Wegweiser durch diesen Blog

Tagebuchseiten:

Hier sind meine Reflexionen über Ereignisse und Begegnungen im Alltag ebenso zu finden, wie meine Gedanken über „Gott und die Welt“ – in loser Folge, ohne Ordnung …

(Mit Beginn des Jahres 2017 erscheinen einige meiner Tagebuchseiten als Selbstgespräche . Grund dafür ist eine umfassendere Idee, die ich schon lange in mir trage. Vielleicht entsteht aus den entsprechenden Texten irgendwann ein Weg, der zu ihrer Realisierung durch mich führt. Vielleicht …)

Sentenzen:

Nachdenkliches zu Themen, die mich immer wieder und nachhaltiger bewegen und beschäftigen, die in meinem und für mein Leben zumeist eine wichtigere Rolle spielen.

Verse:

Einige meiner Versuche, Gedanken, Eindrücke, Reflexionen und Ansichten in lyrischer Form zu verarbeiten.

Gedanken zu Aphorismen:

Was immer ich auch lese, ich spüre darin aus meiner Sicht interessante Sinnsprüche auf. Einige von denen, die mich besonders inspirieren, zum Nachdenken anregen, meinen Widerspruch herausfordern, bespreche, diskutiere ich hier.

Zwischenstopps:

Texte oder Begebenheiten über die ich „gestolpert“ bin, darunter Merkwürdiges, Skurriles, Witziges, Unglaubliches – manchmal mit kurzen Kommentaren von mir versehen. (mitunter auch Musiken, mit denen ich mir einen Zwischenstopp genehmige …)

Sammelsurium:

Hier finden sich von mir verfasste, kleine Rezensionen zu Büchern, die ich gelesen habe, eigene Gedanken in Aphorismenform, die ich zur Diskussion stelle, und Sonstiges, was mir mitteilenswert erscheint.

Tagebuchseite -961-

Selbstgespräch (7) – … sich selbst der Nächste

Lange haben wir nicht mehr miteinander gesprochen, hier in diesem Medium. Seit ein paar Tagen habe ich das dringende Bedürfnis, das wieder einmal zu tun. Warum, das weiß ich im Augenblick gar nicht so wirklich. Vielleicht ist es, weil ich einen Ausweg suche, aber keinen finde. Und vielleicht auch, weil ich mir, also Dir, der Nächste bin.

Darin liegt eine unermessliche Bedeutung, viel größer als jene, die gemeint und gelebt wird, wenn es gemeinhin, im Alltag und im sehr mächtig gewordenen Gegeneinander der Menschen, darum geht, sich selbst der Nächste zu sein. Und dabei zählt in erster Linie, sich Vorteile zu verschaffen, materielle und logistische, um nicht „zurückzubleiben“.

Unsere Bedeutung liegt hingegen darin, nicht voneinander lassen zu können. Wir sind bestimmt, miteinander so eng verbunden zu sein, dass wir uns die Nächsten sind, selbst, wenn wir das manchmal nicht (mehr) wollen. So eng, dass wir gemeinsam sterben werden, wenn die Zeit dafür kommt. So eng, dass, wenn einen von uns beiden die Kraft zu leben verlässt, auch der andere nicht weiterleben kann und wird. Jedenfalls nicht auf der Erde.

Ob mir dieser Gedanke leichter würde, wenn ich daran glauben, darauf zu vertrauen vermöchte, dass es ein Leben nach dem irdischen gibt?

Ich weiß, dass Du denkst, dass uns ein solches Vertrauen womöglich gefährlich werden könnte, was den Willen zum Verbleiben im Irdischen betrifft. Denn wenn es wirklich ein späteres Leben mit anderen Perspektiven, solchen, die uns von Wert sind und die wir hier auf Erden kaum noch finden, gäbe, wäre das mutmaßlich ein starker Grund, nicht beständig mit so viel Kraft und Aufwand und Aufopferung an dem festzuhalten, was hier, was irdisch, ist.

Ich höre Deinen Einwand. Ja, es ist schlimm, dass ich bei diesem Sinnen ausblende, dass es trotz allem, was mich und Dich immer auswegloser sein lässt, doch ein einmaliges und einzigartiges Geschenk ist, einen Besuch auf der Erde bewilligt bekommen zu haben.

Wäre ich sarkastisch, würde ich jetzt hinzufügen, dass das „Geschenk“ vor allem deshalb eins ist, weil es ein Danach mutmaßlich sowieso nicht gibt.

Ich empfinde selbst Scham bei solchen Gedanken, aber Du bist mir eben der Nächste, deshalb erzähle ich Dir davon.

Ich bin tatsächlich ganz schön verbittert mittlerweile. Irgendwie möchte ich glauben, vor allem vertrauen, können, so wie Menschen, die tatsächlich und wahrhaftig einen Glauben an ein Danach und an einen Gott haben. Aber während ich immer wieder höre, dass viele Menschen gerade in Verzweiflung, Trauer und Ohnmacht zum Glauben finden, bemerke ich bei mir eine gerade gegenläufige Tendenz. Liegt das nur an meiner Bitterkeit? Oder ist es viel schlimmer? Oder ist es gar nicht so schlimm? – Ich habe keine Ahnung.

Im Übrigen, und um das wirklich klarzustellen: Nie würde ich irgendwen, auch keinen Gott, für etwas anklagen, was war, ist oder sein wird. Auch nicht für etwas, was mich betraf, betrifft oder betreffen wird. Es sind ausschließlich Menschen, die Verantwortung für die Dinge tragen, die geschehen, mit der Ausnahme von einigen Naturkatastrophen, für die allerdings auch kein Gott verantwortlich ist. Außerdem ist mein Beurteilungsvermögen nur ein begrenztes und ich bin weit davon entfernt, ein Richter sein zu können oder gar zu wollen.

Dass mein, dass unser Leben nicht so verläuft, wie wir es uns wünschen, ist nicht durch Schuldzuweisungen aus der Welt zu schaffen. Weder gegenüber anderen, noch gegenüber uns selbst.

Allerdings hast Du sehr recht, wenn Du sagst, dass unser Leben, maßgeblich nicht von uns selbst bestimmt und gestaltet wird. Wir sind nicht tonangebend, und deshalb ist das mit der Ausweglosigkeit, von der ich eingangs sprach, durchaus eine ganz verzwickte Crux.

An dieser Stelle fallen mir unweigerlich wieder die vielen Glaubenssätze und „Mutmacher“ ein, die ich immer wieder gehört habe, wenn jemand eine ähnliche Situation beschrieben hat, wie die, über die wir uns hier gerade unterhalten. Solche Sachen wie: „Lebe nicht, um zu arbeiten, sondern arbeite, um zu leben!“ oder „Lebe Deine Träume!“ oder „Schau nicht in die Vergangenheit und nicht in die Zukunft, lebe im Hier und Jetzt und vor allem LEBE!“

Ich erinnere mich auch, wie oft Menschen, die an diesen wohlmeinenden Ratschlägen gescheitert sind, sie nicht umzusetzen vermochten, als „selber Schuld (sic!)“ galten. Man müsse nur WOLLEN. Daran hat sich bis heute nichts geändert, im Gegenteil.

Du weißt, wie es für mich im „Hier und Jetzt“ ausschaut. Du weißt, dass ich immer wieder in Erinnerung(en) fliehe, weil ich dort neben anderem vor allem jene Nähe und Geborgenheit aufzuspüren vermag, die es in der Gegenwart nicht mehr gibt für mich, die ich nicht einfordern kann, die mir aber so sehr fehlt, und die mir nichts und niemand wieder bringen kann und wird.

Du weißt, dass ich nicht in solche Erinnerungen fliehe, um mir Schmerzen zuzufügen oder mich in Selbstmitleid zu ergehen. Du weißt und verstehst, dass ich dieses Erinnern BRAUCHE, weil es mir ein letztes Hoffen gibt und das Wissen, dass es außerhalb des Kosmos von uns beiden, bisweilen immer noch anders ist, als in unserem Hier und Jetzt, und dass es wichtig ist, dass das bewahrt und gemehrt wird, wenn nur irgend möglich.

Ja, wir sind uns selbst die Nächsten. Verstehen uns, versuchen uns dadurch zu helfen. Ich weiß, dass ich mir dessen beharrlicher bewusst sein müsste, auch wenn wir es nur selten mal ein wenig für uns wirklich spürbar schaffen, mit der Hilfe. Geschweige denn, einen Ausweg zu finden.

Du sagst, dass Du nachvollziehen kannst, was ich Dir heute erzählt habe, dass Du es verstehst, dass Du es auch so siehst und mich vor allem für nichts verurteilst.

Dafür danke ich Dir sehr. Ich habe es nämlich gerade, auch mit mir selbst, sehr satt. Vielleicht hatte ich ja deshalb schön länger das Bedürfnis wieder einmal so mit Dir zu sprechen, dass unsere Worte nicht verloren gehen. So wie jetzt und eben hier.

***

LINA, eigentlich Lina Larissa Strahl, ist eine 1997 geborene deutsche Schauspielerin, Sängerin und Songschreiberin. 2013 ist sie erstmals im Fernsehen aufgetreten. Es folgte die Hauptrolle der Bibi Blocksberg in der Filmreihe „Bibi & Tina“. Ihr erstes eigenes Album hat sie 2016 veröffentlicht. Ihre aktuelle Single ist die folgende, sie enthält ein Lied mit einem Text, der vor allem für jene sehr eindringlich und nachvollziehbar ist, die ihn FÜHLEN können.

LINA – „Wasser“

Sammelsurium -124- (Zehn Sprüchlein und ein Lied)

Manchmal schreibt das Leben nicht nur Geschichten, sondern auch Sinnsprüche. Oder Geschichten mit Sinnsprüchen.

Während der etwas ruhigeren Tage zwischen den Jahren habe ich einen spontanen und keinem bestimmten Weg folgenden Streifzug durch mein Blogtagebuch unternommen. Es wurde eine einigermaßen lange und ziemlich emotionale Reise daraus.

Ich habe viele sehr inhaltsreiche, emotionale und Emotionen hervorrufende Einträge gefunden, die mich in Zeiten und Empfindungszustände zurückgeführt haben, so, dass ich sie erneut als ganz, ganz nah und unmittelbar empfunden habe. Tendenziell habe ich ungeachtet aller immer auch dagewesenen dunklen Phasen, Abschnitte und Gefühle immer wieder schön geschrieben. Viel mehr und öfter, als ich das zuletzt getan habe und heute tue. Schön meint dabei nicht inhaltsleer, viel mehr: schön zu lesen.

Ich glaube, dass ich nicht anders kann, als aus Stimmungen herauszuschreiben. Jedes Bild ist von Stimmungen inspiriert, spiegelt Stimmungen wider, vermittelt Stimmungen und lässt beim Betrachter Stimmungen entstehen. Mit Texten und Versen ist es wohl ebenso.

So sind all meine kleinen Geschichten, Essays, Skizzen und Gedichte aus Stimmungen des Lebens heraus geschrieben. Und manches darin ist, wie ich auf meinem Streifzug gefunden habe, tatsächlich zu ein bisschen „aphoristischen“  Aussagen bzw. Gedanken geworden, ohne, dass das beabsichtigt war, einfach während des Schreibflusses entstanden.

Ein paar Bespiele dafür, die mich meistens während des Lesens nun selbst überrascht haben, habe ich im heutigen „Sammelsurium“ einmal in loser Folge zusammengestellt:

Schönheit aus Irrtum kann … tatsächlich zur letzten Phase der Geschichte der Schönheit werden. (17.06.2018)

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Nichts ist für die Ewigkeit, manches nicht einmal für eine ganz kleine. (14.06.2018)

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… die Wahrheit, dass auf einen menschlichen Sommer, sei er gewesen, wie er war, heiß oder kalt, sonnig oder wolkenreich, kein zweiter folgen wird, ist unabänderlich. (30.08.2016)

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Jeder reist, doch jede Reise ist eine andere. Mensch, Ausstattung, Mittel, Weg, Ziel – nichts ist gleich. Nur Anfang und Ende sind es, Geburt und Tod. (11.08.2016)

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Wenn die eigene Haut dünn wird, dann braucht es eine andere, eine zweite. (13.11.2019)

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Wer intensiv, sich bewusst Zeit nehmend, mit einer gewissen Tiefe schreiben möchte, muss ein bisschen einsam sein. (29.07.2015)

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Ich vermag es nicht, einfach so vor mich hin zu leben. Unter anderem deshalb hat und ist Schreiben für mich Lebenssinn. (23.07.2015)

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Ein Mensch muss anderes hinterlassen haben als seinen Grabstein. Sonst ist er unweigerlich früher oder später vergessen. So, als ob es ihn nie gegeben, er nie gelebt hätte auf Erden. (24.03.2020)

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Solange aber der Planet am Leben ist, werden auch die Jahreszeiten da sein, und wie er, eine Einladung an die Menschen, jede mit ihrer eigenen Botschaft. Immer und immer wieder. Ob Frieden ist oder Krieg, ob Gier beherrschend ist oder Demut. Ob frohe Gemeinschaft lebt oder Agonie fortschreitet. (20.03.2020)

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Schuld sind allein Menschen. Menschen mit Bewusstsein. – Wirkliche Schuld ist bewusste Schuld. Bewusste Schuld bleibt und wird nicht unbewusster, wenn sie verdrängt wird. Schon gar nicht, wenn auch das bewusst geschieht.

