Wegweiser durch diesen Blog

Tagebuchseiten:

Hier sind meine Reflexionen über Ereignisse und Begegnungen im Alltag ebenso zu finden, wie meine Gedanken über „Gott und die Welt“ – in loser Folge, ohne Ordnung …

(Mit Beginn des Jahres 2017 erscheinen einige meiner Tagebuchseiten als Selbstgespräche . Grund dafür ist eine umfassendere Idee, die ich schon lange in mir trage. Vielleicht entsteht aus den entsprechenden Texten irgendwann ein Weg, der zu ihrer Realisierung durch mich führt. Vielleicht …)

Sentenzen:

Nachdenkliches zu Themen, die mich immer wieder und nachhaltiger bewegen und beschäftigen, die in meinem und für mein Leben zumeist eine wichtigere Rolle spielen.

Verse:

Einige meiner Versuche, Gedanken, Eindrücke, Reflexionen und Ansichten in lyrischer Form zu verarbeiten.

Gedanken zu Aphorismen:

Was immer ich auch lese, ich spüre darin aus meiner Sicht interessante Sinnsprüche auf. Einige von denen, die mich besonders inspirieren, zum Nachdenken anregen, meinen Widerspruch herausfordern, bespreche, diskutiere ich hier.

Zwischenstopps:

Texte oder Begebenheiten über die ich „gestolpert“ bin, darunter Merkwürdiges, Skurriles, Witziges, Unglaubliches – manchmal mit kurzen Kommentaren von mir versehen. (mitunter auch Musiken, mit denen ich mir einen Zwischenstopp genehmige …)

Sammelsurium:

Hier finden sich von mir verfasste, kleine Rezensionen zu Büchern, die ich gelesen habe, eigene Gedanken in Aphorismenform, die ich zur Diskussion stelle, und Sonstiges, was mir mitteilenswert erscheint.

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Tagebuchseite -783-

Was keine Nostalgie ist und es auch niemals sein darf

Sonntage, die einer etwas längeren Zeit des Atemholens vom Alltag folgen, sind die schlimmsten. Sie sind immer Tage höchster innerer Anspannung, die sich in jenem Angstgefühl Bahn bricht, das schließlich permanent wird und die eigene Empfindsamkeit auf höchste Grade treibt.

Nicht deshalb schreibe ich hier über ein Phänomen, was ich schon lange beobachte und was mich auf andere Weise auch in einen sehr sensiblen Empfindsamkeitszustand versetzt. Oder vielleicht doch?

Es geht um etwas, dass mir vor allem in Zusammenhang mit Musik immer wieder geschieht, dann, wenn ich bestimmte Musik, aus bestimmten Zeiten, vorgetragen von bestimmten Interpreten höre. Musik, Gesang, die mich völlig aus der Gegenwart fortreißen und mir ein Gefühl von jener Zeit vermitteln, in der sie entstanden sind, in die sie hineingehört haben.

Ob dieses beim Hören jener Stücke entstehende Zeitgefühl etwas mit damaliger Realität, zumal der „objektiv gewesenen“ zu tun hat, vermag ich kaum zu sagen, denn ich weiß, dass es ein sehr subjektives Gefühl ist. Aber es ist kein verklärtes. Die Bilder, die es mir zurückruft, sind nicht nur schöne.

Dennoch ist dieses Gefühl ein sehr sehnsuchtsvolles, eins, das vermittelt, dass etwas unwiederbringlich geworden ist. Nicht nur deshalb, weil jüngere Generationen, solche grundsätzlich allenfalls Musik schlichtweg als „alt“, „gewesen“, „peinlich“, wahrnehmen, wenn denn überhaupt und das bestenfalls von einem mehr oder weniger aufrichtig Mitleid signalisierendem Lächeln begleitet wird.

Es ist Musik, zu der nicht passt, dass ich sie ja streamen kann, wenn ich das will. Im Zweifel kostenpflichtig, wenn ich denn meine tatsächlich etwas so „Exklusives“ hören zu wollen oder gar zu müssen.

Heute ist nur noch Mainstream frei empfangbar.

War das „damals“, als jene „alte“ Musik entstand, anders? Schwer zu beantworten, da ich seinerzeit nicht in dem Land lebte, in dem ich heute lebe und es zudem eines war, in dem den Menschen bewusst Dinge, auch Musiken, vorenthalten worden sind. Heute dagegen, kann ich alles hören, gegebenenfalls halt gegen Bezahlung. Wenn ich es mir denn leisten kann. Das ist „Freiheit“ 2.0.

Es gibt in jeder Gesellschaftsordnung Unfreiheiten. Als solche benannt werden sie höchstens irgendwann später einmal.

Aber noch einmal zurück zu jenem Gefühl, das „gewesene“ Musik in mir wachruft, sich entwickeln und sehr stark werden lässt und dann immer eine ganze Weile bei und in mir bleibt.

Es ist jedes Mal ein sehr großes, sehr intensives Gefühl. Ein Gefühl von Verlust, von Sehnsucht und einer schier überwältigenden Liebe. Und diejenigen, die sie mir bis heute unverändert, unverfälscht zu Gehör bringen, die längst sehr reich an Lebensjahren oder auch schon verstorben sind, liebe ich mit, so wie sie da singen, so wie ich sie mitunter noch sehen kann in einem wackligen Video, das von „HD“ noch so gar nichts weiß und erfahren hat.

Ich möchte, dass sie weiter so sind und bleiben, wie ich sie höre und sehe, und ich wünsche mir, dass andere, dass alle, auch die Jungen von heute, sie eben so sehen und erleben können und mögen. In ihrer andersartigen Schönheit.

Ich will nicht, dass sie, dass das tatsächlich verloren geht.

Ist es nicht doch vor allem Nostalgie zu tun, was ich da empfinde?

Die „alten Zeiten“ als solche wiederhaben möchte ich nicht. Nicht nur weil jene Musik, keineswegs nur aus jenem Land stammt oder dort produziert wurde, in dem ich aufgewachsen bin, seinerzeit lebte. Die anderen Länder, auch, das aus dem das geworden ist, in dem ich heute lebe, kannte ich gar nicht.

Ich glaube, was ich mir wünsche, wonach ich mich sehne, ist ein Lebensgefühl. Ein ganz bestimmtes. Eines womöglich, wonach ich mich schon immer gesehnt habe, das ich möglicherweise außer in jener und durch jene Musik noch nie wirklich erlebt habe, das noch nie wirklich Realität gewesen ist.

Wenn ich ehrlich bin, dann spüre ich diese Sehnsucht mitunter auch beim Hören von einigen Liedern aus späterer und auch aus heutiger Zeit. So wie ich bei den alten Liedern Verlust und Unwiederbringlichkeit empfinde, empfinde ich dann Unerreichbarkeit. Manchmal schwingt dabei allerdings immer noch eine kleine Hoffnung mit. Eine Hoffnung, die nicht mehr schwingt, wenn ich die Musiken von früher höre, die nunmehr „gewesen“ sind. Aber ich wünsche sie auch ihnen sehr, so sehr. Nachträglich sozusagen. Und deshalb ist meine Liebe zu ihnen wohl nach wie vor so besonders groß. Und wird es mutmaßlich auch bleiben.

Nein, Nostalgie ist das wohl nicht.

Liebe ist zeitlos.

Würde sie, egal worauf sie sich bezieht, wenn es denn nur wirkliche Liebe im ureigensten Sinn ist, zur Nostalgie oder zu solcher erklärt oder gar herabgewürdigt, dann würde es ganz dunkel.

Manchmal ist es das schon …

***

Es ist nicht nostalgisch. Es gehört zu den „heutigen“ Liedern, die ich mag. Die Singer/Songwriterin Frokedal aus Norwegen interpretiert es. Ich höre das Lied und wünsche mir, dass dieser Sonntag ein wenig leichter würde …

Frokedal – „Treehose“

 

Tagebuchseite -782-

Die Geschichte eines einmaligen (?) Donnerstags

Ich sitze im Bus, der in die Landeshauptstadt fährt. Ich höre Radio über mein Mobiltelefon. So wie er jetzt gerade klingt, wünsche ich mir meinen Lieblingssender immer: Ich bekomme Menschen vorgestellt im Rahmen von Gesprächen, die diese Bezeichnung noch wohlverdient haben, und es gibt zwischen durch immer einmal wieder eine Musik, nichts, was Mainstream ist, aber interessant, inspirierend, ungewöhnlich und schön, dazwischen Nachrichten.

Während der Fahrt schaue ich viel aus dem Fenster. Bis auf sehr wenige Anzeichen ist noch nicht erkennbar, dass die Natur dabei ist, aus der Winterruhe zu erwachen. Eine große Schar Schwäne, auf einem Acker, aus dem es grün sprießt, tut sich an der jungen Frische gütlich. Unwirsch schiebe ich den Gedanken an die Bauern, die immer wieder einen Abschuss solcher Schwäne thematisieren, beiseite. Schwäne schuldig sprechen ist für mich der falsche Ansatz.

Als ich drei Viertelstunden nach meiner Ankunft im Kino sitze, bin ich zunächst ganz allein. Nach und nach gesellen sich wohl noch acht weitere Menschen zu mir, alle paarweise, alle in der Weis(ß)heit der mittleren Lebensjahre angekommen seiend. 189 Minuten später stehe ich ganz allein an der Seite des Kinosaals schaue auf den Abspann auf der Leinwand und lausche bis ganz zum Schluss der atemberaubenden Musik. Die anderen Zuschauer sind schon vor Minuten gegangen. Ich hingegen befinde mich noch ganz und gar in der Handlung des Films, bin vollkommen Emotion, eine Emotion, die so ganz, ganz viele sind. Immer noch, so wie ganz oft während des Films.

Kurz darauf weiß ich, dass, egal was diese oder jene Kritik sagen mag, ich einen der für mich schönsten, ergreifendsten Filme meines Lebens gesehen habe. Einen Film über Menschen, ihre Schönheit, ihre Abgründe, über deutsche Geschichte, über Kultur und Ethik. Ein Film mit großartigen Schauspielern, einem großen Erzählbogen, ein Drama, ein Thriller und ein Liebesfilm, ein politischer, ein künstlerischer und ein Familienfilm, ein Film mit viel besonderer Musik.

Ein Film, der, so wie heute, nur relativ wenige Menschen erreichen wird, nicht nur deshalb, weil er in „meiner Stadt“ gar nicht gezeigt und hier, in der Landeshauptstadt, nur in diesem einen Kino, nur eine einzige Woche lang, ausschließlich morgens um 10.15 Uhr aufgeführt wird. Mehr als vier Monate nachdem er in den Metropolen fern der nordostdeutschen Provinz seine Premieren hatte.

Mir fällt ein Aphorismus von Volker Braun wieder ein: „Provinz, das ist der leere Augenblick. Geschichte auf dem Abstellgleis.“ Darüber sinne ich nun ein bisschen und auch darüber, dass dieser großartige Film so einen unspektakulären Titel hat. Als wenn er ein „Werk ohne Autor“ wäre …

Minuten später bin ich wieder hinaus auf die Straße getreten und spüre außer der frischen Luft immer noch nichts anderes als den Film in mir, nichts, außer ein paar Klängen, die mit jedem meiner Schritte ein bisschen näher auf mich zukommen. Noch nie zuvor bin auch aus der Welt eines Films unmittelbar in die Welt einer Stimme übergetreten, die Stimme eine Straßenmusikerin.

Sie sitzt da, ein Mikrofon in der Hand, in einen Schal gehüllt. Die Musik, zu der sie singt, lässt sie aus ihrem Mobiltelefon über zwei Lautsprecher auf den Platz vor dem Einkaufszentrum tönen. Und ihre Stimme dazu, ihre besondere Stimme. Ich bleibe stehen ohne es zu bemerken und höre ihr zu, dieser Stimme. Dunkel und warm, dann und wann ein Spektrum erklimmend, so wie ihre Inhaberin es möchte, sich mal ein wenig überschlagend oder ohne „Stolpern“ helle und klare Töne in die dunkle Wärme malend.

Ein sehr alter, mühsam gehender Mann wirft ihr eine Münze in den Hut und eine Frau, der die Sängerin vor Minuten ein nicht mehr vergehendes Lächeln ins Gesicht gezeichnet hat, tut es ihm nach. Die Sängerin unterbricht jedes Mal kurz ihren Gesang, um ein „Dankeschön“ zu sagen. Ich stehe noch eine Weile so zuhörend da, nachdem ich schon längst eine Zwei-Euro-Münze gegriffen habe. Schließlich traue ich mich, gehe auf die Sängerin zu, meinen Zeigefinger längs über meine Lippen gelegt. Als ich die Münze in ihren Hut werfe, schaut sie mich an. Ein leises Lächeln huscht über ihr Gesicht als sie mich gewahr wird mit meinem Zeigefinger vor meinen Lippen. Und diesmal, ohne ihren Gesang zu unterbrechen, so wie ich es mir gewünscht habe, sagen ihre Augen „Danke“.

Ein etwas sehr gesprächiger Zeitgenosse redet in der Folge auf mich ein, wann und wo er die Sängerin schon gesehen hat und wie oft er ihr schon „etwas gespendet“ habe. – So bin ich denn zurück in der Realität und spüre, dass ich etwas hungrig bin.

Ich kaufe mir eine große Backkartoffel „türkisch“ mit Kräuterbutter und Käse, mit viel Cous-Cous, Tomaten, Gurken, Oliven, Erbsen und Mais, mit Feta und einer frischen Sour-Creme. Diese Kartoffel gibt es nur hier unten in diesem Einkaufszentrum. Ich mag sie sehr, und woanders hier in der Gegend kann ich sie nirgends bekommen.

Ich habe noch ungefähr eine Stunde Zeit bis mein Bus zurückfährt. Recht ziellos streife ich durch zwei, drei Läden, schaue ein bisschen nach Kleidung. Aber ich habe, wie so oft zuletzt, keine Lust, mich der „Realität“ zu ergeben. Heute noch viel weniger als sonst.

