Tagebuchseite -865-

Vom Rauch in dieser Welt

Dunkler, sich leise kräuselnder Rauch steigt aus einem Schornstein auf und zieht über dem kupfergoldenen Firmament dahin. So ist es fast immer für ein paar Minuten, wenn nach sonnigem Tag der strahlende Stern in den Horizont eintaucht.

Bildete der Rauch eine ganz gewöhnliche, harmlose Wolke, so könnte ich Schönheit sehen. Aber kein Rauch ist harmlos, und so ist die Schönheit trügerisch.

Ganz nah von dem Ort, wo der Rauch aufsteigt, steht ein Krankenhaus. Das Krankenhaus, dessen Geräusche, Gerüche und Atmosphären mir noch so sehr gegenwärtig sind. Während eines normalen Jahres werden dort etwa 45.000 Menschen behandelt. Junge und Alte. Solche, die noch ungeborenes Leben in sich tragen. Und andere, in denen der Tod schon begonnen hat, seine Saat zu säen. Manche derjenigen wissen bereits davon, andere ahnen noch nichts.

Vom Krankenhaus aus ist der Rauch nicht zu sehen. Niemand dort aber auch niemand sonst kann sagen, wo er hinzieht, wen er mitnimmt auf seinem Weg in die Unendlichkeit wo er selbst schließlich unsichtbar wird und, diejenigen, die er mitnahm, verschwinden. So wie eines Tages die Buchstaben auf ihren Grabsteinen und schließlich ihre Grabsteine selbst.

Ein Mensch muss anderes hinterlassen haben als seinen Grabstein. Sonst ist er unweigerlich früher oder später vergessen. So, als ob es ihn nie gegeben, er nie gelebt hätte auf Erden.

Ich bin so klein. So klein, dass die Endlichkeit unserer Welt für mich unendlich ist. Nicht einen Bruchteil dessen, was sie ausmacht, vermag ich zu erspüren, ergründen, zu begreifen, zu verarbeiten, zu verstehen.

Zu dem, was ich in unserer Welt spüre, gehört seit ein paar Jahren der Rauch, der unsichtbare der Unendlichkeit, die die Welt für mich ist. Er ist allgegenwärtig und von nicht fassbarer Gestalt. Manchmal trägt er sogar Namen, die ihm die Menschen gegeben haben. Seine Quellen sind zu viele. Aber menschliche Seelen gehören auch dazu, zu seinen Quellen. So viel weiß ich.

Wer seine Augen öffnet, wessen Sinne wach sind, wer nicht gleichgültig ist, spürt den Rauch in diesen Wochen besonders. In einer seiner Gestalten ist er gerade sehr fühlbar, manchmal sogar zu sehen. Nicht nur nah bei Krankenhäusern. Aber dort gerade besonders. Und sein, ihm von Menschen gegebener Name ist derzeit buchstäblich in aller Munde.

Heute war wieder so ein sonniger Tag. Ich werde am Abend wieder den kräuselnden Rauch nah beim Krankenhaus sehe können.

Und es wird nicht schön sein und auch nicht schöner werden können, wenn ich mir vorstelle, dass es auch Seelen gibt aus denen nie Rauch, sondern immer nur Liebe aufsteigt.

Denn vor allem diese Seelen sind es, die so sehr bedroht sind.

Von diesem Rauch und den so vielen anderen, von denen, die über den Flüchtlingslagern, über den Slums, den zerstörten Städten und Dörfern, den Orten wo Frauen und Kinder missbraucht werden, in die Atmosphäre steigen. Die jene sind, die zu den schwärzesten und vor allem in diesen Wochen so schnell und so sehr vergessenen gehören.

***

Lily Kershaw feat. Jon Bryant – „The sea“

 

Tagebuchseite -850-

Mein (wohl bislang) persönlichster Eintrag in mein Tagebuch

Als mein Ich zuletzt von einem offenkundig besonders lieben Menschen mit „Liebes Du“ angeschrieben worden ist, hat mich das sehr berührt, mich augenblicklich lächeln lassen, mir eine leise aber schöne Freude geschenkt.

Mich hat diese Geste im Nachhinein lange beschäftigt und sie ist nach wie vor sehr präsent in mir. Und mir ist im Verlauf bewusst geworden, dass ich mein Ich noch nie mit „liebes ICH“ angesprochen habe. Dabei wäre das wohl sicher ein Zeichen, dass ich mich doch wirklich mögen würde. Ich strebe, einem mehrfach geäußerten therapeutischen Rat folgend, inzwischen sogar danach, aber es ist und bleibt außerordentlich schwer.

Die letzten langen Tage, die seit meinen vorigen Tagebucheintrag vergangen sind, haben mir sehr die Augen geöffnet. Ich musste und konnte erkennen, was wohl wirklich Illusion bleiben wird für mich, und dass es ganz davon abhängt, wie ich mit dieser Erkenntnis, diesem Wissen weiterzuleben lerne, ob bzw. inwieweit ich mich annehmen oder gar wertschätzen kann. „Wertschätzen“ schreibt sich für mich allerdings insoweit unverändert wie ein Fremdwort.

Was haben mir die letzten Tage nun so deutlich gezeigt:

Ich bin vor allem Angst. So sehr viel, so sehr präsent. Unverändert. So sehr ich mich auch bemühe, mich meinen Ängsten zu stellen, sie rational zu hinterfragen und zu bearbeiten: ich bin und bleibe Angst.

Sehr stark Verlustangst.

Als mein Vater mit seinen nunmehr 91 Jahren Anfang der Woche zum dritten Mal binnen kurzer Zeit ins Krankenhaus musste, um sich zum dritten Mal einer sehr anstrengenden, sehr zehrenden Operation zu unterziehen, habe ich es kaum aushalten können. Mir sind (wie schon die beiden Male zuvor) so schlimme Fantasien in die Seele gekommen, dass es mich richtig gequält hat, dass ich bisweilen hätte vor mir selbst ausspucken mögen. Ich wollte diese Bilder nicht sehen, aber sie drängten sich so auf, dass ich sie eben doch sehen, ertragen musste. (Die Operation war zu allem Ungemach wieder erfolglos – in etwas sechs Wochen soll nun noch ein Versuch stattfinden …)

Ich habe auch jeden Morgen, wenn meine Frau ins Auto steigt, um die 25 Kilometer bis zu ihrer Arbeitsstelle zurückzulegen, Verlustangst. Jeden Morgen! Wenn ich mich einmal nicht so von ihr verabschiedet habe, wie ich das möchte und gewohnt bin, habe ich den ganzen Tag über besonders schlimme Visionen im Kopf. Noch schlimmer ist es, wenn sie, wie zuletzt immer häufiger an den Wochenenden über 400 Kilometer Strecke bewältigt, dabei auch auf vielbefahrenen Autobahnen, die für mich ein Albtraum der Angst an sich sind.

Ich könnte noch lange weiterschreiben über andere Verlustängste, die mich täglich begleiten, in mir hocken, von Zeit zu Zeit ausbrechen. – Aber sie sind ja nur das Eine …

Das Andere ist permanente Versagensangst.

Angst in der Schule nicht zu bestehen, eine Vorbereitung nicht ausreichend durchdacht oder quantitativ falsch bemessen zu haben, die Angst Antworten nicht geben zu können, die Angst, einen miserablen Tag zu haben. Manchmal wird das befeuert dadurch, dass tatsächlich die eine oder andere gegebene Stunde bei mir im Nachhinein ein sehr unzufriedenes Gefühl hinterlässt. „Dass hättest du ganz anders angehen müssen.“ „Damit hast du die Kinder verunsichert.“ „Das ist jetzt schon zum wiederholten Mal nicht richtig rübergekommen.“ – So klingen immerfort Stimmen in mir und verursachen mir ein Empfinden von Beklommenheit und Schwäche.

Im Grunde habe ich in jeder Situation Angst zu versagen. Das bezieht sich auch auf den häuslichen, auf den familiären Bereich. Und ich empfange Signale, dass das , wenigstens teilweise, auch tatsächlich so ist. Was mich in der Folge noch mehr verunsichert …

Von den anderen Ängsten will ich jetzt hier nicht schreiben, die eine, besonders skurrile, aber mindestens erwähnen. Es ist die Angst, selbst zu sterben, mindestens aber so zu erkranken, dass ich nicht mehr unter Menschen gehen kann. Diese Angst ist nicht so surreal wie es scheinen mag, weil sie mit anderen, mutmaßlich begründeteren, verknüpft ist. Gegenwärtig erhält sie freilich geradezu täglich neue Nahrung. Denn da ist ein Termin, nur noch etwa eineinhalb Wochen weg, dem ich mich stellen muss. Einer Operation mit etlichen Risiken …

Ich bin aber auch sehr Erschöpfung, Scham und Depression. Dabei kämpfe ich so sehr gegen letztere. Seit Jahren schon. Habe mich auf Therapien eingelassen, habe dabei gelernt. Aber ich schaffe sie nicht zu besiegen. Sie kommt unverändert in Wellen über mich, und manche davon sind stark und lang. Immer und immer wieder. Meine Ängste helfen ihr immer wieder auf die Beine und sie hilft den Ängsten. Richtig stark geworden ist sie damals vor und in Zusammenhang mit meinem Zusammenbruch.

Danach sagte mir mein Therapeut, dass das gewesen sei, als wenn es einen Akku vollständig entladen hätte und dass ich vorbereitet sein müsse, dass sich ein solcher Akku zwar immer wieder ein Stück weit, womöglich aber nie wieder völlig aufladen ließe. Vor allem dann nicht, wenn er so lange so arg strapaziert wurde, wenn er und sein „Inhaber“ schon ein gewisses Alter erreicht haben. Inzwischen weiß ich, dass er recht hatte, wie in so vielem. Er hat mir sehr geholfen, nicht zuletzt dadurch, dass er mir nie etwas vorgemacht, etwas „versprochen“ hat.

Seither gehe ich meine Wege allein, immer noch begleitet durch Medikamente, denn ich weiß, das alles therapiert ist, weiß, dass ich nichts neues mehr lernen kann über mich oder um mir zu helfen. Letztlich aber, muss ich mir selbst helfen.

So kämpfe ich also mit mir, für mich, gegen mich. Jeden Tag.

Habe mich entschieden, es nicht mit einer Beantragung von Erwerbsunfähigkeit „zu versuchen“. Habe mehrere Arbeitsbereiche durchlaufen, mich während der letzten sechs Jahre komprimiert so vielen neuen, darunter auch sehr harten Anforderungen gestellt, wie seit meiner Jugendzeit nicht mehr, vielleicht wie überhaupt noch nicht. Ich habe einsehen müssen, dass manches gar nicht mehr geht, dass ich es nicht mehr schaffe, eine reguläre 40-Stunden-Woche zu bewältigen. Musste aber auch pragmatisch entscheiden, aus Bereichen zu wechseln, die mir an sich Spaß gemacht haben.

Das, was ich jetzt beruflich tue, und der Umfang, den ich dabei zu bewältigen habe, sind grenzwertig für mich. Es schenkt mir dabei berührende, schöne Momente, die mich tragen, die ich nie übersehe. Ich übersehe überhaupt keinen schönen Moment, auch dann nicht, wenn mich Depression und Ängste fest im Griff haben. Aber ich schaffe es nicht, grundsätzlich Atem zu holen.

So wie es gestern war, ist es immer wieder symptomatisch: Es ist Nachmittag, ich sitze auf der Couch, um ein bisschen „runter zu kommen“. Ich schaffe, nur wenige Zeilen aus der Zeitung zu erhaschen, ein paar Worte zu wechseln. Dann verschwimmt alles und ich falle, ohne eine Macht dagegen zu haben, in einen komaähnlichen Tiefschlaf. Gestern dauerte er eine ganze Dreiviertelstunde. Und dann wache ich auf, und die Augen brennen mir und ich habe ein Gefühl als müsste ich weinen. Aber ich kann (natürlich) nicht …

So geht es mir, über Tage, über Wochen, über Monate, im Grunde über Jahre. Kaum ein Außenstehender ahnt etwas davon. Ich versuche zu „bestehen“, vor den mir anvertrauten Kindern sowieso. Ich lächle, zeige keine Traurigkeit, keinen Missmut. Ich kämpfe mich jeden elenden frühen Morgen aus dem Bett …

Ich kämpfe mit mir für mich gegen mich. Es wird nie mehr anders sein. Das ist mein Leben. Ein anderes habe ich nicht, ein anderes werde ich nicht mehr bekommen. Ich muss es leben, wenn ich leben will. Mein Leben. Mich.