Schuld ist eine allein und rein „menschliche“ Kategorie, eine allein menschliche Eigenschaft. So wie Hass, wie Geiz, wie Gier und Neid. Wo diese Eigenschaften sind, kann keine Unendlichkeit sein. Wo sie sind, ist kein Platz für irgendetwas anderes. (16.03.2020)

*

Alex Mayr ist eine deutsche Sängerin und Songschreiberin.  1985 in Niedersachsen, nahe Bremen, geboren, lernte sie bereits mit sieben Jahren Geige spielen. Später studierte sie Popdesign. Heute gilt sie als Multiinstrumentalistin, deren Lieder, die, jedes für sich, ihren ganz eigenen, von Vielfalt geprägten Musikstil spiegeln, von sehr bildhaften, ehrlichen, bisweilen auch auf besondere Art speziellen Texten begleitet werden. Bisher sind zwei Alben von ihr erschienen, das Lied „Ausgang“, das ich heute hier teile, und das am Ende gar eine kleine Rap-Passage enthält, beschließt das zweite Album, das den Titel „Park“ trägt:

Alex Mayr & Maeckes – „Ausgang“

Tagebuchseite -960-

Anstelle von Vorsätzen

Ich vergleiche den Beginn eines neuen Jahres gern mit der Geburt eines Kindes. Denn es gibt mehr oder weniger erstaunliche Parallelen dabei. Und, so habe ich gefunden, dass eine solche Sichtweise einerseits vor Illusionen bewahrt und andererseits hilft, Chancen zu erkennen.

Ein Kind wird nicht von heute auf morgen geboren. Ein neues Jahr auch nicht.

Schon eine ganze Weile vor seiner Geburt werden die Rahmenbedingungen, das Umfeld (an Dingen und Personen, der Art und Weise, wie diese jeweils sind) und auch eine ganze Reihe der Perspektiven, die das Neugeborene, wenn es die Welt betritt, erwarten, vorherbestimmt. Das gilt für Kinder wie für neue Jahre. Die bestimmenden Normen und Werte, das „soziale Umfeld“, der vorhandene Entwicklungsstand, alle nur denkbaren Bereiche betreffend, entscheiden über den Start, die Ausgangsvoraussetzungen  und ein gut Teil auch über die Chancen und Möglichkeiten des  Neugeborenen.

Ein neugeborenes Kind ist ein Sinnbild für vollkommene Unschuld. Es ist rein, unbefleckt, hat noch nichts getan oder bewirkt, was vielleicht jemandem zu Schaden gereicht hätte.

Es ist da, und es könnte sich zu einem Wesen entwickeln, das andere Menschen einlädt, glücklich macht, ihnen Frieden und Liebe vermittelt,  ihnen Zuversicht und Hilfe spendet, ihre Würde respektiert und bestrebt ist, ihnen gleichberechtigte Teilhabemöglichkeiten am Leben zu gewähren. Es könnte sich zu einem Wesen entwickeln, das andere Menschen einlädt, gleiches zu tun an ihren Zeitgenossinnen und -genossen.

Es könnte sich so entwickeln, wenn sein Umfeld, insbesondere die es umgebenden Menschen, zulassen würde.

Ebenso könnte es mit einem neugeborenen Jahr sein. Und zwar unter allen Rahmenbedingungen, die seine vorgeburtliche Vergangenheit geschaffen hat. Auch, wenn diese überwiegend schwierig oder ungünstig sind.

So ungefähr empfinde ich jetzt, unmittelbar nach der Geburt des neuen Jahres. Die Bedingungen und viele Umfelder, in die es hineingeboren wurde, sind wahrlich nicht einfach, sind verworren, und vielfach alles andere als einladend.

Wie würde sich das neue Jahr wohlfühlen, wenn es ein Kind wäre, das, obgleich gerade eben geboren, schon alles sehen, hören, wahrnehmen könnte? Würden seine Ängste oder seine Zuversicht überwiegen, seine Vorfreude oder seine Beklommenheit, würde es vertrauen können und wollen oder würde es misstrauisch sein?

Ich bemerke, wie sehr ich selbst hin und her schwanke zwischen diesen Fragen, soweit ich davon entfernt bin, Kind oder gar neugeboren zu sein. Das ist noch stärker der Fall als bei jedem Jahreswechsel zuvor.

Wahrscheinlich bin ich deshalb hier und heute noch weniger bereit, Vorsätze zu fassen, als schon anlässlich aller Jahreswechsel, die ich mit Bewusstheit erlebt habe, zuvor.

Ich habe nur einen großen Wunsch, größer als jemals zuvor:

Ich wünsche mir, dass die Menschen das neugeborene Jahr wie ein eigenes neugeborenes Kind behandeln mögen, es so behüten, beschützen, bewahren, ihm einen so guten, wirklich menschlichen Weg aufzeigen mögen als, wenn es das Wichtigste und Wertvollste wäre, was ihnen gegeben ist.

Und ist es das nicht: das Leben während, im Verlaufe eines weiteren Jahres?

Auch für mich habe ich anstelle von Vorsätzen Wünsche. Es sind ihrer zwei:

Ich wünsche mir, dass mir weiterhin Kraft verbleibt, Liebe leben und geben zu können, dem neuen Jahr, den Menschen, allem Leben darin. Und ich wünsche mir, dass mir ein paar Menschen bleiben, die mir in diesem Sinne ihre Hand reichen, die mich begleiten mögen, auch durch die Tiefen meiner Wege.

Alles Weitere wird sich finden oder auch nicht – ich muss dabei meine eigene Kleinheit besser verstehen und akzeptieren lernen.

So heiße ich Dich denn willkommen, Du neugeborenes Jahr 2022.

***

„Jon and Roy“ ist eine kanadische dreiköpfige Folk-Rock- und Raggae-Band aus Victoria, British Columbia, die es bereits seit 2003 gibt. Ein Lied von ihnen trägt den Titel „Sonnenaufgang“. Ich habe es ausgewählt, weil dieser Titel zum Beginn eines neuen Jahres passt, der Text des Stückes zudem ein wenig der gebotenen Nachdenklichkeit transportiert, die mir aus diesem Anlass durchaus geboten scheint:

Jon and Roy – „Sunrise“

Tagebuchseite -959-

Jahresendgedanken 2021

Die Tage „zwischen den Jahren“ kennen für mich keine Zeit, selbst dann nicht, wenn ich mich Pflichten widmen muss. Ich zwinge mich davon zu tun was geht und es ist gut.

Vielmehr kennen diese Tage ein sehr tiefes Fühlen und Empfinden. Mein inneres Ich ist auf Reisen, wie es sie während des Jahreslaufs nicht zu unternehmen imstande ist, weil mein Existieren dann zu laut, zu hektisch, zu verstörend ist, eben so, wie es meine Umfelder fast nur noch gerieren.

Mein Reisen zwischen den Jahren lässt mich meine Kleinheit besonders spüren, die Wichtigkeit von Dankbarkeit und Demut und vor allem von Liebe. Ich nehme wahr, dass wo immer auch Kälte ist, es sich mehr und mehr um soziale Kälte handelt. Soziale Kälte, die sich nicht mehr nur in Unterschieden des Lebensstandards ablesen lässt, sondern die sich vor allem im Umgang miteinander manifestiert.

Einander zuzuhören, sich rücksichtsvolle Aufmerksamkeit zu schenken, einander nicht ins Wort fallend übertönen und „recht“ haben zu wollen, Verheißungen kritisch zu hinterfragen, all das würde gegenseitigem Umgang das Attribut mitmenschlich verleihen. Es gibt dieses Attribut noch, nicht nur geschrieben, sondern auch gelebt, aber seine Schrift wird blasser, seine Atemzüge werden schwächer.

Das bemerke ich während meiner Reise, nicht nur durch deutsche Lande, wo aus dem „Wir halten zusammen“, das uns zu Beginn der Epoche „Corona“ noch weitgehend einte, längst ein frustriertes, vor allem auf sich selbst bezogenes, bisweilen aber auch Mitmenschen bewusst schädigendes und diffamierendes Verhalten geworden ist. Die Saat dafür ward freilich schon lange vor Beginn der Pandemie gesät. Und nach meinem Empfinden lernen die Menschen nicht. Im Gegenteil. Was nicht schwarz oder weiß ist, ist suspekt, zu kompliziert, kratzt im Zweifel am eigenen „Status Quo“ bzw. dem, was jede und jeder dafür hält.

Wir sind so weit gekommen, dass diskutiert werden muss, wessen körperliche Unversehrtheit höher wiegt: Die eines Menschen, der sich nach überwältigender wissenschaftlicher Ansicht weitestgehend risikofrei gegen das allgegenwärtige Virus impfen lassen könnte, dies aber nicht tut und in der Folge eine langwierige Intensivbehandlung benötigt. Oder die eines plötzlich an Krebs erkrankten Menschen, dessen Tumore ein schnelles und konsequentes Operieren erfordern, für den jedoch wegen Menschen, wie dem erstgenannten eine  entsprechende, zeitnahe Behandlung nicht gewährleistet werden kann.

Unterdessen sehe ich auf meiner Reise die zweideutige Schönheit eines schmelzenden isländischen Gletschers, der mir in einer Dokumentation gezeigt wird. Ich höre eine sehr abgemagerte kenianische Mutter über die durch vom Klimawandel hervorgerufene Dürren, Kriege in den Nachbarstaaten und Korruption sprechen und sehe dabei ihre Kinder, die vollkommen unterernährt, teils weinend, um sie herum sitzen.

Warum kreist „der Westen“ entgegen ursprünglich anderslautender Versprechen und Zusagen Russland immer mehr mit NATO-Stützpunkten ein, um sich in der Folge als Richter über russische Reaktionen, russisches Verhalten zu erheben? Weiß jemand tatsächlich, ob „der Westen“ die Wahrheit hat? Maßt sich jemand an, das zu wissen, zu wissen, was die Wahrheit ist?

Ich lese aus Bahrein, einem Land, das in den hiesigen Nachrichten nicht vorkommt, von schweren Menschenrechtsverletzungen. Und mir wird bewusst, über wie viele Regionen dieser Welt ich nichts höre, kaum etwas weiß, vor allem über solche nicht, wo Mitmenschlichkeit für viele Menschen bestenfalls  noch ein Synonym für „Fata Morgana“ sein muss. Mir fällt der Jemen ein und Haiti, ich denke an Afghanistan und den Sudan, die Flüchtlinge in griechischen Lagern und solchen anderswo im „freien Westen“, an Menschen in Somalia und Syrien, in Nepal und in Myanmar.

Schon lange weiß ich, dass Menschenwelten mit vergoldeten Wasserhähnen und jene, in denen es nicht mal eine notdürftige Zisterne für Trinkwasser gibt, nebeneinander existieren. Ebenso wie Welten frohen Kinderlachens neben solchen, in denen Kinder wegen unzureichender medizinischer Versorgung sterben, täglich.

Über jeder dieser Welten spendet die Sonne Licht und rieselt leise unschuldiger Regen. Seit Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten. Ich weiß es und spüre es doch „zwischen den Jahren“ immer um ein Vielfaches stärker. Die Unschuld der Schöpfung und die Schuld, das komplexe Versagen des Menschen als gesellschaftliches Wesen.

Was bedeutet meine eigene kleine Welt im Verhältnis zu all dem? Meine kleine Welt, die mir in diesem Jahr in Summe und Verhältnis zu allem, was mich betroffen oder begleitet hat, so schwer und verlustreich geworden ist, wie vielleicht noch nie, im mindesten aber so erschienen ist.

Ihr Gewicht ist so klein, so gering, dass ich mich oft und jetzt, in diesen Tagen  insbesondere, dabei ertappe, wie wichtig, die Dinge, die in ihr geschehen und für und auf mich wirken, nehme. Und wie schwer die Dinge, die mir schwer sind, die ich als schwer empfinde. Und das fühlt sich in meinem Inneren, für mein Gewissen, sehr falsch an.

Wie sehr ist es Anmaßung, sich ein unbeschwerteres Leben zu wünschen, wenn anderswo Menschen Unrecht geschieht, wenn anderswo Unschuldige Qualen, Verfolgung, Hunger und Tod erleiden müssen?

Nie habe ich in einem Jahr in den unterschiedlichsten Kontexten häufiger den Hinweis, den „Rat“, die Aufforderung, das Credo,  gesagt bekommen, dass man vor allem an sich selbst denken müsse. Um erfolgreich zu sein, um nicht „zurückzubleiben“, um etwas bewirken zu können, um mehr Lebensqualität und Wohlstand zu erlangen, um sich hinreichend abzusichern, um zu bestehen.

Gibt es jemanden, der dem widersprechen würde?

In mir regt sich Widerspruch. Ich habe Zweifel, dass das so „richtig“ ist, richtig sein kann. Wie oft und wo überall ist dieses Credo schon ausgesprochen, gepriesen, verfochten und begründet worden?

Liege ich gänzlich falsch, wenn ich frage, ob es nicht genau dieses Credo ist, was unsere Welt zu jener so wenig (mit)menschlichen werden ließ, wie es die ist, die wir jetzt so vielerorts bereits vorfinden?

Ich weiß es nicht. Ich weiß überhaupt wenig. Zu wenig.

Zuwenig allemal, um ausgewogen urteilen und Bilanz ziehen zu können, weshalb ich das auch am Ende dieses Jahres wieder unterlassen werde.

Trotz allem nicht aufhören zu bleiben und zu lieben, dankbar zu sein, bescheiden zu leben und zu wirken, das eigene Sein (als Summe des eigenen Denkens, Handelns und Empfindens) nicht überzubewerten oder gar als den Nabel der Welt zu betrachten und immer wieder: nicht zu verzweifeln – dahin führen mich meine Gedanken, jetzt, zwischen den Jahren. Und so führen sie mich, während mich beständig mein Vater in meinem Sinn und meinem Herzen begleitet, in das kommende Jahr …

**

Neben allen Menschen wünsche ich insbesondere allen jenen Leserinnen und Lesern, die mich und meine Tagebuchaufzeichnungen fortgesetzt lesen, mir oft Mut, Zuversicht und Kraft spenden, sich mit mir austauschen, einen schönen, fried- und freudvollen Jahreswechsel und über allem stehend, Gesundheit.

