Gedanken zu Aphorismen -25-

„Zu einer Minderheit zu gehören, selbst zu einer Minderheit von einem einzigen Menschen, stempelt einen noch nicht als verrückt“ – George Orwell in: „1984“-

Es kommt nicht mehr darauf an, wo meine Reise hinführt. Wichtig ist, dass ich weiterfahre, weitergehe. Auch und gerade dann, wenn ich dabei allein oder gar einsam bin.

Wichtig ist, dass ich mich nicht verliere. Und wenn ich mich verloren habe, dass ich mich dann wiederfinde und mich damit arrangiere, so, dass die Reise nicht nur Anstrengung ist, nicht nur Frustration produziert, Schuld- und Versagensempfinden. Auch dann nicht, wenn das Wiederfinden und Finden eben immer mehr nur noch in und bei mir selbst geschieht.

Seit meiner Entlassung aus dem Krankenhaus habe ich mich sehr verloren. Sehr.

Mein aktuelles Wiederfinden hat vielleicht gestern begonnen.

Ich spürte da etwas, ganz sachte zunächst. Ich hatte ein Buch, einen Roman, aufgeschlagen und darin die ersten Seiten zu lesen angefangen. Und, es war, als ob das Lesen mich erdete. Allein die Tätigkeit des Lesens in diesem Buch. Als ich es nach etwa 40 Seiten beiseitelegte, begann ohne weiteren Anstoß eine Art des Nachdenkens in mir. Klaren Nachdenkens, als solches auch irgendwie unbarmherzig, weil es einige Ergebnisse zeitigte, die überhaupt keine schönen sind. Die ich, und gerade das wurde mir klarer denn je, hinnehmen muss, MIT ihnen leben muss, auch wenn ich sie in meinem Inneren nicht zu akzeptieren vermag.

Wie das gehen kann, gehen soll, weiß ich noch nicht. Und es ist besonders schwer, insoweit einen Weg zu finden, wenn immer wieder neue Tropfen die unbarmherzigen Ergebnisse meines Nachdenkens weiter nähren. Und just heute hat es schon wieder getropft. Und es tropft jeden Tag mehr, aus unterschiedlichen Wolken, die an meinem Lebenshimmel ziehen.

Wenn nur die vielen Verpflichtungen, Zwänge nicht wären, aus denen eine Flucht unmöglich ist, wenn man nicht wirklich Aussteiger werden will oder kann. Ich glaube inzwischen schon, dass ich das wirklich wollen würde, aber ich verfüge weder über das Können noch die Kraft, das zu realisieren. Weil das so ist, macht es keinen Sinn für mich, mich weiter damit zu befassen. Eine Option, die nicht zu bewerkstelligen ist, ist keine Option. Allein die Verheißung, dass das Weiterfahren, Weitergehen dann eben auch allein, einsam gar, tatsächlich möglich wäre, ist keine Option.

Es ist nicht wahr, dass man seine Träume leben kann, so wenig wie wahr ist, dass es Freiheit im allumfassenden Sinne gibt.

So paradox das erscheint, so wahr ist vielmehr: Die umfassendste Freiheit ruht in der eigenen Gefangenschaft, im Seelen-Ich, dort, wo ich allein, einsam, bin. Nur aus dieser Freiheit vermag Menschlichkeit zu erwachsen. Und so sind die Momente jene höchsten Glücks- und Freudeempfindens, während der ich ein Stückchen dieser Freiheit nicht nur an andere Menschen weitergeben, sondern mit Menschen wahrhaft teilen kann. Diese Momente aber sind selten, sind besonders, sind kostbar.

Und es sind und bleiben MOMENTE, vor allem dann, wenn die eigene Seele zu schwach, zu mitgenommen, zu beansprucht ist, ihr seltenes unmittelbares, direktes Erleben, mitzunehmen auf jene viel längeren, schwereren und so trostlosen Abschnitte der eigenen Reise, und zwar im beständigen Empfinden genau jener Unmittelbarkeit, die dann, bedingt etwa durch örtliche Entfernung, nicht mehr tatsächlich vorhanden ist.

Das Vertrauen auf die Unmittelbarkeit wirklicher Seelenverwandtschaft in beständiges, unmittelbares Empfinden zu verwandeln, das ist wohl die Kunst, die es bräuchte, um das Weiterfahren, Weitergehen, machbar(er) zu machen.

Kann man diese Kunst erlernen, Kann man sie beherrschen. Kann ICH das? Oder ist auch das eine utopische, nicht umsetzbare und also KEINE Option?

Eine zaghafte, leise, aber immer eindringlicher werdende Stimme spricht zu mir, dass ich das können lernen MUSS. Dass ich mich in dieser Option finden muss, auch genau in ihr immer wiederfinden muss, wenn ich wieder verloren gehe. Denn das wird immer wieder passieren. Insoweit mache ich mir nichts mehr vor (was Resultat eine früheren Weiderfindungsprozesses ist).

Die noch leise Stimme sagt mir auch, dass ich immer wieder versuchen muss, anderes, vor allem das, was Verpflichtung, was Zwang ist, das, was sich mir als Heuchelei, als Unehrlichkeit, als Charakterschwäche, als Gleichgültigkeit, als Rechthaberei, Machtgehabe, Arroganz und Anmaßung darstellt, so wenig wie möglich an mich heranzulassen. Auch und gerade, weil ich weiß, dass es insoweit immer nur bei mehr oder weniger kläglichen Versuchen bleiben wird. Hochsensibel zu sein lässt sich nicht abschalten.

Ich habe begonnen mich wieder zu finden. An diesem unwirtlichen Ort, dem der Unbarmherzigkeit, den weitere Tropfen weiter nähren werden. Ich bin auf Bewährung hier. Mich wiederzufinden heißt nicht mehr als mir dessen wieder bewusst zu werden.

Solange ich noch krankgeschrieben bin, muss ich mich bewähren gegen die Trigger, die aus der Wohnung über mir dringen, heute Abend zur besonderen Herausforderung einmal wieder so intensiv, dass ich es nicht ignorieren kann, gegen das Empfinden von Einsamkeit. Ich muss mich bewähren in der Anwendung des Wissens um die Notwendigkeit, mit mir allein aus Dingen nicht Traurigkeit sondern Freude werden zu lassen, die mir Freude wären, wenn ich sie nicht allein tun müsste, und Dinge, die mir unangenehm sind, die mich verunsichern, nicht in Angst und Panik wachsen zu lassen

Und dann, wenn ich wieder arbeiten gehen muss, geht dieses Bewähren weiter und wird zu einer noch weit größeren Dimension wachsen, jener, die mich schon stets und ganz und gar gefordert hat.

Es kommt nicht mehr darauf an, wo meine Reise hinführt. Wichtig ist, dass ich weiterfahre, weitergehe. Auch und gerade dann, wenn ich dabei allein oder gar einsam bin.

Kurzfristig gilt es, meine Dämonen irgendwie in Schach zu halten und die Nacht zu schaffen. Andere Gesellschaft habe ich mal wieder nicht. Und morgen, mich zu überwinden, es hinzubekommen, mit mir selbst zum Hafen zu gehen, über das Wasser zu schauen, Menschen zu sehen und Schiffe und Möwen, und vielleicht noch irgendetwas Schönes zu entdecken. Und darüber und überhaupt nicht (wieder) trauriger zu werden.

Es ist so schwer, sich einsam zu fühlen, es mutmaßlich sehr oft tatsächlich zu sein und doch weiterzugehen, immer wieder um des Weitergehens willen, und nicht verrückt zu werden …

***

Milo Greene – „Silent Way“

 

Gedanken zu Aphorismen -24-

„Man kann nicht zurückkehren, nichts steht still, weder man selbst noch der andere.“ – Erich Maria Remarque in: „Schatten im Paradies“

Es ist noch gar nicht lange her, seit ich den folgenden Satz aufgeschrieben habe: „Ein absolutes Zurück gibt es übrigens durch kein Tor/keine Tür – Im Mindesten deshalb nicht, weil dahinter dann doch schon wieder, und sei es nur eine Winzigkeit, andere Zeit geworden ist …“

Wenn ich jetzt diesen Gedanken und den von Remarque so nacheinander lese, scheint die Kernaussage übereinzustimmen, und ich habe sie augenscheinlich, ganz unabhängig, selbst auch gefunden: Es gibt im Leben des Menschen keine Rückkehr! Keine Rückkehr, wohin auch immer!

Was einmal gelebt worden ist, ist unwiederbringlich. Es ist vorbei.

Was ist daran erwähnenswert? Ist es überhaupt erwähnenswert?

Für Jene, die längst das Motto: „Lebe im Hier und Jetzt“ für sich zur Lebensmaxime zu machen verstanden haben oder das mindestens energisch und so konsequent als möglich anstreben, wohl überhaupt nur insoweit, als dass es sinnvoll ist, aus vormals begangenen Fehlern zu lernen bzw. an positive Erfahrungen, die in der Vergangenheit gemacht worden sind, anzuknüpfen. Bestenfalls. Etliche werden sich der Rückschau bewusst(er) verweigern, weil das, was gewesen ist, ohnehin nicht mehr zu ändern und ein unbekümmertes „just für fun“ allemal das Gesündeste sei.

Für die Nachdenklichen, die Suchenden, ist es eventuell nicht so einfach. Wenn ich da so von mir ausgehe …

Ich habe des Öfteren versucht zurück zu kehren. Sogar buchstäblich, etwa, indem ich Orte aufsuchte, an denen ich mich in früheren Jahren aufgehalten, bewegt, wo ich Lebenszeit verbracht habe. Wenn ich ehrlich bin, hatte das allerdings immer auch etwas Befremdliches. Ganz schön viel sogar, zumeist. Weil es doch immer anders war als damals, anders als beim letzten Mal, auch wenn ich neuerlich wieder hier gewesen bin, nachdem ich den Ort schon ein oder mehrere Male zuvor wieder aufgesucht hatte. Es war anders, es war befremdlich, weil sich die Orte verändert hatten. Und, weil ich mich verändert habe. Selbst das Projizieren von Erinnerungen an das „Damals“ an den Ort, so wie ich ihn nun gesehen, wahrgenommen habe, bewirkte kein anderes Empfinden.

Ein Zurückkehren gibt es offenkundig tatsächlich nur im Sinne von Erinnerung. Von dem aus und in dem, was bewahrt geblieben ist in der eigenen Seele. Und jedes derartige Zurückkehren ist deshalb subjektiv und wird immer subjektiv bleiben. Und also gegebenenfalls verschleiert im Verhältnis zu dem, was tatsächlich gewesen ist, idealisiert oder herabgesetzt, schöner oder schlimmer empfunden als es wirklich war, im besten, wohl aber seltensten Falle genauso, wie es der damaligen Realität entspräche.

Ich kann trotzdem nicht umhin, mich zu erinnern, in und durch Erinnerung immer wieder zurückzukehren zu Stationen und Episoden meines Lebens. Durch das Vergangene meines Lebens bin ich geworden, was und wer ich heute bin. In all meiner Unvollkommenheit, die ich als solche mittlerweile weitgehend akzeptiere. Schwieriger hingegen ist es mit der Akzeptenz, des „Wie“ meiner Unvollkommenheit, ihrer Art und Weise also. Immerhin hat sie mich, vor allem in der jüngeren Zeit, immer wieder an Grenzen gebracht, die für mich schmerzlich gewesen sind, die ich teilweise nach wie vor nicht zu überwinden, zu umgehen gelernt habe. Auch nicht immer bzw. wirklich, mit ihnen zu leben.

Irgendetwas in mir drinnen sagt mir, dass die Suche nach dem „Warum“ das so ist, hilfreich sein kann. Ich bin darin ursprünglich angefeuert und in der Folge auch immer wieder bestärkt worden,. Vor allem von Menschen, die etwas von Psychologie verstehen (sollten), berufsmäßig.

Andererseits habe ich selbst schon mehrfach erfahren, dass die Suche nach dem „warum“, die logischerweise nur in der Vergangenheit erfolgen kann und also Rückkehr erfordert, oft nur zu Wenig, manches Mal auch zu Nichts führt.

Die Frage nach dem „Warum“ in der Vergangenheit, ist sie am Ende sinnlos? Weshalb „predigen“ sie dann die Psychologen?

Weil die Frage nach dem „Warum“ am Ende nicht die Frage nach dem „Warum“ an sich, sondern nur die Frage ist nach Gründen bzw. Fehlern, die in der Vergangenheit aufgetreten, geschehen sind, begangen wurden? Und die Frage nach den positiven Erfahrungen, an die es, wenn irgend möglich anzuknüpfen gilt? Weil es dabei nicht um die Suche nach Schuldigen oder Engeln. Nur darum, was gewesen ist und wie es sich ausgewirkt hat.

Unwiederbringlich, Unwiederholbar. Aber halt auch unauslöschlich. So, wie alles Gelebte.

Dahin gibt es keine tatsächliche Rückkehr. Nie. Ob ich das will oder nicht.

Das ist so tröstlich, wie Leben Leid bedeutet hat und so bedauerlich, wie es Glück gewesen ist.

Das Leben ist immer Beides: Glück und Leid.

Insofern ist und bleibt das Erinnern, selbst wenn die Psychologen es aus genannten Gründen einfordern, doch zwiespältig. Weil alles Erinnern und nachfolgendes „Aufarbeiten“ nie dazu führen kann und nie dazu führen wird, das schließlich „alles gut“ sein oder werden wird, wenn man nur die Vergangenheit angemessen bewältigt.

An diese Illusion zu glauben ist schlussendlich verhängnisvoller als die Hoffnung darauf, wohin auch immer, zurückkehren zu können.

***

Heute teile ich mal ein ganz aktuelles Lied, denn nach langer Zeit ist sie wieder da. Ich mag sie sehr, mag ihre Lieder. Dido!

Dido – „Friends“

Gedanken zu Aphorismen -23-

Weit über ein Jahr, so habe ich überrascht festgestellt, ist es her, dass ich in meinem Tagebuch einen Aphorismus besprochen habe.  Gestern bein Blättern in meiner entsprechenden Sammlung habe ich einen entdeckt, der mich nicht mehr losließ.  Und so schrieb ich schließlich. Dies hier ist das Ergebnis, vielleicht eines das Zustimmung findet, vielleicht eines, das zum Widerspruch herausfordert oder zum Fragen zum Weiterdenken. Egal, wenn es nur Anregung ist …

*

„Bevor die Schönheit endgültig aus der Welt verschwindet, wird sie noch eine Zeitlang aus Irrtum existieren. Die Schönheit aus Irrtum, das ist die letzte Phase der Geschichte der Schönheit.“ – Milan Kundera in: „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“

Ich habe diesen Gedanken gelesen. Und dann konnte ich gar nicht anders, als innezuhalten und selbst ganz nachdenklich zu werden. Was für Worte: „die Schönheit verschwindet“, „Schönheit aus Irrtum“, „letzte Phase der Geschichte der Schönheit“!

Schon nach wenigen Augenblicken des Sinnierens formten sich in mir Fragen aus diesen Worten. Schönheit mag vergänglich sein, aber kann sie gänzlich verschwinden? Wie kann das gemeint sein? Was ist „Schönheit aus Irrtum“, wie weit ist unsere Vorstellung davon bzw. ihre Wirklichkeit schon gediehen? Wann beginnt die „letzte Phase der Schönheit“? Befinden wir uns vielleicht schon mittendrin? Und ganz grundsätzlich: Ist der Gedanke da oben nicht allzu fatalistisch?

Was Menschen als schön empfinden, was sie unter Schönheit verstehen, kann sehr unterschiedlich sein. Und zwischen dem, was manche als „schön“ oder „Schönheit“ definieren und dem, was sie dann im Sinne von „schön“ leben bzw. tatsächlich als „Schönheit“ sehen und annehmen, liegen bisweilen erhebliche Unterschiede.

Die Formulierung von der „Schönheit als Irrtum“ unterstellt meiner Ansicht nach, dass das Verständnis von Schönheit nicht nur kein „einheitliches“ ist, sondern in gesellschaftlichem Zusammenhang betrachtet, einem Wandel unterliegt. Einem Wandel, der an die Entwicklung, die generelle Entwicklungsrichtung des Menschen im Sinne von „Menschheit“ gebunden ist.

Die Entwicklung der Menschheit, die Richtung von „Fortschritt“, wird wesentlich durch die Bedürfnisentwicklung angetrieben. Entwicklung von Bedürfnissen aber, geschieht längst nicht mehr hauptsächlich aus sich selbst, also aus dem Menschen selbst heraus, sondern ist mittlerweile eine Angelegenheit, die teilweise sehr bewusst und sehr gezielt gesteuert wird. Von einem Teil von Menschen, die mächtig sind und davon ausgehend spezifische Interessen verfolgen (können), die wiederum viel mit vor allem der Erlangung materieller Vorteile, materiellen Reichtums bzw. deren Bewahrung und Mehrung zu tun haben.

