Tagebuchseite -995-

Heller wird es nicht mehr

Vieles ist anders. Nichts ist wirklich gut. Dieses Jahr, vor allem der andauernde Herbst und der nahende meteorologische Winter, liegen zusätzlich besonders schwer auf meinem Gemüt. Je länger mein Vater nicht mehr da ist, umso mehr und auf besondere Art spürbar werdender fehlt er mir.

Nie habe ich abgesehen von meiner Arbeit weniger soziale Kontakte gehabt als in den vergangenen Monaten. Nie habe ich weniger telefoniert. Nie bin ich weniger verreist (im Grunde gar nicht), nie habe ich weniger freie Zeit zur Verfügung gehabt, nie war ich an Wochenenden öfter allein, nie habe ich weniger geschrieben. Und zu lesen schaffe ich es auch kaum. Nur allzu sporadisch und mit großen Unterbrechungen gelingt es mir, in Bücherwelten zu verweilen.

Die große Welt stimmt nicht mehr und die kleine auch nicht, weder die auf der Arbeit, noch die im privaten.

Ich boykottiere die Fußball-Weltmeisterschaft. Ich schaue mir kein einziges Spiel an. Das fällt mir nicht leicht, weil ich an sich Fußballspiele sehr gern ansehe. Die großen Turniere habe ich immer besonders gemocht

Ich müsste noch vieles mehr boykottieren, stehen lassen, mich nicht mehr damit auseinandersetzen. Ich müsste gehen, von allem und aus allem.

Aber so einfach ist das nicht und es wäre auch keine Lösung. Es wäre das Ende. Mein Ende.

Morgens früh um fünf ersetzt das dunkle Grau meiner Zeit das Schwarz der Nacht. Ein Schaudern ist dabei und eine unglaubliche Überwindung, die schon so viel Energie kostet, dass der Rest nicht bis zum Abend reichen kann.

Heller wird es den ganzen Tag nicht. Manchmal irrlichtert ein Kinderlachen durch meinen so klein gewordenen Orbit, in dem ich mich vornehmlich um mich selbst drehe. Dann kann ich ein bisschen lächeln.

Sonst habe ich vollständig damit zu tun, all das, was von außen auf mich einströmt, aufzunehmen, zu verarbeiten und darauf zu reagieren, wenn es nötig ist oder von mir gefordert wird.

Es ist wie es schon immer war: Ich sehe, höre, rieche, schmecke, fühle ALLES! Das kostet mich Kraft, die ich nicht mehr habe. Meine Art zu empfinden, ist schon immer so gewesen, ich vermag sie nicht zu ändern. Sie ist ich. Ich bin sie. Da ist nichts zu therapieren.. Ich musste immer damit leben und ich muss es weiterhin. Solange ich denn kann. Oder will. Manchmal zweifle ich, ob ich noch will.

Und manchmal spüre ich, dass meine Seele mich streicheln möchte. Dann weine ich nach innen. Obwohl sie krank ist, denkt sie an mich, will mir wohl helfen. Tun, was niemand sonst tut. Und mich verstehen. Mich beschützen. Vor den Hamsterrädern da draußen und vor mir.

So lebe ich in mir und mit mir. Draußen existiere ich. Als Maske von mir, als Klon meines schmerzenden Körpers. Ich selbst bin eigentlich gar nicht mehr da, da wo alle sind. Aber alles trifft mich, was von dort kommt. Unvermittelt. Weil die Maske nicht schützt.

Vieles ist anders. Nichts ist wirklich gut.

Morgen früh um fünf ersetzt das dunkle Grau wieder das Schwarz der Nacht.

Heller wird es nicht mehr.

***

Es ist schon ziemlich lange her, seit ich hier ein Lied von Weyes Blood geteilt habe. Hinter diesem Künstlernamen, der auf den Roman „Wise Blood“ -“ Weisheit des Blutes“ von der jung verstorbenen amerikanischen Schriftstellerin Flannery O’Connor zurückgeht, verbirgt sich Natalie Mering, eine im Juni 1988 in den USA geborene Indie-Folk-Musikerin.

Für mich ist sie eine besondere Künstlerin. Ich mag die Art ihrer Lieder, die Arrangements und vor allem die einzigartige und wunderschöne Gesangsstimme. Lieder von Weyes Blood nehmen mich immer mit auf eine Reise in Welten, die mir vertraut erscheinen und ein Stückchen Frieden schenken.

So auch „Grapevine“, eine Auskopplung aus ihrem jüngsten, gerade erst veröffentlichten neuen Album:

Weyes Blood – „Grapevine“

Tagebuchseite -994-

(K)eine einfache Frage

Tausendmal wird sie in jeder Minute gestellt. Womöglich ist sie die am meisten gestellte Frage überhaupt.

Sie ist kommt offenbar für viele Menschen inzwischen so alltäglich daher, dass sie in manchen Landen gar nicht mehr wirklich beantwortet wird, weil der Fragesteller sie eher wie eine Begrüßungsfloskel gebraucht und also auch gar keine ausdrückliche Antwort erwartet.

Wie oft ich sie schon gestellt bekommen habe, vermag ich beim besten Willen nicht zu sagen, nicht einmal zu schätzen. Aber sie ist für mich nie eine alltägliche Frage gewesen oder gar geworden. Ganz im Gegenteil. Für mich ist sie eine sehr komplexe Frage und so höre ich sie niemals als Floskel und gebrauche sie auch keinesfalls als solche. Wem ich sie stelle, von dem möchte ich eine Antwort auf sie wissen. Mich interessiert die Antwort und ich bin bereit in Kauf zu nehmen, dass diese Antwort keine kurze, leichte, einfache, simple ist.

Wenn mir die Frage gestellt worden ist, war es zumeist schon immer eine Herausforderung für mich, sie zu beantworten. Deshalb, weil ich bestrebt bin, jede an mich gerichtete Frage ehrlich und nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten. Mit den Jahren ist mir das immer schwerer gefallen und nunmehr fürchte ich die Frage sogar, wünsche mir, dass sie mir möglichst gar nicht mehr gestellt wird.

Die Frage lautet: Wie geht es dir?

Was erwartet der-  oder diejenige, der/die sie mir stellt? Das ist jedes Mal mein erster Gedanke. Und der nächste, dass es unmöglich ist, diese Frage nicht zu beantworten oder sie einfach zu ignorieren, selbst dann nicht, wenn der Fragesteller sie nur als Floskel formuliert hat, im Zweifel, um irgendwie irgendein Gespräch zu beginnen.

Aber was für eine Antwort kann, soll, muss ich geben?

Die Wahrheit ließe sich nicht einfach mit ein paar Worten formulieren. Aber wer würde sich gleich mehrere Sätze anhören wollen auf die kurze Frage?  Und wer würde die Wahrheit als solche hören wollen, wenn sie doch eine schwierige ist, eine, die nicht zu erfreuen, zu ermutigen, zu bestätigen vermag?

Was macht man mit einer Wahrheit, die zumindest in sich eine Zumutung für Dritte trägt und mich, der sie aufrichtig aussprechen würde, zudem dem Risiko mehr oder weniger verletzt zu werden, aussetzt?

Je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher wird mir, dass ich schon lange nicht mehr mit „gut“ auf die Frage antworten kann, ohne die Unwahrheit zu sagen, zu verleugnen, was wirklich ist. „Gut“ geht es mir noch im Kontext von kleinen Momentaufnahmen, Episoden, Wimpernschlägen meines Daseins, aber selbst darin, ist es häufig auch allenfalls nur relativ.

Will das jemand wissen, der mir diese einfache Frage stellt? Will das überhaupt jemand wissen? Will es gar irgendwer wiederholt anhören, vernehmen und damit fortan in den eigenen Tag gehen müssen?

Ich kann mir das nicht vorstellen.

Die meisten Menschen mögen keine komplexen Fragestellungen und noch weniger komplexe Antworten. Sie mögen sie noch weniger, seit die Welt ist, wie sie heute ist und immer noch mehr wird: kompliziert, voller Ungerechtigkeit, beherrscht von Mächten, die im Mindesten unbeeinflussbar scheinen.

Nichts ist da weniger populär, als auch noch auf persönlichen oder gar privaten Ebenen Kompliziertes, Schwieriges, Belastendes, hören, aufnehmen oder sich womöglich sogar damit auseinandersetzen zu sollen und obendrein der Gefahr zu unterliegen, doch nichts bewirken, bewegen, verändern zu können.

Ich sehe das alles, kann es nachvollziehen, verstehen.

Und weiß also immer weniger, was ich mit dieser Frage anfangen, wie ich auf sie reagieren soll, die ich mittlerweile wirklich fürchte:

„Wie geht es dir?“

***

Freedom Fry sind in Los Angeles zu Hause. In der Indie-Pop-Band haben sich zwei Menschen zusammengefunden, die in Paris geborene Sängerin, Songschreiberin und Produzentin Marie Sayrat und Bruce Driscoll aus den USA, der ebenfalls Songs schreibt, produziert und Gitarre spielt und im ersten Teil seiner Musikkarriere mit seiner Schwester Songs selbst vermarktet hat. 2011 erschien ihre erste Single, der viele weitere Veröffentlichungen folgten, darunter auch eine Covertitel bekannter Künstler wie Britney Spears, Elton John, Styx usw. – Ihr neuestes eigenes Stück ist das melodisch und textlich sehr ansprechende Lied hier:

Freedom Fry – „True to Ourselves“

Tagebuchseite -993-

Stumme Tage

Es ist dies einer jener Tage, an denen ich ganz stumm bin. Niemand ist da, mit dem ich auch nur ein Wort wechseln könnte. In meinem Leben hat es immer mal wieder solche Tage gegeben, mitunter sogar mehrere, direkt aufeinander folgende. Zumeist Wochenendtage.

Meine Alltage waren und sind immer Tage mit Menschen. Keineswegs immer solchen, für die ich Sympathien hege. Und so waren und sind Gespräche während meiner Alltage durchaus nicht immer angenehm oder gar erquicklich. Aber sie ließen und lassen mich immerhin meine Stimme hören.

An den diversen Wochenenden und manchen sonstigen freien Tagen vernehme ich meine Stimme nicht. Ich spreche dann nach innen, mit mir selbst oder mit Menschen, die in meinem Herzen wohnen. Ich stelle mir vor, was sie mir antworten, welche Fragen sie mir stellen, wovon sie berichten oder erzählen würden. Mein Vater ist so ein Mensch. Da er nicht mehr am Leben ist, habe ich gar keine andere Möglichkeit mehr, mich mit ihm zu unterhalten und auszutauschen als diese. Und so bin ich dankbar dafür.

Ein wenig kann ich die Stille meiner stummen Tage sogar genießen. Ich mag es ja nicht so laut und wenn meine Wohnumgebung rücksichtsvolle Zeiten hat, dann komme ich manchmal sogar innerlich ein wenig zur Ruhe.

Gerade aber bin ich oft auch sehr unzufrieden mit meinen stummen Tagen. Ich verliere sehr häufig jeden Antrieb während dieser Zeiten. Und im Nachgang ärgere ich mich sehr darüber. Aber es ist besonders schwer für mich, allein progressiv aktiv zu sein. Es fühlt sich skurril, erzwungen an und es macht das Dilemma des Stummseins, des stumm sein Müssens, noch mehr bewusst.

Ich schaue durch mein Fenster zu den Wolken hinauf. Sie weisen den Weg bis so weit empor, wo es immer still und stumm ist, wo Zeit und Raum dimensionslos werden. Das hat mich schon immer fasziniert, war und ist aber zugleich immer mit einem Angstgefühl verbunden. Ähnlich dem, dass ich immer auch dann verspüre, wenn, wie an diesem Tag, meine Stimme keine Dimension benötigt.

Wenn ich ein wenig Futter unter das Balkongeländer streue, besucht mich eine Schar Spatzen. Sie sind mir sehr liebe Gesellen, denn ich kann ihnen überall begegnen, sie sind wahre und so treue Begleiter. Meine innere Stimme führt immer einen kleinen Dialog mit ihnen.

Und auf dem Fensterbrett meines Zimmers bin ich eines Marienkäfers gewahr geworden. Ich weiß nicht, wie lange er schon in meinem Zimmer ist, aber er wirkt irgendwie schwach. Nachdem ich einen  Tropfen Honig ganz in seine Nähe geträufelt habe, hat er sich dorthin bewegt und nascht nun davon. In meinem Inneren spreche ich ihm zu und wünsche mir, dass er sich mithilfe der kleinen Speise erholt.

Ich denke an meinen Vater, der meine kleinen alljährlichen „Marienkäferrettungsaktionen“ immer mit wirklichem Interesse, Mitgefühl und Verständnis begleitet hat. – Wenn es so still ist, wenn ich stumm bleiben muss, werden mir unsere Seelenverwandtschaft und die Tatsache, dass sie niemals vergehen wird, immer besonders bewusst.

So wenig mir letztlich oft bleibt, so sehr kostbar ist manches davon.

Noch einmal sehe ich aus dem Fenster nach draußen. Der Kondensstreifen eines Flugzeugs zieht seine Bahn. Es wird irgendwo landen, wo Leben ist, vielleicht da, wo einige der Menschen, die ich im Herzen trage, gerade sind. Und leben und reden und hoffentlich glücklich sind.

Das ist immer mein größter Wunsch. Am allergrößten ist er an Tagen wie jenem heute, an dem ich stumm bin.

***

Vanessa Dulhofer stammt aus Niederösterreich. Sie ist ganze 16 Jahre jung, und das Lied, das ich heute hier teile, ist ihre erste eigene Single. Sie hat eine markante, besonders gefühlvolle Stimme und sie ist eine mutige junge Frau. Im Kontext mit einem wenig respektvollen Interview hat sie sich quasi bei ihrem ersten Schritt in die Öffentlichkeit als homosexuell geoutet und prompt nicht nur unterstützende, sondern auch viele Hasskommentare bekommen. Ich finde es ebenso stark wie berührend, wie sie dessen ungeachtet ihren Weg weiter geht. –

Es gibt inzwischen mehrere Lieder von Ness, wie sie sich als Künstlerin nennt, durchweg sehr bemerkenswerte und aussagekräftige Stücke mit besonderen Texten. Ich werde sicher noch das eine oder andere davon hier vorstellen. Für heute soll es aber ihre Debütsingle sein:

Ness – „Deine Richtung“

Tagebuchseite -992-

Wenn es drinnen November ist

Heute ist so ein Tag, an dem ich nicht schreiben sollte. Diese Tage werden immer zahlreicher, was mein Tagebuch deutlich dokumentiert: Die monatlichen Einträge sind zahlenmäßig immer weiter zurückgegangen, vor knapp zwei Jahren hat diese Tendenz begonnen.

Das liegt nicht so sehr daran, dass ich nichts zu schreiben hätte oder wüsste. Es liegt daran, dass ich kaum noch frei bin, nicht in meinem kleinen Umfeld und nicht im großen. Die Welt wird mir immer fremder und ich meinerseits entfremde mich offensichtlich auch fortlaufend mehr und mehr. Gefühlt bewege ich mich in einem Kreis innerhalb einer Mauer, die mich umgibt und die, von innen wie von außen betrachtet, immer höher wird.

