbleibt und die Zeit doch weiter vergeht. Genau das aber beschreibt die letzten Tage auf exakteste Weise. Ich selbst bin stehen geblieben und vergangen in all meinem Tätig sein währenddessen. Und ich stehe weiter und vergehe. Heute, jetzt und morgen. Ein Ende dieser Wahrheit ist nicht absehbar.

Ich schaue mit traurigen aber stumpfer werden Augen auf die Leere meines Tagebuchs, auf die ungelesenen Zeitungen der Woche, die Einträge und Gespräche in der virtuellen Welt, in der auch meine Gedanken ihrer Umlaufbahn einen Namen gegeben haben, an die nicht innegehaltenen Minuten.

Ebenso traurig, trübe und erloschen schaue ich auf die Welt vor meinem Fenster. Sie kommt mir ebenso surreal vor wie vor neun bzw. elf Jahren als um die Zeit vor Weihnachten zwei mir ganz nahe stehende Menschen gehen mussten, für immer von dieser Welt. Wie eine Traumwelt, die keine gute ist. Aus der ich ausgebrochen bin, ohne eine andere gefunden zu haben.

Mehr zu schreiben habe ich gerade keine Kraft.

Ja, der Kalender ist stehengeblieben.

***

Ein Lied, das nie wirklich bekannt geworden ist. Unerklärlich, wie so vieles. Ich mag es:

Das Gezeichnete Ich – „Du, es und ich“

Verse -79- (und ein Zusatz …)

Ein Weihnachtswunsch

Es sind des Jahres letzte Tage,
wenn scheinen wieder Lichter mehr.
Nach Novembers grauer Plage
schimmert nun ein Kerzenmeer.

So ist es hier in uns’ren Breiten
immer wieder, jedes Jahr.
Es sind die heimlich schönen Zeiten
des Traums, dass Wünsche werden wahr.

Doch anderswo, da bleibt es dunkel.
Kein Traum, kein Hoffen in der Not.
Nicht zu denken an Gefunkel,
wenn’s fehlt an Wärme, Heim und Brot.

Ich schau hinauf zu all den Sternen,
seh‘ glitzern sie, milliardenfach –
bis hinein in weite Fernen.
Und ein Wunsch wird in mir wach:

Ein jeder Mensch, der sollte haben,
je einen Stern vom Himmelszelt
statt aller and’ren Weihnachtsgaben
und Geschenke dieser Welt.

So wäre Licht auf ganzer Erden,
und jeder dürfte Hoffnung sehn.
Ach, könnt‘ es doch genau so werden!
Weihnacht wär‘ dann wahrlich schön!

**

Diese Verse da oben sind vor zwei oder auch drei Wochen entstanden. Was ich seinerzeit noch nicht ahnte, ist, dass etwas Besonderes bislang für mich Einmaliges mit ihnen geschehen würde. Entwickelt hat sich die Geschichte so:

Seit der gegenseitigen Vorstellung in der ersten Schulwoche, während der ich von den Schülern meiner so gemochten 5.Klasse auch nach meinen Hobbys gefragt worden bin, und ich wahrheitsgemäß antwortete, das eines meiner Hobbys das Schreiben sei, gingen mir die kleinen Geister nicht mehr von der Seite: „Ach, Herr S., lesen sie uns doch mal was vor, von dem was sie so schreiben?“, „Schreiben sie auch Gedichte – das ist ja cool, tragen sie uns mal eins vor?“, „Ach bitte, trauen sie sich doch mal, wir wollen ja nur mal zuhören.“ Und so weiter.

So ging das wochen-, ja monatelang – immer wieder erinnerten sie sich an ihren Wunsch und „locherten“ mich damit.

Nun nachdem vor eben zwei, drei Wochen das Weihnachtsgedicht entstanden war, und das Fragen wieder lauter wurde, habe ich eingelenkt und gesagt: „Gut, aber nur, weil es ein Weihnachtsgedicht ist und ja bald Weihnachten ist. Und nur für euch hier. “ Und habe die Verse dann halt zu Beginn einer Deutschstunde vorgelesen.

Die ganze kleine Schar hörte gebannt zu, und als ich geendet hatte, nach einer kleinen Sekunde der Stille, bekam ich genauso einen herzlichen Applaus wie Leo, der Junge mit der Lese-Rechtschreib-Schwäche, wenn er eine gute Leistung schafft. – Aber damit begann es erst.

Denn nun meinten sie, dass man mein Gedicht doch noch in den Programmabschnitt, den die Klasse zum Weihnachtsschulprogramm der 4. – 6.Klassen vorbereitet, aufnehmen müsse.

All mein Protestieren half nichts. Schnell ließen sie im Tagesverlauf jeweils zwei Schülerinnen bzw. Schüler das Gedicht mit verteilten Rollen lesen und entschieden dann in einer Hofpause demokratisch, wer die beiden Vortragenden sein sollten. Die Wahl fiel auf zwei Mädchen, die tatsächlich besonders schön und ausdrucksstark zu lesen vermögen.

Nun habe ich also am kommenden Mittwoch Premiere. Mein Gedicht wird tatsächlich vor der versammelten Schüler-, Eltern-, und Lehrerschaft der 4. – 6. Klassen zum Vortrag gebracht werden. Ganz öffentlich. Von jenen beiden Mädchen im Kontext des kleinen Weihnachtsprogramms der 5. Klasse.

Es ist, abgesehen von den Bloglanden hier, nun also tatsächlich das erste Mal, dass etwas, was ich geschrieben habe, viele Menschen hören, live, so richtig mit Ansage, Namensnennung des „Autors“ und so weiter.

Und ich werde dabei sein (müssen). – Ich glaube ich bin mindestens so aufgeregt wie die Kinder „meiner“ 5.Klasse, dieser unglaublich lieben, einmaligen, freundlichen und einfallsreichen kleinen „Bande“.

So richtig fassen kann ich das Ganze immer noch nicht …

***

Das nachfolgende Musikstück und beinah noch mehr das Video sind irgendwie herzig, allerliebst. Ich habe es schon seit einigen Monaten auf meiner Playlist.

Die Sängerin und Songschreiberin FEE, die es interpretiert ist inzwischen längst solo unterwegs, weil sie mit dem Musikkommerz in Konflikt geraten ist, sich schließlich bewusst von diesem abwandte und sich entschieden hat, ihren eigenen Weg zu gehen. So ähnlich hat sie es selbst erzählt, als sie im August das Vorprogramm anlässlich des Katie-Melua-Konzerts in Schwerin bestritt, das ich seinerzeit besucht habe.

Ich fand es sehr schön, als ich dort auch das nachfolgende Lied wiederhören durfte:

FEE – „Wie bei den Magneten“

Tagebuchseite -842-

Innerer Abschied (1)

Ich kenne keine „Black Fridays“ und diejenigen, die mir begegnen, die ignoriere ich. Ich mag nichts Aufdringliches. Es gibt Menschen, die behaupten, ich würde sogar „Block Fridays“ aus ihnen machen. Kann sein, dass das irgendwann passiert, wenn ihre vor allem durch die Medien gemachte Aufdringlichkeit künftig noch stärker wird. Bis auf Weiteres bleibe ich beim schlichten Ignorieren.

Ich kenne auch keine „Cyber Mondays“. Schon mein Mobiltelefon verrät, dass ich nach wie vor und mit einem hohen Maß an Überzeugung antrete, die Welt analog zu meistern.

Ich weiß, dass das an dieser Stelle nicht relevant ist, weil die „Cyber Mondays“ schlussendlich nur verlängerte „Black Fridays“ sind. Also ignoriere ich auch sie.

Ich ignoriere sie als Auswüchse der Shoppingwahnsinnsmaschinerie, die nach meinem Eindruck entgegen aller durchaus hörbarer werdenden Beteuerungen, sparsamer, nachhaltiger und bewusster leben zu wollen, unvermindert mehr Fahrt aufnimmt.

Gab es vor zehn Jahren überhaupt schon „Black Fridays“ oder „Cyber Mondays“?

Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass sie zu heutiger Zeit sicher nicht unbeabsichtigt genau vor dem letzten verkaufs(bes)offenen Sonntag des Jahres, dem die Zeit der Besinnlichkeit einleitenden ersten Advent, platziert worden sind, den ich übrigens geflissentlich ebenso ignoriere (nicht den ersten Advent, aber den verkaufsoffenen Sonntag), wie seine beiden mir so suspekten Vorgänger.

Nun ist es bei mir gewiss nicht so, dass mir das Geld so locker in der Tasche säße, als dass ich mich nicht auch über manche Preissenkung freute bzw. nicht sogar generell schauen muss, was ich mir leisten kann und was eben nicht. Die Black-, und Cyber- und sonstigen extra (bes)offenen Tage sind mir dennoch nicht wichtig. Wichtiger wäre mir, sie jenen zu schenken, die an ihnen die aufgekratzten Kundenströme in Form von harter Arbeit bewältigen müssen.

Ich brauche diese Tage nicht, und ich WILL sie nicht. Ich brauche und ich will auch keine Werbung. GAR KEINE Werbung. Sie regt mich so auf, dass ich mich abwenden muss, wenn sie schon wieder mal aus einem Lautsprecher dröhnt. Je eindringlicher und aggressiver sie wurde, um so weniger hat sie bei mir das erreicht, was mit ihr bezweckt werden soll

Ich bin rückschrittlich geworden. Lebe hinsichtlich meines Bedürfnisses an Werbung voller Überzeugung wieder in jener Zeit und Umgebung, in der ich meine Kindheit und Jugend verbrachte, in der es gar keine Werbung gab. Selbst nicht im Sinne harmloser Produktempfehlung. Was auch daran lag, dass von vielen Produkten, wenn es sie denn gab, nur eine Ausführung und Qualität und Ausführung zu haben war.

Manches hätte es öfter oder überhaupt geben können bzw. sollen in jener Zeit. Das sehe auch ich so. Aber sonst? Sonst hat mir insoweit nichts gefehlt.

Werbung weckt so oft und so sehr und immer bewusster Bedürfnisse, deren Erfüllung nichts mit einem Mehr an Glück oder Fortschritt, wie ich sie verstehe, verstehen will und glaube, verstehen zu müssen, zu tun hat. Je intensiver, lauter und finessenreicher sie daherkommt, desto mehr.

Am Ende dieses Monates wird Weihnachten sein. Für das, was ich schenke, brauche ich nur sehr wenig Geld. Und also keine „Black Fridays“, „Cyber Mondays“ oder verkaufs(bes)offenen Sonntage.

Ich messe den Wert eines Geschenks nicht in Währungen. Das habe ich noch nie getan, aber nun zeige ich und bekenne es auch ganz offen. So mag und wird mancher und manche vielleicht enttäuscht sein von mir, vor allem nun, wenn die „Zeit des Schenkens“ anbricht.

Ich gehe ein Stück von dieser Welt. Sage ihr „Adieu“. Für immer. Innerlich.

Jener Welt, die nicht mehr meine ist.

