Wegweiser durch diesen Blog

Tagebuchseiten:

Hier sind meine Reflexionen über Ereignisse und Begegnungen im Alltag ebenso zu finden, wie meine Gedanken über „Gott und die Welt“ – in loser Folge, ohne Ordnung …

(Mit Beginn des Jahres 2017 erscheinen einige meiner Tagebuchseiten als Selbstgespräche . Grund dafür ist eine umfassendere Idee, die ich schon lange in mir trage. Vielleicht entsteht aus den entsprechenden Texten irgendwann ein Weg, der zu ihrer Realisierung durch mich führt. Vielleicht …)

Sentenzen:

Nachdenkliches zu Themen, die mich immer wieder und nachhaltiger bewegen und beschäftigen, die in meinem und für mein Leben zumeist eine wichtigere Rolle spielen.

Verse:

Einige meiner Versuche, Gedanken, Eindrücke, Reflexionen und Ansichten in lyrischer Form zu verarbeiten.

Gedanken zu Aphorismen:

Was immer ich auch lese, ich spüre darin aus meiner Sicht interessante Sinnsprüche auf. Einige von denen, die mich besonders inspirieren, zum Nachdenken anregen, meinen Widerspruch herausfordern, bespreche, diskutiere ich hier.

Zwischenstopps:

Texte oder Begebenheiten über die ich „gestolpert“ bin, darunter Merkwürdiges, Skurriles, Witziges, Unglaubliches – manchmal mit kurzen Kommentaren von mir versehen. (mitunter auch Musiken, mit denen ich mir einen Zwischenstopp genehmige …)

Sammelsurium:

Hier finden sich von mir verfasste, kleine Rezensionen zu Büchern, die ich gelesen habe, eigene Gedanken in Aphorismenform, die ich zur Diskussion stelle, und Sonstiges, was mir mitteilenswert erscheint.

Tagebuchseite -920-

Die Schnecke bin ich

Ja, die Schnecke bin ich, und mein Weg ist mit Mauern gepflastert, und ich weiß nie, wie hoch die nächste Mauer ist.

Ich bewege mich wie jene Schnecke, von der in einem mehr oder weniger bekannten Rätsel die Rede ist, das wie folgt, lautet:

„Eine Schnecke klettert auf eine Mauer. Die Mauer ist 10 Steine hoch. Die Schnecke hat es eilig und kriecht in einer Stunde zwei Steine hoch. Danach ist sie so müde, dass sie eine halbe Stunde schlafen muss. In dieser halben Stunde sackt sie einen Stein nach unten. Dies wiederholt sich bis sie oben auf der Mauer ist.“

In dem Rätsel ist weiter davon die Rede, dass die Schnecke abends um 8.00 Uhr startet, die Mauer zu erklimmen. Und die Frage ist natürlich, wie lange die Schnecke insgesamt brauchen wird, bis sie oben, auf dem Mauerfirst, anlangt.

Die richtige Antwort lautet: Sie ist am nächsten Tag um 9.00 Uhr oben, benötigt also insgesamt 13 Stunden. Würde sie nach zwei erklommenen Steinen jeweils eine halbe Stunde ausruhen ohne wieder ein Stück herunterzurutschen, bräuchte sie nur 7 Stunden, und ganz ohne Pause hätte sie ihr Ziel sogar schon nach 5 Stunden erreicht.

Die Relation stimmt, glaube ich, frappierend überein mit jenem Verhältnis an zeitlichem Aufwand, den ich verglichen mit der großen Mehrzahl anderer Menschen, etwa meiner Kolleginnen, zum Bewältigen von Arbeitsanforderungen betreibe bzw. benötige. Vor allem während der letzten „Ferien“tage ist mir das sehr schmerzhaft und schmerzend bewusst geworden.

Nur in geringem Maße hat das mit dem zu tun, was neudeutsch meist fälschlicherweise Prokrastination  genannt wird und eigentlich Trödeln meint. – Vielmehr ist es eine ganze Gemengelage, die da zusammenkommt: Unsicherheit, nicht gewollter Perfektionismus, sich steigernde und dann anhaltende innere Anspannung bis hin zu Versagensangst, Konzentrationsprobleme und noch einiges mehr, von dem ich mindestens eine Ahnung zu haben glaube, es aber nicht auf den Punkt gebracht zu benennen vermag.

Es kostet unsagbar viel Anstrengung und Kraft, mich ungeachtet all dessen und der vielen vergehenden Zeit, die für andere Dinge unwiderruflich verloren ist wieder und schließlich überhaupt noch zu motivieren. Die viele ungewollte Beschäftigung mit mir, meinem Innenleben, das Bewusstwerden der Kleinteiligkeit und Vielfalt all der Aufgaben, das Empfinden  und Vorhandensein großer Verantwortung für eine angemessene Qualität dessen, was ich erarbeite, münden keinesfalls in ein Nichtstun, aber sie bedingen, dass ich unsagbar ineffektiv arbeite.  Ich brauche sooo viel Zeit, bis ich zu einem Ergebnis komme.

Ja und dann und auch zwischendurch ist es buchstäblich wie bei der Schnecke aus dem Rätsel: Ich werde müde, bin erschöpft, sehr erschöpft, zwischendurch und in jedem Fall am Ende eines jeden Tages, der schließlich wieder nur Arbeit gewesen ist. – Und rutsche dann halt auch immer wieder und wieder noch das eine oder andere Steinchen  der Mauer, die ich zu bezwingen versuche, nach unten und muss folgerichtig jedes Mal mit nochmaligem Anlauf neu starten.             

Jede vorherige Planung hat sich immer noch als zu schwach gegenüber all den genannten Unwägbarkeiten erwiesen, dabei würde ich nichts lieber, als in angemessener Zeit zu einem qualitativ akzeptablen Ergebnis zu kommen, um etwas mehr Freiraum für andere Dinge zu haben. Aber das gelingt mir nicht, gelingt mir immer weniger.

Ist das Wochenpensum endlich vorbereitet, ist das Wochenende vorüber. In der Woche bin ich nach Vermittlung dieses Pensums und sonstiger Aufgabenerledigung im Rahmen meiner Arbeit meist zu erschöpft, zu kaputt, um unmittelbar im Anschluss gleich noch eine Vorbereitungseinheit dranzuhängen. So konzentriert sich alles, was erneutes Vorbereiten angeht, wieder auf den letzten Wochentag und das Wochenende …

Wenn ich zurückblicke, ist es in meinem Leben immer wieder so gewesen wie jetzt. Inzwischen glaube ich, dass es mit meinem Wesen zu tun hat, dass es immer wieder so ist oder so wird. Irgendwie hat mich noch jede Arbeit so stark gefordert, und auch ineffektiv bin ich schon immer gewesen. Mal mehr, mal weniger. – Seit meiner Erkrankung vor einigen Jahren geht die Tendenz allerdings immer stärker zu „immer mehr“. Nicht nur aus diesem Erkennen heraus arbeite ich seither nicht mehr in einem Vollzeitjob.

Die Arbeit, die ich vor der jetzigen getan habe, schien eine zu sein, mit der ich mich hätte arrangieren können, ohne, dass es zu der jetzt so stark eingetretenen und für mich spürbaren Entwicklung und Lage gekommen wäre. Aber das sollte nicht sein. Das Projekt wurde nicht weiter finanziert, ist letztlich, obwohl es ein sehr gutes (wissenschaftlich evaluiert und sehr positiv eingeschätzt) und wichtiges gewesen war. So geschieht es halt im sozialen Bereich …

Die Arbeit, die ich seither mache, mache ich an sich gern. Vor allem wegen der Kinder, die darin eine Hauptrolle spielen, spüre ich , dass ich tatsächlich auch etwas geschenkt bekomme dabei und dadurch. – Aber sie ist halt auch sehr anstrengend, anstrengender als meine vormalige Tätigkeit, nach der ich sehr lange suchen musste, nachdem ich zuvor so etwas wie eine Odyssee hinter mir hatte.

Nun bin ich wo ich bin und ich fühle mich wie die Schnecke. Jede Woche ist eine neue Mauer. Bisher habe ich sie alle erklommen.

Und irgendwie muss ich es hinbekommen, das auch weiterhin zu tun, auch wenn mein Weg mit Mauern gepflastert ist, mit noch ganz anderen, und ich doch nie weiß, wie hoch die nächste wohl ist.

Aber vielleicht ist das besser so …

***

Nessie Gomes – „These Walls“

Tagebuchseite -919-

Von Schmerzen und einem Schmerz die/der bleiben/bleibt

Viele Schmerzen beginnen und werden in ihrem Beginn kaum oder gar nicht bemerkt.  Dass und wie sehr sie schließlich wehtun, verraten sie an diesem Anfang nicht, aber sie wissen schon, dass sie nie wieder vergehen werden. Nie wieder! Du aber weißt es nicht, ahnst es zunächst nicht einmal.

Wer behauptet, dass sich jeder Schmerz bekämpfen und heilen ließe und schließlich irgendwann wieder verschwände und dies auf Lebzeiten  bezieht, der weiß nicht viel vom Leben. Es gibt Schmerzen, die von ihrer Geburt bleiben bis zum Tod, deinem Tod. Erst dein Sterben ist auch ihres.

Wenn diese Art von Schmerzen seelische sind, dann spürst du sie auf ganz besondere Weise. Sie gebären Dämonen in dir oder suchen sich welche, wenn schon welche in dir leben. Ängste zum Beispiel oder Depressionen. Und wie diese oder auch durch sie sprechen sie zu dir. – Wenn das einmal begonnen hat, hört es nie wieder auf, solange die Schmerzen deine Begleiter sind.

Und sie zwingen dich immer wieder in Dialoge und Auseinandersetzungen, denn ihre hervorstechendste Eigenschaft ist, sich bemerkbar machen zu können. So sind Schmerzen halt, das ist ihr Wesen. – Sie zwingen dich in Konversationen, die, wenn die Schmerzen von einem geliebten Menschen verursacht sind, mehr und mehr den Raum jener Gespräche einnehmen, die du vormals mit eben diesem Menschen führen konntest. Das aber geht seit der Zeit nicht mehr, während der jener Mensch entschieden hat, dass es nichts mehr zu sprechen gibt.

*

So sitze ich hier, schweigend, und ich höre meinem Schmerz zu. Dem einen, der stärker wird, je mehr sich an so manchem Wochenende die Kilometer zwischen mich und den geliebten Menschen legen und mehr und mehr werden, bis er angekommen ist, der geliebte Mensch. Dort, wo für mich der Schmerz am größten wird. Und: bleibt! Bis er wieder kommt, jener Mensch und mein Schmerz zu einem Bangen wird. Welches wiederum bleibt, bis er erneut auf die Reise geht, der geliebte Mensch. So geht das nun schon eine längere Weile.

Das noch bestehende Faktum, dass das Wiederkommen des geliebten Menschen eine Rückkehr ist, wandelt sich zur Vision, dass aus diesem Rückkehren, das schon immer weniger eines zu meiner Seele geworden ist, Besuche werden, und die Reise, die jetzt noch Besuch ist, die Rückkehr sein wird. Eine Rückkehr nicht nur nicht mehr zu meiner Seele, sondern überhaupt nicht mehr zu mir. – Diese Vision schickt sich mehr und mehr an zur Realität zu werden.

*

Mehr denn je denke ich über mein Versagen nach.

Ich erinnere mich, wie sehr mir einst geraten worden ist, meine Lebensleistung zu würdigen, die eine besondere sei. Ich habe versucht, das zu beherzigen, aber nie alle Gewissheit daran auszuräumen vermocht, dass sie so besonders doch nicht gewesen ist. Und nun ist diese Gewissheit größer denn je, zumal jener „Ratgeber“ von meinem Privatleben so gut wie nichts wusste. Und also nichts von dem ahnen konnte, wie sehr, wie umfassend ich versagt  habe oder noch versagen würde.

Stärken und Schwächen eines Menschen mögen relativ sein. Und manches mag von einem Menschen als Stärke bei einem anderen gesehen werden, und der nächste sieht das genau andersherum.

Dieses ganze Wissen ist wertlos, wenn es um einen ganz bestimmten Menschen geht, die Beziehung zweier bestimmter Menschen. Dann zählt nur das und fällt wirklich ins Gewicht, was diese beiden wie wahrnehmen, empfinden und letztlich auch bewerten.

Die Bewertung, die ich zur Kenntnis zu nehmen habe, aber, lässt keinen anderen Schluss als den des eigenen versagt Habens zu.

Ich war und bin nur genug für Leben, das Arbeit ist, und auch das bisweilen nur mehr schlecht als recht, ein Leben, durch das ich immerhin manchen anderen Menschen erreichen und ansprechen, etwas geben konnte, und ja, auch etwas finden.

Vielleicht kann ich auch ein guter Freund sein. Aber niemand, den man wirklich lieben kann.

*

Es ist Winter draußen. Mittlerweile liegen selbst hier wohl knapp 20 cm Schnee – heute Nacht ist noch einiges an Flocken dazu gekommen. Es ist überdies sehr kalt draußen.

Aber kalt ist es hier drinnen auch. Schmerz gibt keine Wärme.

Und so werde ich wohl nachher etwas hinausgehen in das kalte Weiß, hoffend, dass es für eine Weile kälter ist als er, der einer von denen ist, die immer bleiben.

