Tagebuchseite -955-

Gedanken über einen zwiespältigen „guten“ Glaubenssatz und die Crux vieler Depressiver

Ich hatte so einiges an Ideen, worüber ich schreiben wollte. Schon all die Tage vor diesem, dem heutigen. – Und nun schreibe ich nichts von alldem.

Es ist zu schwer und vor allem zu viel. Es passiert um mich herum, passiert auch mit mir, passiert mich in doppeldeutigem Sinn: Es braust an mir vorüber, mich mitreißend und lässt mich passiert zurück. Überfahren, zerquetscht. Passiert halt wie Tomaten in der Dose oder im Tetrapak, so finde ich mich immer wieder im Tetrapak, die meine Wohnung ist.

Ich passiere wohl auch irgendwie. Wie, das weiß ich nicht. Mich insoweit selbst einzuschätzen, habe ich kaum je vermocht und auch nie für besonders notwendig erachtet. Ich strenge mich an, zu genügen, nicht zu verletzen, etwas zu geben, was Mitmenschen nutzt, was ihnen bestenfalls guttut oder hilft. Ich versuche, ein bisschen Liebe zu sein.

In letzter Zeit wird mir das stärker und öfter schwer. Das hat mit dem zu tun, was passiert, wie es passiert und wie es mich passiert.

Es wird mir auch schwerer, mir selbst gegenüber.

Einer der „guten“ Glaubenssätze sagt, man solle (zunächst) sich selbst lieben, damit man die Welt lieben könne.

Ich habe eine Ahnung, dass bzw. inwieweit dieser Satz wahr ist. Aber wie wahr dieser und andere „gute“ Glaubenssätze tatsächlich werden können, hängt nie nur allein von der- oder demjenigen ab, an die/den sie gerichtet sind, von der oder dem, die sich solche Sätze vorlegen, sie sich zu eigen machen suchen.

Oft wird das unterstellt und damit auch, dass die- oder derjenige, für die oder den sie nichts oder kaum etwas bewirken, letztlich selbst schuld daran sei.

Man müsse nur wirklich WOLLEN! So „einfach“ ist das. Es sei schließlich vielfach bewiesen, dass psychische Erkrankungen, wie Depressionen, gut und erfolgreich behandelbar seien.

Dabei wird eines geflissentlich übersehen, nicht für so wahr genommen, wie es wirklich ist, oder gar ignoriert: Depressive Menschen sind oft sehr einsam, sehr allein. Selbst oder gerade dann, wenn sie sich unter vielen Menschen befinden. Dann oder aber nach solchen Situationen ist bzw. wird die Einsamkeit besonders bewusst. Andererseits ist es für viele depressive Menschen, vor allem dann, wenn ihnen auch eine ausgeprägte Sensibilität eigen ist, nicht möglich, sich „eben mal so“ oder auch mehrere Male zu öffnen gegenüber anderen Menschen.

Wer schon länger unter Depressionen leidet, weiß, wie schwer es für andere Menschen ist, diese Erkrankung zu verstehen. Eine Erkrankung zu verstehen, bedeutet weit mehr als Verständnis dafür aufzubringen. Und also ist es etwas sehr Kostbares und ebenso Notwendiges für eine depressiv erkrankte Person, Menschen zu begegnen, die VERSTEHEN. Kostbar nicht zuletzt deshalb, weil solches Verstehen verbunden mit einem Einlassen, dem Herstellen und Pflegen einer Beziehung zu einem/einer Depressiven, sehr viel abverlangt, von denjenigen, die sich einlassen.

Etliche Depressive wissen das und schämen sich dafür, so viel zu „fordern“. – Dabei fordern sie eigentlich nicht. Sie hoffen, sie bitten, sie wünschen … und wollen vor allem eines nicht: anderen Menschen Last sein oder werden.

Allerdings, und das ahnen sie wohl, sind genannte Bindungen ihre einzige Chance. Denn, dass es jemandem gelingen könne, sich selbst, allein, aus dem Sumpf zu befreien, ist schon bloß gedacht eine Lüge, ebenso, wie die Geschichte, die der Baron Münchhausen zu diesem Thema verkündet hat.

Mit dem „Liebe Dich selbst“ ist es also keineswegs getan. Die Liebe zu sich selbst, wenn sie denn noch gelingt, tut einsamen Menschen oft furchtbar weh. Weil sie eine zusätzliche Offenbarung des Alleinseins, der Einsamkeit, ist. Da ist sonst niemand (mehr) …

Sich selbst nicht abzulehnen, ist weniger ein „guter Glaubenssatz“ als ein letzter ideeller Strohhalm. Nach sich selbst zu greifen, ist die letzte Tat, die letzte Instanz.

Wer das versucht und auch dabei noch Liebe zu geben bestrebt ist, tut viel.

Mehr kann einer allein nicht.

Wer sagt oder unterstellt, dass so ein Mensch nicht genug Willen aufbringt, zu leben „wie andere auch“, der tut ihm unsagbar weh.

***

Sam Himself stammt aus Basel in der Schweiz. Sich selbst bezeichnet er „als Fondue-Western Künstler“, was vielleicht sowohl auf seine Wahlheimat USA als auch auf seine etwas exzentrische Aura zurückgeht. Seine Musik ist eher sanft, melodiös aber auch rhythmisch – gut zu hörender Indie-Pop im besten Sinne. Das Lied, das ich hier teile, stammt von seinem Debütalbum, das in diesem Jahr erschienen ist. Den Text des Liedes zu erschließen, fiel mir ziemlich schwer (mein Englisch ist nicht mal Mittelklasse). Was mir der Onlineübersetzer präsentierte, hat mich freilich ganz schön auf Gedankenreisen geschickt.

Sam Himself – „Nothing like the night“

Tagebuchseite -954-

Von Liedern, die verstehen, und einem ganz langen Herbst

Ich höre ein Lied und ich sehe immer wieder in die dunklen Augen der jungen Frau, die es singt. Ich höre sie und sehe ihre Augen sprechen, mehr noch als die Worte sagen, die die Melodie ihres Liedes begleiten.

Sie singt das Lied schon seit mehr als drei Jahren. Ich frage mich, wie es sein kann, dass es mir so vorkommt, als hätte sie damals schon gewusst von mir. Von dem, was gerade in mir ist, dem, was ich empfinde. Jetzt.

Bei fast allen Liedern, die in irgendeiner Art ein bisschen „verwandt“ sind mit jenem Lied der jungen Frau, fühle ich so. So, als wenn es Menschen gäbe, die es schon immer gewusst haben, wie es sein würde in meinem Leben heute, wie es war, gestern.

Ich fühle mich verstanden von diesen Menschen und ihren Liedern, obwohl ich ihnen nie begegnet bin und nie begegnen werde. Dieses Gefühl ist ein schönes: Verstanden werden. Und es ist groß, wahrhaft groß. Ein größeres schönes Gefühl kann es für mich nicht mehr geben. Das weiß ich seit gestern.

Und bestenfalls wird es das einzige bleiben während der Zeit, die mir noch bleibt. Auch das weiß ich seit gestern.

Und, weil das so ist, habe ich nunmehr begonnen, ganz zaghaft erst, weil diese Beschäftigung schon eine etwas verstörende ist, Gedanken zu finden und zu ordnen, die mir erzählen, weshalb sich künftig mein Leben noch lohnen könnte. Und zwar für mich, mich ganz allein. Buchstäblich. Und unabhängig, losgelöst, von irgendwelchen Wünschen oder Fantasien. Allein fokussiert auf das und ausgehend von dem, was ist: Realität. Meine Realität, wie ich sie mir seit gestern wohl vorstellen muss. Mit altem und neuem Wissen und dem, was ich (noch) nicht weiß, aber ahne und befürchte und einkalkulieren muss, realistisch.

Dieser Herbst ist der schlimmste meines bisherigen Lebens. Und es fühlt sich ungeheuer wahr an, dass er weit länger währen wird als eine Jahreszeit und, dass es dann nur noch Winter wird, für mich.

*

Da ist noch einmal das Lied. Ich höre es wieder, höre es, nur noch viel, viel lauter …

***

Jenes Lied habe ich schon einmal geteilt hier in meinem Blogtagebuch, vor gut zwei Jahren. Ich weiß inzwischen, weshalb es mir so schien, dass Clara Louise, die es geschrieben hat und singt, mich verstanden hat. Und seitdem ich das weiß, schätze ich ihre Musik, vor allem aber auch ihre Gedichte noch mehr und auf ganz andere Weise als zuvor. – Und hier ist nun das besagte Lied noch einmal:

Clara Lousie – „Montag“

Tagebuchseite -953-

Von meinem Platz in Marias Küche

Maria sitzt in der karg möblierten Küche an dem abgenutzten Tisch und macht ihre Hausaufgaben. Ihre Kleidung ist abgetragen, ihre Schuhe die einer alten Frau. Die Mutter hat sie von einer Dame als Geschenk bekommen und Maria überlassen, als deren Schuhe völlig verschlissen waren. Maria mag die Schuhe nicht. Sie sehen aus wie alte Schuhe einer alten Frau.

Das kleine Fenster zum Hof ist etwas beschlagen von der nassen Kühle draußen und der sich langsam ausbreitenden Wärme, die hinten vom Herd kommt. Maria hat ihn aus klammen Händen gefüttert, mit ein paar Holzspänen und etwas Schlackekohle, bevor sie zu schreiben begann.

Ich setze mich zu Maria. Ihre Schularbeiten sind fertig und nun schweifen ihre Gedanken, greifen auf, was heute um sie herum und mit ihr selbst geschehen ist. Und in ihr sind viel mehr Fragen als Antworten.

Ich begleite Marias Gedanken, die sehr tiefgehende sind für ein Mädchen in ihrem Alter und ich bemerke, dass viele ihrer Fragen auch meine Fragen sind und auch ich keine Antwort weiß.

Was und wie sehr kann oder muss ich glauben? Glauben hat so sehr mit Vertrauen zu tun. Kann ich vertrauen?  Und wem? Der Lehrerin in der Schule, dem Bruder zu Hause? Beide denken und reden ganz verschieden.

Maria hat einen Bruder an den Tod verloren, ich meinen Vater. Das ist auf völlig unterschiedliche Weise geschehen. Aber es hat mit uns beiden etwas gemacht, es spielt eine Rolle in unserem weiteren Leben.

Maria sucht einen Platz in der Welt, ihren Platz. Der, den sie gerade innehat, ist kein schöner, es ist der eines harten und entbehrungsreichen Lebens, das sie tapfer lebt und in dem sie fleißig lernt. Sie hat Träume und sie sucht nach Menschen, die sie als Freundinnen oder Freunde darin begleiten. Oder vielleicht eines Tages in ein anderes, besseres Leben? – Was für eine Zukunft wird sie haben?

Ich besuche Maria seit ein paar Tagen, oft nur für wenige Minuten. Besuche sie in der ungarischen Stadt, in ihrer Straße, in der vor allem arme, arbeitende Menschen leben oder solche, die selbst ihre Arbeit schon hergeben mussten.

Ob Maria dort wirklich je gelebt hat, weiß ich nicht. Ich weiß nicht einmal, ob Maria je tatsächlich gelebt hat, oder ob ihre Geburt, ihr Leben, ihre Gedankenreisen, lediglich in der Fantasie jener Frau stattgefunden haben, die sie zur Hauptgestalt gemacht hat in jenem Buch, das ich gerade lese. Aber das ist nicht wichtig für mich. Für mich hat sie gelebt, für mich lebt Maria.

Um mich herum, in meinem wirklichen Leben, und ganz unmittelbar sind nahezu täglich etliche Kinder in Marias Alter. Ich weiß, dass viele ihrer Gedanken und Fragen denen von Maria ähneln. Obgleich alle diese Kinder in ungleich besseren, gesicherteren, behüteteren Verhältnissen leben, als das ungarische Mädchen, und obwohl die Zeit mittlerweile gute einhundert Jahre zurückgelegt hat.

Ich weiche den Gedanken der Kinder von heute nicht aus, ganz im Gegenteil, ich stelle mich ihnen jeden Tag, strenge mich an, bei der Suche nach Antworten und umsetzbaren Visionen behilflich zu sein.

Die Zeit heute ist eine ganz andere und ist es doch auch nicht.

Maria ist an der Spanischen Grippe erkrankt und hat wochenlang um ihr junges Leben kämpfen müssen. Bei uns grassieren Coronaviren und raffen Leben dahin. Der eine Bruder von Maria ist im Krieg geblieben. An unsere Grenzen klopfen heute Flüchtlinge, die vor Kriegen fliehen, in denen Brüder sterben. In Marias Land haben sich Menschen getroffen, um aufzustehen gegen Kriege, gegen Armut, gegen die Übermacht des Geldes. Heute demonstrieren vor allem junge Leute für Frieden, den Erhalt unseres Planeten und die Überwindung des Hungers.

Dinge, Geschichten, Entwicklungen und Menschen wiederholen sich. Und wiederholen sich doch nicht.

Vor allem die Dimensionen, das Tempo, die Komplexität von allem sind ganz andere.

Für mich sind sie mehr und mehr zu groß, zu schnell, zu unüberschaubar geworden.