Gehe von jener Welt und jenen Menschen, die „Black Fridays“ kennen und lieben, jener und jenen, die Geschenke, die man nicht kaufen und verkaufen kann, bestenfalls als eine Ausrede auffassen, von der Welt der Werbung und von jenen, die nicht aufhören (wollen) ihr blind zu folgen.

Meine äußere Hülle wird hier bleiben (müssen), aber meine Seele, mein Ich, wird nie wieder zurückkehren.

Ich brauche und möchte und suche viel mehr von dem, was nicht käuflich und verkäuflich ist, was tatsächlich „nur“ zu schenken geht.

Ich suche andere Menschen. Eine andere Welt.

Mache mich endgültig und unumkehrbar auf die Reise …

***

Christian Carcamo singt von dem, was ich wohl nie finden werde:

Christian Carcamo – „Steady Ground“

 

Tagebuchseite -841-

Wohl mehr als ein Empfinden …

Im eigentlichen, buchstäblichen Sinne bin ich nicht so oft allein. In einem anderen, insbesondere dem gefühlten, bin ich es häufig.

Da sind zum Bespiel die Wochenenden. Eins, wie das bevorstehende. Mal wieder Strohwitwerzeit, die ich nie wirklich genossen habe, nie tatsächlich genieße. Das, was ich zu tun habe, gibt keinen Raum dafür her, mein Gefühlsleben auch nicht.

Es ist Strohwitwerzeit, die regelmäßig geworden ist. Mal liegen zwei, mal drei Wochen dazwischen. Früher waren es auch mal mehr, aber das ist längst Geschichte. Schon bevor sie anbricht, diese Zeit, fühle ich mich allein. Noch mehr als sonst, wenn sie nicht ist.

An diesem Vorwochenendabend empfinde ich es besonders deutlich und eigenartig zugleich.

Ich war verabredet heute Nachmittag. Nach vielen Wochen mit immer wiederkehrenden Absagen aus diesen und jenen Gründen, schaute es tatsächlich so aus, als sollte es diesmal klappen. Auf zwei, drei Stunden „Teatime“ und Zeit ein bisschen zu reden, sich auszutauschen mit einer sehr freundlichen und sympathischen Kollegin aus meinem Arbeitsumfeld, das mich bis zum August diese Jahres umgab.

Noch gestern Abend freilich kam die Nachricht, dass es erneut nichts würde. Familiäres sei dazwischen gekommen.

Nicht zu ändern. So ist das halt. – So wie es ausschaut, werden wir uns nun in diesem Jahr nicht mehr treffen können.

Und so wird es nach Lage der Dinge so sein und so bleiben, dass ich außerhalb meiner Familie seit August, abgesehen von meinem mir immer noch wie ein wundervolles Licht erscheinenden knapp einwöchigen Berlinaufenthalt im Oktober und abgesehen von arbeitsbedingten bzw. -vermittelten Kontakten und Arztbesuchen im realen unmittelbaren Leben mich mit niemandem mehr getroffen oder gesprochen habe (ein paar wenige, sich zufällig ergeben habende „Smalltalkgespräche“ auf der Straße einmal ausgeklammert).

Gäbe es das Telefon nicht, hätte ich gar keinen „sonstigen Kontakt“ mehr (gehabt).

So geht das schon eine ganze Weile, in den letzten Monaten ist es immer krasser, immer eindeutiger, immer spürbarer geworden, dieses Empfinden, allein zu sein. Und es hat eine andere, eine neue Dimension bekommen. Eine Dimension für mich, im Kontext meiner Familie.

Zu einen liegt das daran, dass es schwer ist, schwer sein muss, mit mir zu leben. Dessen bin ich mir bewusst. Und ich bin mir auch bewusst, dass die Verantwortung dafür bei mir liegt. Eine Verantwortung freilich, über die ich nur teilweise „Herr“ bin, den anderen Teil nimmt meine psychische Beschaffenheit, die seit meiner Erkrankung eine „spezielle“ geblieben ist, nicht wahr. Sie kann, sie schafft es nicht.

Zum anderen ist da etwas, was ganz und gar nicht mich betrifft, nicht von mir ausgeht, von dem ich womöglich zu wenig weiß, zugleich aber auch nicht mehr wissen möchte. Zuletzt hat mich eine Äußerung sehr verunsichert und nachdenklich gemacht, eine mit einem Lächeln ausgesprochene Vision. –

Ich fühle mich seither mehr denn je wieder einmal so, dass ich nichts verstehe, am wenigsten das Leben, unfähig, Gesten „richtig“ zu deuten. Darin war ich schon immer schlecht. Vor allem dann, wenn ich mich verunsichert fühlte. Und so fühlte und fühle ich mich jetzt. Und ich ahne, dass das noch das beste Gefühl ist, was ich haben kann, wenn es um bestimmte Bereiche meines Alleinsein Empfindens geht.

In diesem Augenblick verlässt mein Sohn unsere Wohnung. Er trifft sich bei einem Freund mit ein paar Kumpels. Ob er heute Nacht noch zurück nach Hause kommt oder erst morgen, ist ungewiss.

Nun bin ich auch buchstäblich allein, was mein entsprechendes Empfinden nur vollständiger macht.

Das geplatzte Nachmittagstreffen, das Strohwitwerwochenende, das Gehen meines Sohnes …

Ich werde die kommenden Stunden irgendwie verbringen, einmal ohne zu arbeiten, nur mit mir. Irgendwie. Versuchen, ein bisschen abzuschalten nach der harten Woche, ein wenig zu lesen vielleicht, wenn die Müdigkeit mich nicht allzu schnell übermannt. Freude oder auch nur Vorfreude empfinde ich nicht.

Weil ich schon weiß, wie es ist, wie es sich anfühlt, wie es sein und sich wieder anfühlen wird.

Nicht zum letzten Mal. Sondern immer und immer wieder. Jetzt, heute und überhaupt.

Und es fühlt sich in den Zeitenläufen mehr und mehr nicht mehr nur wie ein Fühlen an …

(Und dabei bin ich an den meisten Tagen der Woche unter so vielen Menschen …)

***

Ich habe dieses außergewöhnliche, so traurig- so bitterschöne Lied eben entdeckt. Und diese Künstlerin, die es mit geschrieben hat und auf so einzigartige Weise vorträgt und interpretiert. Bis vor Kurzem war sie wohl nur wenigen bekannt, eine junge Urberlinerin, deren Biographie verrät, dass sie ungeachtet ihres noch jungen Alters schon viel gesehen und erfahren hat in ihrem Leben.

Ich wünsche ihr viel Erfolg und mir und allen, die sie entdeckt haben und noch entdecken, noch viele so besondere, so aussagefähige, so wirkliche Lieder wie dieses hier:

Wilhelmine – „Du“

Tagebuchseite -840-

Wann ich meine Erde bin

Es sind nur wenige Minuten, immer, kurz bevor ich mich in die Ungewissheit einer neuen Nacht begebe.

Sie beginnen mit dem Augenblick, in dem ich mir die Decke bis oben unter den Hals auf mich bette, meine Beine in eine Art Yogaposition an mich ziehe und meine Handflächen auf meine Brust lege. So liegend atme ich einige Male ganz bewusst ein und aus, der erste Atemzug ist oft ein tiefer, ein stiller … Seufzer.

Jetzt bin ich meine Erde, eins mit jener, auf er ich lebe, so gut ich es vermag, mein Tagwerk zu verrichten, Sinn finden möchte und meinen Ängsten zu entkommen suche.

Ich empfinde Dankbarkeit, so liegen zu können, das letzte Frösteln entweichen und die erste sanfte Wärme sich unter der Decke ausbreiten spürend. Ich habe ein Dach über dem Kopf und liege in sauberen Laken nachdem ich warmes Wasser über mich rinnen lassen durfte. Ich bin nicht hungrig oder durstig. Ich darf hier sein, einfach sein, und nun ausruhen. Für einen Moment ist alles Bedrohliche, sind sogar meine Dämonen, fern.

Ich bin geborgen.

Einen Wimpernschlag lang halte ich in dieser Geborgenheit inne, bevor ich mir Menschen in sie hinein hole. Jeden Abend um diese Zeit tue ich das.

Es sind lebende und tote Menschen. Die Familie sind oder waren, Freunde und Menschen, die auf irgendeine irgendwie besondere Weise meine Lebensbahn gekreuzt oder geteilt haben. Menschen, die ich im Herzen habe und behalten werde, einige darunter, mit denen ich mich nicht mehr nur verbunden fühle, sondern verwachsen, seelenverwachsen. Die ich dafür liebe, dass sie mich so empfinden lassen, dass sie so sind.

Es sind auch Menschen darunter, die ich weder persönlich, noch virtuell, je kennengelernt habe, sehr viele Menschen. Menschen, von denen ich nur eines weiß: Dass es ihnen nicht gut geht, dass sie leiden, etliche sehr und unsäglich, aus ganz unterschiedlichen Gründen und auf ganz verschiedene Weise.

Meine letzte Anstrengung eines jeden Tages ist es, keinen dieser Menschen zu vergessen, zu übersehen. Nicht während dieser Reise, die ich aus meiner Geborgenheit und Dankbarkeit antrete.

Ich bin immer noch meine Erde, und ich bleibe sie, solange diese allabendliche Reise währt.

Zu ihrem Ende atme ich noch einmal besonders tief ein und aus, während meine Bitten und Wünsche für die Menschen, die ich eben besucht habe, in den Himmel gehen. Dann verstärken unwillkürlich, erst kaum merklich, dann aber intensiver werdend meine beiden auf meiner Brust liegenden Handflächen für Sekunden ihren Druck auf mich.

Das ist das Spüren der Umarmung, die wir uns in diesem Augenblick alle schenken.

Nun gleite ich langsam hinüber in die Nacht, wenn mich nicht schon allzu bald Geschehnisse erlebter oder empfundener Realität, einholen. Gleite hinüber in ihre Ungewissheit bis zum Erwachen vor der Ungewissheit des nächsten Tages.

Aber für einen Moment war ich meine Erde und so wenig allein wie sonst nie.

***

Fahrenhaidt feat. Cassandra Steen u. Vincent Malin – „Ich lauf“

Tagebuchseite -839-

Von einer Verhinderung des Teilens …

Die Erkenntnis, etwas nicht (mehr) teilen zu können, gehört zu jenen, die am meisten verunsichern, Traurigkeit, ja sogar Verzweifeln auslösen können. Sie ist schmerzlich, tut weh, wann immer sie sich offenbart. Nicht selten korrespondiert sie mit dem Bemerken, dass das, was so teilenswert erscheint, mehr und mehr im Verschwinden begriffen ist. Zeit und Menschen gehen darüber hinweg, immer öfter, immer schneller, schon bald gar nicht mehr innehaltend.

Der Prozess, des Vergessens, des vergessen Werdens, wird spürbar.

Vielleicht halte ich zu vieles für bewahrenswert, vielleicht habe ich manchen Dingen grundsätzlich einen zu großen Wert (im nichtmateriellen Sinn) beigemessen. Vielleicht bewerte ich meinen Geschmack, meine Emotionen, die die verschwindenden Dinge für mich bedeuten und unverändert auslösen generell zu stark, zu hoch.