Statt dessen gehe ich, nun von absolutem Vorsatz angetrieben, in jenen Buchladen, in dem ich schon vor Beginn des Films am Morgen hin- und hergeschlichen bin, an mich haltend, nicht „schon wieder“ ein Buch zu kaufen. Und ich setze den Vorsatz umgehend in die Tat um und kaufe nun gleich zwei Bücher, zwei Romane, die ich zuvor schon so lange immer nur beäugt hatte.

Auf der Rückfahrt im Bus liegen die beiden Bücher neben mir auf dem Sitz. Ich empfinde etwas wie Stolz und ich freue mich über die beiden, wie sie nun mir gehören. Und ich schicke meine Gedanken zwischen ihre Seiten und sehe noch einmal Bilder aus dem Film von heute Morgen. Aus meinen Ohrhörern klingt wieder so eine besondere Musik, die mein Lieblingssender gerade spielt. Und die Realität wird für einen Augenblick zu einem Tagtraum, ich schmecke die Backkartoffel und während ich zwischen den Buchseiten Filmsequenzen wiederentdecke, glaube ich für einen Moment, die Sängerin von vorhin im Radio zu hören …

*

Ich habe sehr lange gebraucht, mich zu entscheiden, zu überwinden, diese Fahrt gestern zu unternehmen.

Weil ich schon über eine Woche sehr allein in der Dunkelheit meines schmerzenden Ichs gewesen bin. Und weil ich grundsätzlich schlecht ganz allein mit mir etwas unternehmen kann, zumal außerhalb der vertrauten vier Wände. Weil mir dann meine Einsamkeit, diese spezielle, nur noch bewusster wird und dann sehr oft alles nur noch mehr weh tut.

Ich habe trotz all des schönen Erlebens gestern, diesem wundervoll kulturvollen Tag, der mir erst durch sie sehr kurzfristige Mitteilung nicht zur Arbeit gehen zu brauchen, ein freier Tag geworden ist, sehr vermisst, mein Erleben, mein Empfinden teilen zu können. Ich hätte zum Beispiel sehr gern das Erleben des Films mit jemandem geteilt, mich gern mit jemandem über das gemeinsame Erleben ausgetauscht.

So bin ich nun also wieder in meiner inneren Welt. Immerhin habe ich es während der letzten Tage durch ihren Trübsinn hindurch schon geschafft, wieder mehr zu lesen, den Genuss der Sprache, des großen Romans, den ich vor Wochen begonnen und dann nicht mehr in die Hand zu nehmen vermocht habe, wieder zu finden.

Wenn ich es recht bedenke, hatte der Tag gestern eine irgendwie ähnliche, sehr schöne Sprache von jener Besonderheit, die mich sehr zu berühren vermag.

Es war schon gut, dass ich gefahren bin …

***

Hier ist noch eines jener Lieder, die ich gestern während der ersten, der morgendlichen, Busfahrt gehört habe:

Jonathan Jeremiah – „Wild Fire“

 

Sammelsurium -104- (Sechs Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Der erste Eintrag in der Rubrik „Sammelsurium“ meines Tagebuchs im Jahr 2019 enthält wieder ein paar aus meinem Gedankenorbit „entsprungene“ Sinnsprüche sowie einen „Schnipsel“, hinter dem sich dieses Mal wieder eine kleine Betrachtung findet. Dazu gibt es dann noch ein, wie ich finde, besonders schönes Lied. Hier zunächst die Sprüchlein, sechs an der Zahl:

Diejenigen, die äußerliche Schönheitsideale definieren und verbreiten, lieben die Menschen nicht.

*

Wie du deinen Blick auch wendest, von wo aus du auch schaust, es bleibt immer DEINE Perspektive, aus der du das Leben betrachtest.

*

Ein Teil deines ICH bleibt immer in dir gefangen. Wie klein oder groß dieser Teil ist, bleibt oder wird, hängt von deiner Lebens(un)tüchtigkeit ab.

*

Wer mit sich selbst nicht zurechtkommt, wird leicht immer wieder verlassen werden.

*

Der besondere Reichtum der sehr sensiblen Menschen, lässt sie bisweilen nicht nur eine besondere Armut fühlen, sondern gar tatsächlich erleben.

*

Ein wirklicher Freund wird niemals über dich richten. Tut er es doch, war er kein wirklicher Freund.

**

Schnipsel (5)

Über Eiskristalle

Geht es zu weit, in Eiskristallen, in Eisblumen Lebenslinien zu sehen oder sie mit solchen zu vergleichen?

Sie werden durch die Natur gezeichnet, sind ein Stück Natur. Es braucht Wasser dazu, und ohne Wasser ist Leben nicht denkbar. Das Leben aber zeichnet selbst täglich unzählige Linien. Die eindrucksvollsten in die Gesichter der Menschen, die seine höchstentwickelte Form verkörpern. Am deutlichsten sicht- und lesbar gerade dann, wenn sich das Leben im menschlichen Körper schon dem Ende zuneigt, es sich aus ihm Schritt für Schritt verabschiedet.

Linien am Anfang und am Ende des Lebens. In seinem Ursprung und dann, wenn es verlischt. Lebenslang. Lebenslinien.

So erscheint es mir gar nicht so abwegig, Eiskristalle und Eisblumen als Lebenslinien anzunehmen. Und also sogar als den BEGINN von etwas, etwas Großem …

***

Tatsächlich soeben entdeckt habe ich das nachfolgende Lied. Eins von denen, die ich, obwohl schon vor Jahren produziert noch nie gehört habe. Eine wundervolle Ballade, von der französischen Sängerin und Schauspielerin Lou Doillon selbst komponiert und getextet und auf ihrem ersten Album im Jahr 2012 veröffentlicht.

Lou Doillon ist die Tochter des französischen Regisseurs Jacques Doillon und der englischen Schauspielerin und bekannten Sängerin Jane Birkin. Ihre Halbschwestern sind die Schauspielerin Charlotte Gainsbourg und die Fotografin Kate Barry. Soeben ist ihr neuestes Album „Soliloquy“ (Selbstgespräch) erschienen. Hier aber ist erst einmal das so schöne Lied von ihrem ersten Album:

Lou Doillon – „I.C.U“

Tagebuchseite -781-

Über die Ferne meiner Träume und die Begegnung mit einem besonderen Brief

Während ich meine Schritte am Boden meines Selbst in unbestimmte Richtungen gehen lasse, gewahre ich über mir meine Träume und Sehnsüchte. Weit über mir ziehen sie dahin, höher und weiter als je zuvor.

Meine Füße schmerzen von der langen, nie endenden Wanderung in mir, und der Boden meines Selbst vermag die gegen unendlich tendierende Summe all ihrer Schritte manchmal kaum noch auszuhalten. Er ist wund von den unzähligen Auftritten. Aber das Wandern hört doch niemals auf.

Ich schaue nach oben in die hohe Ferne und zwinkere und winke meinen Träumen und Sehnsüchten zu. So, wie gegenüber die dunklen Wipfel der Bäume es auch tun, zum wieder dicht grauen Himmel hin. Er birgt, wie der meine die meinigen, die ihrigen Träume und Wünsche. Nach Regen aus seinen Wolken und nach der Sonne, die irgendwo hinter ihm scheint, unsichtbar von hier unten.

Jeder Himmel öffnet sich irgendwann wieder und lässt die Sonne ihre Strahlen wieder senden, wenigstens für eine Weile. Und auch Regen wird er wieder spenden, zu gegebener Zeit. –

Dafür will ich dankbar sein und bleiben.

Wissend, dass ich längst im Herbst meines Lebens lebe und darauf allenfalls noch ein Winter folgt. Es wird noch kälter werden. Für wie lange …?

Mir ist vor Tagen ein Brief begegnet. Ein ganz besonderer, wunderbarer Brief. Jemand hatte ihn an sein jüngeres Ich geschrieben. Ein Brief eines gerade beginnenden Sommers an den Frühling, der er zuvor gewesen ist. Der junge Sommer holte den kleinen Frühling ab, so wie dieser war, etwas schüchtern und irgendwie suchend vor allem. Und er konnte ihm Voraussagen machen, ganz überwiegend schöne, für die es wohl einige Hürden zu überwinden galt, die aber schließlich Wirklichkeit wurden.

Nun träumt der junge Sommer selbst, sich seiner bewusster seiend als der kleine Frühling. Seine Träume scheinen ihm nah zu sein. Er braucht ihnen nicht zu winken. Sie sind er selbst und sie machen ihn schön.

Warum sind die meinen so weit, so entfernt, so schier unerreichbar geworden? Sind sie zu unbescheiden? Sind sie zu wenig realistisch?

Wie realistisch kann oder muss ein Traum sein, um Traum sein und doch Wirklichkeit werden zu können? Und wen oder was braucht es dazu?

Ich weiß auch im Herbst meines Lebens keine Antwort auf diese Fragen.

Wie würde ein Brief von mir an meinen Frühling ausschauen? Von mir, der seinen Sommer genau kennt, weil dieser, wie mein Frühling, schon Vergangenheit ist.

Je länger ich über diese Frage nachgedacht habe, um so mehr hat sie mir Angst eingeflößt. Denn ich fürchte, dass das wesentlich gar kein schöner Brief würde. Kein schöner Brief werden könnte. Und ich beginne zu ahnen, dass das an meinem Sommer liegt. Dem, was er gewesen ist und vor allem auch nicht war.

Ich zweifle daran, dass es irgendeinen Sinn macht, noch nach den Gründen dafür zu fragen, Ursachen dafür zu benennen. Eine, die eine ganz ureigene ist, glaube ich freilich zu kennen. Sie besteht darin, dass ich mir erst sehr spät und dann auch nur in einem (zu) langen und bis heute offenkundig immer noch nicht abgeschlossenen Prozess meiner selbst bewusst geworden bin. Was nicht damit zu verwechseln ist, dass ich etwa auch mehr Selbstvertrauen in mich gefunden hätte.

Eine derartige „Mischung“ und die Tatsache, dass mein junger Sommer in einer für mich ganz fremden Welt begann, von der mein Frühling so gar nichts vermutete, einer Welt, die mir nie Heimat geworden ist, was fängt man damit an? – Ich habe ganz offensichtlich nicht das „Richtige“, nicht einmal das „für mich Richtige“ anzufangen gewusst.

Soll ich darüber meinem Frühling schreiben?

Diese Frage ist für mich eine sehr grundsätzliche, weil sie jene eine Idee, die einen Weg meines Schreibens überhaupt betrifft und mich schon sehr lange sehr intensiv bewegt, ganz stark berührt. Und, das habe ich zuzugeben, so aktuell, wie sie sich mir gerade stellt, diese Idee mehr denn je in Zweifel zieht. So sehr, dass ich nicht weiß, ob jene Idee jemals wirklich ein Traum war, und wenn denn doch, was davon noch übrig ist, übrig bleiben kann.

So wandere ich denn weiter herum im Herbstwind meines Ich. Ob es nun weh tut oder nicht. Ich werde mich eh‘ damit arrangieren müssen …

***

Chip Taylor & The New Ukrainians – „Fuck all the perfect people“

Tagebuchseite -780-

Unschreibbar

Wenn es sich so anfühlt wie jetzt, dann wünschte ich, dass ich eine Geschichte schreiben könnte. Aber genau dann, wenn es sich so anfühlt, dann kann ich es nicht.

Ich habe aufgehört sie zu zählen die Morgen dieses Winters, die nordostdeutscher nicht sein könnten, in ihrem ewigen Grau , unabänderlich wieder und wieder einem in alle Ritzen kriechenden Regen zusteuernd, heute und in den kommenden Tagen wohl auch noch befeuert durch böigen Wind beständig mit Temperaturen, die Schnee nicht sein lassen und doch ein beständiges unangenehmes Frösteln verursachen. So gar nicht zum wohlfühlen, so lichtlos und lustlos, so zäh und sich nicht verändern wollend.

Aber es ist nicht das Wetter allein. Das liefert nur das „schickliche“ Ambiente zu jenem Klima, das in mir ist. Dort, wo es blitzt, sich aber nicht entlädt, sich der Akku der irrationalen Ängste füllt bis zum Bersten. Gerade jetzt, wo ich endlich ein paar freie Tage habe, wo ich ansonsten vielleicht tatsächlich die eine oder andere Geschichte schreiben könnte, hat das wieder einmal angefangen.

„Ich soll mich mögen!“, „Ich muss mich mögen!“, hämmert es aus meinem Kopf hinunter zu meiner in meinem Herzen pochenden Seele. Und macht den Druck nur noch stärker.

Längst habe ich mein Ränzlein wieder geschnürt zu einer Reise in mein Ich, in welchem ich also mal wieder auf Suchfahrt bin, nach einer Antwort auf die ewige Frage: „Wo kommt das aktuell her?“ Was ich gefunden habe, sind ein paar karge Indizien, Indizien, die auf Anlässe hinweisen, mögliche Auslöser. Die meisten sind alte Bekannte. Wenn sich nur einige von ihnen verbünden, dann reicht das aus, um mich in jene Ängste zu treiben. Und ein paar haben sich mal wieder verbündet. Und die sprechen in und aus meinem Inneren: „Du schaffst das Leben nicht.“

So pathetisch sich das anhört, so REAL fühle ich es. Unglaublich real. So als wenn ich es mit Händen greifen könnte. So greift es meine Seele. Und, dass das wieder kommt, immer und immer wieder, das ändert sich nie. Ich beginne das gerade zu BEGREIFEN.

Bis gestern, ungefähr, hatte ich Hoffnung, dass das vielleicht doch nicht so wäre. Dass ich mich möglichweise doch irre. Aber es ist kein Irrtum. Zu oft wünsche ich mir nach wie vor eine Geschichte, MEINE Geschichte, aufschreiben zu können. Und kann doch nicht. Immer wieder nicht. Kann es NIE.