Ich bin vollkommen ausgelastet damit, mich Erfordernissen und Zwängen zu stellen, dazu gehören auch solche, die meine Seele sind.

Kürzlich habe ich mit den Kindern der 5. und 6. Klasse eine Philosophiestunde zum Thema „Gewissen“ gehabt. Es war eine sehr interessante Stunde. Dennoch hat sie mir im Nachhinein nicht gutgetan. Gar nicht gut.

Ich fühle mich ob meines Gewissens wie ein Außenseiter. Und obwohl ich mein Gewissen nach wie vor sehr schätze, weiß ich, dass es die Ursache ist für mein Einsam sein. Ich kann mir die Welt nicht bauen, wie mein Gewissen es sich wünscht. Und so wie sie ist, vermag ich sie immer weniger anzunehmen. Mehr noch: Ich beginne immer stärker daran zu zweifeln, dass andere Menschen (von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen) auch ein wirkliches Gewissen haben.

Das liest sich wahrscheinlich unglaublich arrogant …

*

Vor wenigen Tagen habe ich einen neuen Fernseher aussuchen müssen für mich und dem, was von meiner Familie noch so übrig ist. Ich habe mich schon Tage vorher darüber geärgert, denn der alte tat tadellos seinen Dienst. Allerdings handelt es sich bei ihm um einen SD-Fernseher, mit dem sich keine HD-Programme empfangen lassen. Und nun ist geschehen, was mich schließlich gezwungen hat, einen neuen zu kaufen: Nach und nach wurden und werden die öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme im SD-Format einfach abgeschaltet.

Im Fachmarkt habe ich dann nach zwei, drei Geräten gefragt, zu denen ich mich zuvor ein bisschen informiert hatte. Es handelte sich um keine besonderen Fernseher, nicht besonders groß und auch längst nicht mit allen heute möglichen Funktionen ausgestattet.

Hier im Fachmarkt (der Verkäufer war ansonsten recht nett) wie auch dort, wo ich sonst noch Andeutungen über den Kauf eines neuen Fernsehgeräts gemacht hatte, waren die Reaktionen quasi identisch: „Was, du hast bis heute nie einen HD-Fernseher gehabt?“  „Oh Mann, über 10 Jahre hat dein alter schon auf dem Buckel – und so klein war der?“ „Wieso kaufst du dir jetzt keinen größeren?“ „Die Art, die du kaufen willst, ist nur so eine Art Beiwerk zu den wirklich guten, das ist doch höchstens ein Zweitgerät!“ „Mensch, in der Zeit hatte ich schon drei Fernseher …“

Wie oft habe ich schon solche und ähnliche Reden gehört?!

Dann, wenn Thema wird, dass ich mein letztes Mobiltelefon 12 Jahre hatte, und das aktuelle auch schon wieder fast 6 Jahre bei mir trage, dass ich immer noch kein Smartphone habe (Letztens ist mir sogar eins geschenkt worden, gebraucht freilich, der Akku hält kaum einen Tag. Ich habe es schließlich, bedrängt, wie ich wurde, genommen, obwohl ich denke, dass ich es möglicherweise nie benutzen werde.)

Ein anderes Mal ist meine Uraltarmbanduhr (ich trage sie seit 39 Jahren!) Gegenstand des allgemeinen Unverständnisses. Und ganz schlimm wird es, wenn ich bei „Trendgesprächen“ zur neuen Dekoration von Wohnungseinrichtungen, dem Übergang zu einem neuen Stil, bei Geschirr, Kleidung und anderem, nicht mitreden kann und mag oder gar äußere, dass ich Dinge grundsätzlich so lange benutze, trage und pflege, wie sie funktionsfähig sind.

Ich meine, dass ich mit meiner entsprechenden Einstellung wenigstens einen kleinen Beitrag leisten kann, der Wegwerf- und Konsummentalität ein bisschen weniger Vorschub zu verschaffen. Ich weiß, dass das nicht viel, nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein, ist. Aber meine Einstellung kommt tief aus meinem Inneren, meinem Gewissen.

Und da bin ich an dem Punkt: Ich höre so viele Menschen, die in Gesprächen Einstellungen, wie der meinen, beipflichten, sie „toll“ finden und meist noch behaupten, sich selbstverständlich selbst entsprechend zu engagieren. – Aber ich sehe kaum jemanden, der sich dann auch wirklich so verhält. Vielmehr nehme ich wahr, dass ich schließlich doch das werde, das bin, was ich mehr und mehr fühle: ein Außenseiter.

Das betrifft nun keineswegs nur den hier skizzierten Teilbereich des Lebens. Vielmehr ist es so, dass ich mehr und mehr wahrnehme und empfinde, dass mein Gewissen generell nicht (mehr) gesellschaftsfähig ist.

Meine Maximen und Ansichten von Werten, von Moral, von Aufrichtigkeit und etlichem mehr sind Einzelmeinungen. Und sie sind nicht mehrheitsfähig, nicht im gesellschaftlichen und auch nicht im familiären Umfeld. Der letzte Mensch, der mich in letzterem verstanden hat, war mein Vater.

*

Die Welt zieht an mir vorüber, während ich in ihr lebe, vor allem die Menschen ziehen vorüber. Die vielen, die wohl ein so ganz anderes Gewissen haben.

Meine Ängste werden wieder stärker, sind sehr stark und sehr permanent. Mit jeder Nachricht, die ich höre, mit jeder Episode, die mich spüren lässt, dass ich anders (geworden) bin, dass ich nicht dazugehöre.

Heute ist so ein Tag, wo ich meine Angst ganz besonders intensiv und heftig spüre – so ein Tag, an dem ich nicht hätte schreiben sollen.

Und zu allem Überfluss ist jetzt auch draußen November geworden …

***

 Jess Williams ist eine US-amerikanische Sängerin und Songschreiberin. Musik zu schreiben begann sie während ihres Studiums in Austin (Texas). 2014 erschien ihr erstes Album. Gemeinsam mit dem US-Sänger Meg Duffy (Pseudonym Hand Habit), der auch ein ausgezeichneter Gitarrenspieler ist, hat sie sich für das Lied, das ich hier heute teile (es ist eine 2020 erschienene Single), zusammengetan. Es ist ein Lied wie eine Sehnsucht, erinnert mich ein bisschen an die wunderbaren Songs von „Mazzy Star“ mit Hope Sandoval, und verkörpert schönsten, ein wenig melancholischen Indie-Pop:

Jess Williamson feat. Hand Habit – „Pictures of Flowers“

Tagebuchseite -991-

(Ver)Störend leise Töne?

Ich bin fast immer der erste, morgens in dem kleinen Lehrerzimmer. Die frühe Zeit nutze ich zum Beispiel dafür, meine Unterlagen für den Tag zu ordnen, noch einmal kurz in die Stundenabläufe zu schauen, Kopien von Arbeitsblättern für die Kinder zu erstellen, im Postfach nachzusehen, ob Kinder abgemeldet wurden …

Manchmal lasse ich ein bisschen Musik von einer meiner Playlists über den Laptop dazu laufen. So bin ich während der beginnenden Alltagszeit noch ein bisschen begleitet von jenen Welten, in denen ich gern bin, weil sie mir etwas Geborgenheit schenken.

„Wie kann man nur am Morgen schon so lahme und traurige Musik hören? Da schläft man ja gleich wieder ein“, höre ich plötzlich die freundlich-freche Stimme unserer kessen Raumpflegerin zu mir sprechen. „Mach doch mal was Frischeres, Lauteres an!“ – „Ja wirklich“, vernehme ich eine zweite Stimme, sie gehört unserer Schulleiterin, „so etwas höre ich hier nun auch schon den dritten Morgen, hast du nichts Peppigeres oder Härteres?“

Da ich offensichtlich nicht mehr allein im Raum bin, klicke ich auf ein Lied von „Rammstein“. Augenblicklich sind die beiden Frauen begeistert.

Diese Episode ist keineswegs die erste oder einzige, die mir zeigt, dass ich wohl in einer ziemlich eigenen und für die Mehrzahl der anderen Menschen nicht sehr einladenden Welt lebe. Zu ruhig, zu nachdenklich, zu melancholisch. Vor allem jetzt, wo doch die große, die reale Welt so viel Ungemach birgt und noch mehr offenbart, das in aller Couleur aus den Medien quillt.

Leise, ruhige, nachdenkliche Laute und Melodien vermögen das nicht zu übertönen. Hämmernde Schlagerbeats, hart rockende, metallische Rhythmen, balearische „Stimmungs“hits haben da eine ganz andere Kraft und Stärke.

Für wohl sehr viele Menschen. Für mich nicht. Wirklichen Halt kann ich nur in den leisen Tönen finden.

So ist es in allen Situationen, die meinen Umgang mit Menschen betreffen. Und deswegen halte ich auch Smalltalk nicht lange wirklich aus. So habe ich mich vorige Woche auch nach der „ersten Phase“ unserer „teambildenden und – festigenden Maßnahme“, die nach einer Stadtrundfahrt in einem alten amerikanischen Schoolbus durch unsere Stadt bei meinem Lieblingsitaliener ihre Zäsur hatte, davongestohlen. –  Die „zweite Phase“ bestand aus einem „Weiterziehen“, zunächst in eine Szenekneipe …

Solche „zweiten Phasen“ sind grundsätzlich und günstigstenfalls von immer lauter werdender Heiterkeit und Oberflächlichkeit gekennzeichnet, bei der ich nicht mitzuhalten imstande und gewillt bin, abgesehen davon, dass ich den diese Phase begleitenden, zumeist zahlreicher werdenden alkoholischen Getränken nicht zusprechen mag.

„Als du fort warst, ist es erst so richtig schön und lustig geworden“, höre ich dann am nächsten Tag. Oder: „Du musst auch mal ein bisschen aus dir herausgehen, mal laut sein, der ganze Alltag muss doch auch mal raus, ohne dass man groß darüber nachdenkt.“

Ich weiß, dass bestenfalls mehr oder weniger Sorge aus diesen Worten spricht, Sorge, dass ich zu viel Ungutes in mich hineinfresse, bei mir behalte, mit mir allein ausmache. Genauso oft und genauso viel sind es aber auch Unverständnis und eine gewisse Ablehnung, die aus solchen Worten und Sätzen sprechen.

Jemand, der augenscheinlich immer eher nachdenklich wirkt, Stille lebt und verbreitet, der tiefere Gespräche sucht, selbst zu heiteren Themen und in heiteren Lebenslagen, von dem man wahrnimmt, dass er viel hinterfragt und Unsicherheiten bekennt, aus dessen Augen man Melancholie lesen kann, wirkt offenbar beunruhigend und etwas fremd. Vielleicht auch langweilig oder gar (ver)störend?

Ich möchte nicht so wirken, niemanden langweilen, herunterziehen oder gar verstören und so tue ich während meiner Alltagsbegegnungen mit Menschen das mir Mögliche, locker, fröhlich und zuversichtlich zu wirken, auch leichte und seichte Themen mit einer heiteren Eloquenz zu bereichern.

Ich verstehe, dass viele Menschen diese Art des Umgangs und wenigstens zeitweiliges Überschäumen, laute Rhythmen und Äußerungen benötigen, um sich das Bewusstsein, Grenzen sprengen und (daraus) neue Energie schöpfen zu können, zu bewahren und in ihrem Sinne einfach leben zu können.

Warum es andererseits für so viele so schwer ist, zu verstehen, dass dies für mich keine praktikablen und geeigneten Strategien sind, warum sie mich im besten Falle mehr oder weniger andauernd „liebevoll verändern“ wollen, bis sie mich schlimmstenfalls für stur und unverbesserlich halten, das kann ich nicht nachvollziehen.

Ich kann es mir letztlich doch nur so erklären, dass leise Töne, zurückhaltende Stimmen, Sinn- und Schutzsuche in Melancholie generell doch eher als (ver)störend angesehen werden.

***

Wieder einmal teile ich ein Lied von Northern Lite. Es hat einen flotten Rhythmus, eine eingängige Melodie, aber auch dieses Lied wird keins für die Frauen in meinem morgendlichen Büro sein. Dafür gefällt es mir zu sehr …

Northern Lite – „Wir reisen zusammen“

Tagebuchseite -990-

Von schönen Tälern und dem Berg, der immer wiederkehrt und bleibt

Sanfte Musik, mit der ich mein inneres Schwanken auszugleichen, die heftigen Wogen zu glätten versucht bin …

Die Täler sind so schön, die Täler der vergangenen Woche. Es waren nicht viele, aber sie sind mir deshalb umso kostbarer. Und es waren überhaupt welche. Das schönste: Der Morgen im Schlosspark!

Wie lange schon habe ich die Natur nicht mehr so intensiv auf mich einwirken lassen können wie in dieser guten Stunde, während der ich wohl so an die sieben Kilometer gegangen bin? Nun trage ich Fotografien im Kopf.

Von lichtdurchfluteten bunten Blätterdächern, von einem Eichelhäher, direkt über mir auf einem Ast balancierend. Von einem zwei Flüsse verbindenden Kanal mit Wassertreppen, rechts und links von je einem Weg gesäumt, von einem Teepavillon nahe einer mitten in der Natur stehenden katholischen Kirche, von Pilzen an und unter Bäumen, von zwei Eichhörnchen, von in Wald gerahmten Wiesenlandschaften, verschlungenen und geraden Wegen.

Töne von Vogelgezwitscher und Düfte von nassem Moos und feuchtem Laub steigen von den Bildern auf und lassen sie zu einem ganz besonderen Film werden. Film einer morgenschönen, in die hinter Wolken hervorbrechende Sonne getauchten Episode, die mir lange wird Kraft spenden müssen.

Andere Erinnerungstäler zeigt mir die weiten Felder einer kleinen Radtour, Begegnungen mit Sprache, wie ich sie so sehr mag. Einer Sprache, die mich zwischen zwei Buchdeckeln zu einem so schönen Charakter geleitete, wie nicht aufhören kann, ihn mir zu erträumen. Dem besten Stück Pflaumenkuchen, das ich seit langem schmecken durfte und der mir liebst gewordenen Stimme, die manchmal nur ein kleines Zeichen sendet, aber jedes Mal die herzlichste Umarmung für mich ist.

Aber da sind eben auch, nie ganz verschwunden seiend und nun zum Ende der Woche mächtiger und unbezwingbarer werdend, die Berge meines Schwankens. Berge in mir selbst, deren Besteigung ich immer wieder versuchen muss, wenigstens in Angriff zu nehmen und Berge, die meine Umgebung mir aufschüttet.

Immer wenn ich, wie jetzt, auch nur eine kleine Zeit in Tälern des Schönen verweilen durfte, sind sie hernach um so größer und bedrohlicher. Ihre Schatten fressen sich in mich hinein und lassen jenes ungleichmäßige, schwankende Wogen werden, gegen die ich die sanfte Musik heran spülen lasse. Sie, die nur leise, kleine, zärtliche Wellen hat.