Wird uns nicht alltäglich suggeriert, wie ein „schönes“ Leben ausschaut? Welche Kleidung uns „schön“ macht, welche Kosmetikartikel unser Gesicht ein „schönes“ sein lassen? Dass bzw. welche Diät uns zu einem „schönen“ Körper verhilft? Welche Lebensqualität insgesamt erstrebenswert, weil „schön“ ist? Welches Auto dazugehört, welches Smartphone, welches Eigenheim mit welcher technischen Ausstattung? Dass es „schön“ ist unbegrenzte Freiheit zu genießen und, dass dazu gehört, sich so viel wie möglich von dem leisten zu können, was einen „dazugehören“ lässt zur „Gesellschaft“, mindestens aber zu diesem oder jenem Milieu.

Diese Bedürfnissteuerung bekennt sich jedoch nicht dazu, im Mindesten AUCH Suggestion zu sein. Sie verschweigt (bewusst), dass die von ihr beförderten Richtungen der Bedürfnisentwicklung auch Kehrseiten haben, ja sogar Schaden bedingen können und bedingen. Schaden gar, der schlussendlich irreparabel werden kann. Und lenkt mithin davon ab, dass das menschliche Streben nach Schönem, nach Schönheit, zu einem Irrtum werden kann. Einem großen, einem folgenschweren, einem, der vielleicht tatsächlich letztlich nicht mehr zu korrigieren sein wird.

Schönheit aus Irrtum kann so tatsächlich zur letzten Phase der Geschichte der Schönheit werden.

Die Zerstörung der Ozonschicht der Erde, das Schmelzen der Polkappen, das Aussterben von immer mehr Tier- und Pflanzenarten, die Verslummung von Städten, die zunehmende Verrohung von Menschen, der abnehmende Respekt untereinander, die wachsende Gier auf der einen, die sich verschlimmernde Armut auf der anderen Seite, die Auswirkungen der nicht weniger werdenden Kriege, das Heucheln und Lügen im Sinne immer weiteren „Wachstuns“, immer fortschreitender Profitmaximierung und vor allem die damit einhergehenden Folgen, das alles sind längst nicht alle Indizien dafür, dass die Geschichte der Schönheit womöglich bereits in ihre letzte Phase eingetreten ist. Womöglich, vielleicht, hoffentlich noch nicht unumkehrbar.

Schönheit ist nicht absolut, ebenso wenig wie Wahrheit und Freiheit. Weil Schönheit letztlich nur in der Realität existiert. Und so lange auch Menschen Realität sind, ist Schönheit, die Existenz von Schönheit, das, was als schön angesehen wird, an den Menschen gebunden. So wenig vollkommen wie der Mensch selbst.

Das ist nicht wirklich tragisch. So wenig tragisch, wie die Tatsache , dass Schönheit naturgegeben vergänglich ist. Weil DIESES Vergehen kein endgültiges ist, weil es neu Gebären einschließt. Der Wechsel der Jahreszeiten ist dafür ein sehr illustrierendes Beispiel. Die Tragik beginnt dort, wo der Mensch aufhört, menschlich, im ureigenen Sinne HUMAN, zu denken und zu handeln, denn damit wird Schönheit nicht nur vergänglich, damit kann sie tatsächlich VERGANGENHEIT werden, ENDEN!

Ich schreibe bewusst „kann“. Ich bin kein Prophet und will auch keiner sein. Und auch nicht fatalistisch. Das Ende der Geschichte der Schönheit wäre kein Schicksal.

Aber wie lässt sich die offensichtlich längst begonnen habende Phase der Schönheit als Irrtum noch aufhalten, besser noch, wieder umkehren?

Mir fällt da wenig ein. Ich denke immerzu an eine Art „moralischen Imperativ“, eine Art ethischen Befehl. Entsprechende Gebote werden ja seit langem schon weggeschoben und ignoriert. Es braucht da also offensichtlich mehr als Gebote. Aber selbst die an der Tagesordnung seienden Natur- und Menschheitskatastrophen, die längst Befehlsklang haben und hinterlassen, führen nicht zur Besinnung, nicht zum Einhalten.

Auch mich haben Befehle immer abgeschreckt, ich mochte sie nicht. Und ich weiß, dass viele Befehle auch einfach belächelt werden, dass es nicht gewollt ist, dass sie etwas bewirken, weil sie als Einschränkung freien Denken und Handelns gesehen werden.

Die Menschheit, die einzelnen Glieder, die sie ausmachen aber, können nicht absolut frei existieren. Diesem Streben liegt derselbe Irrtum (sic!) zugrunde wie dem Streben nach immer vollkommener, letztlich absoluter, Schönheit. Das eine wie das andere ist Suggestion, ist Wunschvorstellung, die nie eintreten darf und nie eintreten wird. Und sei es um den Preis, dass die Geschichte der Schönheit auf der Erde eines Tages wirklich enden wird.

Ich wage die These: Die Anerkennung eines moralischen Imperativs, eines ethischen Befehls, ist zwingend NOTWENDIG. Vielleicht tatsächlich am ehesten so, wie ihn aufrichtig gläubige Menschen formulieren: „Bewahre die Schöpfung, bewahre die Erde, lebe Liebe!“ und dafür, für dieses „Gottesgebot“, so oft belächelt werden, wie überhaupt Glauben belächelt wird. Aber fortlaufend wird doch immer RECHT gesprochen über dieses Gebot, diesen Befehlt. Das letzte Mal wahrhaft, aber hoffentlich nie, durch das „Jüngste Gericht“, das ich WELTGEWISSEN nenne.

Die Gedanken von Kundera sind ungeheuer wichtig …

***

Ein schönes Lied über eine schöne Liebe, über die Frage des Innehaltens, des Weitermachens und der Hoffnung. – Ich habe es erst vor wenigen Tagen entdeckt:

The Head and the Heart – „Another Story“

Gedanken zu Aphorismen -22-

„Niemand kann dich ohne dein Einverständnis dazu bringen, dich minderwertig zu fühlen.“ – Eleanor Roosevelt

Ich lese diesen Satz einmal, zweimal, dreimal. Es wird nicht besser. Er wird nicht besser.

Ich bin fassungslos, ja empört. Dabei ist das ein bekannter, ein viel zitierter Satz von einer bekannten, recht viel zitierten und offenbar überwiegend sehr anerkannten Frau. Mich schreit der Satz an, ja, er verhöhnt mich. Er kommt bei mir an als der nachfolgende kleine Text:

– Du fühlst dich nur deshalb minderwertig, weil Du damit einverstanden bist, dich minderwertig zu fühlen. Du willst dich minderwertig fühlen. Also ist es letztlich nur deine Schuld, wenn du dich so fühlst. –

Wie bitte? – Ich verstehe es nicht.

Ich verstehe ihn nicht, jenen Satz, der von einer Frau, der der Menschenrechtspreis der Vereinten Nationen verliehen worden ist, die sich vielfältig ehrenamtlich in der Sozialarbeit engagierte und sich unter anderem aktiv für die Emanzipation der Frauen und die Abschaffung der Rassentrennung einsetzte, geboren worden ist.

Ich denke an Menschen, denen ich begegnet bin, und die sich minderwertig fühlten bzw. fühlen. Und ich bin manchen von ihnen begegnet:

Flüchtlingen, die Kriegs- und/oder Missbrauchsereignisse durchleben mussten, Menschen, die an einer Beeinträchtigung oder Behinderung litten, Menschen mit seelischen Problemen, denen verschiedenste Ursachen zugrunde lagen, Menschen, die kaum oder nie Anerkennung erfahren haben.

Und sie alle haben ihr Einverständnis gegeben, sich minderwertig zu fühlen? Denn hätten sie es nicht, würden sie nicht so empfinden? Das ist so zynisch, dass es nicht wahr und auch nicht so gemeint gewesen sein kann.

Ich denke lange nach. Und ich denke daran, dass ich mich selbst minderwertig fühlte und fühle, mindestens jedoch „nicht genug“, und dass das sogar recht häufig der Fall war und immer noch ist. Und ich erinnere mich, dass es noch gar nicht lange her ist, dass ich mir dessen nicht bewusst war und auch nicht in der Lage gewesen bin, mir dessen selbst bewusst zu werden. Ohne Hilfe.

Sich seiner selbst bewusst werden. Sich seiner selbst bewusst sein. Selbstbewusst sein. Daran hat es mir immer gemangelt. Mir meiner selbst bewusst zu sein. Selbstbewusst zu sein.

Aber wahrscheinlich ist das der Schlüssel: Sich seiner so selbst bewusst zu sein, dass man sich eben nicht minderwertig fühlt. –

Wenn das ginge, wenn das so wäre, so stimmte der Satz von Eleanor Roosevelt plötzlich: Wenn ich mir hinreichend meiner selbst bewusst wäre, mich akzeptierte, wie ich bin, mit meinen Fehlern und Schwächen, dann würde ich mich wohl kaum irgendwann minderwertig fühlen. Es sei denn, ich wäre damit einverstanden als minderwertig zu gelten. Aber bei ausreichendem Selbstbewusstsein wäre das wohl bloße Theorie.

Hat sich je ein Mensch mit einem gefestigten, ausgeprägten Selbstbewusstsein für minderwertig gehalten?

Wohl kaum.

Aber ganz so einfach ist das Problem für mich denn doch nicht gelöst. Nein, es ist eigentlich nach wie vor überhaupt nicht gelöst.

Denn ist es nicht verständlich bzw. nicht geradezu logisch, dass Menschen mit dramatisch, traumatisierenden Erfahrungen, wie etwa einem Missbrauch oder Folter, wie einer Beeinträchtigung, die jeden Tag erlebbar an einer „normalen“ Teilhabe an einfachsten alltäglichen Verrichtungen, Handlungen, Angeboten hindert, wie seelischer Instabilität oder einem stigmatisierenden, herabwürdigenden Umfeld, kein oder nur wenig, kaum oder nur partiell aufflackerndes Selbstbewusstsein haben und zu entwickeln vermögen?

Und ist es dann gerechtfertigt zu sagen: Wenn du halt nicht selbstbewusst genug bist, wenn du eben stillschweigend einverstanden bist, dich minderwertig zu fühlen, dann ist das allein deine Sache?
Ist ein „Einverständnis“, das auf mangelndem Selbstbewusstsein gründet, überhaupt ein Einverständnis?

Das ist eine sehr schwierige und viel weiterreichende Frage als es dem ersten Eindruck nach scheint.

Selbstbewusstsein zu haben, ist eine geistige Fähigkeit. Entscheidungen sind dann relevant, wenn sie von Menschen getroffen werden, die im Vollbesitz ihrer körperlichen vor allem aber ihrer geistigen Kräfte sind. Wer wenig Selbstbewusstsein hat, ist dennoch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Sie sind halt nur nicht so ausgeprägt wie bei anderen Menschen. Deshalb ist ein Mensch, der weniger, kaum oder gar nicht selbstbewusst ist, nicht weniger im Vollbesitz SEINER geistigen Kräfte.

Weniger selbstbewusste Menschen sind nicht weniger mündig als ihre selbstbewussteren Zeitgenossen. Aber sind sie in ihrer Entscheidungsfähigkeit beeinträchtigt. Einem Einverständnis freilich, liegt immer eine Entscheidung zugrunde. „Ja“ oder „Nein“ sagt man, nachdem man sich dafür entschieden hat.

Ein Kind, das sich nach einem Missbrauch schmutzig, benutzt und minderwertig fühlt, hat sich dafür nicht entschieden. Jemand, der sich in einer seelischen Ausweglosigkeit befindet, die ihm suggeriert, ganz nutzlos zu sein und der sich deshalb überflüssig fühlt, hat sich dafür nicht entschieden.

Niemand hat sich je dafür entschieden, sich minderwertig zu fühlen. Ebenso wenig wie niemand sich je zum „Freitod“ entschieden hat. „Freitod“, das ist die größte in einem einzigen Wort versteckte und mit ihm formulierte Lüge. So, wie die Annahme eine Lüge ist, dass jemand ein Einverständnis dafür geben könnte, sich minderwertig zu fühlen.

*

Sorry, Mrs. Roosevelt, wenn ich ihnen mit meinen Gedanken postum zu nahe getreten sein sollte. Vielleicht haben Sie ihre Aussage ja gar nicht so gemeint, wie ich sie verstanden bzw. aufgefasst habe. Und vielleicht ist ihr Satz da oben, auch viel zu sehr aus dem Zusammenhang gerissen worden, um ihn anders verstehen zu können oder das zu verstehen, was sie tatsächlich mit ihm sagen, zum Ausdruck bringen, wollten. – Aber wenn Letzteres der Fall sein sollte, warum wird er dann immer und immer wieder (nur) genau SO veröffentlicht und wieder zitiert?

Ich mochte und konnte ihn so nicht stehen lassen. Die Gründe dafür stehen hier geschrieben.

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Ein sehr schönes, noch ganz neues Lied … –

Alexa Feser feat. Curse – „Wunderfinder“

Gedanken zu Aphorismen -21-

„Gewissen und Feigheit sind in Wirklichkeit dasselbe … Gewissen ist der Handelsname der Firma. Das ist alles.“ – Oscar Wilde in: „Das Bildnis des Dorian Grey“

Zweierlei muss und will ich vorweg schicken, bevor ich meine Gedanken zu dem oben zitierten Aphorismus hier aufschreibe:

Erstens – Die Aussage lässt Oscar Wilde in seinem Roman einen seiner Protagonisten machen, sie ist also nur mittelbar von ihm selbst. Das ist wahrscheinlich nicht ganz unwichtig, erwähnt zu werden, weil es sich bei diesem Protagonisten durchaus um eine Art Lebemann handelt, der wenig „anbrennen“ ließ und lässt während seines Daseins.

Zweitens – Als ich die Aussage zum ersten Mal las, war meine ganz spontane Reaktion ein innerliches „Jawoll, das stimmt so.“. In der Folge bemerkte ich dann, dass diese Reaktion sehr stark mit meiner selbst zu tun hatte. Und so denke ich, dass es notwendig ist, hier und jetzt noch einmal zu betonen, dass meine Gedanken zu jener Aussage, so wie ich sie in der Folge notieren werde, MEINE Gedanken und also sehr subjektiv sind. Im besten Falle mögen sie andere zur Nachdenklichkeit anregen …

Ja, meine erste Reaktion auf die Aussage oben war intuitiv tatsächlich eine der ungeteilten Zustimmung. Augenscheinlich passt sie geradezu zu mir.

Wie oft habe ich schon darüber geschrieben, was für ein strenges Gewissen in mir lebt?! Ich habe es sogar immer wieder als meinen Wächter bezeichnet. Und es ist keine Lüge, wenn ich sage, dass es das tatsächlich und nach wie vor ist. Und fast genauso häufig habe ich wohl erwähnt, dass es mir oft an Mut fehlt, dass ich mich in vielen Situationen schwer tue, eine Entscheidung zu treffen. Ich bin nicht mutig, nicht risikofreudig, habe es schwer mit Veränderungen – im Mindesten manchmal trifft wohl auch die Charakteristik „feige“ auf mich zu.

Augenscheinlich scheint es also, wenigstens was mich betrifft, dass es sehr wohl einen Zusammenhang zwischen Gewissen und Feigheit gibt. Aber ist das wirklich so? Und trifft das auch auf andere Menschen zu? –

Stelle ich mir die Frage ganz ausdrücklich, ob gewissenhafte Menschen eher feige oder doch oft auch sehr mutig sind, geht meine Antwort schon in eine andere Richtung: Natürlich gab und gibt es Menschen, die ungeachtet oder gar wegen ihres strengen Gewissens sehr mutig gewesen sind. Ja, von einem strengen, reinen, bewussten Gewissen getragene Entscheidungen gehörten und gehören zu den wertvollsten und wichtigsten im Verlaufe aller menschlichen Existenz.

Ich bleibe aber nun wieder bei mir. Ist es womöglich für mich im Speziellen doch richtig, dass engerer Zusammenhang zwischen Gewissen und Feigheit besteht? Auch nach längerer Überlegung kommt mir zu dieser Frage doch ein „Ja“ über die Lippen. –

Ich gehe weniger Risiken ein als andere Menschen, auch solche, von denen ich weiß, dass sie durchaus auch Gewissensmenschen sind. Ich wäge sehr ab und oft siegt meine Angst. Das ist nicht immer so, Ausnahmen bestätigen die Regel. Da ist freilich noch ein anderes Problem: Sehe ich vielleicht in Dingen Risiken oder Gefahren, die andere darin nicht sehen, die eventuell gar keine ist? Genau das ist mir schon öfter mal signalisiert worden. Andererseits ist mir auch schon bedeutet worden, dass ich Dinge gedacht, ausgesprochen oder auch getan habe, die sich jemand anderes nicht „getraut“ hätte. –

Beides ist für mich schwer zu fassen, einzuordnen. Ich weiß im Grunde sehr selten, was ich von mir halten kann, wie weit ich mir vertrauen darf, wer oder was ich bin. Ich vermag mich sehr schwer zu beurteilen. Manchmal glaube ich, dass mir dazu die nötige Rationalität fehlt. Ich lasse mich sehr von meinem Empfinden, meinen Gefühlen leiten. Mutmaßlich ist das die verschiedenen Risiken des Lebens und das Leben, das und wie ich es lebe, betreffend, ganz ähnlich.