Nicht zuletzt deshalb setze ich mich, so oft es mir möglich ist, zu Maria in die Küche, gehe mit ihr ein Stück ihres Schulwegs oder begleite sie in eine Kirche. Der Gedanke, dass auch mein Vater und wahrscheinlich auch eine liebe Großtante, bei der ich in eigenen frühen Kindertagen mal eine Ferienzeit verbracht habe, schon in jener Küche verweilten und durch die Straßen jener ungarischen Stadt gegangen und Maria begegnet sind, ist dabei ein zusätzlich motivierender und schöner.

In dem Buch, in dem Maria lebt, kann ich hören und zuhören, die Zeit dort erspüren und Leben und Gedanken empfinden, wie sie Maria lebt und denkt und die Menschen, die mit ihr dort leben in dieser, ihrer Zeit. Ich kann hören und zuhören, denken und sinnen, ohne, dass ich sogleich gefragt, gefordert und überfordert werde, kann meine eigenen Gedanken und Fragen sortieren. Und ich habe, vielleicht ist das seltsam, jedes Mal das Gefühl, dass auch ich gehört, auch mir zugehört worden ist, dem, was meine Seele ist. Wenigstens ein bisschen.

In meinem wirklichen Leben empfinde ich das immer seltener. Und darum zu bitten, danach zu verlangen, das ist mir mit den Jahren immer peinlicher geworden und mir kommt auch allmählich die Kraft dafür abhanden.

Vielleicht werden deshalb Bücher immer noch mehr Heimat für mich.

***

Gracie Abrams ist 21 Jahre jung und steht noch am Beginn ihres Weges als Sängerin und Songschreiberin. Sie ist Amerikanerin und hat gerade ihre erste EP veröffentlicht. Beschrieben wird sie als eine ebenso offene wie grundehrlich junge Frau.

Es ist eine ganz besondere Art von Liebe, die Gracie Abrams in ihrem neuen Song „Feels Like“ einfängt: Bedingungslos, unkompliziert, unersetzbar – ein Gefühl, wie man es nur in den besten Freundschaften findet. Inspiriert wurde die Songwriterin von der Freundschaft mit ihrer besten Freundin … (Quellen: https://www.gracie-abrams.de/ ; https://www.universal-music.de/gracie-abrams/biografie)

Gracie Abrams – „Feels like“

Tagebuchseite -952-

Böenangst

Herbstwind zieht durch die Straßen, über das Meer und die Felder, treibt welkes Laub vor sich her und ist und bleibt vor allem eines: unberechenbar.

Er ist in mich eingezogen, der unberechenbare Herbstwind, und in das, was meine Straßen, Meere und Felder sind. Immer wenn ich denke, einen Augenblick verweilen, innehalten zu können, mich zu erden, ist er mit einer neuen Böe da. Welkes Laub weht über das, was wichtig werden wollte, sollte und vielleicht müsste und ein kalter Regenschauer klebt es darauf fest.

Jetzt, wo der Herbst seine Farben verliert, braucht es Momente, um ihn sich schön zu denken, um ihn als schön fühlen zu können. Alle Spätzchen dieser Welt strengen sich an, mir dabei zu helfen. Und ich versuche, nicht nur auf mich fokussiert zu sein, denn ich bin keine gute Gesellschaft in diesen Zeiten. Besonders für mich nicht.

Vor allem und allen anderen kann man sich maskieren. Nicht aber vor sich selbst. Den Gedanken, dass man sich selbst belügen könne, habe ich nie verstanden.

Mein Vater fehlt mir. Er fehlt mir so sehr. Seine Stimme, unsere Gespräche. Seine Augen, sein Lächeln. Seine Gedanken, seine Begleitung. Er ist bei mir, in mir, ganz nah. Er hat ein Zimmer in meinem Herzen, ich sehe, dass und wie er dort wohnt. Und doch ist er so, so weit … – ich kann ihn nicht umarmen, nicht über seine Schulter streichen, seine Hand nehmen. Alles ist unerreichbar. Vom  ersten vorherbstlichen Wind fortgeweht.

Seit er nicht mehr hier ist, habe ich nur Bücher gelesen, die bei ihm gewohnt haben. Sie hatten es gut bei ihm, richtig gut. Jeder, der bei ihm war, hatte es richtig gut.

Nehme ich eines dieser Bücher in meine Hände, dann ist es, als würde ich meinen Vater berühren. Ich bebe dann immer ein bisschen, innerlich. Und schlage ich so ein Buch auf, so duftet es immer ein wenig, wie bei ihm zu Hause. Es ist der Geruch, der seinem Bücherschrank sacht entströmte, wenn er eine Tür desselben geöffnet hatte.

Ich versuche, jeden Tag zu lesen, ein bisschen wenigstens. Oft schaffe ich nur ganz wenige Seiten, mitunter verstreichen auch ein oder ein paar Tage, ohne dass ich ein Buch öffnen konnte. – Dann hatte der Herbstwind wieder eine Böe geschickt, ein etwas längeres Verweilen, Innehalten, Erden, verhindernd.

Manchmal habe ich die Ahnung, dass die Böen bleiben werden, auch dann, wenn Herbst und Winter vorüber sind. Im Grunde genommen weiß ich es. Denn sie sind schon lange da und seit ein paar Jahren nehme ich sie tatsächlich als das wahr, was sie sind. Vorher habe ich versucht, mich vor ihnen zu maskieren. Das gelingt mir nicht mehr. Und es macht eh‘ keinen Sinn, nie hat es Sinn gemacht. Denn sie sind schneller als ich. Ich kann nicht vor ihnen davonlaufen.

Mir fehlt auch anderes, andere Dinge, andere Menschen. Mit jenen Menschen ist das seltsam. Ich  denke, dass sie mir deshalb so besonders fehlen, weil ich täglich von ganz vielen Menschen umgeben bin. Und ganz viele ähneln dem Herbstwind …

Ich will nicht klagen, schon gar nicht hörbar. Deshalb schreibe ich diesen Text. Ich mag nicht klagen und ich mag mich nicht, wenn ich klage. Ich mag schreiben, und mag mich, wenn ich schreibe.

Mein Vater mochte das auch.

Ich habe Angst vor der nächsten Böe …

***

Julia Engelmann gehört für mich zu jenen Künstlerinnen und Künstlern in unserem Land, an denen sich meiner Ansicht nach zu Unrecht allzu oft die Geister scheiden. Für meinen Teil mag und schätze ich ihre wortgewandte, oft Zuversicht verbreitende, bisweilen hinterfragende und nahezu immer originelle Art ihrer Texte und ihrer Songs. Ein sehr schönes Beispiel ist ihr erfrischendes Lied vom Modelmädchen, das sie nicht ist.

Julia Engelmann – „Kein Modelmädchen“

Tagebuchseite -951-

Drinnen die Stille und draußen die Einsamkeit

Die Zeiten, zu denen ich mich auf ein verlängertes Wochenende wirklich freuen kann, sind sehr selten geworden.

Mein Wochenende ist nicht wegen Allerheiligen länger, diesen Feiertag gibt es hier nicht, sondern weil zwei feststehende bewegliche Ferientage (diese Wortschöpfung ist die offizielle unseres Bildungsministeriums, längeres Nachdenken darüber macht nur wirr und führt zu keinem Ergebnis) nach dem Sonntag folgen.

Woran ich schon seit geraumer Zeit nichts ändern kann, ist, dass ich wirklich viel Wochenendzeit für die Vorbereitung auf mein berufliches Tun während des Alltags verwenden muss. So bleibt grundsätzlich nur wenig tatsächliche Freizeit übrig. Diesmal, wegen der zwei Tage mehr, konnte ich mir mein Pensum an Arbeit ein bisschen aufteilen. Aber wie so oft war auch diesmal niemand da, mit dem ich die so gewonnene Zeit hätte teilen können.

An sich kann ich ganz gut allein sein. Wenigstens, wenn ich nicht zu erschöpft bin, etwa zum Lesen oder Schreiben. Ich bin stets wissbegierig und mag Inspirationen nachgehen. Auch meinem Interesse für Musik lasse ich gern einen angemessenen Lauf. Manchmal, obwohl mir das nach wie vor schwerfällt, versuche ich mir zusätzlich etwas Gutes zu tun – ein schönes Stück Kuchen kaufen, einen guten Tee bereiten, besonders bewusst zu frühstücken bzw. überhaupt zu essen, einen besonderen Film anschauen, den sonst wohl kaum jemand gucken würde oder Ähnliches. Irgendwann wollte und würde ich auch immer noch mit dem Kalligraphieren beginnen wollen und meine Aphorismensammlung  wartet schon monatelang auf weitere handschriftliche Ergänzung.

Was mich allerdings nach wie vor und immer wieder nervös werden lässt, ist die Stille, die zwischendurch so laut wird, dass sie mich Irritation, Unwohlsein, auch so etwas wie eine unbestimmte Angst, spüren lässt. Ich höre nur meinen eigenen Atem …  Wird diese Stille zwischenzeitlich durch Geräusche der Nachbarn übertönt, wird das unangenehme Gefühl manchmal zur Panik.

Immer wieder versuche ich dann und überhaupt, nach draußen zu gehen. Ich mag die frische Luft und ich mag vor allem die Natur. Letztere ist in ihrer ursprünglichen Form allerdings für mich allein nur bedingt zu erreichen, weil ich außer zu Fuß und mit dem Fahrrad selbst nicht mobil bin.

Am letzten Sonnabend wollte ich am Nachmittag der Stille ein bisschen entfliehen und machte mich auf in die Innenstadt, um ein paar Drogerieartikel zu besorgen. Zu Fuß, durch die kleine Wiesen- und Moorfläche, die meinen Stadtteil vom Zentrum unseres Ortes trennt. Ich bummelte, nachdem ich den Einkauf erledigt hatte, noch ein bisschen in der Fußgängerzone herum und betrat auch noch zwei größere Geschäfte, in denen ich mir aber sogleich wieder so fremd vorkam wie vor wenigen Wochen, als ich mich in Berlin in einem großen Einkaufscenter verlor.

So lenkte ich meine Schritte in Richtung des Alten Hafens. Das ist ein sehr schöner Ort in meiner Stadt. Es riecht nach Wasser dort, auf ganz spezielle Weise, und ein bisschen nach Räucherfisch. An der nördlichen Hafenkante kann man in die Bucht hineinschauen, die aufs offene Meer führt. – Ich stand dort eine ganze Weile, schaute Lichter und Weite und atmete bewusst die frische Luft.

Hier, wie schon in der Stadt, waren Menschen um mich herum. Ich nahm wahr, dass sie da waren, aber es fühlte sich an, als wären sie alle Phantome. Trugbilder, die miteinander sprachen, aber nicht mit mir, die über etwas sprachen, nichts, was mich betraf. – Ich bekam große Sehnsucht danach, irgendein vertrautes, freundliches Gesicht zu erspähen, eine bekannte, sympathische Stimme zu hören. Aber ich sah keines und ich hörte nichts. Und so wuchs in mir, zwischen all den Menschen seiend, das Gefühl und Bewusstsein von Einsamkeit.

Das passiert mir jetzt oft, wenn ich draußen bin. Vor allem dann, wenn da auch Menschen sind. Und deshalb sind etliche meiner derartigen Ausflüge keine mehr, die mir guttun. Ganz im Gegenteil. – Deshalb zögere ich in letzter Zeit häufiger, überhaupt nach draußen zu gehen …

Meine Füße begannen allmählich zu schmerzen, als ich den Heimweg angetreten hatte. Die Fischkutter, von denen aus an Passanten Fisch verkauft wird, machten ihre Schotten schon dicht. Mir fiel ein, dass es ein Stückchen weiter noch diesen großen Fischladen mit Imbiss und Restaurant gibt, der noch geöffnet sein sollte. – Ich hatte nun doch noch ein kleines Ziel: den Erwerb eines geräucherten Rollmopses – ich hatte plötzlich Appetit darauf bekommen und hoffte insgeheim, dass mir mein Abendbrot, vielleicht ein bisschen besser schmecken könnte.

Die junge Verkäuferin fragte mich, ob ich noch etwas kaufen möchte. Als ich bemerkte, dass dieser eine Fisch für mich allein eigentlich schon zu groß wäre, lächelte sie und wünschte mir, dass er mir schmecken möge.

Ich dachte daran und an ihr Lächeln als ich später allein am Tisch beim Essen saß. Meine Seele hatte beides, den freundlichen Wunsch und das Geschenk jenes Lächelns, wohl behutsam mitgenommen aus der Einsamkeit da draußen in die Stille hier drinnen.

An diesem verlängerten Wochenende …

***

Northern Lite gibt es schon seit 1997. Die Band ist in Erfurt zu Hause und mir zuletzt rein zufällig mit einem kurzen, eingängigen, aber durchaus nachdenklichen und nachdenklich machenden Lied begegnet. (Eines der offenbar nicht so zahlreichen, das diese Band auf Deutsch singt.) Ich möchte es gern hier vorstellen, abgesehen davon, dass es mir Anlass sein wird, mich nun mal etwas genauer mit „Northern Lite“ zu beschäftigen.

Northern Lite – „Ich fürchte nein“

Tagebuchseite -950-

Gedankensequenzen dieses zum Samstag gewordenen Freitagabends

Auch in eurem Leben gibt es nicht nur goldene Tage. Doch immer wieder kann ich sehen, hören und erfahren von solchen Tagen eures Daseins, und das schenkt mir Freude.