***

Das Lied hier, liebe ich. Und es passt gerade und wird, nachdem ich es herzlich zu mir eingelassen habe, immer eine der Melodien, die in mir wohnen, bleiben (Es gibt noch eine andere Aufnahme mit einem sehr schönen Video dazu, allerdings ist vor und nach dem Lied eine für mein Empfinden sehr störende Werbung platziert, sodass ich mich entschieden habe, die folgende, neutrale Aufnahme zu teilen):

Marnie – „Gold“

Verse -88-

 Schneeflocken
  
 Nun tanzt ihr hernieder 
 in Formen so reich,
 zu erkennen nicht wieder,
 denn kein einz'ge ist gleich.
  
 In der Kälte geboren
 und doch wunderschön,
 zur Milde gefroren
 und fein anzuseh'n.
  
 Seid ihr viele Sternlein
 wie Daunen so weich
 so sanft, weiß und rein,
 macht Herzen ihr leicht.
  
 Euer Tollen und Schweben,
 überm Meer und an Land -
 es kündet von Leben,
 was oft noch verkannt.
  
 So möcht' ich euch lieben,
 selbst wenn ich doch frier.
 Bleibt noch etwas liegen!
 Bleibt etwas noch hier!
  
 * 

Für mich eines der allerschönsten „Schneeflockenlieder“ ist dies hier von Sia. Zwar ist im Text die Rede davon, dass die Freiheit der Schneeflocke am Weihnachtstag komme. Mit der Botschaft von Weihnachten im Herzen, und dort sollte sie ja für jeden Tag des Jahres bewahrt sein, ist der Text des Liedes aber eine ganz grundsätzliche wundervolle Liebeserklärung an die Schneeflocken, und wer ein bisschen Fantasie hat, wird viele wundervolle Metaphern darin entdecken können. Deshalb, wegen seiner zauberhaften Melodie und dem besonderen Gesang, liebe ich dieses Lied … :

Sia – „Snowflake“

Tagebuchseite -918-

Von dem, wie etwas unwiederbringlich wird und dem, wie und warum etwas unerkennbar bleibt

Während der letzten beiden Tage waren so viele Verse in mir. So viele verschiedene, dass sie für mehrere Gedichte gereicht hätten.

Manche der Emotionen, die ihre Inspirationen waren, reimten sich auf bezaubernde Weise. Andere formten sich zu leisen Sätzen und wurden zu stillen Balladen. Aber aufzuschreiben vermocht, habe ich keine einzige der Zeilen, die aus ihnen geworden waren. Es waren ihrer zu viele, die einen wurden von den anderen sogleich wieder gelöscht, ohne dass ich das verhindern konnte.

Am Ende saß ich lange vor einem weißen, leeren Blatt –  Anachronismus des Augenblicks, in dem alles, was geschehen war, in mir zusammenfloss und so viel wurde, dass es am Ende nichts war, weil ich es nicht halten konnte.

So ist es mir und meinen Plänen etwas zu schreiben, das mir wichtig war, wichtig ist, schon oft und immer wieder ergangen. Je größer und umfassender die Idee für ein entsprechendes Projekt, desto sicherer ist es, dass ich es nie zu realisieren imstande sein werde. Denn ich erlebe schon vor und dann beim Schreiben so viel, dass es mich entweder schließlich lähmt oder aber geradezu fortspült.

Mein Los und also mein Metier sind also wohl die kleinen Dinge, die Aphorismen und Sprüchlein, die Schnipsel und kleinen Essays, die Gespräche mit mir selbst, die kurzen Philosophien und ab und an ein wenig Lyrik. Im Schreiben wie im Leben.

Das Leben als Ganzes ist zu durcheinander, zu ungewiss, zu grell, zu laut, zu groß, zu viel für mich.

Nun ja, was das Schreiben angeht, werde ich das wohl irgendwie zu verkraften lernen.

Aber, dass das Meer der eigenen Gedanken über das, was Leben alles ist und ausmacht, in mir so groß und so tief ist, dass ich immer mal wieder darin ertrinke, das macht mich doch beständig sehr unsicher, unruhig und traurig.

Wie kann DAS je zu verkraften sein?

Dazu müsste ich doch wenigstens erst mal das Leben meistern … – dieses Leben, das mir zuletzt vor zwei Tagen so viele Verse gab, die geschrieben ein Teil meines Ich hätten werden und bleiben können.

Die nun aber unwiederbringlich sind.

*

Als ich gestern vor jenem weißen Blatt Papier saß, flog ich, da ich spürte, dass es jetzt wohl besser wäre ein bisschen zu fliehen, schließlich für eine Weile fort …

Die Musik wurde lauter und hätte jemand vor der Türe auch nur gelauscht, so hätten er oder sie viel über mich erfahren können:

Welches die Zeit meiner Jugend war, dass mir Texte etwas bedeuten, dass die Klänge, die ich mag, sehr vielfältige sind und ich deshalb nach neuen auf der Suche bleibe, dass es die leiseren Stimmen sind, denen ich besonders gern zuhöre, dass eine meiner großen Sehnsüchte die nach Harmonie ist.

… und als ich zurückkehrte, war mir so klar wie nie vorher, wie viel sich durch verschlossene Türen hindurch erkennen ließe.

Und mir fielen Menschen ein, die, ohne es wohl offen zugeben zu können, viel darum gäben, in der Lage zu sein, die Tür zu ihrer Seele ein Stückchen zu öffnen,  wenn sie nur wissen dürften, dass da keine Gefahr wäre, die nur auf eben diesen Augenblick wartend davor stünde.

Wann aber kann das heute jemand wirklich wissen?

Und wie hoch kann und wird der Preis dafür sein, das Öffnen dennoch zu wagen?

Hat nicht alles im Leben der heutigen Zeit letztlich einen Preis?

**

„Blizzard“, das klingt als könnte es mancherorts genau in diese Zeit passen.

Aber bei Pauls Jets, einer österreichischen Indie-Pop-Band, von der ich schon einmal ein Lied hier geteilt habe, ist manches nicht so, wie es eigentlich scheint. Das Lied „Blizzard“ ist wohl ein Beispiel dafür. Ich mag es dennoch sehr, die sanfte Melancholie seiner Melodie, ist so als würde sie mich ein bisschen tragen so lange sie denn klingt.

Vielleicht trägt sie ja auch den einen oder anderen, der hier gerade gelesen hat, ein Stückchen …

Pauls Jets – „Blizzard“

Tagebuchseite -917-

Selbstgespräch (6)  –  … über die Crux und das Ende des Träumens

Je weiter die Reise geht, desto weniger werden die Träume. Und am Ende ist da nur noch ein Traum: Der davon, wie das Leben hätte sein sollen, Dein Leben. Ein Traum, der nicht mehr wahr werden kann, denn nun ist Dein Leben so gut wie gelebt.

Rückwärtsträume sind die schwierigsten und schmerzhaftesten. Aber sie sind immer die letzten, die bleiben. Wenn für das Träumen nach vorn die Zeit abgelaufen ist. Und das ist sie irgendwann immer, auch dann, wenn noch ein Stückchen Leben übrig ist.

Wie hätte Dein Leben sein sollen? Du hast das nie gewusst. Geträumt hast Du es trotzdem. Nie wirklich weit voraus. Stets so, dass es überschaubar war.

Du hattest ein Mädchen gesehen und Dein Wunsch, wie es werden sollte mit ihm, war Dein Traum. Du bist in eine Gegend gekommen, die Dir gefiel. Deine Vorstellung, wie es wäre, immer dort zu sein, dort zu leben, wurde Dein Traum. Und ebenso war es, als Du Dein Diplom in Händen hieltest. Du hast Dich in dem Beruf gesehen, den Dir sein Bestehen eröffnete und träumtest Dich dorthin.

Keiner dieser und noch so vieler anderer Deiner Träume ist je wahr geworden. Kein einziger. Obgleich sie alle gar nicht so utopisch, so fantastisch, so surreal waren, sie alle der Realität entsprungen sind: Deiner Realität und jener, die Dich jeweils umgab. Und, obwohl Du für sie lebtest, bisweilen viel, wirklich viel, dafür investiertest.

Später kamen dann die Albträume. Erst vereinzelt, dann immer mehr. Es gab eine Zeit, da begannen sie Dich zu beherrschen. Es war dies dieselbe Zeit, in der Deine Träume, jene anderen, zu Sehnsüchten wurden. Je mehr das passierte, und das tat es nun fortan, desto süchtiger wurdest Du nach ihnen, denn Dein Leben wurde nun immer schwieriger, Deine Kraft schwächer. Manchmal auch Dein Wille.

Der unsinnigste und am Ende zynischste der wohlgemeinten Sätze dieser Welt ist der, der da lautet:

Lebe Deine Träume!

Bei den Träumen, die Dein Leben bedeuten könnten, kann das nicht gelingen. Nicht in einer ungerechten Welt wie der, die die unsere ist, von Menschen verändert bis zur Unkenntlichkeit und von Menschen dominiert, die einander nicht mehr zuhören und die Götzen folgen, die ihnen gepredigt werden und die ihnen ausgerechnet das Wahr werden ihrer Träume verheißen.

Und bei den schlimmen Träumen, denen aus den Albtraumnächten, da kannst Du es selbst nicht wollen.

Was also soll dieser Satz?

Der Traum davon, wie Dein Leben hätte sein sollen, ist in Deinem Fall der Traum von kleinen Dingen.

Nie hast Du ein kleines Ding übersehen, vor allem keines von jenen, die Dir Freude schenkten oder Deinem Schönheitsbegriff entsprachen. Und es wird Dir auch nie geschehen, dass Du je ein solches Ding übersehen wirst, solange Du Deine Sinne beieinander hast.

Dass Du nun dennoch und rückwärts von ihnen träumst, hat damit zu tun, dass viele von ihnen keinen Bestand hatten für Dich, dass sie überlagert wurden, von anderem, das Deine Seele in Gefangenschaft nahm und nimmt, einschließlich Deines eigenen Charakters und Wesens, und damit, dass die Welt ist wie sie ist und die Menschen darin sind wie sie sind. – Nicht Deine Welt. Und nicht Deine Menschen. Umgebung und Lebensraum, die Dir fremd geblieben oder geworden sind, weitgehend.

So hast Du letztlich Angst bekommen vor dem Träumen. Neben der Angst vor den Albträumen, die schon länger in Dir wohnt, nun noch die Angst vor weiteren Enttäuschungen, vor weiterem Verlust, vor weiterem Versagen, und neu: vor weiterem Versiegen, von Kraft und Gesundheit vor allem, die aus den so vielen nicht wahr gewordenen Träumen geboren worden ist und sich nun in Gesellschaft zu den vielen anderen Deiner Ängste begeben hat.

Nun schaust Du zu mir auf und fragst mich leise, was Du denn nun tun sollst, was das Träumen angeht.

Schaue bitte nicht zu mir auf, ich stehe doch nicht über Dir. Es liegt so sehr in unserer Natur, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen, dass es gar nicht anders geht. Das ist sehr tröstlich und schön, weißt Du? Deshalb rede ich so gern mit Dir, auch über das Schwere. –

Aber eine Antwort auf Deine Frage habe ich nicht. Wahrscheinlich, weil ich, wie eben Du, nicht über unser beider Horizont hinweg schauen kann.

***

Es war ein ganz unglaublicher Moment gestern.

Ich bekam von einem Streamingdienst bereits am Montag, wie allwöchentlich, eine Playliste vorgeschlagen, die sich vorgeblich an meinen Hörgewohnheiten orientiert. Als ich nun erst gestern Zeit fand, dort hineinzuhören, war da ein Lied, das mich augenblicklich „anfasste“, das ich aber noch nie zuvor gehört hatte. Ich mochte es sofort sehr. Es klang für mich, obgleich sehr getragen und balladenhaft, modern und es hat, wie ich bald feststellte einen schönen Text, den eines sehnsuchtsvollen aber keineswegs kitschigen Liebesliedes.

So recherchierte ich schließlich ein bisschen dazu und glaubte meinen Augen nicht zu trauen als ich las, dass dieses Lied bereits im Jahr 1977 entstanden sein soll. Der Name der Gruppe, von der es vorgetragen wird, hatte mich zwar schon etwas stutzig werden lassen, weil es eine „altbekannte“ ist. Aber wieso hatte ich das Lied noch nie gehört?  Wirklich NIE!

Jedenfalls wäre es ungeheuer schade gewesen, wenn es nicht gestern doch noch zu mir gefunden hätte.  Sehr gern teile ich nun hier:

Barcley James Harvest – „Poor Man’s Moody Blues“

Sammelsurium -120- (Sieben Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Meine heutige „Sprücherunde“, die wie immer eine Einladung zum Lesen, Diskutieren, Zustimmen oder auch Widersprechen sein möchte, ist insoweit eine Premiere, als alle meine Aphorismen sich diesmal mit einem Thema befassen, in diesem Fall dem Thema „Tränen“. Auch der anschließende kleine Beitrag aus meiner Reihe „Schnipsel“, der durch eigenes Erfahren inspiriert entstanden ist, greift dieses Thema auf. Hier aber zunächst einmal die Sprüchlein:

Der innerlich weint, weint ohne jede Scham. Denn da ist nur er selbst. Und wie zerbrechlich auch immer, ist er sich doch der letzte Freund. Für Tränen vor einem Freund aber schämt man sich nicht.

*

Salz, das süß ist? – Das der Freudentränen!

*

Keine Tränen (mehr) zu haben, bedeutet nicht, ausgetrocknet zu sein.

