Melancholie (Sentenzen -39-)

Schon einmal, vor Jahren, habe ich in meinem Tagebuch zum Thema „Melancholie“ geschrieben. Seinerzeit in Versform als sehr persönlicher Ausdruck meiner selbst. Heute nun ist es mir ein Bedürfnis, mich der Melancholie als Thema zu widmen, ahnend, dass meine Gedanken auch zum Widerspruch herausfordern werden:

Vor einer Woche (am 06.05.2019) ließ mich eine in einer in Berlin erscheinenden Tageszeitung formulierte Aussage von Harry Nutt innehalten und seither nicht mehr aus dem Nachdenken darüber fortkommen. Es handelt sich um diese hier:

„Der Melancholiker sieht sich seit jeher mit der Befürchtung konfrontiert, dass seine Weltabgewandtheit ansteckend sein könnte. Es scheint für die anderen kaum erträglich, dass sich die Melancholie jeglicher Erklärung entzieht.“

Jeder der beiden Sätze für sich hat in mir viele Gedanken ausgelöst.

Der erste schien mir zunächst sehr plausibel.

Melancholie und Depression pflegen eine recht enge Verwandtschaft (mancher setzt sie gar gleich), und ich habe es selbst immer wieder und bis in die aktuellste Gegenwart hinein erlebt, dass Menschen irgendwann aufhören, es mit mir auszuhalten. Ob dafür nun „Ansteckungsgefahr“ entscheidend (gewesen) ist, lasse ich einmal dahinstehen.

Fakt ist aber, dass anhaltende Melancholie, Melancholie, zumal wenn sie als Wesen eines Menschen daherkommt, das sich grundsätzlich in Gestalt von Niedergeschlagenheit, Traurigkeit, Verstimmung äußert, sehr wenig einladend für andere Menschen ist. In heutigen Zeiten allgegenwärtiger Spaß- und Konsumgesellschaft meiner Wahrnehmung nach noch mehr – da gilt sie offenkundig als besonders „uncool“.

Es ist anstrengend, einem solchen Wesen zu begegnen, gar auf es einzugehen, es auszuhalten. Denn es ist besonders ausstrahlend und einnehmend, es vermittelt eine nicht nur momentan spürbare Atmosphäre. Es ist häufig viel weniger Temperament als es vor allem Cholerik und Sanguinik sind. Dafür viel mehr Zustand, ein generell nicht einfach vorübergehender Zustand, dem das Potenzial zugeschrieben wird, andere (auch nachhaltig) herunterziehen zu können. Ich teile diese Befürchtung übrigens, weshalb ich, so schwer mir das auch fällt, weil es immer sogleich ein Stück sehr persönlicher „Offenbarungseid“ ist, am Beginn einer jeden Begegnung mit einem anderen Menschen, die sich empfindungsmäßig als tragfähiger erweisen könnte, entsprechende Warnungen ausspreche. Vor meiner Melancholie. Und also vor mir.

Ein Wort, in dem bis hierher besprochenen ersten Satz des Zitats, hat mich dann schon intensiver und länger beschäftigt, das Wort „Weltabgewandtheit“. Sind Melancholie und Weltabgewandtheit tatsächlich so synonym, wie jener Satz diese beiden Begriffe wie selbstverständlich nebeneinanderstellt? Siegmund Freud spricht in diesem Sinne von einer „Aufhebung des Interesses für die Außenwelt“.

Mir sind diese Formulierungen zu absolut. Ich bin sehr oft melancholisch, ich leide an depressiven Episoden. Ja, ich stelle die „Außenwelt“ immer wieder in Frage, exakter gesagt, Teile, Aspekte ihrer von Menschen verursachten Erscheinungs- und daraus gewordenen Daseinsformen. Nicht aber DIE Außenwelt!

Ich wende mich NICHT von DER Außenwelt als Ganzes ab. Nicht von der Natur, nicht von ALLEN Menschen, nicht vom Zusammenleben, von Interaktion, von Sozialität in jeder Form. Im Mindesten wehre ich mich dagegen. Allerdings bewirkt dieses „dafür kämpfen müssen“ einen Teil meiner Melancholie – aber nicht den entscheidenden, den ursächlichen. Möglicherweise, ja wahrscheinlich, kann oder wird das in tieferen Stadien von Melancholie bzw. Depression anders sein und in vollkommener und anhaltender Tiefe mag es dann tatsächlich zutreffend die Außenwelt als Ganzes erfassen. (Ahnungen davon habe ich selbst schon erfahren und erleben müssen.)

Sehr lange aber, so meine persönliche These, geht Melancholie, gehen auch insbesondere leichte und mittlere, mittelschwere Phasen von Depression mit einer LIEBE zur Außenwelt, wenigstens zu bestimmten Momenten, Aspekten einher. Sie sind ein Ruf nach Liebe, eine Bitte darum.

Wenn Freud meint, dass Melancholie unter anderen der „Verlust der Liebesfähigkeit“ sei, dann verstehe ich das nicht. Wie oft schon habe ich es bei anderen wie bei mir selbst empfinden und miterleben dürfen, wie sehr ein Signal der Zuwendung, der Einfühlung, der Rücksicht, also der Liebe, insbesondere von melancholischen, von depressiven Menschen nicht nur wahrgenommen, sondern ERWIDERT worden ist!

Gerade, wenn bzw. dass der Ruf nach Liebe von Melancholikern bzw. Depressiven offenkundig so wenig wahrgenommen oder der Bezug von Melancholikern zur Außenwelt undifferenziert geäußert, „bewertet“ oder gar festgeschrieben wird, ihnen Liebesfähigkeit auf eben diese Weise abgesprochen wird, ist das für diese Menschen, fatal. Ihnen wird dadurch bzw. bestärkend bewusst, wie „uncool“ sie sind, wie wenig sie für die „Außenwelt“ auszuhalten, wie anstrengend sie für andere sind.

Für noch fataler halte ich die Aussage, die jener zweite Satz des obigen Zitats beinhaltet, jene, wonach „sich die Melancholie jeder Erklärung“ entzieht. Entsprechend heißt es im Online-Lexikon „Wikipedia“, bei Melancholie handele es sich „um eine Gemütsstimmung, die in der Regel auf keinen bestimmten Auslöser oder Anlass zurückgeht“.

Konsequent zu Ende gefolgert hieße das, dass die Depression (im Sinne ausgeprägterer, nicht mehr nur „leichter“ Melancholie) eine Krankheit ist, für die es keine Erklärung, keine Ursache, keinen Auslöser oder Anlass gibt.

Ist sie dann überhaupt eine Krankheit?

Wenn sie es nicht ist, ist sie dann eine quasi naturgegebene Anomalie, die einigen Menschen eigen ist? Oder ist sie am Ende doch nur Einbildung, sich „etwas vormachen“ oder „sich interessant machen wollen“?

Viele Reaktionen im Alltag belegen, dass genau das von sehr vielen Menschen, die nicht betroffen sind, wohl so oder ähnlich gesehen wird. Als Anomalie bzw. Einbildung.

Wer aber kann, wer soll sich mit anomalen, ihre Einbildungen lebenden und von anerkannten Psychologen der Liebesunfähigkeit überführten und sich von der Außenwelt abgewendet habenden Menschen beschäftigen, sich ihnen zuwenden, sie aushalten?

Mag sein, dass diese Frage sehr zugespitzt, womöglich auch zynisch klingt. Letzteres ist in keinem Fall beabsichtigt, weil ich selbst sehr gut weiß, das Zynismus nicht produktiv ist, nicht weiterhilft.

Allerdings habe ich es in meiner Wahrnehmung SELBST bei manchem Psychologen (Therapeuten) schon so empfunden, als ob er unterstellte, dass es letztlich nur an der eigenen EINSTELLUNG läge, weniger melancholisch, weniger depressiv zu sein.

Seltsam nur, dass diese Therapeuten immer die waren (sind), die am penibelsten, am bohrendsten nach „in der Kindheit liegenden URSACHEN“ (sic!) für die abweichende „Einstellung“ fragten ohne sie so zu benennen. So als seien Melancholie bzw. Depression allenfalls das Ergebnis „falscher“ oder falsch verstandener Erziehung bzw. pädagogischer Zuwendung in der Vergangenheit.

So als wäre die Welt wenigstens grundsätzlich RICHTIG, wie sie ist, und Melancholie und Depression nur Erscheinungsformen, die von Menschen verkörpert werden, die nicht hinreichend auf diese RICHTIGE Welt vorbereitet worden sind. Ohne Not, ohne „Auslöser“ , ohne, dass es sonst eine Erklärung für Melancholie gibt.

*

Sehr gut möglich, dass mancher meinen Gedanken nicht folgen oder gar zustimmen kann. Ich musste sie mir, hier in meinem Tagebuch, aber einmal von der Seele schreiben.

Sollte der Eindruck entstanden sein, dass ich anderen Menschen „Schuld“ an eigener Melancholie oder Depressivität“ zuweisen oder dem Einzelnen ein schlechtes Gewissen einreden wolle, weil er/sie es mit Menschen, wie ich einer bin, eben nicht auszuhalten vermag, so war das nicht meine Intension, schon gar nicht meine Absicht.

Meine Gedanken wollen weder eine pauschale „Abrechnung“ noch eine pauschale Be- oder gar Verurteilung anderer Menschen sein.

Sie sind lediglich Ausdruck meines ganz persönlichen Empfindens.

Im Übrigen sehe ich, neben der aus meiner Sicht eben grundsätzlich (lange) vorhandenen Liebesfähigkeit, weitere positive Momente in der Melancholie, die allerdings nur wenig bzw. nach meiner Wahrnehmung eher isoliert thematisiert werden. Zum Beispiel das Hinterfragen an sich, das Innehalten, das mit melancholischen Momenten einhergeht, das Potenzial, das sich aus Melancholie für die verschiedenen Bereiche der Kunst eröffnet, die Bedeutung von Melancholie im Kontext eines „Temperamentegleichgewichts“ innerhalb eines Menschen und anderes mehr.

***

Ella Vos – „Mother (Don’t cry)“

Stille (Sentenzen -38-)

Stille kann so laut sein. Oder unheimlich. Oder einhüllend. Entspannend. Beängstigend. Beruhigend. Traurig machend. Kraft spendend.

Das eine Mal dies, das andere Mal das. Mitunter Mehreres, manchmal Alles.

Manchmal wünsche ich mir Stille und dann wieder, dass es doch bitte nicht so still sein solle. – Ist es nicht mit Vielem so, dass man es sich einmal herbei- und dann doch wieder fortwünscht?

Wohl, aber mit der Stille hat es doch eine besondere Bewandtnis. Für mich.

Grundsätzlich liebe ich die Stille. Liebe ruhige Orte und Menschen. Stille lässt mich ankommen. Und ankommen können, heißt fühlen können. Stille, Ruhe, gedämpfte Laute und Klänge von Orten und Menschen führen meine Empfindsamkeit zum Spüren von Schönem. Zum Leben in seiner wundervollsten Offenbarung. Für mich. Entspannend, Kraft spendend, Heimat schenkend. Nie fühle ich mich weniger einsam als in solchen Augenblicken.

Schöne Stille ist nur manchmal die, in der ich allein bin.

Eine andere Stille ist die, in die ich fliehe, weil ich getrieben werde oder mich getrieben fühle. Diese Stille hüllt mich zunächst immer ein. Solange ich in ihr ankomme. So lange ist sie wie ein Mantel, der mich wärmen und schützen will. Ich kauere mich in sie hinein, mit angezogenen Knien, und das Zirkulieren der eigenen Wärme wird mir nach und nach bewusst. Aber diese Stille, in der ich nach Flucht verharre, ist zwiespältig, zweischneidig.

Oft lässt sie mich einsam werden in sich und traurig. Das macht das wiederholte „Flucht erleben“. Das Empfinden, wieder einmal zu schwach gewesen zu sein.

Und oft macht sie mir auch Angst. Bisweilen sogleich, mitunter auch erst in ihrem Verlauf. Dann, wenn sie laut wird. Durch die Stimme in mir, die mich ausfragt, mich zu belehren sucht, die die Geduld mit mir verliert, so sehr, dass sie mich manchmal gar Abgründe sehen lässt.