Vielleicht aber auch geht wirklich gerade und beständig etwas verloren, womöglich unwiederbringlich, was tatsächlich VERLUST ist.

Eine entsprechende Beurteilung wird immer subjektiv sein, ebenso wie die über die Bedeutung und die Notwendigkeit, sich immerfort wandelnden Zeitgeschmacks, der eine nicht unwesentliche Komponente für das Verschwinden von Dingen ist, die mir unverändert so viel bedeuten, dass ich sie nicht nur für mich behalten sondern, bisweilen mehr denn je, eben teilen möchte.

Solche „Dinge“ sind für mich vor allem Literatur und Musik. Bereiche davon.

Manche Literatur wird heute tendenziell immer weniger gelesen. Sie gilt als „zu schwer“, damit werden oft die in ihr verwandte Sprache und/oder der Schreibstil gemeint. Auch Handlungsorte und -abläufe dieser Literatur werden für nicht (mehr) zeitgemäß gehalten. Sie geht mehr und mehr unter in der „Vielfalt“ des heutigen Literaturangebots. Sie wird als Ware zum Nischenprodukt, der Platz in den Buchhandlungen für sie immer bescheidener, kleiner, übersehbarer. Eine Gruppe Enthusiasten frönt ihr noch sofern nicht manche Auflage bereits zu weit zurückliegt, dass das jeweilige Werk sich offenkundig schon weit vorangeschritten auf dem Wege zum Friedhof der vergessenen Bücher befindet.

Bei der Literatur, die ich meine, handelt es sich um jene, die einmal als „Weltliteratur“ im weiteren bzw. im engeren Sinne galt. – Für jede der beiden „Unterkategorien“ möchte ich jeweils nur ein Beispielwerk nennen, das offenkundig jeweils im Verschwinden begriffen ist.

Zur Weltliteratur „im weiteren Sinne“ gehörte einstmals der großartige Roman „Die Insel“ vom französischen Schriftsteller Robert Merle. Ich habe ihn seinerzeit mit großer Begeisterung gelesen, und die Emotionen, die er seinerzeit in mir ausgelöst hat, sind nach wie vor in mir präsent. Es ist ein Roman, der die Beziehungen, das sich wandelnde Verhalten von Menschen unter spezifischen Bedingungen zum Gegenstand hat. Ein Roman , der sowohl psychologisch als auch philosophisch ungeheuer anregend ist obgleich er wie eine Abenteuergeschichte daherkommt. –

Ich habe „Die Insel von Robert Merle“ in die Suchmaschinen diverser großer Buchhandlungen eingegeben, das Ergebnis war immer dieses: „Ihre Suche nach „Die Insel Robert Merle“ ergab keine Treffer.“

Zur Weltliteratur „im engeren Sinne“, ja im engsten wohl, gehörte zweifellos „Ditte Menschenkind“ vom dänischen Schriftsteller Martin Andersen Nexø. Meine Suche nach einem gedruckten, gebundenen Exemplar dieses außergewöhnlichen Romans endete wie jene nach dem Werk von Robert Merle: ergebnislos. – Lediglich als e-Book sind noch Exemplare bestellbar.

In Leserrezensionen zu dem Roman heißt es unter anderem: „Die Themen Arbeit, Armut, Sexualmoral und Nächstenliebe werden in Ditte Menschenkind auf eine unfassbar bewegende Art und in einer bildhaften, doch unverschnörkelten Sprache sehr einprägsam behandelt. Nexø erzählt ebenso lakonisch wie liebevoll die Geschichte von Ditte, die sich schlicht für ihre Mitmenschen aufreibt …“„das Schicksal dieser jungen Frau berührt mich immer wieder aufs Neue. Ich wünschte mir, unsere konsumorientierte Gesellschaft sollte ein einziges Mal mit den damaligen Lebensbedingungen konfrontiert werden und sich vor Augen führen, was Menschen auch ohne Krieg anderen Menschen antun können.“ „Kein Sozialkitsch. Keine verklärt-romantische Erzählung über die Armut eines dänischen Mädchens.“

Nun ist mein Leben in einer Zeit angekommen, wo solche Literatur verschwindet. Und die Menschen immer weniger werden, mit denen ich diese Literatur, meine Emotionen und Gefühle, die diese Literatur in mir ausgelöst hat, die sehr tief und eindringlich waren, so sehr, dass ich behaupte, dass sie mich ein Stück weit geprägt haben, zu teilen vermag.

Ja, und das verunsichert mich, macht mich traurig, tut mir weh.

Ähnlich verhält es sich für mich mit Bereichen, mit Richtungen der Musik. Musik unterliegt freilich noch viel mehr dem Zeitgeschmack, der Mode. Bei der Musik, deren Verschwinden ich hier beklage, handelt es sich nicht um die eigentliche klassische Musik, deren ihr zugestandene Bedeutung mir allerdings auch mehr und mehr abzunehmen scheint.

Ich meine Musik, mit der ich aufgewachsen bin, deren Melodien, vor allem aber Texte, für mich immer zeitlos waren und geblieben sind, die an Aussage und Aktualität nichts verloren haben.

Und, das gebe ich zu: Ich meine damit auch Musik, über die es stets sehr geteilte Meinungen gab, die sich für mich jedoch mit Lebenserinnerungen, mit manchem Lebensgefühl verbunden hat und bis heute verbindet, das, ehemals nachhaltig gewesen oder nicht, als Emotion, als Teil meiner selbst in mir verblieben ist. Das heute aber von niemandem mehr verstanden wird, weil sich die Musik den allermeisten Menschen heute nicht mehr erschließt, sofern sie denn noch bekannt ist. Verbreitet wird sie jedenfalls kaum noch.

Mancher, vielleicht gar viele, werden jetzt einwenden, dass das nun einmal der Lauf der Dinge ist. An die Stelle dessen was vergeht, sei es auch „verloren geht“ genannt, tritt Neues, Anderes, das neue, möglicherweise aber auch ganz ähnliche Emotionen und Gefühle auslöst, wie die verschwindende Literatur und die verschwindende Musik.

Für mich bleibt dennoch ein großes Verlustempfinden. Das Verlustempfinden, Etliches nicht mehr teilen zu können, was mir doch so wichtig ist und bedeutsam erscheint.

Wenn Literatur, wie der Roman von Nexø verschwindet, mischt sich dieses Verlustempfinden gar mit einem Gefühl der Sorge. Die Argumente für „Fortschritt“ und dieser selbst, beginnen mich umgekehrt proportional zu meinem Verlustempfinden zu verunsichern, ja, zu ängstigen …

***

Natürlich habe ich anlässlich dieses Tagebucheintrags ein Stück jener für mich kaum noch teilbaren, Musik herausgesucht. Es ist nur eins von sooo vielen. Es stammt aus dem Jahr 1984, ist also tatsächlich mittlerweile 35 Jahre alt. Sein Text erscheint mir jedoch nach wie vor oder wieder aktuell. Die Musik, wenn ich sie lauter stelle, macht mir, wie seinerzeit, Gänsehaut.

Petra Zieger & Band – „Der Himmel schweigt“

Tagebuchseite -838-

Traum vom Meer

Wie gern hätte ich Dich besucht, heute und gestern und jeden Tag der vergangenen Wochen.

Hätte über Deine in jedem Augenblick andere Einzigartigkeit staunen wollen, wie ich sie schon manches Mal bestaunt habe. Deine Stärke und Deine Sanftheit, Deine Besonderheit zu nehmen und zu geben von den Ufern und zu den Ufern, die Du berührst.

Wie gern hätte ich Deiner Sprache gelauscht, Deiner so vielfältigen, die mal rollend und brodelnd, mal zischend, mal zärtlich flüsternd, mal tosend und donnernd und mal nur ein kaum hörbares Plätschern ist, an der ich nie anders kann als Anteil an ihr zu nehmen mit all meinen Sinnen. Denn alle meine Sinne reagieren auf Deine Stimme.

Ich ahne, dass Du heute und die meisten der letzten, vergangenen Tage, das Blei des Himmels in Dir aufgenommen hattest und ihm ein schwankendes Ebenbild warst, mit dem Dir eigenen Extra freilich, das, wann immer ich Dich sehe, in einem Glitzern besteht. Ja, Du sendest immer ein kleines bisschen Licht, solange wenigstens noch ein kleines Sternlein auf Dich herab blinkt. Dafür liebe ich Dich ganz besonders, dass Du so besonders, so sehr, Licht sein kannst.

Ich stelle mir vor wie viele Male Du wohl in all der Zeit den feinen Strandsand gestreichelt hast, Spuren von Menschen und Möwen wegwischtest, wie oft Du die Kiesel sich aneinander reiben ließest, Muscheln und das eine oder andere Fossil hergabst und dafür andere noch einmal in Dir aufnahmst.

Wie sehr hätte ich mich an der Beobachtung der auf Dir schaukelnden Enten und Schwäne erfreuen mögen, Deinen salzigen Duft einatmen und mich vom Wind, der fast immer Dein Begleiter ist, treiben lassen wollen. Und meinen Blick wieder und wieder senken um den einen oder anderen Deiner Schätze zu entdecken, einen Hühnergott, ein skurril gestaltetes Stück Uferholz, einen Donnerkeil, einen riesigen Findling, tiefgrünes Gewirr von Tang oder ein Krabbenskelett.

Wie gern ich all das gesehen, gehört, gespürt hätte, wo zwischen uns doch eine an sich kaum nennenswerte Entfernung liegt. Wie schön es gewesen wäre, zu erleben, wie Du mich hättest wieder Ich sein lassen, so wie Du es immer tust, wenn ich bei Dir bin. Ja, ich darf bei Dir so unverfälscht, so ursprünglich sein, wie Du es auch immer bist. Ursprünglich und grundehrlich. So wie Du.

Aber ich konnte, ich durfte nicht bei Dir sein. Wieder nicht. Nicht unmittelbar. Obwohl wir so nah beieinander leben.

Was mir blieb, was mir seit Wochen, seit Monaten bleibt, war und ist, das Fenster zum Land meiner Träume für einen Augenblick zu öffnen, jenem Land, dass es nur in mir gibt. Und genau das habe ich gerade eben getan.

Du gehörst zu diesem Land, bist ein Teil von ihm, und so habe ich gerade all das, von dem ich eben schrieb, habe Dich, tatsächlich gesehen, gehört und gespürt.

Wenn mir das reale Leben nur erlaubte, jenes Fenster beständig geöffnet zu lassen!

Dann freilich wäre das reale Leben nicht mehr real und das Land meiner Träume kein Traum mehr.

***

Das nachfolgende Lied von ISON (ein Musikprojekt aus Schweden für das die beiden Künstler Daniel Änghede und Heike Langhans stehen) ist mir wohl kurz nach seinem Erscheinen begegnet. Und vielleicht, irgendwie „gewollt“ gerade jetzt.