*

So oft sind es gerade die wunderschönen Bilder, Texte und Klänge, die, wenn sie auf die Sehnsucht eines Menschen treffen, zu Tränen werden.

*

Keine Träne ist vergossen. Das ist einfach nicht wahr.

*

Auch wo Tränen rinnen, ist ein Flussbett und sind also auch zwei Ufer.

*

Die still geweinten Tränen, sind die, die am lautesten rufen.

**

Schnipsel (18)

Sie reisten nun alle wieder an ihm vorbei: der Fluss, die Berge, die Wiesen und die Wälder. Blieben hinter ihm zurück, während er aus dem Fenster schauend, im Zug saß, der ihn dorthin zurückfuhr, von  wo er vor ein paar Wochen hierhergekommen war.

Immer wieder war es so gewesen, Jahr um Jahr. Und immer wieder war er traurig und voller Sehnsucht gewesen, noch im letzten Augenblick der Gegenwärtigkeit des Wassers und der Höhen, der Düfte und der Melodien, und dies Fühlen blieb als aus der Gegenwart Erinnerung wurde und verging nie wieder ganz.

Aber immer war da dennoch Hoffnung gewesen, die auf Vertrauen wachsen konnte, dass er wiederkommen würde. Und dann kam er auch immer wieder.

Beim letzten Mal aber war da nichts mehr, worauf sich Vertrauen bauen ließe. Und obwohl er noch nicht wissen konnte, das dieses Mal tatsächlich das letzte sein würde, rannen ihm das erste Mal Tränen über das Gesicht, während der Zug seine Reise begann.

Und nun weiß er: Wenn zum Abschied Tränen rinnen, verlässt man ein Stück Heimat. Fluss, Berg, Wald, Mensch. Manchmal für immer.

***

Es ist still und stiller geworden um Birdy, jene englische Sängerin mit der besonderen klaren und eindringlichen und zugleich sanften und schwebenden Stimme, die vor Jahren, selbst gerade einmal 15, 16, 17 Jahre jung, mit Liedern wie „Skinny Love“, „People help the People“ oder „Wings“ lange und weit oben in den Charts platziert war.

Heute ist sie 24 und singt mindestens ebenso schöne, wenn nicht noch schönere Lieder, und wird doch nur noch vergleichsweise wenig gehört. Ein Beispiel ist ihr neuester Titel, mit einem Text, in dem ich mich sehr wiederfinde und einer sehr schönen Melodie. Und Birdy singt zauberhaft:

Birdy  – „Surrender“

Tagebuchseite -916-

Gedanken über die Fragilität einer Einzigartigkeit

Es ist so eigenartig, so paradox, so irritierend und unverständlich, geradezu absurd aber irgendwie auch faszinierend. Dabei kenne ich mich doch, dabei bin ich doch ich.

Warum dann immer wieder diese Zweifel daran, dass ich mich kenne? Tue ich das wirklich? Kennen mich andere Menschen besser als ich selbst? Bei meinem früheren Therapeuten würde ich das sofort bejahen, der hat so viele Dinge aus mir herausgelesen, die mir selbst bis dato unbekannt gewesen sind. Bei manchem Kollegen, manchem Begleiter vermute ich das auch, zumindest in Teilen. Ich bin für einige Menschen durchschaubar, beinah gläsern, so scheint es mir, auch dann, wenn ich bestrebt bin, möglichst wenig von mir preiszugeben. Die, die in mich hineinzuschauen vermögen, machen mir oft Angst. Denn sie müssen mir ja keineswegs wohlgesonnen sein.

Wer kann wie viel von mir sehen? Diese Frage beschäftigt mich oft. Ich möchte mich schützen, aber da ist auch der Gedanke, dass wer nicht alles von mir sieht, mich auch niemals wirklich und umfassend einschätzen kann. Ich kann nicht erwarten, dass er oder sie, mich sieht, mich liest, wie ich tatsächlich bin und wie ich mir, daraus folgend wünsche, dass er bzw. sie mir begegnet.

Aber es beginnt schon bei mir selbst. Selbst, wenn ich weiß, wer ich bin, kenne ich mich dann auch? Ich bin mir dessen nicht sicher.

Warum macht mir faktisch jede Veränderung Angst? Ich weiß doch, dass nicht jede Veränderung eine schlimme ist, weiß, dass manche Veränderung am Ende gar nicht so eintritt, wie es sich ursprünglich angedeutet hatte. – Dieses Wissen nützt mir nichts, hilft mir nicht. Jede auch nur anberaumte Veränderung, allein ihre Möglichkeit, bedeutet für mich: Angst.

Ich weiß so oft nicht, warum ich Dinge tue. Warum ich sie so oder so tue. Ich weiß es häufig auch dann nicht, wenn ich sie schon oft getan habe. Es fühlt sich mitunter so an, als steuere mich irgendetwas. Ich weiß nicht, ob ich das will oder nicht, weil ich nicht einzuschätzen in der Lage bin, ob oder wann das eher gut oder eher schlecht ist. Aber es beschäftigt mich, weil es mich oft, dann wenn es eben so geschieht, ich es geschehen lasse, unzufrieden sein lässt. Etwas dagegen oder nur anders zu tun aber, das verstehe ich nicht.

Warum stelle ich mir solche Fragen?

Ich habe so viel über mich erfahren, vor allem während der letzten Jahre, Dinge, die ich zuvor tatsächlich nicht wusste, die mir viel erklärten und erklären, die mich grundsätzlich erklären. Dennoch bleiben diese Fragen, und es kommen immer neue hinzu. Es ist unendlich. Und das Gefühl, das ich beim Bewusstwerden dessen empfinde, ist eines, das ich aus meiner Kindheit kenne.

Es ist das Gefühl jenes unstillbaren Wissensdurstes danach, warum ich, warum meine Seele gerade in diesem Körper, dem aus dem sie herausschaut auf die Welt, lebt. Fühlt es sich für die anderen aus „ihrem“ Körper heraus sehenden auch so an?  Warum kann ich alle sehen, mich selbst aber nicht? Warum brauche ich dazu einen Spiegel? Und sehe ich mich dann auch so, wie mich die anderen sehen?

Es ist das Gefühl des ins Bodenlose Gleitens, das sich in meiner Kindheit einstellte, wenn ich in die Sterne blickte und auf die Reise ging und spürte, dass sie nie zu Ende gehen würde, obwohl ich so sehr zu sehen wünschte, was da wäre.  Und, weil ich wohl damals schon wünschte innehalten zu können. Aber es ging immer weiter, es kamen immer neue Gestirne hinzu. Und ich musste, aus dem mir zugewiesenen Körper herausschauend, immer weiter gleiten und reisen, unendlich …

Hinter jedem Stern kam und kommt ein neuer, hinter jede Frage wartet die nächste, und je tiefer ich in mich gehe, desto tiefer geht es noch. Es gibt keinen Halt. Es gibt kein Innehalten. Es gibt überall nur Unendlichkeit. In mir und um mich herum. Und ich bin klein darin, so klein, so sehr klein. Ein Partikel, um es mit einer großen Dimension auszudrücken.

Was ist das eigentlich: Erwachsen? Ist es mehr als irgendein angepasst sein, angepasst sein müssen? Nahezu alles spricht dafür – insoweit ist „Erwachsensein“ nur der auf „Kindheit“ folgende Aggregatzustand des Menschen.

Meine Fragen resultieren womöglich auch daraus, dass sich meine Seele gegen diesen Aggregatzustand wehrt. Sie ist nicht erwachsen. Sie wird nicht erwachsen. Nicht weiser.

Sie wird nur älter.

Ich werde nur älter. Partikel in der Unendlichkeit meiner selbst und des Universums.

Wie unwichtig, wie belanglos doch alle meine „großen“ Fragen sind …

Und doch hört es nicht auf, dass ich sie denken muss, immer und immer wieder.

Es ist so eigenartig, so paradox, so irritierend und unverständlich, geradezu absurd aber irgendwie auch faszinierend …

***

Schon einmal habe ich ÄNN alias Alina Nimmervoll aus Österreich hier vorgestellt. Bisher hat mir jedes Lied, das ich von ihr gehört habe, auf irgendeine Art und Weise gefallen.  Noch ist die Künstlerin, zumindest außerhalb ihres Heimatlandes weitgehend unbekannt … Hier ist:

ÄNN – „Circles“

Tagebuchseite -915-

Entdeckung oder Auf der Suche nach ein bisschen Mozart

So manches Wochenendfrühstück nehme ich allein zu mir, weil niemand da ist, mit dem ich es teilen könnte. Wenn das so ist, dann schweifen meine Gedanken noch intensiver und hektischer über meinem Müsli, meinem Tee, meinem Ei und meinem Honigbrot dahin als wenn ich nicht allein wäre. Und ich esse dann ungewollt weniger bewusst. Wenn alles verzehrt ist, bemerke ich, dass ich gar nicht gegenwärtig gewesen bin, dass ich kaum etwas geschmeckt habe, obwohl ich mein Frühstück doch trotz und wegen des Alleinseins besonders genießen wollte.

Meine Gedanken kreisen meist um wenig erbauliche Dinge. Unter anderem bin ich  häufig schon beim nächsten Schritt und der heißt auch über weite Strecken meiner Wochenenden: Arbeit. – Das allein ist schon nicht eben schön. Inzwischen aber schwingen jedes Mal auch die Erinnerungen an vergangene Arbeitswochenenden mit, Erinnerungen an quälend mühsames Recherchieren, daran, dass Zeitpläne darüber nahezu grundsätzlich zu Schall und Rauch wurden und ich schließlich zwar alles erledigt habend aber selbst erledigt da saß: sogar zu erschöpft, zu depressiv, zu verbittert noch etwas zu tun, was mir Freude machen könnte.

Und wieder und wieder ist es so und wird es so …

Ich möchte nicht, dass das so weitergeht, immer so weitergeht.

Vor wenigen Wochen habe ich damit begonnen, mir Musik „unter meine Arbeit“ zu legen. Klassische Musik!

Ich habe herausgefunden, dass ich diese Musik beim Arbeiten laufen lassen kann, weil mich diese Musik im Unterschied zu aller anderen nicht ablenkt, dass ich „über sie hinweg“ arbeiten kann. Wenn ich einmal aufschaue, wenn ich nicht weiter weiß, wenn die Schwere mich überkommt, weil es nicht so vorangeht, wie es sollte, dann sind da diese klassischen Klänge. Sie erreichen mich augenblicklich, auch, wenn ich zuvor wegen der Konzentration auf das Notwendige tatsächlich gar nichts von ihnen wahrgenommen habe, obwohl die Musik unaufhörlich lief. In den Momenten ihres Durchdringens zu mir aber empfinde ich ihre Schönheit.

Ich habe diese Schönheit lange nicht erkannt, und wahrscheinlich ist ihr Erkennen erst aus dem von mir so stark empfundenen Gegensatz dieser besonderen Musik zu meinen Wochenendwolken aus Arbeit und Alleinsein geboren worden.

Wie jede Geburt war also auch diese ein kleines Wunder.

Die Musik, die mein wochen(un)endliches  Arbeiten begleitet, und dabei nur zwischenzeitlich von mir bemerkt wird, ist von Mozart und Vivaldi, von Haydn und Schubert, von Dvorak und Strauß, von Brahms und Smetana, Tschaikowski und Beethoven und manchem anderen. Es ist immer konzertante Musik. Sinfonien, Serenaden, Menuette. Immer ohne Gesang. Nie vorher in meinem Leben ist so viel klassische Musik aus Lautsprechern meiner Wohnung gedrungen.

Andere Musik ruft mich, ich kann dann nicht umhin, mich ihr voll und ganz zu widmen. Diese hier jedoch lässt mich einfach nur sein. Auch und gerade dann, wenn ich sie gar nicht oder kaum höre. Aber ich spüre, dass sie es mag, wenn ich sie bewusst wahrnehme, während der kleinen Pausen des Arbeitens etwa, wenn ich innehalte, weil sie etwas Schönes hat, was ich gerade in diesem Moment zum ersten Mal entdecke.

Mich gewähren lassen, mir ein wenig Rückhalt sein, mir, wenn ich mich darauf einlassen mag, etwas Schönes zeigen. Niemals aufdringlich und nicht verstimmt oder traurig sein, wenn das mit dem Einlassen gerade nicht gelingt, weil ich es aus diesem und jenem Grunde nicht kann.

So, genauso, habe ich entdeckt, ist diese Musik.

Obwohl sie mich nicht ruft, so wie vielerlei andere, in der ich so sehr aufgehen kann, dass ich neben dem Verweilen, dem Leben in ihr, augenblicklich nichts anderes beginnen oder fortführen kann, weiß ich, dass ich mich nun manches Mal zu ihr aufmachen werde. Sie ist es wert, hat es verdient, mehr als nur ein Hintergrund zu sein, über den ich hinweg arbeite, weil sie Eigenschaften besitzt, die sonst nur jemand hat, den ich Freund oder Freundin nenne.

Ich glaube, es lohnt sich, an jedem Tag wenigstens auch ein klein bisschen auf die Suche nach Mozart zu gehen. Es hat den Anschein, als ob ich dabei immer mal wieder etwas finden könnte …

Vielleicht ja auch den Genuss an manchem einsamen Wochenendfrühstück.