Aus dieser Stille finde ich meist nur langsam wieder heraus. Bislang ist es noch immer gelungen. Wenn Menschen da sind, die mich aus ihr abholen mögen, wenn sie kommen oder ich es schaffe zu ihnen zu gehen, dann hilft das. Aber es kommen nur wenige Menschen dafür infrage.

Dauerhaft ist sowohl das Genießen, wie auch das Ertragen von Stille an Menschen gebunden. MUSS es sein. Denn ihr Genuss wird zur Trauer, ihr Ertragen zur Gefahr, wenn das beständig nicht so ist. Dann führt Stille in Einsamkeit. Beständige Einsamkeit aber bedeutet zu sterben.

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Ein Lied, das von sich selber „weiß“, dass man es nie im Radio spielen und dass man es nie in einer TV-Show singen wird. Ein stilles Lied also, für Zeiten der Stille …:

Molly Nilsson – „A song they wan’t be playing on the radio“

Vom Sinn der Zeit (und der Menschen darin) – Sentenzen 37 –

Er ist der beständigste, der stetigste Fluss. Der, dessen Geschwindigkeit sich niemals ändert, so unglaublich das so manches Mal erscheinen mag. Und so anders es sich so oft anfühlt.

Er ist der einzige Fluss, der wahrhaft unendlich ist.

Jedes Lebewesen, einmal geboren, schwimmt mit ihm, auf ihm, für einen Bruchteil der Unendlichkeit, die er ist.

Die nicht mehr mit und auf ihm schwimmen, haben aufgehört zu leben und lassen ihre Endlichkeit, die irdische, an einem seiner Ufer als Daten ihrer Geschichte, häufig noch in Stein gemeißelt, zurück.

Unendlich viele solcher Geschichten säumen schon seine Ufer, und je mehr es werden, desto mehr davon werden alsbald und für immer vergessen. Nichts erinnert mehr an sie. Bestenfalls der Fluss als jene Dimension, die er ist:

Die Dimension der Zeit.

Zeit war vor und bleibt nach allem Leben. Ein einzelnes Leben darin aber ist die kürzeste nur vorstellbare Episode. Ob es tatsächlich nur 15 oder 50 oder vielleicht gar 100 oder noch ein paar Jahre mehr währt, ist darin eine zu vernachlässigende Größe.

Dies als gegeben und grundsätzlich unabänderlich hinzunehmen, ist eine große Herausforderung. Für die allermeisten Menschen. Womöglich, die eigentlich größte überhaupt.

Denn wann, wenn nicht im Bewusstwerden der Kürze der Endlichkeit des eigenen Lebens, wird nicht auch seine Einmaligkeit bewusst? Und wie nah ist dann zumeist der Schluss, wie wichtig und geradezu notwendig es doch sei, diesem Leben das Attribut der Einzigartigkeit zu verleihen?! Zuletzt motiviert vielleicht sogar ein bisschen dadurch, dass es dann einst gar zu den wenigen gehören könnte, die nicht dem Vergessen anheimfallen.

Dieser Schluss und derartige Motivation sind es maßgeblich, die Menschen nach dem Besonderen streben lassen und nach Anerkennung und Akzeptanz, ihre Ruhelosigkeit bedingen, ihre Bereitschaft auch, sich verführen zu lassen.

Keine andere Zeit aber als die heutige war je verführerischer.

Nicht als solche, als Zeit an sich. Zeit an sich ist nicht verführerisch. Das Potenzial hat sie nicht. Aber das, womit sie angefüllt und ausgestaltet ist und wird, durch Menschen, das begründet und entwickelt jenes Potenzial. Und daraus wiederum erwachsen jene Sehnsüchte, die der Mensch dann „seine Bedürfnisse“ nennt.

„Seine“ Bedürfnisse! Jene, die über die allgemeinmenschlichen physischen und psychosozialen Grundbedürfnisse hinausgehen.

SEINE Bedürfnisse? Bedürfnisse, die aus Verführungen, von Menschen mit unterschiedlichsten Motivationen erdacht und entwickelt, geboren worden sind? Die es gar nicht gäbe oder nicht als solche, gäbe es diese Verführungen nicht ?!

Ja, genau die, klingt es, jeden in diesen Fragen verborgenen Widerspruch ersticken wollend. Schließlich seien es SEINE über die allgemeinen hinausgehenden Bedürfnisse des Menschen, die Entwicklung und Fortschritt bedingten.

Entwicklung wohl. Aber Fortschritt? Fortschritt, der mehr als die bloße Änderung von bestehenden Zuständen, vielmehr wirklich progressiv, tatsächlich fortschrittlich, ist?

Eine Frage, die nie dringender nach Antwort verlangt als in verführerischer Zeit. Zeit, wie sie gerade heute ist, das HEUTE gerade so sehr ausmacht. Und als solche das Leben, zumal in unserer westlichen Welt, durchdringt und bestimmt. Hier und Heute!

Und also vor allem so sehr verschwendete Zeit ist!

Zeit in der die wichtigen Fragen, die nach dem tatsächlich Progressiven, so wenig, so unvollkommen beantwortet werden. Vielmehr verdrängt, verschoben, von den Verführungen überlagert, die so viele Menschen schließlich selbstverständlich ihre (!) Bedürfnisse nennen.

Und ihnen nachjagen, dem „Schöneren“, dem „Besseren“, dem „Einzigartigen“, das doch nur in Uniformität mündet, weil da ja schlussendlich so viele Jäger sind.

Stündlich, täglich, allwöchent- und -monatlich, alljährlich. Ein Leben lang. IHR Leben lang!

Im Wettlauf letztlich mit sich selbst. Sich wieder und wieder selbst überholend. Manche schließlich und folgerichtig dabei stolpernd. Einige davon dann, mehr oder weniger noch einmal „wieder hergestellt“, schon wieder Schritt aufnehmend. – Andere jedoch liegenbleibend.

Als Daten ihrer Geschichte, vielleicht noch in Stein gemeißelt, schon morgen vergessen seiend an einem der Ufer des Flusses. Des Flusses, der Zeit heißt.

Und weiterfließt. Beständig und stetig in gleichbleibender Geschwindigkeit. Unbeirrt davon, dass sich das für Menschen nahezu nie so anfühlt. Und davon, dass so mancher meint, gerade richtig viel von ihm zur Verfügung zu haben und ein anderer, dass ihm im selben Augenblicke so gar nichts von ihm bliebe.

Fluss, der nicht wirklich über sich verfügen lässt und also sich nicht überholen, von KEINEM Menschen, und nicht begradigen, damit er schneller fließe.

Immer mehr und immer wieder begradigte Flüsse werden irgendwann zerstörerisch. Das ist ein Naturgesetz.

Die Zeit ist ein Naturgesetz. Der Fluss der Zeit.

Ihm zu folgen, in seinem durch seine Windungen vorgegebenen Lauf und der durch sie bestimmten Geschwindigkeit, dabei hinzusehen, auf das was ist, diesem zuzuhören und mit ihm zu fühlen, seine Wünsche zu erkennen und ihnen zu gehorchen, damit es bleibt, und weiterlebt so oder so, das ist sein Sinn.

Das ist der Sinn der Zeit. Nur das! Und jedes einzelnen Lebens in ihr.

Jedes derartig gelebte Leben ist von sich aus, naturgegeben, einzigartig, weil es dazu beiträgt, die Dimension Zeit Dimension von Leben sein zu lassen.

Ob und wie lange diese Dimension in der Unendlichkeit der Zeit Bestand gehabt haben wird, wird einst die Maßeinheit der Vernunft des Menschen sein.

*

Lukas Meister – „Die Zeit“

Weihnachten – Eine Betrachtung gerade nicht nur für die oder wegen der Feiertage (Sentenzen -36-)

Wenn ich so um mich herum höre und lese, dann scheint Weihnachten ein schwieriges Fest zu sein. Etlichen, wenn nicht sogar vielen Menschen, ist es offensichtlich immer mehr Last als Freude geworden. Manche wenden sich gar mehr oder weniger ganz davon ab.

Es sei alles nur noch Konsum, verkrampfte, aufgesetzte Höflichkeit, ein „es miteinander Aushalten müssen“. Auch bei bestem Willen, sei es letztlich doch vor allem anstrengend. Man müsse am Ende doch immer irgendwie zurückstecken, manchmal endeten die Feierlichkeiten in Streit. Dabei habe man nach all der Hektik vorweg, all den vielen Vorbereitungen, doch wirklich nur Gemütlichkeit, ein bisschen Erholung in Gemeinsamkeit angestrebt. Nun sei man zwar beisammen gewesen, aber zu mehr als ein paar nette Unverbindlichkeiten auszutauschen, habe die Zeit dann doch nicht gereicht. Aber vielleicht war das auch besser so, zusätzliche „Belastungen“ vertrage so ein einmaliges Familienbeisammensein nun nicht auch noch. Wenn es nicht sein müsste, wegen der Kinder, wäre man besser weit weg gefahren.

Der eigentliche Bezug zu Weihnachten ist mitunter soweit verloren gegangen oder ist auch nie entwickelt und hergestellt worden. Das spüre ich vor allem dann, wenn ich höre, dass das mit dem Jesus sowieso nur eine erfundene Geschichte sei. Die Geburt durch eine Jungfrau sei wissenschaftlich nachgewiesener Maßen völliger Schwachsinn und die Geschichte mit der späteren Auferstehung sowieso. Das habe nichts mit der Realität zu tun. Die Leute würden mit diesen „Märchen“ nur verdummt und vom eigentlich Wesentlichen abgelenkt.

Das eigentlich Wesentliche …

Ich denke, dass dies betreffend, dem Verständnis davon, der Bereitschaft, dem eigentlich „eigentlich Wesentlichen“ entsprechend zu leben, und zwar konsequent, die ganzen neuzeitlichen Probleme um Weihnachten innewohnen.

Auch ich habe mit dem Glauben meine Schwierigkeiten. Ich werde wahrscheinlich nie fertig werden mit dem Suchen nach Antworten auf die vielen Fragen, die auch in mir als Zweifel stehen. Die nach der jungfräulichen Geburt, der Auferstehung, dem Leben nach dem Tod, dem, wer oder was GOTT ist, sind dabei sehr zentrale Fragen aber bei Weitem nicht die einzigen, die mich sehr bewegen, mich immer wieder umtreiben. Ich suche dafür immer wieder nach Erklärungen. Und auch, wenn ich ab und zu eine finde, wenigstens eine für mich „handhabbare“, so ist meine Suche doch nie beendet. Weil Fragen bleiben und immer auch wieder neue hinzukommen.

Sicher bin ich mir allerdings, „das eigentlich Wesentliche“ dennoch verstanden zu haben. Und begriffen, dass es dafür gar nicht wichtig ist, wie fest, wie sicher oder wie zweifelnd man in dem, was Glauben umfassen kann, ist.

Das „eigentlich Wesentliche“, die Botschaft von Weihnacht, ist die Liebe, die Liebe als Gebot der Art und Weise menschlichen Zusammenlebens.

Rücksichtsvolles Umgehen miteinander, Respekt gegenüber dem Anderen, die Bereitschaft zum Zuhören, zum Verstehen, zur Hilfe, Einfühlungswillen und Bescheidenheit, eine Lebensweise, die anderen nicht zur Beeinträchtigung oder gar zum Schaden gereicht, die friedliche, sachliche Auseinandersetzung miteinander, die kleinen und die großen Dinge dieser Welt betreffend, Bereitschaft zum Kompromiss, Dankbar sein – das alles umfasst das Gebot der Liebe.

Wer es so versteht, so lebt, für den treten Fragen, wie die genannten in den Hintergrund. Und das dürfen sie dann wohl auch. Weil es nicht darum geht, wer oder was Gott ist, ob eine jungfräuliche Geburt möglich oder unmöglich ist, sondern weil es AUSSCHLIEßLICH darum geht, umfassend Liebe zu leben. Gelänge das wirklich umfänglich, so dass es alles durchdringt, jede Parlamentsdebatte, jeden Firmenalltag, jede Familienfeier, jedes Gespräch unter Menschen, dann wäre unser Zusammenleben ein anderes. Dann wäre unsere Welt eine andere.