Ihr Bemühen, mir zu dienen, berührt mich sehr. Und ich versuche mir die Menschen vorzustellen, die sie ersonnen und in Noten gegossen haben. Und es scheint mir nahezu unglaublich, dass das Menschen von dieser Welt sein sollen.

Manchmal denke ich, dass sie, ebenso wie jene Natur, wie jene Eindrücke von Natur und Literatur, von Riechen und Schmecken, von der Stimme, wie ich sie oben aus Erleben geschildert habe, tatsächlich nicht von hier sein können. So wie ich fast immer das Gefühl habe, dass, wenn ich ihnen begegne, ich gar nicht mehr hier bin.

Aber dann holt mich das Hier doch wieder ein. Immer wieder, und wird groß, beherrschend, bedrohend. Und mit ihm die Angst …

Und weil ich ja doch hier sein muss, wird sie nie ganz vergehen, wird sie bleiben, wird sie nach schönen Episoden wiederkehren, und wieder und wieder größer werden.

Und ich werde mit ihr leben müssen. Irgendwie. Und wie schon immer …

***

Patrick Kelly – Guiding Light

Tagebuchseite -989-

Selbstgespräch (8) – Letzter Abzweig

Ich habe mir gerade unser letztes Gespräch, das wir hier geführt haben, durchgelesen und gefunden, dass wir uns noch näher gekommen sind seither.

Du empfindest das auch, Du bemerkst darin aber auch etwas, was sich für Dich wie etwas Gefährliches anfühlt?

Dieses Empfinden ist auch in mir schon emporgestiegen.  Es ist so seltsam, so verstörend, dass auch in den vergangenen Monaten wieder so viele Dinge geschehen sind, die sich uns augenscheinlich immer mehr auf uns fixieren lassen. Wohl, weil es um uns herum, längst nicht mehr nur gefühlt, immer rauer, immer kälter, immer dunkler, immer anstrengender und aufreibender wird. Tod, Krieg, Krankheit, Existenzbedrohung, fliehende Liebe und eine erhebliche Arbeitsbelastung, das ist so sehr dominierend geworden, dass ich es immer weniger aushalte.

So bist Du mir noch näher gekommen. Ich weiß mehr denn je, dass und wie sehr ich Dich brauche, spüre aber auch, dass Du nach wie vor mein Wächter bist, dem es nicht egal ist, was ich denke und wie ich mich verhalte. Aber Deine Kraft schwindet auch, nicht wahr? Das meintest Du doch als Du eben sagtest, dass da etwas Gefährliches ist in unserem Verbunden sein?

Du nickst leise – so ist es also. Und ich habe sie gehört, Deine dabei geflüsterte Frage, weshalb ich begonnen habe, mich so sehr Dir zuzuwenden, wie ich das noch nie zuvor getan habe.

Die Antwort ist einfach, schrecklich einfach, weißt Du?! –  Weil ich begriffen zu haben glaube, dass letztlich nur Du da bist, nah genug, mich verstehend, wenn auch nach wie vor nicht immer akzeptierend. Aber Du BIST da, weil wir selbst, wenn wir wollten, nicht voneinander lassen könnten. Wir sind die einzigen, die in diesem Körper wohnen …

Und nun suche ich allen Trost, allen Halt, ja, und auch Liebe bei und in Dir.

Jetzt lächelst Du. Das hast Du Dir schließlich immer gewünscht, ich weiß …

Aber Du hast nicht geahnt, wie sehr Dich das fordern würde, wie anstrengend es tatsächlich eines Tages mit mir werden könnte, dass Du nun auch Angst spürst und Ohnmacht. Du hast Dich immer für souveräner, für stärker gehalten als ich, warst Dir sicher mein Regulativ sein, das Schlimmste vermeiden zu können. Und augenblicklich bist Du Dir nicht mehr sicher, erinnerst Dich, dass Du schon einmal zu spät gekommen bist und hast angefangen zu zweifeln, nicht nur ein bisschen.

Ich kann und will Dir kein schlechtes Gewissen einreden. Wer könnte das schon gegenüber dem eigenen Gewissen?

Allerdings kann ich nicht anders, als zu bekennen, dass Deine Zweifel mir nun meinerseits Sorgen bereiten, eben weil ich weiß, dass ich, solange wir beieinander sind, nie mehr Stärke aufzubringen imstande gewesen bin als Du. Wie sollte das ausgerechnet jetzt angehen können, wo ich gerade allen Trost, allen Halt und selbst, was an Liebe noch möglich ist, bei und in Dir suche, suchen muss? Ich habe keinen anderen Ausweg mehr gesehen und sehe nach wie vor keinen.

Der letzte Abzweig, den ich passierte, zeigte mir nur noch eine Richtung an, die zu Dir. Den wenigen Menschen, die ich kenne und die Dir ähnlich sind, der Seele, die Du bist, traue ich mich nicht (mehr) so sehr Last zu sein. Denn nie war ich schwerer …

Neben dem Vorwurf eigenen Versagens, den ich nie ganz ablegen konnte, ist da das Spüren aktuellen, wirklichen Versagens. Noch im „Kleinen“, aber nicht mehr übersehbar. Und es ärgert mich, weil es, was ohnehin schwer ist, noch schwerer macht.

Du sagst, dass Du auch eine neue Art von Angst beobachtest bei mir, seit einiger Zeit, eine Angst, die Dich verunsichert und ratlos macht, eine Angst vor an sich Vertrautem. Du kannst Dir nicht erklären, woher sie kommt, warum sie augenscheinlich zunimmt. Noch weniger weißt Du, wie Du ihr beikommen kannst.

Ich sehe, dass es Dir alles andere als Trost ist, als ich Dir antworte, dass ich all das selbst nicht weiß.

Mir fallen nur immer wieder all diese „positiven“, gut gemeinten Glaubenssätze ein, die man an die Stelle der alten, wiederkehrenden, quälenden, setzen möge und danach handeln, dann würde alles gut oder wenigstens besser.

Doch es schüttelt mich schließlich regelrecht bei den Gedanken daran, weil sie mir, vielleicht in ungerechtfertigter Weise, immer zynischer erscheinen, je länger mein Dasein währt. Sie blenden alles Sonstige einfach aus, die Umwelt, die einen umgibt, die Umstände und Zwänge, das Verlassen werden durch Tod oder versiegende Liebe, die in Untreue mündet. Immer setzen sie voraus, dass man sich irgendwie mit dem einlässt, was einem doch immerzu die Luft zum Atmen nimmt, sich arrangiert, einfügt, eben mitmacht. – Postulate selbsternannter „höherer“ Gewissen.

Ich bin Dir dankbar, dass Du mich mit so etwas immer verschont hast, so kritisch, so hart, so unerbittlich Du bisweilen zu mir warst und immer noch imstande bist, es zu sein. Du hast nie von Schuld gesprochen!

Du siehst nachdenklich aus und erschöpft, Du großer, (un)geduldiger Wächter, Du, mein Ich.

Ich mag Dich umarmen, und Du magst es auch. Nur wir beide können das an jedem Tag, in jeder Stunde, Minute und Sekunde tun. Das ist schön, nicht wahr, so schön, dass es immer wieder Tränen rührt, aus so vielen Gründen, die nur wir beide kennen.

Tränen, die wissen, dass Du mein letzter Abzweig warst.

***

Magic Island (Emma Czerny) ist eine Künstlerin aus Berlin. Sie erzählt immer wieder die Geschichte einer abgestumpften Seele und eines unschuldigen Herzens, die Texte ihrer Lieder beschreiben Tiefe, Tragik und Magie dieser Welt. Musikalisch jeweils einen ganz eigenen Stil verkörpernd, bezeugen ihre Songs gleichermaßen Sanftheit und Stärke.  (siehe auch: https://www.musicboard-berlin.de/magic-island/ )

Ein besonders schönes, ausdrucksstarkes Lied, im Jahr 2017 veröffentlicht, ist dieses hier:

Magic Island – „Easy Babe“

Tagebuchseite -988-

Von der Sonne, die zwischen Zeilen scheint

Er hat sie mitgenommen, die Sonne, die zwischen den Zeilen geschienen hatte, die zuvor in seinem Postfach eingetroffen waren. Und nun stand sie am Himmel und schien auf ihn herab.

Er sah sich darunter sitzen, auf einer hölzernen Bank, ein wenig beschattet von einem Lindenbaum.

Nur ein schmaler, sandiger Pfad lag zwischen ihm und jener wilden Wiese, auf der Mohnblüten  und Kamille, Kornblumen und Ackersenf ein buntes, wiegendes Tänzchen miteinander aufführten. Schmetterlinge gaben, darüber hin flatternd und sich auf der einen oder anderen Blüte niederlassend, den Takt dazu an. Und verschiedene Vöglein untermalten das Treiben mit einer ganz eigenen, unverwechselbar vielstimmigen Melodie.

Er konnte sich nicht besinnen, wie er hierhergekommen war. Eben hatte er noch im Grau an seinem Schreibtisch gesessen. Und seine Füße waren keinen einzigen Schritt gelaufen …

Der Platz unter dem Baum, die Wiese, der Duft, der im leichten Wind lag, all das kam ihm bekannt, ja vertraut, vor, obwohl er sich sicher war, noch nie zuvor an genau diesem Ort gewesen zu sein. Es fühlte sich wie „zu Hause“ an.

Darüber sinnend, erinnerte er sich an eine Begegnung mit einem Mädchen, die gerade ein paar Tage zurücklag. Er kannte dieses Mädchen gut und wusste daher, dass es das Schreiben liebte. Es hatte davon erzählt, und ein paar kleine Proben seiner ganz bemerkenswerten Versuche, hatte er auch schon lesen können.

Vor allem eine Fabel aus der Feder dieses Mädchens war ihm fest im Gedächtnis geblieben. Sie war so voller Leben, voller Farben und angenehmer Geräusche gewesen, wie dieser Platz hier unter der Linde. Und die Sprache, die alles beschrieb, war so klar, schön und voller klingender Metaphern wie eine kleine Sinfonie.

Die Augen der jungen Schreiberin leuchteten immer besonders, wenn sie vom Lesen oder ihren Schreibprojekten erzählte. So auch während der kürzlich gehabten Begegnung der beiden. Dabei hatte sie auch von einem Problem berichtet, das er nur allzu gut kannte und das ihn ein wenig traurig machte. Denn wenn eine 12-Jährige mit gesenkter Stimme darüber spricht, dass sie, obwohl so begeistert davon, zuletzt immer weniger Zeit zum Schreiben finden konnte und sehr betrübt darüber sei, macht ihn das halt auch betrübt.

Aber dann hatte sie noch etwas sehr Schönes gesagt: „Wissen Sie, seither schreibe ich des Öfteren meine Geschichten im Kopf auf. Ich sehe alles und schreibe, die Welt, die ich sehe und über die ich erzählen möchte, wenigstens in und mit meinen Gedanken.“

Das faszinierte ihn und er erinnerte sich, ja, genau das kannte er von sich selbst. Und nun verstand er:

Er war an diesen Ort gekommen, an diesen Platz, zu dieser Bank, hatte sich niedergesetzt und konnte nun die bezaubernde Wiese betrachten und lauschen und die Düfte einatmen, weil sich seine Fantasie mit der eines anderen Schreibers oder einer anderen Schreiberin getroffen hatte. Vielleicht gar mit der jenes Mädchens.

Und zwischen den Gedankenzeilen beider war die Sonne aufgegangen und hatte dort geschienen. so wie zwischen den Zeilen, die in seinem Postfach angekommen waren.

Menschen, die das Schreiben lieben, kennen diesen Schein.

Manchmal ist er das Einzige, was einen noch fortzutragen vermag aus Enge, Verzweiflung, Ängsten, Einsamkeit. Wie schön, dass es ihn gibt und man ihn, wenn man es denn vermag, sehen und spüren kann.

So dachte er, erhob sich und fand sich, ein wenig erleichtert, an seinem Schreibtisch wieder.

***

Alba Adele August ist 1993 in Kopenhagen als Tochter eines dänischen Regisseurs und einer schwedischen Regisseurin und Schauspielerin geboren worden. Schon im Jahr 2001 wurde sie Kinderdarstellerin. Im Verlaufe bekam sie immer „größere“ Rollen. So spielte sie 2018 in dem Kinofilm „Astrid“ die junge Astrid Lindgreen.

Ihre erste Single veröffentlichte Alba August im Jahr 2020. Seither sind mehrere bemerkenswerte Songs entstanden. Einer der für mich schönsten und melodisch und textlich hörenswertesten ist der nachfolgende aus dem Februar dieses Jahres:

August Alba – „Honey“

Tagebuchseite -987-

Silberstreif(en)

Der Kopf ist nicht frei. Und er wird es wohl auch nicht mehr. Er wird von früh bis abends gefordert und auch an den Wochenenden hat er kaum Pause.

Der Alltag ist, wie er immer ist. Er nimmt keine Rücksicht auf diejenigen, die ihn bestreiten müssen, um wenigstens zu existieren. Der Alltag, den diejenigen nicht selbst machen, nicht selbst planen können, weil sie abhängig sind von jenen, die die Vorgaben machen. Die, die Mächtigen sind und letztlich bleiben.

Das Herz ist auch nicht frei. Das hat nicht unwesentlich auch mit dem Alltag zu tun, aber nicht ausschließlich, sondern sehr maßgeblich mit anderen Herzen, anderen Seelen und deren Nähe oder Ferne.

Ein Herz, das nicht frei ist, ist gefangen. Gefangen in sich selbst. Ohne andere Herzen, andere Seelen, kann es nicht frei sein oder werden, es bleibt im Gefängnis. Manchmal scheint es mir, dass jeder Ausbruchsversuch dessen Gitter nur noch stärker macht, dann, wenn er scheitert. Wenn „genug“ Versuche gescheitert sind, steht da eine Mauer. Und die ist schließlich unüberwindlich.

Es ist kalt und dunkel, überall heulen Wölfe und ich spüre, dass da irgendwo die Grenze ist. Aber ich kann sie nicht erkennen, sehe sie nicht. Herzen hinter Mauern sind blind.

Mit dem Gefangen sein des Herzens, werden auch die Freiheit des Redens und des Schreibens geringer. Die Verletzlichkeit, die Verletzbarkeit werden größer. So groß, dass ich mich immer häufiger nicht einmal mehr traue, über Silberstreifen zu sprechen oder zu schreiben. Silberstreifen, die so selten geworden sind, dass, wenn mich einer findet, ich es kaum auszuhalten vermag. So groß sind dann augenblicklich Glück und Schmerz.

Vorige Woche hat mich so ein Silberstreif gefunden. Einer mit einem Namen, einem sehr schönen. Für einige Minuten war er mir ganz nah, für ein paar Sekunden hat er mir sogar eine Umarmung geschenkt. Eine so reine, so ehrliche Umarmung, wie sie ganz, ganz selten sind und unvergesslich bleiben. Ich würde ihn so gern Freund nennen und zum Freund haben, diesen Silberstreif. Aber geschähe das, so würde es niemand verstehen.

