Tagebuchseite -977-

Schwanenlied

In der Verfassung, in der ich gerade bin, sollte ich nicht schreiben. Aber dann dürfte ich vielleicht nie mehr schreiben, denn diese Verfassung, dieser Zustand, besitzt mich inzwischen nahezu immer, wenn ich nicht auf der Arbeit oder in sonstigem Kontext anderer Menschen gehalten bin, der zu sein, der ich sein sollte, der, der „erwartet“ wird.

Ich weiß nicht, ob es gut ist, diese Tagebuchseite mit dem zu beschreiben, was ich schreiben würde oder werde. Das denke ich mir in letzter Zeit immer öfter und mein Tagebuch merkt das daran, dass immer länger Seiten leer bleiben, bevor mal wieder eine gefüllt wird.

*

Es steht ein Mensch auf einer Anhöhe, ein Mensch, der singt. Sein Lied hat viele Strophen. Der Text wird getragen von einer verstörend absonderlich schönen Melodie.

Die Anhöhe ist geworden aus den Erinnerungen, die in dem Menschen wohnen, den Träumen und Wünschen, die nicht wahr geworden sind, den Episoden dazwischen, die ihm Halt gaben und Freude schenkten, nun aber vergangen sind, den Verlusten, die er zu beklagen hat, den Kämpfen, die er, meist scheinbar nur, gewann und denen, die er verlor.

Er singt hinein, in das, was ihn umgibt, was alle die Gegenwart nennen oder Realität.

Sie ist es, in der er sich nicht mehr zurechtfindet, sie ist es, die im Angst macht, ihn mehr und mehr verzweifeln lässt. Das, was er als schön darinnen wahrnimmt, empfindet er fast immer und besonders als zu schön, um wahr zu sein und so tut selbst das verbliebene Schöne letztlich meistens weh.

Er singt gegen Vergangenes, vor allem aber gegen diese Gegenwart an und gar gegen die Zukunft, beschwörend geradezu, auf dass sie vielleicht doch nicht so oder gar noch beängstigender, bedrückender, hoffnungsloser werden möge als es die Gegenwart ist.

Er singt und weiß doch, dass fast niemand ihn hört. Er spürt, dass kaum jemand ihn hören will und kann. Geschweige denn verstehen. Obwohl er immerfort von Liebe singt. Aber seine Sprache ist eine andere. Den meisten sonst fremd geworden, so wie ihm die Ihrige.

Obwohl er das weiß, steigt er wieder und wieder auf die Anhöhe hinauf. Aber mit jedem mal fällt es ihm schwerer. Hat er früher täglich gesungen, so ist es nun kaum noch einmal in der Woche.

Er empfindet, dass sein Gesang von der Anhöhe, dem „Mont Klamott“ seines Lebens, seine letzte Mission ist.

Er wird ihr folgen.

Solange er es noch vermag.

Sein Gesang ist sein Schwanenlied.

*

Ich habe eine Metapher gewählt für das, was ich schreiben wollte. Sie sagt, beschreibt und erklärt nicht alles. Anders hätte ich es aber weder vermocht noch für zweckvoll halten können. Letzteres fällt mir auch jetzt noch schwer, nachdem ich es noch einmal gelesen habe. Aber irgendwie bin ich, wenigstens für den Augenblick, doch im Reinen mit mir.

***

„Tocotronic“ hat, wie ich gerade gelesen habe, bereits 13 Studioalben veröffentlicht, die Band aus Hamburg gibt es bereits seit 1993. Bis vor wenigen Wochen hat es gebraucht, dass wir, die Band und ich uns gefunden haben. Über ein Lied, an dem noch jemand mitgewirkt hat, „Soap & Skin“. Hinter diesem Namen verbirgt sich eine österreichische Musikerin, Sängerin, Komponistin, Produzentin und Schauspielerin, die ebenfalls schon seit etlichen Jahren sehr erfolgreich arbeitet und den Realnamen Anja Franziska Plaschg trägt. 

Das Lied ist textlich, musikalisch, vom Arrangement und der Interpretation her sehr tiefgehend und wird durch ein völlig ohne Effekthascherei auskommendes Video eindrucksvoll untermalt. – Es ist leise schön zu hören, aber auch richtig laut …

Tocotronic feat. Soap & Skin – „Ich tauche auf“

Tagebuchseite -976-

Lied und Liebe und Angst

Manchmal braucht es nur ganz wenige Takte und ich weiß, dass das Lied mir gefallen wird, denn diese wenigen Takte sind solche, die augenblicklich zu mir finden.

Der Rat, sich selbst zu lieben, sich wertzuschätzen, ist ein guter.

Denn mit dem Tag, an dem man geboren wird, ist man an sich gebunden. Niemand kann sich selbst verlassen, ohne ganz aus dem Leben zu gehen. Und auch, wenn es seltsam klingt, wenn es mancher nicht wahrhaben will oder auch gar nicht bemerkt: Jeder und jede von uns ist zwei. Zwei, die miteinander ins Gespräch kommen, manchmal ganz unbewusst.

Aber so manches mal spricht das eine Ich das andere auch direkt an: „Warum hast Du das jetzt genau so getan?“, „Weshalb zögerst Du schon wieder?“, „Meinst Du, dass das richtig war?“, „Wer möchtest Du sein, wo möchtest Du stehen, in ein paar Wochen, Monaten, Jahren …?“ – Und häufig fällt es dem anderen Ich gar nicht leicht, auf solche Fragen zu antworten. Mitunter bleibt es gar still und das fragende Ich versucht, in das andere, das grübelnde, hineinzuhorchen.

Ich drehe das Lied ein wenig lauter, hoffe, dass die mich findenden Takte mir helfen, dass ich mich selbst ein bisschen besser finde, jetzt, in diesem Moment, während dem ich in mich hinein lausche.

Ich habe Bilder gesehen, Fotos von Menschen. Lächelnd in anderen Städten, Regionen und Ländern, in Bibliotheken, in den Weiten von Seen, Bergen und Wiesen, auf Straßen und Plätzen mit faszinierender Architektur, an stillen Orten, kaum gekannt, mit ein wenig Streetart an Mauern und Laternenmasten. In Cafés, diese Woche hier, nächste Woche dort, manchmal auch an mehreren Tagen in der Woche. Die Milch hat Figuren in die dampfende Bräune gemalt, frische Beeren lächeln vom Kuchenbelag oder den Gipfeln der Eisbecherkugeln.

Die Bilder erzählen von Auszeiten, von Begegnungen, mit einem oder mehreren anderen Menschen, die einander nahe sind. Sich mögen, sich Liebe schenken. Und so Leben mehr als Alltag und Arbeit, als Pflicht und Existenz sein lassen. Wenigstens für Momente. Wiederkehrende Momente. – Sie sind wunderschön diese Bilder …

Die Melodie des Liedes biegt in die zweite Strophe ein und nimmt die Bilder mit, die ich seit langem schon fast ausschließlich noch vom Ansehen her kenne. Teil meiner eigenen, realen Existenz sind sie nur noch ganz, ganz selten.

Der Rat, sich selbst zu lieben, sich wertzuschätzen ist ein guter.

Auch wenn die Liebe und Wertschätzung zu sich selbst niemals imstande ist, so schöne Bilder werden zu lassen, solche Momente des Lebens.

Es ist nicht dasselbe allein zu lächeln, in die Natur zu gehen oder in einem Café   zu sitzen. Und manches Mal braucht es Überwindung, das überhaupt tun zu können, sich selbst etwas zu tun, was vermeintlich gut ist für das eigene Sein, die eigene Seele. Und manchmal ist es dann doch nicht gut. Weil es erst so recht bewusst macht, wie sehr man auf die Liebe zu sich selbst angewiesen ist.

Das Lied wird leiser. Ich höre es verklingen. Im Raum, der den Klang aufnahm, spüre ich noch ein Weilchen das Schwingen der Melodie, als wenn da immer kleiner werdende Wellen wären. Jede Welle nimmt einen meiner Gedanken mit. Sie ziehen dahin und fort, so wie vorhin die Bilder.

Was bleibt, ist Stille, wird Leere.

Leere, die sich mit dem füllt, was mich immer wieder und immer mehr ausmacht: diffuse, unbestimmte und doch konkrete Sorge. Angst.

Ich sitze da und sinne dem Lied nach und höre das eine Ich dem anderen zurufen: „Liebe Dich! Jetzt! Hör‘ nicht auf damit!“

Eine Weile ist es wieder ganz still. Und dann ist da ein schwerer Seufzer, wie ein Beben.

Wie in Trance lasse ich die ersten Takte des Liedes noch einmal zu mir kommen …

***

Femi Luna kommt aus Herisau (in der Schweiz) und hat holländische Wurzeln. …  Femi Luna ist kein Pseudonym, sondern ihr wirklicher Name. Sie ist Singer/Songwriterin und erzählt Geschichten aus ihrem Leben. Alles was sie berührt und beschäftigt, setzt sie in Lieder um. Mit ihrer warmen und kräftigen Stimme berührt sie damit auch die Hörer*innen. Die Begleitung ist spärlich, einfaches aber trotzdem spezielles Piano oder auf der E-Gitarre. Im Hintergrund untermalt ein Synthie die Klanglandschaft. Ab und zu kommt auch ein Schlagzeug dazu. Das sind Songs, welche man sich einfach anhören muss, auf dem Sofa, nach hinten lehnen und hören. Es lohnt sich.

 (© Fredi Hallauer – https://musikch.com/)

Und das ist jenes Lied, von dem in meinem Text die Rede ist. Vor ein paar Tagen erst hat es mich gefunden.

Femi Luna – „Quiet as the moon“

Tagebuchseite -975-

Die Geschwindigkeit des Menschen

Irgendwann in Kleinkindtagen haben wir es gelernt. Zuerst ganz unsicher, den allerersten und manche folgenden Schritte vermochten wir nur zu tun, wenn wir gehalten wurden. Aber schließlich setzten wir einen Schritt allein und dann noch einen und dann immer mehr, ganz viele. Schlussendlich konnten wir gehen, auf zwei Beinen.

Gehen definiert die dem Menschen adäquate Geschwindigkeit.

Sie ermöglicht uns, uns in der uns unmittelbar umgebenden Welt umfassend zu orientieren. Sie befähigt uns, Feinheiten darin zu erkennen, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken und sie auf uns wirken zu lassen. Sie gestattet uns, uns umzusehen, etwas, was wir zunächst vielleicht doch übersehen haben, noch zu erfassen und uns fortan begleiten zu lassen. Sie bewirkt, dass wir unsere Schritte bedacht zu setzen vermögen, so, dass wir nichts zertreten, ungewollt zerstören.

Es war nur eine kurze Zeitspanne, während der wir ausschließlich gegangen sind.

Das erste Dreirad, der erste Roller, das erste Fahrrad, waren Beginn und erste Fortsetzungen, uns Geschwindigkeit im Sinne einer gewissen Schnelligkeit wahrnehmen zu lassen. Ein bisschen waren wir selbst fasziniert und noch mehr wurde uns schon bald in diesem und jenem Milieu diese Faszination immer stärker suggeriert.

Mancher und manche raste mit einem Motorrad durch die Nacht, meinte die große Freiheit zu erfühlen während flotter Reise in einem schnittigen Auto, bei heruntergelassenen Seitenfenstern und „Take me home country road“ aus quadrophonen Lautsprechern. Und schlussendlich hob man ab, atemberaubend schnell, und fand sich über den Wolken wieder. Und es schien, dass die Geschwindigkeit vergangen wäre, dass alles nur mehr ein Gleiten wäre – womöglich der sich am schönsten anfühlende Irrtum.

Der Geschwindigkeit des Gehens entspricht jene, die das zuhörende miteinander Sprechen von Angesicht zu Angesicht, das Lesen eines Textes, eines Buches oder das handschriftliche Verfassen eines Briefes gebären und erfordern. Damit die Chance besteht, einander so umfassend wie möglich zu verstehen, nachfragen, überdenken und korrigieren zu können. Konflikte zu erkennen und friedlich beilegen zu vermögen.

Heute mutet es nahezu als vergangen an, von Angesicht zu Angesicht miteinander zu sprechen, ein Buch zu lesen, einen Brief zu schreiben.

Schon bald wurde telefoniert, „gesimst“, getwittert, Bücher wurden und werden in verkürzter Form gehört oder als noch kürzerer Film gesehen. Das Nachschlagen in einem Lexikon, das Erfahren der Mühe und der Schönheit von Suchen und Finden ersetzt durch sekundenschnelle Googleergebnisse.

Die Überzeugung vom Wert hoher und immer höher werdender Geschwindigkeit wird immer manifester. Proportional dazu steigt die Gewissheit von derer Notwendigkeit. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ – so steht es, wie ehern gemeißelt über allem, was gedacht und getan wird. Niemand spricht einen Zweifel dagegen aus. Es wird nicht einmal gefragt, was für ein Leben das denn ist, das die Strafe verhängt.

Ist es nicht das Leben der immer rasanter werdenden Geschwindigkeiten, das Leben der uns und die uns gegebene Kraft und Konstitution längst mehrfach während unserer kurzen Lebenszeit überholenden Alltage? Ist es nicht das Leben, das uns zum „Mut zur Lücke“ zwingt, das uns lehren will, dass zu viel Rücksicht dem eigenen Fortkommen im Wege steht, das uns die Unerträglichkeit des Seins in Langsamkeit einredet und Fortschritt ohne mehr und mehr Geschwindigkeit als unerreichbar apostrophiert?