Ich habe verstanden …

Aber ich weiß nicht, ob ich es je schaffen werde, schaffen kann „Liebes Ich“ zu mir zu sagen. Ich weiß nicht einmal, ob es wirklich gut wäre, ob es mich nicht in meine letzte Depression stürzen würde.

Umso mehr weiß ich, wie jedes „liebes Du“ mein ICH streichelt, zumal, wenn es mir von Menschen gesagt oder geschrieben wird, die mich in meiner ganzen Schwere kennen und aushalten. Das sind nicht viele, weil es viele nicht können. Und ich verstehe das nur zu gut.

*

Ich habe die letzten Tage nicht schreiben können. Das tut mir Leid für mein Tagebuch und für alle, die es lesen. Das tut mir noch mehr Leid für all die Tagebücher, die ich meinerseits mit Anteilnahme lese, und das sind einige. Ich lese sie IMMER, so habe ich es auch zuletzt getan und werde es weiter tun. Ich schaffe es aber nicht immer, ein Zeichen, eine Spur zu hinterlassen oder vor allem Gedanken, von denen ich auch IMMER mindestens einen in mir trage, wenn ich anderswo gelesen habe. Darüber bin ich traurig. Weil ich doch so gern schreibe, und am liebsten Menschen, die es zulassen, dass ich sie begleite. –

Mich reibt mein Kämpfen sehr auf. So kann und wird es wieder vorkommen, dass ich letztlich unsichtbar bleibe. Aber ich lese, ich nehme Anteil, ich bitte für alle, die ich lese. Ich bin also da. Trotzdem da. Bitte verzeiht mir, dass mehr immer mal wieder nicht möglich ist.

***

Ich höre es laut, ganz laut, und für einen Augenblick schwebe ich allem davon … :

Zucchero – „Il volo“

 

In eigener Sache (2)

Ich hatte es ja zuletzt schon einige Male angedeutet, dass ich über Veränderungen nachdenke. Veränderungen, die meinen Blog und mein Schreiben hier betreffen. Und, dass dieses Nachdenken dadurch ausgelöst und befördert worden ist, dass ich beginnend mit der nächsten Woche in ein neues Berufsfeld einsteigen werde, das von mir unter anderen zeitlich einen höheren Aufwand verlangen wird als mein vormaliges. Bis auf Weiteres sogar einen zeitlichen Aufwand, der auch etliches an bisherigen Freiraums beanspruchen wird.

Folgerichtig wird eine Veränderung sein, dass ich hinsichtlich der Anzahl und möglichweise auch der Ausführlichkeit meiner Einträge Abstriche machen muss und werde. Statt der bislang üblichen 8 bis 10 monatlichen Posts werden es mutmaßlich künftig nur (hoffentlich) noch 5 bis 7 sein können. Auch manchen Kommentar werde ich kürzer (als gewollt) halten müssen oder auch öfter als bisher mal nur ein „Like“ im Sinne: „Ich bin noch da und habe gelesen“ dalassen können.

Obwohl ich weiterhin und grundsätzlich vor allem zur eigenen Selbstverständigung und Auseinandersetzung schreibe, möchte ich ungeachtet der nötigen quantitativen Beschränkungen sehr gern die begonnenen und teils schon lange währenden Austausche mit LeserInnen meines Blogs fortsetzen, die selbst regelmäßig Blog schreiben und meinen Blog verfolgen. Mir sind diese Gespräche miteinander wichtig geworden und ich schätze die Menschen, mit denen ich sie führen kann und darf teils so sehr, dass ich sie nicht verlieren möchte. Insoweit hoffe ich sehr auf Verständnis dafür, wenn ich künftig nicht mehr ganz so präsent sein kann.

Ich behalte mir andererseits vor, einigen Blogs demnächst nicht mehr zu folgen. Die entsprechende Liste ist im Laufe der Zeit sehr lang und unübersichtlich geworden. Zudem schreiben etliche der entsprechenden BlogbetreiberInnen teils schon sehr lange selbst nicht mehr, weder in ihren Blogs, noch indem sie kommentieren. Die nebenstehende Liste wird sich also wohl in nächster Zeit nach und nach verkleinern.

Neu ist seit heute schon, dass es oben links auf meinem Portal einen neuen Button gibt mit dem Titel „Über diesen Blog und das „Sternflüstern“ “ . Klickt man ihn an, findet sich ein Text, der ein wenig darüber erzählt, wie ich zu meinem Nicknamen hier gekommen bin und der einen Einblick in die Motivation meines Blogschreibens vermittelt.

Ich habe desweiteren auch über mögliche inhaltliche und Designveränderungen hier nachgedacht. Das Design, so habe ich beschlossen, wird so bleiben, wie es ist – ich hatte ja erst vor einigen Wochen ein paar Veränderungen vorgenommen. An den Gedanken, eine völlig andere Gestaltung vorzunehmen, konnte ich mich schließlich nicht gewöhnen.

Was das Inhaltliche betrifft, werde ich mit einen Überlegungen irgendwie nicht fertig. Aber ich habe nun beschlossen, mir insoweit keinen Druck zu machen. Ich bleibe also erst einmal bei den bestehenden Rubriken.

Ob von der Ausrichtung her künftig etwa mehr Literarisches oder auch Politisches hier einfließen wird, soll sich von selbst ergeben. Ich würde gern etwas weniger „Seelenmülleinträge“ hier sehen in der Zukunft, andererseits ist mir dieser Blog immer auch als „Ventil“ und „Ablage“ ein wichtiger Begleiter gewesen.

Vielleicht hat ja jemand noch eine Anregung, einen Impuls für mich?

In jedem Falle möchte ich diesen Eintrag hier auch nutzen, um allen, die mich hier so fleißig lesen und mit denen ich mich wirklich austauschen kann und darf, ein ganz aufrichtiges Dankeschön zu sagen. Es bedeutet mir viel, dass ihr da seid. Ich hoffe, dass ihr mir ungeachtet der genannten Veränderungen gewogen und treu bleiben werdet. – Vielen lieben Dank!

***

Phantogram – „Into Happiness“

Tagebuchseite -792-

Vom Sinn sein Leben wie einen Film zu sehen

Der Vorhang geht auf. Die Bilder beginnen zu laufen. Zuerst ist noch alles vertraut. Morgenroutine. Unzählige Male so oder ganz ähnlich erlebt.

Fast alle Filme, die ich sehe, beginnen so. All die Filme, die ich sehe, die ich spüre, buchstäblich erlebe. Filme einer Reihe, die sich nicht nach Staffeln zählen lässt, obwohl sie schon abertausende Folgen zählt. Mutmaßlich werden noch einige tausend dazukommen. Vielleicht aber auch nicht, Vielleicht wird es schon die morgige nicht mehr geben. Ich habe keine Ahnung.

Obwohl ich die Hauptrolle habe in all den Filmen. Aber ich spiele sie nicht. Und ich bin nie zu sehen. Nicht für mich. Höchstens , wenn ich mal in den Spiegel schaue. Das geschieht selten. Wirklich sehen mich immer nur andere. Und es sind ihrer viele.

Möglich, dass es eines Tages ein Millionenpublikum sein wird. Aber das macht die vielen Filme der Reihe, in denen ich die Hauptrolle bin, nicht zu Blockbustern. Kein einziger dieser Filme ist das oder wird das je sein. Aber das interessiert mich nicht. Im Gegenteil, ich finde das gut und richtig so. Sie sind wahrlich genug, so wie sie sind: Familienfilm und Dystopie, Drama und Satire, manchmal auch Doku-Soap, ein bisschen Thriller oder Komödie. Nachts mitunter auch Horror oder Kriegsfilm. Leider.

Das Telefon klingelt, während ich gerade in der aktuellen Folge dieser Langzeitserie herum sinniere. Einer, die mit der üblichen Morgenroutine begonnen hat.

Als ich abnehme, kann ich dich sofort sehen, weil du schon eine Rolle hattest in meiner Serie, ein paar Stunden lang. So wie ich in deiner. Das ist schon eine ganze Weile her inzwischen. Aber seither sind unsere Serien, die Filme, in denen wir die Hauptrollen haben, miteinander verbunden. So sehr, dass ich in deinen Film hineinsehen kann, wann immer wir miteinander sprechen, so wie jetzt. Ich mag das sehr. Du erzählst und ich sehe Bilder dazu. Niemand sieht sie so wie ich.

Ich weiß, dass du es „andersherum“ ebenso erlebst.

Du sagst mir, dass du einen Star in mir siehst. Das macht mich völlig verlegen. Weil ich meine Rolle ja gar nicht spiele. So wie du deine auch nicht. Du nennst mich trotzdem einen Star. Du meinst es wirklich so.

Aber auch du bist ein wahrhaftiger Star für mich. Weil du deine Rolle bist. Weil du echt bist. Keine Schauspielerin. Deine Rolle ist von niemandem geschrieben worden. Deshalb ist sie so wundervoll. Und einzigartig sowieso.

Jetzt bist du verlegen. Ich weiß …

„Die Filme, die ich als Kind gesehen habe, die Hoffnungen und die Träume, geben den echten Dingen keinen Kredit. Ich liebe die Filme“

Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich mir schon von frühen Kindestagen an mein Leben tatsächlich immer wieder wie einen Film vorgestellt habe. Nicht, um ein Star zu sein für andere. Sondern, um ich selbst sein zu können. Mein eigenes Ich.

Du, die du in mir einen Star siehst, hast das, hast mich verstanden.

Ich dich auch.

Nicht nur unsere Filme sind miteinander verbunden.

Ich lege den Telefonhörer wieder auf. Für heute schließt sich der Vorhang. Die Morgenroutine ist vergessen …

*

Diesen Text, der an keiner einzigen Stelle fiktiv ist, habe ich, von einem Lied inspiriert, geschrieben. Das Lied hat den Titel „Movies“ und ist gerade eben erschienen. Text, Melodie und das (besondere und interessante) Arrangement dieses Liedes haben mich, sehr unterstützt durch die wunderschöne Stimme der Sängerin Weyes Blood, schon beim ersten Hören in ganz spezifischer Weise erschauern lassen. Und als ich dann diese Musik lauter stellte, wurde dieser Schauer zu einem unbeschreiblichen Fühlen. Im selben Augenblick wurden die Gedanken da oben geboren, die zu ihrem Ende hin, eingeleitet durch das kleine Zitat, das eine Textpassage aus dem Lied ist, der Botschaft des Liedes folgen.

Ich weiß, dass das der Sinn der Inspiration war, die ich von diesem unglaublich schönen Lied empfangen habe.

Es ist purer Zufall, dass ich ein anderes Lied, „Used to be“, von Weyes Blood erst vor wenigen Tagen hier geteilt habe. Ich tat das, weil ich die Sängerin gerade „entdeckt“ hatte, obwohl sie schon seit Jahren viele Songs und auch Alben veröffentlicht hat. Aber wie das so ist, Indie-Musik muss erst gefunden werden. (Denn im Radio läuft sie ja kaum.) Das macht einen Teil ihrer Schönheit aus.

***

Hier nun aber jenes wundervolle, aktuelle Lied (und ein tolles Video dazu) , ohne das es meinen heutigen Eintrag in mein Tagebuch nicht gäbe (Hört es gern etwas lauter!):

Weyes Blood – „Movies“

 

In eigener Sache

Es sind ein paar Wochen vergangen seit dem ich meine Tagebuchseite -631- beschrieben habe. Seither hatte ich überwiegend eine sehr schwere Zeit, die ich viel auch zum Nachdenken über mein Schreiben verwandt habe. – Was ich auf jener Tagebuchseite beschrieben habe, ist nach wie vor nicht aus der Welt. Ich habe deshalb und überhaupt ein paar Entscheidungen getroffen, was das Bloggen (Schreiben) hier angeht. – Im Einzelnen sind das vorerst folgende Dinge:

Ich werde hier tendenziell weniger schreiben – es wird eher der Rhythmus der vergangenen drei, vier Wochen sein als der vormalige. Das Schreiben an diesem Ort ganz lassen kann und will ich nicht. Dazu bedeutet es mir zu viel, und dazu bedeutet mir der Austausch mit einigen Menschen hier inzwischen so viel, dass ich das nicht einfach abbrechen kann und will. Manche der „Blogbeziehungen“ zu jenen Menschen haben für mich über die Jahre, die sie teilweise bestehen, wirklichen Freundschaftscharakter gewonnen oder sind tatsächlich wirklich oder sogar reale Freundschaften geworden.