Ich sehe dich durch Bergwelten wandern, dabei Rast machen auf einem Felsen mit einem Buch in der Hand. Wenn sich dein Blick von den Seiten hebt, schaut er ein wundervolles Panorama majestätischer Natur. Hier bist du zu Hause. Und am Abend kündet ein kleines warmes Licht, das aus deiner Wohnung scheint, davon, dass du zwischen den Zeilen deines Buches noch ein Stückchen weiter wanderst.

Und dich sehe ich in den Gassen einer verzaubernden alten Stadt. Deine Füße tragen dich wie von allein an Orte, die nur Menschen mit besonders wachen Augen zu entdecken vermögen. Du machst Skizzen von Häusern, Bäumen, Türen, Fenstern, Parks und Blumen und von einer alten Frau, deren Gesicht Geschichten, die ein dickes Buch zu füllen imstande wären, erzählt.

Ihr beide werdet euch nie begegnen und doch seid ihr euch so nah.

Und dann bist da du, heute unter Menschen, gerade so vielen, dass du dich unter ihnen wohl zu fühlen vermagst. Dein Gesicht strahlt und deine Seele. Du hast dich mit dem belohnt, was du am liebsten tust. Und das ist etwas, mit dem du anderen Menschen Freude schenkst, und ein Stück von dir. Es ist das erste Mal, dass du gelesen werden kannst im ganzen Land. Du siehst glücklich aus. Und wenn sich der Abend zur Nacht neigt, wirst du hoffentlich von deinem Liebsten ganz besonders fest in den Arm genommen.

*

Meine Playlist von heute Abend ist eine, die ich nicht oft höre. Ihre Melodien und die Texte dazu klingen in deutscher Sprache, sie sind voller Sehnsucht und Melancholie. Ich bin wie sie. Ihr Stimme, ihr Klang, ihr Gefühl. Und ich möchte sie euch schenken.

Sie sollen die Bergwelten werden, die ich nicht mehr sehen werde, die Gassen, Bäume und Gesichter, die zu weit sind, als dass ich sie noch erreichen könnte und all die vielen Bücher, die ich nicht mehr zu lesen vermag. Ihr sollt sie haben. Damit viele und noch mehr Tage für euch goldene Tage sein mögen.

*

Ich blättere durch das Kontaktverzeichnis meines Mobiltelefons und bemerke, nicht zum ersten Mal, wie viele Nummern darin stehen, die nur noch Nummern sind. Einige waren nie viel mehr als Ausdruck eines bestenfalls zweiseitigen Wunsches, eine Verbindung, ursprünglich womöglich flüchtig oder zufällig entstanden, zu erhalten. Andere sind schon lange schweigende Zeugen von Begegnungen oder gar Freundschaften, die sich irgendwann irgendwie verloren haben.

Als ich bei den Nummern meines Vaters angelangt bin, spüre ich, wie sehr ich Angst vor weiteren Verlusten, vor weiterem Verlieren habe. Dich, dich und vor allem dich irgendwann auch zu verlieren. Das Leben geht so seine Wege und so manches Mal lässt es einen einfach zurück, ohne dass man das zu beeinflussen imstande ist.

Auf die eine Nummer meines Vaters schaue ich besonders lange. Ich habe sie immer einmal wieder anrufen wollen in der letzten Zeit. Ungeachtet meines Wissens, dass sich die vertraute Stimme nie mehr melden wird. Es gibt Wissen, das grausam ist. Und dieses lässt mich, wenn es in mein Bewusstsein dringt, unglaublich frieren, mich sehr allein fühlen. Es dringt sehr oft in mein Bewusstsein.

Immer mal wieder kommt mir der Gedanke, dass das vielleicht anders, besser, leichter würde, wenn ich diese Nummer und die anderen (endlich) löschen würde, weil ich sie dann immerhin nicht mehr sehen könnte.

Aber das fühlt sich schon bei der bloßen Vorstellung so an, als würde ich noch das allerletzte „Lebens“zeichen löschen. Ich kann, ich schaffe das nicht …

*

Die verfließende Woche spielt ihren Film vor meinem geistigen Auge ab. Zwei, drei kleine Szenen kommen darin vor, die schön sind und eine, die mich zutiefst angerührt hat. Das war heute. Ich werde traurig darüber, weil dieses so sehr tiefe angerührt sein auch damit zu tun hat, dass ich wenige Tage zuvor eine langwierig heraufgezogene Kälte wieder einmal besonders heftig zu spüren bekam.

Wem es so kalt ist und für wen es so  bleibt, dem werden goldene Tage zum Phantom. Es bleiben allenfalls noch eine paar goldene Szenen während langer Filme, die niemand wirklich sehen will.

So freue ich mich um so mehr eurer goldenen Tage, von ganzem Herzen.

Sie sind goldene Szenen für mich …

***

Ich denke an meinen Vater …

Sotiria – „Ich lass dich frei“

Tagebuchseite -949-

Die „richtige“ Größe der Welt

Es sind nicht nur die Nachrichten der letzten Monate, Wochen und Tage, die mir immer wieder vor Augen führen, dass mir so vieles inzwischen zu viel, zu unüberschaubar, zu groß, zu komplex geworden ist. So sehr, dass es mir scheint, nicht mehr ansatzweise imstande zu sein, dem folgen zu können, was die Welt ist, was sie ausmacht, ihren vielen Menschen, den unzähligen Geschehnissen, dem sich immer weiter potenzierenden Wissen.

Ich weiß, dass ich das nicht kann und auch nicht muss. Dennoch übt diese Größe, diese Vielfalt und Unermesslichkeit eine große Faszination auf mich aus. Ich möchte erkennen, ich möchte wissen, ich möchte verstehen, in Diskurse treten, um Inspiration zu erfahren, die mich weiter treibt, mich motiviert. Besonders spüre ich das immer dann, wenn ich in einer bestimmten sehr großen Stadt bin und mich mit jenen Menschen treffen kann, mit denen es stets so bereichernd ist, zu sprechen.

Die Welt, die eigentlich meine ist, die, in der ich lebe und arbeite, ist eine viel kleinere Welt, ein Winzling geradezu. Ihr Kosmos bleibt übersichtlich, obgleich auch er vielfältig ist und brodelt, ich in ihm immer wieder so vielen Ansprüchen und Erfordernissen zu Veränderungen ausgesetzt bin, dass ich es selbst in seinem kleinen Rahmen oft kaum zu verkraften vermag. Ich habe schon in ihr mit viel, viel mehr Menschen zu tun, als genug wären, um ihnen angemessen Genüge zu tun. Viele Entscheidungen habe ich in meiner kleinen Welt zu treffen, darunter oft bedeutende, wichtige, das Leben anderer Menschen beeinflussende. Nur selten, sehr selten ist es eine Welt der Geborgenheit.

Geborgenheit aber ist mir sehr wichtig.

Da ist immer wieder Sehnsucht in mir, nach der großen Welt, die zu viel, zu groß, zu unüberschaubar ist. Woher kommt das? Glaube ich, hoffe ich gar, ausgerechnet in jener großen Welt Geborgenheit zu finden, die mir so wichtig, die für mich so notwendig ist?

Ich, der ich so starke und komplexe Ängste in mir trage, dass ich längst kein Flugzeug mehr besteigen kann und jede auch nur kleine Reise, selbst in bekannte Gefilde, eine nicht unerhebliche Herausforderung ist. Ich fürchte mich vor Wellen und Höhen, vor zu vielen Menschen und vor Enge, ich werde ganz still, wenn es irgendwo ein bisschen lauter wird. Ich scheue mich vor Erwartungen anderer, weil ich immer glaube zu versagen und ich halte es nicht aus als der gesehen und landläufig so beurteilt zu werden, wie der, der ich rein biologisch betrachtet, nun einmal bin. Die Angst vor dem Klischee, das ich bitteschön sein bzw. dem ich doch der „Normalität“ gehorchend entsprechen soll, ist eine meiner größten.

Kaum jemand versteht, wie sehr dieses Klischee um mich herum schlottert, so sehr, dass ich darin buchstäblich verschwinde, zum NICHTS werde. So fühlt es sich jedenfalls an für mich. Und das bewirken Menschen.

Die Gefahr auf solche Art und Weise in der großen Welt verloren zu gehen, ist also wohl besonders wahrscheinlich.

Oder auch nicht?

Die Sehnsucht jedenfalls ist und bleibt. Nach der großen Welt und nach Geborgenheit.

Ich habe gefunden, dass Erkenntnis und Wissen, dass Begegnungen und Diskurse nicht nur Inspiration verleihen, sondern dass sie mir Geborgenheit vermitteln, weil mir Inspiration Geborgenheit schenkt.

Wenn ich zum Beispiel von Inspiration angeregt und getragen zu schreiben vermag, fühle ich mich wie in eine Decke eingehüllt, fühle ich mich zu Hause.

Wenn nur die große Welt nicht so laut, so komplex, so unüberschaubar wäre, wenn mir nicht meine vielen Ängste und mancher Zwang, den der Alltag mir auferlegt, im Wege stünden!

So wie die Dinge aber nun einmal liegen, sind meine Reisen in die große Welt recht beschwerlich und sie erfordern besondere Fantasie, Wege zu erschließen, die mich schließlich doch das eine oder andere Mal wenigstens ein Stück in sie hinein führen.

Ein Weg ist der mit und durch Bücher.

Bücher nehmen mich mit an andere Orte, in andere Zeiten, zu anderen Menschen ohne selbst reisen zu müssen. Ich darf die Welt, die sie mir eröffnen, spüren, mir eine Meinung dazu bilden, sie hinterfragen. Ich vermag Beweggründe für das Denken und Handeln von Menschen in Situationen zu erfahren, die ich in meiner kleinen Welt nicht zu erleben in der Lage bin. Und ich kann und darf über meine dabei erlebten Empfindungen, über die gemachten Erfahrungen mit anderen Menschen in Austausch treten.

Ebenso ist das mit Wegen, mit und durch die Musik, mit und durch Fotografien oder Gemälde, mit und durch die Natur.

Ein besonders schöner und nachhaltiger Weg kann der mit und durch Begegnungen, durch Menschen, sein.

Die Menschen, die mir in diesem Sinne besonders wichtig, wertvoll, kostbar sind, leben dort, wo die große Welt ist. Sie tragen ein Stück große Welt in sich, Welt der Theater, der Kinos, der Museen, der großen Feuilletons und unendlich vieler wichtiger, spannender Themen und Erfahrungen der unterschiedlichsten Art und Couleur – geronnen durch ihre klugen, einfühlsamen, lieben wollenden Seelen.

Die Entfernung macht es schwierig für mich. Viel leichter zwar als noch vor 30 oder 40 Jahren, als Worte wie Telefon (ja, auch Telefon!), Internet, Mail etc. dieser Orts noch absolute Fremdwörter gewesen sind, aber doch weit schwieriger, als wenn wir uns häufiger real begegnen könnten.

Meine Welt als solche hat eben nicht die „richtige“ Größe.

Ich kann nur zu ihr, zur Welt mit der „richtigen“ Größe für mich, auf dem Weg bleiben.

Um der Inspiration und der Geborgenheit willen, darum, (mir) nicht verloren zu gehen und vielleicht um derer willen, die auch auf der Suche nach der „richtigen“ Größe der Welt sind.

Auf dass wir uns begegnen mögen …

***

Courtney Barnett kommt aus Australien. Sie hat in ihrem noch recht jungen Leben schon manches ausprobiert. Tennis spielen, Zeichnen und Fotografie studieren zum Beispiel. Und manches hat sie dann abgebrochen und anderes begonnen. Bei der Musik ist sie schließlich geblieben als Gitarristin, Sängerin und Songschreiberin und Betreiberin eines Indie-Rock-Labels. Vor allem liegt ihr die Förderung von Nachwuchsmusikerinnen und -musikern am Herzen. Seit dem Erscheinen ihres Debütalbums 2015 ist schon einige Zeit ins Land gegangen, sie ist nach wie vor unterwegs zwischen Wahrnehmen und Finden. Davon erzählt auch dieses Lied hier:

Courtney Barnett – „Rae Street“

Tagebuchseite -948-

Vom Frühling im Herbst und in älter werdenden Menschengesichtern

Es war Albert Camus, der den Herbst als zweiten Frühling im Jahr apostrophierte, während dem jedes Blatt zu einer Blüte würde.

Tatsächlich tragen viele Blätter, jetzt in Oktobertagen, so zahlreiche unterschiedliche Farben, dass mancher Baum und mancher Flecken Erde darunter wie von einem bunten Blütenmeer bedeckt erscheint.

Mir gefällt das Wortbild von Camus, weil es zum Erkennen geleitet, dass eine jede Zeit, ein jedes Geschehen, aus verschiedener Perspektive betrachtet, nicht so eindeutig ist bzw. bleibt, wie es beim Blick nur von der einen oder der anderen Seite den Anschein hat. Für die Menschen, die in den Zeiten leben und die Geschehnisse erst lebendig werden lassen, gilt dies übrigens ebenso.

Das kann faszinierend sein, wenn ich an Camus‘ Herbst-/Frühlingsbild denke, tröstend, aber auch ernüchternd und enttäuschend, etwa, wenn ich einen Menschen zunächst positiver gesehen habe als er sich schließlich vor allem in seinem Handeln später erwiesen hat.