Es scheint also auch, wenn ich nur mich betrachte, mehr als nur einen Grund für meine „Feigheit“ zu geben.

Was aber ist nun mit meinem Gewissen? –

Doch, es verhindert auch als solches, dass ich Risiken eingehe, Dinge ausprobiere, spontan bin. Mein Gewissen gibt mir die Ethik vor die ich lebe. Und in dieser Ethik spielen zum Beispiel Treue, Aufrichtigkeit, Integrität, Verlässlichkeit und Empathie eine sehr große Rolle. Das klingt erst einmal ganz positiv, aber es hemmt auch einiges. Einige Menschen, die mich kritisch sehen, meinen, dass es mich hemmt, zu leben, mehr und intensiver zu leben, zum Beispiel im Sinne von ausgelassener sein, von „mal über die Stränge schlagen“, mal etwas verbotenes oder „unmoralisches“ zu tun.

Selbst, wenn ich einiges davon gar nicht haben will und insoweit auch meine, dass es nichts mit Feigheit zu tun hat, dass ich mich manchem „entsage“, so ist an dem, was diese Menschen sagen, auch Wahrheit. – Ich stehe zu meiner Art zu leben, aber sie macht mich wahrlich oft nicht glücklich. Ob ich ab und zu glücklicher wäre oder sein könnte, wenn ich es verstünde, immerhin ein bisschen mehr zu leben, wie es diese Menschen meinen? – Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, wie ich das „probieren“ sollte. –

Es ist wie in der Schule oder wie während meines Studiums, wie während meines Lebens überhaupt: Ich vermochte nie etwas, nur „ein bisschen“ zu machen, ein „bisschen“ zu probieren. Ich konnte nie für eine Drei lernen – wenn ich es versuchte, wurde es etwas Schlechteres. Also versuchte ich es irgendwann erst gar nicht mehr.

Und später, als ich dann immer öfter sah und begriff, was „risikobereite“ Menschen ohne groß ihr Gewissen zu befragen (oder augenscheinlich überhaupt eins zu haben) für Macht erlangen und für Schaden anrichten konnten, da hat mich das so sehr beeindruckt, dass es für mich mehr und immer stärker zu meiner Maxime wurde, bei meinem Leisten zu bleiben. War mir mein Gewissen bis dato vor allem oft unsympathisch, so begann ich es nun auch zu mögen.

Ich habe das lange Zeit meine innere Hassliebe genannt.

Heute tue ich das nicht mehr. Ich versuche mein Gewissen zu mögen und für das, was es tut, dass mir das Leben schwer bleibt, nicht zu verurteilen. Hass richtet immer nur Schaden an. Ich werde nicht glücklicher dadurch, dass ich mich oder etwas, das zu mir gehört, hasse. Zu dieser Erkenntnis bin ich sehr spät gekommen…

Spät habe ich auch begriffen, dass nicht jeder, der mich einen Feigling oder sonst wie nennt, im Recht ist. Recht ist so relativ, wie derartige „Urteile“ subjektiv sind.

Schön und gut. Festzuhalten bleibt, dass Gewissen und Risiko, Gewissen und Feigheit durchaus etwas miteinander zu tun haben. Aber das Sprüchlein da oben ist (obwohl für mich konkret eben doch ziemlich stark zutreffend) viel zu eindimensional und wohl einer ebensolchen Denkweise entsprungen, jener, die Oscar Wilde dem entsprechenden Protagonisten zugedacht hat.

Meine Gedanken zu diesem Sprüchlein haben sich deshalb, vielleicht folgerichtig, mehr in Richtung einer Selbstreflexion als in Erörterungen ÜBER dasselbe entwickelt. Egal. – Interessant ist hingegen, dass mich mein Nachsinnen darauf gebracht hat, dass es womöglich weit spannender und seriöser wäre, über das Verhältnis von Gewissen und Glück zu philosophieren.

Vielleicht gibt es ja dazu auch ein Sprüchlein als „Aufhänger“ …

*
(Für ein verlängertes Wochenende lasse ich ab morgen früh mein Tagebuch nun allein. Ich werde in Schleswig-Holstein sein …)

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Gedanken zu Aphorismen -20-

„… am fröhlichsten lebt der, der sich selbst am besten betrügen kann.“ – Fjodor Dostojewski in: „Schuld und Sühne“

Wenn dieser Gedanke im Grundsatz wahr ist, dann scheinen zwei Schlussfolgerungen konsequent:

Erstens: Ich vermag es offensichtlich nicht oder nur höchst selten, mich selbst zu betrügen. Zweitens: Eine Menge Menschen scheinen sich trefflich selbst betrügen oder sich etwas vormachen zu können.

Aber ich ahne, ja, ich glaube zu wissen, dass diese beiden Folgerungen, nicht korrekt sind.

Zum einen, weil ich weiß, dass ich mich durchaus selbst betrüge. Was allerdings generell nicht zum Ergebnis führt, dass ich im Nachgang fröhlich lebe. Im Gegenteil. Ich betrüge mich vor allem, was die Einschätzung, den Einsatz und die Wirkung manche meiner Fähigkeiten angeht. Ich betrüge mich hinsichtlich des Vertrauens, des Glaubens an manche meiner Kräfte.

Es ist nicht wichtig, dass dieses Betrügen grundsätzlich im Unterbewusstsein, nicht vorsätzlich geschieht. Betrug ist und bleibt Betrug.

Ein immenses Problem ist, dass es wohl so ist, dass einem das Leben ständig irgendwelche Urteile, Einschätzungen, Bewertungen abverlangt, jedes Urteil (hinsichtlich der juristischen möchte ich an dieser Stelle allerdings nicht im folgenden Sinne generalisieren), jede Einschätzung, jede Bewertung aber subjektiv ist und bleibt, und so in ihrem Wahrheitsgehalt stets nur sehr relativ zu sein vermag.
Damit ist (Selbst-)betrug vorprogrammiert, ja, schließlich unvermeidlich.

Reife, Souveränität, Erfahrung eines Menschen könnten Indikatoren für eine mehr oder minder funktionierende „Stellschraube“ sein, die das Ausmaß des (Selbst-)betrugs zu verringern imstande ist. Auszuschließen sein wird er nie, von keinem, für keinen Menschen.

Also betrüge ich mich selbst. Meine charakterlichen und seelischen Schwächen kritisch reflektierend, mutmaßlich gar nicht so wenig.

Aber noch einmal: Zu mehr Fröhlichkeit meiner selbst führt das nicht. Die Bewusstheit darüber schon gar nicht.

Auch die zweite, „logisch“ zu seiende Folgerung, ist es wohl gerade nicht. Denn ihr wohnt die Unterstellung inne, dass vor allem ausgelassener Frohsinn generell Ausdruck dessen ist, dass jene Menschen, die ihn leben, sich am stärksten, meisten , intensivsten selbst betrügen, indem sie sich selbst etwas vormachen, sich und schlussendlich die Welt betreffend.

Was also bleibt von jenem wie eine Erkenntnis daher kommenden Satz: „…am fröhlichsten lebt der, der sich selbst am besten betrügen kann.“? Warum hat er mich beim ersten Lesen und Nachsinnen so fasziniert, erschien er mir so plausibel, so wahr?

Je länger und intensiver ich darüber nachgedacht habe, desto mehr und für mich verbindlicher habe ich das Folgende gefunden:

Bei dem „selbst betrügen“ in jenem Satz geht es um nicht jeden, nicht allen Selbstbetrug. Es geht um einen speziellen Selbstbetrug, spezifische Dinge betreffend. Es geht um des Verdrängen, Ausblenden, Abstrahieren von Leid, von real existierendem und /oder so empfundenen eigenem oder in größeren Zusammenhängen da seiendem Schmerz, Leid, Krieg, Unrecht von derartiger Trauer, Angst , Depression oder Ähnlichem.

Wer diese Art des Verdrängens, des Ausblendens beherrscht, der kann, der wird fröhlich sein, selbst, wenn alles um ihn herum dem Ende, dem Zusammenbruch, dem Tod immer näher kommt. Wenn er es vermag, zu der Maske zu werden, die er sich zugelegt hat.

Es ist schwer, eigentlich ausgeschlossen für mich, mir vorzustellen, dass es Menschen gibt, die derartiges vermögen. Und wenn ich es mir vorzustellen, zu vergegenwärtigen versuche, dann drängt sich unweigerlich die Frage in mir auf, ob die Fröhlichkeit, die solche Menschen zeigen, leben, nicht letztlich auch nur wieder eine Maske ist, eine Scheinfröhlichkeit, eine Unbekümmertheit.

Dann aber wäre der Aphorismus von Dostojewski augenblicklich doch sehr richtig, sehr wahr, sehr treffend: Denn als Maske wären die Fröhlichkeit, die Unbekümmertheit, die Ausgelassenheit, so tatsächlich nur eines: Die Inkarnation von Selbstbetrug in bizarrer Vollkommenheit.

Und ich nehme es so wahr, dass es tatsächlich Menschen gibt, die in und als diese Inkarnation leben, die das „Leben“ nennen.

So sind meine Zweifel an der Aussage von Dostojewski nun doch weitestgehend ausgeräumt. – Nur an einem bleibe ich weiterhin hängen: An dem Gedanken, dass jene Fröhlichkeit Ausdruck der Fähigkeit sich „am besten“, also sich so auf die beste Art, selbst zu betrügen sei.

Diesen Gedanken, diese Sicht, mag ich wirklich nicht teilen (müssen).

*

Gedanken zu Aphorismen -19-

„Ich will hier nur eins sagen: das geistige Entbehrungen schwerer zu ertragen sind als alle körperlichen Qualen“ – Fjodor Dostojewski in: „Aufzeichnungen aus einem Totenhause“

Es gibt kaum eine Aussage, über die ich jemals länger und intensiver nachgedacht habe, als diese von Dostojewski. Und selten bin ich mit meinem eigenen Nachdenken so wenig fertig geworden, so wenig zu einem Ergebnis gekommen, wie beim Nachsinnen über diese Zeilen.

Das mag damit zu tun haben, dass ich von geistigen Entbehrungen nur eine schwache und von körperlichen Qualen gar nur eine noch schwächere Ahnung habe.

Im Unterschied zu anderen Menschen, von denen ich mit einigen allerdings intensiver zu tun hatte, bin ich nie körperlich misshandelt, nie gefoltert worden, kenne ich körperlichen Schmerz nur in Zusammenhang mit erkrankt Sein. In diesem Kontext zwar auch heftigen Schmerz, aber dem konnte dann doch jeweils mehr oder weniger schnell abgeholfen werden. –

Ich habe nicht einmal irgendwann wirklich schwer körperlich arbeiten müssen, schon gar nicht über längere Zeiträume.

Aber ich habe (grundsätzlich aber wohl noch einmal katalysiert durch in diesem Zusammenhang eigene körperlich-konstitutionelle Unzulänglichkeiten) höchsten Respekt vor Menschen, die schwere körperliche Arbeit verrichten bzw. verrichten müssen. Und ich werde jedes Mal wieder sprachlos, wenn mir Berichte begegnen von Menschen, die sich ungeachtet schlimmster körperlicher Marter und Folter nicht beugen ließen.

Von geistigen Entbehrungen glaube ich wenigstens eine Vermutung zu haben.

Jene, die ich während meines etwa 28jährigen Lebens in der DDR erfuhr, begann ich erst gegen Ende meiner Zeit in diesem Lande bewusst zu spüren, viele habe ich erst rückblickend, mit mehr Reife und weniger Naivität, als sie mir in meinen jungen DDR-Jahren eigen gewesen sind, erkennen und als solche begreifen können.

Diese geistigen Entbehrungen waren für mich jedoch von anderer Art, und ich habe sie anders empfunden, als jene, die ich nach dem Gefühl und dem Erleben einer Eröffnung geistiger Freiheit um die so genannte „Wendezeit“ herum, bis heute in unterschiedlich starker Weise wahrnehme.

Mein Entbehrungsempfinden heute hängt mehr mit einem Mangel an Zeit und Raum für geistige Betätigung, wie ich sie mir wünsche, zusammen. Einem Mangel an Zeit und Raum, der mir durch die Rahmenbedingungen meines Lebens, die ich nur sehr begrenzt selbst zu setzen und zu verändern vermag, vorgegeben, ja, aufgezwungen, wird.

Aber ich ahne es nicht nur, ich weiß, dass dies ein Jammern auf hohem Niveau ist.

Dostojewski hat viel mehr und viel unmittelbarer selbst erfahren, was körperliche Qualen sind, was geistige Entbehrung ist.

Der Roman »Aufzeichnungen aus einem Totenhaus« (1860), aus dem das obige Zitat stammt, schildert das Leben in einer sibirischen Strafkolonie und das Ringen der Insassen um einen Rest an Würde in einem brutalen, menschenverachtenden Umfeld. In diesem Buch spiegelt Dostojewski eigene Erlebnisse während seiner Verbannung in Sibirien in den Jahren 1850 bis 1854 wieder.

Dostojewski weiß also wovon er spricht, was er meint, mit seiner Aussage. Viel, viel mehr, als ich es auch nur versuchsweise zu ermessen imstande bin.

Er weiß es und hat es offenkundig bewusst genau so formuliert, wie geschehen:

Geistige Entbehrungen seien schwerer zu ertragen als körperliche Qualen.

Aber weiß er es so, dass es für alle Menschen Gültigkeit hat?

Dostojewski war ein sehr geistiger Mensch, ein denkender, einer, der menschliche Seelen intensiv studierte und dem Sprache sein wichtigstes Werkzeug gewesen ist. Als solch ein exponierter geistiger Mensch war er der zaristischen Zensur ausgesetzt, spürte und erlebte er, wie sich ein „geistiger Mensch“ im Umfeld von Rohheit, von menschlichen Abgründen, von körperlicher Züchtigung, fühlte. Am eigenen Leib und mit der eigenen Seele. – Und er erlebte dies offenkundig als das noch schlimmere Übel im Verhältnis zu körperlicher Qual stärksten Ausmaßes. –

Geistiges verarmt Werden, Einsamkeit des Geistes, eine Umwelt der Geistesfeindlichkeit, in seiner, in ihrer, extremsten Ausprägung.

Womöglich ist dies die Art Folter, die nur geistige Menschen als solche und so unmittelbar zu empfinden vermögen. Das „erhebt“ sie nicht über jene, denen es weniger so geht, weil sie weniger geistig sind. (Dostojewski hat sich insoweit nie über andere Menschen erhoben, im Gegenteil.) Aber es unterscheidet sie von diesen, und es begründet ihr andersartiges Empfinden.

Wie sollte ein Mensch, dessen Leben die Literatur ist, nicht größten Verlust und Schmerz empfinden, wenn man ihm seine Bücher, den Zugang zu Büchern nähme?

Einem Menschen, dessen Leben es ist, Figuren zu schnitzen, Möbel zu bauen, Kunstgewerbe zu drechseln, würde es kaum anders gehen, wenn man ihm seine Werkstatt für immer schlösse.

Es ist wohl alles eine Frage des Blickwinkels, nicht zu abstrahieren von der Subjektivität des Betroffenen bzw. des Betrachters. Eigentlich eine ganz einfache, ganz logische „Erkenntnis“.

So hat mir das Schreiben hier geholfen, mit meinem Nachsinnen über Dostojewskis Aussage doch zu einem Ergebnis gekommen zu sein. Mit dem Finden dieses Ergebnisses ist freilich sogleich ein neues, womöglich ebenso bedenkenswertes Diktum in mir geboren worden:

Geistige Entbehrung, geistige Verarmung, eine Umwelt der Geistesfeindlichkeit sind ein Nährboden für Gewalt, für Folter, für körperliche Qualen. Fatal, bizarr und abscheulich, dass derartige Atmosphären, so häufig und so bewusst gerade von Menschen mit Geist zu verantworten sind.

Gedanken zu Aphorismen -18-

„Eine Ansichtskarte ist ein Einsamkeitssymptom“ – Graham Greene in: „Unser Mann in Havanna“

Wer schreibt heute noch Ansichtskarten?

Meine letzte habe ich im vorigen Sommer verschickt. Und bekommen habe ich zuletzt eine vor wenigen Wochen. Es ist selten, dass ich welche erhalte oder versende.  Wenn also an dem Satz von Graham Greene etwas Wahres ist, dann bin ich nicht sehr einsam, und Menschen, die mir nahe sind offensichtlich auch nicht.

Nun wurde allerdings der Roman aus dem jener Satz stammt im Jahr 1959 erstmals veröffentlicht, mutmaßlich ist er von seinem Autor wahrscheinlich ein Jahr zuvor fertiggestellt worden

.Ende der 1950er Jahre tauschte man sich im Unterschied zu heute schriftlich allerdings für gewöhnlich über hand- oder Maschine geschriebene Briefe oder eben Post- und Ansichtskarten aus.

Heutzutage gibt es da ganz andere Möglichkeiten. Mails, Facebook, WhatsApp, Twitter, Instagram und die unterschiedlichsten Blogportale, um nur einiges zu nennen. Und dort wird geschrieben und gepostet, was das Zeug hält. In bisweilen atemberaubender Frequenz und Geschwindigkeit. Ansichtskarten, die man durchaus auch noch verschicken könnte, dauern und brauchen viel zu lange, gewöhnliche Briefe sowieso.