Es ist ein sehr eigenes und also kein Lied im eigentlichen Sinne. Es ist eine Stimmung in eine Melodie und in Worte geflossen, die der meinen, meiner augenblicklichen, gegenwärtigen sehr entspricht. –

Das Lied ist sehr getragen, hat einen sicher traurig wirkenden, aber nach meinem und für mein Empfinden sehr ehrlichen, ja aufrichtigen Text. So speziell dieser Text ist, so schön ist er, er hat für mich nichts Bedrohliches oder Befremdliches. Ich mag seine Aufrichtigkeit annehmen und mit ihm teilen, mit diesem Lied, seiner sehr schönen Melodie.

Ich fühle mich selbst dadurch etwas leichter an …

ISON – „ISAE“

 

Tagebuchseite -837-

„Wohnung“

Wenn die eigene Haut dünn wird, dann braucht es eine andere, eine zweite. –

Seit gestern spüre ich meine lässigen Hausklamotten mehr denn je wie diese zweite Haut. Das kuschelige Kapuzensweatshirt und die „Jogger“ sind die Hülle, die sich anfühlen als könnte ich mich gut in ihnen verkriechen. Sie sind wie die vertraulichste Behausung. Ich empfinde, in ihnen zu wohnen, am besten, am behütetsten gerade. Ich will kein anderes, kein größeres Haus.

So ist er, der Rückzug in mich selbst. Ich bin ihn so wahrnehmbar, so als beschützend nötig empfunden, lange nicht mehr angetreten.

Für mich stellt es sich so dar, als wenn ich keine andere Wahl habe. Mit mir nehme ich nur ganz Weniges und ganz Wenige. Und empfinde das weder als Minimalismus noch als Verlust.

Alles andere ist mir zu laut, zu viel, zu bedrohlich. Meine Seele hat sich gestern sehr bedroht gefühlt.

Im Nachhinein habe ich es nicht vermocht zu ergründen ob das rational betrachtet noch angemessen gewesen ist. Ich habe es nicht vermocht, weil selbst die Rationalität die ich grundsätzlich schon nicht habe, nun nicht gar wieder einmal völlig, gänzlich, die Ausnahmen vom Grundsatz eingeschlossen, aufgebraucht ist.

Wenn das so ist, ist meine Seele wie eine offene Wunde. Sie IST eine offene Wunde. Meine Suche nach einer Wohnung, nach zweiter Haut, ist ein Reflex.

So deutlich wahrgenommen, so bewusst, habe ich diesen Reflex noch nie zuvor in meinem Leben. Mutmaßlich ist das aus Therapiepraxis geronnenes Erkenntnisvermögen meiner selbst. Und dieses wiederum ist ein Anfang, wie ich mich erinnere, während diverser Sitzungen gehört zu haben.

Es fühlt sich nur gerade nicht nach Anfang an. Und zwar überhaupt nicht. Denn ich friere sogar in den Klamotten, von denen ich sage, dass ich darin wohne. Ich friere in mir selbst. Und ich lüge. Ich lüge meine Außenwelt an. Über mich. Inzwischen fortlaufend. Ich will nicht, dass es jemand weiß. Wenigstens keiner von denen, die nicht wirklich bei mir sind.

Ich will es selbst nicht wissen.

Es wird weitergehen. Irgendwie. Wie, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich in mir bleiben muss. Nicht absehbar, wie lange. Vom augenblicklichen Empfinden her für immer. So verletzlich fühle ich mich. Und so sehr suche und sehne ich herbei, was ich in mir schon einmal gefunden hatte, ein kleines bisschen jedenfalls.

Ich schaue in die Nacht und sinne darüber, wie es wäre, wenn sie mich einfach nähme. Und es macht mir keine Angst.

Weil ich weiß, dass sie das nicht tun wird. Und weil ich weiß, dass ich den Schritt auch nicht gehen werde.

Auch deshalb nicht, weil ich dazu meine Wohnung verlassen müsste …

***

Billie Eilish – „Six feet under“

Verse -78 –

Samstagabende

An wie vielen Samstagabenden,
wie an diesem Samstagabend,
schauen hinter Fenstern
Augen in die Leere?
An wie vielen Samstagabenden,
wie an diesem Samstagabend,
ist so ein großes Suchen und Wünschen
hinter jenen Fenstern?
Das genau weiß,
was es sucht oder wünscht.
Und doch gar nichts weiß.

Die Samstage sind die Schlimmsten,
weil sie die Abende der Geselligkeit,
des Frohsinns, und mancher Liebe sind.
Die Abende der Zeit für etwas Schönes,
für etwas, was Leben lebenswert macht.

Die Mädchen, die Frauen, die Alten,
die Kranken und Vergessenen,
darunter auch Männer,
suchen einzutauchen,
in Geschichten und Melodien und Bilder.
Lassen Gedanken wandern,
in die Natur und in die Erinnerung.
Erinnerung an andere, an freudige Tage,
wenn es sie denn gab.

Um Leben zurückzuholen oder wiederzufinden
oder überhaupt erst zu entdecken.
Träumend, hoffend, bittend und zweifelnd,
wieder und wieder, daran,
was und wie denn Leben eigentlich ist.
Ist es schließlich nicht alles Leben,
das der anderen da draußen wie das eigene?

Samstagabende, wie dieser Samstagabend,
geben keine Antworten auf diese Frage.
Samstagabende, wie dieser Samstagabend,
machen diese Frage nur so sehr bewusst.
Um vieles bewusster als andere Tage
und andere Abende.
Und schmerzhafter.
Und vergehen in Sinnen und Sehnsucht und Alleinsein.
Vielleicht …

***

Johannes Oerding – „Blinde Passagiere“

Sammelsurium -110- (Vier Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Es gibt Stimmen, die sind so schön, wie die Charakter, denen sie Ausdruck verleihen. Wenn diese Stimmen sprechen, dann klingen sie: Wie eine ganz zauberhafte, wundervolle Melodie.

*

Diejenigen, die am wenigsten eigene Schwächen eingestehen, haben die meisten davon.

*

Was ist von dem Rat zu halten, für den Augenblick zu leben? Genau das tut eine Eintagsfliege. Und dann stirbt sie …

*

An welchem Ort auch immer ein Schreibender zu sehen ist, so ist er doch gar nicht dort. Zu schreiben bedeutet immer auf eine Reise zu gehen. Wer schreibt, ist unterwegs.

**

Schnipsel (10)

Tränengeständnis

Wenn ich an Tränen denke, dann denke ich fast nie an Freudentränen. Tränen sind Traurigkeit, sind Schmerz oder Einsam sein. So ist immer mein erster Gedanke.

Es ist wahr, dass mich Trauer, Qual, Not und tiefes Alleinsein sehr traurig machen. Aber Tränen habe ich deshalb nur selten. Ich kann meist nicht weinen, wenn mich diese Empfindungen erreichen oder beherrschen, auch wenn sie grundsätzlich sehr tief gehen. Relativ selten rinnen darum Tränen bei mir, wenn, dann freilich sehr heiße. Und eher dann, wenn jene Empfindungen durch das Leid , den Schmerz, die Einsamkeit anderer Menschen ausgelöst sind oder Bestand haben. (Und meistens sind bzw. haben sie das.)

Eher, schneller und spontaner rinnen bei mir Tränen aus Rührung, aus Überwältigung, aus einer Freude geboren, die ich nicht zu beherrschen weiß. Meine tiefste Freude ist tränenreich. Eine Freude der stillen Tränen, die ich meistens zu verbergen trachte, zumal in der Öffentlichkeit.

Am Telefon oder beim Schreiben rinnen sie besonders oft. Weil ich dann vergleichsweise häufig mit mir liebsten Menschen verbunden bin. Und die überwältigen mich häufig, berühren mich auf eine Weise, die so einzigartig, so wunderbar ist. Eben auch, wenn wir uns nicht unmittelbar nahe sein können.

Manchmal vermögen mich auch Menschen, die ich nicht näher kenne, in dieser Weise, tiefe Freude auslösend berühren. Zuletzt waren das besonders oft Kinder.

Mit Freudentränen fühle ich mich, selbst wenn sie mir manche meiner Einsamkeit bewusster machen, und ich letztlich doch allein bin, weniger einsam.

***

HEARTS – „Call my name“

Tagebuchseite -836-

… (Ohne Titel)

Weiter, immer weiter. Nicht wissend wohin. Aber nur nicht stehen bleiben. Sonst überrollt es dich, schlägt über dir zusammen, so, dass du nicht nur zurückbleibst, sondern vielleicht nie wieder aufstehst.

Dunkel ist der Weg und zerklüftet, steinig sein Untergrund. Manchmal knickst du um. Schmerzen durchfahren dich. Aber es geht weiter, es muss weiter gehen.

Dornen schlagen ins Gesicht, es heult um dich herum. Ein Jammern, ein Weinen, ist in der Luft. Du gehst ihm nach, weil es dich anrührt. Du gehst lange, bis du endlich bemerkst, dass du selbst es bist, der laut schluchzend weint.

Du hast schöne Gesichter gesehen, zwischen dem Dornengestrüpp, durch das Tosen hindurch, während Du auf einem Stück Geröll des Weges, den du entlang rennst, ausgeglitten bist. Als du dann gegen die harte, schorfige Wand gestoßen bist, waren die schönen Gesichter verschwunden.

Das klingt theatralisch? Das klingt irreal? Das klingt wie die Phantasie eines Kranken? Überdramatisierend?

Jetzt in dieser stillen Minute, kommt es mir auch so vor. Bis eben aber empfand ich es als Realität. Ich erinnere mich so etwas oder Ähnliches als Albtraum gehabt zu haben. Wahrlich nicht nur einmal. Aber gerade war es kein Traum. Gerade nicht und gestern nicht und vorige Woche auch nicht.

Warum habe ich solche Bilder im Kopf? Warum laufen sie wie eine Kopie des Films meines gegenwärtigen Daseins in mir ab, während ich versuche zu arbeiten, zu funktionieren, durchzuhalten? Ich will diese Bilder nicht, ich weiß, dass sie krank sind. Sie erinnern mich daran, dass ich immer noch nicht gesund bin. Sie schreien mich an, dass ich nie mehr gesund werde.

Ich kann mich so schlecht konzentrieren. Ich lasse mich ablenken. Ich komme nicht voran. Zeit verstreicht so nutzlos. Lebenszeit. Ich werde immer trauriger, wütender, enttäuschter. Über mich und von mir. Frage mich, ob ich schon wieder einmal alles falsch gemacht habe. Und ahne, dass ich gelogen habe Ende voriger Woche als ich gefragt wurde, ob ich die Entscheidung, meine letzte, große, die ich im späten Frühjahr des Jahres dann irgendwann getroffen habe, schon irgendwie bereue, ob ich denn nicht meine, an meine Grenzen zu stoßen.

Ich habe das Gefühl, nichts mehr RICHTIG machen zu können in diesem Leben. Nicht für mich.