Alles, was wir sehen und hören, was wir wahrnehmen und empfinden ist relativ. Obendrein wird es durch unsere Subjektivität gebrochen, das, was für uns Werte, für uns persönlich und für unser Zusammenleben mit anderen Menschen, sind.

Auch, wenn wir uns primär bemühen, nicht zu vergleichen, vor allem nicht (vorschnell) zu urteilen, sehen wir den Ort, die Welt, den Menschen, die Menschheit, das, was passiert, immer nur als eine Momentaufnahme. Nicht in ihrer Gänze, nicht in ihrer Komplexität, nicht in ihrer Differenziertheit. Aber stets durch unser eigenes ICH, unsere Persönlichkeit, unseren Charakter, gebrochen.

Das ist es, was das Leben so reich und so schwierig zugleich macht. Unabhängig davon, ob sich der einzelne Mensch diese Dinge und Zusammenhänge bewusst macht oder nicht.

Sie sich bewusst zu machen ist seinerseits nicht leicht, ist eine Herausforderung, die bei allem Bemühen oft nur ein Versuch bleiben wird. Dabei ist es so ungemein wichtig, sie sich bewusst zu machen und sich ihr zu stellen. Denn sie ist vor allem Herausforderung, das Leben verstehen zu lernen. Soweit es eben geht.

Natürlich weiß ich, dass der Herbst mehr mit Vergehen als mit Geburt zu tun hat. (Und deshalb ist er wieder und wieder eine schwierige Jahreszeit für mich, vor allem dann, wenn er zum Winter wird und das dann recht lange bleibt) Ich kann dieses Wissen nicht einfach abschütteln oder ignorieren. Aber ich kann erkennen, dass er notwendig ist, damit es wieder Frühling wird. Und ich kann probieren, in ihm und ihn selbst als Zeichen zu sehen. Zeichen, wie sie auf die bunten Blätter gemalt sind, die dadurch Blüten zu sein scheinen, noch in ihrem Vergehen.

Es gibt Menschengesichter, die ihnen ähneln. Herbstliche Menschengesichter, die ein Verblühen zeigen. Aus denen beginnendes Vergehen spricht. Aus denen aber auch bisweilen, selten oder häufig oder gar immer Blicke wacher Augen Wärme spenden, die der eines schönen Sommertags gleicht. In denen Lachfältchen geschrieben stehen, zu deren Lesung jedes neue Lächeln aus diesen Gesichtern eine Einladung ist, ebenso wie jene Wärme.

Und auch jedes graue Altersblond der mehr oder weniger verbliebenen Haare, die diese Gesichter noch umrahmen, ist  lebendiger (sic!) Beleg dafür, dass das Leben eben nicht schwarz oder weiß malt.

Wenn ich das alles so schreibe, so ist das kein Indiz dafür, dass ich mir all dessen immer bewusst bin. Gerade im Herbst und im Winter fällt mir das, jedes Jahr aufs Neue, sehr schwer.

In diesem Jahr steht der begonnene Herbst und die graue Zeit, die dann folgen wird, für mich zudem sehr unter dem Eindruck von Verlust und Trauer.

Ich muss, ich will aber versuchen, das Bewusstsein für blühende Blätter in Herbst und Winter immer wieder zu rufen und wach zu halten.

Ich glaube, mein Vater hat das auch getan …

***

Das Lied, das ich ausgesucht habe, um es heute hier zu teilen, scheint so gar nicht zu dem Text da oben zu passen. Nicht zu dem, was mich aktuell umtreibt und auch nicht zu meiner Stimmung. Aber es hat nun einmal zu mir gefunden, und immer, wenn ich es höre, muss ich schmunzeln. Es wirkt wie ein ganz leichtes Lied, eins, das eher in den Sommer passt oder ihn wieder zurückholen möchte, mit seinem etwas schrägen Text, seiner fluffigen Melodie. Und seiner Interpretin, die von beidem etwas zu haben scheint.

Resi Reiner ist Österreicherin und dies ist ihr allererster eigener Song. Bislang war sie ausschließlich Schauspielerin. – Ich finde, dass das Lied ein schönes Beispiel deutschsprachigen Indie-Pops ist. Neben all der Leichtigkeit, die es ist und vermittelt, ist ein Thema darin doch ein ernstes und wichtiges – das des Loslassens. Und so gesehen passt es denn doch ein klein wenig zu meinem heutigen Geschreibsel. –  Und es hat irgendwie Ohrwurmpotenzial … :

Resi Reiner – „Ich will nach Italien“

Tagebuchseite -947-

Nahe ferne Welt

Zwischen mir und den Wellen liegt nur wenig Land. Der Wind des frühen Abends ist schon etwas kühl, lässt mich aber nicht frieren. Wieder und wieder schaue ich durch ein Tor aus Schilf und Sträuchern auf die Weite des Sees hinaus. Für einen Moment wird mir bewusst, wie selten ich an solchen Orten bin, aber sogleich bin ich wieder in der Zeit dieser Tage, die wieder so anders sind als mein Leben sonst.

Die Kostbarkeit solcher Zeiten wird auch aus ihrer Seltenheit geboren. Die letzte Geburt liegt anderthalb Jahre zurück. Sie bedingt sich weiter aus der jeweiligen Kürze – sind fünf Tage mehr als ein Wimpernschlag? Ihr größter Wert speist sich freilich aus den Menschen, die sie mit mir teilen. Menschen, die mir besondere Freunde sind, von denen ich hier, wo ich lebe und arbeite, keine habe.

Was ich alles sehen durfte, wovon ich erfahren habe, worüber ich nachzudenken angeregt worden bin, welche Emotionen in mir wachgerufen wurden, wie viel Inspiration ich fand und vor allem auf welche Weise das alles geschehen ist, mutet mich an wie ein Erleben einer anderen Welt.

Könnte ich diese Welt mit ihren Menschen und dem, was sie mir ansonsten bietet, mit der, in der ich über die Wochen, Monate und Jahre existiere und vor allem arbeite, in Verbindung bringen, so wollte ich das schon Leben nennen, denn kein Leben besteht ja nur aus einer schönen Welt. Aber mit dem Verbinden hapert es sehr, es bleiben immer nur die eine oder andere Telefonleitung, das eine oder andere Buch, dieser oder jener Text, und dann erschöpft sich die Materialität der Bindungen. Das Weitere bleibt letztlich immer der Virtualität der seelischen Gemeinsamkeit vorbehalten. Und das ist so viel, und je mehr Zeit zwischen den kostbaren Wimpernschlägen vergeht, desto mehr und mehr wird es, was diese Art der Verwandtschaft tragen muss.

Dort wo ich war, werde ich angenommen, wie ich bin, dort werde ich verstanden, dort hört man mir lange zu, fragt behutsam nach, versichert sich, bevor man etwas erwidert oder gar einen „Rat“ gibt. Es muss nicht alles be- oder entschieden werden, es genügt und erfüllt, zu wissen, dass jeder auf seine Weise auf der Suche bleibt und dabei nicht allein ist.  – Hier dagegen muss ich mich mit fortlaufender Zeit immer wieder daran erinnern, um nicht wirklich einsam zu sein.

Es ist so viel geschehen während der letzten Wochen meines Daseins. Die auf mich zu rollenden Wellen des Sees wollen eine Art Balsam sein, der sich über mich legt, ein Balsam, der das Gute, das Tröstende, das Schöne der letzten Tage in sich trägt. Aber ich sitze seit gestern Abend nicht mehr nur die paar Schritte vom Ufer entfernt. Viele, so viele, zu viele Kilometer liegen nun wieder zwischen mir und dem Seeufer.

Ich bin mir bewusster denn je, was für mich Leben ist. Für die meisten  ist das etwas ganz anderes.

Nie bin ich fremder durch eine große Einkaufsmeile gegangen als während jener Stunde zwischen zwei Begegnungen am vergangenen Dienstag. Ich kannte die so vielen Läden nicht und wollte sie nicht kennenlernen. Ich hatte das Gefühl gar nichts zu brauchen (obwohl das nicht stimmt). Je länger ich dort unterwegs war, desto mehr wollte ich nur ein Schatten sein. Die Menschen um mich herum spielten alle in anderen Filmen.

Und da spürte ich plötzlich den Schmerz der nicht neuen Erkenntnis wieder, wie sehr meine mir gerade einmal wieder nahe seiende schöne Welt, eine Oase ist, wo immer ich sonst auch bin.

*

Als ich gestern Abend nach einer eine eigene Geschichte wert seienden Reise die letzten Kilometer in dem Regionalzug, der mich schließlich in die Stadt meines Wohnens und Arbeitens bringen würde, saß, da hörte ich plötzlich eine vertraute Melodie. Eine alte, die ich in der Zeit des Hier und Jetzt noch nie gehört habe.

Sie drang aus Kopfhörern im Nachbarabteil, aus großen Kopfhörern. Ein junger Mann saß dort allein und trug sie auf seinen Ohren, ein junger Mann mit viel Übergewicht in weiten Hosen, die ihm zu lang über die Schuhe hingen. Ein kariertes Hemd trug er über den Gürtel hängend und darüber eine grüne Parkajacke. Sein Gepäck bestand aus einer Aktentasche und einer Plastiktüte. Sein Gesicht sagte wenig. Ob seine Augen aus dem Fenster schauten oder im Abteil verweilten, sie blickten in eine Ferne.

Für mich wirkte er allein. Allein mit seiner Musik. Wie ich hören konnte, war viel aus den achtziger Jahren dabei – eigentlich gar nicht „seine“ Zeit. Und dann erklang schließlich jenes Lied: „Sind so kleine Hände“.  Und er hörte ruhig und aufmerksam zu.

**

Wie viele Menschen wohl haben Sehnsucht nach so einer Welt, wie ich sie die vergangenen fünf Tage betreten und um mich haben durfte … ?

***

Selig – „Süßer Vogel“

Tagebuchseite -946-

Davor – Dabei  – Danach

Die Wochen, die Tage, sie sind gezogen. So langsam und so schnell und ich weiß nicht wohin. Sie haben Spuren in mich gezeichnet, tiefe …

Ein Spalier

Irgendwie musste ich es den Kindern meiner 6. Klasse ja nun sagen, als sie mich wieder nach dem Befinden meines Vaters fragten, eben auch jetzt, nachdem er gestern gestorben war. So sagte ich ihnen, ehrlich, aber so schonend wie möglich die Wahrheit.

Mir ging es nicht gut, auch am nächsten Morgen nicht, als ich mich wieder zur Arbeit in die Schule begeben musste. Ich wusste, dass danach der Weg zum Bestatter anstehen würde, und mir war es sehr schwer ums Herz. Von diesem schweren Herzen begleitet, ging ich unseren Schulflur entlang, zum Raum meiner 6. Klasse, dort würde ich meine erste Stunde haben …

Ich öffnete die Tür und fand mich am Beginn eines kleinen Spaliers wieder. Ein Spalier schweigender, mich aber fest ansehender Kinder. Ein Mädchen hielt mir eine wunderschöne weiße Rose entgegen und sagte etwas von herzlichem Beileid. Je ein Junge und ein Mädchen überreichten mir jeweils eine Beileidskarte, die eine, wie ich später fand, von allen Jungs, die andere von allen Mädchen unterschrieben. Und Armin hielt mir, wohlvorbereitet, ein weißes Tempotaschentuch hin.

Das brauchte ich dann tatsächlich. Ich war zutiefst überwältigt und verstand nun, warum die kleine Bande gestern tuschelnd in der Garderobe verweilt hatte und zu spät zur Hofpause gekommen war. Und ich konnte nicht anders – Corona hin oder her – ich breitete unter Tränen meine Arme so weit aus, wie ich nur könnte und umarmte alle Kinder, alle miteinander und auf einmal und so fest wie ich nur konnte. Und als wir uns dann alle gesetzt hatten, sah ich in verstehende, (mit)fühlende und zugleich lächelnde Kinderaugen und blieb noch lange ganz aufgelöst, innerlich …

Ich trage meinen Vater

Alles war vorbereitet, wir standen vor dem Eingang zur Kirche, in der in wenigen Minuten die Trauerfeier beginnen würde, als der Bestatter meine beiden Geschwister und mich zu sich bat. Was er sagte, nahm ich zunächst wie durch einen Schleier hörend war: Er fragte, ob jemand von uns die Urne meines Vaters von der Kirche zur Grabstelle tragen wolle. Diese Möglichkeit gäbe es, und er würde sie uns nicht vorenthalten wollen.

Auf diese Frage war niemand von uns vorbereitet gewesen.

Meine Halbschwester winkte unter Tränen schnell ab, sie würde das nicht schaffen, meinte sie. Auch mein Bruder schüttelte den Kopf, still aber bestimmt. Es verging ein Moment, der Bestatter redete von besonderer Verbundenheit, von letztem gemeinsamem Weg, von „Vati“, den man ganz nah begleiten würde. Und sah schließlich mich an. Und ich, ich hörte mich ja sagen: „Ja, ich werde ihn tragen, meinen Vater.“ – meine Geschwister darum bittend rechts und links von mir und Vater zu gehen.

Ich werde diesen Weg, diesen letzten, gar nicht so kurzen Weg (Der Friedhof liegt recht weit von der Kirche entfernt in dem kleinen Dorf.), während dem ich meinen Vater so ganz dicht bei mir hatte, niemals vergessen. Es war der emotionalste Weg meines Lebens, während dem ich meinen Vater unter Bäumen hindurch, an Feldern vorbei, von Sonne und Wolken begleitet, trug – unseren letzten gemeinsamen Gang an Häusern vorbei und durch ein bisschen Natur, die das eine ist, was uns immer verbunden hat und verbinden wird.