Die dem Menschen adäquate Geschwindigkeit ist das Gehen.

Sie ist die uns naturgegebene Schnelligkeit. Als wir begannen, sie zu überwinden, begannen wir die Natur zu verleugnen, die Natur im Allgemeinen, die des Menschen im Besonderen. Wir begannen unbesonnen zu werden, zu übersehen, den Blick für das Ganze zu verlieren. Wir setzten Schritte immer rascher und zerstörten damit, mehr und mehr und unwiederbringlich.

Ich wünsche mir, gehen zu dürfen. Ohne, dass dieser Gedanke belächelt als weltfremd und unrealistisch abgetan wird. Ich wünsche mir, dass wir alle so oft als möglich gehen dürfen.

Für das, was wirklich wichtig ist, für das, was uns LEBEN lässt, ist es das Beste. Und es ist allemal genug.

Leider ist es

Leider ist es real so furchtbar utopisch …

***

Allmählich mag der Eindruck entstehen, dass ich eine Präferenz für junge Musik aus Österreich entwickle. Womöglich ist das so, aber es geschieht unbeabsichtigt. Es geschieht durch die Musik aus unserem Nachbarland und deren Schreiber und Interpreten. – Gerade habe ich Lemo entdeckt und sein wohl aktuellstes Werk, wunderbar passend zu meinem Text da oben, ein engagiertes, obendrein sehr hörenswertes (es macht fast gute Laune!) Plädoyer für mehr Langsamkeit.

Lemo – „Analoge Revolution“

Tagebuchseite -974-

Die Metapher von den eigenen Wegen

Es ist schon viele Jahre her, dass der Sänger und Liedermacher Heinz Rudolf Kunze ein Lied mit dem Titel „Eigene Wege“ geschrieben und interpretiert hat. Für mich gehört es nach wie vor zu jenen Stücken, die ich mir gern immer einmal wieder anhöre. Eine Textzeile aus dem Lied hat mich schon immer besonders angesprochen, ja, auch motiviert. Sie lautet: „Eigene Wege entstehen erst beim Gehen“.

Das klingt so einfach, so plausibel. Aber ich habe immer wieder gefunden, dass es das gar nicht ist. Wahrlich oft bin ich über diese Zeile ins Sinnen gekommen …

Kein Lebensweg eines Menschen ist identisch mit dem eines anderen. Und schon in frühesten Jahren macht man erste Schritte in unberührtes Land hinein, die von keinem anderen Menschen begleitet werden, auch wenn es zunächst nur ganz wenige und vorsichtige sind.

Meist sind da, wo man seine eigenen Schritte hinsetzt, Menschen. Manchmal, nicht immer, ein paar Menschen, die man schon kennt. Manchmal aber auch ausschließlich unbekannte Menschen.

 Wer auch immer sich ebenfalls in dieser für uns neuen Umgebung befindet, begleitet uns ein Stück, vielleicht nur für Minuten, vielleicht auch für Wochen, Monate, Jahre. Nicht ständig, denn jeder Mensch biegt jeden Tag in andere Umgebungen ab, verlässt, mindestens zeitweise, Menschen in dem einen Kontext, um anderen in einem neuen zu begegnen.

Das ist nicht besonders, das ist natürlich, logisch, weil kein Mensch nur in einer Umgebung, in einem Milieu oder gar ganz allein zu existieren in der Lage ist, geschweige denn zu leben.

Aber es ist unglaublich faszinierend, vor allem dann, wenn man sich wieder und wieder darauf einlässt, darüber nachzudenken.

Wie viele Wege wie vieler Menschen kreuzen sich an einem einzigen Tag? Wie viele Menschen verlassen sich, wie viele freunden sich für wie lange an? Wie viele trösten einander, sprechen einander zu, unterstützen sich? Wie viele geraten in Streit, verwünschen einander, intrigieren?  Und wie sehr sind Menschen und ihre Wege heutzutage miteinander vernetzt, gewollt oder auch nicht?

Und doch ist jeder Mensch letztlich ein Mensch für sich und in diesem Sinne allein. Sich selbst verantwortlich für sich selbst entscheidend. Selbst entscheidend überhaupt, soweit ihm denn Möglichkeiten dazu gelassen werden.

In den aktuellen Zeiten habe ich oft das Gefühl, dass die Möglichkeiten, wirklich selbst zu entscheiden, geringer werden. Immer geringer, in für mich beängstigendem Maße. Das meint nicht die Sorge um meine „universelle Freiheit“, von der ich längst weiß, dass es sie nicht gibt, nicht geben kann.

Vielmehr meint es die Ahnung, dass mehr und mehr eigene Schritte, keinen wirklich sichtbaren eigenen Weg mehr definieren, sondern, dass nach dem übernächsten Schritt bereits Gras über den gerade eben vorangegangen gesetzten gewachsen ist. So, als ob er nie gesetzt worden wäre. Sogleich verschwunden, nicht wahrgenommen, ausgelöscht. –

Ein eigener Weg? Ja, immer noch, aber nur noch für mich, für mich allein. Jedoch grundsätzlich kein wirkliches Folgen oder Begleiten mehr, allenfalls noch für den Moment, dessen Spuren freilich im nächsten Augenblick ebenso verlöschen, wie mein soeben gerade gesetzter neuer Schritt.

Die eigene Einmaligkeit verschwindet so, geht verloren, wird unkenntlich.

Es geht mir nicht darum, unvergessen zu sein oder zu bleiben. Aber mir ist wichtig, dass von meiner Einmaligkeit etwas bleibt, dass mein Weg letztlich nicht umsonst oder nur für mich gewesen ist, auch dann nicht, wenn ich die allermeisten Schritte nicht so setzen konnte, wie ich es vielleicht getan hätte, hätte ich wirklich allein und frei entscheiden können.

Wie viele oder wie wenige unserer „eigenen“ Wege sind wirklich und frei von uns gewählt? Wie oft oder wie selten haben wir so eine Wahl tatsächlich? Wie klein oder groß ist das Risiko, dass wir mit einer solchen Wahl anderen Menschen Schaden zufügen können? Wie niedrig oder hoch ist angesichts solcher (notwendiger) Abwägung die Chance, dass unsere eigenen Wege sichtbar werden und vor allem bleiben?

Eigene Wege entstehen erst beim Gehen.

Die Wahrnehmung ihrer jeweiligen Einmaligkeit ist selten und bleibt aller meistens höchstens eine Episode. Und am Ende gilt das, was als Titel eines Romans von Hans Fallada geschrieben steht: „Jeder stirbt für sich allein“.

Weil die Mauern und die Käfige, die um jeden einzelnen herum existieren, keine Illusion, kein Trugbild, sondern Realität sind. Weil so jeder, letztlich und schlussendlich, auch (für sich) allein lebt.

***

Über Jaakko Eino Kalevi habe ich nicht viel in Erfahrung bringen können. Nur, dass er aus Finnland kommt, 1984 geboren ist und zunächst als Straßenbahnfahrer in der finnischen Hauptstadt Helsinki gearbeitet hat. Musikalisch in Erscheinung getreten sein, soll er erstmalig im Jahr 2007. Sein erstes Album erschien acht Jahre später. Seit fünf Jahren lebt die „finnische Einmannband“ (so die „taz“) in Berlin. Wo oder wie Kalevi musikalisch-stilistisch und überhaupt „einzuordnen“ ist, weiß ich nicht – aber womöglich ist es genau das, was der Künstler verhindern möchte: Irgendwo hineinzupassen.

Sein aktuelles Album trägt denselben Titel wie ein sehr bekanntes Lied von Anastacia. Und das, zumindest für meine Ohren sehr hörenswerte Stück, ein Cover eben dieses Liedes, selbstredend auch.

Jaakoo Eino Kalevi – „Left outside alone“

Tagebuchseite -973-

Die Dystopie der Gegenwart

Längst ziehen Wolken übers Land, wo mit den Augen keine zu sehen sind. Sie hüllen ein, was gewesen ist und lassen das Gegenwärtige in grauen kalten Regenwänden gewähren. Niemand weiß, wie lange noch. Dabei sind die grauen, sauren Regenwände von dem, was noch bleibt, noch das wirtlichste. Es gibt keine Zeichen mehr, die groß genug wären, zu künden, dass es jemals noch einmal besser wird.

Stimmen sind zu hören, wie aus einer anderen Welt. Sie erzählen vom Innehalten, vom Besinnen auf das, was immer wesentlich sein und bleiben oder doch bitte wieder werden sollte. Es sind Stimmen, die schon so lange verhallen, ungehört. Stimmen, die nie weniger gehört worden sind als jetzt. Nie waren sie utopischer, irrealer.

Stimmen, die immer leiser werden, weil alles um sie herum immer lauter wird und weil sie einer Spezies entspringen, die endgültig am Aussterben ist. Sie geht den Weg, den schon so vieles Leben auf diesem Planeten einschlagen musste. Sie wird nicht die letzte sein, die den Planeten noch sieht, sehen muss, wenn er endgültig vergeht, wenn nur noch Schreien ist. Das ist ihr letzter Trost.

So gehe auch ich. Lange schon habe ich bemerkt, dass das Fortgehen um mich herum längst begonnen hat. Am Fortgehen von mir ist es mir aufgefallen, das mehr und mehr wird. Auch wenn wir in verschiedene Richtungen zu gehen vermeinen, weil wir uns trennen, bleiben wir doch für immer eine Herde. Das freilich tröstet nicht.

Denjenigen, die immer von einem anderen Leben, einem Leben danach, gesprochen haben, gehen die Argumente aus.

Es war schon immer skurril, dass Schafe unter Schafen glaubten, eine höhere Weisheit verkünden zu können oder gar zu haben als die anderen. Gott war auch immer nur ein Mensch, nicht weiser und nicht besser als die anderen, von denen er gemacht war. Und nun stirbt er auch. Und mit ihm das Gewissen, das er sein sollte und vielleicht sogar wollte. Das ist das Schlimmste von allem: Dass das Gewissen stirbt.

Es fliegt dahin in und mit den Vögeln, die immer noch zwitschern und Lieder singen durch das finstere Regengrau hindurch. Es versickert, von leise klingenden oder wild schäumenden Wellen getragen, an und in den Ufern, von denen ich einige immer noch schaue, weil mir das Verloren gehen zwischen ihren vielen kleinen und kleinsten Kieseln ein bisschen Geborgenheit schenkt.

Es ist die letzte Geborgenheit, die ich auch in den immer noch erblühenden Blumen finde, wie dem zarten Huflattich, der sich zwischen hartem Gestein an einem Naturstrand seinen Weg zum letzten Licht gebahnt hat. Was für ein berührender Moment, in dort gefunden und gespürt zu haben, die Kraft seiner Zartheit und, dass sein Erblühen von einer der leisen Stimmen begleitet war. Und Geborgenheit fand ich so auch in den Wellen, die diese Metapher verstanden und aufgenommen zu haben schienen, denn sie klangen als eine kleine Melodie zwischen den Kieseln, die sie am Ufer bewegten.

Jene, die sich besser und gleicher dünken als andere (und wer tut das eigentlich nicht?) hören nicht auf, einander übertönen zu wollen. In dem einen, dem einzigen Klang, den sie alle anstimmen, rufen, schreien, brüllen. Kein Ohr und kein Platz für Fragen nach anderem. Es gilt und gibt nur eine Wahrheit. Auch wenn so viele sie gar nicht verstehen. Aber sie sind längst so sehr zum Glauben erzogen, zum Glauben aus Bequemlichkeit. Da braucht es kein Gewissen mehr und es gibt auch keinen Platz mehr dafür.

Du gehst dahin, blauer Planet. Dahin, wo jene, denen du anvertraut warst, dich hinführen. Du kannst dich nicht wehren. Selbst wenn du es wolltest, nicht.

Verzeih mir, dass ich diese Wehrlosigkeit so sehr empfinde, dass ich ein Teil von ihr werde. Mehr und mehr. Die Kräfte, denen ich noch vertrauen kann, sind, wie der Huflattich, sanft und mutig noch, aber zu schwach der gebrüllten „Wahrheit“ tatsächlich widerstehen zu können.

Wenn meine Hoffnung noch nicht gestorben ist, so ist sie doch begraben. Lebendig begraben.

Und genauso lebe ich noch.

Begraben.

***

Steiner und Madlaina sind ein weibliches Duo aus Zürich in der Schweiz, das gemeinsam mit einer Band spielt.

Ich habe vor längerer Zeit schon einmal ein Lied der beiden Frauen hier in meinem virtuellen Tagebuch geteilt und bin seither immer wieder zurückgekehrt zu den beiden Musikerinnen und Songschreiberinnen, die nach wie vor viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Denn ihre Lieder sind, jedes auf seine Weise, kleine Meisterwerke, brillant. Aussagekräftige, zum Nachdenken inspirierende Texte, eingängige, aber keine Allerweltsmelodien.

Ein neueres, sehr illustrierendes Beispiel für ihr beeindruckendes Schaffen ist das Lied „Prost mein Schatz“, eine starke Momentaufnahme von Befindlichkeit in diesen Zeiten …

Steiner & Madlaina – „Prost mein Schatz“

Tagebuchseite -972-

Eine Seite, die nicht geschrieben werden wollte …

… ist die, die nun hier geschrieben steht. Ich habe sie gegen meinen Willen geschrieben, vor allem aber gegen mein Vermögen zu schreiben.