***

Le Ren, eigentlich Lauren Spear, ist eine 26-jährige Musikerin, Sängerin und Songschreiberin aus Kanada. In diesem Jahr hat sie ihr Debütalbum „Left-overs“ veröffentlicht. Inspiriert von ihrer Mutter, einer Laienmusikerin, hat sie sich zeitlose schönem Folkpop verschrieben. Das Lied „Dyan“, eines der Stücke auf dem Album, hat Le Ren ihrer Mutter gewidmet. Menschen, die man im Herzen liebt, etwas so Persönliches zu widmen, gehört zum schönsten überhaupt. Und dieses Lied ist es im Besonderen:

Le Ren – „Dyan“

Tagebuchseite -958-

„Ich“ im Heute und Hier

Ich frage mich, häufiger und intensiver seit ein paar Wochen, was aus meinem Leben geworden ist. Ich frage mich das auch viel grundsätzlicher als jemals zuvor.

Mit dem nahenden Jahresende hat das nichts zu tun, ich bin und war nie ein Freund von regelmäßigen Analysen und Bilanzen oder von Vorsätzen. Die Fragen sind einfach da, jetzt, und laut, sie fordern Gehör ein. Und ich höre sie jetzt und laut und versuche beständig und, ja, auch ein wenig verzweifelt, sie mir, mit Blick auf meine Zukunft, zu beantworten.

Ich träume noch immer fast jeden Traum, daran hat sich nie etwas geändert. Und das wird es auch nicht. Manche Träume tun inzwischen freilich weh, weil realistisch geworden ist, dass sie nicht mehr wahr werden können. Mir ist bewusst, dass nicht alle Lebensträume in Erfüllung gehen können. Mir ist aber auch bewusst, dass inzwischen vieles unwiederbringlich ist und vieles im Vergehen begriffen, was mir etwas wert war und ist, einst als Traum und dann als Wirklichkeit.

Ich habe erkennen müssen, dass ich ein Mensch bin, den man wohl gern als Freund auf Abstand hat, mit dem man aber nicht wirklich zusammenleben kann. Mehr oder weniger ist das wohl schon immer so gewesen, ohne dass ich es so gesehen habe. Im Laufe der Jahre habe ich mich aber verändert, zuletzt und stärker auch krankheitsbedingt. Das hat gemacht, dass ich weiterhin geschätzt, aber offenkundig immer weniger verstanden werden kann. Ich selbst bin in bestimmter Weise unflexibler, ängstlicher und noch unbeholfener geworden als ich es früher schon gewesen bin. Je mehr ich zu mir, meinem Ich gefunden habe, desto mehr bin ich mit mir allein geblieben.

Ich habe es nicht zu großem Wohlstand gebracht, habe weder ein Haus, noch fahre ich Auto, mir mangelt es an Fähigkeiten und Beziehungen, die als notwendig gelten, zum Teil als existenziell, um in und mit der Gesellschaft bestehen zu können.

Nach außen hin, wenn es nicht um die Familie geht, gelte ich als guter Zuhörer, als verlässlich, klug und eloquent. Dass es mir an Selbstbewusstsein mangelt, ist sichtbar, aber es „stört“ Menschen im nicht familiären Umkreis offensichtlich kaum. Innerhalb meiner Familie, der engsten, sieht das anders aus, hier dominieren die Eindrücke von zu großer allgemeiner Gutmütigkeit, von Verbohrtheit und Naivität, davon, dass ich nicht in der Lage bin, Sicherheit, „Fortschritt“ und Realitätsnähe zu verkörpern und zu leben.

Beide Wahrnehmungen und Wahrnehmungsweisen stimmen.

Ich bin hochsensibel, sehe, höre und fühle vor allem ALLE Dinge unmittelbar und stark. Das ist schön und schlimm zugleich. Für mich und für meine Mitmenschen.

Ich konnte und kann mein Leben nicht so leben, wie ich es mir gewünscht habe und wünsche. Nie!

Es gab allerdings Zeiten, wo Wunsch und Realität mal stärker und mal weniger im Einklang miteinander waren. Je älter ich werde, desto weniger ist das der Fall. Ob das mehr in mir oder den mich umgebenden Umständen und Menschen begründet liegt, vermag ich nicht zu beantworten.

Dass es so ist, dass mein Leben mich hierher, an diesen Punkt, geführt hat, das allein ist wichtig. Wichtig, weil es wirklich geworden ist und also zählt und ich nun damit leben muss.

Ich spüre, wie schwer das ist und ich spüre, dass es wahrscheinlich noch schwerer wird. Meine Kraft wird weniger, der Halt in der Familie geringer, die Anforderungen (im mindesten die gefühlten, aber auch immer wieder die ganz realen), vor allem in meiner Arbeitswelt werden größer.

Das ist das Leben, mein Leben, so, wie es geworden ist.

Und meine Träume, die wissen nicht mehr wohin. Ich kann sie nicht mal verschenken …

***

Verschenken, teilen, kann ich immerhin etwas Traumhaftes. Schönsten Indie-Dream-Pop  aus Frankreich von einer Band, die ich erst kürzlich entdeckt habe und deren Lieder ich bislang alle (!) sehr liebe. Hier ist eins dieser schönen Werke:

Requin Chagrin –  „Deja Vu“

Tagebuchseite -957-

… erreicht den Hof mit Müh‘ und Not …

Seit einiger Zeit, vor allem kurz vor der Zeit des Sommerurlaubs und besonders jetzt zu Beginn der freien Tage zu Weihnachten und über den Jahreswechsel, schleicht sich die kleine Passage aus dem „Erlkönig“ unaufhörlich in mein Gedankenuniversum. Und das ist kein Wunder, denn ich fühle mich den Hof mit Müh‘ und Not erreichen. Buchstäblich.

Und nun ist er erreicht für dieses Mal und ich bemerke meine Erschöpfung nicht nur, sondern ich kann nicht verhindern, dass sie bisweilen vollständig Besitz von mir ergreift. Mehrmals am Tag habe ich nicht einmal mehr genug Kraft, den Schlaf, der zu unmöglichsten Zeiten über mich hereinbricht, abzuwenden:

Ich sitze vor dem Rechner, suche mir ein schönes Lied aus der Playlist, um es anzuhören und bekomme dann gerade noch die ersten paar Takte mit. Zwanzig Minuten später erwache ich wieder mit schmerzendem Genick, weil mein Kopf einfach so vornüber gesackt ist. – Das Ganze geschieht am frühen Nachmittag.

Am Abend habe ich nicht die Spur einer Chance eine Episode einer geliebten Serie zu verfolgen.  Ein etwa 30minütiger „Filmriss“ verhindert es.

Nach dem Sonntagsfrühstück legt sich eine bleierne Schwere auf meine Augenlider. Mein Hirn hat signalisiert, dass ich heute keine Unterrichtsvorbereitungen machen muss, und prompt folgt diese Reaktion.

Zwei Tage, während denen noch so allerlei zu erledigen ist, bewältige ich vor allem zu Fuß oder mit dem Fahrrad, mit dem ich bis zuletzt auch fast jeden Tag zur Arbeit und zurück geradelt bin. Von der „Anstrengung“ schmerzen mir alle Glieder bis in den Abend und in die Nacht hinein. In der jüngeren Vergangenheit hat das dann mitunter ein paar Tage so angehalten.

In der Schule habe ich bis zuletzt gelächelt, meinen Job getan, mir etwas für den letzten Tag mit meinen Kindern in diesem Jahr einfallen lassen. Ich habe gescherzt und organisiert und Aufsichten übernommen. Und wie jedes Mal, wenn der „letzte Tag“ nahte, ging alles immer schneller, immer hektischer, mit immer noch einer Unvorhersehbarkeit mehr „garniert“.

Der Strom, der mich durchfließt, hat schon länger ungesunde Werte. Am Abend, wenn die Amperezahlen eigentlich am niedrigsten sein sollten, betragen sie bei mir seit Wochen immer wieder 170 : 100, obwohl ich schon lange allmorgendlich zuzüglich zum sonstigen Medikamentenproviant einen kleinen Regulator für die Stromstärke einwerfe.

So komme ich über die „ganz normalen Tage“. Die Traurigkeit um den Tod meines Vaters, das schleichende Zerbrechen meiner Familie und die verbliebenen, nur noch kranker machenden Sehnsüchte, sind meine beständigen Begleiter.

Und immer öfter muss ich mich wirklich zwingen, noch aufzustehen, nicht nur am Morgen, wenn des Tages Pflichten rufen, sondern auch dann, wenn es ein Fünkchen Aussicht auf ein paar zu lesende Buchseiten oder einen warmen Tee gibt. Ich bin einfach so müde, dass ich fürchten muss, dass mir angesichts leichterer oder gar erleichternder Beschäftigungen eh‘ wieder die Augen zufallen werden. Meistens kommt es dann auch wieder so.

Aber nun habe ich den Hof erreicht. Wieder einmal. Erschöpfter, kaputter denn je. Obwohl ich mich so  vielem, was die Hektik anderer Menschen in diesen Tagen und Wochen ausmacht, längst entzogen habe. Körper und Seele meiner selbst bitten nur um Stille und ein bisschen Geborgenheit und ein klein wenig Liebe. Und ich habe längst beschlossen, dass sie, abgesehen von diesem, selbst auch nicht mehr geben müssen.

Mein Hof ist mein eigenes kleines Land, das ich mit nur ganz wenigen Menschen teile. Es ist ein kleines Land und doch so groß, dass diese wenigen Menschen nur sehr selten wirklich unmittelbar bei mir sein können. Aber sie sind nie fort. Sie verurteilen mich nicht, wenn ich es kaum noch schaffe, mich doch wieder aufzurappeln. Sie sind einfach stille Geborgenheit und Liebe. Meine Lichter in dieser Zeit.

Wenn vielleicht und hoffentlich meine Kraft in zwei, drei Tagen so weit reicht, dass ich das ganz bewusst spüren und genießen kann, wird Weihnachten sein für mich. Die Zeit „zwischen den Jahren“ danach, die ich grundsätzlich ganz besonders liebe, wird, zunächst ein bisschen, dann aber immer konsequenter, schon wieder Zeit der Beschleunigung sein müssen.

Ich höre den Januar schon schreien, seine Herausforderungen, die für mich leider zahlreicher sein werden als für alle meine Kolleginnen an unserer Schule, weil mir die Kinder jener Klassenstufe anvertraut sind, für die im Januar am meisten zu tun ist.

So bald werde ich also wieder aufbrechen müssen, lächeln, meinen Job machen, meine Traurigkeit in Schach halten, funktionieren.

Dabei habe ich doch gerade meinen Hof erreicht, mit so viel Anstrengung sein Tor eben erst geschlossen.

Dies wieder und wieder zu erreichen, meinen Hof, und sei es mit Müh‘ und Not, muss mein Ziel sein, denke ich.

Und dabei fallen mir, „aufgefrischt (geboostet)“, wie ich seit gestern bin, schon wieder die Augen zu …

***

Das schönste Blau für meine Augen ist das Kornblumenblau und Kornblumen sind seit jeher meine Lieblingsblumen. Jene junge kanadische Künstlerin, die sich selbst „Blumengesicht“ nennt und von der ich hier schon Lieder geteilt habe, hat erst kürzlich ein Stück geschrieben, das „Kornblumenblau“ heißt. Ein Lied von ihr, das wieder sehr liebe, seine Melancholie, seine Poesie, seine traurige Schönheit …

Flower Face – „Cornflower Blue“

Tagebuchseite -956-

Wenn ich mal wieder freier würde,

… dann würde ich schreiben wollen, mehr schreiben, schreiben über Dinge, die inzwischen nahezu unbeachtet sind, über Themen, ganz andere, als die, die in aller Munde sind oder uns dort hineingelegt werden, über Menschen, die noch menschlich sind.

Schon längere Zeit bin ich nicht mehr frei genug und es fühlt sich nicht nur so an, dass der Raum fürs Frei sein immer kleiner wird, vor allem auch in mir drin.

Wer innerlich nicht frei genug ist, vermag nicht zu schreiben. Schreiben hat etwas mit Anspruch (womit ich gar nicht zuvorderst den an sich selbst meine) zu tun und mit Inspiration. In einer unfreien Umgebung ist es um beides schlecht bestellt.

Und jene Dinge, Themen und Menschen, über die ich schreiben würde, wenn ich denn könnte, werden unterdessen immer weniger.

Nie bin ich in einem Herbst so sehr und so unmittelbar mit Tod und Krankheit von mir lieben Menschen konfrontiert worden und nie waren etliche dieser Menschen etwa so alt wie ich oder gar jünger.  Nie hatte ein Herbst so viele graue und frustrierende Themen wie dieser, nie waren sie so präsent und alles andere erdrückend und verdrängend wie jetzt. – Und nie waren Menschen egoistischer und toxischer als jetzt, so sehr auf sich bedacht und von der eigenen Wichtigkeit und „Wahrheit“ besessen.

Nein, ich habe den Blick für die „kleinen, schönen Dinge“ nicht verloren. Aber sie werden immer kleiner, immer schwächer, können immer schwerer durchdringen durch all den Rauch, die Schwere und die Unfreundlichkeit. Nur ganz, ganz wenige sind noch beständig. Sie hüte ich und suche sie zu pflegen und zu bewahren.