Als ich am Grab die Urne dann dem Bestatter wieder übergab, musste ich sehr weinen. Diese Übergabe schuf einen Fakt, einen unumkehrbaren. Wenn er auch vorher ja längst schon vorhanden gewesen war, jetzt war er ganz unbarmherzig spürbar.

Die Macht des Faktischen

Seither bin ich auf andere Weise traurig als vor der Bestattung. Bis dahin war es eine Traurigkeit über das nun doch Geschehene, das dennoch Unfassbare, das nicht Greifbare, das ist wie ein Herausreißen.

Nun ist die Traurigkeit eine ganz tiefe, die Traurigkeit über das Faktische, das Unumkehrbare, das Bewusstwerden des „Nie wieder“.

Ich bin sehr im Reinen mit mir, dass  ich meinen Vater zu seinem Grab begleitet habe, in dem ich seine Urne, in dem ich ihn getragen habe. Aber die Erinnerung daran verursacht in mir so ein starkes Beben, dass ich jedes Mal weinen muss. Ich weiß, dass das gute Tränen sind, aber sie tun so, so weh.

Während ich in der Zeit nach dem Tod meines Vaters bis zu seiner Bestattung, wie in einem Tunnel zur Arbeit gegangen, den Elternabend bestritten, die Klassenfahrt gemeistert und zuletzt auch noch etliche Vertretungsstunden gegeben habe, ist nun der Tunnel, der sich im Nachhinein wie ein gewesener Schutz anfühlt, fort.

Jetzt stehe ich mit meiner Traurigkeit, dieser tiefen, die aus dem Bewusstsein des Faktischen, des Unumkehrbaren, geboren wurde, da und fühle mich den Elementen des Lebens so sehr ausgesetzt.

Wie soll das je heilen?

Ich habe immer gehört, mit der Bestattung eines Menschen, wäre letztlich und endlich doch ein Abschluss erreicht, alles würde sich nach und nach setzen und, wenn die Zeit auch nicht alle Wunden heilen würde, so würde doch schließlich wieder Ruhe in das Innere der Hinterbliebenen einziehen.

Wird das so sein? Wie lange wird es bis dahin brauchen?

Für mich fühlt sich alles gerade schlimmer und heftiger an, seitdem es nun „zu Ende“ ist. Es fühlt sich nicht richtig an, es tut so weh, es macht noch trauriger als zuvor.

**

Nun bin ich für heute schon wieder zurück von der Arbeit. Das Wochenende war mit Unterrichtsvorbereitungen gefüllt und mit dem Durchsehen der Arbeiten zur diesjährigen Mathematikolympiade. –

Das „Leben“ geht also weiter. Unbarmherziger denn je, so empfinde ich es …

***

Ganga – „Carry you home“

Tagebuchseite -945-

Reise in Tunneln

Ich höre das Lied vom Tag als Conny Kramer starb. Es hallt aus einem geöffneten Autofenster über die Kreuzung.

Ich stehe mit meinem Fahrrad an der Ampel und gleite auf der Melodie vom Gedankentunnel über meine Arbeit in den über das Vergehen, Verlieren, des Loslassens und Sterbens.

Ja, es sind neuerlich Tunnel, in denen sich mein Dasein abspielt, und diese beiden sind jene, die ich gerade nicht zu verlassen imstande bin. Mancher Traum der Nacht lässt mich ihre Tiefe unbarmherzig spüren.

Bis auf ganz wenige Ausnahmen, winzige Augenblicke, wo ich es wirklich nicht vermag, lächele ich die Welt an, wenn ich sie betrete. Bin ich allein, ist das Lächeln fort. Ich muss mich dann nicht mehr so anstrengen. Und ich bin dann, wie ich mich wirklich fühle.

Wenn die Anstrengung gehen darf, kommt die Angst zu Besuch. Die Angst aus dem Tunnel des Vergehens, Verlierens und Sterbens. Des Versagens auch. Die Angst, es nicht mehr schaffen zu können. Die Angst davor, dass die Zeit vielleicht schon sehr kurz ist. Die Angst vor den Albträumen, die nicht fortbleiben wollen.

Ich sehe und spüre etwas an und in mir, das mir nicht gefällt und weiß doch nicht, was es ist. Ich weiß nur, dass es da ist. Es ist da und es ist selbst Körper und Seele. Nicht fassbar, nicht erklärbar, medusenhaft. Aber da.

Die Ampel hat immer noch nicht umgeschaltet. Und Conny Kramer stirbt weiter, sich nach und nach von der Kreuzung entfernend. Ich mochte das Lied immer und ich mag es immer noch.

Die Reise geht weiter. Meine Reise. Mein Vater ist immer dabei, während ich weiter an ihr teilnehme. Die Welt anlächelnd, die Angst nicht aussperren könnend und nicht die Ungewissheit über das, was da in mir ist.

Warum kommt es mir so vor als wäre Conny Kramer gerade eben, gerade jetzt, unmittelbar neben mir, gestorben? Und was ist das für eine seltsame, sich furchtbar trügerisch anfühlende Ruhe, die dabei Besitz von mir ergreift?

Erst einmal weiterreisen, eine Woche ab heute, bis zu dem Tag, der einer der ganz schweren in meinem Leben werden wird, dem nächsten Freitag …

***

Nein, ich will nicht vergessen, wie es im folgenden Lied besungen wird. Aber ich liebe „Still Corners“  und ihre Lieder, die Art ihres Musizierens, sehr. So auch dieses besonders schöne Stück, das bereits der sechste Song des amerikanisch-britischen Indie-Dream-Pop-Duetts ist, das ich in meinem Tagebuch teile:

Still Corners – „Crying“

Tagebuchseite -944-

Zehn Jahre Schreiben

Im Rückblick scheint die Zeit immer schnell vergangen, obwohl manch einzelner der seinerzeit gelebten Tage sich unendlich lang angefühlt hat.

Je mehr Lebensjahre sich zu dem, was mein Alter ausmacht, summieren, desto schneller scheint die Zeit, meine Zeit auch, verflogen zu sein, vor allem die der jünger zurückliegenden Monate und Jahre.

Der Blick zurück auf die letzten zehn Jahre meines Lebensalters ist dabei aus verschiedenen Gründen ein besonderer. Unter anderem aus dem, dass diese letzten zehn Jahre in gewisser Weise dokumentiert sind. Nicht in „klassischer“ Weise, nicht als üblicher Lebenslauf, nicht vollständig und auch nicht immer wirklich nachvollziehbar. Zumindest für die meisten „außenstehenden“ Personen nicht.

Bei dieser Dokumentation handelt es sich auch nicht um ein Tagebuch im eigentlichen Sinne, weil sie mehr und anderes und darüber Hinausgehendes enthält, und manches auch, was mit mir eher mittelbar zu tun hatte bzw. hat.

Sie liegt hier und jetzt, aufgeschlagen vor mir: Mein Blogtagebuch, das ich auf den Tag heute vor genau zehn Jahren zu schreiben begonnen habe. Es war in den Abendstunden des 13. September vor zehn Jahren, als ich diesen ersten Eintrag formulierte:

„Es ist gewagt.

Mein allererster Blog beginnt zu leben. Noch sehr unfertig. Aber es ist nicht mein Bestreben, ihn je „fertig“ zu stellen. Soll er sich entwickeln, sich verändern, mag er immer ein wenig unfertig bleiben. So werden, er und ich, uns einander immer ähnlich sein, uns, miteinander lebend, ineinander spiegeln.

Auch das, was ich hier in loser Folge, getaggt als „Tagebuchseiten“ schreiben werde, wird kein Tagebuch im eigentlichen Sinne werden. Es werden Reflexionen sein über Erlebtes, Gedachtes, Dinge, die mich während der Zeitenläufe bewegt haben – in loser Folge, ohne Ordnung …“

So ist es denn auch in all den folgenden Jahren geblieben.

Heute wie damals schreibe ich vor allem zum eigenen Selbstverständnis, zunehmend ist es mit der Zeit auch ein Schreiben um des Verarbeitens willen geworden. Neben den Tagebuchseiten sind vor allem Verse, auch einige Essays entstanden. Die Auseinandersetzung mit eigenen wie fremden Meinungen, Zitaten und Gedanken hat(te) ebenso seinen Platz hier wie manches, was wohl bestenfalls als „Schreibversuch“ zu bezeichnen ist.

Sehr grundsätzlich stehe ich zu allem, was hier nun in der Summe geschrieben steht.

Der Wunsch war und ist in mir präsent, dass meine Schreibselei mit der Zeit ein wenig literarischer geworden wäre bzw. wird und weniger von meinem, seit einigen Jahren doch sehr angegriffenen Seelenleben und seinen Erscheinungen geprägt ist. – Aber das fällt im Praktischen schwer, die letzten zehn Jahre waren in vielerlei Hinsicht keine leichten Jahre für mich. Und sie haben halt Spuren hinterlassen und taten und tun das, vielleicht folgerichtig, auch immer wieder hier, in den Zeilen meines Blogtagebuchs. Öfter waren oder erschienen sie mir so tief, dass mir das Schreiben selbst schwerfiel und fällt, manchmal sehr schwer.

Nicht nur deshalb habe ich vor allem während des letzten Jahres oft darüber nachgedacht, das Schreiben zu lassen, wenn nicht ganz, dann doch zumindest hier. Allerdings endeten diese Gedanken letztlich immer in einem Gefühl der Leere, der Fremdheit, einem Empfinden, das sich, wie etwas zu verlieren, anfühlt.

Neben der immer relativ kleinen und überdies im Laufe der Jahre sich auch veränderten Community, die meinem Schreiben hier beständig und zum Austausch bereit, folgt, wissen nur sehr wenige Menschen, dass ich schreibe, und noch viel, viel weniger, wo ich schreibe.  

Nur eine sehr kleine Anzahl von Menschen außerhalb des Refugiums hier, kennen ein paar wenige meiner Texte, Verse oder Aphorismen. Einer dieser Menschen war mein Vater. Er las mit Aufmerksamkeit, mit Anteilnahme, er freute sich über mein Schreiben, mochte die kleinen Werke, die ich mich ihm zu zeigen traute, lobte sie manches Mal in seiner einzigartigen Weise und hat mich immer wieder ermutigt, doch nicht aufzuhören mit dem Schreiben.

Vor allem seinetwegen werde ich also, auch hier, den zehn Jahren folgend, weiter schreiben und wenn es auch immer wieder ein mit und gegen die Schwere schreiben sein wird. So oder so werde ich mit mir selbst im Gespräch bleiben müssen, denn vor allem mein Herz und meine Seele hören ja nicht auf Gedanken und Empfindungen zu gebären, Fragen an die Welt und an mich darin und ganz persönlich zu richten …

Vor allem vor diesem Hintergrund ist mir übrigens die kleine, sich zwar immer wieder etwas wandelnde, aber in ihrer Art doch beständige Community hier sehr wichtig geworden. Ich hätte nie geglaubt, dass es Menschen gibt, die sich für die Themen und vor allem die Art wie ich schreibe interessieren und sehr sachlich und menschlich Anteil daran nehmen und das sogar über längere Zeiträume.

Ich habe durch mein Schreiben hier Menschen gefunden, die ich sehr wertschätze, die ich mag, in denen ich Freunde sehe. Drei dieser Menschen habe ich im Laufe der zehn Jahre sogar persönlich kennenlernen dürfen. Und einem davon vertraue ich inzwischen, wie man einem Menschen nur irgend vertrauen kann, und teile mit ihm alle meine Freuden, Sorgen, Gedanken und Empfindungen, so wie man das mit einem allerbesten Freund halt tut.

Ich denke, dass damit letztlich der schönste Sinn meines Schreibens, der, für den ich am meisten dankbar bin, ganz real geworden ist: um der Liebe, der rücksichtsvollen Verständigung, des Lebens von Empathie, der Demut und der Dankbarkeit willen zu schreiben.

Damit nach zehn Jahren aufzuhören, würde diesen Sinn verschwinden lassen.

Ich weiß, dass mein Vater das nicht wollen würde.

Und tief in meinem Herzen will ich es auch nicht.

***

Berge – „Für die Liebe“

Tagebuchseite -943-

Zwei Wochen mit vierzig Tagen

Wie viel kann oder muss ein Mensch bisweilen aushalten, verkraften, ertragen, wenn die Zeit rinnt, wie sie rinnt und also begrenzt ist, die Ereignisse, Erlebnisse, Emotionen aber kein Maß kennen, unglaublich stark und heftig und überdies von unterschiedlichster Qualität sind?

Die vergangenen beiden Wochen, die letzte insbesondere, waren Wochen eines solchen Übermaßes an Begebenheiten, Erfahrungen, Aufregungen und Gemütsbewegungen überhaupt. Alles hat schließlich irgendwie noch in das Zeitmaß hinein gepasst, ich aber habe das Empfinden, zu klein dafür gewesen zu sein und zu bleiben. Viel zu klein.