Wäre es so, wäre das Weihnachtsfest nicht mehr schwierig. Weil es des Vorsatzes, „jetzt mal schön lieb miteinander zu sein“ nicht bedürfte. Und das wäre ein riesiger Schritt. Wie viele so extra hochgehaltene Vorsätze tragen noch während sie geäußert werden schon den Keim ihres Scheiterns in sich ? Wir wissen es doch von den Neujahrsvorsätzen …

Weihnachten ist für viele von uns so schwierig, weil wir das ganze Jahr über NICHT im Sinne der Weihnachtsbotschaft miteinander umgehen.

„Gefühlsduselei“ aber ist nicht am Platze, wenn es um Gewinne geht, den ersten Platz in der Reihe, die bessere Versorgung … Solange „Weihnachten unter dem Baum entschieden“ wird, wie es die deutsche Werbeindustrie vor einigen Jahren schon proklamiert hat, solange sich unsere Lebensqualität quasi „notwendig“ an Einkommenshöhe festmacht. –

Gefühle zu zeigen ist überhaupt mehr und mehr zu einem Problem, zu einem Risiko, geworden. Oft bis in die eigenen Familien hinein, die ohnehin nur noch selten Familien im „klassischen Sinne“ sind. Jeder muss an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit funktionieren, man lebt sich auseinander, kennt die Ursachen, Beweggründe für das Denken und Handeln der Schwester, des Bruders, der Eltern, der Kinder nicht mehr. Und man sieht sich dann, wenn der Alltag noch gemeinsame Zeit übrig lässt (die aber wird immer weniger) oder halt zu den „besonderen“ Anlässen.

Der „Schalter“ lässt sich dann aber nicht mal eben so einfach umlegen. Die besonderen Anlässe sind mit uns überfordert und wir mit ihnen. Besonders wenn der besondere Anlass Weihnachten ist. Das Fest der Liebe, von dem dann so leicht dahin gesagt wird, dass sich dann doch alle liebhaben sollen.

Das aber ist nicht die Weihnachtsbotschaft. Sie meint, so wie ich sie verstehe, dass jeden Tag ein Tag der Liebe sein soll, jeder Tag Weihnachten. Ja, JEDER Tag!

Die Weihnachtsfeiertage wären dann nur insoweit noch besonders, als dass wir uns während ihres Verlaufs an den Ursprung dieser Botschaft erinnern, daran, dass und wie wertvoll sie ist für unser Leben, für all unsere Lebenszeit, wo wir auch immer gerade sind. Und das wäre gut so. Dem Anliegen des Begehens von Weihnachten wäre damit zur Genüge entsprochen. Und die Gefahr, dass zu hohe Erwartungen geschürt an diese Tage und dann nicht erfüllt würden, wäre mutmaßlich gebannt.

So, wie an jedem Tag, könnte, sollte und müsste gefragt und gesprochen werden:

Wie geht es dir? Wollen wir gemeinsam etwas planen, etwas unternehmen? Was stellst du dir vor? Soll ich auf etwas besonders Rücksicht nehmen oder ist das nicht nötig? Erzähl mir bitte von deinen Wünschen und, wenn du es möchtest, auch von deinen Sorgen! Ich tue es ebenso, wenn du willst. Und dann schauen wir, was wir damit anfangen können, so, dass wir beide etwas davon tragen, dass wir es beide miteinander teilen.

Wenn das unrealistisch klingt, dann, weil wir es nicht so leben. Es fängt schon damit an, dass wir nicht daran glauben, dass es möglich sein sollte, einander so zu fragen, miteinander so zu reden und umzugehen, an jedem Tag, in jeder Lage. Wir zweifeln daran, fangen an Einwände vorzuschieben. Das sei doch unmöglich, wo solle das hinführen, Rücksicht auf alle und alles, in der Firma würden sie sich an den Kopf greifen, das Leben sei schließlich kein Ponyhof.

Nein, das ist es wahrlich nicht. War es nie und ist es immer weniger. Aber gerade deshalb braucht es Halt und Orientierung darin, damit wir es meistern können, damit dabei niemand zurückbleibt. Aber Halt und Orientierung ist vor allem dann und dort gegeben, wo einander mit Liebe begegnet wird. So, wie sie die Weihnachtsbotschaft meint, so umfassend!

Der Glaube daran ist realisierbar, dann, wenn wir bereit sind, entsprechend zu handeln. Wenigstens endlich beginnen damit. Das macht diesen Glauben fassbar für mich. Fassbarer als den an die jungfräuliche Geburt, an das was oder wer Gott ist, an ein Leben nach dem irdischen. Womöglich aber ist der eine nur die Brücke hin zu dem anderen, zu dem an die Liebe. Eine Brücke, die Menschen um die Zeit, die heute als die von Christi Geburt gilt, gebaut haben. Das könnte ich gut für mich annehmen, das wäre nachvollziehbar und verständlich für mich.

Und vieles würde damit auf einmal klarer.

Zum Beispiel, dass dieser Glaube, die Weihnachtsbotschaft, nicht dadurch weniger wahr geworden ist oder bleiben kann, wenn sich Menschen, bis hin zu kirchlichen „Würdenträgern“, nicht an ihn/sie halten, nicht in seinem/ihrem Sinne leben.

Zum Beispiel auch, dass nicht Gott universell „Schuld“ an allen Übeln der Welt ist, weil er eben nicht Gott oder unvollkommen sei, sondern entsprechende Schuld viel eher, viel zutreffender in der Art und Weise menschlichen Zusammenlebens, das eben nicht der Weihnachtsbotschaft entspricht, begründet liegt.

Meine vielen Fragen, meine vielen Zweifel an all dem was mit Glauben um- und beschrieben wird, an dem was Gott und wie Gott sein kann oder ist, sind das eine.

Meine Zweifel daran, dass die Weihnachtsbotschaft, das umfassende Gebot der Liebe, zu groß für uns Menschen ist, sind das andere.

Letztere sind größer.

Ich möchte ihnen entgegentreten. Ich möchte es wenigstens immer wieder bewusst versuchen, selbst so zu leben, als wenn jeder Tag Weihnachten wäre, damit die Menschen um mich herum es spüren können: Dass jeden Tag Weihnachten sein kann!

*

Ein zutiefst berührendes Lied über die Liebe und ein fast noch berührenderes Video dazu:

Flora Cash – „In the winter“

Optimismus (Sentenzen -35-)

Über alle möglichen Dinge habe ich im Rahmen meiner Rubrik „Sentenzen“ schon ausführlicher geschrieben in meinem Blogtagebuch. Über Glück, Hass, Mitleid, Demut, Neid … – Wenn ich mir selbst glaube, dann waren und sind diese und andere Themen, denen ich mich gewidmet habe solche, die mich immer wieder und nachhaltiger bewegen und beschäftigen, die in meinem und für mein Leben zumeist eine wichtigere Rolle spielen.

Das Thema „Optimismus“ war bislang nicht darunter, und ich habe zu gestehen, dass ich mich ihm wohl auch nicht aus eigenem Antrieb intensiver zugewandt hätte, wenn da nicht kürzlich jemand gewesen wäre …

Mir fällt es dennoch auch nach längerem Überlegen und Nachdenken schwer, über Optimismus zu schreiben. Und ich kenne den Grund dafür: Ich bin ein nur wenig optimistischer Mensch. Meine mich charakterisierenden Persönlichkeitseigenschaften sind andere.

Ich glaube, dass ich schon immer ein nicht sehr optimistischer Mensch gewesen bin, auch in meiner Kindheit nicht. Ich hatte und habe oft Versagensangst. Woher das kommt, weiß ich nach wie vor nicht genau, da haben auch viele Therapiesitzungen nichts genutzt. – Eine Zäsur war aber, so meine ich, für mich dann die Zeit der so genannten Wende 1989/90. Seither habe ich es noch weit schwerer, optimistisch in die Welt zu sehen.

Was ist Optimismus eigentlich: Eine Persönlichkeitseigenschaft? Wohl ja. Hängt sie von der Stabilität der Lebensumstände eines Menschen ab? Zumindest zu erheblichen Teilen wohl ebenfalls: Ja. Was von beidem schwerer wiegt? keine Ahnung. Auch nicht davon, wie sich beide Momente tatsächlich beeinflussen.

Was mich immer wieder sehr fasziniert, sind Menschen, die Schweres durchmachen mussten oder die sogar mit mehr oder weniger erheblichen Beeinträchtigungen ihrer Lebensqualität leben müssen, etwa, wenn sie eine Behinderung haben, und die dennoch sehr optimistisch daherkommen, und oft auch tatsächlich ein sehr optimistisches Wesen haben.

Dann schäme ich mich letztlich immer für meine eigene Unzulänglichkeit in diesem Sinne.

Dabei sehe ich mich auch nicht als völlig pessimistisch oder fatalistisch. Ich möchte geben, möchte helfen, möchte motivieren, anderen Menschen Zuversicht vermitteln – so dass sie nicht an sich und/oder der Welt (ver)zweifeln. – Obwohl ich das selbst immer wieder tue.

Optimismus ist auch eine Lebenseinstellung. Vielleicht sogar am meisten DAS. Kann ein Mensch, dem Optimismus als Persönlichkeitseigenschaft kaum eigen ist, eine optimistische Lebenseinstellung haben und leben? Wie weit, wie sehr KANN er das?

Wenn Optimismus heißt, das Leben als solches, die Schöpfung als solche, zu bejahen, dann geht das wohl. Immerhin ein bisschen. Und ich glaube, selbst ich kann das und lebe das. So weit. –

So weit musste ich erst einmal kommen … Denn, ja, ich habe durchaus schon das eine und andere Mal überlegt, was bzw. ob sich das Leben lohnt, ob es sich lohnt, weiter zu leben.

Diese Frage beantworte ich inzwischen mit einem klaren „Ja“, im Wissen um meine depressiven Episoden, im Wissen um meine wiederkehrenden Stunden und Tage voller Zweifel und Verzweiflung, im Wissen darum, dass ich mich in den letzen Jahren beständig immer ohnmächtiger fühle gegenüber dem, was sich an Weltgeschehen subsummiert. Und, dass ich mich insoweit mutmaßlich immer ohnmächtiger fühlen werde.

Aber ich bejahe das Leben als solches, ich bejahe es als das Geschenk, als das es mir ursprünglich gegeben worden ist. Weil es womöglich das aufrichtigst gemachte Geschenk ist, dass ich je bewusst als solches erkannt und angenommen habe. So oft ich immer noch des Lebens müde werde, lebensmüde will ich niemals werden. Das ist mein Versprechen dafür, dass mir Leben geschenkt worden ist.

Mag sein, dass das der kleinste gemeinsame Nenner dafür ist – etwas, mich, wenigstens ein bisschen optimistisch nennen zu dürfen. Wenn ich ehrlich bin, finde ich das gar nicht so wenig.

Womit ich nicht zu leben und umzugehen verstehe, ist Zweckoptimismus. Ja, der schreckt mich sogar ab.

Meine ganz persönliche Wahrnehmung ist, dass immer mehr Menschen zum Zweckoptimismus neigen. Damit komme ich nicht zurecht. Auch und sogar in besonderer Weise nicht, wenn es diesen Menschen dadurch tatsächlich gelingt, „überlebensfähiger“ zu sein. Nicht, dass ich ihnen das missgönne, im Gegenteil. Ich VERSTEHE es nur nicht. – Für mich ist Zweckoptimimus der Heuchelei nahe, dem Selbstbetrug. Kraft, ÜBERLEBENSkraft könnte ich daraus niemals schöpfen. Mit und in jeder Pore würde ich empfinden und spüren, das und was ich mir damit nur vormache.

Da fällt mir ein Gedanke ein, ich weiß nicht, wer ihn ersonnen hat, aber es liegt Wahrheit darin: Optimismus birgt vielmehr die Gefahr enttäuscht zu werden als Pessimismus.

Vor diesem Hintergrund wird für mich die Frage noch unbeantwortbarer: Warum fliehen Menschen in den Zweckoptimismus, warum augenscheinlich so viele, immer mehr werdende?

Oft habe ich den Eindruck, das optimistisch oder auch (nur) zweckoptimistisch daher kommende oder sich auch bloß so gebende Menschen eine stärkere Anziehungskraft auf andere Zeitgenossen ausüben als solche, die das weniger ausstrahlen oder vorgeben.