Dieses Unverständnis, von dem ich weiß, dass es allgegenwärtig ist, verletzt mich zutiefst.

Es ist so sehr Alltag, wie die Allmächtigkeit der Macht, wie der Egoismus, wie der Vormarsch des Animalischen in Menschengestalt. Die, die nicht schon zu Tieren geworden sind, werden von jenen, die es bereits sind, gezwungen, es auch zu werden. Tiere, die dem Recht des Stärkeren krankhaft hörig sind oder werden und/oder solche, die mehr und mehr ums nackte Überleben kämpfen.

Brutalität, Rücksichtslosigkeit und Heuchelei sind längst Imperativ. Da ist kein Platz für Verständnis, schon gar nicht für etwas, was nicht der kategorischen Ellenbogenmentalität entspricht, was anders ist, nicht „normal“, fein, sensibel, rein und aufrichtig.

So etwas kann und will nicht verstanden werden. Bestenfalls würde es einen „Shitstorm“ provozieren, euphemistische Umschreibung für das, worin es enden könnte: Lynchjustiz.

Ich begreife, dass ich aufhören muss, in dieser Welt zu sein. Jedenfalls aller meistens.

Für ganz wenige und jene, die mir als junge Menschen anvertraut sind, darf ich es noch scheinen, da zu sein. Und als Schein ein bisschen Liebe geben, so wie ich sie empfangen habe von jenem Silberstreif, mit der ganz reinen Seele und mit dem schönen Namen, am Ende der vorigen Woche.

***

La Femme ist eine Band aus Frankreich. Ihre ersten Lieder veröffentlichte sie bereits im Jahr 2010. Die Musik der Band lässt sich beschreiben als synthetisch und hypnotisch, beeinflusst durch Velvet Underground, Kraftwerk und einer Mischung aus Cold Wave, Punk, Yéyé und Surfmusik. Von ihrem 2021 erschienenen Album „Paradigmes“ stammt das Stück „Va“, das ich heute hier teile. Frei und nicht autorisiert übersetzt lautet der Text dieses Liedes so:

Geh wie der Vogel, der an meinem Fenster singt

und schau nicht zurück.

Obwohl, vielleicht …     

Manchmal tut es dir weh.

Und vor allem glaube an deinen Glücksstern.

Und geh‘.

Und geh‘ …

Geh wie ein Vogel, ohne Gott oder Meister.

Und wohin du gehen wirst,

werden wir diese Stimme weitergeben müssen.

Wer wird es uns sagen,

dass man immer an seinen Glücksstern glauben muss?

Du wirst verschwinden …

La Femme -„Va“

Tagebuchseite -986-

Wunschlos

Es ist wahrlich weit gekommen. Die Seiten meines Tagebuchs vergilben, bevor ich sie zu beschreiben vermag.

Zeit und Dasein verrinnen zwischen meinen Fingern, fließen an mir vorbei. Das zahlreiche Treibgut in diesem Fluss trifft mich immer wieder, meinen Körper und vor allem meine Seele. Die Stöße tun weh, manche hinterlassen Verletzungen. Aber ich bleibe stehen, stelle mich dem Fluss, jeden Tag, immer wieder.

So zu stehen, stehenzubleiben in jenem Fluss, zu tun, was ich tun kann und auszuhalten, bringe ich immer noch die Kraft auf. Dafür werde ich durch dankbare Kinderaugen belohnt. Es ist so ein grundehrliches Salär, das so wenig mit „zahlen“ zu tun hat. Es wird mir einfach gegeben und ist die Speise, die mich weiter stehen lässt im Fluss, gegen alle Strömung, gegen alles Treibgut.

Für mehr reicht sie freilich nicht, diese schöne Nahrung. Alle Kraft, die sie spendet, geht für das Verharren im Fluss drauf. Sie und die am Ende der Tage verbleibende Zeit genügen nicht mehr, noch irgendein Ufer zu erreichen. Und so vergilben die unbeschriebenen Tagebuchseiten …

Wie glücklich ich bin, wenn ab und an einmal die eine besondere auf dem Fluss schwimmende Insel in meine Nähe treibt, so nah, dass ich eine liebe Stimme hören und ein wenig mit ihr ins Gespräch kommen kann! Ihr Klang und unsere Konversation haben die Aura jenes Lebens, nach dem ich mich immer gesehnt habe.

Nunmehr kämpfe ich gegen diese Sehnsucht an, wie gegen das Treibgut des Flusses, weil auch sie nur noch weh tut. Ich strebe danach, illusionslos zu werden. Umso mehr als ich zu verstehen beginne, dass alle meine verbliebenen Wünsche Illusionen sind oder werden. Und wissend, dass mich auch Wunschlosigkeit nicht mehr glücklich machen wird. Niemand ist wunschlos glücklich, am wenigsten der, der wirklich wunschlos ist, der keine Wünsche mehr hat bzw. haben sollte. Für ihn geht es nur noch um Schadenbegrenzung, darum, den Schmerz von Illusionen zu mindern.

Meine letzte Mission ist es, so lange als möglich zu arbeiten und dadurch Wissen, Freude und das Gefühl von Liebe zu vermitteln, zuvorderst jenen Kindern, die mir anvertraut sind, denen, die ich weiter mögen und lieben möchte, egal wie viel oder wie wenig Erwiderung das findet, und der im Fluss schwimmenden Insel, so gut es mir nur eben noch möglich ist, Begleiter und Anker zu sein, so wie sie es für mich ist. Sie ist, was mir geblieben ist.

Diese drei Momente ist es, die meine Resignation unvollkommen sein und bleiben lassen, eine Resignation, die ich ansonsten beschlossen habe, irgendwie zu akzeptieren. Wenn die Kraft schließlich fehlt, bleibt keine andere Wahl. Immerzu gegen Windmühlen zu kämpfen, ist selbstzerstörend. Ich habe das so lange getan. Nun ist nicht mehr viel übrig.

Ich spüre das, weil jede Sache, die mir noch Freunde schenkt, mich zugleich auch immer traurig macht. Kleinste Anlässe genügen inzwischen, um aus meinen Augen Meere werden zu lassen, dann wenn ich dankbar bin, dann wenn ich für andere Menschen hoffe. Beides tue ich sehr oft.

Die Anlage zu dieser Art „Weichheit“ trage ich schon sehr lange in mir, inzwischen bricht sie sich halt Bahn, wie nie zuvor.

So stehe ich weiter im Fluss.

Was noch Bahnen zieht, sind meine Gedanken. Die meisten davon verschwinden in der Unendlichkeit. In der populären Realität finden sie nahezu keinen Platz mehr. Ich versuche, mich auch darein zu fügen, zu akzeptieren, was offenkundig nicht anders sein kann, nicht so, wie ich es mir einmal gewünscht habe.

Und das ist so ziemlich alles.

Und so versuche ich es nunmehr während jeder Sekunde meines Daseins: Wunschlos zu sein.

***

Das aktuelle Album von Ezra Furman heißt  „All OF US Flames“.  Von ihm stammt das Lied, das ich heute hier teile, ein für mich durch und durch beeindruckendes Werk. Vor allem sein Text hat mich zutiefst berührt, nicht zuletzt vor dem Hintergrund meines Wissens, dass die amerikanische Musikerin, Sängerin und Songschreiberin Ezra Furman eine bisexuelle Transfrau ist und sich hierzu offen bekennt. Darüber hinaus ist sie jüdischen Glaubens.

Ihre erste Band gründete sie als eines von vier Geschwistern gemeinsam mit Kommilitonen an einer Universität in Boston. Dies war der Start einer ungemein und in vielerlei Hinsicht wechselvollen Musikkarriere, der von der Gründung vieler Bands, unterschiedlichem Erfolg und Stilwechseln gekennzeichnet gewesen ist.

Das Lied  „Point me toward to real“ gehört für mich zu den schönsten von Ezra Furman, die übrigens, so verrät ihr Instagramaccount, Mutter eines Kindes ist.

Ezra Furman – „Point me toward to real“

Tagebuchseite -985-

Jeder lebt für sich allein

Einer, der allesamt sehr lesenswerten Romane des Schriftstellers Hans Fallada, trägt den Titel „Jeder stirbt für sich allein“.

Ich bin oft über diese Aussage ins Nachdenken geraten, aber schließlich habe ich doch immer gefunden, dass sie zutreffend ist. Denn auch, wenn ein Mensch bis zu seinem Ende auf Erden hin begleitet ist, wenn ein oder mehrere andere Menschen ihn aufsuchen, ihm hilfreich zur Seite stehen, an seinem Sterbebett sitzen, so vollzieht er den letzten Atemzug, so schwach er auch sein mag, allein. Und so tritt er auch in das Reich des Todes ein.

Das Leben, so heißt es, vermag kein Mensch allein zu leben. Das liegt in seiner Natur, die ihn als ein soziales Wesen definiert, egal wie sozial er selbst sich verhält. Er ist abhängig von anderen Menschen. Im Säuglingsalter ist das offensichtlich, aber auch in den weiteren Lebensphasen ändert sich das nicht.

Je weiter die Entwicklungen, die technischen vor allem, auf der Erde vorangeschritten sind, je komplexer die Welt geworden ist, desto größer ist diese Abhängigkeit geworden. Desto größer aber auch das menschliche Streben nach Individualität, nach Selbstverwirklichung, auf sich auf immer höher und spezifischer werdenden Ebenen reproduzierenden Stufen. So viele Menschen möchten besonders, möchten anders sein als die anderen, sich abheben von der Masse, zu der sie doch immer wieder werden. Weil sie einander in ihrem Streben folgen. Denn so, wie sie individueller sein mögen, möchten sie doch auch immer „dazu“ gehören.

Diejenigen, die von vornherein besonders oder anders sind, etwa aufgrund körperlicher, geistiger, ethnischer, kultureller oder geschlechtlicher Spezifität, aufgrund eigener, wesenhafter, charakterlicher Eigentümlichkeit, haben es schwerer „dazu“ zu gehören. Vor allem letztere streben dies im Gegensatz zur Mehrheit der anderen Menschen weitaus weniger oder auch gar nicht an. Aber auch sie sind ihrem Wesen nach soziale Individuen und bedürfen anderer.

Die Situation, wo ein Mensch im Sterben liegt und ein anderer ihm die Hand hält, womöglich für ihn betet und den Tod des so Begleiteten doch nicht verhindern kann, ist, so hat es sich für mich erschlossen, repräsentativ. Repräsentativ für das Leben, die Lebenszeit.

Jeder lebt für sich allein.

Solange ein Mensch das Vermögen hat und in die Lage versetzt ist oder wird, eine Entscheidung zu treffen, trifft er sie. Nur er! Er mag darin beeinflusst sein, bestenfalls durch Freundinnen oder Freunde, durch ihm wohlgesonnene Menschen, vielleicht seine Familie. Aber die Entscheidung, die schlussendliche, trifft er, muss er treffen. Niemand anderes kann und wird das für ihn tun. Und wenn er sich in dem einen oder anderen Fall nicht entscheidet, ist dies auch seine Entscheidung.

Niemand kann darauf vertrauen, dass bzw. wann und wie er durch andere Menschen unterstützt oder begleitet wird. Keine beste Freundin, kein bester Freund, kann und wird immer da sein können. Allenfalls moralisch, auf der geistigen Ebene, als Seelenverbund. Nicht aber in der unmittelbaren Realität täglichen Lebens.

Jeder lebt für sich allein. Ob er dabei (auch) bewusst oder unbewusst für andere lebt oder nicht. Ob er Liebe gibt oder nicht. Ob als Altruist oder Egomane oder irgendetwas dazwischen.

Ich denke inzwischen, dass dies ein, wenn nicht das Gesetz des Lebens ist. Ich versuche, das zu akzeptieren und, vor allem, es anzunehmen. Insbesondere für mich persönlich.

Eine solche Akzeptanz und Annahme ist für einen Menschen, dem Egoismus wesensfremd ist, ungemein schwer. Aber ich erkenne keine Alternative (mehr) dazu.

Wenn ich mein Empfinden von Enttäuschung und Einsamkeit vermindern und mich weniger in Träumen und Sehnsüchten verlieren möchte, die mich letztlich doch nur quälen, weil sie sich zunehmend als unrealistisch, als unerfüllbar erweisen, muss ich mich darum bemühen, entsprechend zu akzeptieren und anzunehmen.

Niemand wird für mich zu einem Arzt gehen, egal wie viel Angst ich vor dessen Besuch habe. Niemand wird überhaupt eine Angstattacke oder eine depressive Phase für mich durchstehen oder überwinden können. Keiner wird den Unterricht, den ich in der Schule zu geben habe, für mich vorbereiten. Und nicht eine/r wird mir eine Streicheleinheit schenken, der oder die das nicht möchte, mag ich mir auch noch so sehr etwas von dieser Geborgenheit wünschen. Selbst Dinge oder Taten, die ich gern mit anderen teilen möchte, kann und darf ich niemandem aufzwingen.

Ich muss es besser lernen, allein zu leben, allein für mich.

Jeder stirbt für sich allein.

Jeder lebt für sich allein.

***

Das Lied, das ich heute teile, hat nichts mit dem Text da oben zu tun. Aber ich habe es in den letzten Tagen entdeckt und ich mag es halt sehr. Ich liebe seine Melodie, seine Instrumentierung, die Stimme seiner Sängerin und vor allem die Art seiner Interpretation

Delilah Montagu, seine Interpretin, eine englische Sängerin und Songschreiberin, wurde als Paloma Ayana Stoecker  am 23. September 1990 in Paris geboren. Nach der Trennung ihrer Eltern zog sie mit ihrer Mutter nach England. Im Alter von 12 Jahren schrieb sie mithilfe des ersten Instruments, das sie zu spielen erlernte, einem Klavier, ihr erstes eigenes Lied. Im Alter von 17 Jahren erhielt sie ihren ersten Vertrag bei einem Plattenlabel.

Nach eigenen Angaben ist sie vor allem von folgenden Bands und Musikern beeinflusst und inspiriert worden: The Smiths, Bon Iver, Carole King, Nick Drake, Bob Dylan, James Blake, John Mayer, Paul Simon, The Band und Joni Mitchell.

Hier ist das Lied, das entgegen seines Titels, eher leise daher kommt:

Delilah Montagu – „Loud“

Tagebuchseite -984-

Goethe im Regen

Mein Weg an diesem Morgen hat kein schönes Ziel. Er gehört zu den vielen Wegen des Lebens, die ich mir nicht aussuchen kann. Seinem Verlauf folge ich fast jede Woche einmal, meist freilich mit anderem Ende.

Ich denke daran, dass jemand einmal gesagt hat, dass der Weg das Ziel sei. Zugleich versuche ich mir zuzusprechen, einzureden, dass auch Metaphern nicht absolut sind. Trotzdem überkommt mich wieder jene dystopische Stimmung, die mein Wesen mehr und mehr einzunehmen beginnt …

Mein Weg führt quer durch die Zivilisation. Der Zivilisation, wie sie sich entwickelt hat, geworden ist.