Ob die Menschen, wenn es 1959 all diese Möglichkeiten schon gegeben hätte, auch so eifrig gemailt, getwittert und gebloggt hätten? Wenn Greene zum Ende der 1950er Jahre eine Ansichtskarte für ein Einsamkeitssymptom gehalten hat, wofür würde er die heutigen, angewandten Kommunikationsmöglichkeiten halten?

Sind die Menschen heute einsamer als in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, oder nutzen sie die Vielfalt der Kommunikationsmöglichkeiten nicht vordergründig, weil sie sich allein fühlen oder sind?

Nach meiner Wahrnehmung stimmt beides. Die Motivationen sind unterschiedlich. Manchmal offenbaren sie sich in der Art und Weise wie geschrieben wird, auch im Inhalt des Geschriebenen derjenigen, die posten, mailen bloggen.

Die Welt, die Beziehungen der Menschen untereinander, innerhalb einer Gesellschaft und im globalen Rahmen sind vielfältiger, differenzierter und komplexer geworden. Und angesichts dessen braucht es mehr und schnellere Kommunikationsmittel als in der Vergangenheit. Und scheinbar braucht es auch immer mehr Geschwindigkeit. Wir waren noch nie so schnell wie heute.

Und da offenbaren sich die Gefahren: Wenn ein Zug mit 300 Kilometern pro Stunde durch die Lande rast, sieht man beim Blick aus dem Fenster vieles nur noch verschwommen. Und, wenn da wo früher eine ländliche Gegend mit nur ein paar Häusern gewesen ist, nunmehr eine große Stadt steht, dann wird es einem kaum noch gelingen, Einzelnes wahrzunehmen

.Längst ist aus dieser Gefahr Realität geworden, eine sich beängstigender weise immer noch mehr, immer noch schneller beschleunigte Realität.

Dort aber, wo Einzelnes immer weniger oder schließlich gar nicht mehr wahrgenommen wird, wo der Blick für Besonderes, für anders Seiendes, für Einzigartiges, verloren geht, dort entsteht der Boden für Einsamkeit. Dort gibt es Menschen, womöglich immer mehr werdende Menschen, die sich inmitten vieler anderer Menschen, in mitten der vielen differenzierten und gleichzeitig komplexen Strukturen und Beziehungen, dem Kommunikationsgewimmel, die sich einsam fühlen.

Und die dem entfliehen wollen und die deshalb schreiben wollen, schreiben müssen, im Zweifel auf Teufel komm raus, schneller, kürzer, sei es auch nichtssagender, um „dabei“ zu sein, um nicht abgehängt zu werden, nicht bzw. nicht mehr einsam zu sein.

Diese Menschen sind wahrscheinlich die einsamsten.

Die, die entschleunigter schreiben, vorrangig aus der Motivation der Selbstverständigung heraus, sind oft auch einsam. Wer intensiv, sich bewusst Zeit nehmend, mit einer gewissen Tiefe schreiben möchte, muss ein bisschen einsam sein.

Aber diese Einsamkeit ist eine andere als die Einsamkeit, die ein Einzelner unter vielen Menschen zu spüren bekommt, bisweilen erleidet. Es ist die „neue“ Einsamkeit, eine besonders schlimme Einsamkeit.

Wenn heutzutage das Schreiben von Ansichtskarten oder handgeschriebenen Briefen ein Einsamkeitssymptom ist, dann ist es ein Symptom für die andere, die „alte“ Einsamkeit, jene, bei der es (noch) nicht um das „dabei sein“, das „mithalten müssen“ ging, sondern jene, aus der heraus ein Schreiber etwas wirklich mitteilen wollte. Sich tatsächlich austauschen, einander zuhörend, ausreden lassend, seinem Ich und dem ICH anderer Menschen. Ja, mitunter war und ist solches Schreiben auch von dem Wunsch, der Sehnsucht getragen, ähnlich gesinnten Menschen zu begegnen, vielleicht einen guten Freund oder eine gute Freundin zu finden und sich bewahren zu können.

Eine Ansichtskarte, einen handgeschriebenen Brief zu verfassen, ist heutzutage die bewusste Entscheidung für Entschleunigung, für nicht nur oberflächliches Fühlen, für Empfinden von Leben, Leben im ursprünglichen Sinne.

Eine Ansichtskarte, wie ein handgeschriebener Brief sind Symptome für LEBEN! Ein Leben indem sich Menschen Zeit füreinander nehmen, Zeit für das  Besondere, das anders Seiende, das Einzigartige, sie Charakterisierende. Ein anderes Leben als jenes, das in heutiger Zeit generell gelebt wird.

Ich mag, ich schätze dieses andere Leben. Ein anderes will ich nicht.

Gedanken zu Aphorismen -17-

„… wenn man nachdenken muss über sein Glück, ist es ein Abstraktum, und Abstraktum ist der Tod.“

– Stefan Heym in: „Die Architekten“

Was für mich Glück ist, weiß ich wohl, ich habe darüber schon einmal ausführlich geschrieben. (hier) Dennoch denke ich nach wie vor viel über Glück nach. Weniger über mein Verständnis von Glück als darüber, dass ich mich nur sehr selten glücklich fühle, umfassend glücklich eigentlich nie. Dazu ist mein Verständnis von Glück wohl zu „groß“, zu „unbescheiden“, zu wenig nur auf mich selbst fixiert.

„Mein Glück“ ist nur in vergleichsweise sehr geringen Maße Glück, das nur mich selbst, mich ganz persönlich, betrifft. Wahrscheinlich denke ich deshalb sehr oft darüber nach.

Nach Stefan Heym ist mein Glück also ein Abstraktum. Das Wort „Abstraktum“ bezeichnet etwas, was nicht konkret ist im Sinne eines Dinges, im Sinne von etwas Gegenständlichem.

Insoweit, dass mein Glücksverständnis nahezu nichts mit Materiellem zu tun hat, kann ich mit Stefan Heyms Einschätzung durchaus leben. Aber ich vermag es nicht zu fassen, dass es dann dem Tod gleichbedeutend sein soll. Denn das würde ja bedeuten, dass Glück, das nicht Abstraktum ist, nur materielles Glück sein kann. Und nur materielles Glück würde dann letztlich vor dem Sterben schon zu Lebenszeiten bewahren können.

Mir scheint, dass viele Menschen das bewusst oder unbewusst tatsächlich in erheblichem Maße so leben.

Aber so kann das nicht gemeint sein. Schon gar nicht von Stefan Heym. Ich MUSS einen Denkfehler gemacht haben. Und ich beginne zu ahnen, worin dieser bestehen könnte, womöglich bestehen wird.

Denn in dem Zitat da oben steht ja nicht, das Glück, ob nun materiell oder nicht, ein Abstraktum sein könne, sondern das NACHDENKEN darüber. NACHDENKEN über Glück ist ein Abstraktum, weil es nicht konkret, nicht gegenständlich ist. Im Gegensatz zu LEBEN, Glück LEBEN. Glück LEBEN ist nicht abstrakt, das ist konkret.

Das klingt erst einmal nachvollziehbar. Dennoch tue ich mich schwer damit, sträubt sich etwas in mir, es so zu sehen, zu verstehen. Denn der Text oben im Zitat geht ja noch weiter: „… und Abstraktum ist der Tod.“ – Im m ganzen Kontext des Zitats gedacht heißt das: Nachdenken (Denken) ist der Tod, Leben, Glück LEBEN ist LEBEN.

Denken ist der Tod …

Da bin ich wieder bei einem Gedanken, der mir schon lange nicht mehr aus dem Kopf geht, den ich aber im Mindesten für so arrogant, im Zweifel andere Menschen verletzend, und womöglich eigenen Neid suggerierend, halte, dass ich ihn jeweils kaum zu äußern wage. Er lautet:

Letztlich sind die Einfältigsten die glücklichsten Menschen.

Es ist mir nahezu ungeheuerlich zu behaupten, dass an diesem Gedanken Wahres sein könnte, und noch schlimmer, dass es eventuell Menschen gibt, vielleicht viele Menschen, die deshalb die Einfalt als Lebensmaxime gewählt haben.

Leben im Jetzt, nicht darüber nachdenken, was morgen wird! Ja, das wird sogar von den Kanzeln der Kirchen gepredigt! Frag‘ nicht so viel, denke nicht so viel, Hinterfrage nicht alles. Lebe! Wer nicht mit allen Sinnen lebt ohne viel zu hinterfragen, ist ein Spießer! Der wird missmutig, der stirbt früher! Der ist selbst ein Abstraktum. Und Abstraktum ist der Tod. (sic!)

Kann Stefan Heym das SO gemeint haben. Will das Zitat so verstanden werden? Auch das kann ich mir nicht vorstellen.

Es heißt ja nicht zu Unrecht, das solche Zitate ihre Tücken haben. Denn es sind, je kürzer sie sind, desto mehr, regelmäßig aus einem Zusammenhang entnommene Aussagen. Und manche solcher Aussagen sind von ihren Autoren auch bewusst im Sinne einer Überspitzung, Überzeichnung formuliert. Um zu provozieren, um aufzurütteln, zum Nachdenken (sic!) anzuregen.

Das ist hier, mich betreffend, allemal erreicht worden. Mutmaßlich aber nicht mit dem Vorsatz, mich dem Tod näher zu bringen oder mir bewusst zu machen, dass ich, sehr viel denkender und nachdenkender Mensch, als solcher dem Tod näher bin als andere, in oder mit jeder Minute (intensiven) Nachdenkens, auch in und mit jeder Minute ein bisschen sterbe.

Oder doch?

Warum aber, wenn das denkfreie, kritiklose „einfach so dahin leben“ im Jetzt, nicht als tatsächliche Alternative gemeint ist?

Und was ist eigentlich mit jenen Menschen, die sich um ihr Glück tatsächlich Gedanken machen müssen, weil ihre existenzielle Lage so ist, dass sich aus derselben heraus kaum das eigene Überleben realisieren lässt? Wäre es nicht geradezu zynisch, diesen Menschen mit dem obigen Zitat zu kommen, egal ob es nun im Sinne einer Überspitzung formuliert worden ist oder nicht?

Nein, das Zitat darf und kann, so wie es da steht, nicht wahr sein! Da nichts auf dieser Welt und überhaupt absolut wahr ist, ist es freilich nicht nur legitim, sondern nötig, zu fragen, worin seine Relativität liegt, welcher Kompromiss in ihm steckt, quasi im Verborgenen der Absolutheit seiner Aussage.

Ich gebe zu, dass es mir schwer fällt, den Kompromiss zu erkennen, also das, was ich von diesem Zitat annehmen kann, annehmen muss, damit mich die Absolutheit seiner Aussage nicht als nur Sterbenden fixiert und charakterisiert.

Was ich in diesem Sinne erkenne, klingt vielen Menschen ganz sicher wie eine Binsenweisheit: Zumindest ein bisschen Glück, das auf mich selbst ausgerichtet ist, bewusst zulassen! Herausfinden welche Dinge, Momente, Begegnungen in diesem Sinne Potenzial bieten, ohne, das ist für mich Bedingung, dass sie andere Menschen, die Natur, das LEBEN (sic!) in seinem ursprünglichen Sinne beeinträchtigen oder ihnen gar Schaden zufügen.

Dies zu tun, zumindest es immer wieder zu versuchen und dennoch weiter zu denken, nachzudenken, über mein Glück und die Realisierung meines Glücksverständnisses, nur das kann mein Weg sein.

Er mag schlussendlich dem hier besprochenen Zitat wenigstens ein bisschen entsprechen, dem, was (hoffentlich) als Kompromiss in ihm verborgen ist.

Ein Weg, der mich vielleicht dem Tod etwas näher sein lässt, mich mit jeder Minute ein bisschen schneller sterben lässt, als Menschen, die nicht (mehr) Nachdenken können oder wollen, nicht über ihr Glück, das Glück für diese Welt oder überhaupt irgendetwas.

Das klingt so schrecklich pathetisch, aber es ist überhaupt kein Pathos dabei, wenn ich für mich feststelle: Nur ein solcher Weg ist mir mein Leben wert! – Zitat hin oder her.

*

Es gibt ganz schön schwierige Zitate, und womöglich sind die kürzesten tendenziell die schwierigsten …

Gedanken zu Aphorismen -16-

„ … nur die Schuldgefühle sind arg, das Selbstwertgefühl ist fast am Verrecken, und die Depressionen häufen sich. Wem ist damit gedient?

Also taucht die alte Frage auf: Ist ein wenig Selbsttäuschung nicht lebensnotwendig? Und damit verbunden die Täuschung anderer. Darauf beruht doch unser menschliches Zusammenleben und die Welt!

Können die Menschen mit Wahrheiten über sich selbst etwas anfangen? Wenn ich EINEN Menschen hätte, dem meine Selbsterkenntnis etwas nützt, der sie mir tragen hilft und sie nicht gegen mich verwendet, vielleicht würde ich mit meiner verflixten Situation etwas anfangen. Aber allein?“

– Maxie Wander in: „Tagebücher und Briefe“

*

Wenn ich diese Zeilen so lese, habe ich immer wieder das Gefühl, dass sie aus mir bzw. von mir selbst geschrieben sein könnten. –

Diese Zeilen sind aber bereits vor fast 40 Jahren geschrieben worden. Von einer Frau, die ich schon immer sehr bewundert habe, die als österreichische Publizistin, Journalistin und Fotografin sich für ein Leben in der DDR entschieden hatte und deren „Tagebücher und Briefe“ ihre letzten Schriften vor ihrem viel zu frühen Krebstod im Jahr 1977 gewesen sind.

Schon einmal habe ich einen Aphorismus von ihr, hier auf meinem Portal besprochen.

Aber dies hier, das ist eigentlich nicht bloß ein Aphorismus, dies ist ein grundsätzlicher Text.

Er ist aus der damaligen, schon von schwerer Krankheit gekennzeichneten Lebenssituation der Maxie Wander entstanden, und somit zunächst ein sehr persönlicher, individueller Text. Und Situationen, wie die, in der sich Maxie Wander seinerzeit befand, sind nicht einfach mit solchen, vermeintlich oder wirklich ähnlichen Situationen, in denen sich andere Menschen befanden oder befinden, vergleichbar.

Dennoch habe ich mich sehr in seinen Aussagen und Fragen wiedergefunden. Habe auch gefunden, dass ich mich mit manchen der Fragen sehr schwer tue, schon unendlich lange, vermeintliche Antworten darauf nicht wirklich anzunehmen vermag. Zum Beispiel jene, wonach auf der Täuschung unserer selbst und der Täuschung anderer menschliches Zusammenleben und unsere Welt beruhen würden.

Was für ein „Eingeständnis“ ist das, das Menschen nicht so miteinander zusammen zu leben vermögen, wie sie sind, sondern nur dann, wenn sie einander täuschen, einander also etwas vormachen?

Wie unheimlich ist mir eine Welt, deren (weitere) Existenz darauf beruht, dass sich die Menschen gegenseitig täuschen? Und fatal: ich erlebe bisweilen ja sogar, dass es SO IST. Aber ich verabscheue es. Ich will das nicht!

Ich möchte, dass sich Menschen in ihrer jeweiligen Eigenart anerkennen, akzeptieren, dass ihnen Stärken und Schwächen eigen sind, dass sie offen füreinander sind, um sich besser VERSTEHEN und mehr vertrauen zu können. Täuschung macht, bewirkt das Gegenteil!

Und wie macht man das mit der Selbsttäuschung? Das vermag ich zwar eher nachzuvollziehen, dass ein bisschen davon wenigstens, das Leben, schlussendlich das eigene Leben, leichter, erträglicher machen könnte.

Aber wie täuscht man sich selbst? Wie überlistet man das eigene Gewissen? Denn darauf läuft es doch hinaus.

Die Frage danach, ob Menschen mit Wahrheiten über sich selbst etwas anzufangen vermögen, ist eine der Fragen, die mich seit einigen Wochen (seit meinem Klinikaufenthalt) am meisten beschäftigen. Denn ich habe in dieser Zeit so viele Wahrheiten über mich erfahren (müssen) wie nie zuvor in meinem Leben. Aber wozu soll das alles mühevoll und bisweilen quälend erarbeitet, zu Tage gefördert worden sein, wenn NICHT, um damit etwas „anzufangen“?

Eine andere, und meines Erachtens die viel schwierigere, Frage ist, WIE man das tun kann, so dass das eigene Leben wieder sinnvoller und lebenswerter wird, man seinen Mitmenschen weniger Last sein kann? So wie die Dinge liegen, gibt es keine generelle Antwort auf diese Frage, die für mich freilich eine generelle und sehr komplexe ist, und so wird die Suche nach Antwortschnipseln wohl fortwährend sein und bleiben. Und also mühevoll.

Aber das Leben war und ist immer ein Suchen. Solange das so ist, ist es Leben. Diese Gewissheit immerhin ist tröstlich.