Schreiben, so wie ich es will, wie ich es möchte, kann ich nur, wenn ich eine ganz bestimmte Freiheit habe. Jenen Raum und jene Zeit, die Inspiration schenkt oder bewusst macht. Inspiration, ICH sein zu können in und zwischen den Zeilen durch die Art wie ich schreibe über die Themen, Fragen, Geschehnisse oder Fantasien, die mich bewegen.

Dieser Raum und diese Zeit aber sterben mit jedem Tag mehr. Ich sehe, höre, fühle die Welt sterben und mich. Ich bin voller Sorgen, so voller Angst und Einsamkeit, voller Ohnmacht. Mein Atmen ist zu einem Ringen nach Luft geworden.

Wie soll man, wie soll ich so schreiben können?

Ich schreibe trotzdem und schreibe gegen meinen Willen, weil es heute schon wieder so eine schlimme Nachricht gegeben hat. Eine von jener Sorte, die mir den Boden unter den Füßen wegziehen, die mich sprachlos werden lassen, mich in Schockstarre versetzen. Sie war, sie ist so fürchterlich nah, heute Nachmittag schlug sie neben mir ein …

Irgendetwas in mir spricht, dass es wohl mit dem Jahr 2008 begonnen hat, mit dieser Art Nachrichten, mit dieser Art des Erlebens für mich. Seither sind solche Nachrichten, solches Erfahren und Erleben immer mehr und mehr geworden und ihre Frequenz hat sich beständig beschleunigt. Und zwei Dinge machen diese Nachrichten und diese Geschehnisse aus:

Mich verlassen Menschen, wichtige, nahe Menschen, auf diese oder jene Weise, aber jeweils für immer und meine Lebensräume, die großen, wie die kleinen, die gesellschaftlichen wie die privaten, werden immer unwirtlicher, fremder, beängstigender, verstörender. Und nichts, wirklich nichts hilft, dem Einhalt zu gebieten.

Ich versuche, in mir selbst Trost zu finden und Liebe, weil um mich herum immer weniger davon ist. Und ich bemerke, dass ich kaum noch zu lachen imstande bin. Wenn ich es noch tue, dann für die Kinder, die mir anvertraut sind. Ich ermahne mich zu lachen, damit ich sie nicht am Ende verunsichere oder gar erschrecke. In meinem Inneren ist jedes Lachen erloschen.

Heute habe ich während eines meiner aktuell an Donnerstagen möglich seienden Verzweiflungsspaziergänge um die frühe Nachmittagszeit da und dort Blumen gesehen. Jede einzelne war schön und hat mich darum traurig und trauriger gemacht, weil ich so sehr spürte, wie jede einzelne dieser zarten Schönheiten Trost und Liebe für mich sein wollte.

Das war, bevor jene schlimme Nachricht kam …

Nahezu alles, was von außen auf mich einwirkt und das, was von meinem Leben übrig geblieben ist, betrifft, verunsichert mich zutiefst, löst Ängste in mir aus. Ich finde, obwohl mir etliche Strategien dafür beigebracht worden sind, keine Mittel mehr, mich dagegen zu wehren, dem etwas entgegenzusetzen. Keine Mittel und keine Kraft. Ich versuche, es geschehen zu lassen, es hinzunehmen, durchzuhalten.

Um den Kindern, die mir anvertraut sind, weiter möglichst jeden Tag von dem Lachen zu geben, das in mir selbst erloschen ist. Um den Menschen, die sich noch um mich bemühen, die mir noch nahe sind, wenigstens eine Erfahrung jener Art zu ersparen, die mir so zusetzen, dadurch, dass ich nicht selbst zu so einer Erfahrung werde. Und um, immer noch, Liebe zu geben …

Nein, diese Seite wollte nicht geschrieben werden, nicht von mir.

Und sie wollte auch nicht beschrieben werden. Nicht so.

Ich will nicht so schreiben.

Es tut mir leid.

***

Anna Erhard stammt aus der Schweiz, lebt aber nun schon einige Jahre in Berlin. Zuvor war sie als Sängerin der Band „Serafyn“ unterwegs. Das folgende Lied, ihr Debüt als Solosängerin, wurde mit Pola Roy von „Wir sind Helden“ als Produzenten in Berlin-Kreuzberg aufgenommen. Ich mag das Stück sehr – es ist irgendwie eigen und originell, schön anzuhören und von einer Leichtigkeit, auf die auch der Text hinweist, nach der ich mich so sehr sehne …

Anna Erhard – „Short Cut“

Tagebuchseite -971-

Brief an meinen Vater

Du bist immer noch bei mir und Du wirst es immer bleiben. Ganz nah bist Du bei mir.

Ein gutes halbes Jahr ist vergangen, seitdem Du aber nicht mehr auf der Erde wohnst.

Die Wohnung, die Du jetzt hast, ist in meinem Herzen. Ich kann Dich so jederzeit besuchen und das tue ich wahrlich mehrmals am Tag. Das ist schön und das ist so sehr wichtig für mich. Aber es ist eben auch sehr anders als früher.

Ich kann Dich nicht mehr umarmen, es kommen keine neuen Bilder gemeinsamen Erlebens mehr hinzu und Deine Antworten auf meine Fragen kann ich mir nur noch vorstellen. Manchmal male ich mir aus, dass Du aus meinem Herzen heraus versuchst, mit mir zu sprechen, dass Du alle Anstrengung aufbietest, dafür, dass ich Dich hören könnte. Ich weiß, dass Du mir immer noch alle Unterstützung geben würdest, ganz unmittelbar. Aber nun kannst Du das nicht mehr. Und das macht mich traurig, traurig vor allem darüber, dass Du es immer noch so sehr gern tun würdest.

Ich habe so viele Fragen an Dich. Die Welt ist noch viel mehr aus den Fugen, seitdem Du nicht mehr auf der Erde wohnst. Einerseits bin ich froh, dass Du nicht mehr erleben musst, dass in Europa nun wieder ein großer Krieg begonnen hat (Wie viele Erinnerungen das wohl in Dir wachgerufen hätte an das Damals als Du mit 16 Jahren noch in die Wehrmacht eingezogen wurdest?). Andererseits wäre es mir so wichtig, gerade mit Dir über die aktuellen Geschehnisse sprechen zu können.

Ich tue das nun auf meine ganz eigene Weise, ganz leise, nur zu Dir in mein Herz hinein. Ich fühle dann Nähe, Nähe zu Dir, der Du immer Frieden so sehr gedacht und gelebt hast, wie es wohl nur sehr selten vorkommt. – Am Tag Deines Begräbnisses, als ich ein paar Worte an die Trauergemeinde richtete, habe ich unter anderem gesagt: „Wenn alle Menschen wie mein Vater wären, wäre niemals Krieg auf der Welt.“

Ich denke in diesen Tagen auch oft an Mutter, Deine zweite Frau. Im Alter von vier Jahren stand sie nach tagelanger Flucht mit ihrer Mutter, meiner so geliebten Oma Leni, gerade so einem verschütteten Luftschutzbunker entronnen, im bloßen Nachthemd mitten im brennenden Dresden. Eine Sirene konnte sie ihr ganzes Leben lang nicht mehr hören, ohne eine Gänsehaut zu bekommen.

Die Menschen lernen nicht. Und sie vergessen so schnell.

Ich würde gerne wissen, wie Du über die Ursachen des aktuellen Krieges denkst, denn meine Meinung dazu, traue ich mich kaum noch öffentlich zu sagen. Das, was die meisten maßgeblichen und tonangebenden Medien und Politiker dazu sagen, ist mir viel zu schematisch, zu einfach, zu bequem und ja, auch zu heuchlerisch.

Dauernd gerate ich auch in eine Rechtfertigungsposition, wenn ich etwa Unterschiede in unserem Verhalten zu Flüchtlingen thematisiere. Den einen begegnen wir (zumindest derzeit) mit offenen Armen, die anderen lassen wir im Mittelmeer ertrinken.  Die einen sind „doch ungefähr wie wir“, die anderen sind halt schwarz oder arabisch oder muslimisch oder gar alles zusammen.

Und gab es in den letzten Jahren wirklich nur diesen einen, den aktuellen Krieg in Europa?

Und was ist mit all den vielen anderen Kriegen auf der Welt, die großenteils auch mit Waffen aus Deutschland geführt werden?

Wann, wo und durch wen ist wie oft in den Jahren nach dem II. Weltkrieg das Völkerrecht gebrochen worden? Ich höre allerdings insoweit seit ein paar Wochen beständig nur noch einen einzigen Namen. Und ich finde es furchtbar, dass auch in Deutschland nun nahezu unisono gemeint wird, ein neues Wettrüsten beginnen zu müssen, und ich verstehe beim besten Willen nicht warum – die vorhandenen Waffen, vor allem die nuklearen, reichen doch jetzt schon aus, alles Leben auszulöschen und unseren Planeten mehrmals unbewohnbar zu machen.

Ich kann und darf das alles kaum sagen, muss es bei mir, in mir, behalten. Keineswegs nur auf meiner Arbeit, wo mir Kinder anvertraut sind, die ich nicht überfordern darf und will und denen gegenüber ich eine besondere Verantwortung trage.

Werde ich der gerecht, wenn ich verschweige, welche Fragen mich bewegen, welche Meinungen ich in mir trage und warum das so ist, wenn ich mich über eine Friedenstaube oder das „Peacesymbol“ mehr freue als über die blaugelben Fähnchen allüberall, auf Kapitänsarmbinden, Krawatten, jenem Gebäck, das unter dem Namen „Amerikaner“ verkauft wird usw. und wenn es mich schaudert, wenn ich davon erfahre, dass in einer Landeshauptstadt in Deutschland der rote Stern der sowjetischen Armee, die in Hauptsache den faschistischen von Deutschen angezettelten II. Weltkrieg beendet hat, mit den ukrainischen Landesfarben übermalt worden ist?

Ich weiß es nicht und bin also lieber still, obwohl ich das meist nicht richtig finde. – Und ich verfolge das solidarische Treiben nicht weniger meiner Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, das die Mehl- und Öl-, und Konservenregale in den Discount- und Supermärkten leerfegt, um auf den „Ernstfall“ vorbereitet zu sein, wie ich es heute in einer Tageszeitung lesen durfte.

Und irgendwie verstehe ich die Welt so gar nicht mehr.

Würdest Du sie noch verstehen? Was würdest Du zu all dem sagen? Manche Antwort von Dir meine ich hören zu können, auch wenn Du nun nicht mehr zu sprechen vermagst. Aber ich würde doch so gern wieder und richtig mit Dir reden können. Allerdings keineswegs nur über all das so Schwere und Krude. Viel lieber über all das Schöne, was uns beide für immer verbindet.

Diese Gespräche haben uns beiden immer so richtig gutgetan.

Es ist schön, dass Du da bist, da bleibst, bei mir, in meinem Herzen, Vati.

Du fehlst mir so …

***

Oskar Haag ist 16. 16! Und er ist Schüler. Aus Klagenfurt in Österreich. Während des Corona-Lockdowns hat er begonnen, Lieder zu schreiben, ohne selbst Noten lesen zu können. Öffentlich abrufbar ist bisher nur seine bisher einzige Single. Aber die ist ein Meisterwerk! Ich bin sehr gespannt, was da noch kommen wird …

Oskar Haag – „Stargazing“

Tagebuchseite -970-

Wenn Wladimir Putin sich schlafen legt …

Es gibt grundsätzlich einen Moment an jedem Tag, während dem ich, egal wie es mir geht, ganz bei mir und sehr, sehr dankbar bin. Dieser Moment tritt immer auf dieselbe Weise ein. Und zwar genau dann, wenn ich am Abend niederlege, die Bettdecke über mich ziehe und meine beiden Handflächen auf meine Brust lege.

Es ist dies der Augenblick des Ausstreckens, des kurzzeitigen Verlierens aller Spannung, des Spürens eines Ortes der Geborgenheit. Ein paar Atemzüge lang ist nichts anderes da als dieses Fühlen, keine Pflicht, keine Forderung, kein Termin. Nur ich bin da unter meiner Bettdecke, unter der sich langsam eine Wärme ausbreitet, die wie ein Behüten daherkommt.

In diesem Moment weiß ich, wie an keinem anderen des Tages, wer ich bin, was mir etwas bedeutet, worauf es mir ankommt. Mir ist bewusst, wie froh ich sein kann, diesen Augenblick zu haben, dass er etwas Besonderes ist, dass viele Menschen nicht einmal so einen kurzen Moment zu erspüren vermögen, weil sie in Krankheit, Hunger, Krieg oder sonstigem Leid gefangen sind. Darüber durchströmt mich eine große Dankbarkeit für dieses Geschenk des Bewusstwerdens einer Geborgenheit, einer Erdung, eines Friedens.

Vor allem während der letzten Tage ist  mir immer wieder der folgende Gedanke durch den Kopf gegangen:

Wie ist das bei anderen Menschen, die womöglich zwar einen zehrenden, fordernden, entbehrungsreichen und anstrengenden Alltag zu bewältigen haben, die familiär ge- oder überfordert sind, auf deren Schultern bisweilen viel zu viel Verantwortung lastet, die aber immerhin in Frieden, nicht schwer erkrankt, nicht in Hunger oder existenzieller Not leben? Haben sie auch mindesten einen solchen Moment wie ich, so einen erdenden, in dem sie letztlich nur bei sich sind, der bewusst macht, dass man ungeachtet mancher Unannehmlichkeit, mancher Ungerechtigkeit, doch immer noch geborgen, ja privilegiert ist?