Einigen Blogs aber werde ich nicht mehr folgen (einige habe ich schon aus meiner Followerliste gestrichen oder tue das heute.) Die Gründe sind unterschiedlich.

Bei den nachfolgend genannten hat es vor allem mit dem zu tun, was ich auf meiner Tagebuchseite -631- thematisiert hatte. Auf diesen Blogs würde ich mit Sicherheit jener Person wieder begegnen, die mich auf so üble Weise verleumdet und beleidigt hat. Dem aber kann und will ich mich nicht aussetzen, vor allem aus Gründen meiner Krankheit nicht. Deshalb bitte ich die betroffenen Blogbetreiberinnen sehr um Verständnis. IHR seid nicht der Grund für meinen Rückzug. Aber für mich ist es alternativlos, mich zu verabschieden. – Ich tue das hier und heute von :

– Dark Moonshine (das tut mir sehr, sehr Leid – für Dich werde ich nie aufhören zu beten!)
– Mädchen in Rot
– Feuerkuss
– Sanguine (Lyrik)
– miasraum (Mia)
– domaboblog (Doris und Michelle – auch das fällt mir sehr schwer)

Von Nachfragen bitte ich abzusehen. Ich möchte und werde mich zu oder über die betreffende Person nicht äußern, nicht öffentlich und auch nicht auf anderem Wege.

Ebenfalls verabschiede ich mich von den nun genannten Blogbetreibern – hier sind die Gründe andere, zumeist solche wie, das auf den betreffenden Blogs schon länger nicht mehr geschrieben wird, aber auch, dass der Austausch letztlich sehr einseitig geblieben ist. Ich bedanke mich für gemeinsame Blogzeit bei:

– The Secretly
– Alltagsfreak
– silenthalf
– WorTüfteleien
– Yuna’s Atemzüge
– Herzgeschreibsel

Bei den „weiteren Blogs, denen ich folge“ sage ich

– Neues aus der Stille

„Auf Wiedersehen“.

– crashthoughtsblog (sehr schade!)
– Bjutieblog (leider auch)

… haben ihre Blogs vor Kurzem gelöscht. Für den Fall, dass die beiden Betreiberinnen das hier noch lesen , möchte ich einen lieben Gruß hinterlassen.

Im Weiteren behalte ich mir vor, dass ich, falls das nötig sein sollte, einzelne meiner Beiträge hier „geschützt“ schreiben oder auch den gesamten Blog „geschützt“ führen werde. – Wenn das erforderlich würde, müssten diejenigen, die mir dennoch weiter folgen möchten, dann eine Anfrage senden. Ich würde dann jeweils im einzelnen Fall entscheiden. Ich hoffe freilich, dass das „geschützt Schreiben“ letztlich nicht nötig sein wird.

Was inhaltliche Dinge angeht, bin ich mit meinen Überlegungen noch nicht ganz zu Ende. Versuchen werde ich, bedachter zu schreiben. Aber ich möchte in und durch meine Texte dennoch ICH bleiben und meiner ursprünglichen und nie aufgegebenen Motivation ein Blogtagebuch zu führen, weiter treu bleiben.

Wegweiser durch diesen Blog

Tagebuchseiten:

Hier sind meine Reflexionen über Ereignisse und Begegnungen im Alltag ebenso zu finden, wie meine Gedanken über „Gott und die Welt“ – in loser Folge, ohne Ordnung …

(Mit Beginn des Jahres 2017 erscheinen einige meiner Tagebuchseiten als Selbstgespräche . Grund dafür ist eine umfassendere Idee, die ich schon lange in mir trage. Vielleicht entsteht aus den entsprechenden Texten irgendwann ein Weg, der zu ihrer Realisierung durch mich führt. Vielleicht …)

Sentenzen:

Nachdenkliches zu Themen, die mich immer wieder und nachhaltiger bewegen und beschäftigen, die in meinem und für mein Leben zumeist eine wichtigere Rolle spielen.

Verse:

Einige meiner Versuche, Gedanken, Eindrücke, Reflexionen und Ansichten in lyrischer Form zu verarbeiten.

Gedanken zu Aphorismen:

Was immer ich auch lese, ich spüre darin aus meiner Sicht interessante Sinnsprüche auf. Einige von denen, die mich besonders inspirieren, zum Nachdenken anregen, meinen Widerspruch herausfordern, bespreche, diskutiere ich hier.

Zwischenstopps:

Texte oder Begebenheiten über die ich „gestolpert“ bin, darunter Merkwürdiges, Skurriles, Witziges, Unglaubliches – manchmal mit kurzen Kommentaren von mir versehen. (mitunter auch Musiken, mit denen ich mir einen Zwischenstopp genehmige …)

Sammelsurium:

Hier finden sich von mir verfasste, kleine Rezensionen zu Büchern, die ich gelesen habe, eigene Gedanken in Aphorismenform, die ich zur Diskussion stelle, und Sonstiges, was mir mitteilenswert erscheint.

Prolog

Die Fortsetzung eines Blogtagebuchs

Nein, ich bin nicht neu in der Blogwelt. – Aber aus der, in der ich bisher ein Domizil gefunden habe, bin ich vertrieben worden, so wie alle anderen dortigen user auch.

Im September 2011 habe ich begonnen, ein Blogtagebuch zu schreiben. Ein Tagebuch, das nicht nur „Tagebuchseiten“ im engeren Sinne enthielt, sondern auch tiefergehende Gedanken zu speziellen Themen („Sentenzen“), „Gedanken zu Aphorismen“ unterschiedlichster Autoren, eigene „Verse“ bzw. Gedichte, „Zwischenstopps“, die skurrile, merkwürdige, interessante kleine Auffälligkeiten thematisierten oder ein Musikstück vorstellten, jeweils anregend zum Nachdenken oder Innehalten, und schließlich noch ein „Sammelsurium“, in welchem neben eigenen Rezensionen von Büchern und selbst verfassten Aphorismen alles zu finden war, was mir sonst noch des Aufschreibens und Bewahrens wert gewesen ist.

So will ich es auch auf diesem, nun neuen Portal, wieder halten – die fünf genannten Kategorien werden sich hier als die von mir verwandten Labels (Tags) wieder finden.

Einiges hier auf dem neuen Portal ist noch sehr gewöhnungsbedürftig für mich. Ganz so, wie mein früheres Blogtagebuch, das mir selbst sehr sympathisch geworden war, ist es noch nicht – wird es vielleicht auch nicht wieder werden können. Denn bislang ist es mir nicht gelungen, die bisher in meinem Tagebuch verfassten Einträge hierher zu importieren. Ob das noch klappen wird?

Aber einen gewissen Wiedererkennungseffekt sollte es immerhin hier wohl geben. Und so hoffe ich, dass mir viele meiner bisherigen Blogfreundschaften, von denen mir einige wirklich sehr viel bedeuten, hierher folgen, mich auch hier begleiten werden.

Epilog

Zwangsräumung

Nein,ich habe hier keine Miete bezahlt. Aber mein Vermieter hat dennoch an mir verdient, vermute ich zumindest. Gegenteiliges hat er mir nicht mitgeteilt. Er hat mir, was Gründe betrifft, gar nichts mitgeteilt. Aber nun hat er mir trotzdem gekündigt. Mir und allen anderen, die hier in diesem Haus gewohnt haben. Mir und jenen, mit denen ich hier Freundschaft geschlossen habe und von denen mir einige sehr wichtig, ein paar sogar buchstäblich wertvoll geworden sind.

Ich möchte niemanden davon verlieren, aber ich ahne, dass es im einen oder anderen Fall doch so kommen wird. Denn jetzt zerstreut es uns in viele Winde, und nirgendwo in den anderen Blogwelten gibt zum Beispiel eine PN-Funktion. So wird es schwer bis unmöglich werden, über das eigentliche Kommentieren hinaus, einen Austausch zu pflegen. Zudem hat es ja gerade vor Kurzem meinen alten Rechner erledigt, und bei den Daten, die ich nicht retten bzw. übertragen konnte, waren nun ausgerechnet Mailadressen dabei …

Nun muss ich sehen, wer mir weiter folgen wird, wen ich wie weiter begleiten können werde.

Bei SAStone ist es mir ganz besonders wichtig, aber da besteht, Gott sei Dank, keine Gefahr, sich zu verlieren.

Sehr hoffe ich auf weiteres gegenseitiges Begleiten und auch ein bisschen Austausch über die Blogwelt hinaus in unterschiedlicher Weise mit wortReich, mit TashBomvile, mit riverjessie, mit ilarya, mit yzemii, mit dieStachelbeeren, mit Mademoiselle, mit Blacksmile, mit for-you mit Michelle und Vika-and-Joy

Und schließlich würde ich auch gern weiter mit Panakita, mit Lebensgefühl, mit glücksmoment, mit SuseGu, linda12 und Lavinia-Addle in Verbindung bleiben und auch mit Alcanivorax, shace und Anish, die aber zuletzt hier schon jeweils längere Zeit gar nicht mehr geschrieben haben.

Ihr alle könnt mir, bitte (!), solange es noch geht noch per PN schreiben. Zum Lesen und ggf. auch Kommentieren werde ich hier bis zum „bitteren“ Ende bleiben. Neue Posts werde ich allerdings nun nicht mehr hier verfassen, weil ich befürchte, dass schon bald der Support hier sehr nachlassen wird und diverse Funktionen mehr oder weniger zu hakeln beginnen.

Wenn ich Euch allen nun hier Dankeschön, für die lange und für mich sehr bereichernde, sehr schöne Zeit mit Euch sage, dann kommt das aus tiefstem Herzen. Und es soll keineswegs wie ein Abschied klingen. Vor allem nicht von jenen, die ich hier in diesem Post erwähnt habe.

Ich bin nun dabei umzuziehen. In mein neues, mir selbst doch noch arg fremd seiendes „Blogzuhause“ gelangt Ihr, wenn ihr HIER klickt.

Ich trage Euch alle im Herzen und freue mich sehr auf Euch!

Euer schweitzer!

unerfüllt

unerfüllt

ich möchte so viel sagen
und sage doch nichts,
ich möchte so viel schreiben
und schreibe doch nichts,
ich möchte erleben,
doch DAS erlebe ich nicht.

worüber also reden und schreiben?

leben, das ist: laut, ist bunt,
ist schrill und schnell,
ist unsagbar viel,
und schreiend: „mehr, neuer, imposanter!“
und oft, sehr oft, tut es weh.

ich höre ALLES.
ich sehe ALLES.
ich rieche, ich schmecke, ich fühle:
ALLES!

MEIN leben ist in mir,
lebt in mir:
leise aber intensiv,
pastell seiend und tiefe,
unendliche tiefe,
und flüsternd: „sanfter, bescheidener, bewahrender!“
und oft, sehr oft, tut es weh.

zwei schmerzen machende,
zwei schmerzende leben.
in dem einen fehlt,
was ich mit dem anderen so sehr suche:
reine, aufrichtige, LEBEN lassende:
LIEBE!

Tagebuchseite -488-

Die süßen Empfindungen der Depression

Wenn ich mich nur fortschreiben, wegschreiben könnte, von der Traurigkeit, die immer wieder so Besitz von mir ergreift, dann täte ich es. Aber fortschreiben gelingt nicht, so wenig wie weglaufen oder ausweichen. Das Leben kommt zu mir, wie es ist, und ich muss es so nehmen, mit ihm umgehen.

Solange ich selbst lebe, leben will, wird es nicht anders sein.

Das Leben, das zu mir kommt, ist schon seit einer kleinen Ewigkeit kein so Schlimmes mehr, es ist für mich gemacht, für mich aufbereitet. Damit ich mich erholen, Kräfte sammeln kann. So vieles und so viele, das und die Rücksicht auf mich nehmen.

Und doch werde ich immer wieder traurig. Sehr traurig. Und ich bleibe es. Lange manchmal. Gerade jetzt hält es schon wieder Tage an.

Die Kirschen vor mir auf dem Teller sind wunderschön. Wie gemalt, einige in zartem gelbrot, andere tief beerenfarben wie ein samtener Rotwein. Sie glitzern im Licht und sie schmecken süß. Ihr Saft prickelt kühl in meinem Mund.