Die Saiten meiner Seele vibrieren, wenn ich an eine ganz bestimmte menschliche Stimme denke. Sie vibrieren in ihrer Farbe, ihrem Klang. In jener Farbe und jenem Klang mit denen ich meine Geschichte aufschreiben würde, wenn ich denn könnte.

Dann, wenn und wann immer ich zweifle, ob und was das alles bringen soll, bringen kann, was ich gelernt habe in den langen Stunden so vieler Sitzungen, über mich, die Gründe in mir. Die mein Grund geworden sind dafür, dass mich nur wenige verbündete Indizien immer wieder ins Straucheln bringen. Dann ist das Einzige, was mir tatsächlichen Halt gibt: Diese Stimme! Das Denken an sie, das Denken an den Menschen, dem diese Stimme gehört.

Ich habe jenem Menschen das noch nie so gesagt. Und das werde ich auch niemals können. Weil ich ihm keine Verantwortung aufbürden kann und möchte für mich. Niemand hat Verantwortung, soll oder muss Verantwortung tragen, für mich. Kein so lieber, so kostbarer Mensch.

Nur ich, ganz allein.

Dabei spielt es keine Rolle, ob ich für meine Fehler, Defekte, Unzulänglichkeiten, meine Unfähigkeit in diesem Leben einen Platz zu finden, der mich DAUERHAFT (am) (L)leben lässt, wirklich allein verantwortlich bin oder nicht. Jener Mensch ist es jedenfalls nicht. Ganz und gar nicht.

Aber die Unzulänglichkeiten, die Unfähigkeit, sind da. Und sie werden bleiben. Da gibt es keinen Irrtum mehr.

Und also muss ich mit ihnen leben. Es schaffen. Oder eben auch irgendwann nicht (mehr).

Möglich also, wahrscheinlich, sehr wahrscheinlich sogar, dass es meine Geschichte nie geben wird.

*

Es gibt ein ganz neues Lied, das von eigenen Fehlern erzählt, davon, wie jemand zu ihnen steht, sich damit auseinandersetzt, von seinem Fazit auch. Es ist ein sehr poetisches, metaphorisches Lied. All das passt vielleicht auf diese oder jene Weise zu meinen Gedanken da oben.

Die Sängerin und Songschreiberin, die dieses Lied erdacht hat und interpretiert, passt in keine Schublade. Die Meinungen zu ihr sind kontrovers. Was mich betrifft, so kann ich mit manchen ihrer Lieder mehr, mit manchen weniger anfangen. Sie sind immer wenigstens ein bisschen Herausforderung für mich. Aber gerade deswegen komme ich immer mal wieder zurück zu ihr, zu Mine (ihr bürgerlicher Name ist Jasmin Stocker). Und ihr neuestes Lied, „Klebstoff“, das mag ich nun wirklich sehr …

Mine – „Klebstoff“

 

Tagebuchseite -779-

Eine Träne im Tee

Tee kann mir nicht weh tun. Auf sehr wenig kann ich mich derart verlassen in meinem Leben.

Wann immer ich eine Tasse oder ein Glas dieses Getränks vor mir stehen, bei mir habe, ist da etwas, was mich wärmt. Die Hände von außen, Herz und Seele von innen. Ich will gar nicht auf die vielen möglichen, wunderbaren Geschmacksnuancen eingehen, von dem das Geschenk der Wärme begleitet werden kann. Sie lassen freilich jede Wärme noch einmal besonders sein. Durststillend im Sommer, manchmal verheißend, manchmal tröstend in Frühjahr oder Herbst, und immer schmerzstillend. Vor allem in der dunklen Jahreszeit.

Ich schaue durch den Schleier aromatischen Dampfes über meiner großen Teetasse zurück in die letzten vier Wochen. So anstrengend, so erfüllt sie waren und so fordernd, so sind sie dahingegangen. Und so wie sich der Dampfschleier im Nirvana der Zimmeratmosphäre verliert, verliert sich das Echo dieser Wochen. Ich fühle mich erschöpft. Und, dass auch ich mich verliere.

Seltsam?

Nein.

Ich kenne dieses Gefühl. Es kommt fast immer zu mir, wenn etwas vergeht. Auch dann, wenn was geht, fordernd, anstrengend, hektisch war. Vor allem dann, wenn es mit Menschen verbunden gewesen ist. Die letzten vier Wochen waren voller Menschen. Voller vieler Menschen, sehr junger Menschen. Sehr verschiedener Menschen. Solcher und anderer. Ich habe ihnen Hoffnungswünsche mitgegeben, jedem einzelnen.

Ich sehe sie nun gehen, meine Hoffnungen, mit den jungen Menschen. Ist es das, was macht, dass ich mich zu verlieren beginne? –

Es ist, als stünde ich auf einem Bahnsteig. Was war, ist gerade abgefahren und nun bin ich im Begriff, in meine kleine Wohnung zurück zu kehren, in eines der Zimmer in meinem Innern, in dem nun eine dampfende Tasse Tee auf mich wartet. Sonst nichts. Und in mir ist eine Ahnung, dass auch das macht, dass ich mich zu verlieren beginne.

Dabei war vor Tagen noch eine Vorfreude in mir, darauf, dass nun ein paar Tage folgen würden zum Atem schöpfen, zum innehalten, zum erden. Nun aber ist da vor allem das: Leere, Sehnsucht, verlieren fühlen.

Ich nehme einen ersten Schluck vom dampfenden Tee. Er gleitet an meiner Seele hinab und schenkt ihr dabei eine Wärme, die mich erschauern lässt. So schön, so warm ist sie. Die Dampfschwaden über der Tasse bewegen sich wie das feine Tüllkleid einer Tänzerin, die, sich wiegend, zu einer besonderen Melodie ihre anmutigen Bewegungen in den Raum fließen lässt.

Habe ich mich geirrt, oder ist da gerade eine Träne geflossen? War es eine Gedankenträne oder war sie wirklich?

Plötzlich weiß ich, dass ich schon etwas verloren habe und weiter verliere. Und nach wie vor nicht zu mir gefunden habe.

Ich bin nicht der, der ich sein sollte.

Ich nehme einen zweiten Schluck von meinem Tee, einen tieferen. Er wärmt mich wieder. Und tut mir nicht weh. Versucht gar zu trösten, Schmerz zu nehmen. Und schenkt mir in meinem Inneren eine Umarmung, so als ob er wüsste, wie sehr ich die äußeren vermisse.

Nein, Tee kann mir nicht weh tun. Tee tut mir niemals weh.

Ob nun eine Träne hinein gefallen ist oder nicht.

***

Es gibt Lieder, die man ewig kennt. Eines davon ist das, welches ich heute hier zum zweiten Male nach sehr langer Zeit teile. Ich teile es aus zwei Gründen gerade heute, gerade jetzt nochmals. –

Zum einen ist da das dazugehörige Video. Es ist mutmaßlich kaum jünger als das Lied, das aus dem Jahr 1978 stammt. Aber es ist so besonders, so besonders, wie das Lied selbst, wie seine Interpretin und deren Stimme. Es kam mir in den Sinn, als ich die Dampfschwaden wie ein wehendes Tüllkleid über meiner Teetasse tanzen sah. Plötzlich war die Erinnerung da an genau diese Sängerin, die zu diesem Lied tanzt, in eben diesem Video.

Der andere Grund ist eine Freundin, die ich hier in der Blogwelt kennenlernen durfte, und die den Roman „Sturmhöhe“ von Emely Bronte zu ihrer Lieblingsliteratur zählt. Das Lied hier heißt „Sturmhöhe“, „Wuthering Heights“ und die Geschichte und die Personen von denen es erzählt, stammen aus jenem Roman. Möglicherweise sind das Lied und das Video, da beide schon so viel älter sind als sie an Jahren, nun eine ganz neue Erfahrung für jene Freundin.

Ich höre das Lied übrigens gern ein „bisschen“ lauter …

Kate Bush – „Wuthering Heights“:

 

Verse -67-

Besorgte Frage

Druck, Regeln, Hast und auch Verbote
diktieren meinen Zeitenlauf.
Ich seh‘ , die leben und seh‘ Tote –
so geht’s dahin, hört niemals auf.

Ich spür‘ Verlangen, Aufbegehren,
stemm‘ mich gegen ehern‘ Fluss,
doch kann nicht stoppen, kann nicht leeren,
was immer weitergehen muss.

So stell‘ ich noch das „Wie“ in Frage,
weil mich mein Seh’n und Fühl’n so quält.
Doch jagt es weiter, alle Tage!
Der Traum von Einem gar nichts zählt.

Und die, die ähnlich mir erträumen,
tun es doch auch nur rücksichtsvoll.
Und also bleibt auch Vieler Bäumen
zu schwach dahier, wo’s laut und toll.

Ist Druck mit Druck nur zu besiegen?
Toll mit toll und laut mit laut?
Dann wird’s wohl nimmer Frieden geben.
Mein Hoffen …, ist’s auf Sand gebaut?

***

Oehl – „Neue Wildnis“

 

Tagebuchseite -778-

Versuch einer (sehr) persönlichen und deshalb mutmaßlich nicht allgemeinverständlichen Standortbetrachtung

Da bin ich den ganzen Tag unter Menschen, und ich sehe ihre Gesichter, höre vor allem jene ihrer Stimmen, die von ihrem Befinden sprechen, und die mich erreichen. Solche Menschen, Gesichter und Stimmen erreichen mich immer.

Und doch komme ich mir wie in einer Parallelwelt vor. In einer, die neben einer anderen läuft, in der ich mich im Tageslauf auch dann und wann wieder finde. Wo es Gesichter und Stimmen gibt, die ich sehe und höre, obwohl die Menschen, denen sie gehören, meistens gar nicht da sind. Nicht in dem jeweiligen Augenblick und manchmal Stunden, Tage, Monate oder Jahre nicht. Ich sehe und höre sie trotzdem.

Und diese Welt ist die, in der ich meine Worte finde, alle meine Worte. Jene, welche die eine und jene, welche die andere Welt beschreiben, meinen Empfindungen aus beiden Welten eine Gestalt geben, sie sichtbar werden lassen und meine Inspirationen, die ich hier wie dort finde. Aus diesen Worten werden meine Texte, meine Verse. Nur in dieser zweiten Welt kann ich sie wirklich ersinnen, nur dort vor allem kann ich sie offenbar werden lassen, in Zeilen.

In der ersten Welt lebe ich existierend, in der zweiten bin ich SEIEND. ICH seiend. Die zweite Welt brauche ich, um auch in der ersten ab und an SEIN zu können, dann wenn mich Menschen dort brauchen, wenn ich bemerke, dass ICH gefragt werde, gefragt bin, als Gebender, als Helfender. Und ich brauche jene zweite Welt , um zu LEBEN. Denn das fällt mir in der ersten oft allzu schwer, ist mir manches Mal und wiederholt gar unmöglich.

Ich bin kein schizophrener Mensch, und ich bemühe mich nach Kräften, nie eine Maske zu tragen. Wer mich sehen möchte, wie ich bin, der kann das. In dieser wie in jener Welt. Ich verstelle mich nicht. Es hätte auch keinen Sinn. Denn selbst, wenn ich das versuchen würde, würde es mir nicht gelingen. Wie so vieles andere auch nicht. So bin und bleibe ich grundsätzlich durchschaubar.

In der ersten Welt bringt mich das manchmal in schwierige Situationen, solche, die mir peinlich sind oder mir peinlich gemacht werden. Das passiert mir in der zweiten Welt nie.

Sie, die zweite Welt ist der real existierende Teil des Landes meiner Träume. Der schönste irdische Ort, dessen Koordinaten buchstäblich unbeschreiblich sind.

Da ist aber noch etwas zwischen jenen beiden Welten. Eine Art Transit. Dieser Raum, diese Passage, ist für mich Raum der Hoffnung und Raum der Sorge, Passage der Chance zu gewinnen und der Gefahr zu verlieren. Ein schwieriges, ein unsicheres Fahrwasser, weil es in ihm vor allem darum geht, Menschen zu gewinnen oder zu verlieren. Nicht durch Geburt oder Tod, sondern durch Annäherung oder Entfremdung. Ein Ort für zunehmende Freiheit durch Nähe und zunehmende Befreiung durch Distanz für Menschen im Übergang.

In letzter Zeit finde ich mich des Öfteren in diesem Raum. Nicht wissend, ob ich wirklich dort oder doch nur Beobachter bin. Und immer wieder zögernd, auf welchen Menschen darin ich zugehen sollte mehr oder weniger unbedingt. Und zu gewinnen. Und nicht zu verlieren. Zögernd, weil ich im Zweifel darüber bin, wie viel Einfluss ich nehmen darf in jenem Transit, auf die Menschen dort. Weil es in diesem Raum eben um Freiheit oder Befreiung durch Nähe oder Distanz.

Habe ich da überhaupt ein Recht mich einzumischen? Ist es nicht, vor allem das Genannte betreffend, vornehmstes Recht jedes einzelnen Menschen selbst, über diese Dinge zu entscheiden?

Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich mitunter gerade das Gefühl zu verlieren. Ich komme von dem Empfinden nicht los, es geht dabei nicht um irgendwen und es ist ziemlich konkret. Und möglicherweise hat es schon vor längerer Zeit begonnen.

Und ich frage mich ganz ungewohnte, seltsame, mir ebenso vernünftig scheinende wie unglaublich verunsichernde Fragen, wie: Wann und wie lange und wie viel mehr Distanz ist möglicherweise sogar positiv?

Nur eines weiß ich sicher: Ich weiß sooo wenig vom Leben. Und das geht schon mein ganzes Leben lang so.

***

Clara Louise – „Kein Beweis“

Tagebuchseite -777-

Ein Brief an alle und niemanden

Wisst ihr eigentlich wie viele Geschichten es gibt? Geschichten, die in Menschen verborgen sind. Geschichten, die niemals gehört werden. Geschichten, die Charaktere formen und Seelen.