Auf und neben den rostigen Abfallcontainern für Papier; Glas und Plastik, sehe ich Geschirr, das wohl jemand dort abgestellt hat. Irdene Schüsselchen, kleine Teller und Tassen, manchmal fehlt wohl ein Teil von einer bestimmten Farbe. Aber sonst sind die Stücke eigentlich schön anzusehen. Sie sind jeweils halb gefüllt mit schmutzigem Regenwasser und harren wohl bestenfalls dem Schicksal eines der Tellerchen, das zerborsten auf dem Boden liegt. Es ist wie mit allem: Wo ein Stückchen eines Ganzen fehlt, wird es nicht improvisiert oder ersetzt. Ein neues Ganzes muss an seine Stelle treten, „on vogue“, natürlich. Selbstverständlich.

Ich sehe außerdem ein Tassenpärchen, deren Aufdrucke vom Jubiläum einer nahe gelegenen Apotheke erzählen. Vor zwei Jahren ist das gewesen, das Paar Tassen durften treue Kunden als Geschenk mitnehmen. – Warum nehmen Menschen Dinge, für die sie nicht bezahlen müssen, mit, wenn sie sie nicht brauchen, wenn sie sie dann nur wegwerfen?

Auf dem Stumpf eines Begrenzungspfahls, der den Weg von einem Wiesenstück des angrenzenden kleinen Parks trennt, sehe ich nun ein Buch. Sein Deckel fehlt und seine Seiten sind arg durchgeweicht vom Regen. Auf dem Rasen liegen verstreut losgerissene Seiten dieses oder einiger anderer Bücher. Alles Paperbackausgaben und soweit ich das erkennen kann, handelt es sich um Romane und Erzählungen, die niemand mehr lesen konnte oder wollte. Es war ihm oder ihr offensichtlich egal oder gar recht, dass Wind und Regen sie bis zu ihrer Unkenntlichkeit zerstören würden.

Da weht ein Windstoß einen abgerissenen Buchdeckel in meine Nähe. Während ich weitergehe, kann ich „Goethe“, auf ihm gedruckt, lesen. Ich beginne, Scham zu fühlen, noch mehr als mir die Erinnerung an eine Zeitungslektüre der letzten Tage präsent wird. „Leyla“, so hieß es dort, sei Sommerhit des Jahres in Deutschland, -zig millionenfach geklickt, gelikt, gehört und mitgegrölt. Und auch „Dicht im Flieger“ sei ein großer Hit. – Frauen abwertende und diskriminierende und das ungezügelte Saufen heiligende Lieder werden von Millionen in diesem Land geliebt und gehuldigt. Und hier liegt Goethe im Regen, weggeworfen, zerfetzt, unbeachtet …

Ich gehe weiter, weil ich ja muss, aber es wird nicht besser.

Der nächste Containerstellplatz vermittelt einen Hauch von Endzeit. Die Müllbehälter sind keineswegs voll oder gar überfüllt, dafür ist das Umfeld eine Halde wahllos hingeschmissener Abfälle. Verdorbene Lebensmittel unter und über aufgeweichter Altkleidung, Sperrmüllteile und unsäglich viel Plastik jedweder Art und Größe.

So wie hier sieht es nicht überall aus, aber immer wieder. Und sehr häufig. Und ein Blick in die Restmülltonne der Bewohner des Mehrfamilienhauses, in dem sich meine Wohnung befindet, verrät, dass sich hier offensichtlich kaum jemand damit befasst, seinen Müll zu trennen, denn in dieser Tonne befindet sich buchstäblich ALLES! Da ist es kaum ein Trost, dass das Umfeld hier nicht gar so verwahrlost ausschaut.

Mein Resümee für den morgendlich abgeschrittenen Ausschnitt der Zivilisation kann und muss das folgende, eindeutige sein:

Den Menschen (hier) sind ihre Umwelt und die Folgen ihrer immer weitere fortschreitenden Zerstörung schlicht und ergreifend scheißegal. Und etliche von ihnen hypen „Leyla“ und schmeißen Goethe weg, falls sie ihn überhaupt je besessen haben.

Das ist schlimm. Noch schlimmer ist, dass ihre Unterhaltungen auf der Straße, im Discounter, im Bus oder sonst wo eine ganz andere Sprache sprechen und Einstellung vorheucheln. Niemand von ihnen ist „Schuld“ und niemand von ihnen wird sich je von „Friday for Future“ wirklich erreichen lassen.

Ich weiß, dass dieser Text, nicht erklärt, nicht begründet, nicht nachvollziehbar macht, weshalb ich tatsächlich den Glauben an die Menschheit verloren habe. Er wirkt wie ein lächerliches, nicht repräsentatives Einzelbeispiel, das sich möglicherweise mit (m)einem resignierenden, pessimistischen Charakter verbunden hat. Jeder mag das sehen, wie er möchte.

Und jeder mag auch mit meiner Antwort auf die Frage, ob ich denn meine, genug für Umwelt- und Klimaschutz, zu tun, machen, was er will. Die Antwort, die übrigens lautet: „Nein, ich glaube nicht, dass ich schon genug tue.“ Und das nicht nur, weil es tatsächlich immer wieder sehr schwer und schwierig ist in unserer, durch uns und „für“ uns gemachten Welt, so wie sie ist und sich weiter entwickelt.

Dabei fängt das mit dem „schwer“ und „schwierig“ schon zu Hause an. Weil ich etwa tatsächlich die Meinung vertrete und lebe, dass man auch aus etwas „zusammengewürfeltem“ Geschirr essen und trinken kann, und zwar sehr dauerhaft. Weil ich als belächelnswerter Außenseiter gelte, weil ich weder Auto fahre, noch Flugzeuge oder Kreuzfahrtschiffe benutze, freilich nicht ohne immer wieder mit unterstellendem Ton daran erinnert zu werden, dass ich mich insoweit aufgrund meiner Angststörung (die mir sonst grundsätzlich nicht als Krankheit abgenommen wird)  ja leicht entsprechend verhalten und argumentieren könne.

Daran, dass ich keiner Markenkleidung hinterherjage, auf „Topmode“ keinen Wert lege und allgemein meine Kleidungsstücke regelmäßig über viele Jahre trage, stößt man sich kaum, viel mehr aber schon wieder daran, dass wir immer noch keinen HD-Fernseher besitzen, was andererseits nun dazu führt, dass uns nach und nach immer mehr Programme einfach abgeschaltet werden, weil die nur noch in HD ausgestrahlt werden. Irgendwann werde ich demzufolge genötigt sein, das noch voll funktionstüchtige Gerät auf den Müll zu befördern und durch ein neues (on vogue!) zu ersetzen.

Ich habe trotz meiner Bemühungen noch viel zu tun. Alle Fragen wirklich ehrlich beantwortend, habe ich herausgefunden, dass mein ökologischer Fußabdruck bei 3,4 liegt.  Wenn alle Menschen so leben würden wie ich, bräuchten wir 2,1 Erden pro Jahr. Nachhaltig leben würde ich bei einem Fußabdruck von 1,6. In der Welt beträgt der Fußabdruck aktuell durchschnittlich 2,8, in Deutschland 4,7. Ich liege dazwischen.

Das ist schon alarmierend, wenn ich bedenke, dass ich, das bereits Genannte ergänzend, gemessen an allen Mitgliedern meines Haushalts weniger als 25 m² pro Person bewohne, viele „Standardkonsumgüter“ (z.B. Wäschetrockner) gar nicht besitze, im Verhältnis eher wenig Fleisch esse, nur zu Fuß gehe, mein Fahrrad oder öffentliche Verkehrsmittel benutze und einen wirklich geringen Stromverbrauch ca. 500 kWh pro Person und Jahr habe.

Ich werde, allen Unbilden und allem Gerede zum Trotz, nicht aufhören, weiter zu versuchen umweltbewusst und umweltbewusster zu leben, das auch zu teilen und dafür zu werben.

Mit Blick auf das, was mich umgibt, jene Zivilisation im Großen wie im Kleinen, habe ich allerdings meinen Glauben an die Menschheit wirklich und nachhaltig verloren.

Ich bemühe mich, damit im Stillen zu leben.

Aber Goethe liegt im Regen. Und wie!

Und ich komme mir vor, als hätte ich mich verlaufen …

***

Vom Verlaufen erzählt auch das Lied, das ich heute hier teile. Video, Art der Darbietung und Musik, lassen einen eher naiv-fröhlichen Eindruck entstehen – der Text hingegen spricht eine andere Sprache. Das ist typisch für die Stücke von CocoRosie bzw. den beiden Schwestern Sierra und Bianca Casady aus den USA. Nach Studien (Sierra in Paris am Konservatorium Gesang, Bianca Sprachwissenschaften und Soziologie) und einer Weltreise von Bianca im Jahr 2003, entstand ihr erstes Album. Beide Schwestern leben schon seit längerer Zeit in Paris. –

Das Lied „Restless“ stammt von ihrem 2020 erschienenen Album „Put the shine on“.

Tagebuchseite -983-

Der einundsechzigste Sommer

Die Natur beginnt in einer Galaxie, die ich in diesen Sommerwochen nur dann erreichen kann, wenn ich in mich gehe, tief in mich. Dort sind die Orte, die Landschaften, die Erlebnisse und die Menschen der anderen Sommer. Ich reise in die Erinnerungen an jene Zeiten und das Land, das nur in mir selbst existiert, in die Heimat der Ferne, nach der ich mich sehne, obwohl sie doch in mir wohnt und nur aus mir kommt, in diesen Tagen und Wochen viel mehr und stärker noch als sonst.

Ein Duft, der aus einem lange vergangenen Urlaub stammt, streift meine Nase, obwohl er gar nicht da ist. Damals bin ich noch nicht mal zur Schule gegangen …

Die Melodien, die ich ihn begleiten lasse, passen nicht in seine Zeit. Aber das ist mir egal, ich freue mich, dass sie gerade jetzt wieder einmal zu mir gefunden haben. Sie sind inzwischen in ihren späten Dreißigern oder frühen Vierzigern.

Der Vogel der Nacht sieht eine einsame Träne über das Gesicht einer faszinierenden irischen Sängerin rinnen, während sie in ihrem Lied von einem unvergleichlichen Menschen erzählt. Und ich bemerke, dass die weißen Tauben schon einmal so sehr müde waren, damals, als ein paar wunderbare Australier, die sich den Namen „Schlimme Not“ gegeben hatten und sich in die Hoffnung von Frieden sangen unter anderem mit den Worten: Aber es steht im Sternenlicht geschrieben
und in jeder Handlinie von euch, dass wir Dummköpfe sind, wenn wir Krieg führen …

Lange ist das her. Ich habe damals auf faszinierenden Wanderungen bewaldete Bergkuppen in meine Arme geschlossen und zum ersten Mal Buchteln, gefüllt mit Pflaumenmus, gegessen. Zum Takt einer Musik schossen unzählige Wasserkristalle in den sonnendurchfluteten blauen Himmel. So war es viele, viele Male. Und ich konnte dort loslassen, jedes Mal, wenigstens für ein paar Tage. Sommertage.

In diesem Sommer ist sogar das Wasser weit. Unerreichbar, selbst jenes, welches beinah vor meiner Haustür wohnt. Wenn ich meine Blicke über seine Wellen gleiten lasse, um einen Sonnenuntergang einzufangen, dann ist auch das nur Erinnerung. So wie alles, was Sommer war und ist.

Nur die eine Reise ist geblieben. Jene in die Geschichten hinein, die andere Menschen aufgeschrieben haben. Ich lese, lese sie, damals wie heute. Es gibt so viele, dass ich sie niemals auch nur annähernd alle werde lesen können. Welch schöne Aussicht, denn so bleibt mir, immerhin so lange mein Augenlicht noch stark genug leuchten mag, die Gewissheit, dass dies die letzte der angenehmen Konstanten all meiner Sommer ist. Einschließlich des jetzigen, des einundsechzigsten.

Ansonsten ist viel Lähmung in mir, wohl aus einer Erschöpfung geboren, die nachhaltiger und tiefer ist, als ich es wahrzuhaben imstande bin. Sie und die gesundheitlich bedingte Einschränkung meines aktuellen Daseins lassen (zu)viel Raum für Gedanken.

So denke ich zum Beispiel gerade häufig an die Maxime, wonach ich Freund meiner Seele sein und bleiben soll. Ich habe gelernt, dass sein Ich zu mögen, die Basis sein soll, um andere und anderes wirklich mögen, ja lieben, zu können.  Und ich habe gelernt, dass sich selber Freund zu sein, selbst dann, wenn man sich einsam fühlt, Zweisamkeit bedeutet.

Während ich daran zu glauben, mich daran aufzurichten versuche, kommt mir in den Sinn, dass es Freundschaften gibt, die toxisch sind.

Kann Freundschaft zur eigenen Seele toxisch sein oder werden?

In jedem Fall fühlt sie sich keinesfalls immer gut oder gar einfach an, so viel kann ich sagen. Besagen oder gar bewirken kann dieses Empfinden freilich nichts, denn schließlich kann kein Mensch sich selbst verlassen, jedenfalls nicht lebend.

In jeder Phase seines Lebens aber lebt er letztlich in seiner Zweisamkeit. In und mit ihr muss er alle Herausforderungen, alle Situationen, jedes Empfinden meistern, und im Zweifel eben auch nur mit ihr.

Nie war mir das bewusster als jetzt während meines einundsechzigsten Sommers. Auch, aber keineswegs nur, weil mein Vater, wenn auch schon schwer krank, im vorigen Sommer noch lebte. Er, der seinerzeit den Duft aus jenem inzwischen längst vergangenen Urlaub mit mir gemeinsam genossen hat.

Und so falle ich wieder in Erinnerung …

*

Das „Update“ zu mir, meiner „körperlichen Hälfte“: Die Operation ist überstanden und soweit gut verlaufen. Ich brauche aber noch Zeit. Da sind noch ein paar Schmerzen, noch ein paar Nachbehandlungen, vorsichtige Schritte aber immerhin möglich. Mehr muss erst langsam wieder werden.

***

Würde ich meine Seele Königin nennen, dann läge in folgendem Lied viel Wahrheit für mich. Es  erzählt von der Sehnsucht nach innerem Frieden, nach einem Ankommen …:

Die andere Seite – „Die Königin“

Tagebuchseite -982-

Seine Seele möge frei sein und Frieden finden …

… so lauten, hunderttausendfach gesprochen, letzte Worte, wenn ein Mensch verstorben ist, gesprochen an seiner letzten Ruhestätte. Der letzte Wunsch.

Ich wünsche mir oft, dass meine Gedanken fliegen könnten, dass ich sie wegfliegen lassen könnte, ohne Rückkehr, auf Nimmerwiederfühlen. Damit ich Frieden fände, meine Seele frei würde.

Ich gehe nach draußen, lasse die Blicke meiner Augen über das Meer schweifen, in das Grün der Bäume tauchen oder über ein vernebeltes, schneebedecktes, brachliegendes Feld. Laufe durch die Straßen der Stadt, das Spiegelbild dessen, was mich umtreibt, auf die Schaufenster gemalt zu sehen, solange ich vor ihnen stehe.