Ich habe die ersten Kornblumen in Natura gesehen. Viele, an einem Feldrain an einer stark befahrenen Straße. Ich überlege, wie ich mit dem Fahrrad heil dorthin und wieder zurückkommen könnte. Ich hätte so gern ein bisschen, eine ganz kleine Handvoll, Kornblumenblau hier bei mir daheim. Kornblumen sind meine kleinen blauen Sonnen, einzigartig in ihrem Blau.

Gestern haben wir eine Pizza gebacken. Gemeinschaftlich komponierte Kreation, duftend im Küchenherd. Ich habe meine Portion ganz langsam verzehrt. Ich mache das seit einer Weile bewusst öfter so. So schmecke ich jede Nuance, schmecke, wie sehr reich mein Leben doch ist. Jede Kartoffel, jedes Stück Brot, jeder Früchtetee schmeckt unendlich reich. Wie privilegiert ich doch bin!

Auf einem Tisch auf unserem kleinen Plattenbaubalkon verstreuen wir Wildvogelfutter. Auch jetzt im Sommer. Im Winter kamen auch Meisen, jetzt ausschließlich Sperlinge. Manche picken friedlich, manche schubsen die Körner und Spelzen ungeduldig mit ihren Schnäblein hin und her und vom Tisch herunter oder streiten sich wiederholt aufflatternd und hinterlassen so immer wieder ein wahres Schlachtfeld, das sie schließlich noch mit weiterem Unrat verzieren. Aber wir mögen sie, ich mag sie, diese kleinen Gesellen, sie bringen mich zum Lächeln. Sie sind so ehrlich, wie sie sind. Und so lassen wir sie unseren Balkon mittlerweile mehr besitzen als wir selbst das tun. Einem kleinen, etwas dicken Spätzlein haben wir sogar schon einen Namen verpasst: „Kugel“. Er kommt regelmäßig …

Ich tauche ein in Lieder in Musiken, und ich lese. Gerade bemerke ich stärker und intensiver denn je, wie unfassbar gut und exakt Autoren das Leben zu lesen vermögen, wie gut und präzise sie die Psychen der Menschen zu lesen, zu analysieren, zu verstehen und mit ihnen zu spielen vermögen. Phantastisch! Ich finde mich in so vielem wieder und gehe mir gleichzeitig sehr verloren. Warum nur?

Eine unerwartete kleine Nachricht überrascht und erfreut mich. Ich versuche, mir kleine Ziele zu setzen und empfinde ein bisschen Stolz, wenn ich sie zu erreichen vermag. Alle Ziele erreiche ich freilich nicht.

Die Luft draußen ist überwiegend kühl, manchmal von Regentropfen geschwängert, manchmal von durch die Wolken brechenden Sonnenstrahlen in Streifen gemustert. Wie ein Reigen tanzen sie durch die Welt, in die ich immer wieder gehe, um zu spüren, zu fühlen, zu empfinden, Wind und Regen, Wärme, die Düfte der Natur. Um mich nicht zu sehr einer jener Engen und Winkel zu ergeben, die ich mir oft als behütenden Hort suche.

„Das machst Du alles richtig“, höre ich Menschen zu mir sagen.

Wenn das stimmt, dann ist auch meine Traurigkeit wohl richtig. Denn sie geht nicht fort, sie kommt immer wieder zu mir zurück. Manchmal nimmt sie sich kleine Auszeiten, zwar, aber nur solche, wie Raucher sie nehmen, wenn sie auf eine Zigarettenlänge vor die Tür gehen.

Dabei ist mein Leben gerade so sehr für mich aufbereitet, und ich versuche doch, „es richtig zu machen“, es mit meinen Sinnen zu erfassen, mich darauf einzulassen, mich nicht zu verkriechen.

Manchmal denke ich, dass ich nur die Wahl zwischen Angst und Traurigkeit habe, so sehr ich mich auch dagegen wehre. Dass das so ist. Seitdem die Tabletten meine Ängste, meine Panikzustände, etwas dämpfen, ist, glaube ich, noch mehr Platz da, für die Traurigkeit.

Warum ist das so? Wie soll das werden, wenn ich wieder arbeiten gehe?

Ich beginne wieder mehr, mich über mich selbst zu ärgern …

Warum kann ich nicht einfach leben, unbeschwert leben?

Sammelsurium -67- (Fünf Sprüchlein, eine "Idee" und eine Andacht)

Mein heutiges Sammelsurium verdient seinen Namen als solches, und ganz für sich allein. Denn in ihm sind nicht nur, wie schon oft, ein paar Sprüchlein aus meiner Feder enthalten, sondern darüber hinaus noch ein Gedanke, der spontan meinen Hirnwindungen entsprungen ist, und weiter keck in ihnen herumspaziert. –

Darüber hinaus gibt es dann auch noch etwas anderes zu lesen bzw. zu hören von jemandem, der nicht ich ist. Vielmehr ist er Pfarrer, um genau zu sein, evangelischer Pfarrer im Ruhestand. Er ist in Bonn daheim, heißt Burkhard Müller, und hat eine meiner Meinung nach sehr bemerkenswerte Morgenandacht gehalten, heute früh, um 6.35 Uhr auf dem DLF.

Sogleich ging es auf der Facebookseite „Evangelisch im Deutschlandradio“ ziemlich zur Sache.

Ich fand die Andacht großartig. Ein rechtes Wort zur rechten Zeit. Wenn, dann wünsche ich mir Kirche SO!

Aber der Reihe nach. Erst mal die Sprüchlein und dann das Weitere …

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Unsere Gesellschaft beruht auf Konkurrenzdenken. Das mag einmal ihr Segen gewesen sein, nunmehr ist es vor allem ihr Fluch.

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Der Wert eines Menschen bemisst sich am allerwenigsten in „Likes“.

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Unsere Welt leidet an nur einer einzigen Krankheit: Der Gier! Die tritt allerdings in vielfältigsten Erscheinungsformen auf.

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Die umfassendste Freiheit kann letztlich nur Freiheit im Denken sein.

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Träume teilen zu dürfen, steht dem teilen Dürfen von Glück sehr nahe. Selbst, wenn es sich um Albträume handelt.

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Übrigens:

Da der Schönheitswahn unzweifelhaft längst auch die Gemüseregale der deutschen Supermärkte erreicht hat, wären Überlegungen, der Sendereihe „Germanys Next Topmodel“ noch ganz andere Dimensionen zu verpassen, doch gar nicht mehr so abwegig …

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Die Andacht des Pfarrers i.R. Burkhard Müller (Bonn):

„Ein Wort, geredet zu rechter Zeit, ist wie goldene Äpfel auf silbernen Schalen.“

So redet die Bibel von hilfreichen Worten, die Hoffnung und Leben stiften.

Als 2008 in der beginnenden Finanzkrise Menschen anfingen, in großen Mengen Bargeld abzuheben, haben Angela Merkel und Peer Steinbrück öffentlich versprochen: Die Sparbücher sind sicher.

Sie retteten die Situation. Dafür hätten sie goldene Äpfel auf silbernen Schalen verdient.
Eine Zitrone statt eines goldenen Apfels verdient dagegen eine Äußerung am Anfang dieses Jahres aus „Regierungskreisen“ in Berlin. Mitten im griechischen Wahlkampf hieß es, ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro sei wirtschaftlich kein Problem.

Also war ein Grexit denkbar? Bei so unsicherer Zukunft legt kein Investor auch nur einen müden Euro in Griechenland an! Und die reichen Griechen schaffen ihr Geld ins Ausland. Der beginnende Aufschwung kippte nach unten.

Dagegen hätten Politiker Goldene Äpfel auf silbernen Tabletts verdient, wenn sie gemeinsam erklärt hätten:

Der Euro bleibt in Griechenland sicher!

Seit 2008 geistert durch die bundesdeutsche Sprachlandschaft die Rede von der sparsamen schwäbischen Hausfrau. Sie scheint das geheime Leitmotiv und volkswirtschaftliche Programm für die Sanierung Griechenlands geworden zu sein: Sparen, sparen, sparen.

Aber mit Sparen allein macht man keinen Aufschwung. Das Ergebnis in Griechenland ist ein unvorstellbarer Armutsschub nach unten.

Die Schuldfrage ist lang und komplex. Armut und Arbeitslosigkeit sind hart und direkt. Sparen jedenfalls ist kein Wort zu rechter Zeit mehr. Ein Marshallplan muss her. Die Schwäbische Hausfrau muss mit einer sauren Zitrone aus dem volkswirtschaftlichen Denken Europas verabschiedet werden.

Irren ist menschlich. Darum bekommt das beliebte Narrativ vom fleißigen Deutschen und vom faulen Südländer keine Zitrone, aber auch keinen goldenen Apfel.

Die Zitrone geht an die Presse, die statt rechter Worte falsche Zahlen verbreitet: 56 Jahre sei das von den Griechen zum Sparen angebotene Renteneintrittsalter, im Land der anständigen schwäbischen Hausfrau seien es real 64 Jahre – meldet Bild.

Und Hausfrau, Wolfgang Bosbach und die Kritiker der Euro-Rettungspolitik fühlen sich für ihre Strenge moralisch gerüstet. Durch Wiederholung wie Sonntag bei Günther Jauch werden die Zahlen nicht richtiger. Faule Zahlen sind das, nicht faule Griechen.

Kein Jahr sind nach OECD-Zahlen das griechische und das deutsche Renteneinstiegsalter auseinander, bei rund 61 Jahren. Und beim Urlaub sind die Deutschen spitze.

Noch eine Zitrone für Worte vom letzten Wochenende: „Der rotzfreche Tsipras solle seine Hausaufgaben machen“, sagte Volker Kauder und verlängert eine lange sprachliche Entgleisungs-Geschichte, in der man spöttisch, von oben herab und ohne Respekt von der griechischen Regierung spricht.

Wahrscheinlich denkt er bei den Hausaufgaben an das, was die Troika den Griechen ins Aufgabenheft geschrieben hat.

Hausaufgaben sind aber für eine demokratisch gewählte Regierung immer erst die Willenserklärungen ihrer Wähler. Und die Griechen wollten: keine weitere Verarmung der Armen!

Ich fürchte, dass unsere Politiker so oft und so böse über die griechische Regierung geredet haben, dass sie jetzt nicht zurückrudern können, selbst wenn sie aus humanen, wirtschaftlichen, europäischen oder geopolitischen Gründen Griechenland nicht pleite gehen lassen wollten.

Eine Griechin, der ich gestern meine Gedanken für diese Sendung erzählte, sagte: „Das ist ja alles falsch! Griechenland braucht den Grexit!“ und verpasste so mir eine Zitrone.

Gestern wollten die Finanzminister der Eurozone ihre sehr verschiedenen Ansichten auf einen Nenner bringen. Was dabei herausgekommen ist, haben Sie … in den Nachrichten gehört. Verdient das den goldenen Apfel, weil es Leben und Hoffnung näher bringt? Oder die bittere Zitrone? …

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Zum Nachhören der Andacht gibt es nachfolgenden Link:

http://static.evangelisch.de/get/?daid=UcE2IVtX0E7WYQHf6ngQyuT100106681&dfid=a-mp3

Tagebuchseite -487-

Die Spuren einer Möwe

Strände sind mystisch, sind magisch.

Ich setze meine Schritte in den weichen Sand, dort, wo er wie unberührt ausschaut, im Vorhof der heran brandenden Wellen. Wenn ich zurückblicke, sehe ich nur diese, meine Spuren in dem Sand. Wie die eines Pioniers, der eine neue, unerforschte Welt zum ersten Mal betreten hat.

Dabei stimmt das gar nicht.

Denn das heran brandende Wasser hat zuvor schon unzählige Spuren anderer „Pioniere“ gelöscht. Das Antlitz des Sandes war und ist nicht so glatt, so rein, so unberührt, wie es das vorgibt.

Meine Spur, ihre Einzigartigkeit, war nur für kurze Zeit sichtbar. Schnell wurde sie weggewaschen. Unsichtbar gemacht.

Wenn das Wasser das Leben wäre, könnte das eine Metapher sein. Eine Metapher dafür, wie schnell das Leben unzählige Spuren wegwäscht, wieder verschwinden lässt, unsichtbar macht.