Viel mehr aber sind Dinge, die einmal schön waren, die, wie ich meinte, zu mir gehörten, die sich nun von mir entfernen, die immer weniger sichtbar, hörbar und vor allem immer weniger erfahrbar werden. Dinge und Menschen auch. Menschen, die noch nicht gestorben sind, Menschen gar, denen ich ein besonders langes und glückliches Leben wünsche. Einem Menschen ganz besonders. Aber er geht dennoch. Immer noch einen Schritt weiter. Fort …

So vieles geht und ist wohl nicht mehr aufzuhalten. An seine Stelle treten Traurigkeit, Angst, Einsamkeit und Sehnsucht. Sehnsucht, die so groß ist und immer größer wird, so groß, bis es schließlich kranke Sehnsucht ist. Und krank machend. Weil sie unerfüllbar sein und bleiben wird.

Je länger ein Leben ist, desto unerfüllbarer werden die ihm innewohnenden Sehnsüchte.

*

Ich lese meine Zeilen noch einmal, Zeilen, die sich wie von selbst geschrieben haben.

Zeilen, die sich so schreiben, sind die ehrlichsten.

Ich lese sie also und bemerke die Dramatik, die ihnen innewohnt. Eine Dramatik, die ich ihnen nicht geben wollte, eine Dramatik, die sich auch von selbst in sie hineingeschrieben hat. Eine Dramatik, die mich ein bisschen erschauern lässt.

Aber je länger ich sie wirken lasse, desto weniger spüre ich sie. Sie geht auf in all den anderen Gefühlen, denen der Traurigkeit, der Angst, der Einsamkeit und der Sehnsucht. Sie kann mir nichts anhaben. Sie muss mir egal sein, damit sie mir nicht schadet. Ich muss mich mit ihr abfinden. Und ich muss lernen, mich mit jenen Gefühlen abzufinden, die mein Sein sind. So nehme ich sie denn an.

Denn ich bin zu klein und zu schwach, an dem etwas zu ändern, was ist und sein wird.

Es geht nur noch darum, nicht aufzugeben, trotz allem. – Welch bittere und „schützende“ Ironie:

Ich bin zu feige aufzugeben.

Und so lebe ich weiter und so schreibe ich weiter, weil ich nicht anders kann. Auch dann, wenn mein Leben und mein Schreiben vielleicht nie mehr etwas von dem erzählen werden, wovon ich eigentlich gern erzählen würde.

***

Ich habe erst kürzlich ein Lied von ‚Northern Lite‘ hier geteilt und das zum Anlass genommen, mich ein bisschen mehr mit der mir bis dahin unbekannten Band zu beschäftigen. Dabei bin ich in vielerlei Hinsicht fündig geworden, schätze die Akteure mittlerweile. Innehalten musste ich, als ich das folgende Lied hörte. Es „passt“ so unglaublich …

Northern Lite – „Bin ich nun“

Verse -94-

Ich habe schon manches Mal davon geschrieben, wann und wie mir Lieder begegnen. Häufig sind es Lieder, die ebenso wenig bekannt sind, wie diejenigen, die sie erdacht, komponiert, getextet haben und die sie schließlich zum Vortrage bringen und die dann nur von vergleichsweise wenigen Menschen gehört werden.

Ein solches Lied hat zuletzt meinen Weg gekreuzt. Es ist von Hedvig Charlotta Matilda Perers, einer in Malmö lebenden schwedischen Sängerin und Songschreiberin. Ihr Künstlername ist „Big Fox“ und es ist noch nicht lange her, dass ich erstmalig ein Lied hier in meinem Tagebuch geteilt habe.

Ich weiß inzwischen, dass Charlotta Perers schon länger musiziert und Lieder schreibt und ihr erstes Album bereits im Jahr 2011 erschienen ist. Kurz vor dem geplanten Erscheinen ihres Albums „See how the Light falls“ erkrankte sie schwer an Krebs.

Manches Lied, mancher Text des Albums, bekam für Charlotta selbst nach ihrer Genesung und der Veröffentlichung der Platte im Jahr 2020 noch einmal eine ganz andere, häufig tiefere Bedeutung.

Für mich das schönste Lied auf dem Album ist das, welches ich hier heute teile: Ich habe es schon beim ersten Hören geliebt, es hat meine Seele erfasst. Bei etwas lauterem Hören bekomme ich jedes Mal eine Gänsehaut, wohl auch, weil mir im Bewusstsein ist, dass die Sängerin und Schreiberin dieses Liedes, mit dem sie darum bittet, die Liebe einzulassen, so mutig und tapfer gegen einen heimtückischen Dämon gekämpft und ihn hoffentlich endgültig besiegt hat.

Das Lied hat mich zu folgenden Versen inspiriert:

An eine Sängerin (Für Charlotta)

Ich hör' ein Lied und seh' in Augen,
fühl' mich im Innersten berührt.
Du kennst mich nicht, ich kann nicht glauben,
wie du dich hast zu mir geführt.

So fein erreichst du meine Seele,
dass ich kann seh'n dein' Melodie
und hören dich von dir erzählen,
erspüren dein "Warum" und Wie".

So schenkst du sanft Vertrau'n und Nähe
auf jene rücksichtsvolle Weise
nach der ich oft so innig flehe
während meiner Lebensreise.

Ich dank' dir, ferne Sängerin,
für dieses schöne Zeichen,
verspreche dir: Auch fürderhin
versuch' ich dir zu gleichen.

***

Und hier ist es nun, dieses für mich so besondere, so besonders schöne Lied (das bislang von nur so wenigen Menschen gehört worden ist):

Big Fox  –  „Let Love In“

Tagebuchseite -955-

Gedanken über einen zwiespältigen „guten“ Glaubenssatz und die Crux vieler Depressiver

Ich hatte so einiges an Ideen, worüber ich schreiben wollte. Schon all die Tage vor diesem, dem heutigen. – Und nun schreibe ich nichts von alldem.

Es ist zu schwer und vor allem zu viel. Es passiert um mich herum, passiert auch mit mir, passiert mich in doppeldeutigem Sinn: Es braust an mir vorüber, mich mitreißend und lässt mich passiert zurück. Überfahren, zerquetscht. Passiert halt wie Tomaten in der Dose oder im Tetrapak, so finde ich mich immer wieder im Tetrapak, die meine Wohnung ist.

Ich passiere wohl auch irgendwie. Wie, das weiß ich nicht. Mich insoweit selbst einzuschätzen, habe ich kaum je vermocht und auch nie für besonders notwendig erachtet. Ich strenge mich an, zu genügen, nicht zu verletzen, etwas zu geben, was Mitmenschen nutzt, was ihnen bestenfalls guttut oder hilft. Ich versuche, ein bisschen Liebe zu sein.

In letzter Zeit wird mir das stärker und öfter schwer. Das hat mit dem zu tun, was passiert, wie es passiert und wie es mich passiert.

Es wird mir auch schwerer, mir selbst gegenüber.

Einer der „guten“ Glaubenssätze sagt, man solle (zunächst) sich selbst lieben, damit man die Welt lieben könne.

Ich habe eine Ahnung, dass bzw. inwieweit dieser Satz wahr ist. Aber wie wahr dieser und andere „gute“ Glaubenssätze tatsächlich werden können, hängt nie nur allein von der- oder demjenigen ab, an die/den sie gerichtet sind, von der oder dem, die sich solche Sätze vorlegen, sie sich zu eigen machen suchen.

Oft wird das unterstellt und damit auch, dass die- oder derjenige, für die oder den sie nichts oder kaum etwas bewirken, letztlich selbst schuld daran sei.

Man müsse nur wirklich WOLLEN! So „einfach“ ist das. Es sei schließlich vielfach bewiesen, dass psychische Erkrankungen, wie Depressionen, gut und erfolgreich behandelbar seien.

Dabei wird eines geflissentlich übersehen, nicht für so wahr genommen, wie es wirklich ist, oder gar ignoriert: Depressive Menschen sind oft sehr einsam, sehr allein. Selbst oder gerade dann, wenn sie sich unter vielen Menschen befinden. Dann oder aber nach solchen Situationen ist bzw. wird die Einsamkeit besonders bewusst. Andererseits ist es für viele depressive Menschen, vor allem dann, wenn ihnen auch eine ausgeprägte Sensibilität eigen ist, nicht möglich, sich „eben mal so“ oder auch mehrere Male zu öffnen gegenüber anderen Menschen.

Wer schon länger unter Depressionen leidet, weiß, wie schwer es für andere Menschen ist, diese Erkrankung zu verstehen. Eine Erkrankung zu verstehen, bedeutet weit mehr als Verständnis dafür aufzubringen. Und also ist es etwas sehr Kostbares und ebenso Notwendiges für eine depressiv erkrankte Person, Menschen zu begegnen, die VERSTEHEN. Kostbar nicht zuletzt deshalb, weil solches Verstehen verbunden mit einem Einlassen, dem Herstellen und Pflegen einer Beziehung zu einem/einer Depressiven, sehr viel abverlangt, von denjenigen, die sich einlassen.

Etliche Depressive wissen das und schämen sich dafür, so viel zu „fordern“. – Dabei fordern sie eigentlich nicht. Sie hoffen, sie bitten, sie wünschen … und wollen vor allem eines nicht: anderen Menschen Last sein oder werden.

Allerdings, und das ahnen sie wohl, sind genannte Bindungen ihre einzige Chance. Denn, dass es jemandem gelingen könne, sich selbst, allein, aus dem Sumpf zu befreien, ist schon bloß gedacht eine Lüge, ebenso, wie die Geschichte, die der Baron Münchhausen zu diesem Thema verkündet hat.

Mit dem „Liebe Dich selbst“ ist es also keineswegs getan. Die Liebe zu sich selbst, wenn sie denn noch gelingt, tut einsamen Menschen oft furchtbar weh. Weil sie eine zusätzliche Offenbarung des Alleinseins, der Einsamkeit, ist. Da ist sonst niemand (mehr) …

Sich selbst nicht abzulehnen, ist weniger ein „guter Glaubenssatz“ als ein letzter ideeller Strohhalm. Nach sich selbst zu greifen, ist die letzte Tat, die letzte Instanz.

Wer das versucht und auch dabei noch Liebe zu geben bestrebt ist, tut viel.

Mehr kann einer allein nicht.

Wer sagt oder unterstellt, dass so ein Mensch nicht genug Willen aufbringt, zu leben „wie andere auch“, der tut ihm unsagbar weh.

***

Sam Himself stammt aus Basel in der Schweiz. Sich selbst bezeichnet er „als Fondue-Western Künstler“, was vielleicht sowohl auf seine Wahlheimat USA als auch auf seine etwas exzentrische Aura zurückgeht. Seine Musik ist eher sanft, melodiös aber auch rhythmisch – gut zu hörender Indie-Pop im besten Sinne. Das Lied, das ich hier teile, stammt von seinem Debütalbum, das in diesem Jahr erschienen ist. Den Text des Liedes zu erschließen, fiel mir ziemlich schwer (mein Englisch ist nicht mal Mittelklasse). Was mir der Onlineübersetzer präsentierte, hat mich freilich ganz schön auf Gedankenreisen geschickt.

Sam Himself – „Nothing like the night“

Tagebuchseite -954-

Von Liedern, die verstehen, und einem ganz langen Herbst

Ich höre ein Lied und ich sehe immer wieder in die dunklen Augen der jungen Frau, die es singt. Ich höre sie und sehe ihre Augen sprechen, mehr noch als die Worte sagen, die die Melodie ihres Liedes begleiten.

Sie singt das Lied schon seit mehr als drei Jahren. Ich frage mich, wie es sein kann, dass es mir so vorkommt, als hätte sie damals schon gewusst von mir. Von dem, was gerade in mir ist, dem, was ich empfinde. Jetzt.

Bei fast allen Liedern, die in irgendeiner Art ein bisschen „verwandt“ sind mit jenem Lied der jungen Frau, fühle ich so. So, als wenn es Menschen gäbe, die es schon immer gewusst haben, wie es sein würde in meinem Leben heute, wie es war, gestern.

Ich fühle mich verstanden von diesen Menschen und ihren Liedern, obwohl ich ihnen nie begegnet bin und nie begegnen werde. Dieses Gefühl ist ein schönes: Verstanden werden. Und es ist groß, wahrhaft groß. Ein größeres schönes Gefühl kann es für mich nicht mehr geben. Das weiß ich seit gestern.

Und bestenfalls wird es das einzige bleiben während der Zeit, die mir noch bleibt. Auch das weiß ich seit gestern.

Und, weil das so ist, habe ich nunmehr begonnen, ganz zaghaft erst, weil diese Beschäftigung schon eine etwas verstörende ist, Gedanken zu finden und zu ordnen, die mir erzählen, weshalb sich künftig mein Leben noch lohnen könnte. Und zwar für mich, mich ganz allein. Buchstäblich. Und unabhängig, losgelöst, von irgendwelchen Wünschen oder Fantasien. Allein fokussiert auf das und ausgehend von dem, was ist: Realität. Meine Realität, wie ich sie mir seit gestern wohl vorstellen muss. Mit altem und neuem Wissen und dem, was ich (noch) nicht weiß, aber ahne und befürchte und einkalkulieren muss, realistisch.

Dieser Herbst ist der schlimmste meines bisherigen Lebens. Und es fühlt sich ungeheuer wahr an, dass er weit länger währen wird als eine Jahreszeit und, dass es dann nur noch Winter wird, für mich.