Mir ist schwindlig von dem, was mein Leben war in diesen beiden Wochen. Es fühlte sich an wie auf der Überholspur einer viel zu stark befahrenen Autobahn – viel zu schnell, viel zu laut, viel zu vielfältig. Ich hatte keinen Einfluss darauf, dorthin gekommen zu sein auf diese Spur, da ganz links außen. Am Ende muss es dann so schnell, laut und sich überschlagend zugegangen sein, dass ich wohl um mich selbst rotiert bin.

Es waren so viele, so unterschiedliche Menschen um mich herum, ich musste so unglaublich viele, vollkommen unterschiedliche Entscheidungen treffen, ich habe so viele Tränen geweint wie lange nicht mehr, viele aus Trauer, ein paar aber auch aus einem ganz, ganz anderen Grund. Da wo ich am meisten auf eine Umarmung gehofft und sie am stärksten gebraucht habe, habe ich keine bekommen. Dafür habe ich meine Arme wachsen lassen, damit ich gleich 16 Personen auf einmal umarmen konnte, weil ich es MUSSTE, weil sie mich so, so sehr berührt hatten, ohne mich, von welchem Virus dieser Welt auch immer, aufhalten zu lassen.

Für eines nur war und blieb bei all dem keine Zeit: zum Denken.

Manche haben mir gesagt, dass das gut so sei. Gerade jetzt. Manchmal sage ich mir das selber. Aber es fühlt sich ebenso richtig wie falsch an.

Ist es denn gut, ist es richtig, wenn man NUR NOCH fühlt, empfindet, spürt, wenn ALLES HERZ, wenn ALLES Seele ist?

Ein halber Tag und eine Nacht tiefster Erschöpfung und Ermüdung folgte.

Doch schon heute bewege ich mich irgendwie weiter. Es gibt da etwas, was mich zieht. Etwas, das mir sagt, dass ich ihm folgen muss. Es ist das, was mein Gewissen mir immer zuruft. Mein ganzes Leben lang schon.

Zwei Wochen sind vergangen, zwei Wochen, von denen ich geglaubt habe, dass sie wenigstens vierzig Tage gehabt haben müssten, um alles das in sich aufzunehmen, was während ihres Vergehens in und mit meinem Leben passiert ist.

Letztlich habe ich hier heute über nichts, von dem, was da alles geschehen ist, konkret geschrieben. Manches werde ich vermutlich nie schreiben können oder auch nicht wollen, anderes jedoch vielleicht später, auf einer anderen Tagebuchseite.

Im Augenblick fehlt mir aber dafür (noch) die Kraft …

***

Ich habe erst vor wenigen Wochen die US-Amerikanerin Julie Mintz mit einer für meinen Geschmack außergewöhnlichen und schönen Coverversion gleich zweier Lieder hier vorgestellt. Julie Mintz hat natürlich auch eigene Lieder. Eines, das schon vor Erscheinen Ihres ersten Albums (2018) veröffentlicht worden ist, ist das melancholische und wundervoll melodiöse Stück „Lavender Lips“. Julies Stimme verschmilzt mit der Musik zu einer zauberhaften empathischen Welle, gerade so, dass ich vor allem in diesen Zeiten gern auf ihr dahingleiten mag.

Julie Mintz- „Lavender Lips“

Tagebuchseite -942-

Gestern war’s …

… gestern, am Sonntagabend …

Nun kann ich Dich nie mehr streicheln, Deine Hand halten, Dich umarmen, mit Dir sprechen und Dir dabei in Deine Augen sehen.

Dein Körper hatte alles gegeben, die letzten Tage noch einmal ein Aufbäumen gewagt, auch um mir noch ein paar Minuten mit Dir zu schenken, von denen ich ahnen, aber nicht wissen konnte und wollte, dass sie unsere letzten gemeinsamen sein würden, einander körperlich berührend und in die Augen sehend  beim miteinander sprechen.

Gestern Abend konnte Dein Körper nicht mehr, konntest Du nicht mehr. Und so hast Du Deine Augen für immer geschlossen.

Was Du mir warst, bist und bleibst, lieber Vati, kann niemand wirklich so ganz ermessen – nur ich weiß es in meinem Inneren: der wichtigste, wertvollste, bedeutsamste Mensch, Freund – VATER – in meinem Leben.

Ich bin voll höchster Dankbarkeit, voll größtem Respekt für Dich. Voller Dankbarkeit, dass Du mein Vater warst und bist und bleibst.

Wären die Menschen wie Du, gäbe es keine Kriege, keine Armut, keine Gewalt, keine Verletzungen.

Du hast so viel durchgestanden, warst so vielen Menschen ein großer und guter Lehrer, Helfer und Begleiter und bleibst mir das größte und schönste Vorbild, solange selbst ich noch lebe.

Ich bin traurig, so sehr traurig darüber, Dich nurmehr ausschließlich mit dem Herzen sehen zu können und zu werden, in dem unzählige Bilder und Erinnerungen von und mit Dir bewahrt sind. Und diese Traurigkeit ist schwer.

Ich rufe Dich, ich umarme Dich. Ich werde Dich niemals loslassen.

Ich habe Dich lieb, Vati!

***

Schau und höre, lieber Vati, ich habe hier ein Stück von „Deinem“ Mozart, eines, das Du besonders magst:

W.A. Mozart – Eine kleine Nachtmusik

Tagebuchseite -941-

Freitag vor einer Woche (Besuch bei Dir, Vati)

Diesmal hast Du mich gleich erkannt. Ein Lächeln umspielte Deine Lippen. Und dann durfte und konnte ich Dich hören. Sie hatten Dir ein Hilfsmittel gegeben, welches das ermöglicht hat. Es war Deine Stimme, viel schwächer als sie vor Wochen noch gewesen ist, und angestrengter. Aber sie strengte sich an, Du strengtest sie an: Für mich!

Es waren so schöne Minuten. So bange auch.

Manchmal warst Du ein wenig erschöpft, ein bisschen durcheinander, sahst Dinge, die ich mir denken musste. Den Schmetterling habe ich dann einfach mit Dir gesehen: Weil er so schön war.

Aber so viele Deiner Sätze waren klar und klug, mit mir, bei mir, so wie Du es immer gewesen bist. Wir haben sogar richtig miteinander lachen können. Stiller als sonst, also eher schmunzeln, aber nicht minder herzlich und nicht minder intensiv. Über den Mann mit dem in Zeitungspapier eingewickelten Bückling in seiner Aktentasche, zum Beispiel. Wir waren im Dorf eines Teils meiner Kindheit und fuhren ein Stück mit unserem alten lindgrünen 500er Trabi, für den es beim Herunterschalten Zwischengas im Leerlauf brauchte. Der Trabi fuhr damals auch durch jenen Ort, wo Du jetzt in der Klinik liegst.

An manchem Ort und in mancher Zeit waren wir noch, mit Pausen, die nötig waren, damit Du Dich ein bisschen erholen konntest

Es waren schöne Minuten und bange auch.

Denn zwischendurch hörte ich Deine Feststellung, heute noch gar nicht draußen gewesen zu sein. Draußen, wo Du so gern bist, in der Natur, so gern weite Spaziergänge unternehmend. Und da war Dein tiefes resigniertes Seufzen, nicht mehr zur Arbeit gehen zu können und doch eigentlich nichts geschafft zu haben. Und nun hier zu liegen.  – Und ich bemerkte, wie sehr Du dies und jenes tun wolltest, kleine Dinge nur, und es nicht konntest und Dir wohl dessen bewusst wurdest.  So rollte die Träne aus Deinem Augenwinkel, ohne dass Du sie fortzuwischen das Vermögen hattest.

In mir stieg die schlimme Unsicherheit hoch, was ich wohl antworten sollte, wenn Du mich nach Deinen Beinen fragen würdest, die Du nie wieder benutzen können wirst, wie so vieles andere auch nicht.  Aber Du fragtest mich nicht. Und ich erzählte Dir nichts von meiner tiefen traurigen Ahnung, wie es wohl werden könnte, wenn Dein Geist vielleicht noch wacher wird und erfährt, dass er in einem Körper gefangen ist, den nur noch eine löchrige, poröse Hülle ist, buchstäblich.

Ich habe Dich so lieb. So, so lieb.

Du sollst keine Qualen leiden, aber ich kann mir niemals wünschen, dass Du gehen sollst.

Obwohl ich weiß, dass ganz viele der Bänder, die uns verbinden, niemals reißen werden. Nicht, solange ich denn noch zu leben habe.

So werde ich nie aufhören, an jedem Tag eine Scheibe Brot, bestrichen mit Honig, zu essen. So wie Du es an jedem Tag getan hast, an dem Du das noch konntest. Und wie es Dein Vater, mein Opa, der Opa mit den Bienen, jeden Tag tat.

Ich esse diese Scheibe Honigbrot jeden Tag mit Dir gemeinsam. Es ist  und bleibt unsere gemeinsame Mahlzeit.

Ich sehe Dein Gesicht, seinen Ausdruck, als ich gehen musste, und wie Du Deinen Arm mit aller Mühe hobst, weil Du mir winken wolltest.

Als ich dann draußen war, fühlte ich mich so glücklich und so elend wie nach dem  letzten Mal als ich hier war (und Du mich erst in letzter Minute erkannt hattest) und eine besorgte Schwester mich fragte, ob ich Hilfe bräuchte, weil ich heulte und gar nicht mehr aufhören konnte.

Diesmal weinte ich nach innen, und weine noch, weine jeden Tag. Und das hört nicht mehr auf.

Aber keine Träne für Dich ist eine Träne zu viel.

Jede ist und bleibt ein Wunsch für Dich.

Ich habe Dich lieb. So, so lieb!

***

Du liebst es so sehr zwischen Feldern, Kornfeldern, spazieren zu gehen. Und sie haben Dich seit frühester Kindheit begleitet. Und es wachsen Kornblumen an ihren Rändern. Jede dieser Blumen, jede Ähre, jede Rispe dieser Felder erzählt eine kleine Geschichte, wenn sie sich leicht im Wind wiegen. Du kannst sie alle hören, Du kannst sie alle erzählen. Und ich höre sie, höre Dich, erzählen …

Rick Wakeman – Whispering Cornfields

Tagebuchseite -940-

Ein Versuch zu erklären, weshalb manche Seelen nicht frei sein können

Für Menschen, deren Leben für sie zufriedenstellend verläuft, die sich grundsätzlich alle ihre Wünsche zu vollenden vermögen, in erfüllten, glücklichen Beziehungen geborgen sind, in ihrem Traumberuf Erfolge feiern können, die kaum zu befürchten haben, dass sich an ihrem komfortablen Lebensstil etwas zum Schlechteren verändert, die anerkannt werden und sind, die also viele „große Dinge“ ihr Eigen nennen können, ist es ein Leichtes, andere Menschen auf die „vielen schönen kleinen Dinge“ zu verweisen.

Es mag oft eine gute Absicht damit verbunden sein, wenn sie das tun. Manches Mal scheint es mir freilich aber auch, dass damit (wenn auch nicht ausgesprochen) ein Beschwichtigen verbunden ist, was  nach meinem Empfinden auch in dem Hinweis, doch dankbar zu sein, für die kleinen Dinge und sich doch bitte anzustrengen, diese nicht zu übersehen, seinen Ausdruck findet.

Wem „große Dinge“ zuteil sind, der/die aber hat mehr Freiheit, auch die kleinen Augenblicke, Geschehnisse und Geschenke wahrzunehmen, als jener Mensch, der von Sorgen belastet in diesen und jenen Zwängen, Ängsten und  Nöten lebt. Nicht zuletzt hat er/sie mehr seelische Freiheit.

Seelische Freiheit ist nicht einfach erlernbar, Optimismus lässt sich nicht aus einer Infusion gerieren.

Für die eigenen Ängste, Nöte  und die Zwänge, in denen ein Mensch lebt, trägt er nie nur selbst die Verantwortung. Viel öfter ist es so, dass vieles, auch viel  „Äußeres“, Umstände, Abläufe, Rahmenbedingungen und, ja, auch andere Menschen,  für tatsächliche oder empfundene seelische Unfreiheit in hohem Maße verantwortlich sind.

Wie viele gute Nachrichten hat ein Tag heute noch? Wie viele beunruhigende, besorgniserregende, schreckliche stehen dagegen? Und welches sind die stärkeren, die mächtigeren, die nachhaltigeren von beiden? Die Antwort ist eindeutig, seit Wochen, Monaten, Jahren schon. Seelen, die Liebe atmen, ertrinken darin, längst nicht mehr nur die sensiblen, und werden krank daran und bleiben es.

Die Welt, die diese Nachrichten gebiert, ist von Menschen verursacht, und also sind es auch all die Scharmützel und Intrigen, die Rücksichtslosigkeit und die heuchlerisch verbrämte oder offen zutage getragene Gier, die Kriege mit Waffen und mit Worten und all das im Großen wie im Kleinen, jedes Molekül dessen, was Gesellschaft ausmacht durchdringend. Die meisten Versprechen entpuppen sich als Lügen und Aufrichtigkeit wird mehr und mehr zu einem Fremdwort für das es nirgends mehr eine Übersetzung gibt. Und eines Menschenlebens Wert bestimmt sich immer noch und immer stärker abhängig von der (Un)gnade der Geburt auf diesem oder jenem Teil der Erde, in dieser oder jener gesellschaftlichen Schicht, mit dieser oder jener Hautfarbe oder diesem oder jenem Geschlecht.