Und schließlich geschah es wie von selbst, dass dieser Gedanke, diese Fragen einen weiteren, womöglich merkwürdigen, skurrilen oder gar verrückten Weg nahmen:

Was empfinden bestimmte „exponierte Personen“, wenn sie abends die Beine hochlegen, um sich zur nächtlichen Ruhe zu begeben, die Decke über ihren Körper ziehen, die Geborgenheit vermittelnde Wärme sich ausbreitet, wenn sie für einen Moment ganz für sich sind oder sein können. Sein könnten. Denn sind sie es? Nehmen sie diesen Augenblick so wahr wie ich, vermögen sie das, vermögen sie dankbar zu sein aus der Tiefe einer eigenen Erdung, aus dem Bewusstsein des eigenen privilegiert seins heraus?

Wie ist das bei einem narzisstischen Chef, der sein Personal nur als sein Kapital, als einen Firmenfaktor, ein Ding sieht, es ausbeutet und schikaniert? Wie ist das bei einem Ölscheich, der in seiner eigenen wasserhahnvergoldeten Welt lebt, wie bei einem skrupellosen Finanzspekulanten, für den die Börse und das „Setzen“ auf den Verlauf des Elends in Regionen Afrikas seine „Arbeit“ ist. Wie ist das bei despotischen, fundamentalistischen Herrschern und Politikern wie Trump, Erdogan oder Bolzonaro?

Und wie ist das bei Wladimir Putin, wenn er sich dieser Tage schlafen legt?

Hätte er einen Krieg beginnen können, wenn er so einen Moment empfinden würde, wie ich ihn allabendlich empfinde? Selbst dann, wenn er sich zuvor und weiterhin ungerecht behandelt und  bedroht, eingeengt und verhöhnt, vielleicht auch resigniert und überfordert gefühlt hat und fühlt?

Wann, wie und wodurch verliert ein Mensch seine Dankbarkeit? Wann und wie verliert ein Mensch, der selbst nicht in existenzbedrohendem Leid, in schwerer Krankheit lebt bzw. zu leben gezwungen wird oder gezwungen wurde, den Frieden? Wann und warum verliert er seine Erdung, die ihn sich auf den Wert von Dankbarkeit und Frieden besinnen lässt. Für sich und für andere Menschen?

Ich bin grundsätzlich kein Mensch, der irgendeinem anderen Menschen oder auch „nur“ Lebewesen, etwas zuleide tun möchte. Am allerwenigsten könnte ich es aber in  und aus dem Moment bzw. in dem Bewusstsein meiner Erdung heraus.

Warum ist das bei Wladimir Putin offenbar nicht so? War es einmal anders?

Bin ich sehr naiv, wenn ich mir solche Gedanken mache, mir solche Fragen stelle?

Auch wenn es für mich Gedanken und Fragen nach dem Anlass von Kriegen, und nun Fragen nach dem konkreten Anlass für diesen Kriegsbeginn sind?

Für mich steckt der Anlass für einen Kriegsbeginn (nicht zu verwechseln mit der oder den Ursachen für den jeweiligen Krieg) immer in der Seele des oder der Menschen, die schließlich den entscheidenden Befehl geben. Ich kann mich allerdings nicht mit der Antwort abfinden, dass es eben kranke Seelen sind, die letztlich so einen Befehl geben und einen Krieg veranlassen.

Ich gestehe, dass mir das wirklich als zu einfach, zu lapidar, zu bequem auch, erscheint.

Und ich gestehe weiter, dass ich einen Wunsch für Wladimir Putin habe, einen zutiefst friedlichen, geerdeten Wunsch.

***

Wilco ist eine schon etliche Jahre bestehende US-amerikanische Indie-Pop-Band. Einer meiner Lieblingssender spielt tatsächlich gelegentlich Indie-Musik. Das nachfolgende Stück, dessen Text für mich irgendwie ein bisschen zu meinen Gedanken heute passt, habe ich gerade heute am späten Nachmittag zu ersten Mal gehört.

Wilco – „If I ever was a child“

Tagebuchseite -969-

Vom Fliehen in mir (Gedanken zum Beginn  eines Krieges)

Ich kann es schon lange nicht mehr zählen, nicht mehr fassen, nicht mehr verarbeiten, wie viel aus meiner Sicht Widersinniges, Unmenschliches, Verantwortungsloses auf dieser Welt geschieht.

Es ist Donnerstag, der 24. Februar 2022, 20.51 Uhr. – Dass gerade „Germanys Next Topmodel“ auf einem privaten Fernsehsender läuft, war für mich nie absurder als in diesem Augenblick. Noch absurder, noch widersinniger für mich ist, dass heute, jetzt, um diese Zeit, jemand diese Sendung anschauen kann. Meine Kernfamilie tut es. Wie jeden Donnerstagabend, wenn sie läuft. Und sie läuft unendlich zu viele Wochen lang … Kaum etwas ist mir ferner als das. Meine Kernfamilie ist mir gerade sehr fern …

Ich möchte und kann gerade gar nichts sehen. Auch keine Nachrichten. Dort wird vom Krieg Russlands gegen die Ukraine berichtet. Wie jeder Krieg ist es ein Krieg gegen Menschen. Und vor allem Menschen, die diesen Krieg nicht gewollt haben und nicht wollen, werden für ihn bezahlen müssen, auch mit ihrem Leben. Kein Krieg ist durch irgendetwas zu rechtfertigen. Jeder Krieg ist Inkarnation von Unmenschlichkeit. Dieser Krieg, der heute begonnen hat, ist besonders verstörend für mich, er ist ein Krieg in der Nachbarschaft. Er ist nah!

Auf die Frage, wer die Verantwortung für diesen Krieg trägt, schallt mir ganz einhellig eine Antwort entgegen. Eine Antwort, die aus einem einzigen Namen besteht. Und ich nehme wahr, dass alle zustimmen. Der Schuldige ist ausgemacht, er trägt die Verantwortung. Er allein.

Eine einfache Antwort auf eine vermeintlich einfache Frage. Wie so oft. Die Welt wird ausschließlich in Schwarz und in Weiß gesehen.

Unstrittig ist, wer diesen Krieg begonnen hat. Unstrittig ist, wer der Aggressor ist und unstrittig ist auch, dass auch dieser Krieg, schon gar nicht in dem Ausmaß, das er von seinem Beginn an verkörpert, in keiner Weise zu rechtfertigen ist. Für all das steht jener Name, der gerade allgegenwärtig genannt wird.

Nicht unstrittig ist hingegen die Frage nach der Verantwortung dafür, dass es zu diesem Krieg gekommen ist, nach Schuld bzw. Mitschuld daran, dass dieser Krieg nun tatsächlich schreckliche Realität ist. Nicht, wenn man die Vorgeschichte dieses Krieges, die letzten 33 Jahre zurückblickend tatsächlich differenziert und kritisch anschaut und hinterfragt, die Geschichte der Beziehungen „des Westens“ zur untergehenden Sowjetunion bzw. zu Russland und umgekehrt.

Ich vertrete zu dieser Frage eine mutmaßlich sehr unpopuläre Ansicht, nämlich die, dass die USA, die Staaten, die der NATO angehören, mithin auch Deutschland, in dem ich lebe, und also „der Westen“ ein hohes Maß an Verantwortung und Schuld bzw. Mitschuld daran trägt, dass die Entwicklung während all dieser Jahre nun bis hin zu diesem Krieg geführt hat.

Wohin geht diese Welt, auf der mir mein Leben geschenkt worden ist?

Eine Welt, in der auf immer komplexer werdende Fragen schon lange, mit den Jahren und Jahrzehnten aber immer häufiger mit unverändert „einfachen“ Antworten reagiert wird. Mit Antworten aus schwarz und weiß.

Sie geht in Richtung Klimakollaps, in Richtung immer größer werdender sozialer Ungleichgewichte, in Richtung weltumspannender Pandemien, in Richtung kriegerischer Auseinandersetzungen, die immer zahlreicher, subtiler werden und immer näher kommen. Ja, dahin geht sie.

Und wo wird sie enden?

Eine einfache Frage, von der ich inständig hoffe, dass sie sich nur vermeintlich als einfach erweist. Denn sonst gäbe es wohl tatsächlich nur noch eine Antwort auf sie …

Mir ist sehr, sehr kalt auf dieser Welt, meinem Geschenk, so als wenn in böser Vorahnung mein Leben aus mir und also dieser Welt weichen, fliehen möchte. Vor so viel Widersinn, Unmenschlichkeit und Verantwortungslosigkeit.

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Marlene Dietrich – „Sag‘ mir wo die Blumen sind“

Tagebuchseite -968-

Über Weisheit der Morgenröte und Schönheit des Unsichtbaren

Was ein Tag verheißt, erkennt man nicht an seiner Morgenröte. Einer alten Bauernregel folgend, ist sie sogar ein Hinweis auf schlechtes Wetter. Was sich freilich keineswegs als generell richtig erweist.

Junge Schönheit und alte Weisheit vermögen folglich wohl gleichermaßen trügerisch zu sein. So scheint die von Mancher und Manchem gepredigte Binsenweisheit, dass man sich nur auf die eigene Erfahrung verlassen könne und solle, offenkundig die einzig richtige Erkenntnis zu sein.

Aber ist nicht auch das letztlich ein übereilter Schluss?

Ist es nicht vielmehr so, dass selbst gemachte Erlebnisse und Begegnungen und daraus abgeleitete Erkenntnisse mal Bestätigung und mal Widerlegung erfahren können und also nicht richtiger oder unrichtiger, nicht wahrer und nicht unwahrer sind als junge Schönheit und alte Weisheit?

Wir glauben so viel zu wissen, dabei wissen wir viel weniger als wir glauben. Das ist im Zweifel sehr schwer einzusehen, je schwerer, desto älter man wird. Ich nehme mich da nicht aus.

Auch eine größere Anzahl an selbst gemachten Erfahrungen ist kein Persilschein für richtige Erkenntnisse oder ein sich Annähern an das, was „wahr“ ist. Und das ist keinesfalls nur deshalb so, weil unsere Zeit heute so schnelllebig ist und neue Erkenntnisse und neues Wissen sich exponentiell vervielfachen. Es liegt mindestens ebenso häufig in Selbstgefälligkeit und Arroganz vor allem von Menschen, die älteren Generationen angehören, begründet.

Nahezu jede Sekunde unserer Zeiten erzählt mittlerweile davon. Wer hinhören möchte, kann es hören!

Nicht jeder Tag beginnt mit einem Morgenrot. Schönheit ist nicht immer offensichtlich und manchmal ist sie zu hören, zu fühlen, zu spüren und bleibt doch einzig dem Auge verborgen. Ist sie deshalb weniger Schönheit?

Oder sie offenbart sich erst später als solche, weil sie zuvor zu schwach, zu unsicher, zu bescheiden oder gar gefangen war.

So vielen ist die Geduld verloren gegangen, die Geduld wirklich hinzuhören, hineinzufühlen, zu erspüren, der Mut dies zu tun, in Stille. Wer leiser ist, hat meist schon verloren heutzutage.

Das vermeintlich Offensichtliche ist das Wahre! Das „vermeintlich“ gestrichen, steht so das Credo der modernen Zeiten geschrieben. Derjenigen Zeiten, die das Oberflächliche und Laute, das Glitzernde und Materielle zum Erstrebenswerten verkünden in den immer mehr werdenden Medien, in denen Jeder und Jede Journalist sein darf, derjenigen Zeiten auch, die sachliches, kritisches Hinterfragen und allein den Hinweis auf die große Komplexität all dessen, was mit Mensch und Welt zu tun hat als suspekt degradieren. Derjenigen Zeiten, in denen das Junge schön und das Alte weise ist bzw. zu sein hat und die von der Weisheit der Morgenröte und der Schönheit manches Unsichtbaren nichts wissen wollen

*

Die Tiefe und Schwere meiner Gedanken, auch dieser heute, misst sich oft am Grad meiner inneren Unruhe. Und wenn diese, wie heute, immer größer wird, dann werden es auch die tiefen und schweren Gedanken.

Der Grund meiner sich aktuell immer weiter steigernden Unruhe ist, dass sich ab morgen für mich wieder der Alltag eröffnet in all seiner Ganzheitlich- und Unmittelbarkeit, die das „normal“ gewordene Leben nunmehr ausmacht. Das Leben in unseren modernen Zeiten, vor denen ich mich mit jedem Tag ein bisschen mehr fürchte …

***

Ein Lied vom Loslassen einer Liebe, die keine mehr ist, vom Finden einer neuen, dadurch, dass man nicht aufhört zu gehen, in Bewegung zu bleiben. Das ist ungefähr der Inhalt und die Botschaft des Liedes „Walk Walk“ von Sylvie Kreusch, einer 1991 in Antwerpen geborenen Sängerin und Songschreiberin aus Belgien. Es ist eines ihrer aktuellen Stücke von der EP „Montbray“.

Sylvie begann ihre musikalische Laufbahn bereits im Jahr 2007, der Weg zu etwas größerer Bekanntheit und Popularität war für sie wie für so viele Independentkünstler freilich ein langer und beschwerlicher. – Das Lied hier mag ich sehr, es kommt mit jener gewissen Leichtigkeit daher, die ich nicht als aufgesetzt, sondern viel mehr als tröstlich und eine lieb gemeinte Einladung empfinde.