***

Keine klassische Musik, eher etwas von jenen Melodien, „die mich rufen“: So ein Stück ist das nachfolgende Lied, das mir gerade eben zum ersten Mal begegnet ist, ebenso wie die kanadische Sängerin und Songschreiberin Basia Belut, die eine erstaunliche Stimmbreite hat und mich mitunter ein bisschen an die legendäre Marianne Faithfull erinnert. Das Lied ist allerdings zweifelsfrei ein wirkliches Original. Und es ist sehr schön:

Basia Bulat – „Are you in love?“

Tagebuchseite -914-

Ein bisschen Philosophie über die Sprache

Wenn Gedankenstraßen sich materialisieren, dann fließen sie in Zeilen, die wiederum zu Straßen werden. Ich wähle Lettern und Worte in bewusster Reihenfolge, möchte den Zeilenstraßen, die unter meinen Händen werden, ein Antlitz geben. Eines, das dem der Straßen, die sich in meinem Inneren  durch meine Seele gebahnt haben, möglichst ähnlich ist. Es sollen Straßen sein, die von meinen Gedanken authentisch berichten, meine Geschichten authentisch erzählen.

Sprache ist mein schönster Rohstoff. Ich versuche, sie zu pflegen, sie zu achten, sorgsam und sensibel mit ihr umzugehen. Darin bin ich Laie und bin frei. Frei selbst in Unfertigkeit, von der ich weiß, dass sie nie enden wird, nie enden kann. Und die mich nicht stört. – Ich glaube, dass diese Unfertigkeit die einzige ist, mit der ich von Herzen frank und frei leben mag. Solange sie da ist, habe ich ein Feld, auf dem ich immer wieder finden kann und finden werde, von dem, was ich schön nenne. Was für eine großartige Aussicht!

Falsche Worte sind schlimm, oft verhängnisvoll. Falsch verstandene Worte sind es immer.

Jeder Mensch sieht die Welt mit seinen Augen. Und weil jeder Mensch einzigartig ist, sieht er sie auf einzigartige Weise.  So auch die Zeilenstraßen. Ein Jeder liest sie anders. Nur wenige, so, wie sie gemeint waren, gemeint sind. Ungeachtet der ursprünglichen und so sorgfältigen Auswahl der Buchstaben und der Worte durch den Schreiber. Sie werden so unterschiedlich verstanden wie die Menschen verschieden sind. Und manchmal wollen sie verschieden, wollen sie falsch verstanden werden.

Dieses Phänomen scheint mir in der neuesten Zeit immer weniger Phänomen denn Absicht zu sein. Das ist eine ganz persönliche Sicht.

Streit um des Streitens willen, nicht der Sache wegen. Und nur nicht die Menschen und deren Handeln, dahinter, darinnen, dazwischen fragen oder gar hinterfragen. Zu schwierig, zu komplex, zu mühsam. Diskurse, Diskussionen, tiefe Gespräche, ausführliche Briefe sind langweilig und beschwerlich, sie führen nicht schnell genug zu „Lösungen“ zu eindeutigen Botschaften. Ganz anders als „HDGL“, „ACAB“ oder „Good n8 4you.“.

Des einen bemühte und bewusste Wortwahl, nennt der andere Wortklauberei.

Des anderen Wortklauberei nennt der eine differenzierte Ausdrucksweise.

Und für beides finden sich Anhänger, Sympathisanten  und Widersprechende. Und für jeden derselben  gibt es eine Plattform, ein (a)soziales Netzwerk.

Zeilenstraßen können, mögen, wollen auf so unterschiedliche Weise gelesen und (nicht) verstanden werden. Nicht erst seit heute.  – Warum kommt es mir dann dennoch so vor, dass sich die Menschen heute noch viel weniger verstehen als einstmals?

Wortflüsse und Zeilenstraßen fließen und führen aneinander vorbei. Und kreuzen sie sich doch das eine oder andere Mal, dann klingt das so oft nach Karambolage. Nehme ich es deshalb so wahr, dass meine Sprache immer leiser wird?

Ich liebe die leisen Dinge. Und so liebe ich sie, meine Sprache mehr und mehr in diesen Zeiten. Meine Sprache, die nur wenig die heutige ist. Sie ist vielmehr derjenigen ähnlich, die sich häufig in den Zeilenstraßen der Bände auf den Friedhöfen der vergessenen Bücher (dies vom spanischen Schriftsteller Carlos Ruiz Zafon geschaffene Bild aus Worten ist selbst ein Ausdruck dieser Sprache, die zum Beispiel zu zeichnen vermag) ruhen.

Ich höre die leise Stimme eines Menschen. Ich lese sein leise geschriebenes Buch. Ich höre beiden zu. Leise. Und weiß augenblicklich, dass dieser Mensch imstande ist, auch meine Gedanken zu hören. Und wahrscheinlich sogar zu verstehen.

Solcherart Sprache ist für mich Schönheit in dieser lauten Welt. Selbst und auch und gerade dann, wenn sie nicht nur von Schönem zu mir zu sprechen vermag. Ich spüre, dass sie sich wünscht, dass ich ihre Zeilenstraßen so authentisch sehe, wie sie geschrieben, gesprochen, gemeint sind.

Und nichts ist mir wünschenswerter als ihr diesen Wunsch zu erfüllen.

***

Ein Lied, das keine zusätzlichen Worte braucht, von einem Künstler, der ebenso heißt, der seinerseits freilich viel, viel mehr Aufmerksamkeit verdient hat, als sie ihm bislang zuteilwurde.

Florian Künstler – „Leise“         

Tagebuchseite -913-

Sich verlieren

Ich habe mich in diesen Tagen an ein Gespräch mit einem Mädchen erinnert. Wir hatten uns eine ganze Weile nicht gesehen, nachdem es eine Woche lang in einem Projekt gewesen ist, bei dem ich seinerzeit als Betreuer beschäftigt war. Ich erkundigte mich deshalb bei ihm, wie es ihm in der Zwischenzeit ergangen sei. Es erzählte dies und jenes, aber im Gedächtnis geblieben ist mir, dass es auch sagte: „Und dann gab es da eine ganze Zeit, während der ich mich verloren hatte.“

Über diesen Satz habe ich schon immer einmal wieder nachgesonnen. Ich weiß nicht viel mehr von jenem Mädchen als seinen Vornamen, dass es erst vor wenigen Jahren aus einem sehr fernen Land zu uns kam, dass es ihm fortgesetzt nicht leicht fiel, sich hier in seinen vielen neuen Umgebungen zurechtzufinden. Und ich spürte sehr schnell, dass dieses Mädchen eine ganz besondere Art hatte, dass es sich besonders ausdrückte. Ungeachtet seiner erst 14 Jahre erschienen mir sein Auftreten, seine Ausdrucksweise, die Art und Weise wie es mit mir, mit Erwachsenen sprach und ja, sogar seine Bewegungen so, dass mir dafür immer wieder nur ein Wort als wirklich treffend einfiel: Poesie.

Ich kenne den Lebensweg dieses Mädchens nicht, aber ich ahne sehr, dass es kein einfacher, kein geradliniger gewesen ist, dass es vermutlich etliches ertragen und einstecken musste, mehr oder weniger häufig nicht frei in seinen Entscheidungen sein konnte oder durfte. Wann immer ich ihm aber begegnet bin (das ist wohl abgesehen von der Woche in dem erwähnten Projekt noch drei- oder viermal gewesen), erlebte ich es freundlich, nie nur bei sich bleibend, sondern sich immer nach seinen Gesprächspartnern erkundigend, diesen zusprechend, wenn es bemerkte, dass sein Gegenüber Zuspruch brauchte. Und genau dafür hatte es eine so feine Antenne, dass ich es kaum mit dem jungen Lebensalter dieses Mädchens zusammenzubringen vermochte.

Es erzählte mir, dass es in der Schule nicht eben leicht sei, dass es zwar die eine oder andere Freundin gäbe, dass es ihm aber beispielsweise auch mit fortschreitender Aufenthaltsdauer hier in Deutschland schwerfiele, dem Stoff zu folgen.

Und eben, dass es sich zwischenzeitlich verloren hätte.

Ich schreibe das alles hier so ausführlich nieder, weil ich während der letzten Tage nicht nur wie sonst das eine oder andere Mal über diesen Satz nachgesonnen habe, sondern, weil ich empfinde, dass ich ihm begegnet sein könnte.

Begegnet in mir, in meinem Inneren. Dass ich selbst gerade des Öfteren ein „sich verlieren“, ein MICH verlieren erlebe.

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich jemals so schlecht und so wenig zu konzentrieren vermocht habe, wie aktuell. Vor allem, wenn ich arbeiten muss, still für mich allein, gleite ich fort aus meiner Umgebung. Bestenfalls in Tagträume, andernfalls in Grübeleien der verschiedensten Couleur, nicht selten weit ins Delta der Verästelungen vergangener Lebenszeit hinein. Manchmal geschieht es, dass ich mich regelrecht darin verirre und, dass darüber so viel Zeit vergeht, dass ich im Nachhinein darüber in Schrecken gerate.

Das kostet mich seltsamerweise wohl Kraft, denn hernach fällt mir die Konzentration noch schwerer. Kehre ich von einer dunklen Gedankeninsel zurück, ist das besonders spürbar, war eine schöne Erinnerung, in die ich meinen Reiseweg manchmal zu geleiten verstehe, die letzte, dann ist das „Erwachen“ Traurigkeit. In jedem Fall ist da keine Quelle für Motivation, kein Anschub für eine Phase wirklicher Sammlung, die ein neues oder überhaupt ein Beginnen befördern könnte.

Selbst ein Beginnen von etwas Schönem will mir bisweilen nicht mehr gelingen. Bevor, das, was getan werden muss, nicht erledigt ist, traue ich mich nichts Schönes zu beginnen. Also versuche ich, mich erneut zu sammeln, oft, sehr oft in dieser Zeit, jedoch nur, um schon bald in der nächsten Gedankenschleife umherzuirren.

Ich habe überlegt, ob das, was ich gerade erlebe, nicht am Ende das ist, was neuerdings sehr allgegenwärtig mit dem „neudeutschen“ Ausdruck Prokrastination umschrieben wird. Aber ich glaube nicht, dass es das trifft, denn letztlich habe ich, wenigstens die Dinge, die meine Arbeit betreffen, gar keine Möglichkeit sie tatsächlich aufzuschieben. Unterricht, der ansteht, muss vorbereitet sein, ansonsten kann ich ihn nicht halten. Und also bereite ich ihn auch vor.

Aber es geht eben so zäh voran. Ich arbeite furchtbar ineffizient, zeitlicher und seelischer Aufwand stehen in keinem gesunden Verhältnis zu dem, was dann Ergebnis ist. Dieses Problem habe ich schon seit frühester Jugend, weil ich, ehrlich gesprochen, sehr penibel bin, glaube, mir nie sicher sein zu können, dass ein bestimmter Aufwand genügt, um ein akzeptables Resultat zu erreichen. Aber dieser Tage ist das noch anders, dieses beständige Abdriften, das kenne ich so von früher nicht, nicht als solches und nicht mit den hier angedeuteten Folgen.

Ja, es ist so, dass es sich für mich anfühlt, wie ein sich verlieren, ein mich verlieren. Es zieht mich fort, und ich schaffe es kaum zurückzukommen, in die Realität, zu den aktuellen Anforderungen, zu mir. Ganz markant dann nicht, wenn ich mir selbst überlassen bin.

Es geht viel Zeit dahin in diesem mich verloren haben, diesem verloren sein. Zeit, die freie Zeit sein könnte …

Ich habe keine Ahnung, ob das Mädchen, damals anlässlich unseres Gesprächs, dasselbe oder etwas Ähnliches gemeint hat. Ich habe auch keine Vermutung, ob der Auslöser seines sich Verlorengehens und des meinen etwas Gemeinsames haben. Ich kann den meinen ja noch nicht einmal dingfest machen.

Ich weiß nur, dass ich dem Mädchen seinerzeit gewünscht habe, dass sein sich Verlorengehen auch etwas Gutes gehabt haben möge, so etwas, wie ein Abschalten können, vielleicht. Jetzt, wo ich es selbst erlebe, empfinde ich freilich, dass das nicht funktioniert.

Das Mädchen sprach damals davon, dass es sich zwischenzeitlich verloren habe. Zu gern würde ich es heute fragen können, wie es gekommen ist, dass es sich wiedergefunden hat, wenn das denn schließlich wirklich geschehen ist.  Vielleicht könnte mir seine Antwort auf diese Frage Hilfe sein in meiner heutigen Situation.

Vielleicht aber auch nicht. Wer weiß das schon?

Kein Mensch und keine Seele sind gleich.

***

Die südafrikanische Sängerin und Songschreiberin Dear Reader hat vor ein paar Jahren ein wundervolles Projekt auf den Weg gebracht. Mit Kindern aus dem größten Slum in Ostafrika, Kibera am Rande von Nairobi (Kenia), hat sie ein Lied eingesungen, das von der Einheit seiner eingängigen Melodie, seines aussagekräftigen Textes und der unvergleichlichen Interpretation durch die Kinder, die Dear Reader mit ihrem Gesang begleiten und unterstützen, lebt. Und, das auf ganz besonders berührende Weise eine einzigartige Vollkommenheit erreicht, durch das Lächeln der Kinder und ihre wahrhaft sprechenden Augen.

Dear Reader feat. One fine day music kids – „Smoke Machine“

Tagebuchseite -912-

„2021“ oder „Vom verbleibenden Sinn“

Das neue Jahr ist schon fast drei Tage alt. Drei Tage, die vergangen sind, wie Tage zuvor auch. Schnell.