Wisst ihr wie viele Geschichten davon dramatisch sind, aufwühlend, zutiefst berührend? Es sind Lebensgeschichten, sie reflektieren Augenblicke, Episoden, Tage, Wochen, Monate, manchmal das ganze Leben des betreffenden Menschen.

Warum sagt ihr, dass das nun mal so sei? Warum meint ihr, dass daran nichts Besonderes ist? Das Leben sei nun mal „kein Ponyhof“, und wer hier in unseren Breiten lebe, habe es doch immer noch recht gut. Es werde viel zu viel geklagt und gejammert und so Manche und so Mancher richte sich trefflich ein in seinem Leid. Das hätte ja auch seine Vorteile.

Warum seid ihr so überheblich, so zynisch? Was hat euch so werden lassen, wenn ihr es nicht schon immer wart?

Warum winkt ihr gelangweilt ab, wenn ihr Menschen reden und warnen hört, dass die Welt immer unmenschlicher wird, das unsere Schöpfung dabei ist aus dem Ruder zu laufen, dass die Rücksichtslosigkeit, der Hass, der Egoismus immer stärker werden?

Ihr sagt, es sei schon immer so gewesen, dass Einige jeder Generation gemeint haben, die Welt, die grundsätzliche Entwicklung der Menschheit, bewege sich mehr denn je auf den Abgrund zu. Und dass ihr es leid seid, euch das anhören zu müssen, Weltuntergangsszenarien seien ein generationenübergreifendes Stereotyp.

Woher habt ihr dieses „Wissen“? Woher nehmt ihr das, was ihr Zuversicht nennt? Ist es am Ende nicht doch nur Galgenhumor oder Verdrängung? Beschwichtigt ihr und spielt herunter, weil ihr selbst in Angst und Sorge seid, das aber nie zugeben würdet? Habt ihr wirklich steinerne Herzen und ausschließlich rationale Gehirne oder demonstriert ihr bloß „Stärke“ weil ihr selbst dramatische, aufwühlende, berührende Geschichten in euch tragt? Geschichten, die eure Charaktere, eure Seelen geformt haben, verformt vielleicht? So, dass ihr nicht mehr hören und sehen und empfinden sollt und wollt, was wirklich ist, so, dass ihr „beschützt“ seid?

Wahrscheinlich mögt ihr all diese Fragen nicht. Wahrscheinlich haben etliche von euch längst aufgehört, diese Zeilen zu lesen. Was nicht in eine Twitternachricht passt, ist den meisten von euch längst zu lang, zu anstrengend, geworden. Ihr habt nur das eine Leben, sagt ihr.

Die dramatischen, aufwühlenden, berührenden Geschichten, die in Menschen verborgen sind, passen in keine Twitternachricht. Und schon gar nicht die Fragen, die Probleme, die sie aufwerfen. Und noch viel weniger die Zuwendung, die sie erfordern, die Geduld, das Innehalten, das spezifische Wertebewusstsein, die Liebe.

Ich höre und lese in letzter Zeit sehr viele von jenen verborgenen Geschichten, vor allem von jungen Menschen, mit denen ich schon von Berufs wegen besonders viel zu tun habe.

Ja, ich gebe zu, dass ich ein Auge und ein Ohr dafür habe, dass ich nicht wegsehen oder weghören kann und will. Weil mein Eindruck ist, dass schon viel zu sehr nicht hingeschaut und nicht hingehört wird, und, dass das ein Grund dafür ist, dass manche der Geschichten länger und dramatischer geworden ist als sie es hätte werden müssen. Und weil mein Gewissen mich mahnt, weil ich selbst sehr genau weiß, wie es ist, mit bestimmten Geschichten allein zu sein, allein bleiben zu müssen.

Was ich da tue, ist mir sehr wichtig. Dass ich es zu tun versuche, tut mir gut und nicht gut. Ich weiß, dass ich nicht viel bewirke. Darüber bin und werde ich immer wieder traurig. Nicht nur, weil ich so wenig ändern kann daran, dass ich so wenig bewirke.

Ich versuche mir zu sagen, dass auch das „wenig Bewirken“ wichtig ist. Aber fast jeder dankbare Blick dafür und sogar jede bloße Erinnerung daran spült mich doch nur weiter in das Meer der Traurigkeit.

Ich kann das nicht verhindern.

In der vergangenen Woche habe ich etliche solcher dankbarer Blicke bekommen. Und deshalb bin ich nun an diesem Wochenende besonders traurig.

Könnt ihr das nachvollziehen, versteht ihr das?

***

Aurora B. Polaris – „Corrupt World II“

Tagebuchseite -776-

Decke auf dem Kopf?

Es war bis vor einigen Tagen schon ein bisschen länger her, dass ich jemanden sagen hörte, dass ihm die Decke auf den Kopf fallen würde, würde er plötzlich nicht mehr arbeiten gehen. Und wenn, dann war es meist im Zusammenhang damit, die jeweilige Arbeit unvorbereitet, abrupt zu verlieren, arbeitslos zu werden.

Ich selbst war nur einmal für drei Monate wirklich arbeitslos, und das ist lange her. Allerdings war ich, unterbrochen von einem mehrwöchigen Klinikaufenthalt, krankheitsbedingt einmal fast 1 1/2 Jahre zu Hause. Das war aus verschiedenen Gründen keine leichte Zeit. Es gab währenddessen sehr dunkle Tage, an denen ich mich nur schwer motivieren konnte, aber langweilig war mir doch nie.

Vor wenigen Tagen nun, unterhielt sich Uwe mit mir.

Uwe ist nach mir der zweitdienstälteste Mitarbeiter in unserem sozialen Verband. Er ist von Beginn an als Hausmeister angestellt und eine Seele von Mensch. Nie hat er „nur“ als Hausmeister gearbeitet; er hat sich die Knochen buchstäblich kaputtgeschuftet in bei der Arbeit in allen Gewerken, die man sich nur vorstellen kann.

Er hat Gebäude entkernt und dann instand gesetzt, Trockenbauarbeiten erledigt, Zimmererarbeiten gemacht, Installationen getätigt, Fenster eingebaut, gemalert und unzählige Reparaturen ausgeführt. Er hat schwer vermittelbare, sehr gestrandete, alkoholkranke Menschen in Projekten begleitet, bei denen man keine Zimperlichkeit, keinen Ekel, keine Berührungsängste haben durfte. Immer wieder Überstunden, immer wieder zusätzliche Einsätze, oft an Wochenenden, beim Aufbau der Zelte für das Ferienlager, Stadtteilfesten, oder zu sonst einem Anlass, so oft am Rande der Erschöpfung, der körperlichen Leistungsfähigkeit auch, bei einer Bezahlung, für die unendlich viele Zeitgenossen kaum aus dem Bett steigen würden.

Uwe hat Blessuren weggesteckt und einen leichten Schlaganfall und manche ungerechtfertigte und obendrein unsachliche Kritik. Hat obendrein manche schwere Phase daheim mit seiner psychisch instabilen, kranken Frau, durchgestanden.

Der von Statur her schmächtige, eher kleine Mann, mit dem gütigen Gesicht und den stets freundlich blickenden, oft aber auch müde ausschauenden Augen.

Immer einsatzbereit.

Nun kann und will Uwe nicht mehr. Er nimmt sogar ein paar Abstriche an seiner ohnehin kleinen Rente in Kauf, durch „vorzeitigen Renteneintritt“, weil vor allem seine Wirbelsäule, seine Knie, seine Füße verschlissen sind, es eben so wie bisher wirklich nicht mehr weitergeht.

Ab Mai wird Schluss sein, so sagte er mir. Und dann: „Ich werde aber wohl doch ein bisschen weiter arbeiten, hoffe darauf, dass ich irgendwo und irgendwie noch etwas helfen kann, wenn es nur nicht mehr so schwer ist. Ob der Chef mich wohl auf geringfügiger Basis so etwas machen lässt?“ Er muss mein etwas erstauntes Gesicht bemerkt haben, denn er fügte sogleich hinzu: „Nur zu Hause bleiben, das werde ich nicht können. Ich habe keine Freunde, keine Hobbies, da wird mir sehr bald die Decke auf den Kopf fallen, fürchte ich.“

Für mich war es ein bisschen wie ein Stich ins Herz als er das gesagt hatte.

Ein Mensch, der so unendlich viel getan hat zum Wohle anderer, hat keine Freunde. Niemanden, mit dem er Zeit teilen kann, mit Dingen, die beide verbinden und die nicht Arbeit im eigentlichen Sinne sind. Niemanden, der für ihn da ist oder da sein würde.

Ein Mensch, der so viel Geschick hat, so goldene Hände, der aber offensichtlich außer hart zu arbeiten, keine andere Verwendung für sie weiß, keine ihm Freude und anderweitige Erfüllung schenkende Tätigkeit.

Das mit den Freunden ist zweifellos ein Problem. Da lässt sich nichts erzwingen. Ich hatte selbst jahrelang kaum Freunde. Und solche zu finden, zu haben, die dann auch noch in einer Entfernung leben, die schnell überbrückbar ist, die eben tatsächlich regelmäßige gemeinsame Unternehmungen und Aktivitäten ermöglicht, ist wohl insgesamt nicht so vielen Menschen gegeben.

Das mit den Hobbies verstehe ich hingegen weniger, verstehe ich kaum. Ich kann nachvollziehen, dass einem Alltagsstress und Arbeit, familiäre Pflichten, schlimmstenfalls auch Erkrankung oder andere Schläge oft wenig Raum lassen, persönliche Interessen zu entwickeln und zu pflegen. Aber so gar keine Interessen oder Hobbies zu haben, das kann ich mir nicht vorstellen. Weshalb ist das bei einigen Menschen offensichtlich so? – Darauf weiß ich keine Antwort.

Mir würde daheim nie die Decke auf den Kopf fallen. Darüber bin ich sehr froh. Das hat mich wohl auch meine lange Krankenzeit letztlich so durchstehen lassen, dass ich nie Schwierigkeiten hatte, eine Tagesstruktur aufrecht zu erhalten. Es gibt andere Gründe, die mich vor der Zeit, ab der ich nicht mehr arbeiten (können) werde, recht beklommen werden lassen. Nicht aber die Furcht, dass ich nichts mehr mit mir und meinem Leben anzufangen wüsste.

Da ist, wäre und bliebe so vieles, was obendrein sehr erschwinglich wäre, kaum Geld erfordern und also bei zu erwartender geringer Rente lange bestreitbar bleiben würde, sofern es meine körperlichen, vor allem aber meine geistigen Kräfte zulassen würden. –

Ich wünsche mir nur, dass ich so lange als möglich schreiben, lesen oder schließlich wenigstens noch hören können werde. Dann wird mir nie eine Wohnung zu klein, ein Zimmer zu eng oder eine Decke zu niedrig oder zu schwer sein.

Wie sehr ich das Uwe auch wünsche!

Und all jenen Menschen, die sich davor fürchten, dass ihnen eines Tages die Decke auf den Kopf fällt, bevor sie in ihren körperlichen und geistigen Fähigkeiten vielleicht tatsächlich so eingeschränkt sind, dass ein sich beschäftigen Können tatsächlich nicht mehr möglich ist.

Wie oft wird dieser Wunsch wohl ins Leere gehen?

Wie mutmaßlich leider auch für Uwe …

***

Winona Oak – „Don’t save me“

Tagebuchseite -775-

Von einer Spatzenmetapher

Mir gehen immerfort irgendwelche Dinge durch den Kopf. Nie steht mein Gedankenkarussell still. Und so oft ist es nur eine winzige Begebenheit, ein Satz den jemand gesprochen oder eben auch nicht gesagt hat, ein kleines Naturschauspiel oder sonst ein kleiner Eindruck, eine fast unbemerkbare Begebenheit, ein Empfinden. Und ich möchte es irgendwie festhalten, meine Gedanken dazu.

„Aufschreiben“ spricht es zu mir selbst. Aber so viele Augenblicke sind so flüchtig, von dem, was getan werden muss oder auch den Folgen desselben überlagert, dass es nichts wird mit dem Aufschreiben.

So geht es mir in diesen Tagen sehr oft.

Vorhin, ich war gerade aus dem Gebäude meiner Arbeitsstelle getreten und nur ein paar der ohnehin nicht zahlreichen Schritte bis zu unserem Wohnblock gegangen, da bemerkte ich in einem kleinen Abschnitt einer Hecke Bewegung. Und was für eine! Ein richtiges Gewusel.

Eine nicht unerhebliche Zahl Spatzen hüpfte und flatterte durch, auf und zwischen den Zweiglein des Gewächses herum von einem irgendwie ernsthaft klingenden Gezwitscher begleitet. Wahrnehmbar aber nicht lautstark. Beständig aber nicht aufgeregt. So, wie wenn sich in einem größeren Restaurant an verschiedenen Tischen kleine Gruppen oder auch Pärchen befreundeter Menschen miteinander unterhalten würden.

Augenblicklich spürte ich eine schon lange in mir wohnende Sehnsucht wieder. Die Sehnsucht, ab und zu nach der Arbeit einen Ort aufsuchen zu können, vielleicht ein kleines Stammcafe´, und sich dort auf eine Stunde mit einem Freund oder eine Freundin zu treffen. Einfach so. Aber doch bitte immer mal wieder.

Allerdings ist das Illusion, ein Traum, der nicht erfüllbar ist. Weil es einerseits hier in erreichbarer Näh, keinen Ort entsprechender Eignung gibt und andererseits, jene Freundschaften, die ich mir immer wieder so sehr auch auf diese Art nahe wünsche, viele, viele Kilometer entfernt von hier wohnen. Das ist nicht zu ändern. Und mein Wunsch soll meine Dankbarkeit, dass ich diese Menschen überhaupt kennen darf und sie mir Freunde und Freundinnen sind, auf gar keinen Fall schmälern.