Sylvie Kreusch – „Walk Walk“

Tagebuchseite -967-

Realität des Imaginären

Ich bin immer wieder ziemlich naiv. Hatte mir gedacht, dass das doch ganz einfach wäre: Ich schließe die Tür und lasse den Alltag zurück, draußen, ausgesperrt. Und es wird gut. Oder wenigstens besser, solange ich die Tür nicht wieder öffnen muss.

Ein paar Tage standen in Aussicht, sich auf den üblichen Alltag nicht einlassen zu müssen. Von meiner Seite bin ich das dann auch entsprechend angegangen. Nur der Alltag hat sich nicht daran gehalten. Die Tür hat ihn gar nicht interessiert. Er war längst da, er war gar nicht weg, ging nicht weg. Er blieb einfach.

Seelentüren sind nur imaginär. Sie schließen nicht. Was einmal durch sie hindurch bis zur Seele gelangt ist, bleibt dort, für immer, geht nicht wieder, ist allenfalls für kurze, längere oder auch mal ganz lange Zeit verborgen, nicht spür- oder wahrnehmbar. Aber es kann jederzeit wieder erscheinen, spür- und wahrnehmbar werden. Und wie!

Vor allem meine letzten Nächte erzählen wieder einmal schlimme Geschichten davon. Geschichten, in denen ich immer die Hauptrolle spielen muss, dort, wo ich sonst bin, sein muss, wo ich arbeite oder wo ich mich sonst noch so zu bewähren habe. (Das ganze Leben ist Bewährung.) Und jedes Mal sind es Geschichten des Bedrängt seins, des Versagens, der Ausweglosigkeit.

Meine Unruhe wird immer stärker. Die Tür zum Alltag beginnt sich langsam wieder zu öffnen. Ich suche nach Licht. Aber Tage und Nächte gleichen sich. Ihre Farbe ist dieselbe und sie ist dunkel. Die Empfindungen in ihnen sind es auch.

Als ich kürzlich bemerkte, dass selbst die Farbe der Tagträume keine hellere mehr werden wollte, machte ich mich auf den Weg. Draußen finde ich fast immer ein oder mehrere kleine Indizien für Freude. So war es auch diesmal. Aber die kleinen Freuden machten mich letztlich immer trauriger, weil ich sie nur in Gedanken teilen konnte.

Fast verzweifelt ging ich immer weiter, darüber sinnend, dass ich mir noch etwas vorgenommen hatte. Dieser Plan hatte mir sogar etwas Vorfreude ins Herz gemalt.

Aber es sollte nicht sein.

Ich war so lange gegangen und ging an dem ersten Café vorbei. Und stand bald vor dem zweiten und schaffte wieder nicht, es zu betreten. Dem dritten schenkte ich nur noch einen flüchtigen Blick.

Ich KONNTE nicht hineingehen. Es fühlte sich an, als würde ich drinnen noch bedrängter sein, noch auswegloser für mich, als wäre es noch mehr Versagen, als draußen zu sein. Jede Frage nach meinen Wünschen hätte mich völlig sprachlos werden lassen.

So kehrte ich traurig zurück. Mit dem Alltag im Herzen.

Es ist, als stünde ich vor einem eisernen Tor. Ein Tor, vor dem ich schon einmal stand. Die kleine Tür, die damals, sehr verborgen, zunächst hinter unzähligen Zweigen mit Dornen, neben ihm zu erkennen war, und durch die ich schließlich ging, gibt es nicht mehr. Es war eine Tür aus meiner Seele heraus. Stattdessen ist da nun ein zweites eisernes Tor. Beide haben die Farbe meiner Tage und Nächte …

Von der Tür ist nur eine Ahnung geblieben. Etwas Imaginäres. Etwas, das nichts draußen lässt, aber alles bewahrt, was es einmal passiert hat. Und es weiter leben oder wieder auferstehen lässt, wann immer es will. Schrecklich real.

***

„Regen“ ist ein ganz aktuelles Gemeinschaftsprojekt zweier Bands aus Österreich.“Yukno“, von denen ich inzwischen viele weitere sehr interessante und hörenswerte Stücke entdeckt habe, lassen sich wohl am ehesten dem Indie-Dream-Pop zuordnen. „Girlwoman“, die mir (noch) unbekannter sind, sollen mehr in der Rave-Szene beheimatet sein.

Entstanden ist jedenfalls ein wunderschönes, etwas melancholisches Stück, das wieder einmal ein deutlicher Beleg dafür ist, dass die Popszene in unserem Nachbarland auf einem tollen, meines Erachtens aber viel zu wenig beachteten Weg ist. Beide Bands sollen sich übrigens, der Corona-Pandemie geschuldet, erst nach Fertigstellung ihres gemeinsamen Liedes erstmals persönlich begegnet sein …

Yukno & Girlwoman – „Regen“

Tagebuchseite -966-

Ein paar Zeitzeichen

Zeiten verrinnen und Träume. –  Ich höre den Menschen zu, wie sie miteinander reden. Lange muss ich nicht lauschen um zu bemerken, dass es eher ein übereinander reden ist. Die nicht dabei sind, tragen Verletzungen davon. Unbemerkt.

Hoffnungen sterben und Seelen erkranken. –  Mir fällt auf, wie sehr den Menschen daran gelegen ist recht zu haben und zu behalten. Das Reden wird immer lauter, bis es sich übertönt und nur noch Fetzen der Worte zu verstehen sind.

Ängste wachsen und Kräfte, die sie schüren. – In Menschengestalt postulieren sie ihre Wahrheit, fragen nicht nach anderen Meinungen, Argumenten und Einsichten oder verschweigen sie einfach. Die Schuld ist längst zugewiesen. Die einen Einwand haben, sind Verschwörer.

Sehnsüchte fliehen. – Und einige Menschen werden immer stiller. Sie haben nicht aufgehört zu sprechen, aber sie reden nach innen. So können sie einander finden, begegnen und versuchen, sich zu verstehen. Ihre Stimmen sind leise. Warme und schöne Stimmen …

*

Manchmal glaube ich, die Welt umso weniger zu verstehen, je älter ich werde. Ich habe in zwei Gesellschaftssystemen gelebt und bin gerade dabei auch im zweiten zu erfrieren.

Um mich herum wird nach dem „zurück zur Normalität“ gerufen, einer Normalität, die ich gar nicht wiederhaben möchte.

In der morgendlichen öffentlich-rechtlichen Rundfunksendung wird humorig unter der Hörerschaft ermittelt, was alles spießig sei. Nach einer halben Stunde kann ich resümieren: Alles ist spießig, was mit Einhaltung von Regeln zu tun hat, mit Ordnung und Ethik. – Ich bin ein Spießer, ein ganz großer!

Fassungslos, wie meistens, höre ich die nachfolgenden und alle weiteren täglichen Nachrichten und frage mich bange, wie lange die „maßgeblichen“ Politiker und Journalisten „des Westens“ wohl  noch den Krieg herbeireden müssen, bis er endlich ausbricht.

Sie haben ihre Wahrheit längst gefunden, fragen längst nicht mehr nach anderen Meinungen und Argumenten oder verschweigen sie einfach, haben die Schuld längst zugewiesen.

Und Menschen wie Gabriele Krone-Schmalz, Anke Vollmer, Daniela Dahn, Matthias Platzeck und andere sind vermutlich Verschwörer. Warum sonst lädt Anne Will sie eigentlich nie in ihre Sendung ein in diesen Zeiten?

*

Je stärker sich die Erde durch den Klimawandel erhitzt, je häufiger die Wasser über die Ufer treten und die Pole schmelzen, desto kälter wird die Welt und desto stärker verdorrt die Mitmenschlichkeit auf ihr und verhärten sich Standpunkte.

Zeiten verrinnen und Träume, Hoffnungen sterben und Seelen erkranken, Ängste wachsen und die Kräfte, die sie schüren und Sehnsüchte fliehen.

Ich suche Trost und Halt und Hilfe bei den leisen Stimmen …

***

Florian Künstler kommt aus Lübeck. Dort und anderswo war er als Straßenmusiker unterwegs. Im Jahr 2020 veröffentlichte er schließlich seine erste eigene Single mit einem ganz starken Lied. Wer hat je einen innigeren, intensiveren, berührenderen Dialog mit seinem eigenen Herzen geführt als man ihm hier folgen kann, in dem Lied „Leise“  …

Florian Künstler – „Leise“

Tagebuchseite -965-

Ein chinesisches Omen „danach“

„Eine Blume, die in der Dürre erblüht, ist die Seltenste und Schönste von allen.“ – So steht es geschrieben, dieses chinesische Sprichwort.

Ich habe es entdeckt, als ich den Monat Februar aufschlug in jenem bezaubernden Fotokalender, von dem ich nun schon im dritten oder vierten Jahr einen geschenkt bekommen habe, von einer jungen Frau, die mich in einem meiner schwierigsten Berufsjahre begleitet und unterstützt hat.

Ich fand das Wort über die Blume an einem besonderen Tag, der eben dahinfließenden Zeit. Der Zeit des begonnenen Jahres, von der ich vor Wochen schon wusste, dass sie erneut eine besonders fordernde, anstrengende und zehrende für mich werden würde. So war auch jener Tag.

*

Es war am späten Mittag und ich war in tiefes Grübeln verfallen während der einzigen halben Stunde, von der ein bisschen mir gehörte, an diesem Tag. Ich war ganz in mich versunken, als ich die paar Schritte ging hinter dem Zaun der fremden Schule und sprach im Inneren mit mir, weil ich doch wieder nur mich hatte. Sprach zu mir, dass ich es hinnehmen müsse, so wie es war und wohl immer wieder sein würde, weil ich es doch nicht ändern könnte.

Dass ich mich aufs Spiel setze.

Weil beide Wege in dieselbe Gasse führen würden.

Erinnerungen an die wenigen verstehenden Menschen lindern die eherne Konsequenz, schlussendlich alles doch irgendwie allein durchstehen zu müssen. Mit dem eigenen Leben ist und bleibt letztlich ein jeder Mensch allein – er ist darin und dabei nur mehr oder weniger oder gar nicht begleitet.

Mindestens seit November sehne ich mich danach, dass mich wenigstens die Natur ab und zu wieder ein wenig mehr begleiten möge.

Ich hatte im Laufe der letzten Tage davon gehört, dass es schon Schneeglöckchen geben solle und auch die kleinen gelben Winterlinge, die mir immer noch „neu“ erscheinen, weil ich mich beim besten Willen nicht daran erinnern kann, in meiner Kindheit und Jugend je diese kleinen Blumen gesehen zu haben. Meine Wege dieser Tage führen mich wohl durch für Frühblüher kaum einladende Gegenden, jedenfalls hatte und habe ich bislang kein einziges dieser lieblichen Pflänzchen entdecken können.

Ich schritt also gedankenversunken dahin hinter dem Zaun, auf einer Art Parkplatz. Hier gab es absolut nichts zu schauen. Links von mir befand sich eine kleine, eingefasste Fläche, auf der Reste vorjährigen Mooses auf harter, fast steiniger Erde, von einem wochenlangen Überlebenskampf gezeichnet, im Wechsel mit ein paar unscheinbaren Flechten zu den zwei drei kleinen Pflanzenstöcken zu streben schienen, die irgendwann irgendwer in diese Fläche eingesetzt haben musste. Der verhangene Himmel, aus dem es fein nieselte, war ein perfekter Regisseur dieses Schauspiels der Tristesse.

Ich ging noch ein, zwei Schritte, den Blick gesenkt, als ich es plötzlich ganz fein leuchten sah. Kein Schneeglöckchen, kein Winterling, sondern ein winziges Gänseblümchen hatte sich da hinter einem der Pflanzenstöcke inmitten der harten, steinigen Wüste von erstorbenem Moos und kargen Flechten seinen Weg gebahnt.

Was für eine schöne Blüte es hatte! Auf ganz kurzem Stielchen sitzend, aber voll erblüht. Ein dichter Kranz ebenmäßiger weißer Strahlen umrahmte seine feine, kleine gelbe Sonne. So schaute es von weit unten auf, direkt in mein Gesicht.

Ich vermochte das Wunder dieses Blümchens kaum zu glauben. Und so ging ich neben ihm in die Hocke, um ihm ein wenig näher zu sein, ein paar meiner Gedanken mit ihm zu teilen, ihm Dankeschön dafür zu sagen, dass es mich sich finden ließ, und ihm schließlich alle erdenkliche Kraft für sein weiteres Dasein in dieser unwirtlichen Zeit zu wünschen. Nachdem ich mich wieder erhoben hatte, spürte ich, wie es mich umarmte. Und es fiel mir sehr schwer, meine Schritte wieder aufzunehmen.

Aber ich musste nun doch die Kinder abholen gehen, die in der Sporthalle der fremden Schule wohl gerade ihre Unterrichtseinheit beendet haben würden.

*

Auch an diesem Tag kam ich um einiges später heim als es „normal“ wäre, so erschöpft, so hungrig wie an so vielen Tagen zuletzt. Seltsam, dass mir ausgerechnet jetzt noch auffiel, dass der Fotokalender in meinem Arbeitszimmer immer noch „Januar“ zeigte. Ich blätterte die Seite um und fand das chinesische Sprichwort. Augenblicklich erinnerte ich mich an das Gänseblümchen. Meine erste Blume dieses Jahres, „die Seltenste und Schönste von allen“.