Im Übrigen glaube ich seit einiger Zeit daran, dass meine Suche nach Selbsterkenntnis anderen Menschen, wenigstens ein bisschen, von Nutzen sein kann. Das hängt ganz sicher damit zusammen, dass es einen Menschen im Besonderen, aber durchaus noch zwei, drei andere gibt, von denen ich weiß bzw. recht sicher annehme, dass sie meine Selbsterkenntnisse mit mir tragen, sie nicht gegen mich verwenden, mich sogar ganz uneigennützig und vertrauensvoll bei der weiteren Suche unterstützen, mir sanfte Fingerzeige geben.

Das erleben, spüren zu dürfen, ist etwas einzigartig wunderbares. Wenn mich etwas motiviert, dann das. – Bislang auch immer wieder dann, wenn ich mich doch wieder so ganz allein fühle.

Wenn ich Maxie Wanders Text so lese, fürchte ich, dass sie sich unglaublich allein gefühlt hat, während ihrer letzten Lebenszeit. Ein bisschen irritiert mich das, denn ihr Mann hat bis zum Schluss eng an ihrer Seite gestanden und nach ihrem Tod maßgeblich dafür gesorgt, dass die Selbsterkenntnisse Maxie Wanders vielen anderen Menschen zugänglich wurden.

Aber vielleicht ist es am Ende leider Gottes doch so: Wenn die Lebenskraft wirklich und unumkehrbar am Versiegen ist, fühlt man sich vielleicht wirklich nur noch allein. Da bleibt womöglich tatsächlich nur noch ein Glaube, wenn man denn einen hat …

Gedanken zu Aphorismen -15-

„ … wenn die Hoffnung sinkt, wächst die Sehnsucht nach Frieden, bis sie schließlich auch die Sehnsucht zu leben besiegt.“ – Joseph Conrad in: „Lord Jim“

Ich gestehe, dass, vor allem, wenn ich diesen Satz in ja leider nicht eben seltenen Zeiten eigener Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit lese, ich ihn zugleich als sehr wahr aber auch verstörend empfinde. Und er löst in mir jedes Mal einen Reflex der Abwehr aus.

Den abschließenden Teil dieses Satzes WILL ich nicht wahrhaben, nicht in der (vermeintlichen) Absolutheit dessen, was dieser Teil behauptet. Aber ich glaube mit der Zeit auch begriffen zu haben, dass er mindestens in der Tendenz seiner Aussage doch stimmt.

Dass mit der wachsenden Sehnsucht nach Frieden, habe ich selbst schon so oft erlebt. Wie oft habe ich mich nach Nackenschlägen, nach erfolglosem Bemühen, nach Erleben von Ohnmacht und Hilflosigkeit, in der Folge von erschreckendem Erleben oder miterleben Müssen, nach Ruhe, nach Zurückziehen, nach Vertrautem, nach Geborgenheit, nach Frieden gesehnt! Einem Ort, einem Platz, an dem ich das finden kann, was ich Heimat nenne, und was bleibt, was nicht mehr angreifbar ist, wo ICH bleiben kann.

Aber die Hoffnung (sic!), stets dort bleiben, verbleiben zu können, ist trügerisch und unerfüllbar. Sie ist es, solange ein Mensch lebt, solange ich lebe. Weil ich nicht allein lebe, nicht allein zu leben vermag. Kein Mensch kann das. Und selbst ein abgeschiedenes Leben in einer sehr kleinen Gruppe vertrauter Menschen wäre auf Dauer nicht lebbar, ist und bleibt eine Illusion. Es gibt kein gegenteiliges Beispiel, und vor allem in der heutigen Zeit kann und wird es auch kein solches geben können.

Viel stärker als bei mir muss die Sehnsucht nach Frieden bei jenen Menschen sein, die über Jahre verfolgt, gefoltert, gequält werden, die auf der Flucht sind, die Hunger leiden müssen, deren Angehörige, Eltern, Kinder, Geschwister an Krankheiten sterben, die anderswo auf der Welt seit Jahren geheilt werden können. Viel stärker als in mir muss in Ihnen die Hoffnung gesunken sein.

Wie viel mehr als ich müssen sie des Lebens müde sein?

Aber bedeutet das für diese Menschen mehr, für mich weniger, dass sie, dass ich, quasi folgerichtig auch immer lebensmüder werden?

Nein, folgerichtig ist das nicht, wenigstens nicht als Absolutheit.

Dies zu erkennen, hat mir ein Blogeintrag (eigentlich schon allein seine Überschrift), auf den ich jüngst rein zufällig gestoßen bin, geholfen. Er hat mir aufgezeigt, dass es möglich ist, Hoffnung auf unterschiedliche Weise zu definieren, sich dem, was Hoffnung ist, sein kann, unterschiedlich zu stellen. Und das darin tatsächlich eine Chance in dem Sinne liegt, dass sinkende Hoffnung nicht faktisch immer bzw. letztlich zwangsläufig dazu führen muss, die Sehnsucht zu leben zu besiegen.

Die Crux ist, dass wir Hoffnung ganz grundsätzlich, ja ausschließlich, im Ergebnis als ein Gefühl, eine Empfindung wahrnehmen. Große oder ansteigende Hoffnung lässt uns optimistisch, erwartungsvoll, voller Vorfreude, positiver Angespanntheit sein. Sinkende oder gar verlorene Hoffnung hingegen macht uns traurig, fatalistisch, depressiv. Denn ja, natürlich, IST Hoffnung ein Gefühl, ein Empfinden.

Aber Hoffnung kann auch etwas anderes sein als ein Gefühl: Eine Entscheidung!

Die Entscheidung, die Hoffnung nicht aufzugeben, die Entscheidung, auch in schweren Zeiten weiter zu hoffen, die Entscheidung, das Sinken von Hoffnung nicht hinzunehmen.

Ich sage nicht, dass das leicht ist. ICH ganz bestimmt nicht.

Und ich sage auch nicht, dass das jeder in jeder Situation zu schaffen imstande ist. Aber es ist eine Möglichkeit, es zu versuchen. Sich wieder und wieder, und auch in einer vermeintlich noch so schweren Situation, in der man spürt, des Lebens müde zu sein, für Hoffnung und gegen das Aufgeben, geben den Verlust der Sehnsucht zu leben, zu entscheiden.

Die Überschrift des Eintrags in Blog, den ich bereits erwähnte, klingt absoluter, sie lautet:

„Hoffnung ist kein Gefühl sondern eine Entscheidung!“

So absolut sehe ich es freilich nun auch wieder nicht.

Ich sehe es so, dass Hoffnung ein Gefühl ist, für das man sich entscheiden kann oder eben nicht. Der Gedanke, dass man das kann, dass man es bewusst immer wieder versuchen kann, den finde ich zutreffend und sympathisch. Nicht zuletzt, weil er tatsächlich und in Realität geeignet ist, den letzen Teil des Aphorismus von Joseph Conrad wenigstens zu relativieren.

Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Ich glaube dass das reicht, es als lohnend anzusehen und zu verstehen, diesen Gedanken niemals zu vergessen.

Wissend, wie schwer allein das sein kann …

Gedanken zu Aphorismen -14-

„Gewissensqualen vergiften das Leben.“ – Charlotte Brontë in: Jane Eyre (ausgesprochen durch eine der Hauptpersonen in diesem Roman, Mr.Rochester)

Über diesen Satz, den ich in einem der nach meinem Empfinden schönsten Romane der Weltliteratur gefunden habe, habe ich schon sehr häufig und immer wieder nachgedacht. Dennoch vermag ich die Frage, wie sehr er „wahr“ ist, nach wie vor nicht erschöpfend für mich zu beantworten, jedenfalls nicht generalisierend. Die Argumente, die mir für ein „für“ und für ein „wider“ durch den Kopf gehen, bleiben nebeneinander stehen…

Ich habe schon oft von meinem Gewissen geschrieben, meine Beziehung zu ihm manchmal eine Hassliebe genannt, dann aber doch gesagt, dass die Liebe zu ihm überwiegt, weil es mich doch ausmacht, das, wie und was ich bin. – Immer wieder habe ich aber auch darüber geschrieben, wie sehr mich mein Gewissen quält. Weniger wegen so vieler Verfehlungen, die ich begangen habe als vielmehr deshalb, weil es ein so strenger Wächter über mich ist. Und zwar schon präventiv. Es sorgt dafür, dass ich mich beständig befrage, vor allem in dem Sinne, dass mein Denken und Handeln stets vom höchstmöglichen Maß an Respekt und Rücksicht gegenüber Mensch und Natur geprägt ist.

Das heißt, mein Gewissen quält mich nicht erst, wenn etwas geschehen ist, wenn ich womöglich etwas Unrechtes, etwas Falsches getan habe – es quält mich sozusagen permanent. Es stellt mich in Frage, in jedem Augenblick meines Lebens, es will und macht, dass ich mir gegenüber kritisch bin und bleibe, jede Sekunde meines Daseins lang.

Einer Gewissensqual, die einsetzt, weil mir bewusst wird, etwas Unrechtes oder Falsches getan zu haben, lässt sich meines Erachtens relativ schnell begegnen, dadurch das ich zur Einsicht bereit bin und einsehe, dass ich mich entschuldige, dass ich den Fehler zu korrigieren und seine Folgen zu begrenzen versuche. –

Manche Fehler freilich sind so folgenschwer, dass sie nur teilweise, im schlimmsten Falle aber auch gar nicht mehr korrigierbar sind. Dann bleiben die Qualen, die Gewissensqualen, wohl. Und dann bin ich auch geneigt, dem oben zitierten Satz zuzustimmen : Diese Qualen legen sich auf das eigene Leben, machen es fortan schwerer, sind „Gift“ für eigene Lebensfreude, für Frohsinn, für künftiges unbekümmert Sein, für ungetrübte Genuss- und Empfindungsfähigkeit.

Ist es mit der „präventiven“, permanenten, Gewissensqual, die mein „Wächter“ mir auferlegt nicht ebenso? Bin ich nicht DESWEGEN so selten wirklich unbekümmert, tue mich schwer damit, lebensfroh zu sein?

Ich höre in mir ein leises „Ja“ als Antwort auf diese Frage. Aber es ist und bleibt ein leises, denn zu genießen und zu empfinden vermag ich dennoch, womöglich nicht so häufig, dafür aber ungeheuer intensiv und emotional sehr tiefgehend. – Ist eine solche Gewissensqual „Gift für das Leben“? Für das eigene? Für das anderer Menschen?

Es ist anstrengend damit zu leben, bisweilen sehr anstrengend, das weiß ich wohl. Ich mutmaße, dass das allen Menschen mit einem wirklich kritischen, einem „präventiven“ Gewissen so geht. Aber ich mag Menschen mit Gewissen, ich schätze sie – soll ich sie da „vergiftet“ nennen dürfen?

Ihre Qual ist keine Qual aus Selbstzweck. Sie ist eine Qual, die Leben nicht vergiften, die vielmehr es schöner, lebenswerter, mitmenschlicher machen will. Und das oft auch schafft, bewirkt, Anstoß dazu gibt. Im Mindesten in den Umfeldern, in denen sich der jeweilige „Gewissensmensch“ bewegt.

Wahrscheinlich ist in dieser Weise, auf diesem Weg, mitmenschlicheres Leben zu bewirken bzw. bewirken zu wollen, die schwierigere „Variante“. Gemeinhin lassen sich Menschen eher, spontaner und womöglich auch bereitwilliger von Zeitgenossen mitreißen, beeinflussen, zu mitmenschlichem Tun anstacheln, die augenscheinlich „einfach so“ Lebensfreude zu vermitteln vermögen. Und dies muss ungeachtet eines weniger quälenden Gewissens durchaus nicht von weniger Verantwortungsbewusstsein begleitet sein als bei den nachdenklichen, sich beständig hinterfragenden Gewissensmenschen.

Es gibt auch Menschen mit präventivem, kritischem Gewissen, die grundsätzlich optimistisch sind und oft sogar auch bleiben. Das sind für mich die bewundernswertesten Menschen, wirklich reich und wertvoll im Sinne von Mitmenschlichkeit. –

Ich kann mich nicht zu diesen Menschen zählen. Das kritische Moment, das mein Gewissen so sehr ausmacht, bedingt sehr stark Vorsicht, Pessimismus, auch Misstrauen. – Das ist im Laufe meines Lebens immer mehr so geworden, hat mein mangelndes Selbstbewusstsein in gewisser Weise als Mangel noch katalysiert. Mich dem nicht einfach hinzugeben kostet Kraft, immer mehr Kraft. Diese Kraft weiterhin und fortgesetzt aufzubringen, ist nicht einfach und wird nicht einfacher, ist Teil dessen was die Qualen ausmacht, die meine Art kritischen Gewissens mir auferlegt.

Kann man das „Leben vergiften“ nennen? Ich mag das nicht so sehen. Ein nicht so leichtes Leben, das aus einem selbst heraus, der eigenen Persönlichkeit „geschuldet“ so ist, wie es ist, ist doch nicht „vergiftet“ nur weil es nicht das „leichtere“ ist. Mal abgesehen davon, dass viele Leben nur leichter scheinen …

So bleibt es für mich schwer, mit dem zitierten Satz umzugehen, ein eindeutiges Resümee zu ihm zu formulieren.

Gewissensqualen haben nur Menschen mit einem Gewissen. Aber Menschen mit einem (kritischen) Gewissen bejahen das, was mitmenschliches Leben ausmacht. Das KANN nicht „giftig“ sein.

Sich in diesem Sinne quälen zu müssen, mag das eigene Leben schwerer erträglich machen, kann und wird aber sehr oft unumgänglich sein, um der eigenen und der gewollten Verantwortungswahrnehmung für seine Mitmenschen entsprechen zu können. Auch in diesem Zusammenhang bleibt „Gift“ für mich letztlich im Mindesten ein nicht treffendes Wort.

Gedanken zu Aphorismen -13-

„Wir kehren alle wieder heim zu uns. Immer wieder. Nichts ist blöder als das Geschwätz von dem neuen Leben, das einer anfangen könnte, in uns ist es. In uns bleibt es.“ – Hans Fallada

*

„Man ist, wie man ist. Irgendwann zumindest landet man dort. Davor mag es etliche Versuche gegeben haben, sich zu modellieren, anzupassen, zu ändern oder gegen alles zu rebellieren. Aber eines Tages weiß man für sich selbst: das bin, so bin ich.“ – riverjessie (03.01.2014)

Ich habe schon verschiedentlich kund getan, dass ich Aphorismen überall aufspüre, in Büchern, Artikeln, Briefen, Blogeinträgen, die ich lese, mitunter, wenn ich schnell genug bin, auch aus Reden, Statements, Gesprächen, denen ich zuhöre.

Die beiden, die ich hier oben zitiert habe, sind ganz unterschiedlicher Herkunft – der erste stammt aus der Feder des allbekannten Schriftstellers Hans Fallada, der zweite aus einem Eintrag meiner Blogfreundin riverjessie – aber offenkundig haben sie eine ganz ähnliche Intension, vielleicht sogar mehr noch: eine Identität im Kern ihrer Aussage.

Und diese Kernaussage beschäftigt mich sehr:

Man ist, wie man ist. Alle Versuche, sich zu ändern, ein anderes Leben zu führen, bleiben letztlich Versuche. Das, was einen Menschen in seinem Wesen ausmacht, ist wie es ist, ist womöglich weitgehend vorbestimmt und bleibt erhalten.

Ist das so? Wenn es so ist, ist das (für mich) eher tröstlich oder eher fatal?

In einer Phase, wie ich sie gerade durchlebe, einer Phase, wo ich an Grenzen stoße, wo ich Signale empfange, die mir soufflieren, dass ich nicht so weiter machen kann wie bisher. In einer Phase, während der ich bisweilen gerade immer wieder höre: „Du musst etwas ändern, Du musst Dich ändern, Du musst ein anderes, ein neues Leben beginnen! (sic!)“

Ich möchte ICH bleiben. Den Werten, die ich für wichtig halte, treu bleiben, mein Gewissen nicht manipulieren lassend, mir meine Empfindsamkeit und Sensibilität bewahren. Denn diese Werte, dieses Gewissen, diese Sensibilität sind ICH. Aus ihnen erwachsen meine Art zu denken, zu argumentieren, Menschen, Tiere, Natur zu respektieren und auf sie einzugehen. Jene Art, von der mir viele sagen: „Diese Art ist gut, bleib, BITTE bleib – so wie Du BIST!“

Wie soll das gehen, wie soll das gehen können, beides?

„Du musst Dich ändern!“ und „Bleib, so wie Du bist!“ – ???

Ist es so „einfach“, ICH bleiben zu können? Ist das tatsächlich vorbestimmt?

Warum nehme ich dann etwa Menschen, die sich einer Psychotherapie unterzogen haben, in der Folge oft so sehr verändert wahr?

So, als wenn sie plötzlich etwas nachsprechen, was nicht aus ihnen selbst kommt, von dem sie aber nunmehr überzeugt scheinen. So, als wenn die Leichtig- und Heiterkeit, die sie plötzlich versprühen, wie injiziert erscheint, wie eine Droge, auf der sie leben. So als wenn sie plötzlich nicht mehr von bestimmten Werten argumentativ zu überzeugen versuchen, sondern in deren Sinne agitieren, „WISSEND“, was wahr und richtig und gut ist. –

Und wenn ich das hinterfrage, höre ich von Dritten: „Na, wenn schon, wenn es demjenigen hilft, wenn er sich nun nicht mehr so sehr selbst quält, dann ist doch alles gut.“

Alles gut?