Aber das bemerke ich nur in der Rückschau. Wie beim Blick aus der Tür an der Stirnseite des letzten Waggons eines fahrenden Zuges. Und es scheint, als führe der Lebenszug aus dieser Perspektive immer und immer schneller. Das hat etwas Beängstigendes.

Noch ist es immerhin so, dass sich kein Vergessen über das Vergangene legt.

Schaue ich nach vorn, geradeaus aus dem Führerstand der Lokomotive heraus, geht meine Fahrt gefühlt hingegen immer langsamer voran. Mitunter scheint da gar ein Stillstand, ein Zurückrollen zu sein. Und alles, was in dieser Langsamkeit, bei diesem Stillstand, diesem gefühlten Zurückrollen zu spüren, zu empfinden ist, das spüre und empfinde ich auch. Alles! Und auch das macht mir Angst. Es macht das zweite Moment meiner generalisierten Angst aus. Weil so viel davon Anforderung ist und jeder Meter voraus ein Meter bergan zu sein scheint.

Wenn ich dann aber den Blick wieder in die andere Richtung schweifen lasse, nach hinten, durch die Scheibe der Tür an der Stirnseite des letzten Waggons, dann rast unverändert alles immer schneller dahin, von mir fort.

Dieses Zwiegefühl ist ein zerreißendes.

Je mehr die Restlaufzeit des eigenen Lebens abnimmt, desto stärker verzerren sich die Wahrnehmungen, die Empfindungen, insbesondere wohl die von Geschwindigkeit. Nur, das, was sie prägt, was sie stark oder schwach sein lässt, das bleibt. Dieses Bleibende ist das Innen-Ich, der Charakter, das Gewissen, modelliert worden in den Jahren der Kindheit, der Jugend, des jungen Erwachsenseins, geformt auch von Erfahrungen, Einschlägen, bearbeitet von ZeitgenossInnen, Umständen, Gesellschaftszuständen und -veränderungen häufig mit starken Meißeln, zu selten mit Sanftheit.

Es gab noch keinen Jahreswechsel vor diesem jüngsten und keine erste drei Tage danach, die mich das haben so spüren lassen. Ich war und bin sehr in mir und ich sehe und höre und fühle, ja, ich fühle vor allem, wie sehr sich mein Gewissen, mein Charakter, mein Innen-Ich quälen mich am Leben zu lassen. Angst und Unruhe sind nahezu permanent, schlechte Träume, ein Albtraum letzte Nacht sogar.

Und ich? Ich versuche mich zu lieben. Mein inneres Quälen, das eben, wenn es um mich geht, für Leben steht, meine Ängste, die mich ja eigentlich bewahren wollen, meine grässlichen Albträume, die sich wohl anstrengen, Dämonen von mir zu nehmen. Ich versuche, sie genau dafür zu lieben.

Weiß jemand, wie schwer das ist? Ahnt irgendwer, wie es ist, zu fühlen, dass eine Liebe niemals erwidert wird?

So ist es mit der Liebe zu mir, meinen aufrichtigen Versuchen, mein Innen-Ich, meinen Charakter, mein Gewissen, zu lieben. Sie wird nicht erwidert. Vielmehr bleiben die Ängste, die Gewissensbisse, die schlechten Träume. Sie sind es, was mir bleibt, was immer bei mir ist und bleibt.

Der verbliebene Sinn ist der, nicht aufzugeben, mich zu bemühen, mich weiter zu lieben und von meiner Liebe so viel es denn geht, anderen Menschen, anderem Leben abzugeben. Auch und gerade bergan.

Es gibt Menschen, es gibt Leben, die das wert sind. Darüber bin ich froh, dafür bin ich dankbar.

Ich verstehe, dass  mein Leben nunmehr so ist, und dass ich nur die eine Wahl habe, es als solches anzunehmen oder eben nicht, liebend, ohne Frieden zu finden.

Ich grüße Dich, neues Jahr, 2021 …

***

Jadu (Jadula Freydank) – „Bedingungslose Liebe“

Tagebuchseite -911-

Meine Raunachtreise 2020

Auf mancher Tagebuchseite, die ich jeweils zum Ende eines Jahres beschrieben habe, war schon davon die Rede, dass die Zeit der Raunächte, vor allem die „Zwischen den Jahren“, für mich eine besondere ist. Für mich ist es die Zeit der intensivsten Einkehr, der wirklichen Besinnung, die Zeit, in der am wenigsten Forderungen gestellt werden oder Anforderungen zu erfüllen sind.

Es ist die Zeit, die ich anhalten möchte, damit sie immer bleibt. Ein wenig seltsam ist das, denn es ist mit die dunkelste und kälteste Zeit. Es sind vergleichsweise wenige Lichter zu sehen, verglichen mit der vergangen Advents- und Weihnachtszeit oder dem Neujahrsbeginn.

Der kleine Weihnachtsbaum im Wohnzimmer schenkt mir aber nach wie vor sein Licht. Es ist wie eine Einladung für mich, mich neben ihn zu setzen, endlich in Ruhe in ein Buch eintauchen zu können, Zeit zu haben, besonders eindringlich an Menschen in meinem Herzen zu denken, vor allem die, die ich unmittelbar nicht erreichen kann. Mit einigen kann ich immerhin Worte austauschen, geschriebene oder am Telefon gesprochene.

Das Empfinden meiner Liebe zu diesen Stimmen, zu diesen Menschen ist nie größer, anhaltender und stärker als während der Raunachtzeit. Und sicher ist es kein Zufall, dass ich just in der aktuellen Zeit zwischen den Jahren eine ganz neue, manchem wahrscheinlich sehr abstrus anmutende Liebe in mir gefunden und entdeckt habe: die Liebe zu einem nicht realen Wesen, zur Protagonistin eines Romans, die kein Mensch, sondern eine Seele ist, eine Seele mit einem völlig anderen als einem menschlichen Äußeren.

Es ist keine Übertreibung, wenn ich schreibe, dass sich während des fortgesetzten Lesens jenes Romans, mein Herz immer mehr zu dieser Seele hingezogen, mit ihr gefühlt, um sie gebangt und letztlich ein Bild von ihr in mir entwickelt hat, das Bild einer Schönheit, für die es keine Äußerlichkeiten braucht. – Ich weiß, dass ich das Empfinden dieser Schönheit nie wieder verlieren werde.

Ich habe es sogar gleich noch einmal erleben dürfen während dieser Tage. Wieder beim Lesen eines Romans.

Sie schien zwischen den Zeilen des Buches hervor und wurde immer strahlender. So wie die Zeilen, so fesselnd, so an der Menschlichkeit der jeweiligen ProtagonistInnen Anteil nehmend und sie niemals verurteilend, egal, wie spezifisch sie sich jeweils offenbarte, strahlend. So empathisch, sich selbst in schwierigste Erlebnis- und Empfindungslagen hineinversetzen und diese reflektieren könnend, dass es für mich buchstäblich atemberaubend gewesen ist.

Ich habe erneut und doch nochmals stärker denn je gefunden, wie wunderschön die Seele ist, die diese Zeilen ersonnen hat, was für einen reichen, differenzierenden, einfühlsamen Charakter sie hat, ein Charakter, der nichts verurteilt, der keine Urteile fällt, der immer fragt und vor allem hinterfragt und der immer eine Hand ausstreckt. Ein ganz besonderer Seelencharakter eine ganz besondere, besonders schöne Charakterseele.

Ich bin sehr dankbar, sehr glücklich, diese Seele, die der Autorin dieses Buches gehört, persönlich zu kennen. Schon bevor ich das Buch nun gelesen habe, wusste ich um sie, und Ihre Schönheit und spezifische Einzigartigkeit. – Da wir uns nur sehr selten unmittelbar persönlich begegnen können, bin ich so froh um das Buch. Dadurch ist es so, dass diese Seele auch materiell immer in meiner Nähe ist. Es wird nun ganz materiell in jenem Zimmer meines Herzens liegen, in dem die Seele, die es geschrieben hat, schon lange ein zu Hause hat. Ein zu Hause, das mir Heimat schenkt.

Wie schön wäre es, wenn ich grundsätzlich, vielleicht nicht so intensiv und quantitativ viel, wie gerade jetzt, aber doch regelmäßig und stetig lesen, mich Gedankenreisen und Inspirationen, die ich neben der Literatur auch in Musik, in Bildern, aus dem Lächeln von und guten Gesprächen und Begegnungen mit Menschen sowie der Natur zu finden vermag, hingeben, widmen, sie ausleben und in Zeilen fließen lassen könnte …

Aber so wird es nicht sein.

Schon jetzt, während der an sich für mich so schönen Zeit, erreichen mich wieder Nachrichten, dass dies und jenes zu tun sei, in Vorbereitung des Arbeitsstarts im neuen Jahr, bekomme ich Unterlagen in meinen Hausbriefkasten gesteckt, die zum Beginn des ersten Arbeitstages im neuen Jahr, am 4. Januar, durchgearbeitet und ausgefüllt vorliegen müssen, soll ich mich telefonisch melden, um Laufbahnempfehlungen zu besprechen und noch einiges mehr.

Jenes mir nur allzu bekannte und gefürchtete Angstgefühl, das mein Herz stundenlang bis zum Hals schlagen lässt und das sich vier, fünf Tage nach Beginn meines Urlaubs zu Weihnachten und zum Jahreswechsel erst ganz langsam zu verflüchtigen begann, schickt sich daraus folgend an zurückzukehren. Werden nun auch die vielen schlechten Träume der ersten Urlaubswoche wiederkommen? Und all die anderen Dinge, die ich nicht will, nicht mag und die ich doch nie mehr wirklich und richtig loswerde?

Ich weiß es nicht, aber ich befürchte es sehr. Die Raunachtzeit ist kein andauerndes Geschenk, und wie lang sie wirklich ist, entscheide nicht ich.

Ich werde sie nicht festhalten können, so ich das wollen würde. Ob es mir wenigstens noch möglich sein wird, noch einmal ans Meer zu gehen, um das vergehende Jahr zu verabschieden? Ob mich dabei wohl jemand begleiten wird?

Vor dem neuen Jahr habe ich nicht weniger Angst als ich im alten ertragen musste.

Wer mich kennt, weiß, dass ich wenig bis nichts von Jahresbilanzen halte. Ich fühle mich darin insoweit bestätigt als das „Coronajahr“ für mich nicht vordergründig wegen des Virus ein Jahr gewesen ist, bei dem für mich wenig auf der „Habenseite“ steht. Das, was dort steht, was ich dort gewonnen habe, ist mir freilich noch einmal um ein Vielfaches bedeutsamer und wertvoller geworden. Das, was auf der Seite des Verlustes steht, ist allerdings quantitativ mehr gewesen. So viel, dass der Platz für ein Leben, wie ich es mir wünsche, um etliches kleiner geworden ist.

Ich schaue gerade zum Himmel und suche in ihm einen kleinen blauen Flecken, während mich eine sehr traurige Nachricht einer Freundin erreicht. Das kleine schwache Ich, mein „Gewissens-ich“, mein „Seelen-ich“, mein „Herzens-ich“, das sich immer wieder angeschickt hat, zu kämpfen, sich zu wehren, flüstert mir mit brüchiger Stimme zu, dass ich weitersuchen soll.

Ich suche, ich suche weiter.

Und ich bitte!

Und irgendwann wird es 2021 sein …

*

Ich wünsche allen, die meinem Tagebuch folgen, die es lesen, die mich darin begleiten, einen schönen, ruhigen und stimmungsvollen Jahreswechsel und vor allem Gesundheit und Liebe für das kommende Jahr. – Die Menschen, die eine Wohnung in meinem Herzen haben, umarme ich in diesem Sinne ganz, ganz fest und sage von Herzen Dankeschön!

***

Das letzte Lied, das ich 2020 hier in meinem Tagebuch teilen möchte, ist das einer meiner größten und schönsten Entdeckungen dieses Jahres auf dem Feld der Musik. Die Entdeckung heißt Jacob Bellens und ist ein dänischer Sänger und Songschreiber, der schon seit etlichen Jahren unverwechselbare Lieder schreibt und interpretiert, Lieder mit eingängigen Melodien und aussagestarken Texten.  Zweimal habe ich ihn und seine Musik hier bereits vorgestellt aber seinerzeit schon angekündigt, dass ich wohl immer wieder einmal ein Stück von ihm hier teilen werde.

Heute ist es das Lied „Back to you“, das für mich gut zum Jahresende passt. Ich sehe in ihm eine Hommage an die mir liebsten Menschen, meine engsten FreundInnen, jene, die mich annehmen, wie ich bin, bei denen ich immer wieder Heimat finden darf. Das Lied hier von Jakob Bellens erzählt genau davon …

Jacob Bellens – „Back to you“

Verse -87-

 Jahreswechsel
  
 Du gehst fort, kommst nie zurück,
 gehst hin in alle Ewigkeit.
 Dein' Melodie von Leid und Glück
 ist morgen schon Vergangenheit.
  
 Doch hast du mir ins Herz geschrieben
 in meine Seele, mein Gesicht,
 die Noten deiner Lieder alle.
 Sie werden dort verlöschen nicht.
  
 So bist du fort und doch zu spüren,
 unwiederbringlich und doch da
 selbst wenn ich wollt, nicht zu verlieren,
 als weit'res, meines Lebens Jahr.
  