Ob ich sie auch gefunden hätte, wenn ich den Kalender bereits am Morgen korrigiert hätte?

Das Finden des Wortes genau an, oder besser, nach diesem Tag meiner Begegnung mit der kleinen Blume, machte ihn im Nachhinein zu jenem besonderen, den ich oben erwähnt hatte.

Die Erinnerung an das Gänseblümchen wird mich nun den ganzen Februar begleiten, womöglich sogar (ich vermute das) noch viel länger …

***

Vök ist eine Band aus Island. Sie wurde im Januar 2013 von der Sängerin Margrét Rán Magnúsdóttir und dem Saxofonisten Andri Már Enoksson gegründet, um an einem isländischen Bandwettbewerb teilzunehmen, obwohl zunächst nicht ein einziger Song vorhanden war. In wenigen Wochen wurde eifrig geschrieben und komponiert und … Vök gewann den Wettbewerb. –

Eines ihrer für mich schönsten Lieder, das ganz dem Stil des Indie-Dream-Pop folgt, hat einen Text, der mich sehr, sehr anfasst, aber auch abholt. Es geht um das Fühlen und Befinden, wenn der Vater die Erde verlässt …

Ich wünsche mir, dass das Finden dieses Liedes für mich ein ähnliches „Zeichen“ ist, wie das, welches ich in meinem heutigen Text beschrieben hatte. Denn es ist noch ganz frisch, als ich in dem Kontext, den das Lied zum Thema hat, und das für mich seit dem vorigen Spätsommer selbst sehr Thema ist, einen der bösesten Albträume überhaupt träumen musste in meinem Leben …

Hier ist das Lied:

Vök – „No Coffee At The Funeral“

Tagebuchseite -964-

Das schönste Märchen

Um einen Text zu schreiben, braucht es eine Geschichte, eine Inspiration, im besten Falle die Verbindung von beidem. Um ein Gedicht zu schreiben, braucht es außerdem ein besonderes Empfinden, eine Atmosphäre, eine Aura, die Verse werden lässt.

Ich sehe Menschen schreiben. Bisweilen unter einem gewissen Druck, bisweilen sehr angestrengt. Durchaus unterbrochen von Phasen, in denen „nichts geht“. Aber schon recht bald geht es wieder und also weiter. Weil da Menschen und Momente waren und sind, real, unmittelbar erfahrbar, die nicht nur punktuell Halt und neue Inspiration gaben und geben. So bleibt und wird immer wieder ein Gleichgewicht.

Und, wenn jene Menschen schreiben, weil sie es wollen, weil es ihre Passion ist, sie damit ihrer Berufung und Leidenschaft folgen, dann ist jenes Gleichgewicht, ungeachtet der Zeiten des Drucks, der (Über)anstrengung, eines, das gesund ist und gesund bleiben lässt.

Es macht mich glücklich, dass es Menschen gibt, die das erleben können, die so leben dürfen, die immer wieder einen Weg finden, dahin zu kommen und darin zu bleiben.

Für mich ist das ein Märchen. Und ich sage ohne Ironie und ohne Sarkasmus, dass ich froh bin, dass ich solche Märchen um mich herum sehen und lesen darf, obgleich sie für mich selbst immer Märchen bleiben werden. Ich sehe in ihnen verwirklichte Lebenssehnsucht, verwirklichten Lebenssinn, und die Texte und Verse, die in ihnen entstehen, sind lebensstiftend. Darüber bin ich sehr froh. Ich sehe darin Licht und Wärme und Frieden innerhalb einer sonst immer kälter werdenden Welt. Viele Menschen, die schreiben, sind selbst Licht und Wärme und Frieden.

Ich arbeite, um zu leben (das ist der Wunsch), um meiner Existenz willen. Zu viel und zu lange, als dass da auch nur halbwegs hinreichend Zeit für Anderes, insbesondere für das Schreiben bliebe. Und längst schon sind da nicht mehr genügend Menschen und Momente, so real und unmittelbar erfahrbar, als dass ich in ihnen aufgefangen wäre, aufgefangen werden könnte, und daraus neue Geschichten und Inspirationen erwachsen könnten.

So wird der bloße Wunsch danach, mal wieder ein Gedicht zu schreiben, zur unlösbaren Blockade. Und die Texte, die noch entstehen, enthalten keine Geschichten mehr, sondern sind eintönige Zustandsbeschreibungen  eines langweiligen, verstörenden Existierens, von Kreisläufen einer Depression, die zum andauernden Begleiter eines noch Schreibenden geworden sind, der immer weniger zu sagen hat. Das, was er noch zu erzählen hat, ist des Erzählens nicht wert. Es ist nicht (mehr) sinnstiftend, am allerwenigsten Lebenssinn.

Sinn hat es bestenfalls noch für ihn selbst. Vielleicht …

Mit jeder Zeile, die ich noch schreibe, die ich noch zu schreiben schaffe, suche ich danach. Und freue mich währenddessen an den Märchen, den schreibenden, denen, die geschrieben werden und mit den und für die Menschen, die darin vorkommen, darin und dafür zu leben vermögen.

Ihr gehört zum Schönsten auf dieser Welt.

***

Von Jacob Bellens habe ich schon mehrere Lieder hier geteilt. Dieser dänische Sänger und Songschreiber gehört für mich zu jenen, die ich in der unermesslich weiten Indie-Pop-Szene am meisten schätze. 

Eine Zeile aus dem bereits vor ein paar Jahren geschrieben Lied mit dem Titel eines folgenden gleichnamigen Albums lautet: „... am Ende fühle ich mich immer taub und stumm und zurückgelassen. Und wenn ich in deine Augen schaue, bin ich gefangen in einem riesigen Meer aus Neonlichtern. Ein Tunnel der Schöpfung, wo ich ende und du beginnst …“

Was für ein schönes, eindringliches, treffendes Bild.

Jacob Bellens – „Polyester skin“

Tagebuchseite -963-

Wo ich heute war und wo ich heute bin

Ich erinnere mich, manchmal hier gewesen zu sein. An Herbst- und Winterabenden, nachdem ich schwimmen war in der Halle mit dem Wellenbad in dem kleinen wunderschönen Ort direkt an der Ostsee und es draußen unwirtlich nieselte und die Windböen das Gehen erschwerten. Vielleicht auch an einem Abend mit gleichem Datum wie heute …

*

Ein junger Mann, noch keine 20, sitzt in diesem Café mit dem Charme eines Wohnzimmers aus einem längst vergangenen Jahrzehnt. Um den kleinen Hunger nach dem Schwimmen zu besänftigen hat er sich ein Ragout Fin bestellt, dazu ein Glas Tee, um sich aufzuwärmen. Beim ersten Mal hat er sich überwinden müssen, hierher zu gehen.

Immer noch ist es ihm etwas seltsam, stets allein hier zu sitzen. Aber er hat es nun angenommen hier wie in einer Welt zu sein, in die er nach allgemeinem Ermessen, eigentlich nicht so richtig hineingehört. Langsam trinkt er seinen Tee aus, lässt währenddessen Blicke und Gedanken durch das warm gelbe Licht des Lokals gleiten, die niemand sonst lesen kann, Blicke und Gedanken, welche in die Welt hineinführen, in der er gerne wäre.

Gleich wird er seinen kleinen Imbiss bezahlen und wieder in den noch frühen nasskalten Abend hinaustreten, über das regennass glänzende Kopfsteinpflaster der Gasse dorthin gehen, wo die Fischkutter den Kai säumen. Er mag diesen Weg und freut sich darauf, auf die gegen die Kaikante plätschernden Wellen, das sich im Wasser spiegelnde Licht der Boote und das so ganz besondere Geruchsgemisch, das diesen Ort absolut unverwechselbar macht.

*

Plötzlich habe ich eben diesen Geruch in der Nase, während ich aus dem Fenster meiner Insel des Schreibens der Wohnung hier in das triste, vernieselte Januargrau  des abnehmenden Tages schaue. Er lässt mich die Fischkutter wiedersehen und das kleine Café, mit dem Namen „Zur Traube“, das es längst nicht mehr gibt.

Neben mir steht eine Tasse mit einem verlängerten doppelten Espresso, dessen Dampf einen anderen, einen schönen Geruch, der noch gar nicht so lange zu jenen zählt, die mir Heimat sind, um mich herum verbreitet.

Wieder sitze ich allein.

Als nun meine Gedanken wieder nach einer Welt zu suchen beginnen, in der ich jetzt gern wäre, spricht auf einmal eine seltsame Stimme zu mir, die ich nicht zuzuordnen vermag. Sie wispert, dass ich genau dahin gehöre, wo ich hier und heute war und bin, an diesem Tag, in diesem Augenblick.

Und das Bild der Erinnerung und das des beginnen wollenden Traums verschwimmen.

Was ist und bleibt, ist das Grau draußen, das nun, wo es Abend wird, auch alles zu färben anfängt, was drinnen, was INNEN ist.

Ich drehe die Musik lauter, hoffend, dass ihre Noten ein paar zarte Farben malen mögen, vor allem in mein INNEN …

***

„… gegen die Uhr – wenn manchmal die Zeit einem die Füße wegräumt … und Mensch keine Antworten mehr hat …“ – so heißt es in einem Kommentar zu dem Video des Liedes, das ich heute hier teile. Ein Stück besondere Musik, mit einem Stück besonderem Text.

Es stammt von dem 2021 erschienenen Doppelalbum „Woanders“ der Musikerin und Komponistin Masha Qrella. 1975 als Tochter einer Deutschen und eines Russen in Ostberlin geboren, und den in ihrem Geburtsjahr verstorbenen Schriftsteller, Kulturfunktionär und Politiker Alfred Kurella zum Großvater habend, kann sie inzwischen bereits auf eine sehr vielseitige Karriere zurückblicken. Neben Produktionen für sich selbst hat sie vor allem Musiken für Serien (u.a. Grey’s Anatomie) sowie Spiel- und Dokumentarfilme komponiert. Sie vertont Gedichte und unterstützt außerdem andere Bands mit ihrer Arbeit …

Hier ist jenes Lied, zu dem der oben zitierte Kommentar geschrieben wurde – beide passen, wie ich finde, irgendwie auch zu meinem heute hier geschriebenen Text:

Masha Qrella – „Geister“

Tagebuchseite -962-

Der mit sich selber spricht

Kennt das jemand, wenn man tatsächlich in fast jeder Minute, die man nicht direkt mit Menschen verbringt, mit sich selber spricht? – Mir ist das zuletzt bei und an mir immer wieder aufgefallen, und ich habe mich natürlich gefragt, woher das kommt?

Denn ich habe bemerkt, dass ich wirklich viel mit mir selbst spreche, mit meinem inneren Ich.

Habe ich mich am Ende selber mögen gelernt? Oder ist da bloß sonst niemand, mit dem ich reden kann, so reden, wie ich es mit meinem Innen-Ich tue? Und wie geht es mir bei und vor allem nach solchen Gesprächen?

Während ich mit mir rede, bin ich immer irgendwie auf Zeitreise. Ich schaue durch das Bullauge meiner Seele auf Geschehnisse und Empfindungen der Vergangenheit oder blicke auch voraus, dahin, wo dies und jenes sein kann oder wird. Zwischenhalt ist immer wieder die Gegenwart. Und immer, wenn eine Reise erst einmal wieder vorüber ist, ist dort auch die Endstation.

Manche meiner Reisen gehen auch in jene Welt, die das Land meiner Träume ist, von der ich mittlerweile weiß, dass sie eine Traumwelt bleiben wird. Das Schönste an ihr ist, dass ein paar reale Menschen darin wohnen.

Die Reisen beginnen immer von ganz allein, dann, wenn ich mit mir rede. Und sie führen mich zunächst stets zurück zu schon Geschehenem, in der Realität oder in Träumen Geschehenem, wobei das einen viel geringeren Unterschied macht, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Denn die Träume sind Teil meiner Realität.

In diesen Tagen ziehen am Bullauge meiner Seele oft die bizarren Kulissen meiner Albträume des noch jungen Jahres vorüber, von denen es zuletzt wieder so viele und so verstörende gab, dass ich mitunter befürchte, verrückt zu werden. Es gibt kaum jemanden, mit dem ich über diese Träume reden kann. Bei einigen traue ich mich das freilich auch nicht. So rede und reise ich also mit mir. Womöglich ist das ein unbewusster Versuch, eine Art Reflex, das Absonderliche, Groteske und Beängstigende aufzuarbeiten.

Die Bilder der Tage, die ich sehe, sind vor allem und immer wieder lebendig, ausgefüllt, wild, von rasanter Geschwindigkeit, zeigen mir viele Menschen und sind doch  ganz schrecklich eintönig. Es sind halbe Bilder. Die anderen Hälften sind schwarz. Und sie lassen eine tiefe Müdigkeit zurück. Ich spüre, dass ich darüber reden muss.

Und so spreche ich mit mir, weil ich erkenne, dass die schwarzen Hälften mir das zeigen, was fehlt.  Womöglich ist das der unbewusste Versuch zu verstehen und damit leben zu lernen, dass ich mir allein nicht wirklich helfen kann, die schwarzen Hälften mit Farben zu füllen, so, dass sie bunt werden und bleiben. –

Ich ahne, warum es mich so glücklich und zugleich so traurig macht, wenn ich ein paar farbig leuchtende Punkte auf jenen Bildern entdecke oder gar selbst zu setzen vermag.