Nichts ist gut. – Diese Personen SIND andere, sie SIND nicht mehr die, die sie gewesen sind. Sie sind beeinflusst, sie sind manipuliert worden! Ihre Art zu denken, zu sprechen, zu „überzeugen“, zu SEIN! –

Menschen sind manipulierbar! Sie sind in ihrer Persönlichkeit manipulierbar.

Ich habe Angst davor, dass zumindest ein Aspekt von Psychotherapie in der Beeinflussung und ggf. der Manipulation der Persönlichkeit liegt. Ich weiß nicht, ob eine Beeinflussung der Persönlichkeit durch Psychotherapie möglich ist, ohne, dass das ICH-sein auch nur teilweise verloren geht. Ich möchte nicht wie ein nachsprechender, injizierter, überzeugter Roboter erscheinen nach einer solchen Behandlung.

Aber gerade eine solche Behandlung wird mir nahegelegt. Sie wird als alternativlos dargestellt.

Wem soll ich diesbezüglich vertrauen können? Wo soll dieses Vertrauen herkommen? Es müsste ein unsagbar großes, ein ehrliches, ein aufrichtiges Vertrauen sein, eines der größten, die es bislang in meinem Leben gegeben hat. – Weil ich im Zweifel, wenn ich denn behandelt worden bin, womöglich nicht mehr als ICH einzuschätzen vermöchte, ob es nicht schlussendlich doch missbraucht worden ist.

Was aber soll ich tun, ohne Behandlung, wissend, dass ich bestimmte gesundheitliche Grenzen erreicht habe, die ich nicht (weiter) überschreiten darf? –

Auf die beiden Eingangszitate vertrauen, darauf, dass sie wahr, dass sie richtig sind?

Menschen SIND manipulierbar!

Ist JEDER Mensch manipulierbar? Ist jeder Mensch gleich weit beeinfluss-, steuer- und manipulierbar?

Wäre es nicht so, wäre wohl jede Psychotherapie von vornherein ein Absurdum.

Ich würde der Wahrheit der beiden Zitate oben sehr gern einfach vertrauen. Aber keine Wahrheit ist absolut. Und ich bin nicht mehr so naiv, wie ich früher einmal war. Woher soll ich wissen können, dass, auch wenn ich es mir fortgesetzt und immer wieder und auch nach eine Psychotherapie immer noch für mich selbst sage: „das bin, so bin ich“, das ich es dann WIRKLICH noch bin?

Nie haben mich zwei Aphorismen und das Nachdenken über sie zugleich so hoffnungsvoll und so verzweifelt gemacht.

Nie galt jenes geflügelte Wort, das da lautet: „Ich weiß dass ich nichts weiߓ mehr für mich als in diesem anhaltenden Augenblick.

Gedanken zu Aphorismen -12-

„Es gibt außerdem Dinge, die nur Gleichaltrige verstehen – zum Beispiel das Alter“ Erich Maria Remarque in: „Schatten im Paradies“

Über diesen Aphorismus habe ich schon oft und intensiv nachgedacht. Und nachdem ich ihn zunächst als doch sehr zutreffend interpretiert hatte, beschlichen mich in der Folge mehr und mehr Zweifel an seiner „Richtigkeit“.

Was nehmen wir als „Alter“ wahr?

Ich wage die Behauptung, die erste, spontane, weitgehend unwillkürliche Wahrnehmung von Alter vollzieht sich über die Wahrnehmung des körperlichen Alters. Körperliches Alter ist sichtbar. Ein 80jähriger Mensch unterscheidet sich äußerlich von einem 16jährigen. Körperhaltung, Schnellig- und Geschmeidigkeit von Bewegungen, Haarfarbe und – fülle und Glatt- bzw. Faltigkeit der Haut sind nur einige, wichtige Indizien. Das ist für jeden nachzuvollziehen. Daran gibt es nicht viel zu „verstehen“.

Was wir äußerlich generell nicht wahrzunehmen vermögen, aber das körperliche Alter ebenso ausmacht, sind Verschleißprozesse, die nach innen wirken. Schmerzen verursachende Abnutzungserscheinungen von Knochen und Gelenken etwa, auch etliche Fehlfunktionen oder Ausfallerscheinungen von Körperorganen und die damit einhergehenden, nur für den Betroffenen unmittelbar fühlbaren, Beeinträchtigungen.

Junge Menschen mögen ahnen, mögen vermuten, dass solche Prozesse und Erscheinungen im Alter zunehmen, sie mögen sich entsprechende körperliche Schmerzen mehr oder weniger abstrakt vorstellen können. Nachempfinden können werden sie sie nur in sehr seltenen Fällen, weil es nahezu unmöglich ist, sie voraus zu empfinden. (Und das ist ja auch gut so!)

Aber sie können Verständnis dafür entwickeln, freilich weniger aus eigener, persönlicher Erfahrung als Ältere beispielsweise potenziell auf genau solchen Erfahrungen beruhendes Verständnis etwa für allgegenwärtige Hormonkapriolen und Ambivalenzzustände während der Pubertät junger Menschen aufzubringen vermögen.

Aber ist persönliche Erfahrung so schwer wiegend, dass sich allein am Maß, am Umfang ihres Vorhandenseins potenzielles Verstehen unterschiedlichen Alters, eingeschlossen „entsprechende Dank-, Handlungs- und Empfindungsweisen, festmachen lässt? Schließlich hat nicht jeder gleiche persönliche Erfahrungen oder gleich viele persönliche Erfahrungen gemacht. Und nicht jedes persönliche Erfahren ist aus gleichem Erleben unter Beteiligung gleich vieler oder gleich denkender und handelnder Personen gespeist.

Schon deshalb werden unterschiedliche junge Menschen höheres Alter abweichend voneinander „verstehen“, ebenso unterschiedliche ältere Menschen jüngeres Alter.

Wir nehmen Alter „spontan“ jedoch nicht nur im Wege körperlicher Äußerlichkeiten wahr, sondern auch durch die Aufnahme verbaler Äußerungen. Junge Leute verwenden oft eine andere Sprache, andere Begriffe als ältere, von bestimmten „jugendspezifischen Modeausdrücken“ sogar einmal abgesehen. Ältere Leute hingegen offenbaren nicht selten deutlich wahrnehmbar Unkenntnis gegenüber neuen Begriffen. Sie sind zudem, ebenfalls äußerlich nicht übersehbar, mehr oder weniger unsicher im Umgang mit technischen Neuentwicklungen – was für jüngere Leute im Umgang etwa mit oder dem verstehen von Geräten, die schon ein gewisses Alter erreicht haben, übrigens nicht selten ganz ähnlich gilt.

Ist also Alter doch nur WIRKLICH von Gleichaltrigen zu verstehen?

Um diese Frage tiefer gehender, exakter beantworten zu können, scheint mit der Begriff Seelenalter wichtig zu sein.

Körperliches Alter und Seelenalter sind nicht identisch. Und das Seelenalter existiert offenkundig in einer relativen Unabhängigkeit vom körperlichen Alter.

Rolf Herklotz hat hier dazu interessante Thesen aufgeschrieben, denen ich sehr gut zu folgen vermag, die meiner Auffassung nach viel Wahrheit enthalten:

„Als Mensch verbinden wir Alter mit Reife. Die Essenz einer Seele altert nicht, sie entwickelt sich weiter.“

„Seelen kennen keine Hierarchien, es gibt nicht „besser“ und „schlechter“. Ein 80jähriger Mensch ist „qualitativ“ auch nicht besser als ein 20jähriger, so ist eine alte Seele nicht höher zu bewerten als eine junge Seele.“

„Das Seelenalter ist sowohl für den Menschen selbst, als auch für seine Mitmenschen „ahnbar“ – es prägt seine Einstellung und sein Verhalten…“

Zusammengefasst verstehe ich diese Aussagen mit Blick auf den Aphorismus von Remarque so, dass vor allem die jeweilige Einstellung, die „Qualität“ derselben, die „seelische“ Qualität, entscheidend dafür ist, wie mit den verschiedenen Bestandteilen und Erscheinungsformen, die „Leben“ ausmachen umgegangen wird, so also auch mit dem Alter und seinen jeweils spezifischen „Phänomenen“.

Das klingt nun sehr nach Binsenweisheit. Aber Allgemeingut ist dieses Erkennen in der Realität unseres Lebens wohl lange noch nicht.

Wie viele Vorurteile bestehen von älteren gegenüber jüngeren Menschen und umgekehrt nach wie vor?! Wie sehr begünstigen und befördern jeweils vor allem diverse aktuelle Entwicklungen das Manifestieren und Neuentstehen entsprechender Vorurteile?! Inwieweit sind Menschen der unterschiedlichen Generationen bereit und in der Lage, sich kritisch mit sich selbst auseinander zu setzen, wenn es um die eigenen Einstellungen, Haltungen, Handlungsweisen gegenüber Menschen anderer Generationen geht? Wie bzw. wodurch wird entsprechende Selbstkritikfähigkeit gehemmt bzw. gefördert?

Je mehr sich Menschen aller Generationen solchen und ähnlichen Fragen bewusst stellen, desto größer wird das Seelenalter über die Generationen hinweg eine universell hohe Qualität erreichen können. Und je mehr das der Fall würde, desto mehr würden nicht nur Gleichaltrige ihr Alter untereinander „verstehen“ können.

Es wäre schön, wenn Remarques Aphorismus zukünftig immer weniger „richtig“ sein würde.

Ist das ein zu „utopischer“ Wunsch?

Gedanken zu Aphorismen -11-

„Wir sind da. Man ist immer und überall da. Zeit ist ein Vorurteil. Das ist das Geheimnis des Lebens. Man weiß es nur nicht. Man bemüht sich immer, irgendwo anzukommen.“ – Erich Maria Remarque in: Der schwarze Obelisk

Es ist lange her, dass ich zuletzt einen Aphorismus besprochen habe. Und da ist nun dieser hier, von einem Schriftsteller, den ich sehr schätze, einem Roman entnommen, den ich als sehr lesenswert empfehlen kann.

Es ist einer, über den ich lange nachgedacht und von dem ich schließlich gefunden habe, dass in jedem seiner einzelnen Sätze wohl viel Wahrheit steckt.

Ich beginne von hinten: „Man bemüht sich immer, irgendwo anzukommen.“

Ja, irgendwie versuche ich das wohl auch, mein Unterbewusstsein steuert mich so. Ich setze mir Ziele, versuche, sie zu erreichen. Ich suche Plätze, Orte, Menschen, Herzen, die mir Heimat vermitteln – ich möchte in dem, was mir Heimat ist, Heimat sein kann, ankommen, dort verweilen. Ich möchte wissen, wo das ist, damit ich dorthin zurückkehren kann, wenn ich das möchte, wenn es für mich wichtig ist.

Heimat kann Verschiedenes sein, und auch an unterschiedlichen Orten. Ich kann unmöglich all ihre Facetten, all ihre Orte kennen. Deshalb bleibe ich, auch, wenn ich schon Heimat ein bisschen, ein Stückchen, gefunden habe, weiter auf der Suche. Ich möchte so viel Heimat wie nur möglich finden. So gesehen, komme ich wohl tatsächlich nie wirklich an.

Mit den Zielen ist es ähnlich. Kein erreichtes Ziel bedeutet den Endpunkt, jedenfalls so lange nicht, wie man lebt. Wer keine Ziele mehr hat, wer sich keine neuen Ziele mehr setzt, ist tot. Jedes Streben nach einem nächsten, und sei es ein noch so kleines, Ziel, heißt am Lebens zu sein und zu bleiben.

Aber das Leben, das irdische, ist endlich, und an ein weiteres, ein Leben danach, ist so schwer zu glauben. Ich weiß nicht, ob Remarque an ein solches Leben geglaubt hat.

Dennoch hat er geschrieben: „Zeit ist ein Vorurteil.“

Wie kann das sein? Wie soll man das verstehen? Ist das überhaupt zu verstehen? –

Unser Leben wird doch mehr und mehr von Zeitfaktoren bestimmt, orientiert sich daran. Kaum einer hat noch wirklich „freie“ Zeit, nahezu alles ist zeitlich vorgegeben und normiert.

Das ist paradoxer Weise in dem Maße, wie wir einen technischen Entwicklungsstand erreicht haben, der uns eigentlich immer mehr zeitlichen Freiraum verschafft aber schlussendlich immer weniger Zeit haben lässt, immer stärker so geworden. Und diese Tendenz hält an, manifestiert sich. Mehr denn je gilt die Maxime „Zeit ist Geld“, an den Börsen zählen schon Sekundenbruchteile.

Aber wie viel oder wie wenig Zeit wir auch haben, in einer bestimmten Zeitspanne, so wie wir sie wahrnehmen und wie sie jedem von uns letztlich im jeweiligen Kontext gegeben ist, wir werden immer „nur“ relativ viel oder wenig erreichen, nie das Absolute. –

Weil auch Zeit nur relativ ist.

In der indischen Geisteswelt soll es die Maxime geben: „Die Welt ist nicht in der Zeit, sondern die Zeit ist in der Welt.“

Dieser Satz betont die Relativität von Zeit. Er meint, dass die Zeit nicht objektiv sondern subjektiv existiert. Es ist nicht die Zeit an sich, es sind unsere (subjektiven) Vorstellungen von der Zeit, die unser Weltverständnis, das Verständnis von unserem Leben auf der Welt prägen.

Zeit ist relativ. Zeit ist Produkt, Ergebnis unserer subjektiven (menschlichen) Vorstellung. Zeit als Absolutes, als Objektives aber, ist ein Vorurteil. Ich akzeptiere, dass man es so sehen KANN.

Und wenn man es so sieht, wird verständlich, was Remarque meint mit: „Man ist immer überall da.“:

Wenn die eigenen Gedanken, die eigenen Wertvorstellungen, ein Stück der eigenen Lebensweise in anderen Menschen existieren, weil ich sie ihnen vermittelt, ich sie an sie weiter gegeben habe, dann kommt es nicht darauf an, dass ich mit diesen Menschen Ort und Zeit teile, um bei ihnen, um durch sie, in ihnen und so, wenigstens mittelbar, auch für andere, mir selbst unbekannte Menschen, DA zu sein, an dem Ort, zu der Zeit an dem jene Menschen, in denen ich bin, gerade sind.

Ich muss nicht persönlich, körperlich, in der Zeit und an dem Ort sein, an dem diese Menschen sind, um dennoch auch dann und dort zu sein.

In dieser Weise ist, für mich vorstellbar, dass auch (m)ein (Weiter-)Leben nach meinem eigenen, körperlichen Tod möglich ist. –

Diese Vorstellung ist für mich kein Trost für irgendetwas, denn sie macht sehr bewusst, wie klein, wie winzig doch das eigene Leben im großen Weltgetriebe ist, wie relativ wenig Bedeutung es als einzelnes Leben hat.

Aber ich bin da. Ich bin und bleibe überall da. Dann, wenn es mir gelingt, ein paar Menschen zu erreichen, mit dem, was ich weitergeben möchte, mit dem, was ich für wichtig halte, für das Leben, vor allem unserer Kinder und Kindeskinder.

Der Sinn, das „Geheimnis“ meines Lebens ist wohl nicht größer und nicht kleiner zu messen als darin, dass ich ein paar Menschen, darunter womöglich jüngere, die mich überleben werden, zu erreichen.

Und ich werde dabei allerhöchstens immer nur ein bisschen irgendwo ankommen (können).

Weil Zeit ein Vorurteil ist.

Und es doch nicht lassen, weiter auf der Suche zu bleiben, weil auch und gerade das, irdisches, menschliches Leben ausmacht. Und ich sehr Mensch bin und bleibe, und nicht anders kann.

Auch, wenn ich es nun womöglich weiß, kenne, das eigentliche Geheimnis des Lebens.

Gedanken zu Aphorismen -10-

„Je mehr sich unsere Bekanntschaft mit guten Büchern vergrößert, desto geringer wird der Kreis von Menschen, an denen wir Geschmack finden.“ – Feuerbach

Ich ringe schon lange mit mir, zu diesem Sprüchlein meine Gedanken aufzuschreiben. Es fällt mir nach wie vor schwer, ich bekomme keine rechte Ordnung in das Gedachte. So ist das Folgende zunächst ein Versuch, durch Visualisierung die verschiedenen Perspektiven deutlicher werden zu lassen:

Widerspruch und Zustimmung zu der Feuerbachschen Aussage sind in meinem Inneren in einem nicht enden wollenden Widerstreit miteinander. Würde ich ihr widersprechen, entgegentreten gar, würde ich womöglich eine Beeinflussung meines Wesens, meines Charakters durch die Lektüre guter Bücher leugnen. Würde ich ihr hingegen zustimmen, würde ich letztlich anerkennen, dass mein immer größer gewordenes und immer noch größer werdendes Interesse an guten Büchern die eigene Person von immer mehr Menschen, die mich umgeben, entfremdet hat und entfremdet.