Ich hingegen fühle mich weit mehr zu den Nachdenklicheren, den Stilleren hingezogen. Sie erscheinen mir vertrauenswürdiger. Und ist nicht Vertrauen eine wichtige, wenn nicht die wichtigste, Basis für einen fundierten Optimismus, und sei er noch so klein, noch so unausgeprägt? Ist solcherart Optimismus nicht EIGENTLICHE Lebensbejahung?

Ich weiß es nicht. Es ist nur so eine Überlegung – die einzige bei der ich wahrnehme, dass es da eine wirkliche Identifikation meinerseits mit dem Wort, dem Thema, „Optimismus“ gibt. Selbst wenn ich die großen Sehnsüchte, die beständig in mir leben, einkalkuliere. Und das muss ich, weil sie einen sehr großen, umfassenden, mich prägenden Teil, meines Lebens ausmachen.

Die großen, inneren, unerfüllten und mutmaßlich so sehr schwer still- und erfüllbaren Sehnsüchte und das Vermögen, optimistisch zu sein – ich spüre, dass da ein großer Zusammenhang ist. – Aber ich vermag ihn nicht weiter, geschweige denn zu Ende zu denken. Allein der Versuch fühlt sich für mich soeben an, wie im Nirwana das Weltalls zu verschwinden. Wenigstens jetzt, augenblicklich.

Mal schauen, ob ich es irgendwann schaffe, wieder und noch weiter zu denken, zum Thema „Optimismus“. Denn „fertig“ bin ich damit nun auch keineswegs. Die Gedanken hier sind allenfalls ein „Schlaglicht“, ein Beginn.

Immerhin. –

Kürzlich las ich in einem Blog den Satz:

„Es ist so schwer zurzeit, an eine Zukunft zu glauben. Shit.“

Stimmt.

Mit Optimismus mag das wenig zu tun haben, aber ich hab‘ trotzdem immer noch Träume …

*

Scham (Sentenzen -34-)

Scham ist keine Charaktereigenschaft. Sie ist ein Gefühl, ein Empfinden, eine spezielle Art des Empfindens.

Mich beschäftigt das Phänomen der Scham, des sich Schämens, schon lange und immer wieder.

Ich habe an mir selbst bemerkt, dass Scham in unterschiedlichen Zusammenhängen und sich sehr unterschiedlich äußernd auftreten kann. Mit Blick auf andere Menschen habe ich festgestellt, dass sich manche Menschen mehr, häufiger und intensiver schämen als andere, auch, dass die Anlässe und wohl tiefergehend auch die Ursachen für Scham letztlich bei jedem Menschen verschiedene sind.

Scham ist offenkundig keinem Menschen naturgegeben. Sie entwickelt sich erst im Verlauf seines Wachsens und Werdens als Persönlichkeit, stark, wie womöglich kaum ein anderes Empfinden geprägt durch die erfahrene Erziehung und die Einflüsse unterschiedlicher sozialer Milieus und damit jeweils verbundener, prägender Personen, vor allem im Kindes- und Jugendalter.

Häufig stelle ich mir die Frage, ob Anlässe, auslösende Momente, Intensität und Art und Weise des Schämens damit dann für die Dauer des „Erwachsenenlebens“ eines jeden Menschen grundsätzlich festgelegt sind.

Bislang bin ich eher geneigt, diese Frage zu bejahen, wissend wie schwer es ist, eine einmal mehr oder weniger stark herausgebildete, „gefestigte“ Persönlichkeit noch im Sinne von genereller Veränderung zu beeinflussen. Stark jene Persönlichkeit charakterisierende und konstituierende, verfestigte Gefühls- und Empfindungsabläufe eines Menschen zu beeinflussen, erscheint mir, wenn überhaupt möglich, dann nur ein äußerst schwierig und allenfalls in sehr kleinen Schritten realisierbares Unterfangen zu sein.

Warum beschäftigt mich das Thema „Scham“ so fortgesetzt und immer wieder so intensiv?

Ursache ist die Wahrnehmung, dass sich die Menschen unterschiedlich oft, unterschiedlich intensiv, aus unterschiedlichen Anlässen schämen und, dass mich das jeweils sehr „anspricht“ und quasi zwangsläufig zur Auseinandersetzung mit meinem eigenen „Schamverhalten“ führt. Und zwar dem leiblichen Schamverhalten, welches sich auf die eigene Person (deren Erscheinungsbild, deren Äußerungen, Handlungen, deren vermeintliche Wahrnehmung durch Dritte) bezieht, ebenso wie jenes, welches durch Äußerungen oder Handlungen anderer Menschen bedingt ist und seit einigen Jahren als „fremdschämen“ bezeichnet wird.

Wenn mich mein eigener Eindruck nicht trügt, dann schäme ich mich vergleichsweise oft und intensiv. Die Häufigkeit und die Stärke meines Empfindens von Peinlichkeit und Abscheu, scheinen mir dafür recht sichere Indikatoren zu sein.

Zu einen schäme ich mich für mich selbst, für eine Unsicherheit, die ich nicht zu überwinden vermag, für eine Unbedachtheit im Sprechen, Schreiben oder sonstigen Handeln (wobei die Unbedachtheit eine spontane oder eine in meiner Person quasi begründete sein kann). Ich schäme mich bisweilen für Unfähigkeit, für Unangemessenheit, ja bisweilen auch für mein Erscheinungsbild. Ob und wie sehr ich mich schäme, hängt dabei natürlich auch immer von dem mich gerade umgebenden Kontext ab.

Es hängt, so sehe ich das jedenfalls für mich, weniger von der oder einer Sorge ab, etwa nicht perfekt genug zu sein, zu erscheinen oder auszusehen. Ich MÖCHTE ausdrücklich so erscheinen, wie ich bin. Ich mag mich nicht verstellen. Und versuchte ich es, dann würde es sehr sicher zu einer jener Peinlichkeiten führen, die dann meine Scham befeuerten.

Ich schäme mich aber auch für andere Menschen.

Zotige Witze oder intime Begebenheiten, die jemand erzählt, zum Beispiel, verursachen mir recht sicher ein regelrechtes körperliches Unbehagen. Überhaupt, so Witze und Bemerkungen unterhalb „meiner“ Gürtellinie (was als „unter der Gürtellinie“ empfunden wird, ist freilich ja mindestens so individuell verschieden, wie das eigene Moral- oder Ethikverständnis). So schäme ich mich auch für manche Fernsehsendung. Und sehr für Überheblichkeit, z.B. gegenüber Frauen oder gegenüber Menschen, die irgendeine Spezifik aufweisen, die vermeintlich „nicht normal“ oder auch nur „anders“ ist.

Ich schäme mich ab jeweils einer bestimmten Stufe für Ignoranz, Arroganz, Selbstgefälligkeit, Eigenliebe anderer Menschen. Für ihre Machtgier. Ich schäme mich nicht so selten für jene, die das Land, in dem ich lebe, regieren und repräsentieren, aber auch für solche, die das bezogen auf Europa oder ein anderes Land tun. Ich schäme mich auch für manche der Oppositionellen.

Die Aufzählung ist nicht vollständig.

Wie weiter oben schon angedeutet: Ich schäme mich recht viel, recht oft und recht intensiv.

Wie „sinnvoll“ ist es, sich zu schämen?

Wenn es um das „Selbstschämen“ geht, dann mag es dazu beitragen oder sogar initiierend sein, die eigene Person (wieder) kritisch zu hinterfragen, sich und das eigene Tun zu reflektieren, bestenfalls mit der Folge, bei der nächsten Gelegenheit das Betreffende anders anzustellen, es wenigstens zu versuchen.

Beim Fremdschämen, würde bzw. ist es mutmaßlich noch schwieriger. Denn hier müsste ich versuchen, auf diejenigen Einfluss zu nehmen für die oder derentwegen ich mich schäme. Dazu braucht es viel. Im Zweifel vor allem eine angemessene Portion Selbstvertrauen. Die muss man erst mal haben …

Aber noch einmal zurück zum Phänomen des Schämens als solches.

Wie wohl bei fast allen irgendwie psychischen „Erscheinungen“ ist ein Zuviel sehr wahrscheinlich ebenso schädlich (wohl vor allem für die eigene Person) wie ein Zuwenig verwerflich (dies nun vermutlich mehr bezogen auf Personen die einem Zuwenig an entsprechender Sensibilität ausgesetzt sind).

Soweit klingt das logisch. Die Frage aber, wie es gelingen kann, das „richtige“ oder „angemessen ausgewogene“ Maß an Scham zu pflegen hingegen, klingt in meinen Ohren seltsam, irreal. Der Gedanke, dass die Summe, der Durchschnitt allen Schämens schon für die erforderliche Ausgewogenheit in größeren Zusammenhängen sorgen würde, klingt nicht besser, nicht überzeugender, nur plakativer.

Ich vermag die Frage nicht zu beantworten, nicht einmal zu sagen, ob sie wirklich sinnvoll ist.

Ich kann, wieder nur ganz auf mich bezogen, sagen, dass mir Menschen, die sich im Zweifel zu viel und/oder zu intensiv schämen, näher, ja, auch sympathischer sind als jene , die das zu wenig bzw. eher oberflächlich tun. Für mich ist ein sich eher „zu viel“ oder „zu intensiv“ schämen, Ausdruck einer besonderen, einer ausgeprägten Sensibilität desjenigen, den es charakterisiert.

Diese Eigenschaft hat für mich einen sehr hohen Wert, selbst, wenn durch sie hervorgerufen, sehr grundsätzlich ein „Zuviel“ an Empfindung, an Gefühl bedingt wird. Weil sensible Menschen generell sehr aufmerksame Menschen sind, zugleich auch sehr verletzbare.

Aufmerksamkeit aber ist in heutigen Zeiten wichtiger denn je, damit nicht immer wieder so viele, zu viele, verletzt werden.

Lieber also zu viel als zu wenig davon in unserer gegenwärtigen Welt.

Ureigen menschliches Empfinden ist wichtig, ist einzigartig, halt nur dem Menschen eigen. Mehr oder weniger.

Und sich schämen ist ureigen menschlich. Kein anderes Lebewesen vermag das.

Moral, Ehe, Anmut

Es mag ein wenig merkwürdig erscheinen, dass ich mir gleich drei Begriffe als Gegenstand ausführlicherer Betrachtungen ausgesucht habe – grundsätzlich widme ich mich sonst immer nur einem spezieller. –

Nun sind mir aber am vergangenen Wochenende zwei der genannten Begriffe, nämlich „Ehe“ und „Anmut“, und Ansichten anderer Menschen dazu etwas unmittelbarer begegnet. Und sie verbinden sich in meinem Denken gleichsam folgerichtig mit dem Begriff der „Moral“. Ich vermag sie offensichtlich nicht getrennt von diesem Begriff, der mich freilich als solcher noch viel weitergehender beschäftigt, als ich mich ihm hier heute widmen kann und werde, zu denken. Ähnlich geht es mir im Mindesten auch mit dem Ehebegriff.

Meine Gedanken hier sind also eher ein Zwischenstand meiner Überlegungen oder auch eine aktuelle Bestandsaufnahme derselben …:

Zur Moral“ habe ich schon einmal ein paar Gedanken geschrieben (in meinem Blogtagebuch auf der Tagebuchseite -428-), sie lauteten so:

„Moral ist, was die Mehrheit der Menschen (in einem bestimmten Kontext) für moralisch (für richtig) hält. – So ist es mir während meines ersten Studiums mal erklärt worden. – Wenn das stimmt, habe ich Grund, häufig daran zu zweifeln, dass mein Denken und Empfinden dem entspricht, was als Moral gilt.“

Denn eine Definition, was moralisch ist und was nicht, gibt es offenkundig nicht. Bei Wikipedia heißt es ganz dem entsprechend unter anderem:

„Moral bezeichnet zumeist die faktischen Handlungsmuster, -konventionen, -regeln oder -prinzipien bestimmter Individuen, Gruppen oder Kulturen.“

„Faktisch“ heißt aber in erster Linie „konkret“, „tatsächlich“, wenn man so will auch „jetzt existent“ und somit, dass die entsprechenden Handlungsmuster, Handlungskonventionen usw. nicht feststehend sind, sondern sich in einem stetigen Wandel befinden, je nachdem, was in dem jeweiligen Kontext für „moralisch richtig“, für „moralisch vertretbar“, gehalten wird. – Wer würde bestreiten, dass vieles an Ansichten, Handlungen, Beziehungen, was vor 50 oder 100 Jahren (noch) als verwerflich, bedenklich, moralisch zweifelhaft bzw. unanständig galt, heute als Normalität betrachtet wird.