Ich lege dir meinen Arm um deine Schulter und spüre dieselbe Berührung durch dich. So wird es Abend, wird es Nacht. Und für eine Weile schweigen wir, mein inneres Ich und ich …

***

Sun Cutter ist Kevin Pearce. Und Kevin Pearce überlebte im jungen Alter von 33 Jahren einen Herzinfarkt, der ihn beim Golfen heimsuchte. – Er ist ein englischer, aus Colchester stammender Musiker, Sänger und Songwriter, der sich im Genre des Indie-Soul-Folk-Pop heimisch fühlt und Lieder einer ganz besonderen Art schreibt. Lieder, die bisweilen ein bisschen wie eine Schwärmerei klingen, in denen für mich aber vor allem ein tiefes Streben nach Harmonie verborgen ist.

Kürzlich hat Kevin Pearce als Sun Cutter sein gleichnamiges erstes Album veröffentlicht. Ein Lied daraus ist das folgende:

Sun Cutter – „What can I do?“

Tagebuchseite -961-

Selbstgespräch (7) – … sich selbst der Nächste

Lange haben wir nicht mehr miteinander gesprochen, hier in diesem Medium. Seit ein paar Tagen habe ich das dringende Bedürfnis, das wieder einmal zu tun. Warum, das weiß ich im Augenblick gar nicht so wirklich. Vielleicht ist es, weil ich einen Ausweg suche, aber keinen finde. Und vielleicht auch, weil ich mir, also Dir, der Nächste bin.

Darin liegt eine unermessliche Bedeutung, viel größer als jene, die gemeint und gelebt wird, wenn es gemeinhin, im Alltag und im sehr mächtig gewordenen Gegeneinander der Menschen, darum geht, sich selbst der Nächste zu sein. Und dabei zählt in erster Linie, sich Vorteile zu verschaffen, materielle und logistische, um nicht „zurückzubleiben“.

Unsere Bedeutung liegt hingegen darin, nicht voneinander lassen zu können. Wir sind bestimmt, miteinander so eng verbunden zu sein, dass wir uns die Nächsten sind, selbst, wenn wir das manchmal nicht (mehr) wollen. So eng, dass wir gemeinsam sterben werden, wenn die Zeit dafür kommt. So eng, dass, wenn einen von uns beiden die Kraft zu leben verlässt, auch der andere nicht weiterleben kann und wird. Jedenfalls nicht auf der Erde.

Ob mir dieser Gedanke leichter würde, wenn ich daran glauben, darauf zu vertrauen vermöchte, dass es ein Leben nach dem irdischen gibt?

Ich weiß, dass Du denkst, dass uns ein solches Vertrauen womöglich gefährlich werden könnte, was den Willen zum Verbleiben im Irdischen betrifft. Denn wenn es wirklich ein späteres Leben mit anderen Perspektiven, solchen, die uns von Wert sind und die wir hier auf Erden kaum noch finden, gäbe, wäre das mutmaßlich ein starker Grund, nicht beständig mit so viel Kraft und Aufwand und Aufopferung an dem festzuhalten, was hier, was irdisch, ist.

Ich höre Deinen Einwand. Ja, es ist schlimm, dass ich bei diesem Sinnen ausblende, dass es trotz allem, was mich und Dich immer auswegloser sein lässt, doch ein einmaliges und einzigartiges Geschenk ist, einen Besuch auf der Erde bewilligt bekommen zu haben.

Wäre ich sarkastisch, würde ich jetzt hinzufügen, dass das „Geschenk“ vor allem deshalb eins ist, weil es ein Danach mutmaßlich sowieso nicht gibt.

Ich empfinde selbst Scham bei solchen Gedanken, aber Du bist mir eben der Nächste, deshalb erzähle ich Dir davon.

Ich bin tatsächlich ganz schön verbittert mittlerweile. Irgendwie möchte ich glauben, vor allem vertrauen, können, so wie Menschen, die tatsächlich und wahrhaftig einen Glauben an ein Danach und an einen Gott haben. Aber während ich immer wieder höre, dass viele Menschen gerade in Verzweiflung, Trauer und Ohnmacht zum Glauben finden, bemerke ich bei mir eine gerade gegenläufige Tendenz. Liegt das nur an meiner Bitterkeit? Oder ist es viel schlimmer? Oder ist es gar nicht so schlimm? – Ich habe keine Ahnung.

Im Übrigen, und um das wirklich klarzustellen: Nie würde ich irgendwen, auch keinen Gott, für etwas anklagen, was war, ist oder sein wird. Auch nicht für etwas, was mich betraf, betrifft oder betreffen wird. Es sind ausschließlich Menschen, die Verantwortung für die Dinge tragen, die geschehen, mit der Ausnahme von einigen Naturkatastrophen, für die allerdings auch kein Gott verantwortlich ist. Außerdem ist mein Beurteilungsvermögen nur ein begrenztes und ich bin weit davon entfernt, ein Richter sein zu können oder gar zu wollen.

Dass mein, dass unser Leben nicht so verläuft, wie wir es uns wünschen, ist nicht durch Schuldzuweisungen aus der Welt zu schaffen. Weder gegenüber anderen, noch gegenüber uns selbst.

Allerdings hast Du sehr recht, wenn Du sagst, dass unser Leben, maßgeblich nicht von uns selbst bestimmt und gestaltet wird. Wir sind nicht tonangebend, und deshalb ist das mit der Ausweglosigkeit, von der ich eingangs sprach, durchaus eine ganz verzwickte Crux.

An dieser Stelle fallen mir unweigerlich wieder die vielen Glaubenssätze und „Mutmacher“ ein, die ich immer wieder gehört habe, wenn jemand eine ähnliche Situation beschrieben hat, wie die, über die wir uns hier gerade unterhalten. Solche Sachen wie: „Lebe nicht, um zu arbeiten, sondern arbeite, um zu leben!“ oder „Lebe Deine Träume!“ oder „Schau nicht in die Vergangenheit und nicht in die Zukunft, lebe im Hier und Jetzt und vor allem LEBE!“

Ich erinnere mich auch, wie oft Menschen, die an diesen wohlmeinenden Ratschlägen gescheitert sind, sie nicht umzusetzen vermochten, als „selber Schuld (sic!)“ galten. Man müsse nur WOLLEN. Daran hat sich bis heute nichts geändert, im Gegenteil.

Du weißt, wie es für mich im „Hier und Jetzt“ ausschaut. Du weißt, dass ich immer wieder in Erinnerung(en) fliehe, weil ich dort neben anderem vor allem jene Nähe und Geborgenheit aufzuspüren vermag, die es in der Gegenwart nicht mehr gibt für mich, die ich nicht einfordern kann, die mir aber so sehr fehlt, und die mir nichts und niemand wieder bringen kann und wird.

Du weißt, dass ich nicht in solche Erinnerungen fliehe, um mir Schmerzen zuzufügen oder mich in Selbstmitleid zu ergehen. Du weißt und verstehst, dass ich dieses Erinnern BRAUCHE, weil es mir ein letztes Hoffen gibt und das Wissen, dass es außerhalb des Kosmos von uns beiden, bisweilen immer noch anders ist, als in unserem Hier und Jetzt, und dass es wichtig ist, dass das bewahrt und gemehrt wird, wenn nur irgend möglich.

Ja, wir sind uns selbst die Nächsten. Verstehen uns, versuchen uns dadurch zu helfen. Ich weiß, dass ich mir dessen beharrlicher bewusst sein müsste, auch wenn wir es nur selten mal ein wenig für uns wirklich spürbar schaffen, mit der Hilfe. Geschweige denn, einen Ausweg zu finden.

Du sagst, dass Du nachvollziehen kannst, was ich Dir heute erzählt habe, dass Du es verstehst, dass Du es auch so siehst und mich vor allem für nichts verurteilst.

Dafür danke ich Dir sehr. Ich habe es nämlich gerade, auch mit mir selbst, sehr satt. Vielleicht hatte ich ja deshalb schön länger das Bedürfnis wieder einmal so mit Dir zu sprechen, dass unsere Worte nicht verloren gehen. So wie jetzt und eben hier.

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LINA, eigentlich Lina Larissa Strahl, ist eine 1997 geborene deutsche Schauspielerin, Sängerin und Songschreiberin. 2013 ist sie erstmals im Fernsehen aufgetreten. Es folgte die Hauptrolle der Bibi Blocksberg in der Filmreihe „Bibi & Tina“. Ihr erstes eigenes Album hat sie 2016 veröffentlicht. Ihre aktuelle Single ist die folgende, sie enthält ein Lied mit einem Text, der vor allem für jene sehr eindringlich und nachvollziehbar ist, die ihn FÜHLEN können.

LINA – „Wasser“

Tagebuchseite -960-

Anstelle von Vorsätzen

Ich vergleiche den Beginn eines neuen Jahres gern mit der Geburt eines Kindes. Denn es gibt mehr oder weniger erstaunliche Parallelen dabei. Und, so habe ich gefunden, dass eine solche Sichtweise einerseits vor Illusionen bewahrt und andererseits hilft, Chancen zu erkennen.

Ein Kind wird nicht von heute auf morgen geboren. Ein neues Jahr auch nicht.

Schon eine ganze Weile vor seiner Geburt werden die Rahmenbedingungen, das Umfeld (an Dingen und Personen, der Art und Weise, wie diese jeweils sind) und auch eine ganze Reihe der Perspektiven, die das Neugeborene, wenn es die Welt betritt, erwarten, vorherbestimmt. Das gilt für Kinder wie für neue Jahre. Die bestimmenden Normen und Werte, das „soziale Umfeld“, der vorhandene Entwicklungsstand, alle nur denkbaren Bereiche betreffend, entscheiden über den Start, die Ausgangsvoraussetzungen  und ein gut Teil auch über die Chancen und Möglichkeiten des  Neugeborenen.

Ein neugeborenes Kind ist ein Sinnbild für vollkommene Unschuld. Es ist rein, unbefleckt, hat noch nichts getan oder bewirkt, was vielleicht jemandem zu Schaden gereicht hätte.

Es ist da, und es könnte sich zu einem Wesen entwickeln, das andere Menschen einlädt, glücklich macht, ihnen Frieden und Liebe vermittelt,  ihnen Zuversicht und Hilfe spendet, ihre Würde respektiert und bestrebt ist, ihnen gleichberechtigte Teilhabemöglichkeiten am Leben zu gewähren. Es könnte sich zu einem Wesen entwickeln, das andere Menschen einlädt, gleiches zu tun an ihren Zeitgenossinnen und -genossen.

Es könnte sich so entwickeln, wenn sein Umfeld, insbesondere die es umgebenden Menschen, zulassen würde.

Ebenso könnte es mit einem neugeborenen Jahr sein. Und zwar unter allen Rahmenbedingungen, die seine vorgeburtliche Vergangenheit geschaffen hat. Auch, wenn diese überwiegend schwierig oder ungünstig sind.

So ungefähr empfinde ich jetzt, unmittelbar nach der Geburt des neuen Jahres. Die Bedingungen und viele Umfelder, in die es hineingeboren wurde, sind wahrlich nicht einfach, sind verworren, und vielfach alles andere als einladend.

Wie würde sich das neue Jahr wohlfühlen, wenn es ein Kind wäre, das, obgleich gerade eben geboren, schon alles sehen, hören, wahrnehmen könnte? Würden seine Ängste oder seine Zuversicht überwiegen, seine Vorfreude oder seine Beklommenheit, würde es vertrauen können und wollen oder würde es misstrauisch sein?

Ich bemerke, wie sehr ich selbst hin und her schwanke zwischen diesen Fragen, soweit ich davon entfernt bin, Kind oder gar neugeboren zu sein. Das ist noch stärker der Fall als bei jedem Jahreswechsel zuvor.

Wahrscheinlich bin ich deshalb hier und heute noch weniger bereit, Vorsätze zu fassen, als schon anlässlich aller Jahreswechsel, die ich mit Bewusstheit erlebt habe, zuvor.

Ich habe nur einen großen Wunsch, größer als jemals zuvor:

Ich wünsche mir, dass die Menschen das neugeborene Jahr wie ein eigenes neugeborenes Kind behandeln mögen, es so behüten, beschützen, bewahren, ihm einen so guten, wirklich menschlichen Weg aufzeigen mögen als, wenn es das Wichtigste und Wertvollste wäre, was ihnen gegeben ist.

Und ist es das nicht: das Leben während, im Verlaufe eines weiteren Jahres?

Auch für mich habe ich anstelle von Vorsätzen Wünsche. Es sind ihrer zwei:

Ich wünsche mir, dass mir weiterhin Kraft verbleibt, Liebe leben und geben zu können, dem neuen Jahr, den Menschen, allem Leben darin. Und ich wünsche mir, dass mir ein paar Menschen bleiben, die mir in diesem Sinne ihre Hand reichen, die mich begleiten mögen, auch durch die Tiefen meiner Wege.

Alles Weitere wird sich finden oder auch nicht – ich muss dabei meine eigene Kleinheit besser verstehen und akzeptieren lernen.

So heiße ich Dich denn willkommen, Du neugeborenes Jahr 2022.

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„Jon and Roy“ ist eine kanadische dreiköpfige Folk-Rock- und Raggae-Band aus Victoria, British Columbia, die es bereits seit 2003 gibt. Ein Lied von ihnen trägt den Titel „Sonnenaufgang“. Ich habe es ausgewählt, weil dieser Titel zum Beginn eines neuen Jahres passt, der Text des Stückes zudem ein wenig der gebotenen Nachdenklichkeit transportiert, die mir aus diesem Anlass durchaus geboten scheint:

Jon and Roy – „Sunrise“

Tagebuchseite -959-

Jahresendgedanken 2021

Die Tage „zwischen den Jahren“ kennen für mich keine Zeit, selbst dann nicht, wenn ich mich Pflichten widmen muss. Ich zwinge mich davon zu tun was geht und es ist gut.