Ich habe mich Zeit meines Daseins immer aktiv dagegen zur Wehr gesetzt, fatalistisch zu sein oder zu werden. Dafür habe ich mich ganz von selbst immer wieder an den und auf die „kleinen“ Dinge(n) orientiert. Für sie dankbar zu sein, daran musste mich nie jemand erinnern. Ich fand das schon immer ein bisschen merkwürdig, und empfand dahinter manches Mal auch eine gewisse Janusköpfigkeit verborgen, wenn ich auf das doch notwendige Dankbarsein hingewiesen worden bin. „Sei gefälligst dankbar, dann geht’s dir auch gut!“

Aber so funktioniert das nicht. Ich habe bis heute, durch all meine teils wirklich schweren und schwierigen Episoden nie verlernt dankbar zu sein und Dankeschön zu sagen. Aber gesundet bin ich deshalb nicht. Und auch die wirklich etlichen und meist sehr fordernden Versuche, durch Veränderungen vor allem des eigenen Berufslebens in dieser Hinsicht noch einmal etwas Nachhaltiges zu erreichen, sind letztlich nicht erfolgreich verlaufen.

Mich holt das Leben, das menschliche Dasein, so wie es ist, ein. Und es fühlt sich für mich an, als sei ich quasi morgen im Begriff, von ihm verschluckt zu werden, in ihm zu ertrinken.

Manches im Mikrokosmos dessen, was mein Privatleben ausmacht(e) und was mir einst Halt gegeben hat, ist in diesem Prozess auch abhanden gekommen, verloren gegangen.

So schaue ich ratlos in und auf die Welt. Ich tue das zwischen Freude, Scham und Verzweiflung:

Freude, darüber dass ich jede schöne Kleinigkeit immer noch sehr höre, spüre, auch, wenn ich darüber immer häufiger, still in der Seele, wenn es mich sehr trifft aber auch sichtbar, zugleich weine.

Scham, darüber, nicht stärker zu sein, immer weniger bestehen und meine Ideale aktiv und offensiv verfechten zu können und vieles dessen, was ich „Wert“ nenne, vergehen zu sehen, ohne das aufzuhalten zu vermögen. Scham auch und sehr stark, weil mein Leben im Unterschied zu so vielen anderen doch immer noch ein gewaltiger Luxus ist.

Und Verzweiflung, weil ich die Gewichte ungeachtet des „Kleinen“, was ich wahrnehme, sich weiter verschieben sehe, dahin, wo es kein gutes Ende nehmen kann und weil die Zeit, wo immer ich sie rinnen sehe, vergeht und abnimmt und für immer mehr werdendes „Manches“ schon zu wenig ist, wird und bleibt.

Wie kann bei all dem eine Seele da frei sein, frei werden? Ich meine WIRKLICH frei!

Mehr als das „kleine Ding“ des Aufatmens, welches die „kleinen Dinge“ hin und wieder verursachen, gelingt ihr nicht mehr und ist da nicht mehr.

Nur, dass sie bis zum Ende bemüht sein wird, Liebe zu verschenken.

*

Es dauerte noch drei Jahre lang, nachdem sich Sierra Lundy und Jon Middleton irgendwann im Sommer 2012 auf Salt Spring Island begegnet waren, ehe sie gemeinsam zu singen begannen. Das kanadische Duo nennt sich seither „Ocie Elliott“. Zwei Alben hat es bisher veröffentlicht, in den Jahren 2019 und 2020. „Like a river“ ist der Titel einer aktuellen Single dieser beiden Künstler, die immer noch ein „Geheimtipp“ sind. Das Lied von dem Fluss ist wunderschön, so, wie der Fluss selbst wunderschön sein muss. Ich freue mich, dass ich ihn wenigstens hören kann … :

Ocie Elliott – Like a river“

Tagebuchseite -939-

Über digitalisierte Seelen und letzte Wahrheiten

Wenn die Sonne hinter dem Horizont verschwindet, schließt sich der Deckel über der Wabe, die der Tag war, der gerade vergeht, auf immer.

An jedem Abend scheint es mir, als wenn ich zu dicht an der Straße stand, so nah, dass der Strom des fließenden Verkehrs derselben dieses und jenes Stück, partikelklein, dennoch spürbar, von mir abgetragen, aus mir herausreißen, konnte im Tageslauf und mit fort genommen hat, auf immer.

Gebraucht, gegeben, benutzt, genötigt, gefordert, befohlen. So werde ich weniger, und jede schließlich verdeckelte Tageswabe enthält abgehobelte Späne meiner selbst und vergeht mit ihr im Nirvana.

Ich habe keine App, deshalb bezahle ich mehr. Wenige Bemerkungen sind zynischer und dümmer als die, dass ich daran selber schuld sei. Ich staune, wie viele Menschenseelen digitalisierbar sind und es schaudert mich. Oft trifft es mich als Vorwurf, dass ich so schrecklich analog sei. Die Erwartung der Moderne ist eine andere. Wie so viele andere Erwartungen auch.

Die stille Freude über die Abgrenzung, da nicht dazuzugehören, wird konterkariert durch das dazu gehören müssen, eben zu dem, was mich fordert, braucht, nötigt, benutzt, das mir befiehlt und dem ich gebe, zu dem, was im modernen (sic!) Sprachgebrauch als „alltäglicher Wahnsinn“ dahin gesabbelt wird. Was auf den Wortsinn zurückgeführt nichts anderes bedeutet als fortwährende Übermäßigkeit, Exzessivität, Unvernunft …

Im Angesicht schwerer Krankheit, des Todes, eines schlimmen Verlustes, relativiert sich der Blick auf die Welt, fokussiert sich auf das eigentlich Wesentliche, so habe ich es immer einmal wieder vernommen. Und für einen Wimpernschlag mag das für die meisten Menschen auch gelten. Wenn sie aber wieder gesunden, wenden sie sich wieder dem Fortwährenden zu.

Vielleicht ist es ja eine böse Unterstellung, wenn ich meine, dass die Wiederhinwendung bzw. der Verbleib im „alltäglichen Wahnsinn“  gewollt geschieht. Aber ich bleibe bei meiner Ansicht. Wahnsinn begründet juristisch Schuldunfähigkeit, Massenwahnsinn bietet also Deckung. Schuldige werden woanders gesucht. Mir scheint als habe das Unterbewusstsein der digitalisierten Menschenseelen dies längst als Algorithmus gespeichert. Anders jedenfalls vermag ich mir das Phänomen nicht (mehr) zu erklären.

Ich empfinde es so, dass man mich spüren lässt, dass ich krank bin, dass ich schuldig bin und schuldiger werde und wie dumm ich bin, dass ich bewusst so viele Nachteile in Kauf nehme, wo nahezu alle anderen meiner Zeitgenossinnen und -genossen halt einfach „modern“ sind, dass ich abgehängt werde und bin. – Tatsächlich stelle ich mich nicht einmal mehr hinten an. Ich bin es leid. Und also ein Bremser, ein Unflexibler, ein Kranker, einer der doch wahrhaftig so konsequent, wie es ihm nur möglich ist, auf das schaut, was er für das eigentlich Wesentliche hält. Das, was so viele andere so schnell und gern wieder „vergessen“.

In Verbindung mit meinen zahlreichen persönlichen Unzulänglichkeiten und Schwächen bin ich es nicht mehr wert, geliebt zu werden. Ich meine wirklich GELIEBT. Eine Handvoll Menschen mag mich wohl noch in diesem Sinne, mehr oder weniger. Die, die mir sonst ein Lächeln schenken, kennen mich zu wenig, kennen mich nicht wirklich, sonst würden sie es fraglos unterlassen.

Die Welt hat sich zu sehr verändert, und ich habe mich zu sehr verändert, weil ich mir treu geblieben und immer treuer geworden bin. Ich habe erkennen müssen, dass genau das, von den meisten Menschen als Veränderung wahrgenommen wird, als Veränderung gegenüber dem, was immer mehr „alltäglicher Wahnsinn“ seiende und werdende Realität ist.

Ich habe mich nie einsamer gefühlt als jetzt und nie habe ich mehr das Empfinden gehabt, in dieser Gesellschaft keine Zukunft mehr zu haben.

Gebraucht zu werden, zu geben, benutzt, genötigt, gefordert, befohlen zu werden, hat wenig mit eigener Zukunft zu tun, selbst wenn man sich bemüht beim Geben auch immer noch und wieder Liebe zu schenken. Aber so verbleibt wenigstens ein letzter Sinn im eigenen Dasein. Mehr aber auch nicht.

*

Mein Herz ist sehr schwer. Mir scheint, dass alles, wofür es schlägt, vergeht. Und ich erkenne immer mehr, dass dieser Schein zur Wahrheit wird, jener Wahrheit, über die ich niemals eine Macht erlangen werde.

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Jonah Kagen ist ein Sänger und Songschreiber aus den USA, „Broken“ seine allererste Single. Das Lied bedeutet für mich ein bemerkenswertes Debüt. Der Text ist ein trauriger aber einer, der davon zeugt, dass da jemand wohl weiß, was und worüber er singt. Ich finde mich sehr wieder in der Melodie und den Worten dieses Liedes:

Jonah Kagen – „Broken“

Tagebuchseite -938-

Darin dahin (und etwas von einer kleinen, ganz großen Svea)

Sie waren, die freien Tage, die vermeintlichen. Fast zwei Wochen sind darüber vergangen. Die Luft der sächsischen Stadt ist längst ausgeatmet. Seither atme ich die Luft, die ich immer atme.

Dort wie hier sind viele Dinge geschehen und vergangen, über die ich vor Monaten sicher noch geschrieben hätte. Aber sie geschehen und vergehen, auch ohne, dass ich über sie schreibe. Damals und jetzt. So wie ich geschehe und dahingehe, ob ich nun schreibe oder nicht. Wenn ich schreibe, bin ich in letzter Konsequenz doch nur Chronist meiner selbst.

In dem, was geschieht, dahingeht und schließlich vergeht.  – Darin dahin.

Wenn das Wertvollste dahingeht, wird alles andere relativer, bedeutungsloser. Nur eines wird größer wird übermächtig: die eigene Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Zwischen zwei Glasscheiben gefangen zu sein, alles zu sehen, aber nicht hingehen, nicht eingreifen zu  können. Selbst zu atmen vermögen in dem Zwischenraum, der doch so schmal, so eng ist, und von da aus zu erkennen, dass dort, in den Weiten jenseits der Scheiben, jemand ebenso langsam wie wohl unaufhaltsam erstickt.

Surreal, dass und wie ein Vogel durch den Zwischenraum gleitet in jene Weiten dahinter. Er kann es, fliegt hier wie dort. Seelen und Geister der Vögel sind frei.

Kein Mensch kann fliegen. Nicht wirklich.

Die Bilder vieler Nächte sind wieder grausam geworden. Versuche, sie im Tageslauf irgendwie wegzulächeln, enden in einem verzweifelten, kläglichen Grinsen. Das mögen die Fratzen. Sie grinsen einfach noch grässlicher zurück – nächste Nacht. Das tut weh und tut es doch nicht. Denn es gibt etwas, was viel mehr weh tut: die Hilflosigkeit.

Wirklich hilflos zu sein, dies buchstäblich zu empfinden, und zu SEIN, hat nichts mit „sich-klein-fühlen“ zu tun. Es bedeutet, zu erfahren, dass man NICHTS ist. Betrachtet man das Ergebnis, des eigenen Seins im Zustand der tatsächlichen und unabänderlichen Hilflosigkeit, würde ein kahler, eisiger Felsen nicht weniger sein.

Warum begegnen mir gerade jetzt Kornblumen? Unerwartet, ohne, dass ich nach ihnen auf der Suche war. An ganz überraschenden Orten – nicht da, wo gewöhnlich welche wachsen. Sie berühren mich, obwohl sie meiner Hilflosigkeit nichts anhaben können.

Ein kleines elfjähriges Mädchen, das zwangsläufig ein bisschen von dem erfahren hat, was für das besondere Empfinden meiner Hilflosigkeit in diesen Zeiten ursächlich ist, hat mich nicht nur berührt, es hat mein Innerstes erbeben lassen. Und ich weiß nicht, wie es sein wird, wenn es tatsächlich wahrmacht, was es mir gestern sagte, woran ich keinen Zweifel habe.

Svea heißt die Kleine (sie ist wirklich sehr zart, grazil und klein von Wuchs für ihr Alter) mit der großen schönen Fantasie und einem der am meisten strahlenden Lächeln der Welt, die ebenso einladend lebhaft und fröhlich, wie tief und ernst nachdenkend und verletzlich sein kann. Sie erzählte mir, dass sie gerade kleine Figuren, Sticker und Anhänger bastelt, in dem sie Harz in Förmchen gießt und in ihn mitunter Applikationen, Fotos oder ähnliches einschließen lässt. Und sie schloss ihren kleinen Bericht mit den Worten: “ Für sie mache ich auch eins. Und noch eins: für Ihren Vater.“  …

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Ich habe vor Tagen ein Lied gefunden, das ich mit meinen Gedanken und in und mit meinem Herzen Svea, die in jene 6.Klasse geht, deren Klassenlehrer ich gerade bin, schenken möchte.