Ist es so einfach wie so oft, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegt?

Für Feuerbach lag sie offenbar nicht dort, sondern doch eher bei der Entfremdung von immer mehr Menschen durch Personen mit größerem Interesse an guten Büchern.

Nun werden ja nicht selten vor allem Wissenschaftler im Allgemeinen und Philosophen im Speziellen (und Feuerbach war ja einer) bis in die heutige Zeit bezichtigt, in „Elfenbeintürmen“ zu sitzen. Mit dieser Formulierung wird genau das zum Ausdruck gebracht:

Da sitzen Leute die sich mehr oder weniger, überwiegend aber sehr viel mehr als andere, mit Büchern befassen, aus ihnen Wissen schöpfen, mit ihrer Hilfe empirische Erkenntnisse vergleichen, bewerten, einzuordnen versuchen, dies aber überwiegend fern von dem tun, was Alltag und alltägliches Leben, alltägliche Sorgen, alltägliche Erfahrungen und Begegnungen von Menschen ausmacht. So jedenfalls der vielfach wahrgenommene Eindruck. Aber auch die Realität, die Wahrheit? Und wollte Feuerbach mit seiner Aussage nur diese Menschen, die Wissenschaftler meinen?

Würde ich das bejahen, wäre ich raus aus der Nummer – ich bin kein Wissenschaftler in einem „Elfenbeinturm“, also gilt die Aussage für mich nicht.

Mein Gewissen freilich weiß es, wieder einmal, besser.

Es weiß, dass auf mich gute Bücher, dabei durchaus nicht primär die wissenschaftlichen, sondern um vieles mehr die belletristischen, einen immensen Einfluss ausüben, dass ich tief in sie eintauche und das mit den Jahren immer lieber und immer vorsätzlicher getan habe und tue. Und es weiß, dass ich mich in gute Bücher regelrecht hineinlebe, es liebe, in ihnen zu atmen, „da“ zu sein, tief in ihnen zu verweilen, in der Schönheit ihrer Sprache, ihrer Bilder, so, dass die Rückkehr aus ihnen in die Gegenwart, in den Alltag oft wie ein schmerzvolles Erwachen ist. – Und es weiß um die in mir wachsende Achtung vor den Autoren, die die wundervolle Fähigkeit besitzen, die eigene (des Lesers) Phantasie und Seele so anzuregen, dass ihnen gegeben wird, aus dem geschriebenen Text einen Film einschließlich aller Farben, Gerüche und Geräusche zu entwickeln, im Text beschriebene Charaktere nachzuerleben, nach zu fühlen, zu empfinden vermögen als wären sie ihnen selbst immanent.

Ich empfinde für solche Bücher, solche Autoren eine unglaublich große Hochachtung und Wertschätzung. Und es fällt mir sehr schwer, mein derartiges Empfinden, meine derartige Sympathie, die viel von Euphorie haben, zu bändigen und auch zu sehen, dass die allermeisten jener Autoren abgesehen von der beschriebenen, wahrlich faszinierenden Fähigkeit wohl ganz überwiegend Menschen sind, wie Du und ich, mit starken und mitunter auch durchaus nicht wenigen schwachen Seiten.

Aber ein gutes Buch bleibt ein gutes Buch. Es ist ein Wert an sich. Die in ihm geronnene Potenz, meine eigene Seele, und in der Folge auch immer wieder meine Gedanken zum Geschriebenen, wie beschrieben anzuregen, ja mit- und weiter zu entwickeln, ist Kultur, ist Kultur in höchster Vollendung, zumal Sprache ihr Medium ist. Sprache, die so ist, die das vermag, ist Hochkultur im ureigensten Wortsinn.

Die Begegnung mit einem solchen Medium lässt Wünsche wachsen und ja, auch Ansprüche deutlicher hervortreten. Eigene Wünsche und eigene Ansprüche an Sprache, an Umgang, an Kultur und kulturvollen Umgang, die im alltäglichen Leben freilich nur selten, und wenn mich die eigene Wahrnehmung nicht trügt, immer weniger Entsprechung finden. Allerdings scheint mir das nicht nur einseitig oder auch nur vordergründig in meiner intensiven Beschäftigung mit guten Büchern begründet zu liegen, sondern mindestens in gleich starkem Maße in der wachsenden Unlust und Unfähigkeit vieler meiner Zeitgenossen, sich mit Kultur, mit Büchern, mit solchen, die gut sind und also kulturellen Wert verkörpern, zu befassen bzw. befassen zu können oder zu wollen.

Ja, die Beschäftigung mit guten Büchern, lässt Ansprüche an Geschmack wachsen, auch an Geschmack Menschen betreffend. Wenn man akzeptiert, dass der Mensch als solcher seinem Wesen und seiner Bestimmung nach diejenige Kreatur ist, die soziokulturelles Leben in vollendetster Form repräsentiert, dann tun gute Bücher nur Gutes.

Wenn der „Preis“ dafür ist, dass ich mit der Zeit an tendenziell weniger Menschen guten Geschmack finde und damit auch potenziell weniger wirkliche Freundschaften für mich entstehen können, so bin ich bereit, diesen Preis zu zahlen. Er ist weit mehr Ausdruck einer immer kulturabstinenteren gesellschaftlichen Realität, die mich umgibt, als einer vermeintlichen Vereinsamungsgefahr für denjenigen (mich), der sich mit wachsener Begeisterung guten Büchern widmet. So lange es im Übrigen gleichgesinnte Menschen gibt, solche mit Sinn für gute Bücher, besteht die Gefahr einer tatsächlichen Vereinsamung nicht wirklich. Es besteht vielmehr nach wie vor Hoffnung in dem Sinne, dass kulturvoller Umgang und Wertebewusstsein nach wie vor auch gesamtgesellschaftlich gesehen, nicht verloren sind, immer noch eine Chance haben.

Das machen (auch) die guten Bücher!

Gedanken zu Aphorismen -9-

Bei Tanni2011 habe ich folgendes Sprüchlein gefunden, das ich hier kommentieren möchte und darf (Vielen Dank Tanni!):

Wer lernt, sein Inneres auch Außen zu zeigen, gewinnt an Stärke und Mut, aber vor allem, und das ist das wichtigste, er wird geliebt, weil er so ist, wie er ist …

Zunächst klingt diese Aussage ganz einleuchtend. – Nur, wer etwas von sich selbst, von dem, was ihn/sie tatsächlich ausmacht, seinem Wesen, seiner Seele, herzeigt, kann von anderen als der, der er/sie ist, erkannt werden.

Aber gewinnt tatsächlich jeder dadurch wirklich an Stärke und Mut, und wird er/sie geliebt, weil bzw. wenn er/sie sich so weit als möglich „offenbart“?

Etwas vom eigenen Wesen, dem eigenen Gefühlsempfinden, dem, was die eigene Seele ausmacht, offen zu zeigen, ist in der heutigen Zeit mehr denn je ein Vertrauensvorschuss gegenüber Dritten. Vertrauensvorschuss zu geben, ERFORDERT Mut, ERFORDERT Stärke, ja.

Aber, wenigstens nehme ich es so wahr, ist es in unserer heutigen Zeit auch mehr denn je ein Risiko, solcherart Vertrauensvorschüsse zu gewähren. Allzu oft, allzu leicht, allzu gern, werden Menschen, die Vertrauensvorschüsse zu gewähren bereit sind, dafür nicht „belohnt“, sondern im Gegenteil, ausgenutzt, enttäuscht oder gar gemobbt. Vor allem Menschen mit kritischen, sensiblen Seelen, Seelen die schon Pflaster tragen, Menschen die mit dem Herzen denken und aus dem Herzen leben, die Liebe am meisten bräuchten, nötig hätten, aufrichtiger Freundschaft und Liebe am stärksten bedürfen, sind insoweit am meisten gefährdet.

So viele Menschen sind, dem systemgemäßen Umgang längst angepasst, primär bis ausschließlich auf eigenen Vorteil und eigenes Fortkommen bedacht. Egoismus wird als (Über-)lebensmaxime wahrgenommen, angenommen und gelebt. Für Liebe, für uneigennützige, aufrichtige Vertrauenserwiderung, ist innerhalb dieser Maxime kaum Platz.

Der Mut, die Stärke eines sensiblen, eines „Seelenmenschen“, etwas von seinem Inneren zu zeigen, wird also sehr häufig nicht belohnt. Im Ergebnis wird er nicht mutiger, nicht stärker, sondern noch unsicherer, ängstlicher, sensibler- kehrt sich womöglich noch stärker nach innen, setzt sich eine Maske auf, mit der er versucht sich nach außen zu schützen.

Damit wiederum bekommt das Dilemma sensibler Menschen eine neue, eine noch größere Dimension. Denn die Maske, ermöglicht es ausgerechnet den wenigen aber für die Sensiblen so wichtigen Menschen, die bereit wären, einen Vertrauensvorschuss zu erwidern, ihn durch ehrliches Interesse, vielleicht sogar im Zeitenlauf durch aufrichtige, WIRKLICHE Freundschaft oder gar Liebe zu „honorieren“, nicht zum Wesen, zu dem, was den Sensiblen eigentlich ausmacht, vorzudringen.

Ausgerechnet die sensibelsten, die Menschen, die am tiefsten empfinden, und oft am meisten urmenschliche Werte verkörpern, müssten ungeachtet aller Enttäuschungen, Rückschläge, allen ausgenutzt und benutzt Werdens immer wieder den größten Mut aufbringen, um „erkannt“ und durch Freundschaft und Liebe „belohnt“ zu werden, geliebt zu werden, weil sie sind wie sie sind.

Aber wie sollen gerade diese Menschen das schaffen, das LERNEN können?

Als vermeintlich recht logische Antwort erscheint wohl die, die eigene Sensibilität bewusst zu nutzen, zunächst besonders genau hinzuschauen, andere Menschen zunächst länger zu studieren, bevor man Vertrauensvorschuss gewährt. – Für Menschen mit gepflasterter Seele, deren Seele gar nicht so selten deshalb so gepflastert ist, weil sie noch nie in ihrem Leben wirklich Liebe erfahren haben, die häufig schon länger eher zurückgezogen leben, aufgrund vielfältig gemachter Negativerfahrungen die Gesellschaft ihrer Mitmenschen eher vermeiden, eine sehr schwere, eine ungemein fordernde Aufgabe, der sie kaum allein und aus eigenem Antrieb nachzugehen in der Lage sind.

Deshalb ist es notwendig, dass andere auf sie zugehen. – Am ehesten „prädestiniert“ dafür sind die so ganz wenigen, die es im Laufe ihres Lebens doch geschafft haben, Sensibilität und Stärke in sich zu vereinen. Aber die sind die seltensten Menschen auf diesem Erdenball.

Da von der großen Mehrzahl der Egoistischen, denen, die dem Mainstream willig folgen, denen, die das Hinterfragen, das um sich schauen, verlernt haben, denen, die bequem geworden sind, weil es sich so leichter leben lässt, kaum ein Zugehen ausgerechnet auf die Sensiblen, Kritischen, „Schwierigen“ zu erwarten ist, werden sich am Ende die Sensiblen wohl mehr auf sich selbst besinnen müssen, verstehen lernen müssen, dass sie, so wie sie sind nicht so allein sind, wie sie es zunächst wahrnehmen. Dass sie vor allem nicht aufgeben dürfen, auf der Suche zu bleiben, so mühevoll sich diese Suche auch immer wieder gestalten mag. Auf der Suche nach Menschen, die ihnen ähnlich sind, die, weil sie, wie sie selbst, einer aufrichtigen Liebe am meisten bedürfen, die, ob sie sich das eingestehen oder nicht, diese Liebe auch ebenso sehr suchen wie sie.

Eine andere Antwort auf die gestellte Frage weiß ICH leider nicht.

Gedanken zu Aphorismen -8-

„Die Habsucht beginnt, wo die Armut endet“ – Honore de Balzac

Über diese Aussage des französischen Schriftstellers habe ich schon viel nachgedacht. Das hat auch mit Erleben in meinem beruflichen Alltag zu tun.

Dort begegnen mir immer wieder und in großer Zahl Menschen, die auf die Gewährung von Sozialleistungen angewiesen sind. Einige sind darunter, die richten sich im Laufe der Zeit darin und damit ein, wobei ich bei manchen vermute, dass sie den einen oder anderen „Zuverdienst“ haben, bisweilen auch „am Amt vorbei“. Nicht bei allen.

Anderen merkt man das Unglück an, dass sie empfinden, wenn sie sich immer wieder an die Sozialbehörde wenden müssen und die, etwa, wenn es sich um alleinerziehende Eltern handelt, in der Tat keine großen Sprünge machen können und ob der Verantwortung, die ihnen für ihre Kinder obliegt, auch nichts oder nicht viel hinzuverdienen können. Sie sind oft schon froh und auch zufrieden, wenn sie ihren Kindern zu Weihnachten mal ein etwas größeres Geschenk machen können, wenn es gelingt, gemeinsam eine kleine Urlaubsreise zu machen.

Andererseits sehe ich andere, nicht wenige, die ungeachtet des Sozialleistungsbezugs, immer eines der modernsten Mobiltelefone haben, die Markenkleidung tragen, die ein Auto fahren, in deren Gesprächen es sich fast ausschließlich um „Shoppingerlebnisse“, Konsum, und den Unmut, dies und jenes noch immer nicht haben zu können, dreht.

Wenn ich dieses differenzierte Verhalten sehe, komme ich zu der Erkenntnis, dass auch, wenn man nicht viel hat, es also offenkundig darauf ankommt, welche Prioritäten man setzt, was einem wichtig ist. Und es spielt auch eine Rolle wann jemand sich als „arm“ empfindet bzw. wirklich arm ist.

Habsüchtigkeit, Besitzstreben hat nach meiner Erfahrung nicht primär mit dem sozialen Status eines Menschen zu tun, sondern damit, dass die meisten Menschen nie mit ihrem Status Quo zufrieden sind. Wenn ich das in mancher Diskussion so äußere, bekomme ich nicht selten Gegenwind. Wer sich mit seinem Status Quo zufrieden gäbe, höre auf, sich zu entwickeln, würde Stillstand und Zurückbleiben das Wort reden, sei eigentlich schon tot, wird mir entgegnet.

Das verstehe ich nicht. Wer mir so antwortet, bezieht „Status Quo“ offenkundig ausschließlich auf Materielles. Bezogen auf Materielles nicht auf ein „immer mehr“, „immer besser“, immer größer“ zu setzen, hat für mich freilich nichts mit Stillstand oder Zurückbleiben zu tun, viel mehr mit Vernunft, mit Einsicht, ja, mit Wertebewusstsein. Und zwar in sehr weitgehendem, eigentlich menschlichen Sinne.

Stillstand und Zurückbleiben hingegen drohen, wenn man sich mit dem immateriellen, dem geistigen Status Quo abfindet – eine „Entwicklung“, die allerdings längst im Gange ist und nach meinem Empfinden immer beängstigendere Ausmaße und Folgen zeitigt. Wie schön wäre es, wenn es eine unter allen Menschen verbreitete „geistige Habsucht“ gäbe. Aber die ist selten. Und hat übrigens auch nichts damit zu tun, ob jemand materiell arm ist oder nicht (inwieweit jemand sie befriedigen kann, freilich leider immer noch in ganz starkem Maße).

Ein Problem ist offenkundig, das „Wohlstand“ auch eine gehörige Faszination ausübt, auf alle, die im Verhältnis „weniger haben“. Ein Leben wie wir es etwa in Deutschland leben, selbst als „Otto Normalverbraucher“ erscheint offenkundig Menschen in anderen Ländern, Regionen der Welt wie das Paradies. – Das kann und darf man diesen Menschen nicht verdenken, auch nicht, dass sie danach streben, ebenso zu leben, dies einfordern, sich auch etwas von diesem Wohlstand holen möchten. Schließlich sind es Menschen wie wir, die lediglich nicht hier, sondern auf einem anderen Flecken Erde geboren sind. – Dieses Streben und Wollen ist nicht verurteilbar und hat auch nichts mit Habsucht zu tun, es ist schlicht ein Streben nach gleichberechtigter Teilhabe.

Diese Menschen sind auch nicht „Schuld“ daran, dass ihr Streben nach entsprechender Teilhabe sogleich die Frage nach der Endlichkeit der Ressourcen unserer Erde aufwirft. Allein die deutsche „Autobesitzquote“ nach China, nach Indien, nach Bangladesh gedacht, wirft diese Frage aber mit aller Entschiedenheit auf.

Aber hat das etwas mit Habsucht dieser Menschen zu tun?

Freilich weiß ich aus eigenem Erleben nur zu gut, dass Menschen, egal auf welchem Flecken dieser Erde sie geboren sind, zu Egoismus neigen, auch dazu, sich, wenn möglich, auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen, nicht zuletzt immer wieder materielle. Insoweit unterscheiden sich arme Menschen nicht von Reichen. Und möglichweise, sind Menschen, die über Jahre, Jahrzehnte, Generationen vom Wohlstand abgekoppelt waren und sind, in der Wahl ihrer Mittel insoweit weniger subtil. Aber sind sie deshalb habsüchtiger, egoistischer als wir, die wir es gewohnt sind, in Wohlstand zu leben und dennoch in unserer großen Mehrzahl immer noch nach „immer mehr“ und „immer besser“ streben? Wissend sogar, dass das bedeutet, bedeuten muss, fortgesetzt andere Menschen, jene, die noch nie in wirklichem Wohlstand leben konnten, weiterhin und fortgesetzt von gleichberechtigter Teilhabe auszuschließen.