 Gezeichnet noch von deinen Spuren
 hör' ich nun unbekannte Lieder,
 schau, wie etwas greift den Stift,
 fühl'  Schmerz und Freud' aufs Neue wieder.
  
 Gescheh'n all das in einer Nacht,
 eröffnet weiteren Lebens Lauf,
 lausch'  wie es weint und wie es lacht
 und mache meine Augen auf.
  
 Und seh' ein neues Jahr nun sitzen,
 ganz jung auf dem Zwölfmonatsthron
 schon Zeichen in mein Antlitz ritzen
 und komponieren Ton für Ton.
  
 Wie's klingen wird das neue Lied ...
 zu erfahr'n ?  - Ich geb nichts drauf!
 Wissend, dass ich selbst muss finden,
 mein' Weg durch jeden Jahreslauf.
  
 *

Das nachfolgende Lied hat keinen Bezug zu den Versen da oben. Ich möchte es einfach hier teilen, weil ich es mag. 

Sharon van Etten habe ich erst relativ spät entdeckt im Allgemeinen und noch später im Besonderen für mich. Und so sind es auch immer wieder ältere Lieder dieser US-amerikanischen Sängerin, Songschreiberin und seit jüngerer Zeit wohl auch Schauspielerin, die mich jeweils ganz neu begeistern, so wie „Save yourself“.

Immerhin kann und darf man die Botschaft der Titelzeile sehr gut und sehr gern als Prämisse für ein sensibles „Ich“ über ein neues Jahr schreiben. Und so hat denn das Lied vielleicht doch ein bisschen mit meinen Versen da oben zu tun … :

Sharon van Etten – „Save yourself“

Sammelsurium -119- (Vier Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Ich öffne diese Seite meines Tagebuchs für ein Vorweihnachtsabendsammelsurium. Sprüchlein finden sich darin, wie in vielen meiner Sammelsurien, ein Schnipsel, zu dem meine Inspiration denn doch dem gegebenen Anlass entsprang und, wie immer, ein Lied:

Die besten Ideen kommen immer dann, wenn Stift und Papier am weitesten entfernt sind.

*

Das Besondere und Wesen der Nächstenliebe sind, dem nächsten Menschen, der uns begegnet, ohne Ansehen seiner Person, Liebe zu schenken. Denn dem, der uns nahe steht, schenken wir sowieso und immer davon.

*

Im Leben geht es immer wieder und immer mehr ums Verkaufen. So mancher verkauft im Zeitenlauf gar nach und nach sein Leben. Schlimm, wenn er das nicht einmal bemerkt. Tragisch aber, wenn er erkennt, dass es längst ausverkauft ist, ohne dass sein Ende schon gekommen wäre.

*

Wenn es um Inspiration geht, ist ein aufgeräumter Schreibtisch eher hinderlich.

*

Schnipsel (17)

“ …“

Die Zeit der Weihnacht und der sich anschließenden Raunächte ist  für mich mehr denn alle andere Zeiten des Jahres, Zeit tiefer und intensiver Gedankenreisen. Sie ist es, weil sie am wenigsten vom Alltag gestört wird. Und sie ist es, weil sie mich am stärksten die Gedanken, die Sehnsüchte, die Träume anderer Menschen spüren und erahnen lässt.

So viele dieser Sehnsüchte, Wünsche und Träume finden sich in einsam hinter Mauern oder Zeltbahnen, hinter Bretterverschlägen oder unter bloßem Himmel seienden Menschen. Und weil diese Menschen einsam sind, haben ihre Wunschträume kaum etwas mit materiellen Dingen zu tun. Einsamkeit gebiert immer zuvorderst das Sehnen nach Nähe einer Seele. Einer Seele, die nicht imaginär bleibt, einer Seele, die in einem anderen Menschen wohnt.

In heutiger Zeit ist es gewagter und riskanter denn je, Gedanken sich materialisieren zu lassen.

Dennoch wünsche ich mir gerade jetzt, ganz besonders in diesen Tagen, dass die Gedanken, die Träume der Einsamen sichtbar würden, weil die meisten der einsamen Menschen sonst unsichtbar sind. Als Bahnen sanften Leuchtens aus ihren Herzen tretend, hinter den Mauern, Zeltbahnen, Verschlägen  und provisorischen Behausungen unter freiem Himmel hervorscheinend und Strahlen bildend, die eine lange Spur in die Welt hinein zeichnen und von denen sich unweigerlich dieser mit jenem und jener mit einem anderen treffen und kreuzen und sich also berühren und vereinen würden.

So, dass die vielen Einsamen es sehen könnten, einander sehen könnten, sehen könnten, dass und wie sehr sich ihre Träume und Sehnsüchte berühren und so einander erkennen und finden. Ohne Furcht, dass der- oder diejenige, der die Berührung durch den anderen Traum erfahren hat, diesen nicht nachvollziehen, nicht verstehen würde.

Was für ein wundervolles Lichtermeer von Schweifen sich begegnender, berührender und sich vereinender Träume, Hoffnungen und Wünsche das wäre!

Aber die Bahnen der Träume und Sehnsüchte der Einsamen vermögen nicht zu leuchten, nicht von allein. So sehr sie auch brennen in denjenigen, die sie in sich tragen.

Es braucht Menschen, Seelen, die sie erahnen, erspüren können, die um sie wissen, auch wenn ihre Bahnen unsichtbar bleiben: Menschen, die den ersten Schritt auf sie zu machen, die sich Zeit nehmen, hinter die Mauern, die Bretterverschläge, die Zeltbahnen, unter die klammen Decken, die unter dem bloßen Himmel liegen, schauen. Die einen Blick senden, der nicht urteilt und nichts fordert, der nur eine sanfte Einladung ist, die ein Ohr geben, das zuhört, die ein bisschen Zeit und Rücksicht und Nähe schenken. Seelennähe.

Wenn es so wäre, wäre da, wo solches geschieht, Weihnachten, egal um welche Zeit. Und es würde leuchten überall dort.

**

Im Sinne der letzten Zeilen meines Textes wünsche ich allen, die mein Blogtagebuch und mich begleiten, allen Menschen, die ich im Herzen trage und vor allem den vielen Einsamen eine schöne, freudvolle, besinnliche und gesunde Weihnacht.

***

Das folgende Lied habe ich in meinem Tagebuch schon einmal geteilt, das ist inzwischen mehr als sieben Jahre her. Ich hatte seinerzeit dazu die folgenden Worte geschrieben:

Das Lied, das ich heute vorstellen möchte, … ist einfach ein wundervolles Liebeslied, mit einem schönen, intelligent geschriebenen Text und einer einzigartigen Kombination aus eingängiger aber nicht kitschiger Melodie, gelungenem Arrangement und der unverwechselbaren und für dieses Lied im Besonderen passenden Stimme der Interpretin.

Das Stück erschien 1976 als Single und landete auf Platz 10 der Jahreshitparade in der DDR. Allerdings sagt das eigentlich gar nichts. Das Lied spricht viel mehr für sich selbst.

Dem ist an sich nichts weiter hinzuzufügen, außer, dass das Lied durchaus gut in die Zeit jetzt passt, die vorweihnachtliche, die weihnachtliche, die zwischen den Jahren, in denen es ja doch auch viel um Erinnerungen geht. Und die Vision von einer Schneeflocke, die ein Mensch ist und einen anderen berührt, die passt sogar zu meinem Text da oben.

Veronika Fischer – „Dass ich eine Schneeflocke wär‘ „

Tagebuchseite -910-

Driving home for Christmas

Das schönste Weihnachtlied der neueren Zeit ist für mich „Driving home for Christmas“ von Chris Rea. Höre ich dieses Lied, dann sehe ich einen Zug oder einen Bus oder ein Auto mit gedrosselter Geschwindigkeit durch verschneite Landschaft fahren. In mir ist dann dieses kaum zu beschreibende Empfinden eines besonderen Daheim- und Beschützt seins, einer leisen Freude, einer sanften Helligkeit, innerer Wärme und einer großen Dankbarkeit, all das genauso spüren zu dürfen.

Die Gefühle, die das Lied in mir auslöst, sind nur in geringen Maße eigentlich nostalgisch geprägt. Dennoch reise ich mit den Klängen immer in eine Vergangenheit.

Der Gegenwart, zumal hier in den nördlichen Breiten, die noch nicht wirklicher Norden des Erdballs sind, fehlt schon so lange die reine Weiße frisch gefallenen Schnees und das kristallene Glitzern des zugefrorenen Meeres. Gar nicht zu denken daran, dass das ehemals gar mehrere Wochen Bestand haben konnte.

Wenn ich daran denke zu Weihnachten nach Hause zu fahren, dann fahre ich in das Zuhause meiner Kindheit. Ich erinnere mich besonders an ein Weihnachten als unter dem geschmückten Tannenbaum ein batteriebetriebenes, metallenes Elektrokettenfahrzeug mit dem Namen „Polar 2“ seine Runden drehte. Ein anderes Mal hatte ich ein Paar Rollschuhe bekommen. Es sind dies die beiden Geschenke, die mir am klarsten in Erinnerung geblieben sind. Sie hatten wohl eine ganz besondere Freude in mir ausgelöst. Gar nicht so sehr des einen oder anderen Geschenkes wegen, sondern wegen des Spürens besonders und sehr persönlich bedacht worden zu sein.

Zu solchem Bedenken, das haben mich die Erfahrungen meiner Lebensjahre gelehrt, braucht es an sich gar kein Geschenk. Bedenken, an andere Menschen denken, ist nicht an Materielles gebunden. In diesen Tagen empfinde ich das mehr denn je.

Ich frage mich sehr nach meinem Zuhause hier und heute. Könnte meine Reise „home for Christmas“ auch irgendwo im Hier und Jetzt enden? Meinen innigsten Wünschen gemäß sehr wohl. Gemäß der Realität meines Lebens, ist die Frage nur sehr schwer zu beantworten.

Während ich es inzwischen zu schätzen und zu genießen weiß, dass Heimat für mich nicht (mehr) an einen Ort gebunden ist, fällt es mir schwer, dies auch für (m)ein Zuhause anzunehmen oder gar zu akzeptieren. Es ist so eine starke, eine fast zerreißende Sehnsucht nach einem Ort des Zuhause seins in mir. Sehnsucht danach, dass das der Ort, an dem ich gerade bin, von dem aus ich diese Zeilen in mein Tagebuch schreibe, sein könnte, sein sollte. Für die Zeit von ein paar Jahren hatte er sich doch angeschickt, das zu werden …

Wie aber kann er das nun sein, da mein Vater keine eigene Wohnung mehr hat, statt dessen Kilometer entfernt in einem Pflegeheim Weihnachten verbringen wird, ohne, dass ich ihn auch nur besuchen können werde? Wie kann er es sein, wenn ich mir eines Bedacht seins hier an diesem Ort, dem Ort, wo ich wohne, arbeite und lebe immer unsicherer werden musste während der letzten Wochen und Monate? Denn meine kleine Familie ist mittlerweile immer weniger hier und bei mir. Ganz augenscheinlich auch, was das Herz, die Nähe der Herzen, betrifft.

Ist es Ironie oder ist es „ein Zeichen“, dass mich als Folge der Auflösung der Wohnung meines Vaters nunmehr hier mehr Dinge, vor allem Bücher, umgeben, die zu dem Zuhause der Vergangenheit, der Erinnerung, gehörten?

Ich möchte versuchen, dieses Zuhause mit Menschen in Verbindung zu bringen, die ich in der Gegenwart habe. Ich denke deshalb in diesen Tagen noch viel mehr und intensiver an jene Menschen, die in meinem Herzen wohnen, möchte so sehr, dass sie ein „Bedacht sein“ spüren, hier und heute.

Nicht alle, hoffentlich niemand, werden/wird gerade ganz allein daheim sein, vor allem nicht jetzt und in den folgenden Tagen. Sie sollen es nicht, deshalb denke ich um so intensiver an sie.

Auch, wenn ich unendlich erschöpft bin, von den Herausforderungen der letzten Wochen, auch, wenn ich selbst während der nun begonnenen Urlaubstage nicht wirklich arbeitsfrei sein kann, darf und werde, wenn mein „driving home for Christmas“ beinah ausschließlich ein Reisen in Vergangenheit und Erinnerung und, was die Gegenwart betrifft, tiefes seelisches Verbunden sein, ist, will ich dankbar sein.

So wie für die drei realen Umarmungen, die ich in diesem so speziellen Jahr erleben und spüren durfte, und von denen ich zwei in und mit meinem Herzen nach wie vor wahrhaft körperlich genieße, weil sie mir unverändert Wärme spenden: Zu Beginn des Jahres, noch im Zeitalter vor dem Virus, eine so unglaublich herzliche und verstehende von meinem Vater und im Sommer eine ebenso innige, schöner Weise „zweigeteilte“, von jener wahrhaft wirklichen Freundin, die mir im Verlauf dieses Jahres tatsächlich zu meiner wichtigsten Vertrauensperson geworden ist.

Mein „home for Christmas“ sind am Ende vielleicht Seelen, die Seelen, die einander bedacht haben, die Seelen, die einander bedenken, Seelen eines besonderen Daheim- und Beschützt seins, einer leisen Freude, einer sanften Helligkeit, innerer Wärme und einer großen Dankbarkeit

So will ich denn auf die Reise gehen …

***

Chris Rea – „Driving home for Christmas“

Tagebuchseite -909-

Vogelflüsterer

Still ist es geworden auf den Seiten meines Tagebuchs. Hier ist die Stille, die in meinem Leben nicht ist.