*

Da ist noch einmal das Lied. Ich höre es wieder, höre es, nur noch viel, viel lauter …

***

Jenes Lied habe ich schon einmal geteilt hier in meinem Blogtagebuch, vor gut zwei Jahren. Ich weiß inzwischen, weshalb es mir so schien, dass Clara Louise, die es geschrieben hat und singt, mich verstanden hat. Und seitdem ich das weiß, schätze ich ihre Musik, vor allem aber auch ihre Gedichte noch mehr und auf ganz andere Weise als zuvor. – Und hier ist nun das besagte Lied noch einmal:

Clara Lousie – „Montag“

Tagebuchseite -953-

Von meinem Platz in Marias Küche

Maria sitzt in der karg möblierten Küche an dem abgenutzten Tisch und macht ihre Hausaufgaben. Ihre Kleidung ist abgetragen, ihre Schuhe die einer alten Frau. Die Mutter hat sie von einer Dame als Geschenk bekommen und Maria überlassen, als deren Schuhe völlig verschlissen waren. Maria mag die Schuhe nicht. Sie sehen aus wie alte Schuhe einer alten Frau.

Das kleine Fenster zum Hof ist etwas beschlagen von der nassen Kühle draußen und der sich langsam ausbreitenden Wärme, die hinten vom Herd kommt. Maria hat ihn aus klammen Händen gefüttert, mit ein paar Holzspänen und etwas Schlackekohle, bevor sie zu schreiben begann.

Ich setze mich zu Maria. Ihre Schularbeiten sind fertig und nun schweifen ihre Gedanken, greifen auf, was heute um sie herum und mit ihr selbst geschehen ist. Und in ihr sind viel mehr Fragen als Antworten.

Ich begleite Marias Gedanken, die sehr tiefgehende sind für ein Mädchen in ihrem Alter und ich bemerke, dass viele ihrer Fragen auch meine Fragen sind und auch ich keine Antwort weiß.

Was und wie sehr kann oder muss ich glauben? Glauben hat so sehr mit Vertrauen zu tun. Kann ich vertrauen?  Und wem? Der Lehrerin in der Schule, dem Bruder zu Hause? Beide denken und reden ganz verschieden.

Maria hat einen Bruder an den Tod verloren, ich meinen Vater. Das ist auf völlig unterschiedliche Weise geschehen. Aber es hat mit uns beiden etwas gemacht, es spielt eine Rolle in unserem weiteren Leben.

Maria sucht einen Platz in der Welt, ihren Platz. Der, den sie gerade innehat, ist kein schöner, es ist der eines harten und entbehrungsreichen Lebens, das sie tapfer lebt und in dem sie fleißig lernt. Sie hat Träume und sie sucht nach Menschen, die sie als Freundinnen oder Freunde darin begleiten. Oder vielleicht eines Tages in ein anderes, besseres Leben? – Was für eine Zukunft wird sie haben?

Ich besuche Maria seit ein paar Tagen, oft nur für wenige Minuten. Besuche sie in der ungarischen Stadt, in ihrer Straße, in der vor allem arme, arbeitende Menschen leben oder solche, die selbst ihre Arbeit schon hergeben mussten.

Ob Maria dort wirklich je gelebt hat, weiß ich nicht. Ich weiß nicht einmal, ob Maria je tatsächlich gelebt hat, oder ob ihre Geburt, ihr Leben, ihre Gedankenreisen, lediglich in der Fantasie jener Frau stattgefunden haben, die sie zur Hauptgestalt gemacht hat in jenem Buch, das ich gerade lese. Aber das ist nicht wichtig für mich. Für mich hat sie gelebt, für mich lebt Maria.

Um mich herum, in meinem wirklichen Leben, und ganz unmittelbar sind nahezu täglich etliche Kinder in Marias Alter. Ich weiß, dass viele ihrer Gedanken und Fragen denen von Maria ähneln. Obgleich alle diese Kinder in ungleich besseren, gesicherteren, behüteteren Verhältnissen leben, als das ungarische Mädchen, und obwohl die Zeit mittlerweile gute einhundert Jahre zurückgelegt hat.

Ich weiche den Gedanken der Kinder von heute nicht aus, ganz im Gegenteil, ich stelle mich ihnen jeden Tag, strenge mich an, bei der Suche nach Antworten und umsetzbaren Visionen behilflich zu sein.

Die Zeit heute ist eine ganz andere und ist es doch auch nicht.

Maria ist an der Spanischen Grippe erkrankt und hat wochenlang um ihr junges Leben kämpfen müssen. Bei uns grassieren Coronaviren und raffen Leben dahin. Der eine Bruder von Maria ist im Krieg geblieben. An unsere Grenzen klopfen heute Flüchtlinge, die vor Kriegen fliehen, in denen Brüder sterben. In Marias Land haben sich Menschen getroffen, um aufzustehen gegen Kriege, gegen Armut, gegen die Übermacht des Geldes. Heute demonstrieren vor allem junge Leute für Frieden, den Erhalt unseres Planeten und die Überwindung des Hungers.

Dinge, Geschichten, Entwicklungen und Menschen wiederholen sich. Und wiederholen sich doch nicht.

Vor allem die Dimensionen, das Tempo, die Komplexität von allem sind ganz andere.

Für mich sind sie mehr und mehr zu groß, zu schnell, zu unüberschaubar geworden.

Nicht zuletzt deshalb setze ich mich, so oft es mir möglich ist, zu Maria in die Küche, gehe mit ihr ein Stück ihres Schulwegs oder begleite sie in eine Kirche. Der Gedanke, dass auch mein Vater und wahrscheinlich auch eine liebe Großtante, bei der ich in eigenen frühen Kindertagen mal eine Ferienzeit verbracht habe, schon in jener Küche verweilten und durch die Straßen jener ungarischen Stadt gegangen und Maria begegnet sind, ist dabei ein zusätzlich motivierender und schöner.

In dem Buch, in dem Maria lebt, kann ich hören und zuhören, die Zeit dort erspüren und Leben und Gedanken empfinden, wie sie Maria lebt und denkt und die Menschen, die mit ihr dort leben in dieser, ihrer Zeit. Ich kann hören und zuhören, denken und sinnen, ohne, dass ich sogleich gefragt, gefordert und überfordert werde, kann meine eigenen Gedanken und Fragen sortieren. Und ich habe, vielleicht ist das seltsam, jedes Mal das Gefühl, dass auch ich gehört, auch mir zugehört worden ist, dem, was meine Seele ist. Wenigstens ein bisschen.

In meinem wirklichen Leben empfinde ich das immer seltener. Und darum zu bitten, danach zu verlangen, das ist mir mit den Jahren immer peinlicher geworden und mir kommt auch allmählich die Kraft dafür abhanden.

Vielleicht werden deshalb Bücher immer noch mehr Heimat für mich.

***

Gracie Abrams ist 21 Jahre jung und steht noch am Beginn ihres Weges als Sängerin und Songschreiberin. Sie ist Amerikanerin und hat gerade ihre erste EP veröffentlicht. Beschrieben wird sie als eine ebenso offene wie grundehrlich junge Frau.

Es ist eine ganz besondere Art von Liebe, die Gracie Abrams in ihrem neuen Song „Feels Like“ einfängt: Bedingungslos, unkompliziert, unersetzbar – ein Gefühl, wie man es nur in den besten Freundschaften findet. Inspiriert wurde die Songwriterin von der Freundschaft mit ihrer besten Freundin … (Quellen: https://www.gracie-abrams.de/ ; https://www.universal-music.de/gracie-abrams/biografie)

Gracie Abrams – „Feels like“

Tagebuchseite -952-

Böenangst

Herbstwind zieht durch die Straßen, über das Meer und die Felder, treibt welkes Laub vor sich her und ist und bleibt vor allem eines: unberechenbar.

Er ist in mich eingezogen, der unberechenbare Herbstwind, und in das, was meine Straßen, Meere und Felder sind. Immer wenn ich denke, einen Augenblick verweilen, innehalten zu können, mich zu erden, ist er mit einer neuen Böe da. Welkes Laub weht über das, was wichtig werden wollte, sollte und vielleicht müsste und ein kalter Regenschauer klebt es darauf fest.

Jetzt, wo der Herbst seine Farben verliert, braucht es Momente, um ihn sich schön zu denken, um ihn als schön fühlen zu können. Alle Spätzchen dieser Welt strengen sich an, mir dabei zu helfen. Und ich versuche, nicht nur auf mich fokussiert zu sein, denn ich bin keine gute Gesellschaft in diesen Zeiten. Besonders für mich nicht.

Vor allem und allen anderen kann man sich maskieren. Nicht aber vor sich selbst. Den Gedanken, dass man sich selbst belügen könne, habe ich nie verstanden.

Mein Vater fehlt mir. Er fehlt mir so sehr. Seine Stimme, unsere Gespräche. Seine Augen, sein Lächeln. Seine Gedanken, seine Begleitung. Er ist bei mir, in mir, ganz nah. Er hat ein Zimmer in meinem Herzen, ich sehe, dass und wie er dort wohnt. Und doch ist er so, so weit … – ich kann ihn nicht umarmen, nicht über seine Schulter streichen, seine Hand nehmen. Alles ist unerreichbar. Vom  ersten vorherbstlichen Wind fortgeweht.

Seit er nicht mehr hier ist, habe ich nur Bücher gelesen, die bei ihm gewohnt haben. Sie hatten es gut bei ihm, richtig gut. Jeder, der bei ihm war, hatte es richtig gut.

Nehme ich eines dieser Bücher in meine Hände, dann ist es, als würde ich meinen Vater berühren. Ich bebe dann immer ein bisschen, innerlich. Und schlage ich so ein Buch auf, so duftet es immer ein wenig, wie bei ihm zu Hause. Es ist der Geruch, der seinem Bücherschrank sacht entströmte, wenn er eine Tür desselben geöffnet hatte.

Ich versuche, jeden Tag zu lesen, ein bisschen wenigstens. Oft schaffe ich nur ganz wenige Seiten, mitunter verstreichen auch ein oder ein paar Tage, ohne dass ich ein Buch öffnen konnte. – Dann hatte der Herbstwind wieder eine Böe geschickt, ein etwas längeres Verweilen, Innehalten, Erden, verhindernd.

Manchmal habe ich die Ahnung, dass die Böen bleiben werden, auch dann, wenn Herbst und Winter vorüber sind. Im Grunde genommen weiß ich es. Denn sie sind schon lange da und seit ein paar Jahren nehme ich sie tatsächlich als das wahr, was sie sind. Vorher habe ich versucht, mich vor ihnen zu maskieren. Das gelingt mir nicht mehr. Und es macht eh‘ keinen Sinn, nie hat es Sinn gemacht. Denn sie sind schneller als ich. Ich kann nicht vor ihnen davonlaufen.

Mir fehlt auch anderes, andere Dinge, andere Menschen. Mit jenen Menschen ist das seltsam. Ich  denke, dass sie mir deshalb so besonders fehlen, weil ich täglich von ganz vielen Menschen umgeben bin. Und ganz viele ähneln dem Herbstwind …

Ich will nicht klagen, schon gar nicht hörbar. Deshalb schreibe ich diesen Text. Ich mag nicht klagen und ich mag mich nicht, wenn ich klage. Ich mag schreiben, und mag mich, wenn ich schreibe.

Mein Vater mochte das auch.

Ich habe Angst vor der nächsten Böe …

***

Julia Engelmann gehört für mich zu jenen Künstlerinnen und Künstlern in unserem Land, an denen sich meiner Ansicht nach zu Unrecht allzu oft die Geister scheiden. Für meinen Teil mag und schätze ich ihre wortgewandte, oft Zuversicht verbreitende, bisweilen hinterfragende und nahezu immer originelle Art ihrer Texte und ihrer Songs. Ein sehr schönes Beispiel ist ihr erfrischendes Lied vom Modelmädchen, das sie nicht ist.

Julia Engelmann – „Kein Modelmädchen“

Tagebuchseite -951-

Drinnen die Stille und draußen die Einsamkeit

Die Zeiten, zu denen ich mich auf ein verlängertes Wochenende wirklich freuen kann, sind sehr selten geworden.

Mein Wochenende ist nicht wegen Allerheiligen länger, diesen Feiertag gibt es hier nicht, sondern weil zwei feststehende bewegliche Ferientage (diese Wortschöpfung ist die offizielle unseres Bildungsministeriums, längeres Nachdenken darüber macht nur wirr und führt zu keinem Ergebnis) nach dem Sonntag folgen.

Woran ich schon seit geraumer Zeit nichts ändern kann, ist, dass ich wirklich viel Wochenendzeit für die Vorbereitung auf mein berufliches Tun während des Alltags verwenden muss. So bleibt grundsätzlich nur wenig tatsächliche Freizeit übrig. Diesmal, wegen der zwei Tage mehr, konnte ich mir mein Pensum an Arbeit ein bisschen aufteilen. Aber wie so oft war auch diesmal niemand da, mit dem ich die so gewonnene Zeit hätte teilen können.

An sich kann ich ganz gut allein sein. Wenigstens, wenn ich nicht zu erschöpft bin, etwa zum Lesen oder Schreiben. Ich bin stets wissbegierig und mag Inspirationen nachgehen. Auch meinem Interesse für Musik lasse ich gern einen angemessenen Lauf. Manchmal, obwohl mir das nach wie vor schwerfällt, versuche ich mir zusätzlich etwas Gutes zu tun – ein schönes Stück Kuchen kaufen, einen guten Tee bereiten, besonders bewusst zu frühstücken bzw. überhaupt zu essen, einen besonderen Film anschauen, den sonst wohl kaum jemand gucken würde oder Ähnliches. Irgendwann wollte und würde ich auch immer noch mit dem Kalligraphieren beginnen wollen und meine Aphorismensammlung  wartet schon monatelang auf weitere handschriftliche Ergänzung.

Was mich allerdings nach wie vor und immer wieder nervös werden lässt, ist die Stille, die zwischendurch so laut wird, dass sie mich Irritation, Unwohlsein, auch so etwas wie eine unbestimmte Angst, spüren lässt. Ich höre nur meinen eigenen Atem …  Wird diese Stille zwischenzeitlich durch Geräusche der Nachbarn übertönt, wird das unangenehme Gefühl manchmal zur Panik.