Hat sie, meine Spur, außer mir, überhaupt jemand gesehen, für den kurzen Augenblick ihres Daseins? Und wird dieser „Jemand“ sich irgendwann an sie erinnern? – Wie winzig klein diese Wahrscheinlichkeit ist …

Ich sehe eine kleine Lachmöwe vor mir im Sande tänzeln. Auch sie ist in diesem Augenblick ein Pionier. Sie macht, dass ich mich erinnere. An den Tag als Du hier warst, und wir am Hafen ebenso eine Lachmöwe beobachteten, gerade so tänzelnd, wie diese jetzt hier am Strand. Und wie sehr Dich ihr Tanz amüsiert hat, immer von dem einen Bein aufs andere und zurück, so grazil, so fein, so engagiert, wie eine freudig erwartende Ungeduld.

Während ich aus meiner Erinnerung zurückkehre an den Strand, bemerke ich, dass die Möwe immer noch vor mir her tanzt. Einige der Spuren, die sie in den Sand getanzt hat, sind inzwischen schon unsichtbar. Aber sie setzt immer wieder neue, für einen Moment sichtbare, hinzu. Das geschieht so, fortgesetzt, solange sie dem Wasser nahe bleibt.

So habe ich länger Zeit, ihre Spuren anzusehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich später an sie zu erinnern vermag, wird mit jeder Sekunde ein kleines bisschen größer.

Wenn das Wasser das Leben wäre, könnte auch das eine Metapher sein. Eine Metapher dafür, nahe am Leben zu bleiben, dem Leben nahe zu bleiben. Und so Spuren zu hinterlassen, an die sich der eine oder andere erinnern wird.

Mir geht es gar nicht so sehr um die Spuren. Um die Erinnerung schon.

Als Du damals hier warst, waren wir an keinem Strand. In keinem Sand konnte ich Deine Spuren sehen. Und schon gar nicht auf den Pflastern der Hafenpromenade, der Stadt, in der ich lebe.

Aber in meiner Seele hast Du eine Spur hinterlassen, dadurch, dass und wie Du Dich an der tanzenden Lachmöwe erfreut hattest.

Es war und ist nicht die einzige Spur geblieben. Je mehr Deiner Spuren ich fand, um so mehr vermochte ich Dir nahe zu bleiben – Du warst, Du bist, wie ein Wasser. Ich erkannte und erkenne in Dir Leben, ein Stück jenes Lebens, wie ich es mag, wie ich es mir wünsche, erträume.

Die Spuren, die in meiner Seele sind, kann kein Wasser mehr unsichtbar machen. Weil sie in mir Erinnerung geworden sind und bleiben. Keine Erinnerung lässt sich je ganz wegwaschen.

Deine Spuren sind schöne Spuren. Spuren eines Lebens, wie ich es gern habe, wie ich es allen Menschen wünsche. Manchmal setzt Du inzwischen ganz bewusst welche für mich in den Sand, auf ein Pflaster, in und zwischen Zeilen. Du malst sie, Du schreibst sie, manchmal traust Du Dich auch, sie zu sagen: Deine Spuren, die sind, wie die einer tanzenden Möwe, so grazil, so fein, so engagiert. Und ganz und gar authentisch.

Es ist wundervoll, dass sie in mir bleiben werden. Und es ist wundervoll, dass Du immer wieder neue Spuren setzt, die Du mich sehen, mich spüren lässt und die, alle, meine Seele nähren, meine Erinnerungen neuer und größer machen, mich und mein Leben auf diese Weise bereichern.

Darüber bin ich so froh …

Tagebuchseite -486-

Welche Farbe hat die Welt?

Die Welt hat die Farbe, in der du sie sehen möchtest, die du ihr gibst. –

Ich weiß nicht, ob diesen Satz, diesen Gedanken so schon einmal jemand vor mir gedacht, gesagt oder aufgeschrieben hat. – Jeder Therapeut würde mich wohl beglückwünschen, diesen Satz gefunden zu haben. Er würde sagen, ich sei auf einem richtig guten Weg, wenn ich ihn selbst „erdacht“ hätte. Und wenn ich ihn gar überzeugen könnte, dass ich diesen Satz auch zu leben vermag, würde er meinen: „Jetzt sind wir am Ziel unserer Therapie! – Sie sind wieder heiler!“

Ich weiß nicht, weshalb dieser Satz zu mir gekommen ist, vielleicht, weil mein Unterbewusstsein nach wie vor auf der Suche ist, weil es bemerkt, dass ich nicht froher und unbeschwerter werde. –

So wie er nun da steht, dieser Satz, egal ob ich nun sein Urheber bin oder jemand vor mir ihn schon mal so oder so ähnlich gesagt oder gedacht hat, erscheint er mir, je länger ich ihn mir vergegenwärtige, immer weniger „weise“. Denn er stimmt nicht. So absolut, wie seine Aussage ist, stimmt er nicht.

Kein Winter wird wirklich bunter, wenn ich ihn mir bunter vorstelle. Kein Krieg wird weniger grausam oder hört gar auf, weil ich mir das in meiner Phantasie wünsche. Kein Folterer wird weniger grausam handeln, wenn ich ihn eindringlich flehend ansehe.

Die Welt ist wie sie ist.

Aber sie ist nicht so wie ich sie sehe. – Nichts ist so, wie ich es sehe. Nichts ist so, wie es von einem einzelnen Menschen gesehen wird. Weil es, wenn es nur ein einzelner betrachtet, zu wenig objektiv wahrgenommen wird. Grundsätzlich jedenfalls.

Jede Wahrnehmung wird durch unser Ich gebrochen, wie durch eine einzigartige, unikate Linse. Weil jeder von uns, jeder einzelne Mensch ein Unikat ist.

Wenn ich aber die Welt nicht zu sehen vermag, wie sie tatsächlich ist, wie soll ich sie dann in der Farbe zu sehen vermögen, die ich mir wünsche? Dazu müsste ich die Linse, durch die ich sie sehe, auswechseln, mich auswechseln, ein anderes Unikat werden, eines das nicht objektiver aber eben bunter zu sehen vermag.

Ich weiß, dass wenn ich jetzt die Frage stellte, was daran besser sein soll, die Antwort lautete: „Besser daran wäre, dass Du nicht so an der Welt leiden würdest. Ein Blick auf sie würde Dir mehr Freude, vielleicht gar ein bisschen mehr Zuversicht schenken. – Im Übrigen, wenn Du weißt, dass Du die Welt ohnehin nicht zu sehen vermagst, wie sie wirklich ist, warum dann nicht wenigstens ein bisschen bunter?“

Gegen diese Frage ist schwer zu argumentieren, und jeder Therapeut weiß das. Wahrscheinlich auch meiner.

Das ist aber nicht der einzige oder gar wichtigste Gesichtspunkt, weshalb ich mich durch diese Frage in die Enge gedrängt fühle. Vielmehr ist es mein Empfinden, dass ich mir bewusst selbst etwas vormachen würde, wenn ich versuchen würde, mir die Welt in schöneren Farben zu malen – es wäre konträr meinem Bestreben, sie doch so objektiv als möglich sehen zu wollen, meinem Bestreben, anderen Menschen gegenüber so authentisch, aufrichtig, mich nicht verleugnend zeigen und verhalten zu wollen.

Nein, der Satz, der Ausgangssatz dieses Textes hier, ist nicht richtig, er ist nicht annehmbar, für mich. Er fordert zur Lüge auf! – Warum nur ist er mir dann dennoch in den Sinn gekommen, habe ich ihn vielleicht gar selbst ersonnen? Nimmt meine Suche nun derartige Wege? Ist das ein Ergebnis meiner bisherigen Therapien?

Nein, ist es nicht – ich habe ja immerhin noch erkannt, dass der Satz eine Lüge ist, dass ich mich nicht nach ihm richten kann und werde, so wie er da steht.

Dennoch verunsichert mich das Ganze.

„Die Welt hat die Farbe, in der du sie sehen möchtest, die du ihr gibst.“

Man , oder besser, ICH könnte immerhin versuchen, den Satz ein bisschen anders zu lesen und zu interpretieren, wo er nun schon mal durch meinen Sinn geistert, und diesen, wie alles, was darin herum wabert eh‘ nicht mehr oder zumindest nicht so schnell wieder verlassen wird. So der Satz, ein bisschen anders formuliert, auch lauten:

„Übersieh‘ die Farben nicht! Versuche sie zu sehen, bewusst, überall da, wo welche sind. Und versuche auch nach ihnen zu suchen, da, wo sie dir nicht sogleich sichtbar sind. Dann siehst du, spürst du besser, dass die Welt auch bunt ist, und, wie bunt sie ist.“

Ja, damit könnte ich wohl leben. Das zu versuchen. Mich an diese Art des Versuchens so oft und so bewusst als möglich zu erinnern.

Schwer genug wird das, ist das! Für mich. Aber es wäre keine Lüge!

Ich hatte noch nie das Gefühl, mein eigener Therapeut sein zu können. Bis auf gerade jetzt. Wenigstens so ein ganz kleines bisschen …

*

Es gibt ein Lied mit gleichem Titel wie mein heutiger Eintrag ihn trägt. Dieses Lied wird wohl gemeinhin in die Kategorie „Schlager“ einsortiert. Und sein mittlerweile verstorbener Sänger gilt vielen wohl auch als „Schlagerbarde“.

Viele Schlager mag ich nicht. Aber einige sind irgendwie spezieller als die vielen sonstigen, sie haben einen guten Text, sie sind in ihrer Art eigen, mehr Lied, manche gar mehr Chanson. Der Schlager mit dem Titel „Welche Farbe hat die Welt?“ ist auf seine Art für mich so ein spezieller. Und die Bilderserie, die derjenige, der ihn ursprünglich hochgeladen hat, dazu erstellt hat, finde ich ziemlich beeindruckend:

Tagebuchseite -485-

Freundschaftspsychologie während der Reise mit dem „One-Way-Ticket“

Es ist eine Eigenart, die allen meinen wenigen wirklichen Freundschaften eigen ist: Es sind Fernbeziehungen.

Mal eben eine zufällige Begegnung in der Stadt mit einem Freund oder einer Freundin, eine spontane Einladung zu einem Tee und ein bisschen Gespräch, ein kurzfristiger Besuch an dem einen oder anderen Tag oder Wochenende, all das gibt es bei Freundschaften, die Fernbeziehungen sind, nicht.

All das ist aber, wenn eben aufgrund von entsprechender örtlicher Nähe möglich, eher zu realisieren, als denn einen Brief zu schreiben oder gar einen Briefwechsel lebendig aufrechtzuerhalten. – Da sind die vielen Verpflichtungen, denen der jeweils andere an seinem Orte zu entsprechen hat: Arbeit, Familie, der eigene Haushalt, Ehrenämter … Oder auch Interessenrealisierungen, die mit dem Ort, an dem man wohnt, verbunden sind: Treffen mit Freunden dort, in der Nähe, Teilnahme an Vereinsleben, der eigene Garten usw.

Dass jemand in halbwegs erreichbarer Nähe so gar keinen seiner wirklichen Freunde hat, ist wohl eher selten.

Ob das Telefon nicht ab und an eine Brücke sein könnte? Das kann es wohl, wenngleich es keinesfalls alles oder gar umfassend zu „ersetzen“ vermag, was persönliche, unmittelbare Begegnungen zu schenken und zu vermitteln vermögen. Oder: Es KÖNNTE es.

Was mich betrifft, so tue ich mich nicht so leicht mit dem Telefonieren. Auch oder wohl gar in besonderer Weise, wenn es um das Anrufen von Freunden geht.

Warum das so ist?

Ich möchte nicht unhöflich sein, nicht stören oder gar aufdringlich wirken, wenn ich anrufe und ich an sich keinen anderen Grund habe als die vertraute Stimme einmal wieder hören oder als eine eigene Episode der Einsamkeit wegwischen zu wollen. Manchmal ist es auch „nur“ die unterschwellige Befürchtung einer schleichenden Entfremdung, wenn man sich so selten hört oder, wie es grundsätzlich ist, höchstens einmal im Jahr, manchmal auch noch seltener wirklich sieht, sich unmittelbar begegnet, WIRKLICH Zeit füreinander hat, die mich dann doch wieder zum Hörer greifen lässt, obwohl meine zunächst genannten Bedenken nach wie vor präsent sind.