Vor allem Spatzen lassen mich freilich immer wieder zu gerade diesen Menschen auf die Reise gehen. Weil diese kleinen Gesellen ja eigentlich überall zu Hause sind, sind gerade sie mir oft Metapher für die Verbundenheit mit jenen Herzensmenschen. Denn auch wo sie sind, werden immer einmal die kleinen lebhaften Federbällchen tschilpen, herum hüpfen, sich mehr oder minder kleinkriminell ein paar Brosamen ergaunern. Und ich ahne, dass gerade jene Menschen, so ähnlich wie ich, eben an diesen munteren und allgegenwärtigen Kerlchen ihre Freude finden. Weil sie, wie ich, einen Blick für die kleinen, vermeintlich unscheinbaren Dinge haben, und diese zu würdigen und zu schätzen wissen.

So sind mir Spätzlein sehr oft Anlass für Gedanken an eine geteilte kleine Freude. – Vielleicht ist das nicht nur ein bisschen verrückt. Aber so bin ich halt gestrickt. –

Im Übrigen mag ich Spatzen überhaupt sehr …

Nun habe ich also doch von einer kleinen, winzigen Begebenheit, die als solche kaum einer Erwähnung wert ist, schreiben können, und auch von den Gedanken, die sie in mir ausgelöst hat.

Ich bin besonders froh darum, weil doch diese Tage allesamt so ausgefüllt mit Arbeit sind, dass so wenig Zeit für anderes bleibt. Da nun doch einen „flüchtigen“ Augenblick und seine für ich doch wichtige Bedeutung festgehalten zu haben, lässt mich mit einem meine Erschöpfung für eine kleine Weile überdeckenden Lächeln in diesen Abend gehen …

***

Noch nahezu unentdeckt ist eine junge deutsche Liedermacherin und Sängerin, namens Licia, auf deren Debütsingle ich kürzlich aufmerksam wurde. Von einer sehr eingängigen, schönen Stimme vorgetragen, handelt es sich um dieses tolle Lied:

Licia – „Feather“

 

Tagebuchseite -774-

Wochenrasen

Wäre ein Jahr ein Tag von 24 Stunden, dann würde irgendwann am Dienstag oder Mittwoch der kommenden Woche bereits die erste Stunde des Jahres 2019 vergangen sein.

Ich habe, je älter ich an Lebensjahren werde, zunehmend den Eindruck, dass Jahre wie Stunden vergehen, Monate wie Minuten, Wochen wie Sekunden. Und, dass manche Tage schon gar nicht mehr greifbar, die Stunden, die sie ausmachen, nicht mehr unterscheidbar sind und jede noch kleinere Zeiteinheit gar nicht mehr wahrnehmbar ist, obgleich so manche einzelne im Augenblick ihrer Präsenz durchaus unendlich anmutet.

Ich mag dieses Empfinden nicht. Es hat etwas von Entwurzelung, von getrieben Sein, von Verunsicherung. Ich kann keinen Horizont mehr erkennen. Die Welt dreht sich so schnell, dass dort, wo ich ihn vermute, alles verschwommen ist. Je länger es andauert, desto mehr Schwindel macht sich breit, der mich erschöpft, so sehr, dass ich nicht vermag während der so wenigen verbleibenden Zeit, Inseln der Ruhe, der Einkehr, der Besinnung, der Inspiration und der verstehenden Menschen zu besuchen.

Das Buch, das ich zu lesen begonnen und an dem ich ob seiner schönen Sprache Gefallen gefunden habe, bleibt liegen. Das weiße Blatt vor mir, auf dem ich meine Gedanken festhalten wollte und auch das, aus dem ein Brief an einen befreundeten Menschen werden sollte, bleiben leer. Die Tasse wärmenden Tees, die ich bewusst genießend in mich fließen lassen wollte, wird kalt, weil sich meine Erschöpfung so rasch in Müdigkeit verwandelt, dass ich die Augen nicht mehr offen zu halten vermag. Tagebuchseiten bleiben unbeschrieben, Eindrücke zu Texten und Befindlichkeiten von Menschen, die mich begleiten, und ich sie, bleiben ungesagt. Musik, die ich so liebe, höre ich nur noch in den Fernen meiner Erinnerung.

So ist es, wenn die Wochen rasen.

Nicht alle Wochen des Jahres jagen derart dahin. Aber die vergangene war so eine. Und die nächsten drei werden auch rasende Wochen sein. Diejenigen, die das Steuer in der Hand haben, den Alltag vorzugeben, haben das so vorbestimmt.

Und schon wird die zweite Stunde des Jahres 2019 vergangen sein und die dritte begonnen haben. Und Sekunden, die Wochen darin waren, und die nicht mehr erkennbaren Tage, werden verschwunden sein, unwiederbringlich, weil sie außer dem Geräusch eines vorbeigefahrenen Zuges kaum etwas hinterlassen haben werden, außer dem eigenen Bedürfnis, in sich sein und Atem holen zu dürfen.

Ich denke, dass ich auch die kommenden Wochen schaffen, überstehen, werde. Obgleich ich sehr wohl spüre, dass meine eigenen Grenzen mir sehr viel näher gekommen sind mit den Jahren. Das zu erkennen, habe ich gelernt. Damit zu leben, ist schwerer, ist jeden Tag, vor allem jeden Tag einer rasenden Woche, eine neue, eine besondere, Herausforderung.

Ungeachtet dessen habe ich auch in der vergangenen Woche ein paarmal ein Lächeln geschenkt bekommen, bin nicht nur von einem freundlichen Dankeschön berührt worden, habe die Wärme der Menschen in meinem Herzen gespürt. Ich wurde von einem ziemlich großen Blumenstrauß überrascht.

Aber da war eben noch so viel mehr, zu viel, zu schnell, so wie das vor allem während rasender Wochen immer wieder ist. Zu viel, zu schnell, womöglich auch, weil ich ja doch immer alles so genau, so detailliert, so unmittelbar und ungefiltert, so intensiv und so tief empfinden muss. Auch das, was anstrengend, was laut, was hektisch, was ungewohnt, was plötzlich, irritierend, mir Angst oder Sorge einflößend ist. Was mich dann in der Summe überfordert aber doch angenommen, ausgehalten, getan werden muss. Bestenfalls ohne sich viel anmerken zu lassen.

Nun höre ich wie die zu Ende gehende Woche fortrast. Und vernehme schon, wie sich die neue anschickt, mit ebensolch rasanter Geschwindigkeit heran zu brausen, um mich wieder fortzunehmen. Fortzunehmen von diesem Morgen, der so grau und vernieselt er hier im Nordosten wieder einmal ist, die schönste zusammenhängende Zeit seit Tagen ist. Er ist still und ich bin allein. Musik klingt nicht nur aus meiner Erinnerung, sondern sanft aus den Lautsprechern die rechts und links vor jenem Fenster stehen in das ich diese Zeilen gerade hineinschreibe.

Auf einer meiner Inseln. Sinnend, sehend, spürend. So wie ich sein möchte. Es dürfen möchte.

So, wie kürzlich „zwischen den Jahren“ als es sich zuletzt länger und öfter einmal so angefühlt hat.

Nun freilich ist es wieder einmal nur ein sehr kurzer Moment, ein Wimpernschlag während der vergehenden ersten Stunde des neuen Jahres, die absehbar gleich wieder, am neuen Wochenbeginn, dahin zu rasen beginnt.

Umso dankbarer bin ich für diesen Moment.

***

Heute stelle ich mal wieder ein „ungewöhnliches“ Lied von einer Gruppe mit ungewöhnlich-originellem Namen vor. Ehemals wohl aus der Punkszene kommend, mit der ich grundsätzlich wenig anfangen kann, haben die Musiker hier ein Werk kreiert, das mich viel mehr an die „Neue Deutsche Welle“ vom Beginn der 1980er Jahre erinnert. Aber das Lied ist ganz neu. Text, Melodie und Interpretation sind einigermaßen skurril, das Video für mich sogar ein bisschen verstörend. Dennoch mag ich das Lied irgendwie, es ist mir gar ein bisschen zum „Ohrwurm“ geworden. Aber jeder kann ja selbst das Überraschende hören:

Die goldenen Zitronen – „Nützliche Katastrophen“

 

Zwischenstopp -52-

Dieser Zwischenstopp hier ist ein etwas anderer als meine bisherigen. Denn ich habe nichts Geschriebenes entdeckt, was ich für so skurril, witzig, nachdenkenswert befunden hätte, um darüber einen Moment innezuhalten, auch ist es diesmal kein Lied, was ich im Sinne eine Zwischenstopps teilen möchte.

Es ist ein Dialog, den ich mit meinem Vater anlässlich seines 90. Geburtstages am vorigen Sonnabend führte. Der bzw. sein Ende ließen mich tatsächlich innehalten und lange nachsinnen. Und ich war und bin danach wieder einmal ganz fasziniert von meinem Vater. Hier der Dialog:

 

Vater: „Ach übrigens, sieh‘ mal, ich habe mir zu Weihnachten eine neue Armbanduhr geschenkt.“

Ich: “ Sieht gut aus. Hast Du Dir nicht aber erst vor drei oder vier Jahren eine gegönnt? Die trägst Du doch auch noch, und du kannst ihre Zeiger und Zahlen doch so gut erkennen …“

Vater: „Ja, das stimmt. Die bleibt ja auch meine Wochenuhr. Die neue trage ich nun aber am Wochenende. Sie ist nämlich eine besondere Uhr.“

Ich: „Was ist denn so besonders an ihr?“

Vater: „Es ist eine Funkuhr mit einer Zehnjahresbatterie.“

Ich: „Zehn Jahre …“

Vater (schelmisch schmunzelnd): „Ja, und da will ich doch nun erst mal sehen, wer wohl eher den Geist aufgibt …“

 

Ich liebe meinen Vater über alles!

***

Julee Cruise – „The Nightingale“

Tagebuchseite -773-

Von einem sinnlosen aber hartnäckigen Wunsch und meiner bleibenden Schwierigkeit mit Vorsätzen

Öfter schon habe ich mich dabei ertappt, mir zu wünschen, mit meinem heutigen Wissen und meinen heutigen Erfahrungen, die zurückliegenden 30, 40 Jahre noch einmal leben zu dürfen.

Ich habe herausgefunden, dass dieser Wunsch aus der Hoffnung resultiert, dann Dinge anders und besser zu machen können. Es ist ein Wunsch, der geboren wird aus dem Empfinden von Unzufriedenheit, davon, Dinge versäumt oder selbst versagt zu haben, mindestens aber nicht so entschieden bzw. gehandelt zu haben, wie es effektiver, sinnvoller, weniger schmerzlich, noch mehr den eigenen Ansprüchen und Werten entsprechend und/oder das Wohl anderer Menschen berücksichtigend, möglich gewesen wäre.

Es geht mir dabei, auch rückblickend, nicht um ein perfektes Leben. Nicht darum, etwas nachzuholen, damit im Nachhinein, alles „richtig“, alles „super“ ist, alle Bedürfnisse ihre Befriedigung erfahren oder ich erfolgreicher würde.

Es geht mir vielmehr um inneren Frieden. Umso mehr seit mir bekannt ist, dass so viel meines heutigen inneren Unfriedens schon viel, viel früher begonnen und sehr wahrscheinlich in vergangenen Abschnitten meines Lebens seine Ursachen hat.

Natürlich weiß ich, dass ich mein Leben nicht zurückdrehen kann. Und ich weiß auch, dass der Gedanke daran zweischneidig ist. Denn es gibt Begebenheiten in meinem zurückliegenden Leben, die ich, ob mit mehr Wissen und Erfahrung oder nicht, um keinen Preis noch einmal erleben möchte. Bei einigen wäre es sogar egal, ob ich meine heutigen Kenntnisse, meine heutigen Einsichten, besitzen würde.

Aber der Wunsch ist und bleibt hartnäckig da.

Ich kann nun buchstäblich die Vielen hören, die da meinen, dass Rückblicke schon Sinn machen. Im Zusammenhang mit meiner Sehnsucht zu mehr innerem Frieden vor allem dann, wenn ich aus Vergangenem lerne, Schlussfolgerungen ziehe, mit meinem heutigen Wissen, mit meinen heutigen Einsichten. Und, dass das die beste Voraussetzung dafür böte, künftig mehr im Reinen mit sich zu sein, zufriedener durchs Leben zu gehen, weniger Verlust, Versäumnis und Schmerz, dafür mehr Gewinn, mehr Freude, mehr Sinn, zu finden und zu erleben.

Das klingt so plausibel, so logisch, so einfach.

Einfach mindestens ist es für mich allerdings nicht.

Denn das heutige Leben stellt neue und ganz andere Anforderungen an mich als jedes frühere in seiner Zeit, seine Herausforderungen sind anderer Art und Qualität. Und mein Mehr an Wissen und Erfahrung nutzt mir insoweit für heute nur begrenzt.

Zwar habe auch ich mich entwickelt, verändert. Mein Charakter hat sich verstetigt und verfestigt. Das bedeutet zum Beispiel, dass ich vermutlich nicht flexibler geworden bin, im Gegenteil. Ich bin auch ängstlicher geworden, noch weniger risikobereit. Ich fühle mich vielfach noch unsicherer als früher. Die Komplexität des Lebens, die Fragen, die es aufwirft und stellt, die nach Beantwortung schreien, sind umfassender, zahlreicher, facettenreicher geworden. Dynamik, Schnelligkeit, Vielfalt haben so viele Lebensbereiche betreffend eine Geschwindigkeit, ein Niveau erreicht, die mich immer öfter atemlos werden lassen. Ich vermag nicht mehr zu folgen.