Immer wieder versuche ich dann und überhaupt, nach draußen zu gehen. Ich mag die frische Luft und ich mag vor allem die Natur. Letztere ist in ihrer ursprünglichen Form allerdings für mich allein nur bedingt zu erreichen, weil ich außer zu Fuß und mit dem Fahrrad selbst nicht mobil bin.

Am letzten Sonnabend wollte ich am Nachmittag der Stille ein bisschen entfliehen und machte mich auf in die Innenstadt, um ein paar Drogerieartikel zu besorgen. Zu Fuß, durch die kleine Wiesen- und Moorfläche, die meinen Stadtteil vom Zentrum unseres Ortes trennt. Ich bummelte, nachdem ich den Einkauf erledigt hatte, noch ein bisschen in der Fußgängerzone herum und betrat auch noch zwei größere Geschäfte, in denen ich mir aber sogleich wieder so fremd vorkam wie vor wenigen Wochen, als ich mich in Berlin in einem großen Einkaufscenter verlor.

So lenkte ich meine Schritte in Richtung des Alten Hafens. Das ist ein sehr schöner Ort in meiner Stadt. Es riecht nach Wasser dort, auf ganz spezielle Weise, und ein bisschen nach Räucherfisch. An der nördlichen Hafenkante kann man in die Bucht hineinschauen, die aufs offene Meer führt. – Ich stand dort eine ganze Weile, schaute Lichter und Weite und atmete bewusst die frische Luft.

Hier, wie schon in der Stadt, waren Menschen um mich herum. Ich nahm wahr, dass sie da waren, aber es fühlte sich an, als wären sie alle Phantome. Trugbilder, die miteinander sprachen, aber nicht mit mir, die über etwas sprachen, nichts, was mich betraf. – Ich bekam große Sehnsucht danach, irgendein vertrautes, freundliches Gesicht zu erspähen, eine bekannte, sympathische Stimme zu hören. Aber ich sah keines und ich hörte nichts. Und so wuchs in mir, zwischen all den Menschen seiend, das Gefühl und Bewusstsein von Einsamkeit.

Das passiert mir jetzt oft, wenn ich draußen bin. Vor allem dann, wenn da auch Menschen sind. Und deshalb sind etliche meiner derartigen Ausflüge keine mehr, die mir guttun. Ganz im Gegenteil. – Deshalb zögere ich in letzter Zeit häufiger, überhaupt nach draußen zu gehen …

Meine Füße begannen allmählich zu schmerzen, als ich den Heimweg angetreten hatte. Die Fischkutter, von denen aus an Passanten Fisch verkauft wird, machten ihre Schotten schon dicht. Mir fiel ein, dass es ein Stückchen weiter noch diesen großen Fischladen mit Imbiss und Restaurant gibt, der noch geöffnet sein sollte. – Ich hatte nun doch noch ein kleines Ziel: den Erwerb eines geräucherten Rollmopses – ich hatte plötzlich Appetit darauf bekommen und hoffte insgeheim, dass mir mein Abendbrot, vielleicht ein bisschen besser schmecken könnte.

Die junge Verkäuferin fragte mich, ob ich noch etwas kaufen möchte. Als ich bemerkte, dass dieser eine Fisch für mich allein eigentlich schon zu groß wäre, lächelte sie und wünschte mir, dass er mir schmecken möge.

Ich dachte daran und an ihr Lächeln als ich später allein am Tisch beim Essen saß. Meine Seele hatte beides, den freundlichen Wunsch und das Geschenk jenes Lächelns, wohl behutsam mitgenommen aus der Einsamkeit da draußen in die Stille hier drinnen.

An diesem verlängerten Wochenende …

***

Northern Lite gibt es schon seit 1997. Die Band ist in Erfurt zu Hause und mir zuletzt rein zufällig mit einem kurzen, eingängigen, aber durchaus nachdenklichen und nachdenklich machenden Lied begegnet. (Eines der offenbar nicht so zahlreichen, das diese Band auf Deutsch singt.) Ich möchte es gern hier vorstellen, abgesehen davon, dass es mir Anlass sein wird, mich nun mal etwas genauer mit „Northern Lite“ zu beschäftigen.

Northern Lite – „Ich fürchte nein“

Tagebuchseite -950-

Gedankensequenzen dieses zum Samstag gewordenen Freitagabends

Auch in eurem Leben gibt es nicht nur goldene Tage. Doch immer wieder kann ich sehen, hören und erfahren von solchen Tagen eures Daseins, und das schenkt mir Freude.

Ich sehe dich durch Bergwelten wandern, dabei Rast machen auf einem Felsen mit einem Buch in der Hand. Wenn sich dein Blick von den Seiten hebt, schaut er ein wundervolles Panorama majestätischer Natur. Hier bist du zu Hause. Und am Abend kündet ein kleines warmes Licht, das aus deiner Wohnung scheint, davon, dass du zwischen den Zeilen deines Buches noch ein Stückchen weiter wanderst.

Und dich sehe ich in den Gassen einer verzaubernden alten Stadt. Deine Füße tragen dich wie von allein an Orte, die nur Menschen mit besonders wachen Augen zu entdecken vermögen. Du machst Skizzen von Häusern, Bäumen, Türen, Fenstern, Parks und Blumen und von einer alten Frau, deren Gesicht Geschichten, die ein dickes Buch zu füllen imstande wären, erzählt.

Ihr beide werdet euch nie begegnen und doch seid ihr euch so nah.

Und dann bist da du, heute unter Menschen, gerade so vielen, dass du dich unter ihnen wohl zu fühlen vermagst. Dein Gesicht strahlt und deine Seele. Du hast dich mit dem belohnt, was du am liebsten tust. Und das ist etwas, mit dem du anderen Menschen Freude schenkst, und ein Stück von dir. Es ist das erste Mal, dass du gelesen werden kannst im ganzen Land. Du siehst glücklich aus. Und wenn sich der Abend zur Nacht neigt, wirst du hoffentlich von deinem Liebsten ganz besonders fest in den Arm genommen.

*

Meine Playlist von heute Abend ist eine, die ich nicht oft höre. Ihre Melodien und die Texte dazu klingen in deutscher Sprache, sie sind voller Sehnsucht und Melancholie. Ich bin wie sie. Ihr Stimme, ihr Klang, ihr Gefühl. Und ich möchte sie euch schenken.

Sie sollen die Bergwelten werden, die ich nicht mehr sehen werde, die Gassen, Bäume und Gesichter, die zu weit sind, als dass ich sie noch erreichen könnte und all die vielen Bücher, die ich nicht mehr zu lesen vermag. Ihr sollt sie haben. Damit viele und noch mehr Tage für euch goldene Tage sein mögen.

*

Ich blättere durch das Kontaktverzeichnis meines Mobiltelefons und bemerke, nicht zum ersten Mal, wie viele Nummern darin stehen, die nur noch Nummern sind. Einige waren nie viel mehr als Ausdruck eines bestenfalls zweiseitigen Wunsches, eine Verbindung, ursprünglich womöglich flüchtig oder zufällig entstanden, zu erhalten. Andere sind schon lange schweigende Zeugen von Begegnungen oder gar Freundschaften, die sich irgendwann irgendwie verloren haben.

Als ich bei den Nummern meines Vaters angelangt bin, spüre ich, wie sehr ich Angst vor weiteren Verlusten, vor weiterem Verlieren habe. Dich, dich und vor allem dich irgendwann auch zu verlieren. Das Leben geht so seine Wege und so manches Mal lässt es einen einfach zurück, ohne dass man das zu beeinflussen imstande ist.

Auf die eine Nummer meines Vaters schaue ich besonders lange. Ich habe sie immer einmal wieder anrufen wollen in der letzten Zeit. Ungeachtet meines Wissens, dass sich die vertraute Stimme nie mehr melden wird. Es gibt Wissen, das grausam ist. Und dieses lässt mich, wenn es in mein Bewusstsein dringt, unglaublich frieren, mich sehr allein fühlen. Es dringt sehr oft in mein Bewusstsein.

Immer mal wieder kommt mir der Gedanke, dass das vielleicht anders, besser, leichter würde, wenn ich diese Nummer und die anderen (endlich) löschen würde, weil ich sie dann immerhin nicht mehr sehen könnte.

Aber das fühlt sich schon bei der bloßen Vorstellung so an, als würde ich noch das allerletzte „Lebens“zeichen löschen. Ich kann, ich schaffe das nicht …

*

Die verfließende Woche spielt ihren Film vor meinem geistigen Auge ab. Zwei, drei kleine Szenen kommen darin vor, die schön sind und eine, die mich zutiefst angerührt hat. Das war heute. Ich werde traurig darüber, weil dieses so sehr tiefe angerührt sein auch damit zu tun hat, dass ich wenige Tage zuvor eine langwierig heraufgezogene Kälte wieder einmal besonders heftig zu spüren bekam.

Wem es so kalt ist und für wen es so  bleibt, dem werden goldene Tage zum Phantom. Es bleiben allenfalls noch eine paar goldene Szenen während langer Filme, die niemand wirklich sehen will.

So freue ich mich um so mehr eurer goldenen Tage, von ganzem Herzen.

Sie sind goldene Szenen für mich …

***

Ich denke an meinen Vater …

Sotiria – „Ich lass dich frei“

Sammelsurium -123- (Sechs Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Mit etwas Erstaunen habe ich bemerkt, dass dieses hier erst das vierte „Sammelsurium“ ist, das ich in diesem Jahr in mein Blogtagebuch schreibe.

Was ist das für ein Jahr, das selbst die kleinen Sentenzen verschluckt, die ich doch immer in meinem Kopf trage, die schnell geborenen Gedanken, die ich weiterdenken möchte, die kurzen Texte, die aus der Situation heraus entstehen? Was ist das für eine Zeit, die mich so ruhelos sein lässt, dass ich am Ende selbst der Wind bin, der das zerstäubt, was ich doch gern geschrieben festhalten möchte?

Immerhin: Hier und heute sind wieder ein paar Sprüchlein aus der Werkstatt, die den Orbit meiner Gedanken pflastert, und auch eine kleine Episode, die erst heute geschah:

Die viel lesen werden nur von jenen verstanden, die viel lesen.

*

Von Geschlechterrollen zu sprechen ist Grundform und Ausdruck von Diskriminierung.

*

Wahre Schönheit ist nicht an das oder die Moderne gebunden. Ihre Eigenschaft steht über aller Zeit und über jedem Urteil. Und sie ist ausschließlich durch Fühlen erkenn- und erfahrbar.

*

Der Hohlraum der Dummheit ist und bleibt größer als der aller Bücherschränke zusammengenommen.

*

Eine Farbe mag bezogen auf einen Menschen ein Adjektiv sein, niemals aber ein Eigenschaftswort.

*

Eine Zeit, in der zeitlose Schönheit verkannt, geopfert oder vergessen wird, führt in eine düstere und arme Zukunft. Fatalerweise unbemerkt und ignoriert von jenen, die verkennen, opfern, vergessen, die freilich ach so viele sind …

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Schnipsel (21)

Sie ist stiller als sonst. Und ihr gelingt nicht mehr alles, so, wie es ihre Umwelt gewohnt ist von ihr. Sie verlässt Räume öfter und scheinbar unvermittelt, die sie sonst nicht verlassen hat. Sie kann nicht anders.

Sie, die obwohl so jung an Jahren, immer so organisiert die Tage ihres Lebens angeht und meistert, die sich engagiert und motiviert ist, die so gern lacht und immer einen Blick für andere Menschen hat, immer wieder auch für jene, denen es nicht so gut geht.

Sie, deren Interessen vielfältig sind und deren Sprache in geschriebenen Lettern eine so schöne ist, wie nur ganz wenige Menschen ihres jungen Alters sie ihr Eigen nennen können.

Ja, sie ist stiller als gewöhnlich, scheint manchmal nicht dort zu sein, wo sie gerade steht oder sitzt. Es fällt ihr plötzlich schwer, sich zu konzentrieren und ihr unterlaufen Fehler, die so wirken, als wären sie nicht ihr unterlaufen.

Als ich sie heute vorsichtig ansprach, dass es ihr doch wohl gerade nicht so gut gehe, nickte sie und sprach leise: „Ja, das stimmt.“ Ich sagte ihr, dass ich das irgendwie gespürt habe, während der letzten Tage. Denn wir sehen uns jeden Tag, haben miteinander zu tun, meistens mehrere Stunden lang. In der Schule, wo sie eine Schülerin der Klasse ist, deren Lehrer ich bin.

Aus meinem Empfinden geboren, eine Frage in ihren Augen geschrieben stehen zu sehen, sagte ich, dass ich da wäre, um zuzuhören, wenn sie das möchte, da wäre, dem, was ihr die Zeit gerade so schwer mache, Beachtung zu schenken, besonders rücksichtsvoll zu sein und all dies vertraulich zu tun.

Sie schaute mich an, ihre Augen wurden größer, währenddessen das Fragezeichen aus ihrem Blick verschwand, und ich hörte nach einer kleinen Pause ein leises „Dankeschön“ aus ihrem Mund, das wie ein Seufzer klang, ein Seufzer der Erleichterung. Ein Seufzer, der mehr sagte, als jede Antwort hätte sagen können auf jede weitere Frage.

Und so fragte ich nicht weiter. Und es war in Ordnung so.

Für heute war alles gesagt.