Ich selbst werde auch nur selten angerufen, aber ich kann mir nur schwer vorstellen, dass dafür ähnliche Bedenken wie die meinen ursächlich sind. Ich denke vielmehr, dass meine Freunde ein anderes, ausgefüllteres, sie anders und umfassender forderndes, interessanteres Leben führen als ich. Wenigstens manchmal. – Und diese Vorstellung lässt meine eigenen Bedenken nicht geringer werden. Im Gegenteil.

Es klingt in meinen Ohren furchtbar schrecklich, weil mit den entsprechenden Attributen „wirtschaftliche Kategorien“ zur Charakteristik zwischenmenschlicher Beziehungen verwandt werden, aber es wird immer wieder betont, und es ist ja wohl auch nicht falsch:

Jede Beziehung, jede gute Freundschaft, die Bestand haben soll, braucht ein entsprechendes Maß, eine bestimmte „Ökonomie“. –

Ich habe insoweit vor allem immer Sorge mit Blick auf ein „zu viel“ von meiner Seite, dass letztlich vom Gegenüber als bedrückend, ihn oder sie letztlich einschränkend oder unter Stress setzend empfunden wird. Vor allem ein „zu viel“ meiner Eigenheiten, derer, die die schwierigen, die weniger attraktiven, die komplizierten aber immer und immer widerkehrenden, aber anfänglich nicht gleich und nicht SO sichtbaren sind. Aber ich befürchte eben mitunter auch ein „zu wenig“ meinerseits, das dem anderen womöglich ein abnehmendes Interesse suggeriert und letztlich zur befürchteten Entfremdung beiträgt bzw. diese begünstigt.

Ein Außenstehender hat mein Dilemma womöglich bereits schnell durchschaut: „Der denkt einfach zu viel!“ – Das mag schon sein. Aber wie geht das: „Einfach“ weniger denken, weniger nachdenken?

Ich konnte das noch nie, selbst in meinen „wilden Jahren“, die es so bei mir und für mich nie gegeben hat, nicht. Ich konnte und kann es nicht, obwohl ich an der Tiefe meiner Emotionen immer wieder fast kaputt gehe, zu zerspringen drohe. Und schließlich denke ich auch über diese Emotionen und deren Tiefe wieder nach.

Weil das so ist, bin ich, so glaube ich mit der Zeit immer mehr erkannt und begriffen zu haben, einigermaßen beziehungsunfähig, habe ich es so schwer, wirkliche Freundschaften zu begründen und vor allem sie „ihnen angemessen“ (sic!) zu pflegen.

Dass ich es so überhaupt „geschafft“ habe zu heiraten (was allerdings auch bemerkenswert lange gedauert hat und insgesamt recht spät geschah) und nach wie vor verheiratet bin, ist insoweit ein besonders großes Wunder. Ich weiß inzwischen ziemlich genau, dass und wie schwer es meine Frau mit mir hat. Und, dass es mit der Zeit eher noch schwerer geworden ist. Dass sie mir bislang und überhaupt so lange die Treue gehalten hat und nach wie vor hält, ist eigentlich unfassbar.

Letztlich geht jeder seinen Weg allein. Und jeder geht ihn zum ersten und zum einzigen Mal. Es ist in jedem Fall ein einzigartiger, einmaliger Weg. Es ist ein „One-Way“. Und das Leben ist ein „One-Way-Ticket“. Ein Umkehren gibt es nicht.

Niemand geht denselben Weg. Auch dann nicht, wenn man bisweilen oder wiederholt durch diese oder jene Person auf ihm begleitet wird, selbst wenn das über lange Zeitabschnitte geschieht.

Wohin dein Weg verläuft, bestimmst du nur beschränkt allein. Wie Du ihn gehst, ob von dir bestimmt oder nicht, liegt sehr stark in Dir, in deinem Wesen, dem Wesen, das du bist. Dein Wesen wird für andere Menschen nie absolut „richtig“ sein. Aber in den meisten Fällen, wirst du es nicht und nie erfahren, wie „richtig“ es für andere ist.

Und somit auch nicht, warum die eine oder andere Beziehung, Freundschaft, oder die EINE Liebe, nicht Bestand hatte. Nur eins ist sicher: Es lag (auch) an dir!

Wie ich nun unter anderem meine „Fernfreundschaften“, die doch meine wirklichen sind, „adäquater“ pflegen sollte, könnte oder müsste, weiß ich ungeachtet all dieser Weisheiten dennoch nicht.

*

Gerade und oft fühle ich mich, wie in diesem Lied besungen:

Moral, Ehe, Anmut

Es mag ein wenig merkwürdig erscheinen, dass ich mir gleich drei Begriffe als Gegenstand ausführlicherer Betrachtungen ausgesucht habe – grundsätzlich widme ich mich sonst immer nur einem spezieller. –

Nun sind mir aber am vergangenen Wochenende zwei der genannten Begriffe, nämlich „Ehe“ und „Anmut“, und Ansichten anderer Menschen dazu etwas unmittelbarer begegnet. Und sie verbinden sich in meinem Denken gleichsam folgerichtig mit dem Begriff der „Moral“. Ich vermag sie offensichtlich nicht getrennt von diesem Begriff, der mich freilich als solcher noch viel weitergehender beschäftigt, als ich mich ihm hier heute widmen kann und werde, zu denken. Ähnlich geht es mir im Mindesten auch mit dem Ehebegriff.

Meine Gedanken hier sind also eher ein Zwischenstand meiner Überlegungen oder auch eine aktuelle Bestandsaufnahme derselben …:

Zur Moral“ habe ich schon einmal ein paar Gedanken geschrieben (in meinem Blogtagebuch auf der Tagebuchseite -428-), sie lauteten so:

„Moral ist, was die Mehrheit der Menschen (in einem bestimmten Kontext) für moralisch (für richtig) hält. – So ist es mir während meines ersten Studiums mal erklärt worden. – Wenn das stimmt, habe ich Grund, häufig daran zu zweifeln, dass mein Denken und Empfinden dem entspricht, was als Moral gilt.“

Denn eine Definition, was moralisch ist und was nicht, gibt es offenkundig nicht. Bei Wikipedia heißt es ganz dem entsprechend unter anderem:

„Moral bezeichnet zumeist die faktischen Handlungsmuster, -konventionen, -regeln oder -prinzipien bestimmter Individuen, Gruppen oder Kulturen.“

„Faktisch“ heißt aber in erster Linie „konkret“, „tatsächlich“, wenn man so will auch „jetzt existent“ und somit, dass die entsprechenden Handlungsmuster, Handlungskonventionen usw. nicht feststehend sind, sondern sich in einem stetigen Wandel befinden, je nachdem, was in dem jeweiligen Kontext für „moralisch richtig“, für „moralisch vertretbar“, gehalten wird. – Wer würde bestreiten, dass vieles an Ansichten, Handlungen, Beziehungen, was vor 50 oder 100 Jahren (noch) als verwerflich, bedenklich, moralisch zweifelhaft bzw. unanständig galt, heute als Normalität betrachtet wird.

Wer in solchen Kontexten unter anderem rückblickend auf „Moral“ verweist, gilt schnell zumindest als Gestriger oder Sonderling. Manchmal habe ich das für mich schon so wahrgenommen.

Als ich am Sonntag ein Interview mit Rosa von Praunheim auf dem Deutschlandfunk hörte, da ging es darum vor allem um die Themen „Ehe“ und deren Rolle in der heutigen Zeit, um die Diskussionen um die gleichgeschlechtliche Ehen und um sexuelle Freiheit. Besonders interessant fand ich einen Gedanken von Praunheims, der mir, allerdings nicht so auf den Punkt fokussiert, während der letzten Wochen angesichts der kontroversen Debatten um die Einführung einer rechtlich heterosexuellen Ehen völlig gleichgestellten Ehe zwischen Homosexuellen, selbst schon durch den Kopf gegangen war.

Ist es nicht so, dass die „klassische Ehe“ vielen heute als längst überkommenes Relikt der Vergangenheit gilt?

Ehe als Institution, als sozial verbindliche Lebensform unter anderem bestimmt durch gleiche oder ähnliche materielle Interessen der in ihr miteinander Verbundenen, auch als Institution mit schlussendlich vorgegebenen Erwartungen und Möglichkeiten aber auch Grenzen der individuellen Entfaltung?!

Ehe, nicht zuletzt auch als moralische Instanz und Ausdruck eines Moralverständnisses von dem heute faktische Handlungsmuster offenkundig immer stärker und zahlreicher abweichen. Eines Moralverständnisses, dem vor allem etliche deutsch-ausländische Partnerschaften, wenn sie denn in Deutschland gelebt werden wollen, gesetzlich normiert allerdings nach wie vor zu entsprechen haben. Ich weiß sehr authentisch worüber ich da rede! –

Das deutsche Ausländerrecht kennt grundsätzlich keine „wilden Ehen“.

Vielen gilt die klassische Ehe heutzutage als geradezu reaktionär. Ist es angesichts dessen nicht ein bisschen paradox, dass doch unübersehbar gerade viele jener Menschen, die die „klassische Ehe“ als etwas „Überkommenes“ bzw. „Altmodisches“ zunehmend oder bereits generell ablehnen, mit die engagiertesten Verfechter der Einführung einer rechtlich voll gleichgestellten Homoehe auftreten?

Von Praunheim scheint das ähnlich zu sehen bzw. zu hinterfragen, denn in dem angesprochenen Interview brachte er zum Ausdruck, dass die homosexuelle Bewegung genau genommen mehr tun müsse, anstatt für eine „Ehe für alle“ zu kämpfen. Die sei nämlich „fürchterlich reaktionär.“ Homosexuelle würden zudem die Verpflichtungen, die sie mit einem solchen Bündnis eingehen, nicht berücksichtigen.

Ja eine Ehe ist eine Kompromissgemeinschaft, auch eine Zweck- und in gewisser Weise, „wenn Kinder da sind“ wie von Praunheim meinte, auch eine Zwangsgemeinschaft. Sie steht einer uneingeschränkten, ungehemmten Individualisierung entgegen. Schon Oscar Wilde ließ einen der Protagonisten seines Romans „Das Bildnis des Dorian Gray“ sagen:

„Der wichtigste Gegengrund gegen die Ehe ist, dass sie einen selbstlos macht. Und selbstlose Menschen sind farblos. Es fehlt ihnen an Individualität.“

Ob von Praunheim nicht zuletzt deshalb in dem Interview so stark für mehr „sexuelle Freiheit“ plädierte?

Beim Hören dieser Forderung machte sich in mir, wie immer, wenn von mehr sexueller Freiheit die Rede ist, Unbehagen breit. Denn für mich ist diese Forderung zweischneidig und sie wird immer zweischneidiger, je mehr unsere Gesellschaft, unser Leben sexualisiert wird.

Wenn mit sexueller Freiheit gemeint ist, dass jeder Mensch, seiner sexuellen Neigung entsprechend, in uneingeschränkter Würde, rechtlich allen anderen Menschen mit gleicher, wie andersartiger sexueller Neigung vollumfänglich gleichgestellt leben können soll, wenn es sich um keine strafzubewehrende Neigung (etwa Pädophilie) handelt und er seine Neigung Dritten nicht aufzwingt oder sie von seiner Neigung ausgehend belästigt oder gar nötigt, dieser entsprechend zu handeln oder sie mit ihm zu teilen, dann unterschreibe ich die Forderung nach sexueller Freiheit.

Alles was dieser Begriff, diese Forderung mehr implizieren könnte bzw. mitunter bereits impliziert, nicht zuletzt einem (noch) Mehr an Individualität das Wort redend, lehne ich sehr kategorisch ab. Eine ungeregelte sexuelle Freiheit lehne ich ab. Weil es absolute Freiheit, insbesondere in gesellschaftlichem aber auch im privaten Kontext nicht geben kann und geben darf, auch absolute sexuelle Freiheit oder absolute Individualität nicht. Solange mehr als ein Mensch auf der Erde lebt, solange nicht nur ein Mensch mit sich selbst Sex hat, ist das so und solange das so ist, hat das zu gelten. Unumgänglich!

Was bislang gelegentlich im Sinne von „mehr sexueller Freiheit“ bereits als Moral gilt, als faktisches Handlungsmuster vertreten und gelebt wird, geht da nach meiner Auffassung bereits deutlich zu weit. Ich denke insoweit nicht nur an die Werbeindustrie …

Da war und ist nun aber auch noch das Wort, der Begriff der „Anmut“. Auch er begegnete mir am Wochenende wieder einmal. Dabei ist mir aufgefallen, dass er nur noch selten verwendet wird. Dabei teile ich ganz und gar die Ansicht der Schriftstellerin Eva Demski, die in der Sendung „Denk ich an Deutschland“ im Deutschlandfunk am vergangenen Sonntagmorgen das Wort „Anmut“ als eines ihrer Lieblingswörter der deutschen Sprache bezeichnete.