In einem ganz skurrilen Raum hat mir heute ein Mensch die Frage gestellt, warum ich so besonders, so speziell, bin. Er hat das sehr schnell bemerkt, weil ich mich dort komplett anders verhalten habe als alle anderen Menschen, die diesen Raum je betreten haben oder betreten werden. Und ja, ich habe mich dort so verhalten, weil ich auf gar keinen Fall so sein oder auch nur erscheinen wollte wie all die anderen Menschen dort, weil ich gerade dort herausschreien wollte: Ich bin wie ich bin. Ich bin ICH. Auch hier! Und wenn ihr alle noch so glotzt oder grinst oder sonst was von mir denkt.

Geholfen hat mir das nicht. Nur das Lächeln jenes Menschen, der mich gefragt hat, das hat mich ein bisschen getröstet, das war schön.

Ich habe heute auch ein paar Gedichte gelesen. Und einige angehört. Manche waren ganz kurz. Viele der Gedichte, die der betreffende Mensch geschrieben hat, sind ganz kurz. Wie aphoristische Gedanken.

Der Mensch, der sie erdacht, geschrieben und gesprochen hat, weiß nicht, dass ich ihn liebe. Wirklich liebe. Liebe, „nur“ wegen dieser Gedichte. Denn sonst kenne ich diesen Menschen gar nicht. Aber meine innere Stimme sagt mir, dass er so sein muss, wie die Worte die er schreibt. Sonst könnte er sie nicht schreiben. Wenn es anders wäre, wäre ich inzwischen auch im Erkennen auf dem Weg des Versagens. – Mich kennt dieser Mensch (natürlich) auch nicht. Aber so viele seiner Gedichte, Gedanken, sind so als würde er in mir leben und lesen können, was in mir geschrieben steht.

Ich würde so gern verweilen wollen in diesen Gedichten.

Ich würde so gern verweilen und bleiben wollen in und bei den Menschen, die in mir wohnen.

Aber ich kann nicht.

Ich muss weiter, immer weiter. Nicht wissend wohin. Nur nicht stehen bleiben. Damit es mich nicht überrollt. Damit ich nicht liegen bleibe …

***

Fenne Lily – „Car Park“

Verse -77-

Vom Sinn des Grau im Herbst

Nebel wallen durch die Tage.
Pflastersteine glänzen nass.
Über allem steht die Frage:
Farbe Grau, wem nützt du was?

Nebel ziehen durch die Nächte,
schließen alles Sehen aus.
Was ich dir noch sagen möchte,
bring ich mit keinem Ton heraus.

Nebel schleichen sich in Seelen,
decken zu die Fantasie.
Herzblut wird zu starren Stehlen.
Totenstill ist’s in der Früh.

Wenn sich die Nebel wieder heben,
befreit das Grau noch viele Farben,
gibt meiner Stimme wieder Leben:
Kann dir nun meine Liebe sagen!

Wenn die Nebel wieder schwinden,
Tätigkeit bald neu gelingt.
Die verblieb’nen Vögel künden,
dass auch Herbstzeit Freude bringt.

Die Botschaft ist: Das Grau muss sein,
währt es auch lang und wiegt es schwer.
Bewusst zu machen Farbenschein
und Lebens Sinn: die Wiederkehr.

***

Winona Oak – „Break my broken heart“

Tagebuchseite -835-

Von der Schwere mich zu mögen

Mich mögen. So wie ich bin. Jetzt, in diesem Augenblick und in der Summe der unzählbaren Augenblicke , die mein Leben ausmachen, die skurrilen, peinlichen, unangenehmen, die, über die ich niemals reden möchte und vielleicht niemals reden kann, eingeschlossen.

Mich mögen, mit meinen Stärken, die ich als solche immer wieder und im Zweifel auch aufs Neue erkennen möge, und meinen Schwächen, wegen denen ich mich nicht in Grund und Boden verurteilen oder schämen soll.

Wie schwer, wie unsagbar schwer das ist! Ungeachtet dessen, dass ich weiß, dass es nicht darum geht perfekt zu sein und ich das auch nicht wirklich anstrebe. Nein, ich will nicht perfekt sein und auch gar nicht im Ansatz den Anschein erwecken. (Diejenigen, die sagen, dass das ein Fehler sei, lasse ich reden.)

Ich kenne das „Therapie-Einmaleins“ zum Thema Selbstwertschätzung. Habe es eingebüffelt bekommen, und mein rationaler Geist findet viel Richtiges daran. Aber so oft ich über diese Brücke zu gehen versuche, so oft stürzt sie wieder ein. Denn jener Geist findet ebenso viel Richtiges an den Ansprüchen, die er, aus Lebenserfahrung gewonnen, Werte nennt. Und verbündet sich damit mit meinem emotionalen Geist, der den Namen Gewissen trägt.

Der Konflikt, den dieser emotionale Geist mit mir ausficht, dessen Teil er ist, mit mir, der ich noch viel mehr Emotion bin, ist für mich gefühlt so alt wie mein Leben. Und wird wie dieses immer mühevoller.

Manchmal schreit es mich an, dass ich zu wenig Disziplin, zu wenig Willen habe, aus diesem Teufelskreis (und es ist einer!) auszubrechen.

Es ist nicht so, dass ich mir, meinen Geistern, nicht regelmäßig Rechenschaft ablege. Vielleicht tue ich es viel zu oft, weil es einfach immer wieder geschieht. Unwillkürlich. Ohne, dass ich einzugreifen vermag.

Und so liegen sie wieder und wieder offen vor mir auf dem Tisch, die Ergebnisse jeden Augenblicks meines Daseins. Und so viele davon sind für mich immer wieder Versagen. Dann ruft es in mir, härter zu mir zu sein und weiß, kaum, dass es rief, dass ich auch darin versagen werde.

Wer so denkt, in wem es so aussieht und zugeht, dessen Wege sind einsam. Sie können keine anderen sein, weil sie für jeden Begleiter eine Zumutung wären und ein schleichendes Gift würden, für jeden, der sich wirklich auf sie einließe.

Die Menschen aber, die mich begleiten mögen, möchte ich schützen. Das ist der letzte Wille meines Sinns, den ich noch zu leben versuche. Nicht auch darin noch zu versagen.

*

Ich höre und sehe ein Duett zweier Menschen, die, einer schon vor Jahren, einer erst kürzlich, verstorben sind. Wie sie da singen, eindringlich, mit schönen, besonderen Stimmen, rühren sie mich sehr innig an. Ihr Lied ist längst vergessen, war schon damals, als es erstmals erklang, für so viele schon nicht mehr zeitgemäß.

Ich höre und sehe sie und in mir wird der Wunsch unbändig groß, dass sie noch leben sollen. Ich empfinde Liebe für sie, weil sie mir so viel Gefühl schenken, wie ich sie so höre und sehe. Und ich empfinde eine Traurigkeit, die kaum tiefer sein könnte, wären beide mir ganz nah und gerade gestern von dieser Welt gegangen.

In dieser Traurigkeit fühle ich kein Versagen, und wollten noch so viele darüber spöttisch lächeln, das in diesem Augenblick gerade diese beiden verstorbenen und von längst nicht allen gemochten oder gar verstandenen Menschen, diese tiefe Emotion in mir ausgelöst haben.

Traurigkeit, woraus oder aus wem heraus auch immer sie geboren ist, ist das wahrhaftigste, das echteste in mir.

Es ist nicht so, dass ich sie liebe. Traurig zu sein ist schwer, nimmt Kraft.

Aber ich mag sie.

Eben, weil sie das echteste meiner selbst, meines Ich ist, das ich ansonsten so schwer und so wenig zu mögen imstande bin.

***

Es gibt immer wieder Künstler, die irgendwie verborgen bleiben und allenfalls eine kleine „Gemeinde“ an Menschen erreichen. Zu erklären ist das oft nicht, denn es sind Autoren, Sänger, Komponisten und Poeten darunter, die viel zu sagen haben, deren Kunst deshalb schön ist. –

Schon zwei-, dreimal habe ich Lieder von ihr hier geteilt, die in meinen Augen genau so eine Künstlerin ist. Eine Songschreiberin und Sängerin, eine junge Frau, die obendrein wundervolle Gedichte schreibt. Ich meine Clara Louise, die in Deutschland geboren seit einigen Jahren in Österreich lebt, eine so genannte „Selfmade-Künstlerin“ mit einer ganz eigenen Poesie. Was sie vorträgt, trägt sie stets unaufgeregt aber sehr beteiligt vor, eindringlich, jedoch ohne einen besonderen Fokus für sich selbst zu beanspruchen. Ich mag sie, ihre Lieder, ihre Gedichte. Ihr Lied „Montag“ drückt sehr viel von dem aus, was ich oft empfinde …

Clara Louise – „Montag“

Tagebuchseite -834-

Warum ich heute so oft weinen muss

Indie-Pop dringt aus den Lautsprechern während ich vor diesem Fenster sitze und diese Zeilen schreibe. Die Musik und das Schreiben mögen mich ablenken von den Schmerzen, die heute wieder einmal besonders schlimm sind.

Aber der Gründe für mein von gerade dieser Musik untermaltes Schreiben sind andere. Es sind im Wesentlichen drei:

Ich bin sehr erschöpft und möchte etwas tun, was mir irgendwie gut tut.

Ich bin innerlich sehr glücklich berührt.

Ich denke gerade in diesen Augenblicken, jetzt ganz besonders, an mir liebe Menschen. Und, wenn ich diese Menschen nicht bei mir haben kann, dann ist Schreiben für mich immer so, als wenn ich etwas mit diesen Menschen teile. Und das ist auch so. Weil sie es auch lieben zu schreiben.

Die Erschöpfung ist Resultat der zu Ende gehenden Woche.

Das innerlich sehr glücklich berührt Sein ist Ergebnis des heutigen Tages.

Davon möchte ich erzählen.

Ich hatte heute meine erste große Hospitation von unserer Schulleiterin. In der Doppelstunde Mathematikunterricht in der 5. Klasse. „Meiner“ 5. Klasse, deren Klassenleiter ich gar nicht bin.

Ich war sehr aufgeregt, so wie ich es immer war und bin, wenn „Prüfung“ ansteht. Gefühlt einhundert Mal bin ich meine Vorbereitungen für diese Stunde, nachdem ich sie gestern fertiggestellt hatte, wohl in den Morgenstunden durchgegangen. Und mit jedem Mal wurde die Anspannung größer …

Dann war die Zeit heran. Ich betrat den Klassenraum. Die Kinder saßen alle (!) schon an ihren Plätzen, alle (!) an aufgeräumten Tischen, und ich hatte das Empfinden, dass mich alle 15 Augenpaare besonders intensiv anschauten.

Was soll ich wie weiter schreiben? – Die Kinder waren so fokussiert, dachten über jede meiner Fragen so angestrengt nach, meldeten sich. Irgendwer traute sich auf Anfrage immer, wenn bisweilen auch nach etwas Zögern an die Tafel. Und wuchs dort in manchem Falle über sich hinaus. Und bekam dann, so wie ich es in dieser Klasse wie sonst noch nie irgendwo schon manches Mal erlebt habe, einen kurzen aber herzlichen Szenenapplaus von allen anderen.