Und manchmal, wenn ich über die Brüstung des Balkons schaue hin zur Weite des Horizonts, dann ertappe ich mich bei der Vision zu springen und im Flug die schweren Gedanken zu verlieren. Im selben Augenblick erschrecke ich. Ich habe Angst vorm Fliegen. Und ich wäre tot nach dem Sprung. Aber dann würden, vielleicht auch für mich, die Worte, der Wunsch vom Frieden und vom frei sein der Seele gesprochen…

Ich habe nie daran glauben können und ich glaube nicht daran, dass der Tod das Tor zur Freiheit der Seele ist. Die Menschen, die meinen, die Stimme Gottes hören und interpretieren zu können, habe ich immer wieder sagen hören, dass ich ohne diesen Glauben, dieses Vertrauen, nie frei würde. Ohne den Glauben an den Tod als letzte und einzige Instanz für Freiheit.

Wozu dann überhaupt leben?

Ich bekenne, dass ich mich das mit Verlauf meiner Existenz immer häufiger frage. Und, dass mir das Antworten immer schwerer fällt oder besser das Aussprechen und Leben dieser Antwort. Denn ich kenne sie und ich mag sie, sie ist der einzige Sinn. Sie lautet: Leben, um zu lieben.

Meine Beobachtung ist, dass immer mehr Menschen das Lieben verlernt haben. Oder nie kennengelernt. Oder „abgelegt“.

Liebe und Lieben sind keine Episode, sind nicht Sex, sie erwachsen nicht aus und wachsen nicht mit materiellem Reichtum, sie sind nicht zu erkaufen, nicht zu erzwingen, nicht zu verkaufen. Schmetterlinge im Bauch können ein Zeichen für sie sein, machen sie aber nicht aus. Wirkliche Liebe ist so viel mehr, ist so anders als ein Schmetterlingsleben. Sie ist MENSCHLICH.

Liebe und Sprache charakterisieren Menschlichkeit im ureigenen, im originären Sinn.

Wir sind dabei, beide mehr und mehr zu vernachlässigen, zu ersetzen, zu verlieren. Viele bemerken das nicht, anderen wird es gleichgültig, etliche bezwecken oder wollen es sogar.

In einer Welt, in unserer Welt, in der dies mehr und mehr geschieht, haben es Menschen, die den Sinn von Liebe und Sprache als Unterpfand ihres Daseins und also buchstäblich zum Atmen brauchen, schwer. Sie spüren es besonders, wann und wo keine Liebe mehr ist, und wie schwierig es ist, überhaupt noch verstanden und nicht mehr oder weniger höhnisch oder zynisch bemitleidet oder gar verlacht zu werden für ihr Bestreben, ganz urmenschlich Liebe geben, schenken zu wollen.

Dieses Spüren gebiert die schweren Gedanken in ihnen, in mir. Die, die ich nur allzu gern fliegen lassen würde, auf Nimmerwiederfühlen.

Solange so wenig Liebe ist auf der Welt, solange es immer weniger davon gibt, sie immer weniger erlebbar, wahrnehmbar ist und wird, solange die gegenläufigen Tendenzen anhalten und, wie aktuell, mehr und mehr werden, solange werde ich keinen Frieden finden, so lange wird meine Seele nicht frei sein können.

Wenn der Tod eine Hoffnung wäre …

Aber das ist er nicht, und so wohl und ehrlich gemeint jene letzten Worte an der letzten Ruhestätte von Menschen sein mögen, für mich haben sie einen unaufrichtigen, vertröstenden, zynischen Beigeschmack.

Menschen, die mehr, die anders, intensiver zu glauben vermögen als ich, mögen aufschreien bei diesem Resümee, werden mich vielleicht warnen wollen vor dem Preis, der mich erwarten kann (oder wird?), wenn ich so gar kein Vertrauen in ein Leben, in eine Befreiung der Seele nach dem Tod aufzubringen vermag.

Ich aber kann nicht anders, will womöglich nicht anders. Für mich ist Liebe der einzige Sinn und deshalb der einzige Glaube, die einzige Hoffnung. Und ich will glauben und hoffen. Für und auf das Leben, das irdische. Nicht auf den Tod. So sehr das auch anstrengt und so sehr das weh tut, fortgesetzt.

***

SEDA wurde in Gütersloh geboren. Seit ihrem achten Lebensjahr musiziert sie. Klassische Musik ist ihr Fundament, erste Berührungen damit hat sie in ihrer Kindheit als sie vom Kirchenmusikdirektor und Leiter des Bachchors ihrer Geburtsstadt entdeckt wird.

SEDA hat eine einzigartige Stimme, die Instrumentierung ihrer melodiösen, eingängigen Lieder ist zumeist sparsam, aber die Texte haben es in sich. Etliche sind autobiografisch und sehr persönlich. Als junge Frau, die türkische Wurzeln hat, singt sie über geheime Sehnsüchte und unerwiderte Liebe und verkörpert ein Plädoyer für jede Art von Liebe, wenn es nur Liebe ist.

Im Text ihres neuesten, frisch veröffentlichten, ganz besonders schönen und eindrucksvollen Liedes heißt es unter anderem:

„Du bekommst nur dieses eine Leben.  Also, Baby, liebe, wen du willst. In der Liebe gibt es kein Richtig oder Falsch. Wir haben nur dieses eine Leben. Sei weiter, wer du willst. Die richtigen Leute werden deine Begleiter sein.  … Ich weiß, dass du Angst hast und die Reise hart aussieht. Liebe ist für Mutige, aber auch Selbstliebe …“

Das Lied wurde bislang nur ganz wenig gehört. Es hat, wie SEDA überhaupt, viel, viel mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung verdient. Hier ist:

SEDA – „One life“

Tagebuchseite -981-

Von der Schwierigkeit des Dankbarseins und -bleibens

Es ist Sommerzeit und häufiger als sonst lese ich von Menschen, die Ferien machen, die in Urlaub sind, die sich eine Auszeit gönnen und gestalten. Und manchmal sehe ich auch Bilder von diesen Menschen während dieser Zeiten, sehe sie lachen, sehe sie gemeinsam mit Freunden, in der Natur, in interessanten Städten, in Restaurants.

Wenn es Menschen sind, die ich kenne, die mir Freunde sind, dann freue ich mich ganz besonders und von Herzen, dass ihnen solche Zeit, solche Begegnungen, solches Erleben, beschieden sind. Und es schenkt mir ein schönes glückliches Gefühl so von ihnen so lesen, zu sehen, manchmal auch zu hören.

Wo ich lebe, ist Frieden. Ich habe satt zu essen, mir steht genug Wasser zum Trinken und für meine Hygiene zur Verfügung. Meine Wohnung ist weder besonders schön noch komfortabel, aber ich habe in ihr eine sichere Bleibe, meine Existenzmittel sind nicht üppig, aber ich kann auskommen und leben, auch wenn das gerade etwas schwieriger wird.

Es gibt immer noch und immer wieder Menschen, die mir Freude schenken, die mir sagen und zeigen, dass sie mich mögen.

Ich habe Zugang zu Bildung, Information und Kultur. Letzteres sicher vergleichsweise wenig und vor allem weniger unmittelbar, denn hier, wo ich lebe, wohne und arbeite, hat es insoweit nicht die Vielfalt und das Angebot größerer Metropolen.

Schaue ich zurück, so sind da gute und schöne Erinnerungen, beginnend mit Episoden aus meiner Kindheit, sich fortsetzend mit guten Momenten meiner Jugend und meines jungen Erwachsenseins. Und selbst im Alltag des Lebens, der mir schon immer nicht leicht und mit den Jahren immer schwerer geworden ist, finden sich Momente besonderen Lichts, beschützender Wärme und berührend schöner Emotionen.

Ich habe Krankheiten durchgestanden und einmal, als mein Leben an einem ganz seidenen Faden hing, da habe ich schließlich doch bei und in ihm bleiben dürfen.

Ich habe allen Grund, sehr dankbar zu sein. Ich bin sehr dankbar. Und aus dieser Dankbarkeit erwächst, jeden Tag neu, mein Bestreben demütig, bescheiden und möglichst nicht zum Nachteil anderer Menschen, der Natur, der Schöpfung, zu leben, nicht ohne immer wieder feststellen und eingestehen zu müssen, dass ich darin letztlich nur mäßig konsequent und erfolgreich bin.

*

Das Frühstücksgeschirr ist längst zusammengeräumt. Ich sitze vor diesem Fenster und muss aufpassen, mich nicht zu verlieren.

Seit gestern weiß ich endgültig, dass mein diesjähriger Urlaub keiner ist und keiner wird. Die Operation wird erst Ende nächster Woche sein, bis dahin muss ich noch einige Vortermine erledigen. Die Pflichten, die hier auf, neben und in meinem Schreibtisch noch um mich herumliegen, sind zahlreich – ich schaffe es bislang nicht, sie in Angriff zu nehmen. –

Nach der OP wird es mehr Zeit brauchen als gedacht, ich werde keinesfalls reisen können. Selbst das Fahrrad werde ich vier bis sechs Wochen lang stehen lassen müssen. Wenn alles weitgehend komplikationslos verlaufen wird, werde ich mutmaßlich so weit wieder hergestellt sein, dass ich pünktlich zum Ende der Ferien, wenn auch vorsichtig, wieder arbeiten gehen kann.

Ich schalte die Nachrichten ein und höre, dass jeder zehnte Mensch auf unserem Planeten schlimmen Hunger leidet. Die Visionen und nicht mehr visionären Realitäten von bevorstehendem Frieren im kommenden Winter, von unbezahlbaren Stromrechnungen, Mieten, Pflegesätzen, vom Gas- und Getreidekrieg und den unmittelbaren kriegerischen Konflikten, von nie gekannten Hitzewellen und Flächenbränden, von der „Traumhochzeit“ unseres Finanzministers, den Rekordgewinnen bei BASF und den neuerlichen „Engpässen“ in Krankenhäusern und auf Intensivstationen überschwemmen mich.

In mir kommt ein Sehnen auf und ich verfalle in eine Rückschau, die Erinnerungen an Verluste, an Peinlichkeiten, an Versagen birgt, die es zu allen Zeiten meines Lebens gegeben hat, die mit den Jahren allerdings unleugbar immer zahlreicher und schwerwiegender geworden sind.

Ich möchte dankbar sein und bleiben, obwohl das so ist. Ich möchte dankbar sein und bleiben, obwohl die Welt immer mehr aus den Fugen gerät durch Menschen, die sich immer noch und immer weiter bereichern, die die Lebewesen unserer Erde wie Schachfiguren bewegen und dabei sogar Wetten auf deren Fall und den Zeitpunkt desselben abschließen.

Ja, das möchte ich, allem Zweifel, aller Ohnmacht, aller Wut, aller Sorge und aller Depression zum Trotz.

Ich sage mir, dass es mir immer noch gut geht und weiterhin gut gehen wird, selbst wenn alle negativen Visionen wahr werden. Aber während ich das denke, spüre ich um so mehr große Scham in mir aufsteigen, weil ich bemerke, dass ich zuvor nahe daran war, meine Dankbarkeit mal wieder ein Stück weit abhandenkommen zu lassen, um mich beklagen, bemitleiden und ausweinen zu können.

Und in mir steigen Nachgeschmack daran und Prognose dafür hoch, wie sehr ich immer wieder für naiv gehalten, belächelt wurde und werde und ein sich von mir Abwenden spüre, wenn ich bekenne, dass und warum ich mich schäme.

Das ist freilich viel schlimmer als keinen Urlaub haben bzw. leben zu können …

***

Paula Jiven ist 18 Jahre jung und kommt aus Schweden. Sie ist Sängerin und Songschreiberin und hat bereits mit drei Jahren begonnen, Geige zu spielen und schon mit 11 eigene Songs geschrieben. Kürzlich hörte ich per Zufall das Lied, das ich heute hier teile, von ihr und dachte mir: „Hm, ganz schick, vermittelt irgendwie Sommerlaune, ist leicht und lässig.“ – Möglicherweise ist dieser Eindruck leichter Eingängigkeit auch entscheidend dafür gewesen, dass ein großer Mobilfunkanbieter das Lied als eine Art Werbesong genutzt hat.

Allerdings steckt in dem Lied, wie in den meisten anderen von Paula Jiven auch, vor allem textlich weit mehr. Es erzählt tatsächlich von einem nachdenklich werden über die eigenen Ansprüche, über die beständige Unzufriedenheit, das „nie genug“, egal wie gut es uns geht oder wie schön etwas ist. Insofern passt es durchaus zum Thema meines heutigen Tagebucheintrags …

Paula Jiven – „Say that“

Tagebuchseite -980-

Ein Zeichen von meiner Insel

Ob ein Papier beschrieben wird oder nicht, ist der Zeit egal. Der Zeit ist alles egal. Es ist ihr Privileg, Gleichgültigkeit für sich beanspruchen zu dürfen. Sie ist die einzige, deren Gleichgültigkeit belanglos ist, weil sie niemandem damit schadet, gleichgültig zu sein.

Papier ist so sehr die Insel meiner Einkehr, meines Halts gewesen. Während der letzten Wochen habe ich sie, habe ich ihn, verloren.

Emotionen sind Wellen und Wellen können Strömungen gebären, die dich forttragen, von dem, was dir letzte Insel ist, wenn alles andere treibt, forttreibt. Dies zu wissen, schützt und bewahrt dich nicht. Denn täglich musst du deine Insel wieder verlassen, dich einlassen auf das große, tiefe, strömende Wasser, das das Lebensmeer ist. Wenn du dich in das Meer gleiten lässt, kannst du verloren gehen, verharrst du auf deiner Insel, ebenso. Eine wirkliche Wahl hast du nicht.

Es ist mir unmöglich zu beschreiben, was während der letzten Wochen um mich herum, mit mir und in mir passiert ist. Es war jedenfalls viel zu viel, als dass es mir eine Möglichkeit gelassen hätte, meine Insel hin und wieder zu erreichen und gar Papier zu beschreiben.

Man muss auch selbst geschehen, um auf (s)einer Insel schreiben zu können, geschehen aus sich selbst, aus einer Quelle, die Kreativität werden lässt. Ich aber bin nur geschehen worden während der letzten Wochen. Vom Lebensmeer und seinen Wellen, seinen Strömungen. Wenn nicht die eine Strömung dabei gewesen wäre, die immer kräftiger und wärmer wurde, so warm wie die Tränen, die mir schließlich liefen als mir die Sprache versagte, hätte ich vielleicht nie wieder zu meiner Insel gefunden.

Es ist der Lauf der Welt und der gleichgültigen Zeit, dass auch diese Strömung sich nun jeden Tag, jede Woche, ein bisschen von mir entfernen wird. Das Abschied nehmen bleibt mein unablässiger Begleiter.