So wie sie den Begriff „Anmut“ definierte, illustrierte, ist er nach meinem Empfinden letztlich im ureigensten Sinne ein wundervolles Korrektiv zu so vielen Dingen, die heutzutage Handlungs- bzw. Wahrnehmungskonventionen und somit „gelebte Moral“ sind.

Sie sagte unter anderem, dass Anmut etwas bezeichne, „was leise ist“, „was man meist erst auf den dritten Blick erkennt und überhaupt keine Konjunktur hat“, weil Anmut „mit ‚Karriere‘ oder ‚Event‘ oder ‚ sichtbar werden‘“ überhaupt nichts zu tun habe, eher das Gegenteil. Deshalb sei „anmutig“ oder „Anmut“ so eine „wunderbare sprachliche Pastellfarbe“ und auch eine „Pastelleigenschaft“.

Sie hat das zauberhaft, und unglaublich zutreffend, beschrieben finde ich.

Das Maß der wahren, der tatsächlichen Schönheit eines Menschen, liegt im Maß seiner Anmut! Das trifft es. Schönheit macht sich nicht primär an Äußerlichkeiten, an Karriere, an laut Sein, dabei Sein, fest. –

Wenn das vor allem mehr junge Menschen wirklich zu erkennen vermöchten und die Kraft hätten, sich entsprechend zu sehen, zu mögen und zu leben, gäbe es weniger unglücklich oder zu früh endendende Lebensläufe. Aber es ist nicht leicht zu erkennen, und es braucht Courage dann entsprechend zu handeln. Und es wird, so nehme ich es wahr, auch nicht leichter, vor allem jungen Menschen auch nicht leichter gemacht.

Denn Anmut und was heute vielfach als gängiges Handlungsmuster, Handlungsprinzip, Handlungskonvention, also als gängige Moral, gilt, ist bisweilen sehr weit voneinander entfernt.

Und mein Eindruck ist, dass der Abstand nicht kleiner wird…

Aber ich glaube, ich weiß jetzt, dass mein Denken und Empfinden und daraus folgend wohl auch mein Tun, tatsächlich oft nicht dem entspricht, was als Moral gilt. Und ich weiß nun auch, warum das so ist. Die Zweifel, die ich insoweit vor ein paar Wochen noch hatte, sind besiegt.

Im Übrigen wünsche ich mir, dass viel mehr Menschen, junge vor allem, aber auch die älteren, und ganz besonders wieder die „ganz Alten“, sich ihrer Anmut bewusster zu werden vermögen!

Sammelsurium -66- (Vier Sprüchlein)

So vieles, was uns als unverzichtbar, ereignisreich, beeindruckend, erstrebens- und besitzenswert verkauft wird, ist am Ende weit spektakuleerer als es beworben wurde.

*

Wenn Wissen stets relativ ist, sind Irrtümer es auch.

*

Derjenige, der sein Lachen verloren hat, ist oft viel weniger ein Verlierer als er selbst und die meisten seiner Zeitgenossen das mutmaßen. Vor allem in Herz und Seele kann er zu den reichsten Menschen dieser Welt gehören.

*

Glücklich, wer ein Wassertropfen sein darf: Die ganze Welt bereisen können, unablässig und letztlich wie von selbst…

Melancholie

Melancholie

Ein Träumer bin ich, meist allein.
Einsamer unter den so vielen,
die einfach können Leben sein.
Zwanglos im Tanz, Glücklich beim Spielen.

Ich seh‘ die Welt in Deinen Augen.
Dort scheint sie schön und ist’s doch nicht.
Der Widerspruch scheint nur zu taugen,
dass mein Herz daran zerbricht.

Dein Gesicht: Eine Geschichte.
Bei der ich jede Zeile fühle!
Ob Dunkelheit oder im Lichte:
Nie spüre ich nur sanfte Kühle.

Ganz Tiegel meiner Emotionen,
die immer doch nur Liebe sind,
such‘ ich nach jenem Ort zum Wohnen,
wo Traum zur Wirklichkeit gerinnt.

Manchmal durft‘ ich schon einen finden,
in eines schönen Menschen Herz.
Doch kaum einmal konnt‘ ich mich binden:
Lieben, wie ich, macht zu viel Schmerz.

Ich raste nicht, lass‘ mich auch hören!
Und werd‘ und bleib‘ doch wieder still.
Die Furcht ist groß, sonst zu zerstören,
was ich doch so von Herzen will.

In mir sind eines Liedes Töne,
das mich stets zu Tränen rührt.
Geschenkt von Dir, Du eine Schöne,
die meine Eigenart nicht stört.

Du urteilst nicht, bist nicht bloß Strenge.
Durch Dich verliere ich mich nie.
Gabst meinem größten Wunsche Klänge,
der lebt nur aus: Melancholie.

Dank Dir nur, geht mein Reisen weiter –
in Liebe, Sehnsucht, Traurigkeit.
Sie bleiben Ich, meine Begleiter!
Gedankenflug in Endloszeit.

Tagebuchseite -484-

Vom erdenklichen Risiko mancher Zitate, einem Schlüssel, der mir Angst macht und der notwendigen Endlichkeit von Geduld

„Manche Zitate zu mögen, kann bis in den Selbstmord führen.“ – Das sagte mein Therapeut heute Vormittag zu mir, wir waren unter anderem auf Sartres Aussage, „Der sensible Mensch leidet nicht aus diesem oder jenem Grunde, sondern ganz allein, weil nichts auf dieser Welt seine Sehnsucht stillen kann.“, gekommen.

Ich habe dieses Zitat gestern einer Freundin geschickt, die schon seit langem eine schwere und zwischenzeitlich immer mal ganz besonders schwere Zeit durchmacht …

Als mir das Zitat zum ersten Male begegnet ist, war ich ganz fasziniert. Und ich bin es unverändert. Da hat jemand etwas vor vielen, vielen Jahren, ohne etwa mich zu kennen, etwas gesagt, etwas festgestellt, was so sehr stimmte und stimmt. Ich fühlte und fühle, dass mich jemand sehr umfassend, ganz grundsätzlich VERSTANDEN hat. Verstanden, wie ich empfinde und weshalb. Und es fertig bekommen hat, dies in und mit einem einzigen Satz auszudrücken!

Ich glaube, jene Freundin hat gestern auch so empfunden, SO womöglich zum ersten Mal, denn sie kannte das Zitat vorher nicht.

Ich bereue es ungeachtet der Aussage meines Therapeuten nicht, ihr das Zitat geschickt zu haben. Ich habe mich unendlich gefreut, ihre Freude über ihr „sich selbst gefunden haben“ in dem Zitat erleben zu dürfen. Und ihr Empfinden, VERSTANDEN worden zu sein.

Ich denke, dass das tatsächliche VERSTANDEN werden sehr, sehr wichtig ist. Das habe ich auch meinem Therapeuten gesagt.

Mich haben Zitate immer angeregt, mich auf die Suche nach Menschen zu begeben, mit denen ich mich über die Gedanken, die diese Zitate ausdrücken oder verkörpern, meine eigenen Gedanken dazu, meine Empfindungen auch, auszutauschen vermag. Die solchen Austausch, die Gespräche über philosophische Themen, über Zwischenmenschlichkeit, über die Höhen und Abgründe unseres Denkens und Fühlens, mögen, die solche Gespräche als wichtig erkannt haben. Für sich und generell. Es ist nicht leicht, solche Menschen zu finden. Aber es lohnt sich. Einige solche Menschen kenne ich mittlerweile. Und so bin ich mit meinen Zitaten, auch mit einem mutmaßlich so „schwer wiegenden“, wie dem von Sartre, nicht allein.

Ich glaube, dass das sehr wichtig ist. Mit solchen Zitaten nicht allein zu bleiben – sie nicht wie eine Mauer um sich herum aufzubauen und zu meinen, dahinter leben zu können. Oder in faszinierter Liebe vor ihnen zu erstarren und zu verlernen, auch anderes zu sehen, zum Beispiel leibhaftig lebende Menschen – denn auch unter ihnen gibt es zweifellos welche, die VERSTEHEN.

Wer solchen Menschen begegnet, ein paar von ihnen als Freund gewinnen kann, der wird zumindest weniger an Selbstmord denken, denn ein Stück seiner Sehnsucht hat so gute und heilende Nahrung bekommen und kann das wieder und wieder. Dann, wenn die Freundschaft Bestand hat. Aber auch dann, wenn sie sich doch einmal löst, und ungeachtet des damit verbundenen Schmerzes, die eigene Bereitschaft auf der Suche zu bleiben, Fortbestand hat – denn dann wird es neue Freundschaft der genannten Art geben können.

Diesen Fortbestand zu sichern ist das Wichtigste, das Allerwichtigste. Wer ahnt, dass ihn insoweit die Motivation verlässt, der ist in Gefahr. Und nur, wenn er sich dieser Ahnung, dann wenn es nötig ist, bewusst zu werden vermag, wird er nicht tatsächlich in Gefahr geraten.

Mir wird immer bewusster, dass Freundschaften der genannten Art ebenso kostbar wie herausfordernd sind, dass sie viel, besonders viel, verlangen von den beteiligten Seiten. Denn bei allem VERSTEHEN, erfordern sie eine in gewisser Weise besondere Stärke, nicht zuletzt in Gestalt von Geduld.

Da tragfähige Freundschaften nur ent- und bestehen können, wenn das gegenseitige Geben und Nehmen wenigstens einigermaßen ausgewogen ist, habe ich insoweit bisweilen große Sorge in mir. Sorge, dass ich, so, wie ich bin, so wie ich denke und empfinde, zu viel bin, zu viel verlange von denen, die mir Freund sind oder sein oder bleiben möchten. Dass ich vor allem ihre Geduld überstrapaziere. –

Nichts, was Leben oder an Leben gebunden ist, ist unendlich, kann unendlich sein. Auch Geduld (wohl) nicht.

Inzwischen vermag ich ihn zu erkennen, jenen Schlüssel, der Türen öffnet, mit denen sich neue Geduldsreservoire erschließen lassen können, ich das könnte, für jene Menschen, die mich begleiten. Sein Anhänger trägt die Aufschrift „Veränderung“. – Aber er macht mir Angst.

Das Wort, der Fakt, von Veränderung hat mir schon immer Angst gemacht, seit 1989/90 ist das chronisch, heftig, manifestiert geworden. So sehr, dass ich den Schlüssel nicht zu benutzen weiß, dass mir schon bei dem Gedanken, ihn benutzen zu sollen oder zu müssen, der Schweiß ausbricht. Dabei müsste ich ihn sogar benutzen wollen. Und zwar sehr oft, wahrscheinlich sogar nahezu ständig.

Dass zu bewerkstelligen, weiß ich nicht. Selbst größter Leidensdruck war insoweit bislang kaum einmal genug. Und selbst, wenn der Druck dann doch (bisher umfassend erst einmal in meinem Leben) groß „genug“ war und ich tatsächlich etwas verändern WOLLEN würde, dann stehe ich vor dem Wort „WIE?“ wie ein Schulbub‘ vor der 1. Klasse.

An diesem Punkt stehe ich zurzeit. Und habe, natürlich, (schon) wieder Angst.

Und meine Sehnsucht ist darüber keinen Deut kleiner geworden.

Ich muss damit leben lernen, besser leben lernen, dass Menschen die Geduld mit mir verlieren. Sie haben ja versucht mich zu verstehen, haben mich vielleicht sogar verstanden, aber sie verstehen es halt auch, besser auf sich zu achten als ich.

Das dies stets so bleibt, das wünsche ich vor allem diesen Menschen, freilich von ganzem Herzen. So sehr, dass ich es nicht verwinden können würde, wenn sie mich dann, wenn sie empfinden, dass es besser, dass es nötig für sie wäre, nicht verlassen würden.

Tagebuchseite -483-

„Zur falschen Zeit am falschen Ort“ – ???

Es gibt so Sätze in unserer Umgangssprache, die hört man immer wieder, man begegnet ihnen oft und nimmt sie hin – längst sind sie eine Art Redewendung geworden.