Sie schienen sich besonders auf diese Stunde vorbereitet zu haben, obwohl das ganz und gar nicht möglich war, weil sie nicht wissen konnten, was ich wie für diese Stunde geplant hatte und der zweite Teil zudem ein ganz neues Thema beinhaltete.

Ich hatte immer mehr das Gefühl, spürte es immer mehr als Wahrheit, dass sie mir durch diese Stunde helfen, mich begleiten wollten. Sie strengten sich alle (!) ganz bewusst dafür an …

So ging die Stunde vorüber …

Eine Gesamteinschätzung von der Direktorin werde ich erst nach ihrer zweiten Hospitation in einer Doppelstunde Deutsch (noch einmal in „meiner“ 5.) am Dienstag bekommen, aber ich bekam heute schon ein insgesamt positives Gesamtsignal für die heutige Stunde.

Als ich dann nach der Stunde, ohne Aufsicht zu haben, einfach um ein bisschen Luft zu schnappen gegen die in mir immer noch nicht abschwellen wollende Anspannung, auf den Pausenhof ging, gesellte sich nach ein paar Minuten Mara an meine Seite. Mara, die ein bisschen pummelig ist, aber so viel Güte und Sympathie ausstrahlt und durch ihre freundlichen Augen, ihr ebensolches Lächeln und ihren sich immer ihren Mitmenschen zuwendenden Charakter ein wunderschöner kleiner Mensch ist. Und fragt mich: „Ist es gut gegangen? Wir haben Ihnen helfen wollen …“

Jetzt, während ich das hier schreibe, kann ich sie ja laufen lassen, meine Tränen. Und, wenn ich ehrlich bin, laufen sie schon die ganze Zeit, und ich muss deshalb mein Schreiben immer wieder unterbrechen. Ja, ich MUSS weinen. Weinen vor Freude, vor innerem Glücksempfinden. Immerzu und immer wieder.

Was ist das für eine unglaubliche Klasse?! Was sind das für unglaubliche Kinder?! Wissen sie, haben sie eine bloße Ahnung, wie sie mir heute geholfen haben?! Wie sie mir immer wieder helfen?! –

Ich gehe seit dem ersten Tag sehr gern zu ihnen, zu ihnen am liebsten. In diese Klasse. Und ich bin glücklich und dankbar, dass ich bei ihnen die meisten meiner Stunden geben darf. Sie sind es vor allem, die mich alles durchstehen lassen. Die 12 -und 14-Stunden-Tage, den „Freizeitentzug“, der so ziemlich alle Zeit und alles betrifft, was mir neben der Arbeit lieb ist, meine leider wieder so zahlreichen depressiven Phasen, meine elenden Rückenschmerzen.

Ich LIEBE diese Klasse, ich liebe diese Kinder, ALLE, jedes einzelne, jedes auf seine ganz spezielle Weise. Diese 10-, 11jährigen Wesen vermögen viel mehr Liebe zu geben, geben viel mehr Liebe als so viele Erwachsene. Und wissen es gar nicht …

Sie wissen, dass ich schreibe. Sie haben mich so lange gebeten, dass ich ihnen tatsächlich am Anfang der Woche eines meiner Gedichte vorlesen „musste“ (ich habe zuvor noch NIE etwas von mir Verfasstes öffentlich vorgetragen). Und diesen unvergleichlichen spontanen Applaus von ihnen bekam. Einen ziemlich langen. Und dann erzählen musste, und wir ins Gespräch kamen über das Schreiben. Die halbe ausgefallene Philosophiestunde lang auf wundervolle Weise …

Was sie nicht wissen ist, dass ich hier heute von ihnen geschrieben habe.

Aber ich MUSSTE es tun.

Es MUSS in meinem Tagebuch geschrieben stehen und geschrieben stehen bleiben, unvergessen, was für wunderbare Kinder sie alle sind!

Nun laufen mir die Tränen schon wieder.

Und ich drehe die Indie-Pop-Musik noch ein bisschen lauter …

***

Weyes Blood – „Andromeda“

Tagebuchseite -833-

Von (sehr) spätem Erkennen, skurrilen Wegen und der schwierigsten Dankbarkeit

Sich dem Leben, wie es ist, einschließlich vor allem seiner Pflichten, zu stellen, ist das Eine. Das Eine, das nicht ausschließt, dabei Schönes zu sehen und zu empfinden, es mit anderen Menschen zu teilen. So verrückt es ist: Auch aus einem Hamsterrad heraus, lassen sich Augenblicke festhalten, die geben, tragen, die positive Erinnerung werden und manchmal bleiben, sogar lange bleiben.

Ich habe das erst erlernen müssen, und das hat viel Zeit gebraucht. Aber ich habe es wirklich gelernt, so sehr, dass ich es jetzt nicht mehr bewusst tun muss. Es geschieht einfach, dass ich diese Augenblicke wahrnehme. Das ist gut, das ist hilfreich. Mehr ist es nicht. – Ich bin dankbar dafür. Nicht weniger. Aber damit ist längst nicht alles „in Ordnung“.

Meine Träume sind nicht unbescheiden. Nein, das sind sie wirklich nicht, aber sie sind größer.

Das Erkennen jener Augenblicke, die Freude darüber, die ich nicht geringschätze, wiegen das Wissen und die damit verbundene Enttäuschung nicht auf, dass die meisten meiner Träume nicht mehr wahr werden können und werden.

Ich möchte mit dieser Enttäuschung nicht leben. Sie ist wie ein Gift, dass die Seele schleichend einhüllt und in ihr zu Selbstmitleid wird.

Ich möchte die Enttäuschung zu Liebe machen. Einen anderen Weg weiß ich nicht. Ich glaube, mein ICH ist mehr denn je bestrebt alles zu Liebe zu machen, in Liebe zu verwandeln, was ihm an Ungemach, Traurigkeit, Ungerechtigkeit, Zwang, Verzweiflung, Gefangenschaft und Ausweglosigkeit begegnet.

Das ist schön?

Wenn man eh‘ schon zu viel Liebe in sich hat?

Liebe zu leben, ist nicht genug, um dieses Übermaß „loszuwerden“, das überdies durch die beschriebene Enttäuschung und die genannten Wahrnehmungen, immer wieder und immer stärker genährt wird und so letztlich ungeachtet allen „Liebelebens“ immer größer wird. – So jedenfalls empfinde ich es.

Ich gehe viele Wege des Liebelebens. Nicht um des Zweckes selbst willen. Sondern, weil es in mir ist, immer mehr wird und ich nicht anders kann. Und es sind Wege dabei, die andere im Mindesten „ungewöhnlich“ oder „skurril“ nennen würden, vielleicht auch „bizarr“ oder „unglaubhaft“. Nur, um keine Zweifel aufkommen zu lassen: Es geht nicht um körperliches Liebe leben. Aber es geht um nicht weniger als ALLES andere, was Liebe, was Liebe leben, meint und ist und sein kann.

Ich beginne zu ahnen, dass ich nur noch diesen einen großen Sinn habe. Vielleicht hatte ich nie einen anderen, ohne dass mir das je so bewusst geworden ist. Und ich beginne zu ahnen, zu begreifen, zu verstehen, dass dieser Sinn, die eigentliche Ursache all meiner Sehnsüchte, Träume und also auch meiner Enttäuschungen ist.

Womit sich ein Kreis schließt.

Es wäre nicht unzutreffend, diesen Kreis Hamsterrad zu taufen, Lebenshamsterrad, Hamsterrad meines Lebens, meines Daseins überhaupt. Denn DAS ist mein Dasein.

Mancher näher scheinende, für viele Menschen auch tatsächlich näher seiende Weg des Liebelebens, ist mir versperrt geblieben. Manchen habe ich mir sicher auch selbst versperrt. Wäre das nicht so, hätte ich vielleicht nicht dieses Übermaß an Liebe in mir, wäre aber auch weniger Enttäuschung und Sehnsucht. Und bräuchte es nicht gar so sehr jene Augenblicke, die ich an und von Schönheit erhasche, während ich aus meinem ureigenen Daseinshamsterrad herauszuschauen suche.

Wären diese Augenblicke nicht, die ich erst erlernen musste, wahrzunehmen, und die gute Handvoll Menschen, die mir aus ihnen geboren wirklich folgt, denen ich ohne besorgt sein zu müssen von meiner Liebe geben darf und kann, und wären jene ungewöhnlichen, skurrilen, bizarren, unglaubhaften aber in meinen Augen doch einfach nur legitimen Wege nicht – mein letzter, mein einziger Sinn würde sterben.

Und mit ihm ich.

So aber lebe ich auch mit dem Wissen und der damit verbundenen Enttäuschung, dass die meisten meiner Träume nicht mehr wahr werden können und werden, weiter.

Und versuche, dafür dankbar zu sein.

***

Vor allem, wenn ich die Melodie zum Refrain dieses insgesamt schön arrangierten, getexteten und gesungenen Liedes höre, bekomme ich sehr Gänsehaut und meine Augen füllen sich, ohne dass ich mich wehren kann. Ich möchte die Musik ganz laut drehen …

Lumaraa – „Vergessen“

 

Tagebuchseite -832-

Jetzt, wo das Licht abnimmt (Herbstbeobachtungen)

Der Regen kommt und geht und kommt wieder. Er klebt die bunten Blätter an den Gehwegplatten und auf dem Asphalt des Radwegs fest. Nieselnde Tropfen lassen die Scheinwerferlichter der Autos aus der Ferne ein wenig wie Glitzersterne aussehen. Fadenscheinige Glitzersterne einer technisierten Welt im Grau, in das dieser Herbst sich hier wie wohl überall auf dieser Hälfte des noch blauen Planeten zunehmend kleidet.

Sonst ist kaum ein Glitzern zu sehen. Abgesehen von dem, das doch immer wieder einmal aus so manchen Kinderaugen scheint. Augen, die noch nicht so viel von der Welt gesehen haben. Ihr Glitzern erzählt etwas von aufrichtiger Neugier, spontaner Freude, von Sehnsucht, die noch nicht weh tut und Dankbarkeit die wahrhaft von Herzen kommt, dann wenn sie Zuwendung schauen.

Die anderen Menschengesichter erzählen wenig in diesen Wochen. Sie wirken meist seltsam verschlossen. Dabei trägt jeder Einzelne seiner Besitzer eine mehr oder minder lange Geschichte mit sich herum. Viele dieser Geschichten bewegen gerade in Herbsttagen die Seelen derer, die sie erlebt oder durchgestanden haben, ganz besonders intensiv. Aber Wind und Regen und selbst die Stille, die nun, wenn der Sommer ging, eine besondere, ein bisschen unheimliche ist, sind mutmaßlich zu laut als dass sie hörbar werden könnten oder wollten.