Wer in solchen Kontexten unter anderem rückblickend auf „Moral“ verweist, gilt schnell zumindest als Gestriger oder Sonderling. Manchmal habe ich das für mich schon so wahrgenommen.

Als ich am Sonntag ein Interview mit Rosa von Praunheim auf dem Deutschlandfunk hörte, da ging es darum vor allem um die Themen „Ehe“ und deren Rolle in der heutigen Zeit, um die Diskussionen um die gleichgeschlechtliche Ehen und um sexuelle Freiheit. Besonders interessant fand ich einen Gedanken von Praunheims, der mir, allerdings nicht so auf den Punkt fokussiert, während der letzten Wochen angesichts der kontroversen Debatten um die Einführung einer rechtlich heterosexuellen Ehen völlig gleichgestellten Ehe zwischen Homosexuellen, selbst schon durch den Kopf gegangen war.

Ist es nicht so, dass die „klassische Ehe“ vielen heute als längst überkommenes Relikt der Vergangenheit gilt?

Ehe als Institution, als sozial verbindliche Lebensform unter anderem bestimmt durch gleiche oder ähnliche materielle Interessen der in ihr miteinander Verbundenen, auch als Institution mit schlussendlich vorgegebenen Erwartungen und Möglichkeiten aber auch Grenzen der individuellen Entfaltung?!

Ehe, nicht zuletzt auch als moralische Instanz und Ausdruck eines Moralverständnisses von dem heute faktische Handlungsmuster offenkundig immer stärker und zahlreicher abweichen. Eines Moralverständnisses, dem vor allem etliche deutsch-ausländische Partnerschaften, wenn sie denn in Deutschland gelebt werden wollen, gesetzlich normiert allerdings nach wie vor zu entsprechen haben. Ich weiß sehr authentisch worüber ich da rede! –

Das deutsche Ausländerrecht kennt grundsätzlich keine „wilden Ehen“.

Vielen gilt die klassische Ehe heutzutage als geradezu reaktionär. Ist es angesichts dessen nicht ein bisschen paradox, dass doch unübersehbar gerade viele jener Menschen, die die „klassische Ehe“ als etwas „Überkommenes“ bzw. „Altmodisches“ zunehmend oder bereits generell ablehnen, mit die engagiertesten Verfechter der Einführung einer rechtlich voll gleichgestellten Homoehe auftreten?

Von Praunheim scheint das ähnlich zu sehen bzw. zu hinterfragen, denn in dem angesprochenen Interview brachte er zum Ausdruck, dass die homosexuelle Bewegung genau genommen mehr tun müsse, anstatt für eine „Ehe für alle“ zu kämpfen. Die sei nämlich „fürchterlich reaktionär.“ Homosexuelle würden zudem die Verpflichtungen, die sie mit einem solchen Bündnis eingehen, nicht berücksichtigen.

Ja eine Ehe ist eine Kompromissgemeinschaft, auch eine Zweck- und in gewisser Weise, „wenn Kinder da sind“ wie von Praunheim meinte, auch eine Zwangsgemeinschaft. Sie steht einer uneingeschränkten, ungehemmten Individualisierung entgegen. Schon Oscar Wilde ließ einen der Protagonisten seines Romans „Das Bildnis des Dorian Gray“ sagen:

„Der wichtigste Gegengrund gegen die Ehe ist, dass sie einen selbstlos macht. Und selbstlose Menschen sind farblos. Es fehlt ihnen an Individualität.“

Ob von Praunheim nicht zuletzt deshalb in dem Interview so stark für mehr „sexuelle Freiheit“ plädierte?

Beim Hören dieser Forderung machte sich in mir, wie immer, wenn von mehr sexueller Freiheit die Rede ist, Unbehagen breit. Denn für mich ist diese Forderung zweischneidig und sie wird immer zweischneidiger, je mehr unsere Gesellschaft, unser Leben sexualisiert wird.

Wenn mit sexueller Freiheit gemeint ist, dass jeder Mensch, seiner sexuellen Neigung entsprechend, in uneingeschränkter Würde, rechtlich allen anderen Menschen mit gleicher, wie andersartiger sexueller Neigung vollumfänglich gleichgestellt leben können soll, wenn es sich um keine strafzubewehrende Neigung (etwa Pädophilie) handelt und er seine Neigung Dritten nicht aufzwingt oder sie von seiner Neigung ausgehend belästigt oder gar nötigt, dieser entsprechend zu handeln oder sie mit ihm zu teilen, dann unterschreibe ich die Forderung nach sexueller Freiheit.

Alles was dieser Begriff, diese Forderung mehr implizieren könnte bzw. mitunter bereits impliziert, nicht zuletzt einem (noch) Mehr an Individualität das Wort redend, lehne ich sehr kategorisch ab. Eine ungeregelte sexuelle Freiheit lehne ich ab. Weil es absolute Freiheit, insbesondere in gesellschaftlichem aber auch im privaten Kontext nicht geben kann und geben darf, auch absolute sexuelle Freiheit oder absolute Individualität nicht. Solange mehr als ein Mensch auf der Erde lebt, solange nicht nur ein Mensch mit sich selbst Sex hat, ist das so und solange das so ist, hat das zu gelten. Unumgänglich!

Was bislang gelegentlich im Sinne von „mehr sexueller Freiheit“ bereits als Moral gilt, als faktisches Handlungsmuster vertreten und gelebt wird, geht da nach meiner Auffassung bereits deutlich zu weit. Ich denke insoweit nicht nur an die Werbeindustrie …

Da war und ist nun aber auch noch das Wort, der Begriff der „Anmut“. Auch er begegnete mir am Wochenende wieder einmal. Dabei ist mir aufgefallen, dass er nur noch selten verwendet wird. Dabei teile ich ganz und gar die Ansicht der Schriftstellerin Eva Demski, die in der Sendung „Denk ich an Deutschland“ im Deutschlandfunk am vergangenen Sonntagmorgen das Wort „Anmut“ als eines ihrer Lieblingswörter der deutschen Sprache bezeichnete.

So wie sie den Begriff „Anmut“ definierte, illustrierte, ist er nach meinem Empfinden letztlich im ureigensten Sinne ein wundervolles Korrektiv zu so vielen Dingen, die heutzutage Handlungs- bzw. Wahrnehmungskonventionen und somit „gelebte Moral“ sind.

Sie sagte unter anderem, dass Anmut etwas bezeichne, „was leise ist“, „was man meist erst auf den dritten Blick erkennt und überhaupt keine Konjunktur hat“, weil Anmut „mit ‚Karriere‘ oder ‚Event‘ oder ‚ sichtbar werden‘“ überhaupt nichts zu tun habe, eher das Gegenteil. Deshalb sei „anmutig“ oder „Anmut“ so eine „wunderbare sprachliche Pastellfarbe“ und auch eine „Pastelleigenschaft“.

Sie hat das zauberhaft, und unglaublich zutreffend, beschrieben finde ich.

Das Maß der wahren, der tatsächlichen Schönheit eines Menschen, liegt im Maß seiner Anmut! Das trifft es. Schönheit macht sich nicht primär an Äußerlichkeiten, an Karriere, an laut Sein, dabei Sein, fest. –

Wenn das vor allem mehr junge Menschen wirklich zu erkennen vermöchten und die Kraft hätten, sich entsprechend zu sehen, zu mögen und zu leben, gäbe es weniger unglücklich oder zu früh endendende Lebensläufe. Aber es ist nicht leicht zu erkennen, und es braucht Courage dann entsprechend zu handeln. Und es wird, so nehme ich es wahr, auch nicht leichter, vor allem jungen Menschen auch nicht leichter gemacht.

Denn Anmut und was heute vielfach als gängiges Handlungsmuster, Handlungsprinzip, Handlungskonvention, also als gängige Moral, gilt, ist bisweilen sehr weit voneinander entfernt.

Und mein Eindruck ist, dass der Abstand nicht kleiner wird…

Aber ich glaube, ich weiß jetzt, dass mein Denken und Empfinden und daraus folgend wohl auch mein Tun, tatsächlich oft nicht dem entspricht, was als Moral gilt. Und ich weiß nun auch, warum das so ist. Die Zweifel, die ich insoweit vor ein paar Wochen noch hatte, sind besiegt.

Im Übrigen wünsche ich mir, dass viel mehr Menschen, junge vor allem, aber auch die älteren, und ganz besonders wieder die „ganz Alten“, sich ihrer Anmut bewusster zu werden vermögen!

Gedanken

Ich habe schon oft darüber geschrieben, dass ich nie aufhören kann, zu sinnieren, zu denken. Mein Gedankenkarussell gleicht einem Perpetuum Mobile, es steht niemals still.

Gedanken sind etwas zutiefst Faszinierendes, sie sind so ureigen Mensch. Denn der Mensch ist das einzige Lebewesen auf unserem Planeten, das Gedanken zu entwickeln imstande ist. Und das Leben auf unserem Planeten, wie es sich gestaltet, welche Richtungen es einschlägt, welche Wendungen es nimmt, wie gerecht oder ungerecht, wie lebenswert oder lebensunwert es für den Einzelnen oder bestimmte Menschengruppen oder schließlich die Menschheit als Ganzes ist bzw. wird, wird ganz wesentlich ja, am maßgeblichsten durch menschliche Gedanken bestimmt.

Gedanken können eine ungeheure Macht erlangen und entwickeln. Jedoch nur dann, wenn sie materialisiert, wenn sie gegenständlich werden.

Das ist wieder so ein faszinierendes Moment. Gedanken entspringen der Materie, der Materie des menschlichen Gehirns. Selbst aber sind sie, obwohl existent zunächst nicht „greifbar“, weil „nur“ als Idee, als Vision, als Urteil, als Erkenntnis, als Bewusstsein, in uns. Als solches, rein „Ideelles“, vermögen sie allenfalls Einfluss auf uns selbst zu haben.

Erst, wenn sie wieder an Materie gebunden werden, an Sprache, an Schrift, an Musik oder Bilder, und so an andere Menschen, an Adressaten, die sie aufzunehmen imstande sind, gelangen können, vermögen sie auch Wirkung über uns selbst hinaus zu entfalten, auf andere Menschen.

Die Titelzeile eines alten deutschen Volksliedes ist zwiespältig. Sie lautet „Die Gedanken sind frei“.

Solange ein Gedanke nur in uns ist, kann er nicht durch Dritte interpretiert, vereinnahmt, verändert oder verfälscht werden. Insoweit ist er in uns frei. – Zugleich ist er aber auch in uns gefangen, weil er, nicht materialisiert, nicht zu anderen Menschen gelangen kann, nicht zu erklären, nicht aufzuklären, zu bereichern, zu widersprechen imstande ist, es ihm unmöglich ist, unseren Visionen, Urteilen, Erkenntnissen in der Realität Geltung zu verschaffen, sich daran zu messen und günstigstenfalls darin weiter zu entwickeln. –

Und, Gedanken, die Macht erlangen, vermögen andere Gedanken, Gedanken anderer Menschen, unfrei zu machen, unfrei sein zu lassen, auch dann, wenn sie durch diese Menschen durch Sprache, Schrift, Musik, Bilder materialisiert worden sind, gegebenenfalls sogar als Aufschrei.

All das spüre ich sehr intensiv, und dieses Spüren gebiert beständig neue Gedanken.