Nun muss man nicht mit jeder solchen „Allgemeingut gewordenen“ Sentenz selbst konform gehen. Muss man sie deshalb aber auch gleich hinterfragen, sie auseinandernehmen? –

MUSS man sicher nicht, aber mich reizt es mitunter schon, vor allem dann, wenn ich mit meinem uneins Sein mit so einer Redewendung beständig nicht fertig werde, wenn es mir, jedes Mal, wenn ich ihr aufs Neue begegne, eine Art „Stich“ versetzt.

So geht es mir mit der im Sprachgebrauch meiner Zeitgenossen immer wiederkehrenden Sentenz, wonach jemand „zur falschen Zeit am falschen Ort“ gewesen sein, die sehr generell dann gebraucht wird, wenn jemand Opfer einer Straftat geworden ist. Nicht selten sagen sogar Polizei- oder andere Staatsbeamte diese Wendung dahin, gar nicht selten sogar dem Opfer ins Gesicht: „Tja, Sie waren halt zur falschen Zeit am falschen Ort“.

Ich mag ja mal wieder zu sensibel sein, aber für mich klingt das, obwohl es sicher in den allerwenigsten Fällen so gemeint ist, zynisch, höhnisch, die Tatsachen verkehrend.

Höre ich diesen Satz, dann schließt er für mich geradezu logisch ein, dass derjenige, der „zur falschen Zeit am falschen Ort“ gewesen ist, etwas falsch gemacht hat. Wäre er zu besagter Zeit, nicht an besagtem Ort gewesen, wäre ihm das Leid, das ihm geschah, nicht passiert. Klingt für mich schlussendlich wie: „Selber schuld!“

Wenn ich zur falschen Zeit am richtigen Ort, also etwa an einem mit einer Freundin verabredeten Ort bin, dann bin in den allermeisten Fällen wohl tatsächlich ich selbst schuld, wenn ich sie nicht mehr antreffe. Immerhin besteht diese Möglichkeit, wenn ich nicht gerade etwa durch ein unvorhergesehenes Ereignis, welches ich nicht vorhersehen konnte, aufgehalten worden bin.

Wenn ich zur eigentlich richtigen Zeit am falschen Ort bin, besteht zumindest die Möglichkeit, selbst schuld zu sein, ebenso, etwa, wenn ich mich durch Unachtsamkeit verirrt oder etwas übersehen habe.

Aber wie kann ich selbst schuld sein, „zur falschen Zeit am falschen Ort“ gewesen zu sein? Etwa, weil ich irgendwann geboren worden bin? –

Das mag ein bisschen dick aufgetragen klingen, aber mich regt es auf, wenn der Satz mit der Floskel „Zur falschen Zeit am falschen Ort“ so dahin gesagt wird, wie es halt immer wieder geschieht.

Ein bestimmter Ort in Verbindung mit einer bestimmten Zeit vermag für mich nur falsch zu werden, wenn ein oder mehrere andere Menschen oder sonstige Lebewesen (sagen wir mal ein aus einem Zoo ausgebrochenes Raubtier) diesen Zusammenhang so verursacht, so bedingt, haben. Ob sie daran Schuld tragen bzw. welches Maß an Schuld, ist noch eine andere Frage, die es jeweils konkret zu stellen und zu untersuchen gälte. Aber NUR in die Richtung der VERURSACHER wäre sie zu stellen.

Grundsätzlich eindeutig wäre hingegen, dass das Opfer, in keinem Falle schuld hätte, an dem was ihm widerfahren ist.

Wenn das aber so ist, weshalb sagt man dann über es oder ihm selbst gar, dass es „zur falschen Zeit am falschen Ort“ gewesen sei?

Wer unschuldig ist, hat nichts falsch gemacht, schon gar nicht zweimal, wie es diese vermaledeite Redewendung letztlich behauptet.

Für mich ist sie überflüssig wie ein Kropf, in meinem Wortschatz kommt sie nicht vor und wird sie nie vorkommen. – Aus den genannten Gründen …

*

Warum nur denke ich sehr oft, wenn ich derartige Überlegungen zum Gebrauch von Worten, zu Wirkungen unserer Sprache, anstelle, meine Ansichten dazu sortiere und aufschreibe, dass ich dann auf doch sehr einsamem Pfade wandele?

Tagebuchseite -482-

Mit Dorian Gray auf der Parkbank

Unsere Wochenenden sind schon mitunter ein bisschen unspektakulär skurril. Ein Teil davon wird zumeist irgendwie aufgefressen, von so diversen kleinen Pflichten, Dingen die zu erledigen sind. Steuererklärung, Hausaufgaben, Wohnung aufräumen (das konnte ich zum Ende der vergangenen Woche wegen meiner OP nicht so richtig allein), frisches Brot einkaufen, Mittagessen zubereiten und einiges andere mehr, standen diesmal auf dem Programm.

Am Sonnabendnachmittag dann immerhin eine kleine Ausfahrt, zunächst mal in Richtung eines Kaufhauses in einer nicht zu weit entfernten Kleinstadt. Dort war meine Frau diesmal sogar nahezu eigenständig erfolgreich beim Kleidungserwerb, wogegen während unseres Niedersachsenurlaubs in Bremen ja ich sie während unseres Einkaufsbummels noch eingekleidet hatte. – Wir fuhren dann noch ein Stück weiter, nach Boltenhagen, wo es während eines kleinen Spaziergangs laue Meeresluft, eine Kugel Erdbeereis und überraschenderweise gar nicht so viele Menschen hatte.

Für den Sonntag waren damit die Energien meiner Familienmitglieder, wie öfter mal in der letzten Zeit, freilich schon weitgehend verpufft. Das „Bübchen“ hatte sich für den Nachmittag bei einem Freund zum Besprechen einer Hausaufgabe und ein bisschen gemeinsames „Zocken“ verabredet, und meine Frau sortierte Fotos zur Bearbeitung, wollte sich pflegen und ein ruhiges Entspannungsstündchen auf dem Balkon verbringen.

Ich war ein bisschen enttäuscht, denn das bedeutete, dass ich wieder einmal weitgehend allein vor mich hin spazieren würde, wenn ich denn ein bisschen Natur und Luft genießen wollte. Ich bin schon während der Woche so viel allein unterwegs, wenn ich meine Arzttermine, Konsultationen und Besorgungen abwickle, was ich seit dem Frühjahr ganz grundsätzlich zu Fuß oder mitunter mit dem Fahrrad tue, egal, wie weit mein Zielort entfernt ist.

Aber egal, ich wollte nach draußen und machte mich also auf den Weg, das erste Stück meinen Sohn, der sein Longboard dabei hatte, begleitend. Nachdem er sich von mir verabschiedet hatte, schlug ich den Weg zu meiner „Standardrunde“ ein. Die führt mich regelmäßig in unseren Bürgerpark, einem Areal, welches anlässlich der Landesgartenschau 2002 in unserer Stadt entstanden ist.

Ich bin recht gern dort, obwohl es mit der Pflege des Parks und insgesamt einem Nutzungskonzept nicht so gut bestellt ist, und immer wieder dort Leute mit großen Hunden unterwegs sind, die dann einfach frei herumlaufen gelassen werden. Aber es ist ein grüner Ort, unmittelbar an unseren kleinen Tierpark angrenzend, mit einem Teich darin. Es gibt ein paar Möglichkeiten, sich ein bisschen sportlich zu betätigen, es hat ein Wasserspiel und einen Aussichtsturm und in einem Becken auch etliche Kois. Von den Stadtterassen vor der Seebühne aus kann man manch schönen Blick in die Weite genießen.

Ich habe mir schließlich eine Bank noch oberhalb der Stadtterassen gesucht, im Halbschatten. Von hier aus fand ich eine besonders schöne, abwechslungsreiche Blickweite, auf Wasser, auf unterschiedlich schattiertes Grün, mal als großflächiges Gras, mal in Büschen stehend, mal als Baum. Und an seinem Ende, wo es in den Himmel berührte, kreiselten etliche Flügel der hier recht zahlreichen Windkraftanlagen.

Ich ließ mich auf der Bank nieder und schaute erst einmal ein bisschen in die Weite. Meine Gedanken begannen zu schweifen … – Das hatte ich schon befürchtet und bemerkte es gerade noch rechtzeitig. Und ich erinnerte mich, dass da doch Dorian Gray mich auf meinem Weg begleitete. Ich musste ihn nur aus der kleinen Tasche, die ich über meine Schulter hängend bei mir trug, befreien, und mit ihm ins Gespräch kommen. –

Natürlich war nicht Dorian Gray daselbst bei mir, aber das Buch über dessen Bildnis, welches von Oscar Wilde geschrieben worden ist.

Ich begann also zu lesen, und augenblicklich befand ich mich abwechselnd in zwei Welten. In der des Dorian Gray, der sich gerade auf dem Empfang einer Herzogin befand und wie schon anlässlich seiner ersten Begegnungen mit diesem, den kühnen Thesen und aphoristischen Aussagen des Lord Henry, der auf demselben Empfang kräftig die Konversation belebte, lauschte. Und in der des Bürgerparks, der mit der Welt in meinem Buch nur bedingt zusammenpasste, mir und meinen Augen aber zwischenzeitlich immer wieder ein wenig Entspannung schenkte.

Ach, so mag ich es. Ich hätte sehr lange so dort sitzen bleiben und abwechselnd lesen und in die Ferne schauen mögen. Denn ich war ein bisschen allein mit mir und zugleich doch nicht. So ein Empfinden habe ich sonst nur, wenn ich von mir nahen Menschen, wirklichen Freunden, begleitet werde. Sie lassen mir Raum, ICH zu sein, mit mir zu sein, aber sie tauschen sich auch mit mir aus, wir sprechen miteinander. Sie machen mich reicher, ich empfinde innere Ruhe, inneres Glück.

Dieses Empfinden, in diesem Falle durch mein Buch geschenkt, blieb mir erhalten auf meinem weiteren Spaziergang, der noch ungefähr eine dreiviertel Stunde dauerte. Am „Haus des Gastes“ vorbei zum Köppernitztal mit dem winzigen Bächlein, dass diesem Tal seinen Namen gegeben hat, hinunter, in den kleinen Park der die Lübsche Straße in die Stadt hineinführend rechtsseitig begleitet und dann weiter der Parkanlage hinter der Mensa und hinter dem Schwimmbad vorbei folgend wieder in „meinen“ Plattenbaustadtteil hinein.

Meine Blicke waren jetzt wacher. Ich entdeckte viele kleine Schnecken, die ihre verschiedenfarbigen Häuschen an Bäumen hinauf schleppten. Eine besonders kleine mit einem winzigen gelben Haus, hatte sich die Spitze des Blattes eines Wildstrauchs als Rastplatz erwählt.

Ich hörte intensiver – das vielstimmige Zwitschern und Singen der unterschiedlichsten Vögel. Und ich gewahrte einen, den ich noch nie gesehen hatte und den ich dann später, hoffentlich richtig, in einem der kleinen Bestimmungsbücher, die ich mir im Vogelpark in Walsrode gekauft hatte, als Mönchsgrasmücke identifizierte. – Wie schön der war! – Und dann war da noch ein Baum, den ich auch noch nicht kannte. Mit ganz eigen geäderten Blättern, ein jedes wie ein eineiiges Geschwisterlein all der anderen ausschauend, gleiche Form, gleiche Farbe, gleiche Größe. Er ist für mich ein Geheimnis geblieben.

Auch ein paar Mohnblumen sah ich wieder (am Vortag war uns, während unserer Fahrt mit dem Auto, schon eine ganze Mohnblumenwiese begegnet).

Eine Kornblume hingegen noch nicht. (Dazu war es bislang hier im Norden womöglich doch insgesamt immer noch zu kühl.)

Die würde ich, offen gesagt auch am liebsten nicht nur mit Dorian Gray als Begleiter entdecken. Aber es ist nicht ganz einfach, meine Familie so für die kleinen Naturdinge oder einen einfachen Spaziergang zu begeistern, wie ich mich dafür begeistern kann.

Manchmal erscheint es mir sogar so, dass ihr solche Spaziergänge recht generell „zu wenig“ oder zu eintönig sind. – Leider.

Deshalb gehe ich nun so manches Mal auch am Wochenende allein. Immerhin habe ich nun erfahren, dass zumindest bei gutem Wetter, ein Begleiter wie Dorian Gray auf seine eigene Weise gut zu tun vermag.