Vielmehr kennen diese Tage ein sehr tiefes Fühlen und Empfinden. Mein inneres Ich ist auf Reisen, wie es sie während des Jahreslaufs nicht zu unternehmen imstande ist, weil mein Existieren dann zu laut, zu hektisch, zu verstörend ist, eben so, wie es meine Umfelder fast nur noch gerieren.

Mein Reisen zwischen den Jahren lässt mich meine Kleinheit besonders spüren, die Wichtigkeit von Dankbarkeit und Demut und vor allem von Liebe. Ich nehme wahr, dass wo immer auch Kälte ist, es sich mehr und mehr um soziale Kälte handelt. Soziale Kälte, die sich nicht mehr nur in Unterschieden des Lebensstandards ablesen lässt, sondern die sich vor allem im Umgang miteinander manifestiert.

Einander zuzuhören, sich rücksichtsvolle Aufmerksamkeit zu schenken, einander nicht ins Wort fallend übertönen und „recht“ haben zu wollen, Verheißungen kritisch zu hinterfragen, all das würde gegenseitigem Umgang das Attribut mitmenschlich verleihen. Es gibt dieses Attribut noch, nicht nur geschrieben, sondern auch gelebt, aber seine Schrift wird blasser, seine Atemzüge werden schwächer.

Das bemerke ich während meiner Reise, nicht nur durch deutsche Lande, wo aus dem „Wir halten zusammen“, das uns zu Beginn der Epoche „Corona“ noch weitgehend einte, längst ein frustriertes, vor allem auf sich selbst bezogenes, bisweilen aber auch Mitmenschen bewusst schädigendes und diffamierendes Verhalten geworden ist. Die Saat dafür ward freilich schon lange vor Beginn der Pandemie gesät. Und nach meinem Empfinden lernen die Menschen nicht. Im Gegenteil. Was nicht schwarz oder weiß ist, ist suspekt, zu kompliziert, kratzt im Zweifel am eigenen „Status Quo“ bzw. dem, was jede und jeder dafür hält.

Wir sind so weit gekommen, dass diskutiert werden muss, wessen körperliche Unversehrtheit höher wiegt: Die eines Menschen, der sich nach überwältigender wissenschaftlicher Ansicht weitestgehend risikofrei gegen das allgegenwärtige Virus impfen lassen könnte, dies aber nicht tut und in der Folge eine langwierige Intensivbehandlung benötigt. Oder die eines plötzlich an Krebs erkrankten Menschen, dessen Tumore ein schnelles und konsequentes Operieren erfordern, für den jedoch wegen Menschen, wie dem erstgenannten eine  entsprechende, zeitnahe Behandlung nicht gewährleistet werden kann.

Unterdessen sehe ich auf meiner Reise die zweideutige Schönheit eines schmelzenden isländischen Gletschers, der mir in einer Dokumentation gezeigt wird. Ich höre eine sehr abgemagerte kenianische Mutter über die durch vom Klimawandel hervorgerufene Dürren, Kriege in den Nachbarstaaten und Korruption sprechen und sehe dabei ihre Kinder, die vollkommen unterernährt, teils weinend, um sie herum sitzen.

Warum kreist „der Westen“ entgegen ursprünglich anderslautender Versprechen und Zusagen Russland immer mehr mit NATO-Stützpunkten ein, um sich in der Folge als Richter über russische Reaktionen, russisches Verhalten zu erheben? Weiß jemand tatsächlich, ob „der Westen“ die Wahrheit hat? Maßt sich jemand an, das zu wissen, zu wissen, was die Wahrheit ist?

Ich lese aus Bahrein, einem Land, das in den hiesigen Nachrichten nicht vorkommt, von schweren Menschenrechtsverletzungen. Und mir wird bewusst, über wie viele Regionen dieser Welt ich nichts höre, kaum etwas weiß, vor allem über solche nicht, wo Mitmenschlichkeit für viele Menschen bestenfalls  noch ein Synonym für „Fata Morgana“ sein muss. Mir fällt der Jemen ein und Haiti, ich denke an Afghanistan und den Sudan, die Flüchtlinge in griechischen Lagern und solchen anderswo im „freien Westen“, an Menschen in Somalia und Syrien, in Nepal und in Myanmar.

Schon lange weiß ich, dass Menschenwelten mit vergoldeten Wasserhähnen und jene, in denen es nicht mal eine notdürftige Zisterne für Trinkwasser gibt, nebeneinander existieren. Ebenso wie Welten frohen Kinderlachens neben solchen, in denen Kinder wegen unzureichender medizinischer Versorgung sterben, täglich.

Über jeder dieser Welten spendet die Sonne Licht und rieselt leise unschuldiger Regen. Seit Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten. Ich weiß es und spüre es doch „zwischen den Jahren“ immer um ein Vielfaches stärker. Die Unschuld der Schöpfung und die Schuld, das komplexe Versagen des Menschen als gesellschaftliches Wesen.

Was bedeutet meine eigene kleine Welt im Verhältnis zu all dem? Meine kleine Welt, die mir in diesem Jahr in Summe und Verhältnis zu allem, was mich betroffen oder begleitet hat, so schwer und verlustreich geworden ist, wie vielleicht noch nie, im mindesten aber so erschienen ist.

Ihr Gewicht ist so klein, so gering, dass ich mich oft und jetzt, in diesen Tagen  insbesondere, dabei ertappe, wie wichtig, die Dinge, die in ihr geschehen und für und auf mich wirken, nehme. Und wie schwer die Dinge, die mir schwer sind, die ich als schwer empfinde. Und das fühlt sich in meinem Inneren, für mein Gewissen, sehr falsch an.

Wie sehr ist es Anmaßung, sich ein unbeschwerteres Leben zu wünschen, wenn anderswo Menschen Unrecht geschieht, wenn anderswo Unschuldige Qualen, Verfolgung, Hunger und Tod erleiden müssen?

Nie habe ich in einem Jahr in den unterschiedlichsten Kontexten häufiger den Hinweis, den „Rat“, die Aufforderung, das Credo,  gesagt bekommen, dass man vor allem an sich selbst denken müsse. Um erfolgreich zu sein, um nicht „zurückzubleiben“, um etwas bewirken zu können, um mehr Lebensqualität und Wohlstand zu erlangen, um sich hinreichend abzusichern, um zu bestehen.

Gibt es jemanden, der dem widersprechen würde?

In mir regt sich Widerspruch. Ich habe Zweifel, dass das so „richtig“ ist, richtig sein kann. Wie oft und wo überall ist dieses Credo schon ausgesprochen, gepriesen, verfochten und begründet worden?

Liege ich gänzlich falsch, wenn ich frage, ob es nicht genau dieses Credo ist, was unsere Welt zu jener so wenig (mit)menschlichen werden ließ, wie es die ist, die wir jetzt so vielerorts bereits vorfinden?

Ich weiß es nicht. Ich weiß überhaupt wenig. Zu wenig.

Zuwenig allemal, um ausgewogen urteilen und Bilanz ziehen zu können, weshalb ich das auch am Ende dieses Jahres wieder unterlassen werde.

Trotz allem nicht aufhören zu bleiben und zu lieben, dankbar zu sein, bescheiden zu leben und zu wirken, das eigene Sein (als Summe des eigenen Denkens, Handelns und Empfindens) nicht überzubewerten oder gar als den Nabel der Welt zu betrachten und immer wieder: nicht zu verzweifeln – dahin führen mich meine Gedanken, jetzt, zwischen den Jahren. Und so führen sie mich, während mich beständig mein Vater in meinem Sinn und meinem Herzen begleitet, in das kommende Jahr …

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Neben allen Menschen wünsche ich insbesondere allen jenen Leserinnen und Lesern, die mich und meine Tagebuchaufzeichnungen fortgesetzt lesen, mir oft Mut, Zuversicht und Kraft spenden, sich mit mir austauschen, einen schönen, fried- und freudvollen Jahreswechsel und über allem stehend, Gesundheit.

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Le Ren, eigentlich Lauren Spear, ist eine 26-jährige Musikerin, Sängerin und Songschreiberin aus Kanada. In diesem Jahr hat sie ihr Debütalbum „Left-overs“ veröffentlicht. Inspiriert von ihrer Mutter, einer Laienmusikerin, hat sie sich zeitlose schönem Folkpop verschrieben. Das Lied „Dyan“, eines der Stücke auf dem Album, hat Le Ren ihrer Mutter gewidmet. Menschen, die man im Herzen liebt, etwas so Persönliches zu widmen, gehört zum schönsten überhaupt. Und dieses Lied ist es im Besonderen:

Le Ren – „Dyan“

Tagebuchseite -958-

„Ich“ im Heute und Hier

Ich frage mich, häufiger und intensiver seit ein paar Wochen, was aus meinem Leben geworden ist. Ich frage mich das auch viel grundsätzlicher als jemals zuvor.

Mit dem nahenden Jahresende hat das nichts zu tun, ich bin und war nie ein Freund von regelmäßigen Analysen und Bilanzen oder von Vorsätzen. Die Fragen sind einfach da, jetzt, und laut, sie fordern Gehör ein. Und ich höre sie jetzt und laut und versuche beständig und, ja, auch ein wenig verzweifelt, sie mir, mit Blick auf meine Zukunft, zu beantworten.

Ich träume noch immer fast jeden Traum, daran hat sich nie etwas geändert. Und das wird es auch nicht. Manche Träume tun inzwischen freilich weh, weil realistisch geworden ist, dass sie nicht mehr wahr werden können. Mir ist bewusst, dass nicht alle Lebensträume in Erfüllung gehen können. Mir ist aber auch bewusst, dass inzwischen vieles unwiederbringlich ist und vieles im Vergehen begriffen, was mir etwas wert war und ist, einst als Traum und dann als Wirklichkeit.

Ich habe erkennen müssen, dass ich ein Mensch bin, den man wohl gern als Freund auf Abstand hat, mit dem man aber nicht wirklich zusammenleben kann. Mehr oder weniger ist das wohl schon immer so gewesen, ohne dass ich es so gesehen habe. Im Laufe der Jahre habe ich mich aber verändert, zuletzt und stärker auch krankheitsbedingt. Das hat gemacht, dass ich weiterhin geschätzt, aber offenkundig immer weniger verstanden werden kann. Ich selbst bin in bestimmter Weise unflexibler, ängstlicher und noch unbeholfener geworden als ich es früher schon gewesen bin. Je mehr ich zu mir, meinem Ich gefunden habe, desto mehr bin ich mit mir allein geblieben.

Ich habe es nicht zu großem Wohlstand gebracht, habe weder ein Haus, noch fahre ich Auto, mir mangelt es an Fähigkeiten und Beziehungen, die als notwendig gelten, zum Teil als existenziell, um in und mit der Gesellschaft bestehen zu können.

Nach außen hin, wenn es nicht um die Familie geht, gelte ich als guter Zuhörer, als verlässlich, klug und eloquent. Dass es mir an Selbstbewusstsein mangelt, ist sichtbar, aber es „stört“ Menschen im nicht familiären Umkreis offensichtlich kaum. Innerhalb meiner Familie, der engsten, sieht das anders aus, hier dominieren die Eindrücke von zu großer allgemeiner Gutmütigkeit, von Verbohrtheit und Naivität, davon, dass ich nicht in der Lage bin, Sicherheit, „Fortschritt“ und Realitätsnähe zu verkörpern und zu leben.

Beide Wahrnehmungen und Wahrnehmungsweisen stimmen.

Ich bin hochsensibel, sehe, höre und fühle vor allem ALLE Dinge unmittelbar und stark. Das ist schön und schlimm zugleich. Für mich und für meine Mitmenschen.

Ich konnte und kann mein Leben nicht so leben, wie ich es mir gewünscht habe und wünsche. Nie!

Es gab allerdings Zeiten, wo Wunsch und Realität mal stärker und mal weniger im Einklang miteinander waren. Je älter ich werde, desto weniger ist das der Fall. Ob das mehr in mir oder den mich umgebenden Umständen und Menschen begründet liegt, vermag ich nicht zu beantworten.

Dass es so ist, dass mein Leben mich hierher, an diesen Punkt, geführt hat, das allein ist wichtig. Wichtig, weil es wirklich geworden ist und also zählt und ich nun damit leben muss.

Ich spüre, wie schwer das ist und ich spüre, dass es wahrscheinlich noch schwerer wird. Meine Kraft wird weniger, der Halt in der Familie geringer, die Anforderungen (im mindesten die gefühlten, aber auch immer wieder die ganz realen), vor allem in meiner Arbeitswelt werden größer.

Das ist das Leben, mein Leben, so, wie es geworden ist.

Und meine Träume, die wissen nicht mehr wohin. Ich kann sie nicht mal verschenken …

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Verschenken, teilen, kann ich immerhin etwas Traumhaftes. Schönsten Indie-Dream-Pop  aus Frankreich von einer Band, die ich erst kürzlich entdeckt habe und deren Lieder ich bislang alle (!) sehr liebe. Hier ist eins dieser schönen Werke:

Requin Chagrin –  „Deja Vu“