Herbstzeit ist, je weiter sie voranschreitet, mehr Zeit des Schweigens als jede andere. Während es im Innern häufig so sehr ruft …

Gut, wenn so ein rufendes Inneres einen wärmenden Ort findet, eine Schulter zum Anlehnen, eine dampfende Schokolade, eine kuschelige Decke und vielleicht ein Buch, welches die in den Menschen rufenden Geschichten, durch jene, die es selbst in sich birgt, ersetzt. Wenigstens für ein paar Augenblicke.

Manchem geschieht das manchmal, manchem öfter. Wenn es passiert, ist auch der Herbst schön.

Schön ist er auch, wenn er die Farben, die ihn malen wollen, leuchten lässt. Ab und zu kommt das vor. Dann werden Farben zu Schultern, zum Anlehnen. Derjenige, der keine anderen hat, soll sie, bitte, nicht übersehen. Und ihre Wärme zu spüren vermögen. Und sie mitnehmen in den Winter hinein.

Die Welt zieht dahin und was Leben ist darin. Auf Straßen und Plätzen, in Büros und Fabrikhallen, in Klassenzimmern und Krankenhäusern, in Theaterfoyers und Einraumwohnungen, auf Luxusyachten und in Schutzbunkern. So wie zu anderen Zeiten auch. Zeiten, während der die Natur mehr Sonne, Wärme und Licht hatte, oder Zeiten mit mehr Kerzen und dem Geburtstag von jenem, der als Sohn Gottes auf der Erde gewesen sein soll, den wir in diesen Breiten einst tatsächlich andächtig begingen und verbunden mit Einkehr dem besonderen und bewussten Gedenken an und Wünschen vor allem für die schweren Leben widmeten.

Längst haben Kerzen und das Feiern jenes Geburtstags für immer mehr Menschen diesen Sinn verloren. Sonne und Feiern gehen über Besinnung und Fühlen.

Spätestens seit das so ist, ist der Herbst die Botschaft für das Letztere, das doch notwendiger und wichtiger ist denn je.  Denn wer, wenn nicht er macht das Dahinziehen des Lebens, sein Vergehen, seine Endlichkeit, bewusst?

Sie ziehen doch anders, auf andere Weise, dahin, die Welt, das Leben, in diesen Tagen, Wochen und Monaten, in denen es auf ganz eigene Weise so viel mehr zu sehen gibt als dann, wenn Sonne ist oder Geburtstag.

Wenn wir es nur sehen wollen, uns anstrengen, die Augen offen zu halten, gerade jetzt, wo das Licht abnimmt.

***

Ein so schönes, eindringliches, stilles Lied, das so viel erzählt durch die einmalige, unverwechselbare Stimme seiner Interpretin …

Soko – „I’ve been alone too long“

Verse -76-

Wozu?

(Ballade einer Depression)

Ich hör‘ die alten Melodien,
ich hör‘ sie mit dem Herzen.
Sie sind Erinnerung, zu schön,
deshalb werd’n sie zu Schmerzen.
Doch neue, die so ähnlich sind,
tun gleichfalls mir so wehe,
sie klingen wie ein letzter Traum,
den ich entschwinden sehe.

Ich kann Erinnerungen schauen,
mein Herz kann sie erkennen,
als Zärtlichkeit noch Chance war.
Nun seh‘ ich sie verbrennen.
In ihrem Rauch stirbt auch das Hoffen,
dass es noch einmal anders würde.
Denn keine Tür steht jetzt mehr offen.
Versäumtes wird zur ew’gen Bürde.

Liebesmenschen, längst gegangen,
die weiß mein Herz bis heut‘ zu spüren,
weiß, wie sie sprachen, halfen, sangen,
um mich in Licht und Glück zu führen.
Weiß auch, dass die mich neu begleiten,
in Ihren Seel’n sind gleich so schön,
mich behutsam mögen leiten,
dass ich nicht letztlich bleibe steh’n.

Dies alles aber nährt die Quelle,
die Sehnsucht heißt und so sehr schwillt,
dass Bahn sie bricht als starke Welle,
strömend, salzig , heiß und wild.
Ich seh‘ die guten Menschen winken,
doch Tür’n sind zu, Traum über Bord,
und mein Herz droht zu ertrinken.
„Wozu?“, frag‘ ich mich immerfort.

***

Das folgende Lied ist eins, welches mir das Vermissen, das mein ganzes Leben lang währt und währen wird, sehr bewusst macht. Aber ich mag dieses Lied. Ich mag es sehr! Es drückt aus, was ich nicht aufhören kann, mir zu wünschen. –  Wer dieses Lied versteht, versteht mich.

In einiger Abwandlung eines Kommentars, den jemand in Anspielung auf den Namen der Band, die dieses Lied erschaffen hat und zu Gehör bringt, unter den Videoclip dieses Liedes gepostet hat, schreibe ich hier:

Ich rauche nicht.

Und meine Seele ist Jungfrau.

Aber ich liebe dieses Lied.

So sehr …

Cigarettes after Sex – „Haevenly“

Tagebuchseite -831-

Das Maß für mein Leben

Ich beginne zu verstehen, dass ich mein eigenes Gefängnis bin. Und ich beginne zu verstehen, dass es aus diesem Kerker heraus es keinen Schlüssel gibt, wenn ich ihn nicht selber finde.

Als ich gestern wieder hier angekommen war, schien alles wenigstens noch einigermaßen in Ordnung. Es war ein Tag des Nachhallens.

Das Gespräch vom Morgen hallte nach, das für mich kein leichtes war, weil es mir auf ganz eigene Weise viel Schweres, was ich eigentlich längst wusste, in seiner ganzen Dimension aufgezeigt hat.

Der Tag davor hallte nach, der Tag an dem ich die schönsten, bereicherndsten, einander verstehendsten Gespräche führen und in wunderbarster Begleitung Bilder betreten durfte und mich aufgefangen fühlte von Bildern und Begleiterin. So grausam-pathetisch es klingt: Wäre ich in einem dieser Augenblicke eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht, so wäre alles gut gewesen. – Ich weiß, dass das ein sehr egoistischer Gedanke ist. Denn es wäre nur gut gewesen für mich ganz allein.

Und auch die anderen Tage davor hallten nach, mit den vielen Eindrücken, die Gesehenes, Gehörtes, Gesprochenes, Erlebtes in angenehmer und interessanter Umgebung, geteilt mit ebensolchen Menschen in mir hervorgerufen hatten.

Heute ist alles anders. Ich weiß, dass ich wieder nur durch die Gitter meines Gefängnisfensters nach draußen geschaut habe. Heute sind nur eine unbändige, tiefe Traurigkeit und ein großes Angstempfinden in mir. So stark, so permanent, dass ich bislang nichts von dem tun konnte, was ich tun müsste. Was seinerseits meine Traurigkeit, meine Angst, nur noch größer macht. Wenn ich weinen, herzhaft heulen könnte, würde ich womöglich glauben, dass es dadurch vielleicht und wenigstens vorübergehend ein bisschen besser würde. Aber das würde es nicht. Es ist noch nie besser geworden dadurch. – Aber heute habe ich nicht einmal Tränen.

Ich suche ein bisschen „Heil“ hier in meinem Tagebuch. Nur deshalb habe ich eben begonnen zu schreiben. Obwohl ich längst Unterrichtsvorbereitungen beginnen müsste, Leistungskontrollen korrigieren und einen Termin beim Neurochirurgen vereinbaren. Aber nichts von alledem habe ich auch nur angefangen. Ich hocke hier vor diesem Fenster, gar noch unrasiert, obwohl es schon nach Mittag ist zu dem ich denn auch noch nichts gegessen habe.

Zuvor habe ich stundenlang versucht, meine „Courage“ zusammenzunehmen und mir wenigstens den Arzttermin zu organisieren. Ich surfte auf diesen und jenen Webseiten herum, um zu schauen, was mich und meinen Rücken denn nun erwarten könnte und in wessen Hände ich mich bestenfalls begeben sollte. Mit jedem neuen „Klick“ aber wurde es ärmer mit meiner Courage. Ich konnte nicht anrufen. Ich kann auch jetzt nicht …

Irgendwann, nein nicht irgendwann, so bald als nur möglich werde ich können müssen. Den Termin vereinbaren, meine Unterrichtsvorbereitungen machen, die Leistungskontrollen korrigieren und alles andere ausblenden. Alles! Und wieder funktionieren! Ohne das Leben da draußen. Funktionieren aus meinem Gefängnis der Traurigkeit, der Angst, der Dunkelheit und der Unfähigkeit der Liebe zu mir selbst heraus.

*

Ich beginne zu verstehen, dass ich, solange ich in meinem Kerker bin, solange dieser Kerker mich mit dem, was er ist, beeinflusst und steuert, solange er ICH ist, keine wirkliche Liebe zu mir entwickeln und empfinden kann. Es kostet schon alle, wirklich ALLE Kraft, dass ich mich nicht hasse.

Mich nicht zu hassen, ist Teil meines Funktionierens. Mehr nicht. Auch dafür muss ich mich sehr anstrengen. Eine Anstrengung mehr. Wohl das (einzige) Ergebnis meiner etlichen Therapien. Aber kein Schlüssel. Nicht der Schlüssel aus dem Gefängnis, das ich bin und auf dessen harten Boden ich seit heute Morgen, als mein Ich meine Kräfte schwinden ließ, weiter durch die Gitterstäbe nach draußen zu schauen, unsanft zurückgefallen bin.

Ich bin ratloser denn je, was den Schlüssel, was sein Finden betrifft.

Ich höre wieder die Stimmen, die mir sagen, ich solle mich doch (endlich) annehmen, wie ich bin, wissend, dass es gutmeinende Stimmen sind.

*

Ich beginne zu verstehen, dass ich mich wohl nie annehmen können werde, so, wie ich bin. Ich lebe in einem Gefängnis. Ich bin mein eigenes Gefängnis. Aus dem heraus es offensichtlich keinen Schlüssel gibt. Ich habe schon so lange, auf so vielen, auch vielen sehr unbequemen Wegen danach gesucht, dass ich nicht mehr daran glaube, ihn je noch zu finden.

Ich glaube, dass ich „lebenslänglich“ bekommen habe.

Ich soll mich annehmen, mich lieben. Ich habe es immer und immer wieder versucht, in den letzten Jahren sogar bewusst.

Hat je ein Mensch ein Gefängnis annehmen, es lieben können?

Ich kann (es) nicht (mehr).

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Still Corners – „Sad movies“

Tagebuchseite -830-

Tag der Wahrheit (Über die Wahrheit des Absoluten)

Wie oft ich schon über das Thema „Wahrheit“ geschrieben oder gesprochen habe, weiß ich längst nicht mehr zu sagen. Aber ich erinnere mich, dass ich mich immer ablehnend, zumindest aber vorsichtig geäußert habe, wenn es um die Absolutheit einer Wahrheit ging, wenn diese behauptet oder verteidigt wurde. Mehr als einmal war ich auch der Auffassung, dass es eine absolute Wahrheit gar nicht gäbe.