Das soll nicht heißen, dass mein Leben laut verlaufe. Nein, das tut es nicht, wenn ich von der Vielstimmigkeit der Kinder, die mich jeden Alltag umgeben, absehe. Aber es fühlt sich laut an, schmerzhaft laut. Die Gründe dafür sind nun schon seit Wochen dieselben. Ich möchte nicht über sie schreiben. Das würde nur bedeuten sich noch mehr und intensiver mit ihnen beschäftigen zu müssen, als ich das ohnehin schon jeden Tag muss. Schreiben macht eben doch nicht immer alles leichter.

Seit Wochen sind hier in „meiner“ Region des Nordostens unseres Landes die Tage sonnenfrei. Graue Trübnis, manchmal von kaltem Nieseln durchzogen, ist ihr Kleid. Es mutet an, als hätte sich mein Hirn über diese Jahreszeit gestülpt, mein Geist, meine Seele, die so viel zu bearbeiten und zu verkraften haben und die von ebendieser Farbe, ebendieser Stimmung sind.

Lange noch bin ich mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren. Zuletzt habe ich schon mal den einen oder anderen Tag damit ausgesetzt, und diese Woche werde ich es wohl nun ganz sein lassen mit dem Radeln. Es ist kalt in der Frühe und mein Lieblingsfahrweg ist unerwartet auf unbestimmte Zeit gesperrt worden.

Mein kleines Morgenritual, welches ich vor wenigen Wochen begonnen habe, werde ich dennoch fortsetzen.

Ich spreche mit den Vögeln.

Einen guten Monat zurückliegend haben immer noch frühmorgendliche  Spätzchenversammlungen in dem einen oder anderen Baum, den ich bei meiner Radelei passierte, stattgefunden. Mich hat das immer so sehr erfreut, dass mein Herz den kleinen Kerlchen immer einen „Guten Morgen“ wünschen musste.

Inzwischen ist allenfalls ein gelegentliches, verschlafenes und verfrorenes leises Tschilpen zu hören, von einem Spatzen oder einer Meise. Noch seltener sind ein, wegen der Störung, empörter kleiner Ruf einer Amsel, etwas Krähengekrächz oder ein verstohlener Möwenruf zu vernehmen. Aber ich antworte jedem dieser Laute, bin dankbar dafür.  Und selbst, wenn gar nichts zu hören ist, sage ich in meinem Inneren meinen Gruß für das kleine Federvieh, das der unwirtlichen Jahreszeit in unseren Breiten trotzt, um mir Begleiter zu sein.

Am Tage dann, wenn die Vögel sich doch ein wenig mehr hören lassen, streift mich mit jedem Ton wieder ein bisschen Freude, und wenn ich gar einen oder mehrere der kleinen Gesellen entdecken kann, empfinde ich sogar ein kleines Glücksgefühl. Und höre nie auf mit ihnen zu reden, ihnen für ihre Begleitung zu danken, ihnen zu wünschen, dass sie gut über den Winter kommen.

So gern möchte und würde ich mehr mit auch all meinen anderen Begleitern sprechen können. – Ich tue das auch, manches Mal am Tag, auf jene Art, wie ich es mit den Vögeln tue. Eigentlich sollte und müsste ich ihnen schreiben, aber das schaffe ich nach wie vor für die allermeisten meiner menschlichen Begleiter nicht, so, wie ich es kaum noch schaffe, ein paar Zeilen in dieses Tagebuch zu schreiben.

Das betrübt mich, denn ich weiß nicht, ob sie mich hören können, wenn ich lediglich so, wie ich es mit meinen gefiederten Freunden tue, zu ihnen flüstere.

Ich fühle es doch so sehr, wie laut das Leben ist, ich weiß, wie sehr es alles andere übertönt. Selbst dann, wenn es noch so sehr stille stehen soll und stille steht, wegen des Virus, das gegenwärtig ist, und für dessen Leugner  ich neben Unverständnis immer mehr Verachtung entwickle.

Was ist das nur für eine Welt, in der ich lebe? Was sind es für Menschen, die die Gesellschaft ausmachen, zu der ich gehöre? Was sind es überhaupt für Menschen?

Ich glaubte einst sie recht gut zu kennen, dabei kenne so wenige von ihnen.

Und ich vertraue nur noch sehr, sehr wenigen.

Mit den Vögeln verhält es sich für mich genau andersherum.

*

Für mich gänzlich unverständlich ist, dass eine so talentierte und zugleich feinsinnige wie ausdrucksstarke Sängerin und Songschreiberin wie die Österreicherin OSKA so wenig Beachtung findet. Das Lied, das ich heute hier teilen möchte, ist eine wundervolle Liebesballade, getragen von Hoffnung und Sehnsucht, gesungen von OSKA in einem zauberhaften Duett mit Stu Larsen, einem Australier, der bewusst Luxus, Sicherheit und „Normalität“ den Rücken gekehrt hat und dessen zu Hause seit ein paar Jahren nun überall ist. Die Stimmen der beiden harmonieren auf eine ganz wunderbare Weise …

OSKA & Stu Larsen – „Honeymoon Phase“

Tagebuchseite -908-

Du hast kein Haus

Nein, ich habe kein Haus.  Und ich könnte es mir nicht leisten, meine Einkäufe in einem Naturkaufhaus oder einem Bioladen zu bestreiten, auch dann nicht, wenn es beides hier gäbe.

Grundsätzlich glaubt mir das niemand, dort, wo ich arbeite, womöglich am wenigsten. Die Kinder an „meiner“ Schule sind grundsätzlich ganz erstaunt, wenn ich auf Nachfrage wahrheitsgetreu antworte, dass ich kein eigenes Haus besitze. Sie meinen, dass ich doch als Lehrer gut genug verdienen müsste.

Die Welt ist nicht überall gleich und sehr oft ist sie nicht wie sie scheint.

Aber soll ich den Kindern im Ernst erklären, dass mein Lohn nicht der eines Lehrers ist, dass er das nie annähernd war, obgleich ich zweimal studiert habe, bis auf drei Monate nie arbeitslos gewesen bin und immer eine große berufliche Verantwortung hatte, unter anderem, weil mir immer Menschen anvertraut waren?

Ich habe wohl meine Lebensgeschichte, mehr oder weniger ausführlich, manchem (nicht vielen) Menschen erzählt. Nur aus ihr erklärt sich, wo ich heute stehe, was ich heute bin, welches meine Perspektiven sind. Es ist eine so winzige Geschichte unter so vielen anderen und doch ist sie so komplex, dass ich auf eine so einfache Frage, wie die, weshalb ich kein Haus habe, keine einfache Antwort zu geben weiß.

Mehr denn je erfahre ich gerade, wie schwer materielles wiegt, nicht nur um „anerkannt“ zu sein. Ich bin nie materiell orientiert gewesen. Wohl darum und auch deshalb, weil ich materiell nun auch nach so vielen Jahren Arbeit nicht besonders dastehe, habe ich nicht nur kein Haus mit Wänden aus Beton oder Holz, oder aus Backsteinen, sondern auch die Wände jenes Hauses, das ich zu haben glaubte, mit Wänden aus Berührungen, aus Gemeinsamkeit, aus Zuneigung und einander Verstehen, sind im Begriff zu zerfallen. So, dass ich irgendwann bald auch dieses Haus, mein Zuhause, verloren haben werde.

Es wäre nicht ehrlich, wenn ich behaupten würde, dass das nur an dem mutmaßlich nicht hinreichend vorhandenen Materiellen liegen würde. Meine winzige Geschichte ist auch insoweit komplexer. Aber ein ganz maßgeblicher Grund besteht ganz offenkundig eben darin.

Ich war und bin kein Freund von Bilanzen. Aber ich muss auch gar nicht bilanzieren, ich muss nur mit offenen Augen in die Gegenwart und vor allem in die wohl nicht mehr ferne Zukunft schauen, um erkennen zu müssen: Ich stehe vor den Trümmern meines Lebens. Meine Lebensleistung war nicht genügend. Meine Art zu leben nicht zeitgemäß, nicht hinreichend, zu eigenwillig für ein Haus aus Steinen und für ein Zuhause.

Wenn das nur so pathetisch wäre, wie es sich liest. Aber das ist es nicht. Es ist viel mehr wahr.

Jeden Tag werde ich mit all meinen Sinnen in diese Wahrheit getaucht. So empfinde ich es, und mit jedem Eintauchen, Untertauchen, ist es ein bisschen mehr wie zu ertrinken. Und es ist auf mich sehr verletzende Weise zynisch, dass ich im Ertrinken immer noch einen Sinn habe, immer noch Sinn zu geben versuche und Liebe auch.

Nicht einmal jetzt kann ich anders.

Ja, ich weiß, dass ich noch Sinn gebe, noch Sinn mache, obwohl ich selbst keinen mehr finde. Auf der Suche zu bleiben ist während der letzten Wochen mehr und mehr zu einem Zwang geworden und ist nunmehr mit so viel Kraftanstrengung verbunden, dass sich zu meinen Ängsten Sorge addiert.

Ich habe keine Ahnung, wie lange das noch „funktioniert“, Sinn geben ohne eigenen, neuen eigenen Sinn, zu finden. Wenn der Sinn, Sinn zu geben, der einzige ist, der verblieben ist und verbleibt, dann ist man sehr einsam.

Ich bin sehr einsam geworden. Ohne Haus und immer mehr auch ohne Zuhause.

Jeden Morgen gehe ich in die Nacht des nächsten Tages …

***

Ein trauriges Lied, ein trauriges Video – Auf der Welt ist „genug“ Leid – weshalb müssen Menschen sich und der Welt immer noch mehr Leid zufügen?

SYML – „Flags“

Tagebuchseite -907-

(K)Ein Film

Heute Morgen hörte ich, wie das Morgenrot wortlos zu mir sprach, während es sich anschickte, sich hinter den hiesigen Plattenbauten des Ostens ins Einheitsgrau dieser Novembertage aufzulösen. Wäre ich nicht gerade zuvor beim Bäcker gewesen, wäre es die erste an mich gerichtete Ansprache seit gestern Vormittag gewesen.

Ich bemühe mich, aufmerksamer denn je zu sein, damit ich keine Ansprache, ob in Worte geformt oder auch nicht, mehr verpasse.

An Tagen, an denen ich nicht durch den Arbeitsalltag bedingt, dieses oder jenes Gespräch führe oder doch im Mindesten vor und mit den mir anvertrauten Kindern rede, führe ich Dialoge fast nur noch mit Vögeln (oder auch anderem Getier), Naturerscheinungen, Menschen, die in meiner Seele wohnen oder mit mir selbst. Das sind in jedem Fall, wenn auch auf unterschiedliche Weise, besondere Gespräche.

Das Spektrum reicht von skurril bis schön, von frustrierend bis erleichternd – jedes Gespräch dieser Art aber ist eigen, und es ist wichtig.

Ich habe keine anderen mehr, und ich weiß nicht, ob ich je wieder andere haben (können) werde. Seltsamerweise macht mich das gar nicht so traurig. Jedenfalls nicht trauriger …

Seit dem vorigen Wochenende lebe ich in einem ganz eigenartigen Film. Die Regie des Films macht mit mir was sie will und ich weiß nicht, was das ist. Nicht einmal dann, wenn ich meine Rolle spiele. Und die spiele ich doch immerzu. Eine Rolle, die ich nicht kenne, die fremd ist und die doch auch ich selber bin. Surreal ist das. Und krank fühlt es sich an.

Ich habe gestern mit meinem Vater telefoniert. Das Telefonat hat mich sehr betrübt. Vater kann nichts dafür, aber es passt in den Film.

Vater tut mir leid und ich fühle mich elend. Er war so aufgewühlt, dass er gar nicht richtig sprechen konnte, nach Worten suchen musste, die er nicht fand. Ich war sehr erschrocken und konnte nicht auflösen, was ich von den möglichen Gründen seiner Unruhe halten sollte. Ich habe Angst. Ich realisiere, dass er wohl realisiert, wie sehr sich alles geändert hat und immer weiter ändert und, dass er so vieles nicht mehr in der Hand hat. Die Schere zwischen seinem Willen und seiner weniger werdenden Kraft wird nicht mehr kleiner werden.

Mit dem Willen und der Kraft ist das so eine Sache. Ich spüre das selbst, auf meine Weise. Ich frage mich, was mein Leben noch sein kann, noch sein wird. Das Wort, wonach ein jeder selbst sein Leben in der Hand hat, ist bestenfalls eine Halbwahrheit.

Ich suche den Himmel ab. Das Vitamin D, das ich nun zusätzlich wieder nehme, lässt ihn nicht heller werden. Aber ob hell oder nicht, ob blau oder grau, er lässt mich sein, der Himmel. Er ist und bleibt ein Freund. So wie das Morgenrot und die Vögel, die Natur und die Kinder, die Menschen, die in meiner Seele wohnen, mein Vater.

Ich möchte auch heute „Danke“ sagen.

Einen lieben Dank trage ich für meinen Sohn in mir. Er hat mich doch wirklich heute angerufen. Er, der so gar kein Mensch ist, der gern oder viel telefoniert, hat meine stille Bitte zwischen meinen Abschiedsworten gestern erhört, hat mich heute zum zweiten Mal nach dem Besuch beim Bäcker heute früh reden lassen, für ein paar kleine Minuten des Nachmittags immerhin.