Es ist ein Lied, ein außergewöhnlich schönes, das vom Frühling erzählt, von jenem besonderen Frühling, der nicht an eine Jahreszeit gebunden ist. Ich weiß, dass sie es heute schon ein bisschen verstehen würde, viel besser aber sicher noch in ein paar Jahren. Weil sie ist, wie sie ist, wünsche ich ihr, dass sie diesen Frühling immer finden möge, Menschen, die ihr davon erzählen und sie dahin mitnehmen, damit sie, vor allem in den Zeiten, die ihr schwer sind oder schwer gemacht werden, darin immer leben kann, selbst und vor allem auch dann noch, wenn es irgendwann am Ende dahin gehen wird. So wie halt alles andere auch.

klebe – Es ist Frühling

Tagebuchseite -937-

Sommer 2021

Inzwischen weiß ich es: Urlaub ist es nicht. Nie ist es weniger Urlaub gewesen als in diesem Sommer. Vorübergehende Abwesenheit von Arbeitsalltag im sonst üblichen Sinne, das ist es. Ich versuche das wertzuschätzen.

Die Gründe für den Nicht-Urlaub sind vielfältig. In dem Augenblick, wo ich mir auch nur einen von ihnen bewusster vor Augen führe, wird er zum Trigger. Wäre es anders, hätte ich längst schon darüber geschrieben, wobei einiges wohl doch zu persönlich ist, um in diesem Tagebuch zu landen.

Mein mir nächster, liebster, engster, wichtigster Freund, mein Vater, liegt abermals im Krankenhaus. Seit Montag, und seither bin ich in großer Sorge. Jeden Abend telefoniere ich mit der Klinik im Nachbarbundesland. Ich höre so viele Fachbegriffe, versuche zu verstehen, frage nach. So wie es klingt, muss mein Vater schon wieder ungeheuer viel durchmachen. So, wie ich es verstehe, wird es schwieriger, immer schwieriger.

Ich bin so froh, dass wir uns am Sonntag vor einer Woche nach einem halben Jahre endlich wieder einmal sehen durften und konnten. Ich spüre seine Umarmung, die wir uns schenkten, als wir uns verabschiedeten und das Klopfen seiner Hand auf meiner Schulter.

Weiter vermag ich gerade nicht zu denken oder richtiger: Ich verbiete es mir.

Der Abend des Samstags war Angst. Jene, die mir besonders Angst macht, weil ich vor allem von ihr befürchte, dass sie permanent werden könnte, wenn sich einige Dinge in immer kürzeren Abständen wiederholen bzw. irgendwann zum beständigen Fakt werden. Dinge, über die ich nicht entscheiden kann. Diese Dinge sind zutiefst privat, deshalb schreibe ich sie hier nicht auf.

Die Angst hat mit Alleinsein in Einsamkeit zu tun und, wenn es wie am Samstag ist, mit Geräuschen, die in mir Erinnerungen wachrufen, ungute, die ich nie verarbeiten konnte, ist es ziemlich schlimm.

Jeden Tag verrichte ich ein Tagwerk.

Ich habe das Schuljahr nachbereitet, alle Unterlagen sortiert und geordnet, vieles aussortiert, Material bestellt. Das hat viel Mühe gemacht und ging nicht „mal eben so“.

Ich gehe einkaufen, koche für mich und meinen Sohn, der in dieser Woche fast an jedem Tag eine Klausur im Rahmen seines Studiums, das er seit seinem Beginn nun schon ein Jahr ausschließlich online bestreitet, absolvieren muss, erledige ein bisschen anderen Haushaltskram.

An der Steuererklärung verzweifele ich schon, bevor ich sie eigentlich zu erstellen begonnen habe. (Sie ist bis jetzt liegen geblieben, weil ich während des letzten Jahres einfach KEIN freies Wochenende hatte.) Mein bisher genutztes Programm wird nicht mehr unterstützt, ich muss auf ein Onlineportal wechseln. Die Anmeldung ging nur bis zu einem bestimmten Schritt, jetzt muss ich auf Post warten – auf anderem Wege erhalte ich das nötige Zertifikat nicht, um die Anmeldung abzuschließen.

Eine kleine Radtour habe ich unternommen, während der ich zum einzigen Mal in diesem Jahr meinen so sehr geliebten Kornblumen begegnet bin, sogar ganz vielen, an einem Feldrain.

An einem Sonnabend hatte ich seit über einem Jahr die Freude, ein paar Stunden mit einer Freundin verbringen zu dürfen – wir waren lange am Hafen, ein bisschen in der Stadt. Wir hatten uns viel zu erzählen und das war schön, angenehm, es hat sich gut und richtig angefühlt.

Einen Tag in der Landeshauptstadt habe ich dann wieder allein verbracht. Ich wollte irgendwie raus und da ich auch ein paar Erledigungen machen musste, bin ich schließlich gefahren. So sehr ich mich gefreut habe, einen seit Jahren verschwunden geglaubten Suppenladen an anderer Stelle wiedergefunden zu haben, in dem es das beste Chili der Welt gibt und Herr Schmidt an einer wohl schon betagten aber liebevoll gehätschelten Maschine nach wie vor einen überaus akzeptablen Espresso kreiert, so verloren fand ich mich am Nachmittag bei einem Latte Macchiato allein in einem Backshopcafe´ eines Einkaufszentrums sitzen.

Lange und oft habe ich wieder und wieder überlegt, für zwei, drei Tage allein auf eine kleine Reise zu gehen. Umzusetzen habe ich das nicht geschafft. Der Gedanke, sich dann noch einsamer zu fühlen, sich im Genießen von etwas Schönem noch bewusster zu werden, dass man dies und so vieles allein tut, tun MUSS,  dass das Schöne, noch mehr als sonst, als zu schön um wahr zu sein, empfunden wird, hat mich nicht losgelassen. Allein er hat meine Depression befeuert, so, dass es eben auch Zeiten gab und gibt, jetzt, in denen ich kaum überhaupt etwas zu tun imstande bin, während denen ich einfach NICHTS kann. So blieb und bin ich hier.

Ein bisschen Musik ist mir geblieben und das Lesen, zu dem ich sonst viel weniger Zeit habe, die Freude über das spitzbübische Wesen der Spatzen, die unseren Balkon besuchen und unendliche und weite Gedankenreisen.

Jetzt denke ich, natürlich, immer wieder an meinen Vater.

Was ich sonst noch stärker wahrnehme als sonst, sind die „großen Entwicklungen“. Ich möchte so gern so vieles genauer wissen, tiefgründiger erfassen, besser verstehen können. Aber ich schaffe das selbst jetzt nicht. Es gibt so viele Podcasts, Audios, Filme, unterschiedliche Webseiten – allein die Vielfalt an Themen, die meine Tageszeitung aus der Bundeshauptstadt aufzeigt und (dankenswerterweise) auch mal kontrovers behandelt, mit Hintergrundinformationen versieht, sind letztlich nicht überschaubar. –

Mich macht das traurig und es zieht mich auch runter, denn, das, was ich im Kontext der gängigen, der üblichen Informationen über die Reise unserer Welt erfahre, erschreckt mich immer mehr, macht mich sehr unruhig, unzufrieden, verzweifelt. Das, was ich als gut und richtig wahrnehme, hat nicht genug Macht und Geld.

Ich bin nicht so einfältig, mir Illusionen zu machen: Die, die plötzlich klimafreundlichere Wirtschaft machen „wollen“, tun das, weil sie nicht mehr anders können. Freuen kann ich mich darüber allerdings nicht. Denn sie tun es, um nach wie vor und mehr denn je, Geld damit zu verdienen, Profit zu generieren. Und meine Lebenserfahrung flüstert mir, wer dabei (wieder) auf der Strecke bleiben wird. Und ich fühle mich auch bei diesen Gedanken allein.

In knapp 12 Tagen wird wieder Alltag sein. Die „Viruszahlen“ beginnen, wenn auch noch wertmäßig im niedrigen Bereich, wieder exponentiell zu wachsen. Die Menschen lernen nicht. Die Politik lernt nicht. Es MUSS ins Ausland in Urlaub gefahren werden, es MUSS wieder in Größenordnungen gefeiert werden, schließlich haben „wir“ so lange gelitten, MONATELANG. Es reicht uns nicht einen Kaffee im Freien genießen zu können, wir wollen mehr, größeres, ALLES. – Ob geimpft oder nicht.

Es hat sich nichts geändert, und es wird sich nichts ändern.

Nun ist es ein langer Eintrag geworden. Dass ich vom Thema abgekommen bin, mit der Zeit, kann allenfalls so scheinen. Denn ich habe, so, wie ich es mir vorgenommen hatte, ausschließlich über die Zeit geschrieben, über der „Sommerurlaub“ geschrieben steht, für mich …

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Von „Bad Actor“ weiß ich nur, dass er eigentlich Markus Sasse heißt, als Musikproduzent, Sänger und Songschreiber aktiv ist und sich bisher wohl mit drei oder vier Liedern, deren eigener Interpret er ist, an die Öffentlichkeit gewagt hat. Das zweit Neuste davon ist das nun folgende. Obwohl ich den Text nur ansatzweise verstehe (eine Übersetzung habe ich noch nicht finden können), mag ich das Lied, das ich vorgestern sogar im Deutschlandfunk gehört habe. Und es vermittelt eine Grundstimmung, in der ich mich irgendwie gerade besonders wiederfinde:

Bad Actor – „Around we go“

Tagebuchseite -936-

Wenn das Wichtigste verloren geht …

Es gab Zeiten, in denen ich Geschichten gefunden habe.

Ihre ersten Worte standen an auf die Masten von Straßenlaternen geklebten Zetteln geschrieben, erklangen zwischen den Noten einer Harfenspielerin, der ich in einer größeren Stadt begegnete oder lächelten mich vorsichtig vom Munde eines Mädchens an, das mit einem Buch allein auf einer Parkbank saß.

Andere begannen an einem Seeufer und kamen mir mit einer auf dem Wasser dahin gleitenden Entenfamilie näher, sprachen ganz leise, als sie über eine von bewaldeten Bergen umgebene Hochebene schwebten oder waren lustig, als sie mich aus kleinen schwarzen Waldmäuschenknopfäuglein anschauten.

Erwärmend und romantisch waren jene, die mir während eines Sonnenuntergangs aus den kräuselnden Wellen des Meeres zuflüsterten und erdend die eine, die ein Silvesterabend war, einer, wie ihn wohl nur wenige Menschen kennen.

Es gab Zeiten, in denen ich selbst Teil von Geschichten war, mitunter sogar eine Hauptrolle in der einen oder der anderen besetzte. Meist, ohne das zu wissen oder gar zu wollen.

Sie erzählten von mir, der sich stets nicht nur in sich, sondern auch in anderen Menschen suchte, um sich selbst zu finden, der andere Menschen, fast immer unvollkommen nur, erkannte und also sich wieder und wieder hinterfragte, sich und immer wieder die ganze Welt.

In so mancher dieser Geschichten fand es sich, dass sie gut ausging, allein deshalb, weil eine ganz bestimmte, ganz besondere Umarmung mich zu Hause sein und fühlen ließ und immer schon ahnen, dass ich ein anderes zu Hause nie haben würde.

Die Zeiten sind andere geworden.

Ich weiß nicht, ob die Geschichten mehr oder weniger geworden sind, nicht, ob es andere sind, als ich sie früher gefunden habe. Aber ich finde kaum noch eine.  

Ich wähne, dass ich in mancher Geschichte noch eine Rolle spiele. Aber ich bin müde geworden zu hinterfragen. Was ich von mir erkenne, scheint nicht mehr das zu sein, was ich bin. Es ist, als würde ich mich mehr und mehr verlieren.

Wenn das, was einst zu Hause war, zur Erinnerung wird und nur ein Andenken bleibt, lässt es sich nur schwer Geschichten finden. Und die Rolle dessen, der kein zu Hause, keine Heimat, mehr hat, fühlt sich selbst heimatlos an oder ist es womöglich tatsächlich. Selbst, wenn sie doch noch Teil mancher Geschichte ist. Und das ist sie wohl, glaube ich. Aber das tröstet nicht und ändert nichts.

Vielleicht ist es Zeit, selbst Geschichten zu schreiben. Wenn es nicht anders geht, dann eben nur aus sich selbst und mit sich allein beginnend. Aber ist das überhaupt möglich? Was sollen das für Geschichten sein, wovon könnten sie erzählen?

Es fühlt sich so schrecklich fremd an, und bloß die Vision macht mich schon furchtbar traurig, jedes Mal wenn meine Gedanken ein Stückchen weiter an ihr stricken. Wenn aber die Vision schon traurig macht, wie könnte dann die Realität eine andere sein? – Ich fürchte so sehr, dass sie das Alleinsein erst so richtig bewusst machen würde.

Und so schaffe ich nicht mal einen ersten Buchstaben, nicht einen ersten kleinen Schritt.

So sind die Zeiten gerade, meine Zeiten …

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Lieder von Mine habe ich hier schon einige vorgestellt. Für mich ist sie eine der bedeutendsten Sängerinnen und Songschreiberinnen im Deutschland der Gegenwart. Dies Lied hier belegt das eindrucksvoll und ist zugleich Beispiel für die vor allem musikalische Weiterentwicklung, die die Künstlerin seit einigen Jahren vollzieht und vervollkommnet. Ihre Texte sind ohnehin jedes Mal einzigartig – dieser hier geht mir gerade besonders nahe …

Mine – „Mein Herz“