Dieses Spüren geht aber noch weiter, tiefer. Ich spüre nicht nur, dass mich bisweilen die Macht der Gedanken anderer Menschen oder die Interpretation, Veränderung, Verfälschung meiner Gedanken durch Dritte, meine Gedanken, mich selbst, unfreier machen. Ich spüre auch, dass mich manche eigene Gedanken, solche, die in mir selbst existieren, also in mir selbst frei sind, unfreier machen. Unfreier vor allem mit Blick auf die mich umgebende Gesellschaft, das, was sie ausmacht. Was sie wesentlich ausmacht, so wie ich es auch empfinde, hat Marc Elsberg in seinem Roman „Blackout“, den ich gerade lese, kurz aber treffend beschrieben, inhaltlich so:

Eine Gesellschaft, die vom Geld besessen ist und von Macht, von der Ordnung und der Produktivität und der Effizienz, vom Konsum, von der Unterhaltung und vom Ego und davon, wie sie möglichst viel von allem an sich reißen kann. Für die Menschen nicht mehr zählen, nur Profitmaximierung. Für die Gemeinschaft nur ein Kostenfaktor ist, Umwelt eine Ressource, Effizienz ein Gebet, Ordnung ihr Schrein und das Ego ihr Gebet.

Meine Gedanken teilen zu können, sie dadurch aus mir zu befreien, ist für mich wichtig, sehr wichtig, womöglich lebenswichtig.

Es ist aber nur dann schön und mich selbst befreiend, wenn ich sie in wirkliche Freiheit entlassen kann und darf. In wirklicher Freiheit sind meine Gedanken, wenn sie materialisiert durch meine Sprache, meine Schrift, auf Menschen treffen, die sie respekt- und rücksichtsvoll behandeln, die ihnen zuhören und sachlich auf sie eingehen, ihnen im Zweifel auch ebenso widersprechen. Die mich nicht schon bald mit meinen Gedanken wieder allein lassen. Denn die Befreiung von Gedanken, die ich ureigen nenne, weil sie ICH sind, mein ICH ausmachen und auch in einiger Tiefe charakterisieren, von mir selbst als wesentlich bzw. wichtig empfundener Gedanken, hat viel mit der Vergabe von Vertrauen zu tun.

Und das Schönste, das Höchste für mich ist es, wenn ich solchen Menschen ebenfalls helfen kann, ihre Gedanken zu befreien, in dem ich sie vertrauens-, und rücksichtsvoll mit ihnen zu teilen, sie zu verstehen, weiterzuentwickeln, ihnen in der Realität Geltung zu verschaffen, bemüht bin.

Ich denke, dass, wenn mit Gedanken so oder ähnlich umgegangen wird, sie nicht nur ureigen Mensch, weil eben nur in und aus ihm heraus entstehen könnend, sondern sie viel mehr ureigen menschlich sein bzw. werden können.

Und das halte ich für eine der wichtigsten Herausforderungen, ja Gebote, unserer Zeit, das Entwickeln, Teilen, Verbreiten und Akzeptieren ureigen MENSCHLICHER Gedanken.

Hoffend und bangend, dass es dafür nicht eigentlich schon zu spät ist.

Denn natürlich nehme ich wahr, dass längst nicht nur ureigen menschliche Gedanken entwickelt werden, in einer Gesellschaft, wie unserer, die so, wie etwas weiter oben charakterisiert, existiert. Und das es in einer insoweit bereits „gediehenen“ und zweifellos dominierten Gesellschaft nicht einfach ist und nicht einfacher wird, derartige Gedanken tatsächlich frei werden zu lassen und ihren Stellenwert tatsächlich und immer spürbarer zu erhöhen.

Aber, wenn stimmt, was Marcus Aurelius in den Satz: „Unser Leben ist das Produkt unserer Gedanken.“, gekleidet hat, dann muss diese Befreiung erfolgen, so schnell als möglich.

Während ich das so schreibe, kommt mir das so plakativ, so appellativisch, vor. So meine ich es gar nicht. Es ist vielmehr der tiefe innere Wunsch nach so einer Befreiung, der in mir ist, der sich in diesen Zeilen spiegelt. Und auch, wenn das egoistisch klingt, vor allem auch nach Befreiung meiner selbst.

Ein paar Menschen sind sehr bemüht, mir dabei zu helfen, bei meiner eigenen so schwierigen Befreiung und immer wieder auch der, jener wichtigen Gedanken. – Menschen, die das dadurch tun, dass sie entsprechende Gedanken mit mir teilen und an meiner Seite bleiben, mich fortgesetzt begleiten mögen, auch wenn ich ihnen das wahrlich nicht leicht mache.

Meine menschlichsten Gedanken, sind die an jene Menschen …

Bedürfnisse, Träume, Lebenssinn

Mir begegnen in der Blogwelt immer wieder, und zahlreich, Einträge, die sich mit Fragen nach dem Lebenszweck, mit Sinnsuche, mit Träumen und deren Realisierung und mit Bedürfnissen und deren Erfüllung – all das vor allem mit Blick auf die eigene Persönlichkeit, ihre Entwicklung, ihre Rolle im Leben, im Verhältnis zu anderen Menschen, beschäftigen.

Ich selbst habe auf diversen Tagebuchseiten, sogar im Rahmen von Sentenzen, immer wieder eigene Gedanken dazu aufgeschrieben. – Und gehöre damit offenkundig zu den eher wenigen Älteren, die das tun.

Ansonsten, so mein Eindruck, stellen sich vor allem junge Menschen derartige Fragen.

Leute, die älter sind, scheinen insoweit ihre Position im Leben häufiger schon gefunden zu haben, haben sich Träume erfüllt, haben ihren Platz im Leben gefunden, sich damit arrangiert oder aber auch resigniert. Einige entwerfen neue Ziele, neue Träume, streben nach weiterer Vervollkommnung dessen, was sie schon erreicht haben. Andere haben ihre Ziele heruntergeschraubt, versuchen „realistisch“ das noch Machbare zu tun, das „was gut tut“, versuchen zu bewahren, oft nun mehr für sich selbst.

Ein weiterer Eindruck ist, dass vor allem die Art wie die genannten Fragen aufgeworfen werden, Spiegelbild unserer, wenn auch mit Blick auf jeden Einzelnen durchaus sehr differenzierten, so doch grundsätzlich hohen Lebensqualität, eines hohen Lebensstandards, sind.

Erfüllte Bedürfnisse gebären neue Bedürfnisse, weitergehende. Das sei naturgegeben so und es sei gut so, Triebkraft der menschlichen Entwicklung, fortgesetzte Motivation für das Leben eines jeden Menschen, sagt die Wissenschaft.

Ich lese gerade ein sehr berührendes und interessantes Buch, einen Roman (ich werde ihn später sicher hier in meinem Tagebuch besprechen), der in Island spielt und dessen Handlung mit Beginn des 20. Jahrhunderts seinen Lauf nimmt.

Ein Mädchen wächst darin mit fünf weiteren Geschwistern bei seiner verwitweten, alleinerziehenden Mutter auf, welche es unter höchstem Einsatz, vor allem durch harte, unermüdliche Arbeit schafft, allen ihren Kindern den Schulbesuch und eine Ausbildung zu ermöglichen. – Jenes Mädchen hat dann noch etwas besonderes Glück: Dank einer Gönnerin, die frühzeitig ihr entsprechendes Talent erkennt, kann sie in Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen ein Kunststudium absolvieren. – Die Gönnerin hatte zu ihr gesagt: „Du musst hinaus in die Welt…“

Das junge Mädchen lernt eine pulsierende Stadt kennen, „angesagte“ Mode, sie begegnet Menschen, denen es materiell weit besser geht als ihr, sie erkennt, dass es in anderen europäischen Hauptstädten noch mehr zu entdecken gibt, dass es gut wäre für die weitere Entwicklung ihrer künstlerischen Fähigkeiten, sich dort weiterreichende Inspiration zu holen und womöglich entsprechende Kontakte zu knüpfen.

Sie kehrt nach Island zurück und muss sich dort entscheiden, zwischen Familie und einem Leben als Künstlerin – eine schwere, eine langwierige, eine schier krank machende Entscheidung – so zeichnet es die Autorin des Buches. –

Wie es ausgehen wird, weiß ich noch nicht …

Ist es nicht immer wieder so? – Da gehen Menschen in die Welt hinaus und sind mit dem, was sie dereinst umgab plötzlich nicht mehr zufrieden. Sie wollen anderes, wollen mehr. – So war es auch für viele Menschen in der DDR, die durch das westdeutsche Fernsehen, durch Verwandte dort, eine andere Welt sahen, die in ihnen Bedürfnisse weckte, die sie so in der DDR nicht erfüllen konnten, keineswegs nur solche nach mehr Reisefreiheit an sich oder mehr Offenheit, sondern nicht selten vor allem materielle.

Vielleicht lag es daran, dass ich keine Verwandten im westlichen Teil Deutschlands hatte, dass wir auch kein westdeutsches Fernsehen empfingen, dass in mir derartige Bedürfnisse nicht entstanden.

Was der Mensch nicht hat, nicht sieht, wessen er sich nicht bewusst ist, das begehrt er nicht.

Wer aber nichts (mehr) begehrt, wer nichts (mehr) will, der hat keine Motivation mehr zu leben, der entwickelt sich nicht mehr weiter?

Ist das so? So einfach?

Ich glaube nicht. Und ich glaube auch nicht, dass es auch nur irgendeinen Menschen gibt, der gar nichts mehr begehrt oder will. Aber was gewollt wird, wie es gewollt wird, darin unterscheiden sich Menschen gehörig. Und das hat sehr viel und in den letzten Jahrzehnten immer mehr und zunehmend mit Dingen zu tun, die dem Menschen als „notwendig“, als „erstrebenswert“, als „ihm guttuend“, suggeriert und angeboten werden. Vor allem sind das materielle Dinge, Dinge, die Genuss, die Freiheit, die Wohlstand, Ungezwungenheit, Individualität und Unabhängigkeit verheißen. – Dinge, die weit über das hinausgehen, was zu den Grundbedürfnissen eines Menschen zählt, was diese ausmacht.

Und: Während materielle Dinge, materielle Unabhängigkeit sehr präsent als „erstrebenswert“, als „notwendig“ beworben werden, geschieht das mit Blick auf ideelle, auf immaterielle Dinge weit weniger oder gar nicht. – Dass dies in seiner Unterschieden- und Widersprüchlichkeit schon lange so ist und fortschreitend und immer neue, „höhere“ Niveaustufen erreicht, spiegelt sich in der sich grundsätzlich (damit ist gesagt, dass es nach wie vor Ausnahmen, gegenläufige Tendenzen gibt) verstetigenden Entsolidarisierung der menschlichen Gesellschaft (vor allem global betrachtet) wider.

Aber es gilt auch in unserem so weit entwickelten Gemeinwesen, in unserem „reichen Land“. Wodurch sind unsere Bedürfnisse, unsere Träume, die Ziele, die wir für erstrebenswert halten, vor allem geprägt? Was halten wir für das Beste für uns selbst, und für das Zusammenleben der Menschen (unterscheiden wir das eigentlich?), im kleinen Mikrokosmos unseres Daseins beginnend aber ja auch so sehr für das Weiterbestehen menschlichen Seins im globalen Sinne bedeutsam?

Sind es das Eigenheim, das unbegrenzte reisen Können, ein immer wieder neues schickes Outfit, Auto, Heimelektronik auf dem neuesten Stand und so oft wie man mag, „gut essen“ gehen zu können? – Stellen wir diese Wünsche (noch) bewusst solchen gegenüber, die die Erschwinglichkeit, ja die Möglichkeit, von Theaterbesuchen, des chancengleichen Bildungszugangs für alle (in Deutschland und weltweit!), des Klimaschutzes, des UNMITTELBAR miteinander Kommunizierens, usw. betreffen?

Ist oder wäre es für uns VERZICHT, nicht überall hin zu reisen, ein neues Smartphone nicht nach zwei sondern erst nach acht Jahren zu kaufen? Nehmen wir es als VERLUST wahr, dass in unseren Kinos keine oder kaum Filme aus Bulgarien, aus Portugal, Chile oder Kamerun zu sehen sind?

Sind wir bereit, ALLEN Menschen dieser Erde unser materielles Bedürfnisniveau zuzugestehen? Und wenn ja, sind wir uns bewusst, wohin das unseren Planeten, wohin uns, alle, die wir auf diesem Planeten leben, führen würde? Wäre das noch ENTWICKLUNG? FORTSCHRITT?