Und das bedingt neue Enttäuschung, neues Versagens- und Verlustempfinden, neue Wahrnehmung von Entscheidungsinkompetenz und -unvermögen. Meine Kenntnisse und Erfahrungen sind zu wenig, es sind die falschen. Sie genügen nicht. Und hinzu kommt, dass mir die Umsetzung von Schlussfolgerungen aus dem Vergangenen, häufig sehr schwer fällt, was auch wieder mit meinem sich verfestigt habenden Charakter zu tun hat.

Um ein Beispiel zu nennen: Ich vermag es einfach nicht, wirklich mehr “ an mich zu denken“, auch mal „rücksichtsloser“ zu sein, Dinge „wie sie die Mehrheit annimmt und mitmacht“ halt auch „einfach“ anzunehmen und mitzumachen, Neues öfter oder überhaupt zu akzeptieren „ohne viekl ‚wenn‘ und ‚aber'“ – Ich höre so oft, dass ich dann zufriedener und innerlich ruhiger leben würde. Ich bin davon allerdings ganz und gar nicht überzeugt.

Aber ich werde auch nicht zufriedener und ruhiger, wenn ich mich dem eben nicht anschließe, sondern der bin und bleibe, der ich bin.

Ein bisschen wenigstens, hat letzteres mit einem Druck zu tun, einem Druck, den Menschen auf mich ausüben, Menschen, die ich zu meinen Nächsten zähle, die meine Familie sind. Die „das Beste“ für mich wollen und ein bisschen sicher auch für sich. Denn so wie ich bin, bin ich mutmaßlich schwer zu ertragen. Das spüre ich. Und das ist nicht zufriedenheitsfördernd.

Ich schreibe das alles, weil ich in den letzten Tagen aus gegebenem Anlass so viel über Vorsätze gelesen habe.

Eine Bloggerin, die ich grundsätzlich sehr gern lese, schrieb zuletzt sinngemäß, dass sie letztlich doch immer ein wenig enttäuscht sei, wenn jemand zugegeben hat, zum Jahreswechsel so gar keine Vorsätze zu haben. Und dann wörtlich “ … so gar keinen Enthusiasmus für sein Leben aufbringen zu können, gar keinen Kitzel, keine neue Möglichkeit spüren, wenn ein neues Jahr anbricht? Das kann ich nicht so ganz verstehen. … Diese ganze Mattheit finde ich traurig. Es hat ein neues Jahr angefangen! Neue Chancen, Möglichkeiten, jetzt endlich Dinge anpacken! Jetzt, warum nicht jetzt?! Es macht einfach total Sinn.“ (Quelle: „Enthusiasmus bitte“ von Quarterlife )

Mit Blick auf mich selbst haben mich diese Zeilen ziemlich erschrocken. Ja, ich bin matter als früher. Ja, mir ist Etliches an Enthusiasmus abhanden gekommen, was ich vormals mein eigen nennen konnte. Dafür gibt es Gründe. Ob sie triftig sind, ist für mich selbst ganz schwer zu beurteilen.

Mein verbliebener Enthusiasmus besteht darin LEBEN zu wollen. Einen „Kitzel“ verspüre ich insoweit allerdings tatsächlich überhaupt nicht. Für mich ist nach all dem, was ich in den vielen Jahren zuvor erlebt habe, das Leben weiter zu leben, schon immer wieder ein Ziel. Ein Ziel zu dem ich gleichwohl weit fester stehe als noch vor etwa fünf oder sechs Jahren.

Ich habe es erreicht, weiter offen für alles was mir Sinn schenkt sein zu wollen, so eigen, so skurril so wenig „mehrheitsfähig“ meine Lebensvorstellungen auch sind. Das auch zu bleiben, ist nach wie vor eine Aufgabe für mich. Jeden Tag aufs Neue. Das ist mein Ziel, unabhängig von Jahreswechseln. Und (das habe ich Ende letzten Jahres schon einmal auf einer Tagebuchseite vermerkt), dass ich dankbarer sein möchte.

Ich weiß nicht, ob das Vorsätze sind. Ich kann mit „Vorsätzen“ wirklich nicht viel anfangen …

***

Das folgende Lied ist ein Essay. Ein Essay zum Thema Mut. Mut wird darin so beschrieben, wie ich, der ich mich nicht für mutig halte, viel davon annehmen kann. Ich teile die seit Jahren wunderbare, aber viel zu wenig beachtete Alexa Feser mit ihrem neuen Lied:

Alexa Feser – „Mut“

Tagebuchseite -772-

Diese Tagebuchseite ist eine besondere …

Die folgende Geschichte ist so nicht geschehen. Dennoch ist sie wahr, denn ich habe sie erlebt.

Es gab einen Anlass, der mich diese Geschichte erleben ließ, und dieser Anlass war wirklich.

So ist Realität Ausgangspunkt meiner Geschichte. Und später mischt sie sich auch immer wieder in sie ein. In das Übrige, das Empfinden ist und Wunsch. Die freilich für sich auch wieder wirklich waren. Und wirklich sind:

Eine Nacht von vielen

Wie ich hierhergekommen bin, weiß ich gar nicht so genau. Irgendwann habe ich sie hinter mir gelassen, die Lichter, die Stimmen, die Musik, das Klingen der Gläser. Die Menschen. Ich bin gegangen …

Und nun bin ich hier. Höre bei jedem Schritt das feine Knirschen des Sandes unter meinen Fußsohlen. Eingehüllt in meine dicke Jacke spüre ich dennoch die Feuchte und Kälte, die diesen Abend begleiten. Wände feinen dicht gewobenen Nieselregens, von einem stürmischen Wind getrieben, muss ich unablässig durchdringen, wenn ich denn weitergehe, weitergehen will.

Ich gehe weiter, kann und will nicht anders, bin auf unbestimmter Suche nach etwas, was ich wohl noch finden möchte. Heute.

Ich lenke meine Schritte nach links, auf schmalem tiefsandigem Wege, durch einen Streifen buschartigen Bewuchses hindurch. Im letzten Abendscheine erkenne ich ein paar Sanddornbeeren an einem Zweig, dann wird nahezu es vollkommen finster.

Nur noch wenige Schritte, dann stehe ich inmitten einer Düne. Vor mir erahne ich den Beginn des Strandes, der hier nichts von der Breite seiner auf sonnigen Hochglanzpostkarten verewigten Geschwister hat. Auch ist sein Sand nicht sehr fein und es finden sich viele Kiesel, Steine, Muschelschalen, Knäule noch feuchten oder auch schon vertrockneten Seetangs und immer wieder auch mal ein, einem Windflüchter vom Sturm entrissener, knorriger Ast. Salz liegt in der Luft und ein ganz eigener Geruch von etwas Moder, von Wasser und Weite.

Ich setze mich auf einen Findling und schaue auf das schwarze brausende Meer hinaus. Wenn sich seine Wellen brechen, schwillt das Geräusch zu einem Tosen an hinter dem das Sausen des Windes für einen Augenblick nicht mehr zu vernehmen ist. Am sternlosen Firmament kann ich ungeachtet der Dunkelheit dahin jagende Wolken erkennen.

Dieses Jagen erinnert mich für einen Moment an den Alltag, der nun schon ein paar Tage zurück liegt. Und an die Zeit der Vorbereitung der Festtage, die gerade vergangen sind. Und ich stelle mir vor, dass jedes Tröpfchen da oben, ein Mensch wäre. Wie oft jagen Menschen in Wolken dahin, gerade so wie eben jene Tropfenwolken da oben am Nachthimmel?!

Ich finde es gerade sehr tröstlich hier unten auf meinem Findling sitzend. Auch wenn der Wind heult, der Nieselregen peitscht, die Kälte mehr und mehr unter meine Jacke kriecht. Ich fühle und empfinde so viel und so vieles mehr! Und während oben das Jagen weitergeht, und dort, von wo ich gekommen bin, ist hier, wo ich verharre, die Dimension der Zeit verschwunden. Ganz und gar.

Ich vergesse, wie lange ich so sitze und sinne. Ich vergesse, dass ich ganz allein hier bin.

Und ich bin nicht allein. Ich habe mich zu den Menschen und den Bildern in meinem Herzen gesellt. Und ich fühle mich unsagbar glücklich, dass ich sie hier bei mir haben darf, ihnen hier so nah sein kann, hier jenseits allen Jagens, jenseits aller Zeit. Im Bewusstwerden dieses Glückes erbebt mein Herz für einen Augenblick. Ich spüre, dass diese kleine Weile außerhalb der Dimension der Zeit eine ganz Besondere ist und wünsche mir und hoffe, dass jene Menschen, die gerade bei mir sind, das Beben spüren konnten.

Ich vermag nicht zu sagen wie lange ich in der Zeitenlosigkeit hier verweilt habe. Ich spüre aber, dass ich zu wissen begonnen habe, dass jenes besondere Beben nie eine Zeit brauchen wird, wann immer es wiederkehren wird. Und das wird es!

Das ist die schönste Erkenntnis dieser Nacht.

Dann, irgendwann, vernehme ich wieder ein Knirschen unter meinen Fußsohlen. Das Knirschen von Sand und kleinen Kieseln und zerbrechenden Muschelschalen. Ich passiere die Düne. Wind und Regen, denen ich mich entgegenstemmen musste, treiben mich nun von hinten. Zurück dorthin, von wo ich aufgebrochen bin.

Auf der nassglänzenden Straße kleben Reste bunter Papierschlangen und eine Ahnung kalten Rauchs liegt in der Luft. Durch die geschlossene Tür einer Fischerkneipe dringt Lachen und Gejohle. Während ich vorbeigehe, steigen irgendwo hinten drei Feuerwerkskugeln in die Luft. Ich höre von fern zwei Kirchenglockenschläge. Es muss zwei Uhr morgens sein.

Und ich erinnere mich, dass Silvester-/Neujahrsnacht ist.

So hat also auch mich die Datumsgrenze passiert. Irgendwann während ich dort unten am Strand gewesen bin. Dort, wo keine Zeit mehr spürbar gewesen ist. Und ich habe es nicht bemerkt.

Geschah es in jenem Moment als ich mich auf den Findling setzte? War es just während mein Herz erbebte? Wie soll ich das wissen? Und ist das wichtig?

Wo Zeit spürbar ist, ihr Vergehen, der Druck, den sie auszuüben vermag, ist sie von Menschen gemacht. Termine sind von Menschen gemacht. Anfänge und Enden. Jahre sind von Menschen gemacht.

Für Menschen in Herzen braucht es keine Jahre, keine Jahreswechsel. Es ist schön, wenn sie keine Jahre, keine Zeit kennen. Das Fühlen, ihr Fühlen, ist dann so viel freier!

Wenn ich doch Zeit nicht mehr so wichtig zu nehmen vermöchte …

*

Ich wünsche allen meinen Lesern hier, allen Menschen, die ich im Herzen trage, denen, die mir wahrhaft und wirklich Freund oder Freundin sind, und vor allen jenen, denen sonst kaum Glück, kaum Freude beschieden ist, einen schönen Jahreswechsel bei Gesundheit und in Frieden!

***

Staubkind – „Deine Zeit“

Gedanken zu Aphorismen -24-

„Man kann nicht zurückkehren, nichts steht still, weder man selbst noch der andere.“ – Erich Maria Remarque in: „Schatten im Paradies“

Es ist noch gar nicht lange her, seit ich den folgenden Satz aufgeschrieben habe: „Ein absolutes Zurück gibt es übrigens durch kein Tor/keine Tür – Im Mindesten deshalb nicht, weil dahinter dann doch schon wieder, und sei es nur eine Winzigkeit, andere Zeit geworden ist …“

Wenn ich jetzt diesen Gedanken und den von Remarque so nacheinander lese, scheint die Kernaussage übereinzustimmen, und ich habe sie augenscheinlich, ganz unabhängig, selbst auch gefunden: Es gibt im Leben des Menschen keine Rückkehr! Keine Rückkehr, wohin auch immer!

Was einmal gelebt worden ist, ist unwiederbringlich. Es ist vorbei.

Was ist daran erwähnenswert? Ist es überhaupt erwähnenswert?

Für Jene, die längst das Motto: „Lebe im Hier und Jetzt“ für sich zur Lebensmaxime zu machen verstanden haben oder das mindestens energisch und so konsequent als möglich anstreben, wohl überhaupt nur insoweit, als dass es sinnvoll ist, aus vormals begangenen Fehlern zu lernen bzw. an positive Erfahrungen, die in der Vergangenheit gemacht worden sind, anzuknüpfen. Bestenfalls. Etliche werden sich der Rückschau bewusst(er) verweigern, weil das, was gewesen ist, ohnehin nicht mehr zu ändern und ein unbekümmertes „just für fun“ allemal das Gesündeste sei.

Für die Nachdenklichen, die Suchenden, ist es eventuell nicht so einfach. Wenn ich da so von mir ausgehe …

Ich habe des Öfteren versucht zurück zu kehren. Sogar buchstäblich, etwa, indem ich Orte aufsuchte, an denen ich mich in früheren Jahren aufgehalten, bewegt, wo ich Lebenszeit verbracht habe. Wenn ich ehrlich bin, hatte das allerdings immer auch etwas Befremdliches. Ganz schön viel sogar, zumeist. Weil es doch immer anders war als damals, anders als beim letzten Mal, auch wenn ich neuerlich wieder hier gewesen bin, nachdem ich den Ort schon ein oder mehrere Male zuvor wieder aufgesucht hatte. Es war anders, es war befremdlich, weil sich die Orte verändert hatten. Und, weil ich mich verändert habe. Selbst das Projizieren von Erinnerungen an das „Damals“ an den Ort, so wie ich ihn nun gesehen, wahrgenommen habe, bewirkte kein anderes Empfinden.

Ein Zurückkehren gibt es offenkundig tatsächlich nur im Sinne von Erinnerung. Von dem aus und in dem, was bewahrt geblieben ist in der eigenen Seele. Und jedes derartige Zurückkehren ist deshalb subjektiv und wird immer subjektiv bleiben. Und also gegebenenfalls verschleiert im Verhältnis zu dem, was tatsächlich gewesen ist, idealisiert oder herabgesetzt, schöner oder schlimmer empfunden als es wirklich war, im besten, wohl aber seltensten Falle genauso, wie es der damaligen Realität entspräche.