Immerhin hat sie einen See in meiner Seele hinterlassen, der erst einmal von einem kleinen Bächlein weiter gespeist wird. Es gibt eine winzige Schatzkiste an seinem Grund, darin sich ein speziell für mich geweihter Bergkristall, zwei kleine Harzreliefs, wovon eines meinem Vater geschenkt worden war, mehrere Notizbüchlein und ein Stift, etliche Fotos und einer der unbestreitbar allerschönsten Briefe (erst vor gut einer Woche verfasst) ist, die je an mich persönlich gerichtet worden sind, befinden.

Daneben gibt es da noch Erinnerungen, die bis vor einer Woche noch Geschehnisse und vor allem Begegnungen waren, die ich so gern gegen ein Verblassen festhalten möchte, zuvorderst an A., den „kleinen Engländer“, das körperlich zu ihrem Leidwesen immer noch so kleine, empathisch aber so riesengroße „Herzmädchen“ S. und Ph., die ich in meinem eigenen Herzen, wie eine Freundin sehe, empfinde und wahrnehme, weil sie schon so eine bemerkenswerte und so menschliche Persönlichkeit im reinsten Wortsinn ist.

Ich denke aber auch an V., den „knuffigen und liebenswerten kleinen Meckerer“, an Th., den Jungen, der mit seinen Segelöhrchen und seinen klaren Augen all seinen Schalk so überstrahlen kann, dass nie auch nur der kleinste Groll bleiben kann, egal was er wieder angestellt hat und L., die so tiefe Gedanken hinter ihrer oft lustigen und gar überschwänglichen Leichtigkeit trägt und manchmal so mutig ist, diese Gedanken auch an- und auszusprechen.

Und ich denke an all die anderen, die mir jeder und jede auf jene ganz besondere Weise an und in meine Seele gewachsen sind, die sie alle unvergesslich sein und bleiben lassen wird.

An den Fenstern dieser, meiner Seele, zieht nun immer wieder die Reise der letzten beiden Jahre vorbei. Zwei Spaliere spielen darin eine ganz besondere Rolle. Beide habe ich nur mit Tränen tiefster Rührung passieren können, das eine, nur für mich gebildete, ganz allein, das zweite, sehr lange, vor wenigen Tagen als letzte Person MEINER Klasse …

*

Es ist indessen wie ein Abebben in mir und abgesehen von leider weiteren zahlreichen Verpflichtungen, die sich im Laufe des Alltagsbetriebs aufgehäuft haben und jetzt eben während der freien Tage und der Urlaubszeit erfüllt werden müssen, würde ich gern etwas Erholung finden können.

Wie das gehen, wie das funktionieren kann, weiß ich noch nicht, weil vieles eben nicht mehr stimmt in dem, was mein Leben ist.

Und dann ist da auch noch jene anstehende Operation, die ich seit Monaten „verschoben“ habe, um sie, wenn irgend möglich, nun in der Ferienzeit ausführen zu lassen und zu genesen. (In zwei Tagen werde ich mehr dazu wissen.)

Ich habe halt „meine Kinder“ auf den letzten Etappen unserer gemeinsamen Fahrt nicht allein lassen wollen und können …

***

Die 2017 für die Teilnahme an einem Musikwettbewerb gegründete Band Between Mountains hat sich zu einem der aufregendsten neuen Acts in Island entwickelt. Seit dem Gewinn der Icelandic Music Experiments im April des Jahres hat die Band aus Westfjorde – die aus einem Feld von mehr als 30 Teilnehmern zu den Siegern erkoren wurden, bevor sie überhaupt alt genug waren, um Auto zu fahren – Shows in ganz Island gespielt und Wellen bis nach Frankreich, Polen und Seattle geschlagen.

Katla Vigdís und Ásrós Helga gründeten die Band im Alter von 16 bzw. 14 Jahren, nur einen Monat vor dem Wettbewerb und, wie sie zugeben, hauptsächlich für das Erlebnis. Der Sieg kam für das Teenager-Duo als unerwartete, aber angenehme Überraschung.

Nach dem Ausstieg von Ásrós aus der Band führt Katla Vigdís den Namen Between Mountains heute weiter …

 (© https://www.europavox.com/de/bands/between-mountains/ )

Das nachfolgende Lied ist ein weitgehend unbekannt gebliebenes, aber besonders schönes, wie ich finde. Es stammt vom ersten Album der beiden Mädchen aus dem Jahr 2019:

Between Mountains – „Bound“

Tagebuchseite -979-

Seele, du musst lernen …

Vor Tagen schon war da ein Sonnenuntergang. Wunderschön und mit Worten nicht adäquat zu beschreiben. Und am nächsten Morgen war da das wogende, immer noch etwas frühlingshafte, dichte Grün der Bäume, umwoben vom Gezwitscher eines Buchfinken und dem Getschilpe einiger Spatzen. Für ein paar Minuten verlor ich mich darin, ganz und gar. Und ich bin auf Reisen gewesen, zuerst am Meer, bis zu einem Dorf am Ende der Welt einer britischen Küste und dann in Südtirol. Die Zeit dort war eine ganz andere, dennoch sind mir die Menschen da sehr nah geworden.

Aber nicht ich war oder bin im Urlaub. Du warst und bist es. Nicht mit mir. Mit einem anderen Mann.

Ich habe mich bei mir und meine Arbeit. Die Eindrücke da oben sind schon viele von den wenigen schönen. Ich habe sie beim Blick aus einem Zimmer- und dem Küchenfenster eingefangen, die Augen hoch gerichtet, über die Plattenbauten hinweg, und in und zwischen den Zeilen von Büchern, in die ich fliehe, wenn mir denn ein wenig Zeit bleibt und mich die Müdigkeit nicht verhindert.

Ich denke viel nach. Sehr viel. Nicht nur, weil ich keinen Urlaub haben werde in diesem Sommer und vielleicht überhaupt keinen Urlaub mehr. So, wie du dir Urlaub wünschst, vermag ich ihn nicht (mehr) zu bestreiten. Wie so vieles andere nicht, was dich lockt, was du dir vorstellst, was dich wohl glücklich macht. Das hoffe ich wenigstens.

Denn bei mir bist du es nicht (mehr). Das weiß ich, und ich weiß, dass ich dafür wenigstens ein Teil der Ursache bin. Ich tauge noch zu einem Freund, einem unter anderem. Ich glaube, dass ich dir in diesem Sinn sogar noch ein bisschen was bedeute.

Die Tage ziehen hin. Ich stehe morgens auf, verrichte mein Tagwerk, komme abends wieder heim. Dafür, dass ich so oft keinen Antrieb mehr spüre und finde, ist es selbst für mich immer wieder erstaunlich, dass und wie ich den Alltag bestehe. Gerade jetzt wo er so voll Arbeit und so voller Emotionen ist, wie er noch nie war, während dieses Jahres und ja doch alles in mir bleiben muss. Wem sollte ich es erzählen? Dann, wenn es gerade besonders gut und nötig oder dringlich wäre, ist ja doch niemand da, nicht in der Nähe, nicht unmittelbar.

Als du noch da warst, so wirklich hier, meine ich, so ahne ich heute, hast du mich oft nicht verstehen können. Und nachdem ich dann so krank geworden war, habe ich dich wohl auch zunehmend überfordert. Und ich habe mich (weiter) verändert. Das hat dich zunächst irritiert, dann Zweifel an mir in dir gesät und dir schließlich Hoffnungen genommen. Du hattest letztlich andere Träume, andere wohl auch als jene, die du hattest als wir uns kennenlernten. Und wurdest verzweifelter. Das spürte und spüre ich wohl.

Aber über die entscheidenden Fähigkeiten und Mittel dafür, dir deine (neuen) Träume zu erfüllen, verfüge ich nicht. Und für den einen alten auch und erst recht nicht, den, der nicht wahr wurde und für dessen nicht wahr werden du mich verantwortlich machst. Das akzeptiere ich. Mit den Gründen, die du anführst freilich, hadere ich.

Ich sehe und weiß um viele „Fehler“, die ich wohl gemacht habe. Und ich habe sie dir auch bekannt. Immer. Du hast deinerseits nie Fehler bekannt. Vielleicht hast du wirklich keine begangen. Möglicherweise bist du wirklich so perfekt, wie ich dich gesehen habe, in meinen jungen Jahren …

Ich achte und mag dich immer noch, mehr und auf ganz andere, besondere Weise als jeden anderen Menschen sonst. Obwohl du mir seit einiger Zeit so weh tust und weißt, dass du das tust.

Was ich wirklich unterschätzt habe, ist, wie sehr du das offenkundig auszublenden vermagst …

Weiterhin habe ich unterschätzt, dass du wahrhaftig zu leiden begonnen hast an meiner Seite, dass das schon vor ziemlich langer Zeit begonnen und dir mit der Zeit mehr und mehr zugesetzt hat.

Ich spreche mit meiner Seele, viel. Sie muss lernen. Lernen, dass so Vieles Illusion ist und bleiben wird und sie daran nicht verzweifeln darf. Lernen, sich dareinzufinden. Demütig zu sein, und trotz allem dankbar, über die Plattenbauten, den fordernden Alltag und die Einsamkeit und Leere hinweg.

Sie muss lernen, zu schweigen. Über die Widersprüchlichkeit, in der sie, in der wir beide leben, weil niemanden aus unserem Alltag das etwas angeht und uns das nur verletzbar(er) machen würde. Sie muss lernen, das Schweigen auszuhalten.

Und sie muss lernen, mich dennoch und ungeachtet all dessen, was widrig ist oder uns so erscheint, weiter und wieder stärker anzutreiben, aus sich, aus uns selbst heraus. Weil niemand sonst das tun wird oder tatsächlich tun kann.

*

Ich schaue wieder aus dem Fenster, diesmal dem meines Arbeitszimmers. Es ist nichts Besonders zu sehen. Die Bäume bewegen sich leise unter dem grauer werdenden Himmel.

Unserem Sohn hast du ein paar Bilder geschickt von der Landschaft, die du in deinem Urlaub bereist.

Ich freue mich für dich. Du brauchtest und brauchst Erholung. Aber das werde ich dir nicht zu sagen vermögen. Und ich werde dich auch nie (mehr) zu anderen Freuden dieses Urlaubs oder deiner sonstigen Ausflüge befragen.

Dazu tut diese Freude zu weh.

**

Es fühlt sich seltsam an, dass dieser Text soeben hier geschrieben steht. In meinem Kopf habe ich ihn schon hundertmal geschrieben. Es fühlt sich seltsam an, dass ich überhaupt geschrieben habe. All die vergangenen Wochen konnte ich nicht mehr schreiben. Auch, weil ich nicht wollte. Auch, weil ich einen Text, wie den heute, nicht schreiben wollte.

Ich weiß nicht, was oder ob es etwas zu bedeuten hat, dass ich nun heute wieder und diesen Text aufgeschrieben habe.

Ich weiß gerade fast gar nichts mehr …

***

Für mich bleibt es ein ewiges Rätsel, weshalb eine Sängerin wie Charlotta Perers aus Schweden nicht viel, viel mehr Popularität genießt. Ich liebe sie, vor allem ihre wunderbare Stimme, die Art von Folk-Pop, den sie interpretiert und wie sie das tut und ganz häufig auch die Texte ihrer Lieder. Abgesehen davon, dass sie mit einer so schweren Krankheit zu kämpfen hatte und diesen Kampf (hoffentlich nachhaltig) gewonnen hat, wünsche ich ihr von Herzen eine größere Verbreitung und mehr Anerkennung für ihre Musik, ihre Lieder.

Der folgende Song von den traurigen Augen ist mir gerade wie aus der Seele geschrieben. Er entstand im Gegensatz zu den beiden, die ich Ende letzten Jahres von ihr bereits hier geteilt hatte, noch vor der Erkrankung von Charlotta, die als „Big Fox“ auftritt. – Das Cover der Single zeigt sie noch mit langen Haaren …

Big Fox – „Sad Eyes“

Tagebuchseite -978-

Meine zwei Existenzen (Ein aktuelles Bekenntnis)

Die Überschrift mag vermuten lassen, dass hier nun ein Text über mein inneres und mein äußeres Ich folgt, mein Gewissen und mein Tun und Handeln, ihren Widerstreit, das kritische Hinterfragen des einen und das mitunter suchende und verzweifelnde Antworten des anderen. Allerdings ist eine solche Mutmaßung hier irrig. Es geht um etwas anderes. Etwas, das sich mir immer klarer offenbart, das bis vor wenigen Monaten, vielleicht Jahren nicht so gewesen ist, zumindest nicht so ausgeprägt.

Es geht um mein Ich während ich beruflich tätig bin und um mein Ich während ich Freizeit habe bzw. das, was die Tage und Wochen davon übrig lassen.

Ich habe gefunden, dass ich mehr und mehr zwei Existenzen führe. Bewusst schreibe ich Existenzen und nicht Leben, denn Leben sind darin nur Episoden. So nehme ich es jedenfalls wahr, so empfinde ich es.

Während ich arbeite, fühle ich keine Schmerzen. Ich konzentriere mich auf meine Verantwortung, konzentriere mich darauf zu motivieren, zu erklären ohne zu belehren.

Ich bin auf Zuhören fokussiert und darauf zwischen den Zeilen, die mir gesagt werden, zu hören, zu lesen, zu verstehen. Ich möchte, dass die Menschen, die mit mir zu tun haben, denen ich anvertraut bin, neugierig bleiben, sich interessieren, Lebensfreude erschließen lernen, Lebensfreude erleben. Ich möchte, dass sie es schätzen lernen, einander rücksichtsvoll zu begegnen, nicht in Schubladen zu denken und darauf bedacht sind, nie auch nur einen einzigen Menschen in eine solche zu stecken. Ich mag sie fröhlich sehen und getröstet, wenn ihnen etwas schwer wird.

Es sind Kinder, die mir anvertraut sind, überwiegend solche zwischen 11 und 12 Jahren.

Ich bemühe mich, was ich habe, was ich kann, zu geben, damit sie in dieser so kompliziert, so gefährlich, so unberechenbar gewordenen Welt bestehen können, in Würde, mit Liebe, mit einer Zukunft.

Es ist schön, das jeden Tag zu versuchen.

Es verlangt, dass ich „funktioniere“, dass ich manchen Ärger aushalte, manche Überlastung, Anstrengung, auch wenn sie andauernd ist. Es verlangt, dass ich an Grenzen gehe, an meine Grenzen. Und es kostet Kraft, immer ausreichend vorbereitet zu sein, auf der Höhe der Ereignisse und Erfordernisse, wach, optimistisch und vertrauensvoll zu sein und die gebotene Klaviatur der verschiedenen Empathien zu beherrschen und zu leben, auch vorzuleben. Und ja, sich nicht, sich niemals zu vergessen, gehen zu lassen, sehr genau abzuwägen und zu beherrschen, eigene Befindlichkeit in gebotener Weise zu relativieren, wenn es sein muss, auch zu verbergen.