Ich las zuletzt in einem Eintrag einer meiner Blogfreundinnen dies:

„… ich glaube, dass ich – genauso wie jeder andere Mensch auf dieser Erde – das Beste verdient habe…“ Und weiter, dass sie eines Tages sagen können möchte: „… ich habe mein Bestes getan, ich habe in mir jemanden gefunden, auf den ich stolz sein kann, dessen Leben einen Unterschied macht und vor allem dessen Zeit auf diesem Planeten für deutlich mehr Menschen ein Glück war als ein Unglück.“

Über diese Sätze habe ich lange, sehr lange und sehr intensiv nachdenken müssen. Und habe festgestellt, dass für mich „das Beste“ keine brauchbare, keine handhabbare Kategorie ist. Sie ist zu allgemein und zu absolut zugleich. Jeder glaubt zu wissen, was das ist, „das Beste“, aber keiner weiß es wirklich. Weil es immer nur in bestimmten, IMMER in zu kleinen Kontexten gedacht wird. – „Das Beste“ ist ein Superlativ – wenn es jeder als solches und gar universell „verdienen“ könnte, wäre es keiner mehr – unsere Welt aber besteht nicht nur aus Superlativen. Und das ist gut so, und es wäre gut, wenn wir weniger Kraft, Energie und Verlust an Zwischenmenschlichkeit daran geben würden, das zu ändern.

Genau das fortgesetzte Bemühen nämlich, alles, und vornweg alles Materielle, weil das so wunderbar als „Wachstum“ messbar und ausweisbar ist, zum Superlativ hin weiter zu entwickeln, lässt immer neue einseitige (materielle), superlativer werdende Bedürfnisse entstehen.

Es ist mir nicht wichtig, ob bzw. dass mein Leben einen Unterschied macht. Es ist mir nicht wichtig, irgendwann Stolz darüber zu empfinden für mehr Menschen auf diesem Planeten Glück als Unglück bedeutet zu haben.

Ich möchte sehr bewusst so viel als möglich dafür tun, immaterielle Werte, das Bewusstsein dafür, zu bewerben, es zu leben, für ein Verstehen dessen, dass das Streben nach dem Besten, nach dem Superlativ, das Streben nach Gutem viel öfter konterkariert als uns das bewusst ist.

Das ist mein Traum, mein Sinn, mein Bedürfnis.

Dies nicht aufzugeben, ist mir Motivation. Mich dem wieder und wieder zu stellen, mittels fortgesetztem Wissenserwerb und Bereitschaft zu sachlicher Auseinandersetzung, macht meine weitere Entwicklung aus.

Mehr braucht es dazu gar nicht.

Demut

Es ist wohl zwei oder drei Tage her, da begegnete mir der Begriff „Demut“ mal wieder. Bezeichnenderweise anlässlich eines im Rundfunk von einem Pfarrer gesprochenen „Worts zum Tage“. Bezeichnenderweise, weil ich meine, diesen Begriff immer, wenigstens aber signifikant häufig, im Zusammenhang mit Religion, mit Kirche zu hören oder zu lesen.

Im alltäglichen Sprachgebrauch hingegen, nehme ich ihn so gut wie überhaupt nicht wahr. Mitunter denke ich, es ist eines jener sterbenden Wörter, um die die deutsche Sprache täglich ärmer wird um durch andere, neue, ebenso täglich nicht zwangsläufig reicher zu werden.

Immer wenn ich das Wort „Demut“ höre oder lese, macht es mich freilich nachdenklich. Ich mag das Wort, und es scheint mir wichtig, ja bedeutungsschwer. So sehr, dass sich gegen sein Sterben in mir viel Widerstand regt.

Dabei wird, wie ein paar Recherchen meinerseits ergeben haben, unter „Demut“ allerlei verstanden, was ich nicht ohne Weiteres zu teilen bzw. anzunehmen vermag. So heißt es etwa:

„Demut bedeutet das Anerkennen der Allmacht Gottes.“ Oder: „Die Demut setzt wie die Unterwürfigkeit ein Herr-Knecht-Verhältnis voraus.“ Beim Philosophen Kant ist Demut „indirekt Indikator für die eigentliche Würde des Menschen als eines freiheitlichen Vernunftwesens“. Und noch eine andere Bestimmung sagt: „Der Demütige erkennt und akzeptiert aus freien Stücken, dass es etwas für ihn Unerreichbares, Höheres gibt.“

Die beiden zuletzt aufgeführten Erklärungsversuche empfinde ich als anregend und triftig. Vor allem der letzte:

Niemand hat die absolute Wahrheit, niemand ist perfekt. Keiner kann und wird alles haben, alles besitzen, alles beherrschen können. Es ist gut, das anzuerkennen, nicht nach Absolutheit, nach völliger Perfektion zu streben, weil es davor bewahrt, diktatorisch, selbstherrlich, herrschsüchtig, egoman zu werden bzw. zu sein.

Diktatur, Herrschsucht, Selbstherrlichkeit, Egomanie und Menschenwürde gehen nicht konform miteinander. Dinge, die bewusst gedacht oder getan werden und die anderen Menschen, die der Natur, dem Leben, dem Dasein, Schaden zufügen, auf der einen Seite und Postulate von Menschenwürde auf der anderen, stehen konträr zueinander, passen nicht zusammen. – Wesenhaft.

Aber wie oft predigt der von uns er- und gelebte Alltag diesem Wesenhaften das Absurdum?!! Und weil er das tut, und wir es hinnehmen, uns daran gewöhnt haben, müde sind, dagegen aufzubegehren oder uns insoweit zu ohnmächtig fühlen, taucht, so scheint es mir, der Begriff „Demut“ in der Alltagssprache kaum noch auf. Und womöglich auch deshalb nicht, weil wohl mancher ahnt, was für ein GROßER Begriff „Demut“ ist, ja, sein muss, wenn er denn als Indikator für (gelebte) Menschenwürde verstanden wird.

Denn in diesem Verständnis ist Demut nicht gleich Toleranz oder Bescheidenheit oder Rücksicht oder Respekt oder Dankbarkeit oder Akzeptanz jemand unter vielen und nicht perfekt, nicht absolut, nicht „besser“ zu sein. Vielmehr ist Demut ALLES DAS zugleich, schließt Demut ALL DAS ein.

In dieser Art demütig zu sein, demütig zu leben, ist nicht besonders populär. Und deshalb erfordert es heutzutage noch mehr Entschlossenheit, Disziplin, Bewusstheit und Selbstbewusstsein demütig zu leben als zu irgendeiner Zeit vorher. Demütig zu leben hat nie weniger mit Unterwürfigkeit zu tun gehabt als heute. Wer entschlossen, diszipliniert, bewusst und selbstbewusst lebt, ist nicht unterwürfig.

Sich DESSEN bewusst zu sein, ist heutzutage die wichtigste Voraussetzung wirklich in Demut leben und BESTEHEN zu können. Es gehört Mut dazu. Viel Mut und Ausdauer und körperliche und vor allem mentale Kraft in einer Welt des Profiteifers, des Konsums, des Strebens nach ungebremstem Wachstum, der Propagierung immer größerer individueller Freiheit, der Werbung, der Suggestion, der Ideologisierung in der Auseinandersetzung der Religionen, der Globalisierung, der Rüstung und Digitalisierung, einer Welt der Herrschaft der Banken und Oligarchen, einer Welt des Raubbaus an Ressourcen und immer größer und manifester werdender sozialer Gegensätze.

Ein geradezu unermesslicher Mut, eine geradezu unvorstellbare Geduld, ein nahezu nicht fassbares, tiefes, überzeugtes Verständnis für Demut im genannten Sinne wird im Zweifel jenen Menschen abverlangt, die in Not und Elend leben, die Tod, Krankheit und Leid in ihrer „ungerechtesten“ Form erfahren mussten und müssen.

Denn das eigentliche, tiefe Verständnis von Demut schließt auch ein zu akzeptieren, dass es nicht für alles einen Schuldigen gibt, und das es mitunter dem Gedanken demütigen Lebens widerspricht, immer und überall und für alles vermeintlich in Frage kommende, einen Schuldigen suchen und finden zu müssen.

Kein Mensch ist „hoch“ genug, um die Frage nach Schuld immer beantworten zu können. Die Frage nach Schuld ist manchmal die Frage nach dem Höheren, von dem wir, wenn wir demütig sein wollen, zu akzeptieren haben, dass es unerreichbar sein und bleiben wird. Auch wenn das Höhere „Gott“ genannt wird, bleibt es in gewisser Weise unerreichbar, und keineswegs nur in der, die wir Menschen uns das vorstellen mögen.

Ich sage, schreibe das nicht, um zu „beweisen“, dass demütiges Leben das Fragen nach, das Benennen von Schuld, ausschließt. Dort, wo das angezeigt, wo es möglich ist, ist es nötig, das zu tun, ist es Pflicht. Demut bedeutet nicht, die zweite Wange hinzuhalten, nachdem man auf die erste geschlagen worden ist.

Aber es ist eben nicht immer angezeigt, nach Schuld zu fragen, so schwer das in der konkreten Situation fallen mag, etwa dann nicht wenn ein Kind früh an einer nicht heilbaren Krankheit stirbt.

Dort, wo Schuld benannt werden kann, benannt werden muss, stellt sich im Sinne demütigen Lebens in der Folge freilich in besonders prägnanter Weise noch eine weitere Frage: die nach dem UMGANG mit der Schuld.

Wohin ständige, womöglich und häufig wahrscheinlich sich widersprechende Schuldzuweisungen führen können, führen uns viele aktuelle Bespiele täglich vor Augen – momentan etwa die Konflikte in der Ukraine, in Syrien, in Ägypten, um nur wenige der bekannten zu nennen. Sie führen in eine Spirale der Gewalt aus der es immer weniger ein Entrinnen gibt, in die immer mehr an sich gar nicht beteiligte, unschuldige (sic!) Menschen hineingezogen werden.

Wer spricht bei und in diesen Konflikten von Menschenwürde? Von Demut gar?

Demut ist in der Tat ein so wichtiger, ein bedeutungsschwerer Begriff. Noch wichtiger und bedeutungsschwerer ist, dass er wieder mehr gelebt wird, bewusst, mutig, geduldig.

Jeder noch so kleine Widerstand gegen das Sterben von Demut, als Begriff, als gelebter Begriff, ist ein Widerstand gegen das Sterben menschenwürdigen Lebens, menschenwürdigen Daseins.

Ich wünsche mir, das überall, an jedem Ort, Menschen mehr über Demut reden, miteinander. Und sie miteinander verstehen und leben.

*

Ich habe zuletzt hier als Teil meines Blogtagebuchs eine längere Sentenz zum Thema „Sinnsuche“ verfasst. – Nunmehr kann ich sagen und ergänzen, das „Sinnsuche“ für mich viel, sehr viel, mit Suche nach Demut im hier heute beschriebenen Sinn zu tun hat.

Sinnsuche

Wenn ich mich so umhöre, wenn ich in den Blogtagebüchern anderer Menschen herumstöbere, dann bemerke ich immer wieder wie sehr viele Leute nach dem Sinn des Lebens suchen, nach einem Sinn für ihr eigenes Leben. Jüngere Leute, naturgegeben, stärker, intensiver als ältere, aber die Älteren, die auch immer noch oder wieder stark und intensiv suchen, oft nicht minder verzweifelt.

Sehr wahrscheinlich hat es solche Sinnsuchen auch schon bei früher lebenden Generationen gegeben. Dennoch glaube, vermute ich, dass etwa vor zwei oder drei oder gar vier Jahrhunderten, die Menschen sich weniger, mindestens weniger intensiv, mit der Sinnfindung ihres Lebens befasst haben.

Der Sinn des Lebens bestand wohl viel mehr in der Erfüllung des eigentlichen Lebenszwecks: Fortpflanzung und Gewährleistung des Fortbestandes der Familie, Erhaltung von Leben, über Generationen hinweg durch Arbeit, großenteils harte Arbeit, die den ganzen Tag ausfüllte.