Ich kann trotzdem nicht umhin, mich zu erinnern, in und durch Erinnerung immer wieder zurückzukehren zu Stationen und Episoden meines Lebens. Durch das Vergangene meines Lebens bin ich geworden, was und wer ich heute bin. In all meiner Unvollkommenheit, die ich als solche mittlerweile weitgehend akzeptiere. Schwieriger hingegen ist es mit der Akzeptenz, des „Wie“ meiner Unvollkommenheit, ihrer Art und Weise also. Immerhin hat sie mich, vor allem in der jüngeren Zeit, immer wieder an Grenzen gebracht, die für mich schmerzlich gewesen sind, die ich teilweise nach wie vor nicht zu überwinden, zu umgehen gelernt habe. Auch nicht immer bzw. wirklich, mit ihnen zu leben.

Irgendetwas in mir drinnen sagt mir, dass die Suche nach dem „Warum“ das so ist, hilfreich sein kann. Ich bin darin ursprünglich angefeuert und in der Folge auch immer wieder bestärkt worden,. Vor allem von Menschen, die etwas von Psychologie verstehen (sollten), berufsmäßig.

Andererseits habe ich selbst schon mehrfach erfahren, dass die Suche nach dem „warum“, die logischerweise nur in der Vergangenheit erfolgen kann und also Rückkehr erfordert, oft nur zu Wenig, manches Mal auch zu Nichts führt.

Die Frage nach dem „Warum“ in der Vergangenheit, ist sie am Ende sinnlos? Weshalb „predigen“ sie dann die Psychologen?

Weil die Frage nach dem „Warum“ am Ende nicht die Frage nach dem „Warum“ an sich, sondern nur die Frage ist nach Gründen bzw. Fehlern, die in der Vergangenheit aufgetreten, geschehen sind, begangen wurden? Und die Frage nach den positiven Erfahrungen, an die es, wenn irgend möglich anzuknüpfen gilt? Weil es dabei nicht um die Suche nach Schuldigen oder Engeln. Nur darum, was gewesen ist und wie es sich ausgewirkt hat.

Unwiederbringlich, Unwiederholbar. Aber halt auch unauslöschlich. So, wie alles Gelebte.

Dahin gibt es keine tatsächliche Rückkehr. Nie. Ob ich das will oder nicht.

Das ist so tröstlich, wie Leben Leid bedeutet hat und so bedauerlich, wie es Glück gewesen ist.

Das Leben ist immer Beides: Glück und Leid.

Insofern ist und bleibt das Erinnern, selbst wenn die Psychologen es aus genannten Gründen einfordern, doch zwiespältig. Weil alles Erinnern und nachfolgendes „Aufarbeiten“ nie dazu führen kann und nie dazu führen wird, das schließlich „alles gut“ sein oder werden wird, wenn man nur die Vergangenheit angemessen bewältigt.

An diese Illusion zu glauben ist schlussendlich verhängnisvoller als die Hoffnung darauf, wohin auch immer, zurückkehren zu können.

***

Heute teile ich mal ein ganz aktuelles Lied, denn nach langer Zeit ist sie wieder da. Ich mag sie sehr, mag ihre Lieder. Dido!

Dido – „Friends“

Tagebuchseite -771-

So gar keine Weihnachtsgeschichte

Solange ich mein Tagebuch führe, und das sind inzwischen immerhin mehr als sieben Jahre, habe ich stets etwas zu oder über Weihnachten geschrieben. Während der letzten Tage habe ich immer wieder darüber nachgedacht, was ich denn in diesem Jahr schreiben könnte. Aber mir scheint, dass ich grundsätzlich schon alles gesagt habe, was ich über Weinachten denke, was es für mich bedeutet, wie ich es auch in der Welt, bei den Menschen, die mich umgeben, wahrnehme.

Mein Körper und meine Seele beginnen allmählich zu realisieren, dass sie ein paar Tagen ausruhen dürfen, was zwar nicht heißt, dass sie sich so benehmen, wie ich es mir wünsche, aber so ein leicht beruhigendes Gefühl verleiht mir dieses Empfinden denn doch.

Ansonsten bin ich dieser Tage recht nachdenklich, was für mich in der Zeit von Weihnachten und „zwischen den Jahren“ nicht ungewöhnlich ist. Meine Gedanken kreisen buchstäblich durch und um die ganze Welt. Und zwar stärker, intensiver noch als um manche andere Zeit des Jahres, jetzt wo sich hierzulande alles so „aufs Fest“, auf Harmonie, Freude, wenn möglich, Familie, fokussiert, davon ausgegangen wird, dass es uns allen doch letztlich mindestens ziemlich gut geht und auch die Vielzahl, die Größe , der „Wert“ von Geschenken eine nicht unerhebliche Rolle spielt.

Ich denke gerade besonders über Dankbarkeit und Aufrichtigkeit nach.

Über die Dankbarkeit vor allem auf meine eigene Person bezogen.

Ich halte an sich nichts davon, mit einer Liste an „guten Vorsätzen“ in ein neues Jahr zu starten, aber für 2019 habe ich mir vorgenommen, mir bewusst und kontinuierlicher klar zu machen, dass und wofür ich dankbar sein kann, ja, dankbar zu sein habe. Vor allem in den depressiveren Phasen meines Daseins, die ja leider recht häufig auftreten, will ich versuchen, das zu schaffen. Eigene Depressionen, körperliche Schmerzen, Stress, Enttäuschungen , Trauer, und schon gar nicht ein „im Vergleich“ zu anderen Menschen vielleicht nicht so gutes Auskommen aufgrund eines niedrigeren Lohnes, berechtigen nicht dazu, die Dankbarkeit, das dankbar sein zu vergessen oder zu vernachlässigen.

Ich habe es auch in unserer nur teilsanierten Plattenbauwohnung warm und trocken, ich lebe in Frieden, ich habe Zugang zu einem Gesundheitssystem, ich kenne keinen Hunger, keine buchstäbliche Existenzangst, ich kann mir, immerhin in bestimmtem Rahmen, Kunst und Kultur erschließen und darf Genussmomente erleben und vieles andere mehr. Ich habe ein Leben auf diesem Planeten geschenkt bekommen!

Sei es wie es sei, dieses Leben, ich gehöre nicht zu denjenigen, die fortwährend oder gar lebenslang nur ums nackte Überleben zu kämpfen haben. Ich wurde nie gefoltert, war nie von einer Naturkatastrophe betroffen, ich muss bislang nicht mit einer Behinderung leben, wurde nie entführt oder sexuell missbraucht.

Ich muss und will es lernen, dankbarer zu sein, auch und gerade in einer Welt wie der unseren, die so sehr eine Welt der Ungerechtigkeit in so vielen Dingen ist, in der so viel Gier, Krieg, Leid, Heuchelei, Rassismus, Ignoranz usw., usw. so sehr prägend sind.

Ich nehme wahr, dass und wie viele Menschen sich im Großen wie im Kleinen diesen so prägend gewordenen und nach meiner Wahrnehmung immer noch prägender werdenden Entwicklungen, ihren Folgen aber auch ihren Ursachen entgegenstellen. Mit Mut, mit Fantasie, uneigennützig und nicht selten mit erheblichem Risiko für die eigene Person.

Meinen eigenen Beitrag in diesem Sinne sehe ich durchaus als sehr bescheiden an. Das hat teilweise mit der stärker werdenden Begrenztheit der eigenen (gesundheitlichen, auch der materiellen und anderer) Ressourcen zu tun. Aber nicht allein. Ich war und bin oft genug sehr unschlüssig, scheue Risiken, zögere, bin selbst inkonsequent und nicht diszipliniert genug, gehöre auch nicht zu den wirklich Mutigen.

Aber ich bemühe mich, und dass sehr willentlich, nach bestimmten Prinzipien und Werten zu leben, und habe dabei ganz bewusst, das Gemeinwohl, das Wohl der Menschheit, der Schöpfung insgesamt, das Wohl unseres Planeten im Blick. In diesem Bemühen bin ich sehr aufrichtig.

Damit bin ich nun beim zweiten Moment meiner aktuellen Weihnachtsnachdenklichkeit angelangt, der Aufrichtigkeit. Und über die denke ich schon sehr auch auf meine Zeitgenossen, meine Mitmenschen, bezogen nach. Und finde, dies betreffend, schon in meinem unmittelbarerem Umfeld Dinge, Erscheinungen, die ich nicht verstehe, die mich ärgern, die meiner immer irgendwie präsent seienden Verzweiflung stetig neue Nahrung geben.

Vor allem meine ich damit eine immer wieder anzutreffende Doppelzüngigkeit.

Da höre ich aus dem Munde mir bekannter Leute, das sie ja auch nicht immer jeden neuen Trend mitmachen würden, dass es nicht anginge, immer gleich das neueste Mobiltelefon zu haben, dass vor allem die heranwachsenden eigenen Kinder wieder mehr Wertebewusstsein erlernen und leben lernen müssten. Aber immer wieder sind das dann auch jene Menschen, an denen kein Kleidungsstück älter als zwei Jahre ist, die selbstverständlich mobil stets „uptodate“ sind und die heute ihrem demnächst volljährig werdenden Kindern längst ein eigenes Auto versprochen haben.

Gesprächen der Hausbewohner entnehme ich gerade Betroffenheit über die Vermüllung der Anlagen und den ganzen Plastikmüll in den Weltmeeren. Und Sekunden später öffne ich den Müllcontainer und sehe darin ALLES, Tetrapacks, Joghurtbecher, angetrocknete Farbbehälter, Flaschen. Die entsprechenden Wertstoffbehälter befinden sich 70 Meter Luftlinie entfernt …

Ich könnte zahlreiche weitere Beispiele, thematisch auch weiter ausgreifend benennen. Da wird im Betrieb von jenen am lautesten über des ausufernden Kreuzfahrttourismus gewettert, die regelmäßig alle zwei Jahre wieder einen entsprechenden Kasten besteigen. Da wird über die Gefahr von Giften in der Natur geklagt und einen Wimpernschlag später eine Zigarettenkippe nach der anderen auf die Rasenfläche geschnipst, auf der häufig gerade Kinder spielen …

Wie geht so etwas zusammen? Wie aufrichtig ist das? Und: Es handelt sich bei den Menschen, die ich mit meinen Beispielen benannt habe nicht etwa vorrangig um solche aus so genannten „bildungsfernen Schichten“.. Darunter finden sich dann im Zweifel eher jene, die gar nicht erst vorgeben, sich Ressourcen- oder umweltbewusst zu verhalten.

Unaufrichtigkeit gehört zu jenen Dingen, die am allermeisten meine Sorge um unseren Planeten, meine Verzweiflung und Ohnmacht, meine Angst davor, dass sich die Menschheit unaufhaltsam ihr eigenes Grab schaufelt, anfeuern. Und meine Befürchtung, dass alle noch so uneigennützigen, fantasievollen Gegenbewegungen zu wenig sein werden, zu schwach, um unter anderem die Unaufrichtigkeit zu besiegen.

Das sind die Gedanken, die mich an diesen Tagen, in dieser Zeit, am stärksten beschäftigen und umtreiben, Gedanken zum Dankbarsein und zur Aufrichtigkeit.

Und da ist noch eine Wahrnehmung, die bitter ist, die ich aber (leider) immer mehr als begründet, als wahr zu erkennen beginne.:

Das Streben nach Aufrichtigkeit, all die Versuche, sie wirklich öffentlich leben zu wollen, können ziemlich einsam machen, werden sie doch recht generell sehr schnell belächelt und abgetan, im mindesten aber als „schrullig“ abgetan. Das geht bis in die engste eigene Familie hinein. „So denkt kein Mensch.“ „Du kannst doch nicht zu rückständig sein wollen?!“ Auf Dauer wirst Du Dich ja doch nicht widersetzen können, wirst schon sehen.“

In gewisser Weise fühle ich mich oft wie ein „Aussteiger“, ohne ein wirklicher zu sein. (Dazu bin ich viel zu feige und zu unpraktisch.)

Dazu reicht es, seine Uhr so lange zu tragen, wie sie eben funktioniert, bewusst kein Smartphone zu haben, sondern ein einfaches Tastenhandy und dies auch so lange zu benutzen, bis es tatsächlich von sich aus den Geist aufgibt. Dazu gehört Textilien, wenn irgend möglich, aufzutragen, sich dagegen zu wehren, unbedingt einen HD-Fernseher zu haben, wenn der vorhandene, „nur digitale“ auch annehmbare Bilder liefert und zum Händewaschen grundsätzlich nur kaltes Wasser zu benutzen. Dazu gehört, den Müll peinlich zu trennen und die Wohnung nicht jedes Jahr mit einer neuen jahreszeitgemäßen Dekoration auszustatten.

Ja, und das wird letztlich am meisten belächelt, dazu gehört, auf vermeintliche oder meinetwegen auch tatsächliche und immer neue, weitere Annehmlichkeiten nicht nur bewusst zu verzichten, sondern jede neue sehr kritisch zu hinterfragen.

Menschen, die mich nicht besser, nicht wirklich kennen, unterstellen mir bisweilen Missgunst oder Neid gegenüber jenen, von denen ich meine, dass sie nicht sehr aufrichtig sind oder eben Annehmlichkeiten einfach als solche sehen und nutzen. Und etliche Menschen, die mich gut kennen, sehen in mir letztlich doch einen etwas weltfremden, eben schrulligen und schließlich auch ziemlich naiven Zeitgenossen.