Mir scheint, die wirklich Habsüchtigen sind diejenigen, die nicht wahrhaben wollen und können, dass sie ihren Wohlstand zu größten Teilen auf Kosten anderer Menschen leben und das JEDEM, der in Wohlstand lebt, Einhalt und wenigstens schrittweise auch Umkehr geboten ist (Was in der Tat auch schwer fällt und nicht „linear“ gilt, weil die jeweiligen komplexen Lebenskontexte natürlich nicht einfach zu vernachlässigen sind.)

Und mir scheint, dass diese Erkenntnis ebenso wahr wie unpopulär ist.

Gedanken zu Aphorismen -7-

„Regierungen sind meist sparsam mit Gefühlen und versuchen die Gemüter möglichst billig zu entflammen.“ – Graham Greene

Auf meiner gestrigen Tagebuchseite hatte ich auf einen Aphorismus angespielt – ich kann ihn nun wortgetreu hier widergeben. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich ihn in Graham Greenes Roman „Die Reisen mit meiner Tante“ aufgespürt, einem wunderbaren, bisweilen sympathisch extravaganten und schwarzhumorigen Roman, der sich, obwohl erst 1969 geschrieben, heute leider bereits kaum noch im Bewusstsein der Öffentlichkeit befindet, obgleich er sich ausgezeichnet lesen lässt und überaus lesenswert ist.

Ich halte die Aussage von Greene für sehr wahr und aktueller denn je, würde sie aber noch erweitern und an Stelle von „Regierungen“ von „Politikern“ sprechen wollen. Regierungen bestehen ja aus Politikern, aber ich meine nicht, dass man diejenigen Politiker, die sich außerhalb der Regierung befinden, von der getroffenen Einschätzung von vorn herein ausnehmen kann.

Zwar ist zu berücksichtigen, dass Politiker nicht gleich Politiker ist, und es nach wie vor, letztlich aber wohl stets nur eine Minderheit repräsentierende Anzahl von Politikern gibt, die tatsächlich volksnah, wirklich weitgehend dem eigenen Gewissen und einstmals gegebenen (Wahl-)versprechen folgend, agiert. Während ich früher der Meinung war, dass diese Minderheit eher noch in kommunalen als in Landes- oder gar Staatsparlamenten anzutreffen ist, habe ich diese Auffassung im Laufe der Zeiten korrigieren müssen: Es gibt, egal auf welcher Ebene parlamentarischer oder außerparlamentarischer Politik stets nur sehr wenige Politiker, die das in sie gesetzte Vertrauen tatsächlich, wenigstens einigermaßen, rechtfertigen.

Politiker sind freilich insoweit keine besonderen Menschen (sie sind grundsätzlich nicht besser und nicht schlechter als zumindest solche Zeitgenossinnen und -genossen, die etwa in der Wirtschaft oder in Verwaltungen über gewisse Positionen verfügen), aber sie haben sich als Mitglieder der entsprechenden Parteien in eine Verantwortungsrolle begeben. Diese Verantwortungsrolle wird größer, für diejenigen, die sich in ein Parlament wählen lassen, sie wird besonders groß für jene, die die Regierung bilden. Spätestens mit ihrer Wahl in ein Parlament bzw. in eine Regierung übernehmen Politiker bewusst hohe und höchste Verantwortung. (Wenigstens das sollten sie sich dessen bewusst sein.)

Kann aber ein verantwortungsvoll tätiger Politiker, in exponierter Position zumal, sich von Gefühlen leiten lassend handeln oder gar regieren? Gibt es nicht Sachzwänge, Pragmatismen, die er nicht ignorieren kann, die er auch, der eigenen Überzeugung widerstrebend, realisieren und ihnen entsprechen muss?

Selbstverständlich gibt es Sachzwänge, und selbstverständlich muss bisweilen auch pragmatisch entschieden und gehandelt werden. Aber zum einen sollte so etwas dann jeweils transparent und umfassend begründet werden, und zum andern sollte verdeutlicht werden, was man dafür tut, welche Konzepte man konkret und mit welchen Mitteln, welchem Aufwand und welchen Argumenten verfolgt, damit man fürderhin nicht überwiegend nur Sachzwängen folgend handelt, sondern gestaltend, der eigentlichen gewissensmäßigen Überzeugung entsprechend, tätig ist.

Fraktionszwänge sind im Übrigen keine Sachzwänge, sie sind hausgemacht und haben mit wirklicher Demokratie herzlich wenig zu tun.

Auch aus so genannten „Eigendynamiken“ folgende Sachzwänge sind letztlich gar keine. Denn „Eigendynamiken“ sind nichts ehernes, nicht quasi von „höherer Stelle gelenkt“. Sie sind von Menschen verursacht, oft genug sehr bewusst und eigenen egoistischen Interessen gehorchend, ausgelöst.

Es geschieht viel weniger völlig unabhängig von menschlichem Willen als uns Glauben gemacht wird. – Darin besteht eine der beständigen und fundamentalen Lügen praktizierter Politik.

Eine zweite besteht in dem immer wieder allgegenwärtigen Bekunden, vermeintlich einfache und klare Lösungen für die diversen komplizierten Probleme parat zu haben – in ihren perfidesten Ausprägungen auf Wahlplakaten, in Wahlkampfreden, auf politischen Aschermittwochsveransaltungen, leider aber auch in sehr vielen Beiträgen im Rahmen von Parlamentsdebatten aufzufinden.

Je komplexer die Probleme sind, mit denen sich Politiker zu beschäftigen, auseinanderzusetzen und an sich ihnen angemessen zu handeln haben, desto populistischer treten sie auf. Nur so bleibt es halbwegs bequem, Politik zu machen, Politiker, Regierender zu sein. Weil die Probleme der Menschheit, der Welt, der Finanzmärkte, nicht zuletzt im Kontext der keineswegs „eigendynamischen“ Globalisierung in den letzten Jahren tatsächlich immer schwieriger, immer komplexer geworden sind, sind Politiker tendenziell und tatsächlich populistischer geworden. Auch in Deutschland.

Ja, Populismus ist längst, ein einen allmählich immer größeren Stellenwert einnehmender Teil, der Strategien politischen Handelns geworden. „Zentraler Bestandteil solcher Strategien ist die Proklamation politisch relevanter Gewissheiten, existentieller Befindlichkeiten und Selbstverständlichkeiten oder „Wahrheiten“ nationaler, moralischer oder ökonomischer Art, wobei unterstellt oder zumindest behauptet wird, dass sie im Alltagsbewusstsein der Bevölkerungsmehrheit vorliegen und daher einer rationalen Erörterung und Begründung nicht bedürfen.“ (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Populismus )

Bei der Verfolgung und Realisierung derartiger Strategien ist in der Tat für Gefühle (sic!), für Gewissen kein Platz- sie sind kühl und rational kalkuliert, folgen den miteinander verknäuelten „Sachzwängen“ des eigenen Machterhalts und des Lobbyismus für einflussreiche Finanz- und Wirtschaftsmangnaten.

Allerdings wird sich im Rahmen der Durchsetzung solcher Strategien, insbesondere in Wahlkampfzeiten, gern gerade der Gefühle, der Sorgen, Ängste, Unzufriendenheiten die in der Bevölkerung herrschen, bedient (!), jedoch immer ausschließlicher nur, um sie zu instrumentalisieren, „Volksnähe“ zu suggerieren. – Das ist es, was zu Graham Greenes „die Gemüter möglichst billig zu entflammen“ passt.

Ja, ich nehme wahr, dass Politik und Regierungen zunehmend populistischer agieren, auch in Mitteleuropa, auch in Deutschland.

Bisweilen erkennt das Volk das und stellt entsprechende Quittungen aus – der Niedergang einer der populistischeren Parteien der Gegenwart, der FDP in Deutschland, belegt das.

Viel stärker aber als dieses Erkennen ist die Tendenz der Abwendung von Parteien, der generellen Politikverdrossenheit und damit auch der Abkehr von der Bereitschaft, sich selbst den komplexen Menschheitsproblemen zu stellen, sich mit ihnen auseinander zu setzen und adäquate Lösungsansätze einzufordern.

Eine solche Entwicklung ist gefährlich, denn sie bietet jenem Populismus, der bewusst und vordergründig jene soziale Schichten und gesellschaftlichen Gruppen, die sich durch die bestehende gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Ordnung oder ihre Entwicklung benachteiligt sehen, in den Fokus nimmt und „billig entflammt“ eine größere Angriffsfläche.

Von solchem Populismus aber, hin zu mehr oder weniger offener Demagogie, ist es nur ein kleiner Schritt – die Grenze zwischen beiden ist fließend …

Gedanken zu Aphorismen -6-

„Provinz, das ist der leere Augenblick. Geschichte auf dem Abstellgleis.“ – Volker Braun

Ich nehme es vorweg: Ich glaube, dass diese Aussage (leider) viel Wahrheit enthält.

Ich habe bereits in Großstädten gelebt, gearbeitet und studiert, eine Zwischenzeit meiner Kindheit und Jugend auf einem Dorf gewohnt, und ich lebe nun in einer Stadt mit etwa 45.000 Einwohnern. So glaube ich, halbwegs seriös vergleichen zu können.

Der Pulsschlag hier ist ein anderer als in einer großen Stadt, Berlin etwa, wo ich Freunde habe und zumindest hin und wieder einmal für ein paar Tage zu Gast bin. Manches an dem Pulsschlag, dem etwas langsameren, leiseren, hier, vermag ich durchaus zu schätzen.

Anderes ärgert mich. Zuvorderst das „abgespeckte“ Kultur- und Informationsangebot. Ich möchte das an Beispielen verdeutlichen.

Nehmen wir das Kinoprogramm.

Ich war früher ein recht begeisterter Kinogänger. Im Laufe der Jahre bildeten sich bei mir dadurch Interessen in Richtung bestimmter Filme heraus. Ich habe Kinobesuche vor allem, wenn ich anspruchsvollere Filme, Filme mit einer tiefer gehenderen Handlung und mit Bezug zu realem Geschehen sehen konnte, schätzen gelernt. Filme, die mir Geschichten nahebrachten, die Menschen tatsächlich erlebt hatten oder erlebt haben konnten, egal ob in historischem oder aktuellem Kontext, egal ob in Deutschland oder anderen Ländern der Welt, in der Atmosphäre eine Kinos schauen und auf mich wirken lassen zu können, hat mir immer mehr bedeutet. – Vor allem auch solche Filme, die nicht nur in den USA, Frankreich, Deutschland oder Italien entstanden sind.

Das Angebot an solchen Filmen in Kinos (im Fernsehen sowieso) ist in den letzten Jahren immer geringer geworden. Begründet wird das mit den „Sehgewohnheiten“ der Mehrheit der Bevölkerung. Davon abgesehen, dass derartige Sehgewohnheiten durch ein entsprechendes Angebot zumindest mit beeinflusst und in bestimmte Richtungen entwickelt werden, heißt das, weitergedacht, nichts anderes als dass auch Filme, die im Kino gezeigt werden, gefälligst zuallererst „Quote“ zu bringen haben.

Die Konsequenz ist, dass in kleineren Städten und Ortschaften, sofern sie überhaupt noch über Kinos verfügen, ausschließlich „Quotenbringer“, sprich Baller-, Action,- Thrillerfilme und mehr oder minder dümmliche bis tumbe Komödien, die Programme ausmachen.

Selbst bei den Filmen, die für Kinder geeignet sein sollen ist das nicht anders. Die schöneren, wertvolleren, auch mal auf realen Geschehnissen basierenden Streifen verirren sich fast nie hierher.

In meinem Bundesland, das gemein hin als Ganzes als „Provinz“ gilt, müsste man da häufig schon an die 60 Kilometer einfache Fahrt in Kauf nehmen, um mal einen anderen als einen „Mainstreamfilm“ zu Gesicht zu bekommen – für manche müsste man gar tatsächlich gleich bis Hamburg oder Berlin fahren.

Das „Argument“ – Na, dann musst Du halt in eine Großstadt ziehen! – mag ich nicht gelten und stehen lassen. – Ich meine einfach, dass Menschen, egal wo sie wohnen, zumal in einem so hoch entwickelten und zivilisierten Land, wie Deutschland das immer vorgibt zu sein, ein Recht auf niveauvolle Kultur und Informationen haben.

So mancher Film (aktuell fällt mir da der Streifen „Sarahs Schlüssel“ ein, den ich aus genannten Gründen freilich nur durch Rezensionen kenne) böte sogar eine ebenso abwechslungsreiche wie nützliche Gelegenheit im Rahmen schulischen Unterrichts gesehen, besprochen, behandelt zu werden.

Als zweites Beispiel möchte ich das der Information über Tageszeitungen und Radio nennen.

Ich leiste mir den Luxus zweier Tageszeitungen im Abonnement.

Die hiesige, regionale, nur wegen der ein, zwei Lokalseiten, die mich recht und schlecht über das stadtpolitische Geschehen, einige Veranstaltungen und den Lokalsport auf dem Laufenden halten.

Der Rest dieser Zeitung ist für mich weitgehend nutzlos. Er bewegt sich in weiten Teilen auf dem Niveau von Boulevardzeitschriften mit Wellness-, Heimwerker- und Küchentipps. Vor allem Nachrichten (besonders solche aus der weiten Welt) sind offenkundig einer Vorauswahl unterzogen, Kommentare oft oberflächlich und weitegehend nichtssagend. Deutlich spürbar ist, dass diverse Artikel von Fremdredaktionen übernommen werden – kein Wunder, wenn man weiß wie sehr „Einsparzwängen“ folgend die eigenen Redaktionen während der letzten Jahre dezimiert worden sind. – Von investigativem Journalismus, fundierten Hintergrundberichten, einem vielseitigen, kritischen Feuilleton, spannenden Interviews und vielem mehr, was eine gute Tageszeitung ausmachen würde, ist nicht ein Hauch vorhanden.

Würde ich nicht neben diesem Blättchen noch eine in der Bundeshauptstadt erscheinende Tageszeitung halten, die genau all das bietet, was die heimische Regionalzeitung vermissen lässt, würde ich mir längst geistig verarmt vorkommen. – Wie viele Menschen hier in meiner Region lesen aber, wenn überhaupt, nur diese regionale Tageszeitung?

Wenn auch nicht ganz so krass so doch auch sehr augenfällig schwach ist das Niveau der hiesigen regionalen Radiosender. Über die privaten darunter breite ich gleich den Mantel des Schweigens. Deren Niveaulosigkeit verdient kein einziges Wort. – Aber auch der staatliche, aus Gebühren der Hörer finanzierte Sender, lässt viel zu wünschen übrig. Wie etwa eine Sendung, die den Titel „Klartext“ trägt, auf einem derartig tumben „Hausfrauenniveau“ (bitte nicht ganz wörtlich nehmen!) daherkommen kann, ist mir absolut unverständlich.

Ich kann es kurz machen. Auch ich kann nicht den ganzen Tag über nur Nachrichten, Informationen, Wissenschaftsdebatten, Kulturdiskurse und ähnliches in mich aufsaugen. Auch bei mir gibt es Momente, ja längere Phasen, wo ich nur leicht unterhalten werden möchte. Aber, wenn ich nicht regelmäßig „Ausflüge“ zum Deutschlandfunk oder auch Deutschlandradio Kultur unternehmen würde, mich einzig vom staatlichen Regionalsender berieseln lassen würde, käme ich mir schon nach relativ kurzer Zeit reichlich unterbelichtet vor.

Eine Antwort auf die Frage, weshalb Informationen und Kulturangebote in kleineren Ortschaften, in eher ländlich geprägten Gebieten, was Vielfalt und Qualität angeht, um so vieles geringer und niedriger ausfällt, vermag ich nur schwer zu finden. Ist es tatsächlich so, dass in solchen Regionen nur noch nach „Quote“ gemessen werden kann? Steckt nicht womöglich Methode dahinter, mittels entsprechend schwachen Angebots, nach und nach Meinung und Nachfrage genau in Richtung Anspruchslosigkeit zu lenken? Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass dies mehr als nur eine Vermutung meinerseits ist.

Von Bismarck stammt wohl die Aussage:

„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, so ginge ich nach Mecklenburg. Da passiert alles 100 Jahre später.“

Der Satz scheint zwar zu dem eingangs Zitierten von Volker Braun zu passen – er enthält aber, wie ich meine, einen großen Irrtum:

Hier passiert nicht alles 100 Jahre später, hier passiert es allerdings, ohne dass die Mehrzahl etwas davon bemerkt bzw. willens oder imstande ist, darauf Einfluss zu nehmen. So leer sind die meisten Hirne inzwischen – fatalerweise nicht nur für den Augenblick. Weil sie von den wirklich wichtigen Geschichten, der Geschichte eben, immer schön ferngehalten werden …