Seit gestern frage ich mich, ob ich nicht im Mindesten diese Auffassung mit zu großer Absolutheit vertreten habe, unterschwellig vielleicht sogar aus Angst, dass ich doch einmal mit einer absoluten Wahrheit konfrontiert würde und der sich daran quasi logisch anschließenden Befürchtung, einem solchen Imperativ des Faktischen dann nichts entgegensetzen zu können.

Gestern und in der Folge ist genau das geschehen: Dass ich einer unumstößlichen und also wohl absoluten Wahrheit nichts mehr entgegenzusetzen wusste und bis jetzt nicht weiß und auch in soundso viel Tagen, Monaten nicht wissen werde.

Ich hörte sie, sah sie in unzähligen Bildern, aus allen möglichen Perspektiven aufgenommen, und ich konnte sie auch lesen:

Meine Halswirbelsäule ist kaputt, sie ist auf sogenannte konservative Weise nicht mehr behandelbar. Die Schmerzen lassen sich durch Tabletten und Therapien welcher Art auch immer nicht einmal mehr verringern. (Stärker werden können sie allerdings noch, was ich mir freilich gar nicht vorstellen möchte.) Der Schmerz, den das Lesen des Wortes “ starke Nervenwurzelquetschungen“ erahnen lässt, ist der Schmerz, der seit ein paar Wochen zu mir gehört wie ein Zwilling. Er bleibt bei mir, wo immer ich bin oder mich hinbegebe: zur Arbeit in die Schule, während der Unterrichtsvorbereitungen daheim, in die Nacht zum „Schlafen“ …

Möglicherweise gibt es noch eine spezielle Spritze, die etwas Aufschub schaffen kann. Aufschub für das aber offenbar Unausweichliche: Eine Operation. Eine Operation an der Halswirbelsäule!

Schon in der Vergangenheit war die Vision eines solchen Eingriffs für mich immer mit einer anderen Absolutheit verbunden: mit Angst. Und jetzt habe ich absolute Angst.

Ich weiß, weil ich mich aufgrund vormaliger Beschwerden damit schon beschäftigt habe, was geschehen kann, wenn eine solche OP nicht die Ergebnisse bringt, die sie bestenfalls bringen soll. Dieses Spektrum ist groß und nicht eben einladend. Und ein Bestandteil dieses Spektrums ist so ziemlich das schrecklichste, was nur denkbar ist. Wenn das Realität werden sollte, wäre das eine Wahrheit in Absolutheit, die für niemanden verkraftbar ist …

Ich komme seit gestern innerlich nicht mehr zur Ruhe. Mich beschäftigt die unumstößliche Diagnose. Ich bin traurig, ratlos, unsicher. Ich wollte doch wenigstens mein erstes Schuljahr als Lehrer erst einmal bewältigen. Es wäre so wichtig, das Jahr kontinuierlich durchlaufen zu können um eine Basis zu haben für kommende Jahre.

Ich empfinde Wut und Scham bei der Vorstellung womöglich schon bald für mehrere Wochen aussteigen, ausfallen zu müssen und dann, wenn ich es denn wieder könnte, irgendwo mittendrinn wieder neu einsteigen zu müssen. Gerade habe ich meine Arbeit an der Schule begonnen und werde mutmaßlich bald zu einer Belastung für diejenigen, die sich endlich einmal ein bisschen Entlastung erhofft haben, weil bisher das Personal schon immer zu knapp bemessen war.

Eine innere Stimme sagt mir schon, dass ich mich deshalb nun mal am wenigsten fertigmachen sollte, aber mir ist es dennoch ganz und gar nicht egal.
Das Schlimmste aber sind die Unumstößlichkeit jener Wahrheit, absolut (sic!) unfähig zu sein, noch nach einer anderen Alternative zu suchen als jener, die mir so furchtbare Angst einflößt. Diese Angst wird mich von nun an nicht mehr verlassen …

Wann was weiter geschehen wird, weiß ich noch nicht. Es muss erst einmal ein Termin bei jenem Arzt vereinbart werden, den ich niemals aufsuchen müssen wollte. Wenn es irgend geht, „will“ ich eine OP erst zu Beginn einer etwas längeren Ferienetappe absolvieren müssen, weil ich dann hoffentlich nicht so lange in der Schule fehlen werde. Wenn ich denn dann überhaupt wiederkommen können werde, wenn ich es überhaupt noch so weit schaffe mit den Schmerzen, wenn es denn die besagte Spritze gibt, wenn, wenn, wenn …

*

Ich habe mich so sehr auf die sechs Tage ab morgen gefreut. Sechs Tage „Ausbruch“ aus dem Alltag, den ich seit Mitte August lebe und der keine Zeit mehr lässt für etwas, was nicht Arbeit ist. Sechs Tage in ganz anderer Umgebung, sechs Tage mit den mir wichtigsten und liebsten Freunden und bei einer Cousine. Fünf Tage in der Bundeshauptstadt und einen in Potsdam.

Ich freue mich immer noch sehr auf diese Tage. Und ich werde fahren. Auch mit meinen Schmerzen, mit denen ich ja auch zur Arbeit gehe. Ich möchte eine andere Umgebung atmen, ich möchte meine Freunde wiedersehen, endlich, das zweite und vermutlich letzte Mal in diesem Jahr.

Ich habe freilich nun neben der Freude auch Tränen, die keine Freudentränen, sondern solche, die Tränen der Angst und der Traurigkeit sind, in den Augen beim Gedanken an diese Reise. Denn die große, neue Angst wird eben auch mitfahren. Und das Wissen, dass Wahrheit, und, wie ich vermute, insbesondere negative, wohl doch absolut sein kann.

*

Dich, mein Tagebuch schließe ich nun für die Zeit meiner Fahrt bis zu meiner Wiederkehr hierher, an den Ort des Tages der absoluten Wahrheit für mich.

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Aurora B. Polaris – „The vision of light“

 

Tagebuchseite -829-

Eine Wegbeschreibung

Als ich dich betrat, war es ein besonderes Gefühl. Unsicherheit und Erwartung spürte ich, Angst und Freude. Dass du nicht besonders breit und besonders eben sein würdest, konnte ich vermuten. Wie schmal und zerklüftet auch, das habe ich mutmaßlich unterschätzt.

Vielleicht habe ich auch mich überschätzt. Das weiß ich noch nicht. Manchmal scheint es so. Doch ich will das nicht wahrhaben. Es ist zu wenig Zeit vergangen bisher, um das schon wahrhaben zu können oder gar zu wollen.

Ich wollte auch wissen, wer ich bin, so wie ich heute bin. Was ich noch zu leisten imstande bin. Ich habe mich für die Herausforderung entschieden. Die Herausforderung, die du bist.

Es ist geschehen, dass ich mich verlaufen habe auf dir. Manchmal wirst du zum Labyrinth, bist es vielleicht gar nicht, aber ich verirre mich dennoch auf dir. Immer öfter. Zuletzt wurde es richtig peinlich. Jemand anderes hatte unter meiner Verirrung zu leiden. Ich wäre vor Scham am liebsten ganz tief im Erdboden versunken. Aber das war nicht möglich. Ich musste weitergehen auf dir.

Nun bist du das erste Mal so eng geworden, richtig eng. Gerade als sich weit unter dir eine Schlucht aufgetan hatte. Ich fand mich wieder wie auf einem Drahtseil.

Ich hatte schon immer Höhenangst. Seit ein paar Jahren ist sie noch einmal um Vieles schlimmer geworden. Nachdem ich abgestürzt war.

Und nun hat mich wieder ein Hauch von ihr gestreift. Sehr unmittelbar, während ich ganz allein mit mir war. Der Hauch hat mir Schwindel geschickt. Ich legte mich hin, um nicht wirklich zu stürzen und wäre wohl sogar in Schlaf gefallen. Aber das war und ist mir nicht gestattet. Es läutete an der Tür …

Es läutet beständig, seitdem ich begonnen habe, auf dir zu gehen, Balance zu halten, nicht zu fallen.

Der Unterschied zu früher, als ich schließlich tatsächlich gefallen bin, ist, dass ich deine Säume, deine Ränder, deine Ufer, die ich betreten darf und muss, überwiegend mag. Aber sie sind eben auch so sehr Herausforderung. Es kostet viel, sie zu besuchen. Jeden Tag, jede Stunde zahle ich einen Preis dafür.

Ich beginne zu begreifen, dass ich mich immer noch nicht kenne. Und ich beginne zu erfassen, dass ich mich noch nie richtig gekannt habe und nie wirklich kennen werde. Ich bin kein anderer Mensch als die Menschen, die ich nicht bin und mit denen es mir ebenso geht.

Gibt es einen Menschen, der sich selbst wirklich, richtig, umfassend kennt?

Einen Weg, der zum Leben gehört, Teil des Lebens, Leben selbst ist, kann man nicht zurückgehen. Er ist in dem Augenblick vergangen, in dem die Zeit vergangen ist, während man ihn beschritten hat. Die Möglichkeit einer Rückkehr existiert nur in unserer Phantasie. Die Möglichkeiten, die es tatsächlich gibt, sind andere. Es sind allenfalls drei an ihrer Zahl.

Da ist, erstens, die Möglichkeit des Weitergehens. Wenn es gelingt, nicht abzustürzen.

Da ist, zweitens, die Möglichkeit abzubiegen. Aber egal wie schön die Säume, die Ränder, die Ufer des begangenen Weges sein mögen, was sich hinter ihnen befindet oder auftut, ist im Augenblick der Entscheidung ungewiss. So ungewiss, wie du es gewesen bist, als ich mich entschloss, auf dich einzubiegen, dich zu betreten.

Die dritte Möglichkeit ist grundsätzlich wahrscheinlich nur eine vermeintliche. Zumindest löst sich durch ihre Wahrnehmung nichts. Innehalten als solches löst kein Problem, beseitigt keine Schwierigkeit. Es verschafft eine Atempause. Erst der nächste gegangene Schritt kann der Beginn einer Lösung sein. Oder auch nicht.

Manchmal räumt der Weg, den man beschreitet, selbst die Möglichkeit eines Innehaltens ein. Ich bin froh, sehr froh, unglaublich dankbar, dass mein Weg mir ab Mitte der kommenden Woche so eine Möglichkeit gewährt.

Es wird höchste, allerhöchste Zeit …

***

Ein Lied, das wie ein Traum für mich ist. Einer, der mich ein wenig traurig macht, aber doch sehr schön ist.

Ich bin sehr froh diese Musik, mit diesem Text, von zwei tollen Künstlern gesungen, entdeckt zu haben.

Es ist wieder mal so ein Lied, das es in keine Charts schaffen und das kaum eine der herkömmlichen Radiostationen auf seine Playlists setzen wird. Umso mehr ist das Entdecken solcher Lieder für mich immer wieder ein Lohn für mein „auf der Suche bleiben“, eine Bestätigung, dass ich noch einen Sinn habe, er mir noch nicht verlorengegangen ist. Auch jetzt nicht. Mein Sinn, der die Blumen am Wegesrand liebt.

Cocoon & Lola Marsh – „I got you“