Zum ersten kann ich, auch wenn das in manchen Ohren doch immer nur wie ein Postulat ankommen mag, sagen, dass mir Neid wirklich vollkommen fremd ist. Wesensfremd! Das zweite freilich tut schon ein wenig weh, und lässt mich, mich doch irgendwie immer einsamer werdend fühlen. Bis in die eigene Familie hinein …

Auch deshalb ist mein bekundeter Wille, bewusster Dankbarkeit zu leben wichtig. Und ich bin froh darüber, dass diese, meine weihnachtlichen, Gedanken zu ihm geführt haben.

Eine wirkliche Weihnachtsgeschichte ist mein diesjähriger Weihnachtseintrag in mein Tagebuch sicher nicht. Aber Weihnachten ist ja auch viel mehr als eine Ansammlung von Geschichten.

***

Es gibt ein unglaublich schönes, wohl aber nicht sehr vielen Menschen bekanntes, nachdenkliches und nachdenklich machendes Weihnachtslied. Ich möchte es sehr gern hier teilen und mit ihm allen meinen Lesern, vor allem jenen, mit denen ich durch eine Blogfreundschaft bzw. sogar darüber hinaus verbunden bin, eine frohe, gesunde, friedliche Weihnacht wünschen.

Und hier ist jenes besondere Weihnachtslied:

Phoebe Bridgers – „Christmas Song“

Tagebuchseite -770-

Ort am Ende des Jahres

Nun stehe ich also auf wieder einmal auf dem Bahnsteig „Zwischen den Jahren“. Soeben bin ich ausgestiegen aus dem Wagen 12 des Jahreszuges der Verpflichtungen, Zwänge, Unsäglichkeiten und Konflikte, der Suggestionen, des Unverstandes und der Ellenbogen.

Rückblickend ist auch dieser Zug wieder mit rasanter Geschwindigkeit durch die Monate gerast. Und nun stehe ich hier und lausche ihm hinterher, bis schließlich auch sein letztes Geräusch verebbt ist, irgendwo dort, wo das Nirwana der nächsten Jahre beginnt. Wohin ich, in den Wagen 1 des Zuges Nr. 2019 einsteigend, in ein paar Tagen auch aufbrechen werde. In einem Zug mit neuen Verpflichtungen, Suggestionen und Ellenbogen …

Jetzt aber stehe ich hier auf diesem Bahnsteig, und der Druck, dies und jenes noch tun, noch erledigen zu MÜSSEN, verebbt in mir, so wie das Geräusch des gerade abgefahrenen Zuges. Ich schaue ihm noch eine Weile nach, aber ich schaue nicht zurück.

Ich mag Jahresrückblicke nicht. Mir genügen einzelne Erinnerungen. Die, die in mich Einzug gehalten haben, die Teil von mir geworden sind, die mich, ohne dass es eines Rückblickes bedarf, als Erinnerungen und Teil meiner weiteren Realität begleiten werden. Ich werde freilich immer wissen, dass sie ihren Ursprung in diesem, dem eben davonfahrenden Jahr haben. Und so werden sie zu Zäsuren …

Ich schaue mich um auf dem Bahnsteig „Zwischen den Jahren“, auf den ich immer wieder nach Ablauf von 12 Monaten zurückkehre. Ich kenne schon all die kleinen Siedlungen, die dieser besondere Ort hat. Da sind die Siedlung der Bücher, die Siedlung der Besinnung, die Siedlung der Familie, die Siedlung des Gedenkens, die der Freunde, die Siedlung der Einkehr, die der Musik und der Bilder, die Siedlung der Wünsche und des Bittens, da ist die Herzenssiedlung. Und da ist ein Ortsteil des Landes meiner Träume. –

Es sind all die Orte und Plätze, die mir besonders wichtig sind, die ich im Jahreslauf zwar auch immer wieder streife, mitunter auch ein wenig besuchen kann, die aber nie so beieinander sind, so real beieinander, wie jetzt. Und die ich auch nie alle so unmittelbar beieinander habe wie jetzt und hier „Zwischen den Jahren“. Beieinander in meinem Herzen. Und ich bin ganz fokussiert auf sie. Weil mich keine Verpflichtung, kein Zwang von ihnen ablenkt oder gar fortträgt. Deshalb mag ich diesen Ort, diese Zeit so sehr.

Ich bin froh, dass ich sagen kann, dass ich noch Zeit habe, hier zu verweilen. Wenn sich diese Zeit dem Ende zuneigen wird, wird es mir schwer werden, werde ich traurig sein. So war es immer. Am schlimmsten dann, wenn ich den neuen Jahreszug werde besteigen müssen. Und ich mich dann wieder fragen werde: MUSS ich? MUSS ich wirklich?

Es gibt nur eine Antwort auf diese Frage.

Wenn ich eines Tages für immer „Zwischen den Jahren“ verweilen können werde, wird der Ort seinen Namen ändern und dann „Zwischen Leben und Tod“ heißen. Ich weiß, dass es dort dann sehr schön sein wird, solange denn mein Herz gesund zu schlagen imstande sein wird. Das kann jahrelang sein aber auch nicht einmal eine einzige Sekunde.

Vorerst kehre ich zu meinen Frohsein über die jetzt bevorstehende Zeit „Zwischen den Jahren“ zurück . Und zu dem Wissen, dass ich diesen Ort, und das Land meiner Träume sowieso in meinem Herzen auch dann bei mir tragen und haben werde, wenn der nächste Jahreszug mit mir auf Reisen gehen und sein wird. Und die besonderen Menschen, die darin ihr Zuhause haben, auch.

Und auf Reisen zu sein birgt die größten Chancen, weiter zu FINDEN, Schönes auch, was dann nach den nächsten 12 Monaten vielleicht schon eine neue Nuance einer Siedlung des Ortes „Zwischen den Jahren“ ausmachen wird.

Ich wünsche mir für alle Menschen Zeit an diesem Ort, dass sie ihn besuchen dürfen, erleben können, so wie ich.

***

Ich habe vor wenigen Tagen ein ganz neues Lied entdeckt, neu und aktuell seiend und vermutlich noch eine ganze Weile bleibend. Ein Lied, das mit wirklich großartigem Text von Zeitläufen erzählt, die sich ähneln, so wie gerade etliche unserer aktuell gelebten Jahre. Es wird von der wunderbaren Sarah Lesch eindringlich und sehr authentisch interpretiert – sie hat es gemeinsam mit Bastian Bandt getextet und vertont. Ihr wünschend, dass sie bitte gesund bleibt (wird), teile ich dieses sehr schöne, gelungene Lied:

Sarah Lesch – „Das mit dem Mond“

 

Tagebuchseite -769-

Von einer der ganz besonderen Umarmungen

Ich werde sehr selten umarmt. Ich meine, WIRKLICH umarmt. –

Nicht alle Menschen mögen Umarmungen. „Zu viel Nähe“, sagen einige, und manche haben dafür ihre guten Gründe. Und wenn ich in mich hinein höre, dann spricht es auch zu mir, dass mir nicht jede Umarmung von Jedem oder Jeder gefallen würde.

Aber Umarmungen aus aufrichtiger Zuneigung, aus spontaner Dankbarkeit, aus einem erwachsenden oder schon tiefen freundschaftlichen Empfinden heraus, eine Umarmung aus dem Bedürfnis heraus, ein bisschen Schutz und Anlehnung, Trost, einen Halt zu finden, die bedeuten etwas für mich. – Dabei muss es nicht immer oder erst oder gar eine Umarmung sein. Auch ein entsprechender Blick oder eine weniger aufwändige Geste, ein Lächeln, ein Nicken, sind mir wertvoll, wichtig, beachtenswert.

Umarmungen aber, zumal solche , wie die genannten, bleiben doch etwas Besonderes. Und weil sie in meinem Leben so selten sind, kann und mag ich mich an die ganz besonderen gern und gut erinnern.

Heute habe ich so eine Umarmung bekommen. So eine ganz besondere. Genau genommen waren es gleich zwei. Sie sind erst wenige Stunden her.

Wir hatten gemeinsam geübt, die kleine Leonie und ich. – Sie wohnt mit ihren Eltern und ihrem kleinen Halbbruder in der Wohnung über uns und ist erst vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen. Sie ist ein fleißiges, freundliches und sehr lebhaftes und aufgewecktes Mädchen, das in die fünfte Klasse geht. Und hat wohl eine furchtbar laute und strenge Deutschlehrerin, so sagt es auch ihre Mutti. In allen Fächern steht Leonie auf 1 oder 2, nur in Deutsch fast auf 4.

Ihr Traum ist es ans Gymnasium zu gehen und danach Schauspielerin zu werden. Talent hat sie ohne Zweifel, ich könnte schon manche „dramatische“ Geschichte erzählen, auch eine, in der ich sie begleitet, ihr geholfen und sie getröstet habe. Das hat sie mir offenkundig nie vergessen.

Nun haben wir also Deutsch geübt. Zum zweiten Mal, oben in ihrem Zimmer. Substantive mit den dazugehörigen Artikeln und Satzkonstruktionen mit Subjekt, Prädikat und verschiedenen Objektformen. In unterschiedlichen Zeitformen und mit Wörtern, die Leonie schon oft falsch geschrieben hat. Und wir haben zusammen gedichtet, drei Strophen, ein ganz eigenes Weihnachtsgedicht. Sich ein Weihnachtsgedicht auszudenken und es so gut zu lernen, dass sie es vortragen kann, war Leonies Hausaufgabe in Deutsch für die nächste Woche.

Das alles haben wir in nur einer Stunde geschafft. Leonie hatte ganz viele Substantivendungen gelernt, die ich ihr beim ersten Mal Üben aufgeschrieben hatte, und fand nun zu allen Substantiven, die ich ihr diktierte, die richtigen Artikel. Und auch mit den Satzgliedern hatte sie sich beschäftigt und machte nur ganz wenige Fehler beim Schreiben und Bestimmen der verschiedenen Formen. Und für das Gedicht hatte sie eine wunderbare Idee und suchte ganz eifrig mit nach treffenden Reimen.

Ich konnte sie oft loben, und wenn sie etwa ein besonders schwieriges Wort richtig geschrieben oder eine komplizierte Konstruktion richtig erfragt hatte, dann gaben wir uns „Fünf“ in die Hand.

Die 60 Minuten vergingen ganz rasch. – Kurz bevor ich mich zum Gehen von meinem Stuhl erheben wollte, sagte sie: „Das war schön, und ich möchte mich bei ihnen bedanken.“ Und reichte mir mit strahlenenden Augen und einem Lächeln einen kleinen Schokoladenweihnachtsmann und umarmte mich ganz fest. – Und dann draußen, im Flur ihrer Wohnung als ich mit ihrer Mutti sprach und wir vereinbarten, wann ich nächste Woche wiederkommen werde, da umarmte sie mich noch einmal, so stark, so innig, dass nicht nur ich, sondern auch ihre Mutti ganz gerührt war. „Sie mag sie sehr“, hatte diese mir schon vor ein paar Wochen gesagt.

Nun sind wir „per Du“, Leonie und ich. – Sie weiß jetzt meinen Vornamen, und zwar nicht nur deshalb, weil es ihr so schwer fällt, sich meinen Nachnamen zu merken und auszusprechen, sondern weil wir Freunde geworden sind.

Denn nur eine Freundin kann eine so liebe, so aufrichtige, so herzliche und ehrliche Umarmung schenken. So eine, die ich nicht vergessen kann, an die ich mich immer erinnern werde. Eine, die in dieser Art selten und kostbar ist, die eines jener so schönen und wertvollen Indizien dafür ist, dass Leben manchmal so lebenswert ist.

Dankeschön, liebe Leonie!

*

Berührend wie eine Umarmung ist auch das Lied, das ich heute teilen möchte. Ich konnte, als ich es heute (!) fand und erstmals hörte, gar nicht fassen , dass es schon mehr als 20 Jahre „alt“ ist. Ein zeitloses Lied, weil es zeitlos schön ist. Das Video dazu übrigens auch …:

Cowboy Junkies – „Angel mine“

Verse -66-

Es gibt Menschen, die wie Federn sind

Wenn du wie eine Feder bist,
dann bist du weich,
dann kannst du wärmen,
dann kannst du streicheln.
Wenn du wie eine Feder bist,
dann können deine Träume fliegen.

Wenn du wie eine Feder bist,
bist du sehr leicht,
bist du empfindlich.
bist du zerbrechlich.
Wenn du wie eine Feder bist,
kannst du fortgetragen werden
von Wind oder Sturm.

Bis dich niemand mehr sieht.

Bis du allein bist mit dir.

Fällt zu viel Regen auf dich,
wirst du nicht mehr fliegen können,
bleibst am Boden kleben,
kannst zertreten werden.

Nur, wenn du,
wenn deine Träume fliegen dürfen,
kannst du leben,
bist du frei.

Es gibt so viele Menschen,
die sich Menschen,
die wie Federn sind,
nicht vorstellen können.

Die zu wissen meinen,
dass da noch anderes sein muss,
als allein die Fähigkeit
zu wärmen und zu streicheln,
als Empfindsamkeit
und Zerbrechlichkeit.

Die zu wissen glauben,
dass es Menschen wie dich,
die so sind wie du,
nur so, wie eine Feder eben,
gar nicht geben kann.

Und die so leben,
als gäbe es sie nicht.
Als gäbe es dich nicht.

Doch es gibt Menschen,
die wie Federn sind …

*

Ich wünsche allen Menschen, die wie Federn sind, allen, die sensibel und die in sich viele sind, weil sie unbeschreibliches Leid erfahren haben, allen, die ein wahrhaftiges Herz in ihrer Brust tragen, dass das nun folgende Lied nie wahr wird für sie. Ich für mich habe entschieden, trotz allem, immer weiter dagegen anzukämpfen. Ich mag das Lied, das ich kürzlich auf dem Portal einer Blogfreundin fand, dennoch. Weil es so schonungslos ehrlich ist. Weil es sich manchmal wirklich so anfühlt. (Vorsicht, es kann triggern!!!)

Isolation Berlin – “ Alles Grau“