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„Die Veröffentlichung des Albums „See How The Light Falls“ der Künstlerin Big Fox war ursprünglich für Mai 2018 angedacht. Wenige Wochen vor diesem Termin erhielt die Sängerin Charlotta Perers jedoch eine Krebsdiagnose, woraufhin die musikalische Aktivität zweitrangig und die Veröffentlichung auf unbestimmte Zeit zurückgehalten wurde. …

Charlotta hat die Krankheit mittlerweile glücklicherweise besiegen können und sich dazu entschlossen, ihr Album im März 2020 herauszubringen. …

‚See How the Light Falls‘ zeigt eine musikalische Weiterentwicklung Charlotta Perers‘, welche stimmlich im Kosmos von Cat Power anzusiedeln ist. Der in Schweden sehr renommierte Produzent Tom Malmros … hat Big Fox geholfen, aus der Schublade des charmanten Frauenpop zu entwachsen.“  (Quelle: https://backseat-pr.de/artists/big-fox)

Hier ein besonders schönes Lied aus dem Album:

Big Fox – „Beast“

Tagebuchseite -949-

Die „richtige“ Größe der Welt

Es sind nicht nur die Nachrichten der letzten Monate, Wochen und Tage, die mir immer wieder vor Augen führen, dass mir so vieles inzwischen zu viel, zu unüberschaubar, zu groß, zu komplex geworden ist. So sehr, dass es mir scheint, nicht mehr ansatzweise imstande zu sein, dem folgen zu können, was die Welt ist, was sie ausmacht, ihren vielen Menschen, den unzähligen Geschehnissen, dem sich immer weiter potenzierenden Wissen.

Ich weiß, dass ich das nicht kann und auch nicht muss. Dennoch übt diese Größe, diese Vielfalt und Unermesslichkeit eine große Faszination auf mich aus. Ich möchte erkennen, ich möchte wissen, ich möchte verstehen, in Diskurse treten, um Inspiration zu erfahren, die mich weiter treibt, mich motiviert. Besonders spüre ich das immer dann, wenn ich in einer bestimmten sehr großen Stadt bin und mich mit jenen Menschen treffen kann, mit denen es stets so bereichernd ist, zu sprechen.

Die Welt, die eigentlich meine ist, die, in der ich lebe und arbeite, ist eine viel kleinere Welt, ein Winzling geradezu. Ihr Kosmos bleibt übersichtlich, obgleich auch er vielfältig ist und brodelt, ich in ihm immer wieder so vielen Ansprüchen und Erfordernissen zu Veränderungen ausgesetzt bin, dass ich es selbst in seinem kleinen Rahmen oft kaum zu verkraften vermag. Ich habe schon in ihr mit viel, viel mehr Menschen zu tun, als genug wären, um ihnen angemessen Genüge zu tun. Viele Entscheidungen habe ich in meiner kleinen Welt zu treffen, darunter oft bedeutende, wichtige, das Leben anderer Menschen beeinflussende. Nur selten, sehr selten ist es eine Welt der Geborgenheit.

Geborgenheit aber ist mir sehr wichtig.

Da ist immer wieder Sehnsucht in mir, nach der großen Welt, die zu viel, zu groß, zu unüberschaubar ist. Woher kommt das? Glaube ich, hoffe ich gar, ausgerechnet in jener großen Welt Geborgenheit zu finden, die mir so wichtig, die für mich so notwendig ist?

Ich, der ich so starke und komplexe Ängste in mir trage, dass ich längst kein Flugzeug mehr besteigen kann und jede auch nur kleine Reise, selbst in bekannte Gefilde, eine nicht unerhebliche Herausforderung ist. Ich fürchte mich vor Wellen und Höhen, vor zu vielen Menschen und vor Enge, ich werde ganz still, wenn es irgendwo ein bisschen lauter wird. Ich scheue mich vor Erwartungen anderer, weil ich immer glaube zu versagen und ich halte es nicht aus als der gesehen und landläufig so beurteilt zu werden, wie der, der ich rein biologisch betrachtet, nun einmal bin. Die Angst vor dem Klischee, das ich bitteschön sein bzw. dem ich doch der „Normalität“ gehorchend entsprechen soll, ist eine meiner größten.

Kaum jemand versteht, wie sehr dieses Klischee um mich herum schlottert, so sehr, dass ich darin buchstäblich verschwinde, zum NICHTS werde. So fühlt es sich jedenfalls an für mich. Und das bewirken Menschen.

Die Gefahr auf solche Art und Weise in der großen Welt verloren zu gehen, ist also wohl besonders wahrscheinlich.

Oder auch nicht?

Die Sehnsucht jedenfalls ist und bleibt. Nach der großen Welt und nach Geborgenheit.

Ich habe gefunden, dass Erkenntnis und Wissen, dass Begegnungen und Diskurse nicht nur Inspiration verleihen, sondern dass sie mir Geborgenheit vermitteln, weil mir Inspiration Geborgenheit schenkt.

Wenn ich zum Beispiel von Inspiration angeregt und getragen zu schreiben vermag, fühle ich mich wie in eine Decke eingehüllt, fühle ich mich zu Hause.

Wenn nur die große Welt nicht so laut, so komplex, so unüberschaubar wäre, wenn mir nicht meine vielen Ängste und mancher Zwang, den der Alltag mir auferlegt, im Wege stünden!

So wie die Dinge aber nun einmal liegen, sind meine Reisen in die große Welt recht beschwerlich und sie erfordern besondere Fantasie, Wege zu erschließen, die mich schließlich doch das eine oder andere Mal wenigstens ein Stück in sie hinein führen.

Ein Weg ist der mit und durch Bücher.

Bücher nehmen mich mit an andere Orte, in andere Zeiten, zu anderen Menschen ohne selbst reisen zu müssen. Ich darf die Welt, die sie mir eröffnen, spüren, mir eine Meinung dazu bilden, sie hinterfragen. Ich vermag Beweggründe für das Denken und Handeln von Menschen in Situationen zu erfahren, die ich in meiner kleinen Welt nicht zu erleben in der Lage bin. Und ich kann und darf über meine dabei erlebten Empfindungen, über die gemachten Erfahrungen mit anderen Menschen in Austausch treten.

Ebenso ist das mit Wegen, mit und durch die Musik, mit und durch Fotografien oder Gemälde, mit und durch die Natur.

Ein besonders schöner und nachhaltiger Weg kann der mit und durch Begegnungen, durch Menschen, sein.

Die Menschen, die mir in diesem Sinne besonders wichtig, wertvoll, kostbar sind, leben dort, wo die große Welt ist. Sie tragen ein Stück große Welt in sich, Welt der Theater, der Kinos, der Museen, der großen Feuilletons und unendlich vieler wichtiger, spannender Themen und Erfahrungen der unterschiedlichsten Art und Couleur – geronnen durch ihre klugen, einfühlsamen, lieben wollenden Seelen.

Die Entfernung macht es schwierig für mich. Viel leichter zwar als noch vor 30 oder 40 Jahren, als Worte wie Telefon (ja, auch Telefon!), Internet, Mail etc. dieser Orts noch absolute Fremdwörter gewesen sind, aber doch weit schwieriger, als wenn wir uns häufiger real begegnen könnten.

Meine Welt als solche hat eben nicht die „richtige“ Größe.

Ich kann nur zu ihr, zur Welt mit der „richtigen“ Größe für mich, auf dem Weg bleiben.

Um der Inspiration und der Geborgenheit willen, darum, (mir) nicht verloren zu gehen und vielleicht um derer willen, die auch auf der Suche nach der „richtigen“ Größe der Welt sind.

Auf dass wir uns begegnen mögen …

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Courtney Barnett kommt aus Australien. Sie hat in ihrem noch recht jungen Leben schon manches ausprobiert. Tennis spielen, Zeichnen und Fotografie studieren zum Beispiel. Und manches hat sie dann abgebrochen und anderes begonnen. Bei der Musik ist sie schließlich geblieben als Gitarristin, Sängerin und Songschreiberin und Betreiberin eines Indie-Rock-Labels. Vor allem liegt ihr die Förderung von Nachwuchsmusikerinnen und -musikern am Herzen. Seit dem Erscheinen ihres Debütalbums 2015 ist schon einige Zeit ins Land gegangen, sie ist nach wie vor unterwegs zwischen Wahrnehmen und Finden. Davon erzählt auch dieses Lied hier:

Courtney Barnett – „Rae Street“

Tagebuchseite -948-

Vom Frühling im Herbst und in älter werdenden Menschengesichtern

Es war Albert Camus, der den Herbst als zweiten Frühling im Jahr apostrophierte, während dem jedes Blatt zu einer Blüte würde.

Tatsächlich tragen viele Blätter, jetzt in Oktobertagen, so zahlreiche unterschiedliche Farben, dass mancher Baum und mancher Flecken Erde darunter wie von einem bunten Blütenmeer bedeckt erscheint.

Mir gefällt das Wortbild von Camus, weil es zum Erkennen geleitet, dass eine jede Zeit, ein jedes Geschehen, aus verschiedener Perspektive betrachtet, nicht so eindeutig ist bzw. bleibt, wie es beim Blick nur von der einen oder der anderen Seite den Anschein hat. Für die Menschen, die in den Zeiten leben und die Geschehnisse erst lebendig werden lassen, gilt dies übrigens ebenso.

Das kann faszinierend sein, wenn ich an Camus‘ Herbst-/Frühlingsbild denke, tröstend, aber auch ernüchternd und enttäuschend, etwa, wenn ich einen Menschen zunächst positiver gesehen habe als er sich schließlich vor allem in seinem Handeln später erwiesen hat.

Alles, was wir sehen und hören, was wir wahrnehmen und empfinden ist relativ. Obendrein wird es durch unsere Subjektivität gebrochen, das, was für uns Werte, für uns persönlich und für unser Zusammenleben mit anderen Menschen, sind.

Auch, wenn wir uns primär bemühen, nicht zu vergleichen, vor allem nicht (vorschnell) zu urteilen, sehen wir den Ort, die Welt, den Menschen, die Menschheit, das, was passiert, immer nur als eine Momentaufnahme. Nicht in ihrer Gänze, nicht in ihrer Komplexität, nicht in ihrer Differenziertheit. Aber stets durch unser eigenes ICH, unsere Persönlichkeit, unseren Charakter, gebrochen.

Das ist es, was das Leben so reich und so schwierig zugleich macht. Unabhängig davon, ob sich der einzelne Mensch diese Dinge und Zusammenhänge bewusst macht oder nicht.

Sie sich bewusst zu machen ist seinerseits nicht leicht, ist eine Herausforderung, die bei allem Bemühen oft nur ein Versuch bleiben wird. Dabei ist es so ungemein wichtig, sie sich bewusst zu machen und sich ihr zu stellen. Denn sie ist vor allem Herausforderung, das Leben verstehen zu lernen. Soweit es eben geht.

Natürlich weiß ich, dass der Herbst mehr mit Vergehen als mit Geburt zu tun hat. (Und deshalb ist er wieder und wieder eine schwierige Jahreszeit für mich, vor allem dann, wenn er zum Winter wird und das dann recht lange bleibt) Ich kann dieses Wissen nicht einfach abschütteln oder ignorieren. Aber ich kann erkennen, dass er notwendig ist, damit es wieder Frühling wird. Und ich kann probieren, in ihm und ihn selbst als Zeichen zu sehen. Zeichen, wie sie auf die bunten Blätter gemalt sind, die dadurch Blüten zu sein scheinen, noch in ihrem Vergehen.

Es gibt Menschengesichter, die ihnen ähneln. Herbstliche Menschengesichter, die ein Verblühen zeigen. Aus denen beginnendes Vergehen spricht. Aus denen aber auch bisweilen, selten oder häufig oder gar immer Blicke wacher Augen Wärme spenden, die der eines schönen Sommertags gleicht. In denen Lachfältchen geschrieben stehen, zu deren Lesung jedes neue Lächeln aus diesen Gesichtern eine Einladung ist, ebenso wie jene Wärme.

Und auch jedes graue Altersblond der mehr oder weniger verbliebenen Haare, die diese Gesichter noch umrahmen, ist  lebendiger (sic!) Beleg dafür, dass das Leben eben nicht schwarz oder weiß malt.

Wenn ich das alles so schreibe, so ist das kein Indiz dafür, dass ich mir all dessen immer bewusst bin. Gerade im Herbst und im Winter fällt mir das, jedes Jahr aufs Neue, sehr schwer.

In diesem Jahr steht der begonnene Herbst und die graue Zeit, die dann folgen wird, für mich zudem sehr unter dem Eindruck von Verlust und Trauer.

Ich muss, ich will aber versuchen, das Bewusstsein für blühende Blätter in Herbst und Winter immer wieder zu rufen und wach zu halten.

Ich glaube, mein Vater hat das auch getan …

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Das Lied, das ich ausgesucht habe, um es heute hier zu teilen, scheint so gar nicht zu dem Text da oben zu passen. Nicht zu dem, was mich aktuell umtreibt und auch nicht zu meiner Stimmung. Aber es hat nun einmal zu mir gefunden, und immer, wenn ich es höre, muss ich schmunzeln. Es wirkt wie ein ganz leichtes Lied, eins, das eher in den Sommer passt oder ihn wieder zurückholen möchte, mit seinem etwas schrägen Text, seiner fluffigen Melodie. Und seiner Interpretin, die von beidem etwas zu haben scheint.

Resi Reiner ist Österreicherin und dies ist ihr allererster eigener Song. Bislang war sie ausschließlich Schauspielerin. – Ich finde, dass das Lied ein schönes Beispiel deutschsprachigen Indie-Pops ist. Neben all der Leichtigkeit, die es ist und vermittelt, ist ein Thema darin doch ein ernstes und wichtiges – das des Loslassens. Und so gesehen passt es denn doch ein klein wenig zu meinem heutigen Geschreibsel. –  Und es hat irgendwie Ohrwurmpotenzial … :

Resi Reiner – „Ich will nach Italien“

Tagebuchseite -947-

Nahe ferne Welt

Zwischen mir und den Wellen liegt nur wenig Land. Der Wind des frühen Abends ist schon etwas kühl, lässt mich aber nicht frieren. Wieder und wieder schaue ich durch ein Tor aus Schilf und Sträuchern auf die Weite des Sees hinaus. Für einen Moment wird mir bewusst, wie selten ich an solchen Orten bin, aber sogleich bin ich wieder in der Zeit dieser Tage, die wieder so anders sind als mein Leben sonst.