Episoden von Leben in dieser Existenz sind vor allem manche Kinderlächeln, das Spüren der Freude der kleinen Persönlichkeiten über etwas Gelungenes und die Dankbarkeit der jungen Seelen für Verständnis, für Trost, für Zeit auch und gerade dann, wenn es um Persönliches geht. Episoden von Leben geriert auch das Empfinden, etwas Sinnhaftes zu tun, bei aller Un- und Überparteilichkeit ein bisschen eigenes Werteverständnis, vor allem aber Liebe, vermitteln zu können.

So wie sie ist, diese Existenz, ist sie widerstreitende Einheit von Symbiose und Parasitismus, sie ist Leben und Hamsterrad zugleich, sie schenkt Freude und geht doch so sehr an die Substanz.

Ich spüre das mehr als früher, weil ich das Älterwerden mehr spüre, viel mehr spüre …

Die Existenz in meiner Freizeit ist eine Existenz, die Erschöpfung und Unruhe ist und also Schmerz (auch und nicht selten körperlicher) und ineffiziente Rastlosigkeit. Sie ist traurig sein und Einsamkeit, eine Existenz der Gedankenreisen und der Suche nach etwas, dass immer offenkundiger nicht (mehr) zu finden ist. Sie ist Angst und manches Mal auch Verzweiflung. Wenn sie Hoffnung ist, wird sie meist zu Tränen.

Sie ist die Existenz der gewesenen und so häufig verpassten, nicht erkannten oder der gefürchteten Gelegenheiten und der unerfüllten Sehnsüchte und Träume, weil sie, wie meine Existenz überhaupt, schon immer vor allem eines war: Angst.

Sie ist die Existenz des Aufbegehrens gegen die Überforderungen, gegen das, was ich nicht (mehr) zu verstehen und zu akzeptieren in der Lage bin und gegen die Erschöpfung und die Schmerzen, die seelischen wie die körperlichen. Oft ist sie Depression, die in die Tiefe geht.

 Sie ist Flucht in jene Natur, die ich mir allein noch zu erschließen vermag, in die Weiten der Musik, die mich immer wieder so klein und staunend und fasziniert sein lässt, in die Geschichten der Bücher, die ich lese, von denen ich vorher nie weiß, wie sie letztlich auf mich wirken. Die Bedrückendsten befeuern meine Ängste, gleichzeitig sind es oft die, die ich als die ehrlichsten empfinde. Die, die Gefühle und Empfindungen beschreiben, gehen mir am nächsten. Romane und Gedichte sind die besten Filme über das, was Leben alles ausmachen kann, die wahrsten.

Episoden des Lebens in dieser Existenz sind neben den mich immer so überwältigenden Empfindungen, soweit es schöne sind und sie am Ende nicht noch größeres traurig sein gebären, manches der nicht so häufigen Telefonate, die mich eine besondere Stimme einer Freundin hören lässt, ihre Gedanken, ihren Zuspruch, ihr Verstehen. Sie sind so schön und so besonders, weil sie Augenblicke von Gemeinsam- und Beisammensein sind und weil alles andere sonst vor allem nur noch ein nebeneinander her ist.

Episoden des Lebens sind der von meinem neuen und so freundlichen Lieblingsitaliener spendierte und einzigartig gute Espresso, das Schmecken von Honig auf frischem Brot, das mich täglich auf ganz eigene und intime Weise mit meinem Vater verbunden sein lässt, die Geborgenheit der letzten Minute des Wachseins an einem jedem Abend.

Auch der Versuch, mir selbst Freund zu sein, mich nicht eines Tages abzulehnen, weil so vieles sonst so schwer ist, mich eingeschlossen, ist Leben. Der Versuch, mir Freund zu sein, weil ich mich, als Einzigen und Einziges immer habe.

So sind sie, meine beiden Existenzen. In beiden bin ich Ich, und doch in einer jeden ein anderer. Mein inneres Ich spricht ausschließlich in der „Freizeitexistenz“ mit mir, fragt mich, kritisiert mich, fordert mich heraus. In der anderen ist weder Zeit noch Raum für unsere Gespräche.

Zwei Existenzen durch eine Person. Nach außen scheint es so, als wenn die eine von der anderen nichts weiß. Und ich pflege diesen Eindruck – Schizophrenie meines eigenen begonnenen Sonnenuntergangs.

Es ist schwer zu begreifen, dass und wie ich dahin geraten bin. Und ebenso wenig, dass es nun so ist.

***

Das Lied, das ich heute habe, kommt mal wieder aus Frankreich. Kid Francescoli, wohl seit dem Jahr 2000 bestehend, ist ein Indie-Pop-Duo, das sich dem Elektropop verschrieben hat. „Les Vitrines“, 2017 veröffentlicht, kommt scheinbar leicht daher und hat nur einen recht kurzen Text, der mich jedoch irgendwie anspricht und in dem ich mich auch auf spezielle Weise ein bisschen wiederfinde. Ich stelle mal eine (allerdings nicht professionelle) Übersetzung mit auf diese Tagebuchseite:

Was gibt es Beunruhigenderes als die Luft der Städte?

Was ist zerbrechlicher als dieses Gefühl, wenn alles an dir vorbeizieht?

Du nicht sehr subtil, du guckst die Mädchen an.

Sie scheinen dem Ozean oder einem Roman zu entspringen.

Und du guckst dir die Schaufenster an.

Und ein Film entsteht in dir.

Was ist beunruhigender als die Luft in den Städten.

Die Neonröhren leuchten im Nu auf, die Nacht sinkt herab.

Du nicht sehr subtil, du guckst die Mädchen an.

Ihre Schatten gleiten zwischen den Passanten hindurch und die Nacht dehnt sich aus.

Und du guckst dir die Schaufenster an.

Und ein Film entsteht in dir.

Kid Francescoli – „Les Vitrines“:

Tagebuchseite -977-

Schwanenlied

In der Verfassung, in der ich gerade bin, sollte ich nicht schreiben. Aber dann dürfte ich vielleicht nie mehr schreiben, denn diese Verfassung, dieser Zustand, besitzt mich inzwischen nahezu immer, wenn ich nicht auf der Arbeit oder in sonstigem Kontext anderer Menschen gehalten bin, der zu sein, der ich sein sollte, der, der „erwartet“ wird.

Ich weiß nicht, ob es gut ist, diese Tagebuchseite mit dem zu beschreiben, was ich schreiben würde oder werde. Das denke ich mir in letzter Zeit immer öfter und mein Tagebuch merkt das daran, dass immer länger Seiten leer bleiben, bevor mal wieder eine gefüllt wird.

*

Es steht ein Mensch auf einer Anhöhe, ein Mensch, der singt. Sein Lied hat viele Strophen. Der Text wird getragen von einer verstörend absonderlich schönen Melodie.

Die Anhöhe ist geworden aus den Erinnerungen, die in dem Menschen wohnen, den Träumen und Wünschen, die nicht wahr geworden sind, den Episoden dazwischen, die ihm Halt gaben und Freude schenkten, nun aber vergangen sind, den Verlusten, die er zu beklagen hat, den Kämpfen, die er, meist scheinbar nur, gewann und denen, die er verlor.

Er singt hinein, in das, was ihn umgibt, was alle die Gegenwart nennen oder Realität.

Sie ist es, in der er sich nicht mehr zurechtfindet, sie ist es, die im Angst macht, ihn mehr und mehr verzweifeln lässt. Das, was er als schön darinnen wahrnimmt, empfindet er fast immer und besonders als zu schön, um wahr zu sein und so tut selbst das verbliebene Schöne letztlich meistens weh.

Er singt gegen Vergangenes, vor allem aber gegen diese Gegenwart an und gar gegen die Zukunft, beschwörend geradezu, auf dass sie vielleicht doch nicht so oder gar noch beängstigender, bedrückender, hoffnungsloser werden möge als es die Gegenwart ist.

Er singt und weiß doch, dass fast niemand ihn hört. Er spürt, dass kaum jemand ihn hören will und kann. Geschweige denn verstehen. Obwohl er immerfort von Liebe singt. Aber seine Sprache ist eine andere. Den meisten sonst fremd geworden, so wie ihm die Ihrige.

Obwohl er das weiß, steigt er wieder und wieder auf die Anhöhe hinauf. Aber mit jedem mal fällt es ihm schwerer. Hat er früher täglich gesungen, so ist es nun kaum noch einmal in der Woche.

Er empfindet, dass sein Gesang von der Anhöhe, dem „Mont Klamott“ seines Lebens, seine letzte Mission ist.

Er wird ihr folgen.

Solange er es noch vermag.

Sein Gesang ist sein Schwanenlied.

*

Ich habe eine Metapher gewählt für das, was ich schreiben wollte. Sie sagt, beschreibt und erklärt nicht alles. Anders hätte ich es aber weder vermocht noch für zweckvoll halten können. Letzteres fällt mir auch jetzt noch schwer, nachdem ich es noch einmal gelesen habe. Aber irgendwie bin ich, wenigstens für den Augenblick, doch im Reinen mit mir.

***

„Tocotronic“ hat, wie ich gerade gelesen habe, bereits 13 Studioalben veröffentlicht, die Band aus Hamburg gibt es bereits seit 1993. Bis vor wenigen Wochen hat es gebraucht, dass wir, die Band und ich uns gefunden haben. Über ein Lied, an dem noch jemand mitgewirkt hat, „Soap & Skin“. Hinter diesem Namen verbirgt sich eine österreichische Musikerin, Sängerin, Komponistin, Produzentin und Schauspielerin, die ebenfalls schon seit etlichen Jahren sehr erfolgreich arbeitet und den Realnamen Anja Franziska Plaschg trägt. 

Das Lied ist textlich, musikalisch, vom Arrangement und der Interpretation her sehr tiefgehend und wird durch ein völlig ohne Effekthascherei auskommendes Video eindrucksvoll untermalt. – Es ist leise schön zu hören, aber auch richtig laut …

Tocotronic feat. Soap & Skin – „Ich tauche auf“

Tagebuchseite -976-

Lied und Liebe und Angst

Manchmal braucht es nur ganz wenige Takte und ich weiß, dass das Lied mir gefallen wird, denn diese wenigen Takte sind solche, die augenblicklich zu mir finden.

Der Rat, sich selbst zu lieben, sich wertzuschätzen, ist ein guter.

Denn mit dem Tag, an dem man geboren wird, ist man an sich gebunden. Niemand kann sich selbst verlassen, ohne ganz aus dem Leben zu gehen. Und auch, wenn es seltsam klingt, wenn es mancher nicht wahrhaben will oder auch gar nicht bemerkt: Jeder und jede von uns ist zwei. Zwei, die miteinander ins Gespräch kommen, manchmal ganz unbewusst.

Aber so manches mal spricht das eine Ich das andere auch direkt an: „Warum hast Du das jetzt genau so getan?“, „Weshalb zögerst Du schon wieder?“, „Meinst Du, dass das richtig war?“, „Wer möchtest Du sein, wo möchtest Du stehen, in ein paar Wochen, Monaten, Jahren …?“ – Und häufig fällt es dem anderen Ich gar nicht leicht, auf solche Fragen zu antworten. Mitunter bleibt es gar still und das fragende Ich versucht, in das andere, das grübelnde, hineinzuhorchen.

Ich drehe das Lied ein wenig lauter, hoffe, dass die mich findenden Takte mir helfen, dass ich mich selbst ein bisschen besser finde, jetzt, in diesem Moment, während dem ich in mich hinein lausche.

Ich habe Bilder gesehen, Fotos von Menschen. Lächelnd in anderen Städten, Regionen und Ländern, in Bibliotheken, in den Weiten von Seen, Bergen und Wiesen, auf Straßen und Plätzen mit faszinierender Architektur, an stillen Orten, kaum gekannt, mit ein wenig Streetart an Mauern und Laternenmasten. In Cafés, diese Woche hier, nächste Woche dort, manchmal auch an mehreren Tagen in der Woche. Die Milch hat Figuren in die dampfende Bräune gemalt, frische Beeren lächeln vom Kuchenbelag oder den Gipfeln der Eisbecherkugeln.

Die Bilder erzählen von Auszeiten, von Begegnungen, mit einem oder mehreren anderen Menschen, die einander nahe sind. Sich mögen, sich Liebe schenken. Und so Leben mehr als Alltag und Arbeit, als Pflicht und Existenz sein lassen. Wenigstens für Momente. Wiederkehrende Momente. – Sie sind wunderschön diese Bilder …

Die Melodie des Liedes biegt in die zweite Strophe ein und nimmt die Bilder mit, die ich seit langem schon fast ausschließlich noch vom Ansehen her kenne. Teil meiner eigenen, realen Existenz sind sie nur noch ganz, ganz selten.

Der Rat, sich selbst zu lieben, sich wertzuschätzen ist ein guter.

Auch wenn die Liebe und Wertschätzung zu sich selbst niemals imstande ist, so schöne Bilder werden zu lassen, solche Momente des Lebens.

Es ist nicht dasselbe allein zu lächeln, in die Natur zu gehen oder in einem Café   zu sitzen. Und manches Mal braucht es Überwindung, das überhaupt tun zu können, sich selbst etwas zu tun, was vermeintlich gut ist für das eigene Sein, die eigene Seele. Und manchmal ist es dann doch nicht gut. Weil es erst so recht bewusst macht, wie sehr man auf die Liebe zu sich selbst angewiesen ist.

Das Lied wird leiser. Ich höre es verklingen. Im Raum, der den Klang aufnahm, spüre ich noch ein Weilchen das Schwingen der Melodie, als wenn da immer kleiner werdende Wellen wären. Jede Welle nimmt einen meiner Gedanken mit. Sie ziehen dahin und fort, so wie vorhin die Bilder.

Was bleibt, ist Stille, wird Leere.

Leere, die sich mit dem füllt, was mich immer wieder und immer mehr ausmacht: diffuse, unbestimmte und doch konkrete Sorge. Angst.

Ich sitze da und sinne dem Lied nach und höre das eine Ich dem anderen zurufen: „Liebe Dich! Jetzt! Hör‘ nicht auf damit!“

Eine Weile ist es wieder ganz still. Und dann ist da ein schwerer Seufzer, wie ein Beben.

Wie in Trance lasse ich die ersten Takte des Liedes noch einmal zu mir kommen …

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Femi Luna kommt aus Herisau (in der Schweiz) und hat holländische Wurzeln. …  Femi Luna ist kein Pseudonym, sondern ihr wirklicher Name. Sie ist Singer/Songwriterin und erzählt Geschichten aus ihrem Leben. Alles was sie berührt und beschäftigt, setzt sie in Lieder um. Mit ihrer warmen und kräftigen Stimme berührt sie damit auch die Hörer*innen. Die Begleitung ist spärlich, einfaches aber trotzdem spezielles Piano oder auf der E-Gitarre. Im Hintergrund untermalt ein Synthie die Klanglandschaft. Ab und zu kommt auch ein Schlagzeug dazu. Das sind Songs, welche man sich einfach anhören muss, auf dem Sofa, nach hinten lehnen und hören. Es lohnt sich.

 (© Fredi Hallauer – https://musikch.com/)

Und das ist jenes Lied, von dem in meinem Text die Rede ist. Vor ein paar Tagen erst hat es mich gefunden.

Femi Luna – „Quiet as the moon“