Einen ganz großen lieben Dank trage ich immer in mir. Er gilt dem einzigen Menschen, den ich noch umarmen darf. Es geht nur virtuell, aber ich darf es so von Herzen, dass es unsagbar gut tut. Noch viel mehr, seit ich in diesem Film leben muss, dem Film meiner nunmehr surreal anmutenden Realität, in der mich niemand sonst mehr berühren darf oder mag.

***

Geike Arnaert ist eine 1979 geborene belgische Musikerin, Sängerin und Songschreiberin. Fast elf Jahre lang war sie bis Ende 2008 Mitglied und Sängerin der Band Hooverphonic, die vor allem mit elektronisch geprägter Trip-Hop- Musik bekannt geworden ist und Belgien beim nächsten Eurovision-Song-Contest vertreten soll. Vielleicht wird Geike Arnaert dann wieder dabei sein, denn jüngst ist davon die Rede gewesen, dass sie zu der Band zurückkehren wird.

Zwischenzeitlich hat Geike an etlichen anderen Projekten mitgewirkt und zwei Soloalben produziert. Von ihrem zweiten, welches 2019 erschien, stammt das Lied, das ich hier heute teile. Ich mag es sehr, wie auch die sanfte und zugleich ausdrucksstarke Stimme der Sängerin, die mich hier ein bisschen an die von mir sehr geschätzte schwedische Liedermacherin Sophie Zelmani erinnert:

Geike Arnaert – „Off Shore“

Tagebuchseite -906-

Vom Frieren und vom Weinen und der Scham …

Lange lag mein Tagebuch hier, ohne von mir geöffnet worden zu sein und ohne, dass ein Urlaub oder eine bewusste Internetauszeit der Grund dafür wären.

Es passiert so viel, zu schnell und mich zu sehr fordernd, als dass ich Zeit und Kraft zum Schreiben finden könnte. Das ist traurig. Aber ich kann es nur konstatieren, nicht ändern. Ich habe es versucht. Es geht nicht.

Inzwischen sind da außerdem Dinge, von denen ich zu wissen glaube, dass ein Niederschreiben mir nicht helfen würde, dass das Schreiben, dass ja auch eine besonders intensive Beschäftigung mit dem Gegenstand oder der Angelegenheit einschließt, es vielleicht sogar noch schwerer machen würde. Aber das wird es ohnehin schon, auch ohne dass ich schreibe.

Ganz ähnlich geht es mir mit dem Reden. Ich kann über Vieles gerade nicht sprechen. Über das Schlimmste am wenigsten. Abgesehen davon, dass es kaum Menschen gibt, denen ich so weitgehend vertraue, mich insoweit mündlich öffnen zu können.

Seit ein paar Tagen friere ich. Mein Körper friert, meine Seele friert.

Bis gestern Morgen hat es ein wenig geholfen, dass ich begonnen habe, bewusst mit mir selbst zu sprechen. Ich versuche, mich als Freund zu sehen, mich zu beschützen, wenn es niemand sonst tut oder tun kann, und meine eigene Seele zu streicheln. Ich habe bemerkt, dass ich darin manchmal ein bisschen Trost zu finden vermag.

Was ich da tue, hat nichts mit Selbstmitleid zu tun. Ich habe gelernt, dass Selbstmitleid nichts bringt und alles nur schlimmer macht. Es ist vielmehr ein Mitfühlen mit mir selbst, ein Einfühlen in mich, der Versuch, mich zu respektieren, so, wie ich nun mal bin.

Heute Morgen nun habe ich geweint. Sehr heftig und sehr lange. Es ist sehr lange her, dass ich so geweint habe. Die vielen heißen Tränen sind, obwohl ich sie irgendwann abgewischt habe, an meinem frierenden Körper, meiner frierenden Seele, selbst gefroren. Und mir ist nun noch kälter als zuvor.

Den Grund für mein Weinen wissen in diesem Augenblick nur ich und mein Tagebuch. Er ist zu persönlich, als dass ich ihn niederschreiben könnte. Und er ist schlimm, er ist einem Erdbeben gleich. Mein Leben ist seit gestern, noch mehr seit heute Morgen, nicht mehr dasselbe.

Es ist so surreal, so paradox, ausgerechnet gestern in der Wohnung meines Vaters gewesen zu sein, ihre Auflösung mit zu betreiben. Als wenn das nicht schon schwierig und schlimm genug gewesen wäre …

Zeit und Risikobewusstsein (in meinem Arbeitsumfeld hat es jüngst einen Coronafall gegeben, und ich habe berufsbedingt und nicht hinreichend geschützt täglich mit vielen Menschen zu tun) geboten es überdies, meinen Vater dann nicht im Seniorenheim besuchen zu können.

Seit heute früh ist mir noch um vieles bewusster denn je, dass jedes der so vielen Bücher, die ich aus der Wohnung meines Vaters mitnehmen konnte und durfte, eine Umarmung von ihm ist und bleiben wird. Etwas, dass mir Wärme schenken wird, für immer.

Von dem, was mich so sehr bewegt, was mich gestern und heute nun ganz speziell und unmittelbarer denn je getroffen hat, weiß mein Vater nichts. Ich glaube, ich werde es ihm auch nie sagen können. Es wäre nicht fair, denn es würde auch ihm Schmerzen bereiten. Und davon hatte er zuletzt schon genug, und er muss immer noch und immer wieder so tapfer sein.

Ansonsten empfinde ich Scham und Ohnmacht und Trauer.  Was davon das ärgste ist, weiß ich gerade nicht. Es ist von allem so viel.

Wie es weitergehen wird und kann, weiß ich ebenso wenig. Ich kann es nicht wissen, weil ich nur sehr begrenzten und vor allem nur nachrangigen Einfluss darauf habe, auf das, was wesentlich ist in diesem Sinne.

Seit heute habe ich tatsächlich Angst vor der Zukunft, meiner noch verbleibenden Zukunft. Nicht nur so ein Angstscheibchen, wie bislang durchaus schon immer mal eines aufgetaucht ist, sondern umfassende, manifeste Angst. Noch eine mehr also …

Ich bin so froh, dass ich noch ein wenig Vorlauf hatte, was meine Unterrichtsvorbereitungen betrifft. Nachdem gestern aus genanntem Grund gar keine Zeit dafür gewesen ist, war und bin ich heute zu fast nichts imstande, was irgendwie Konzentration verlangt.

Morgen muss ich wieder vor die Schülerinnen und Schüler treten. Der sein, den sie kennen, der ich aber nicht mehr bin und wahrscheinlich nie mehr sein können werde. Ich weiß nicht wie, nicht einmal, ob ich das packe. Sie werden mich fragen, was ich Schönes getan oder erlebt habe am Wochenende. Das fragen sie mich immer am Montag.

Immerhin, einige von ihnen wärmen mich, ohne dass sie es wissen, wärmen mich sogar sehr.

Und da war auch ein überraschender Brief, letzte Woche, ein handgeschriebener, persönlicher. Auch der hat gewärmt – ich möchte das nicht vergessen zu erwähnen.

Es wird ein langer Tag morgen, ein sehr langer. Nicht auf den Unterricht beschränkt. Dienstberatung und Weiterbildung werden folgen. Gut möglich, dass sich an die zwölf Arbeitsstunden aufhäufen.

Auch wenn es viel schwerer geworden ist für mich seit gestern und heute auch morgen wieder und weiter mit mir zu sprechen: Ich werde es versuchen. Ich fühle, dass es so sehr nötig ist. Zunächst einmal, um wenigstens morgen zu überstehen.

Nun habe ich also doch einmal wieder geschrieben, nach längerer Zeit. Geschrieben, wohl ohne wirklich etwas gesagt zu haben, außer zu mir, denn mutmaßlich nur ich weiß um alles und verstehe alles, was hier geschrieben steht. Schön zu lesen ist es nicht. Für mich nicht und für niemanden sonst.

Ich habe keine Ahnung, wann oder ob das je wieder anders werden kann.

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Gone West – „I’m never getting over you“

Sammelsurium -118- (Sechs Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Wieder einmal ist ein bisschen Zeit für ganz eigene Aphorismen und Gedanken gewesen, schließlich geflossen in Lettern auf diese Seite als Sprüchlein und Schnipsel. Ein Sammelsurium von Vielem, was mich gegenwärtig umtreibt. Wie immer, zum Lesen, zum Sinnen, zur Zustimmung oder zum Widerspruch … :

Wirklich Friede ist nur, wo keine Menschen sind. Deshalb glaube ich an kein Paradies.

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Die Potenz, am klügsten sein zu können, bedingt die Potenz, die größten Dummheiten begehen zu können, in sich zu tragen. Die menschliche Existenz beweist das an jedem Tag, in jeder Stunde, während jedes Augenblicks.

*

Aufrichtig nach Wahrheit zu suchen, bedeutet, niemals damit aufhören zu dürfen.

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Alles im Leben ist nur eine Episode. So wie das Leben selbst.

*

Die vielen kleinen, für uns vermeintlich so wichtigen materiellen Werte und Dinge in unseren Wohnungen, Zimmern, Haushalten, haben nicht einmal die Halbwertzeit unseres eigenen Lebens. Wer einmal eine Haushaltsauflösung einer Wohnung eines Menschen, der infolge Krankheit oder Tod sein Heim fortan nicht mehr zu bewohnen imstande ist, erlebt hat, weiß, was ich meine.

*

Jede Farbe ist letztlich vergänglich. Die Dunkelheit ist es nicht. Sie ist, was bleibt, wenn sonst nichts mehr ist.

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Schnipsel (16) –

Sand in den Augen

Es geschah jedes Mal, sie konnte nichts dagegen tun. 

Solange sie bei sich wohnte, konnte sie sehen, hören fühlen. Dinge und Menschen waren klar oder undurchschaubar. Sie konnte es unterscheiden und damit umgehen, hatte Worte, Gedanken, Gesten und Taten für diese und dieses und jene und jenes. Und sie war nicht allein, fand andere Menschen, mit denen sie in Dialog treten konnte und von denen sie sich verstanden fühlte.

Öffnete sie aber die Tür ihres Heimes, dann tobte draußen immer ein Sturm, der Sandwolken vor sich hertrieb, so groß, dass eine stets in die andere überging und die Welt sich in einem unsteten Grau zeigte. Jedes Sandkorn war eine Stimme, ein Schicksal, eine Ansicht, war ein Mensch. Keines war dem anderen gleich und ihre Stimmen verschmolzen zu einem schaurigen Heulen, in dem kein einzelnes Word, keine einzige Melodie, mehr vernehmbar war.

Der Sturm war mit den Jahren immer stärker und heftiger geworden, seine Geschwindigkeit hatte zugenommen und nahm immer weiter zu, und also auch seine Zerstörungskraft und die Lautstärke seines Geheuls.

Immer wieder hatte sie versucht, ihre Tür zu öffnen, war ein Stück hinaus getreten, hatte ein paar der Sandkörner aufgefangen und versucht, ihnen zuzuhören, ein Gespräch mit ihnen zu beginnen, ihnen Hilfe und Unterstützung zu sein. Sie hatte es aber immer nur für Augenblicke vermocht. Je stärker der Sturm wurde, desto kürzer wurden diese Momente, desto entkräfteter kehrte sie in ihr Heim zurück. Manchmal von ein paar Sandkörnchen begleitet, von denen freilich etliche beim nächsten Versuch, die Tür erneut zu öffnen wieder mit hinaus in den Sturm gesogen wurden, manchmal werden wollten. Nur sehr wenige blieben.

Kürzlich hatte sie wieder einmal die Tür aufgetan, ohne zu ahnen, dass es das letzte Mal gewesen sein würde. Gerade so hatte sie sie schlussendlich noch einmal schließen können.

Seither sitzt sie in ihrem Heim, mit Sand in den Augen, in den Ohren und den Poren ihrer Haut. Er sitzt fest, weil der Sturm so stark war. Und so ist es nun so, dass der Sturm auch bei ihr ist,  in ihrem Heim, in ihr selbst, und, dass er nicht mehr geht, dass er bleibt.

Sie muss mit ihm leben, mit geschundenen Augen,  verklebten Ohren, verletzten Händen  und braucht nunmehr unendlich viel Kraft, um dennoch weiter zu sehen und zu unterscheiden, zu hören und zu differenzieren, und zu handeln, endlich auch ein bisschen mehr für sich und die, die bei ihr blieben. Dies ist und bleibt ihr Wille.

Wie sie da nun so sitzt, ist sie trotz allem, was sie immer schon war: eine wunderschöne Seele.

Draußen heult der Sturm weiter, schwillt an zum Orkan. Überall ist Sand, allgegenwärtig und so dicht, dass kein menschliches Auge mehr etwas zu sehen imstande ist.

Eine geöffnete Tür, eine rufende Seele; niemand  könnte und würde sie mehr sehen, mehr hören.

***

Dieses Mal bin ich anlässlich eines Erkundungsstreifzugs durch die Welt der Indie-Pop- und Rockmusik bei einer Gruppe aus Belgien „hängengeblieben“. Unter dem Namen „Hydrogen Sea“ spielt sie feinen, vor allem sehr melodischen Elektropop. Die Stimme der Sängerin ist in ihrer Klarheit und Sanftheit besonders schön, wie ich finde. Das nachfolgende Lied ist eins zum Zuhören, Zurücklehnen – Melodie und Text lassen mich auf Gedankenreisen gehen …

Hydrogen Sea – „Cold Water“