Die Kostbarkeit solcher Zeiten wird auch aus ihrer Seltenheit geboren. Die letzte Geburt liegt anderthalb Jahre zurück. Sie bedingt sich weiter aus der jeweiligen Kürze – sind fünf Tage mehr als ein Wimpernschlag? Ihr größter Wert speist sich freilich aus den Menschen, die sie mit mir teilen. Menschen, die mir besondere Freunde sind, von denen ich hier, wo ich lebe und arbeite, keine habe.

Was ich alles sehen durfte, wovon ich erfahren habe, worüber ich nachzudenken angeregt worden bin, welche Emotionen in mir wachgerufen wurden, wie viel Inspiration ich fand und vor allem auf welche Weise das alles geschehen ist, mutet mich an wie ein Erleben einer anderen Welt.

Könnte ich diese Welt mit ihren Menschen und dem, was sie mir ansonsten bietet, mit der, in der ich über die Wochen, Monate und Jahre existiere und vor allem arbeite, in Verbindung bringen, so wollte ich das schon Leben nennen, denn kein Leben besteht ja nur aus einer schönen Welt. Aber mit dem Verbinden hapert es sehr, es bleiben immer nur die eine oder andere Telefonleitung, das eine oder andere Buch, dieser oder jener Text, und dann erschöpft sich die Materialität der Bindungen. Das Weitere bleibt letztlich immer der Virtualität der seelischen Gemeinsamkeit vorbehalten. Und das ist so viel, und je mehr Zeit zwischen den kostbaren Wimpernschlägen vergeht, desto mehr und mehr wird es, was diese Art der Verwandtschaft tragen muss.

Dort wo ich war, werde ich angenommen, wie ich bin, dort werde ich verstanden, dort hört man mir lange zu, fragt behutsam nach, versichert sich, bevor man etwas erwidert oder gar einen „Rat“ gibt. Es muss nicht alles be- oder entschieden werden, es genügt und erfüllt, zu wissen, dass jeder auf seine Weise auf der Suche bleibt und dabei nicht allein ist.  – Hier dagegen muss ich mich mit fortlaufender Zeit immer wieder daran erinnern, um nicht wirklich einsam zu sein.

Es ist so viel geschehen während der letzten Wochen meines Daseins. Die auf mich zu rollenden Wellen des Sees wollen eine Art Balsam sein, der sich über mich legt, ein Balsam, der das Gute, das Tröstende, das Schöne der letzten Tage in sich trägt. Aber ich sitze seit gestern Abend nicht mehr nur die paar Schritte vom Ufer entfernt. Viele, so viele, zu viele Kilometer liegen nun wieder zwischen mir und dem Seeufer.

Ich bin mir bewusster denn je, was für mich Leben ist. Für die meisten  ist das etwas ganz anderes.

Nie bin ich fremder durch eine große Einkaufsmeile gegangen als während jener Stunde zwischen zwei Begegnungen am vergangenen Dienstag. Ich kannte die so vielen Läden nicht und wollte sie nicht kennenlernen. Ich hatte das Gefühl gar nichts zu brauchen (obwohl das nicht stimmt). Je länger ich dort unterwegs war, desto mehr wollte ich nur ein Schatten sein. Die Menschen um mich herum spielten alle in anderen Filmen.

Und da spürte ich plötzlich den Schmerz der nicht neuen Erkenntnis wieder, wie sehr meine mir gerade einmal wieder nahe seiende schöne Welt, eine Oase ist, wo immer ich sonst auch bin.

*

Als ich gestern Abend nach einer eine eigene Geschichte wert seienden Reise die letzten Kilometer in dem Regionalzug, der mich schließlich in die Stadt meines Wohnens und Arbeitens bringen würde, saß, da hörte ich plötzlich eine vertraute Melodie. Eine alte, die ich in der Zeit des Hier und Jetzt noch nie gehört habe.

Sie drang aus Kopfhörern im Nachbarabteil, aus großen Kopfhörern. Ein junger Mann saß dort allein und trug sie auf seinen Ohren, ein junger Mann mit viel Übergewicht in weiten Hosen, die ihm zu lang über die Schuhe hingen. Ein kariertes Hemd trug er über den Gürtel hängend und darüber eine grüne Parkajacke. Sein Gepäck bestand aus einer Aktentasche und einer Plastiktüte. Sein Gesicht sagte wenig. Ob seine Augen aus dem Fenster schauten oder im Abteil verweilten, sie blickten in eine Ferne.

Für mich wirkte er allein. Allein mit seiner Musik. Wie ich hören konnte, war viel aus den achtziger Jahren dabei – eigentlich gar nicht „seine“ Zeit. Und dann erklang schließlich jenes Lied: „Sind so kleine Hände“.  Und er hörte ruhig und aufmerksam zu.

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Wie viele Menschen wohl haben Sehnsucht nach so einer Welt, wie ich sie die vergangenen fünf Tage betreten und um mich haben durfte … ?

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Selig – „Süßer Vogel“

Verse -93-

Herbstabend

Wind trägt den Zweigen ihre Zierde fort,
Blatt für Blatt,
dem Himmel und der Erde entgegen.

Letzte Sonnenstrahlen brechen ihr fahles Licht
durch das sich wiegende Geäst.

Nach und nach verblassend
umspielen sich ihre Schatten auf dem Weg,
währenddessen der Sonnenball im Horizont versinkt.

Stille macht sich breit im leisen Wind.
Und Kühle zieht herauf.

Nur ein Vogel ruft noch irgendwo,
als wollte er dem ersten Nebelschwaden 
ein Zeichen für den Aufbruch geben.

Alles geht, geht fort, auf die Reise:
Die Blätter, die Sonnenstrahlen,
der Laut des Vogels und die Nebel.

Ich stehe vor diesem Gemälde und schaue,
und spüre, 
dass auch meine Seele auf eine Reise geht.

*

Ich werde nun auch auf Reisen gehen, nicht lange, aber so, dass ich hoffe, dass es reicht ein wenig Atem zu holen. Nach mehr als 1 1/2  Jahren werde ich fast alle meiner wenigen besten Freunde wiedersehen. Ich freue mich so sehr darauf. Und ich denke auch, dass es gut ist, dass ich an anderem Ort sein werde, bis kommenden Donnerstag …

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Von Sharon van Etten habe ich schon Lieder geteilt. Sie ist eine ganz eigene amerikanische Sängerin und Songschreiberin, unglaublich vielseitig, vom Stil her zwischen Folk, Rock, Indie-Pop und Country changierend. An Instrumenten beherrscht sie neben der Gitarre, das Klavier, die Klarinette und die Violine. – Eines ihrer neueren Lieder interpretiert sie nicht allein, sondern in einem wundervollen, sanften und zugleich kraftvollen, zauberhaft gesungenen Duett, gemeinsam mit ihrer Kollegin Angel Olsen. Hier ist dieses kleine Meisterwerk:

Sharon van Etten & Angel Olsen – „Like I used to“

Tagebuchseite -946-

Davor – Dabei  – Danach

Die Wochen, die Tage, sie sind gezogen. So langsam und so schnell und ich weiß nicht wohin. Sie haben Spuren in mich gezeichnet, tiefe …

Ein Spalier

Irgendwie musste ich es den Kindern meiner 6. Klasse ja nun sagen, als sie mich wieder nach dem Befinden meines Vaters fragten, eben auch jetzt, nachdem er gestern gestorben war. So sagte ich ihnen, ehrlich, aber so schonend wie möglich die Wahrheit.

Mir ging es nicht gut, auch am nächsten Morgen nicht, als ich mich wieder zur Arbeit in die Schule begeben musste. Ich wusste, dass danach der Weg zum Bestatter anstehen würde, und mir war es sehr schwer ums Herz. Von diesem schweren Herzen begleitet, ging ich unseren Schulflur entlang, zum Raum meiner 6. Klasse, dort würde ich meine erste Stunde haben …

Ich öffnete die Tür und fand mich am Beginn eines kleinen Spaliers wieder. Ein Spalier schweigender, mich aber fest ansehender Kinder. Ein Mädchen hielt mir eine wunderschöne weiße Rose entgegen und sagte etwas von herzlichem Beileid. Je ein Junge und ein Mädchen überreichten mir jeweils eine Beileidskarte, die eine, wie ich später fand, von allen Jungs, die andere von allen Mädchen unterschrieben. Und Armin hielt mir, wohlvorbereitet, ein weißes Tempotaschentuch hin.

Das brauchte ich dann tatsächlich. Ich war zutiefst überwältigt und verstand nun, warum die kleine Bande gestern tuschelnd in der Garderobe verweilt hatte und zu spät zur Hofpause gekommen war. Und ich konnte nicht anders – Corona hin oder her – ich breitete unter Tränen meine Arme so weit aus, wie ich nur könnte und umarmte alle Kinder, alle miteinander und auf einmal und so fest wie ich nur konnte. Und als wir uns dann alle gesetzt hatten, sah ich in verstehende, (mit)fühlende und zugleich lächelnde Kinderaugen und blieb noch lange ganz aufgelöst, innerlich …

Ich trage meinen Vater

Alles war vorbereitet, wir standen vor dem Eingang zur Kirche, in der in wenigen Minuten die Trauerfeier beginnen würde, als der Bestatter meine beiden Geschwister und mich zu sich bat. Was er sagte, nahm ich zunächst wie durch einen Schleier hörend war: Er fragte, ob jemand von uns die Urne meines Vaters von der Kirche zur Grabstelle tragen wolle. Diese Möglichkeit gäbe es, und er würde sie uns nicht vorenthalten wollen.

Auf diese Frage war niemand von uns vorbereitet gewesen.

Meine Halbschwester winkte unter Tränen schnell ab, sie würde das nicht schaffen, meinte sie. Auch mein Bruder schüttelte den Kopf, still aber bestimmt. Es verging ein Moment, der Bestatter redete von besonderer Verbundenheit, von letztem gemeinsamem Weg, von „Vati“, den man ganz nah begleiten würde. Und sah schließlich mich an. Und ich, ich hörte mich ja sagen: „Ja, ich werde ihn tragen, meinen Vater.“ – meine Geschwister darum bittend rechts und links von mir und Vater zu gehen.

Ich werde diesen Weg, diesen letzten, gar nicht so kurzen Weg (Der Friedhof liegt recht weit von der Kirche entfernt in dem kleinen Dorf.), während dem ich meinen Vater so ganz dicht bei mir hatte, niemals vergessen. Es war der emotionalste Weg meines Lebens, während dem ich meinen Vater unter Bäumen hindurch, an Feldern vorbei, von Sonne und Wolken begleitet, trug – unseren letzten gemeinsamen Gang an Häusern vorbei und durch ein bisschen Natur, die das eine ist, was uns immer verbunden hat und verbinden wird.

Als ich am Grab die Urne dann dem Bestatter wieder übergab, musste ich sehr weinen. Diese Übergabe schuf einen Fakt, einen unumkehrbaren. Wenn er auch vorher ja längst schon vorhanden gewesen war, jetzt war er ganz unbarmherzig spürbar.

Die Macht des Faktischen

Seither bin ich auf andere Weise traurig als vor der Bestattung. Bis dahin war es eine Traurigkeit über das nun doch Geschehene, das dennoch Unfassbare, das nicht Greifbare, das ist wie ein Herausreißen.

Nun ist die Traurigkeit eine ganz tiefe, die Traurigkeit über das Faktische, das Unumkehrbare, das Bewusstwerden des „Nie wieder“.

Ich bin sehr im Reinen mit mir, dass  ich meinen Vater zu seinem Grab begleitet habe, in dem ich seine Urne, in dem ich ihn getragen habe. Aber die Erinnerung daran verursacht in mir so ein starkes Beben, dass ich jedes Mal weinen muss. Ich weiß, dass das gute Tränen sind, aber sie tun so, so weh.

Während ich in der Zeit nach dem Tod meines Vaters bis zu seiner Bestattung, wie in einem Tunnel zur Arbeit gegangen, den Elternabend bestritten, die Klassenfahrt gemeistert und zuletzt auch noch etliche Vertretungsstunden gegeben habe, ist nun der Tunnel, der sich im Nachhinein wie ein gewesener Schutz anfühlt, fort.

Jetzt stehe ich mit meiner Traurigkeit, dieser tiefen, die aus dem Bewusstsein des Faktischen, des Unumkehrbaren, geboren wurde, da und fühle mich den Elementen des Lebens so sehr ausgesetzt.

Wie soll das je heilen?

Ich habe immer gehört, mit der Bestattung eines Menschen, wäre letztlich und endlich doch ein Abschluss erreicht, alles würde sich nach und nach setzen und, wenn die Zeit auch nicht alle Wunden heilen würde, so würde doch schließlich wieder Ruhe in das Innere der Hinterbliebenen einziehen.

Wird das so sein? Wie lange wird es bis dahin brauchen?

Für mich fühlt sich alles gerade schlimmer und heftiger an, seitdem es nun „zu Ende“ ist. Es fühlt sich nicht richtig an, es tut so weh, es macht noch trauriger als zuvor.

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Nun bin ich für heute schon wieder zurück von der Arbeit. Das Wochenende war mit Unterrichtsvorbereitungen gefüllt und mit dem Durchsehen der Arbeiten zur diesjährigen Mathematikolympiade. –

Das „Leben“ geht also weiter. Unbarmherziger denn je, so empfinde ich es …

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Ganga – „Carry you home“