Darüber hinaus gehende Fragen wurden nicht gestellt und stellten sich nicht, das Gebot der Erfüllung des eigentlichen Lebenszwecks war vorgezeichnet, grundsätzlich waren die Tage auch zu sehr mit Arbeit, mit Kindererziehung, mit Tätigkeit in Haushalt oder Wirtschaft an- und ausgefüllt als das überhaupt Zeit und Kraft für weitergehende Gedanken blieb. Nach einem 12-, 14-, oder 16stündigen Tag angestrengter, harter Arbeit war man folgerichtig nur noch müde. – Und war angesichts des stumpfen und oft zermürbenden Einerleis die Frage nach dem Sinn für das eigene Leben denn doch einmal präsent und wurde auch als so empfunden, so mussten diese Augenblicke doch generell immer nur Augenblicke bleiben. Das, was das Leben, wie es nun einmal war, (er)forderte, war schnell wieder präsenter.

Sinnfragen wurden grundsätzlich wohl allenfalls von Personen aus begüterten Häusern gestellt, dort wo mehr oder weniger Zeiten der Muße, des Müßiggangs, der Langeweile gar, Zeiten sich Gedanken zu machen vorhanden waren.

Wenn an all dem, was ich, zugegeben, hier sehr verkürzt und mangels eigener Erfahrung auch weitgehend mutmaßend geschrieben habe, mehr als nur ein Körnchen Wahrheit ist, dann stellen sich mit Blick auf die Gegenwart einige Fragen, drängen sich einige interessante Gedanken (sic!) auf:

Unser Leben heute ist grundsätzlich, bei aller nach wie vor bestehenden und sich zwar in anderer Weise als in der Vergangenheit aber nach wie vor deutlicher ausprägenden Differenziertheit, ein völlig anderes.

Wir definieren Lebenszweck heute ganz anders, weil uns die vielfältigen Möglichkeiten, die Leben als solches ausmachen können, wesentlich gepusht durch die vielfältigen Möglichkeiten umfassender Kommunikation und der starken Medienpräsens, viel bewusster sind.

Bei aller teilweise starken und krank machenden Arbeitsbelastung, bleiben uns Abschnitte „freier“ Zeiten, Zeiten, um sich, unter anderem, Gedanken zu machen, über den Sinn des (eigenen) Lebens. –

Zeit und Kraft zu haben, sich Gedanken, Gedanken über Sinnfragen, zu machen, war früher vielmehr Luxus als heute. Aber sehen wir es mittlerweile nicht viel zu sehr als selbstverständlich und viel zu wenig als Geschenk an, generell immer wieder über solche Zeiten verfügen zu können?

Begreifen wir hinreichend genug, dass es nicht unwesentlich der (mehr oder weniger „perfekten“) Erziehung durch unsere Eltern, der Sozialisation in und durch Gemeinschaften, die uns keineswegs durchweg oder gar überwiegend „sympathisch“ sind und gar dem Durchlaufen unseres immer wieder (und durchaus oft zu Recht) kritisierten Bildungssystems zu VERDANKEN ist, dass wir so frei, so souverän, so fähig geworden sind, uns immer wieder und teilweise sehr differenziert Gedanken über den Sinn unseres Lebens zu machen vermögen?

Ein Mädchen schrieb vor zwei Tagen in einem Eintrag in ihr Blogtagebuch: „Gedanken machen einen nur kaputt. … man lässt es zu, dass sie uns kaputt machen.“

Ich gestehe, dass ich manchmal ähnlich empfinde, zumal ich unverkennbar zu jenen (etwas 😉 ) älteren Menschen gehöre und wohl auch gehören werde, die sich immer wieder stark und intensiv Gedanken über den Sinn des eigenen und den Sinn des Lebens bezogen auf die Menschheit machen.

Mitunter höre ich dann Sätze wie: „Denk‘ einfach nicht so viel, tu irgendwas, am besten was, was Dich auspowert!“ –

Das ist für mich nicht wirklich ein Rat, weil diese „Anregung“ nur darauf abzielt, das Nachdenken zu verdrängen, zu unterdrücken, die Zeit, die Kraft dafür mit der Orientierung auf anderes zu verbrauchen. So wie sie in früheren Jahrhunderten durch anhaltend harte Arbeit, durch die zwangsläufig fortwährende alles andere ausschließende Erfüllung des „eigentlichen“ Lebenszwecks verbraucht worden ist.

Ich möchte aber nicht wie ein Mensch voriger Jahrhunderte funktionieren (müssen), nicht zuletzt, weil ich, wie ich schon andeutete, die erworbene Fähigkeit und die gegebenen Möglichkeiten, sich (auch umfassend) Gedanken über den Sinn des (eigenen) Lebens zu machen, und dies auch nicht nur am Anfang desselben, für eine Errungenschaft, für ein Geschenk halte. Nachzudenken im Sinne von Suche nach dem Sinn des Lebens, macht nunmehr einen Teil dieses Sinns, des Lebenszwecks, aus. Und das ist gut so!

Bleiben aber schlussendlich, auch bzw. weil ich das so sehe, doch zwei, freilich sehr schwierige Fragen:

1. Was ist nötig, damit uns unsere Gedanken über Sinnfragen nicht so kaputt machen, wie das bei vielen offenkundig immer wieder geschieht?

2. Wer oder was ist „man“, dass es zulässt, dass uns solche Gedanken so sehr zusetzen, dass wir daran im schlimmsten Falle zu verzweifeln, zu zerbrechen drohen?

Ich habe auf beide Fragen keine hinreichende Antwort, nur ein paar Gedanken (sic!).

Zur ersten Frage spontan die Folgenden:

Das Leben muss ein Kompromiss sein dürfen. Mehr kann es nicht sein, ohne dass Menschen anderen Menschen letztlich Schaden zufügen, weniger aber darf es nicht sein. Es muss ein ausgewogener Kompromiss aus bestehenden und zu erfüllenden Pflichten und Zwängen auf der einen, und schöpferischer Selbstverwirklichung den eigenen Interessen gemäß auf der anderen, Seite sein dürfen und sein. (Der günstigste Fall wären Schnittmengen zwischen der Realisierung dieses Rechts, dieses Anspruches und den zu erfüllenden Pflichten – je größer sie wären oder würden, desto besser). Ist oder wird es das nicht, machen Gedanken über den Sinn des Lebens, des eigenen, wie des Sinns des Lebens an sich, kaputt. Fortgesetzt!

Meine Gedanken zur Beantwortung der zweiten Frage knüpfen an das eben Geäußerte an:

Wir sind es, die es zulassen, dass uns Gedanken über den Lebenssinn so kaputt machen, jeder Einzelne von uns, für sich. Wir sind es, weil wir uns so schwer entscheiden können. Für jüngere Menschen ist das grundsätzlich eine noch größere Herausforderung als für ältere. (Ausnahmen bestätigen die Regel). Denn wir verfügen heute nicht nur über die Möglichkeit Entscheidungen zu treffen, weil DER „eigentliche“ Lebenszweck heute nicht mehr so eingeschränkt definiert und vorgegeben ist wie in früheren Jahrhunderten, wir verfügen regelmäßig sogar über die Möglichkeit verschiedene erdenkliche Entscheidungen zu treffen.

Junge Leute, so scheint es mir, sind darauf häufig zu wenig vorbereitet, erhalten dabei nicht selten zu wenig Unterstützungs- und Entscheidungshilfe, wenigstens nicht solche, die nicht Bevormundung, Vorgabe, Erwartungshaltung ist oder zumindest so empfunden wird oder werden kann. Junge Menschen brauchen andere junge Menschen aber auch Erwachsene, mit denen sie in diesem Sinne tatsächlich einander vertrauen könnend zu REDEN, sich auszutauschen, vermögen.

Was ältere Menschen, die immer noch bzw. immer wieder auf der Suche nach dem Sinn sind, brauchen, um nicht zu verzweifeln, meine ich weit weniger zu wissen. Ich bin in diesem Sinne selbst ein zu markantes Beispiel und auch insoweit immer noch auf der Suche…

Schließlich sind es aber nicht nur wir selbst, sondern auch andere Menschen, Zeitgenossen um uns herum, vor allem jene, die über wirtschaftliche, finanzielle und politische Macht verfügen und so die Rahmenbedingungen ganz stark für das Leben jedes einzelnen von uns setzen, die es zulassen, ja, die sehr stark dafür verantwortlich sind, dass unsere Gedanken über den Sinn des (eigenen) Lebens uns so oft kaputt machen. – Weil die durch sie und ihre Machtausübung gesetzten Rahmenbedingungen für das Leben, UNSER Leben, den genannten, notwendigen Kompromiss, nicht oder wenigstens nicht in ausgewogener Weise zulassen.

Ob bzw. wie man das ändern kann, ist die folgerichtige Frage.

Es ist die größte, bislang unbeantwortete Frage unserer Zeit, der Gesellschaftsordnung in der wir leben.

Mindestens so lange das so ist und bleibt, werden die „Sinnsucher“ immer wieder in Gefahr geraten, kaputt zu gehen, zu verzweifeln – eine Heilung dieser Gefahr wird es so lange nicht geben. Allenfalls Linderungen, dadurch sich Gleichgesinnte zu erschließen, sich an ihnen zu orientieren, in ihnen den einen oder anderen WIRKLICHEN Freund für sich zu finden.

Auch das ist immerhin ein Stück Sinn des Lebens, ein Teil der Erfüllung eines der Moderne angemessenen Lebenszwecks. Und der wenigstens IST IMMER ein Stück weit realisierbar.

Tod und Sterben

Über Tod und Sterben nachzudenken, zu sprechen, sich auszutauschen, hat für mich fortwährend etwas Unheimliches, etwas Verunsicherndes, mich Belastendes an sich.

Grundsätzlich ist es eine Thematik, der man lieber ausweicht, die man lieber umgeht, die man, so lange es irgend geht, nicht wahrhaben, nicht zulassen möchte, die man zu verdrängen sucht. – So war es viele Jahre, viele Jahrzehnte lang auch bei mir. Ja, zunächst, war es überhaupt kein Thema für mich, es war nicht relevant, war weit weg, betraf mich nicht.

Dann starb sehr plötzlich und ganz unerwartet, in verhältnismäßig jungen Jahren, ein Onkel von mir, ein sehr liebenswerter und beliebter Onkel, beliebt nicht nur im erweiterten Kreis der Familie, sondern auch sehr und immer wieder bei all seinen Schülern – er arbeitete als Lehrer. Er starb während eine Operation in einem renommierten Krankenhaus – niemand hatte das auch nur ansatzweise „erwartet“.

Über seinen Tod war ich erschüttert, konnte erstmals in meinem Leben etwas gar nicht fassen. Das hallte lange in mir nach. Aber ich war noch relativ jung, und mein eigenes junges Leben vermochte, das Ereignis dieses Todes und den Nachhall nach und nach zu überdecken. Es blieb eine traurige Erinnerung aber das wirkliche SPÜREN des Schmerzes verging wieder.

Vor knapp sechs Jahren dann starb eine gute Kollegin und Freundin von mir. Es dauerte nicht einmal ein halbes Jahr von der Diagnose „Magenkrebs“ bis zu ihrem Tod. Sie war gerade 50 Jahre „alt“. Ihr Tod, der Tod dieser mutigen, lebenslustigen, engagierten aber in ihrem inneren eben auch sehr verletzbaren Frau, dieser Kollegin und Freundin, riss mir, erstmalig buchstäblich den Boden unter den Füßen weg.

Knapp drei Wochen vor ihrem Sterben hatte ich sie noch besucht – das Bild: sie von der Krankheit schon schwer gezeichnet – das Fühlen: jener Umarmung, die die letzte sein sollte, ihres schwachen, abgemagerten, doch so viel Wärme ausstrahlenden Körpers – der Irrsinn: die wuselnden, shoppenden, lachenden, drängelnden Menschen auf dem Weihnachtsmarkt, nachdem ich ihre Wohnung verlassen hatte… – das hat sich in mich EINGEBRANNT.

Ihr Tod war der erste Tod, den ich bis heute nicht verwunden habe, nicht mehr zu verdrängen vermochte. Der erste, der Fragen unbeantwortet ließ und seither immer neue für mich aufwirft, nicht zuletzt MEIN unvermeidliches Sterben betreffend. Das Fehlen meiner Kollegin, meiner Freundin, hat für mich nie aufgehört, es hört auch dadurch nicht auf, dass ich manchmal zu ihr spreche.

Zwei Jahre später, der Tod meiner Mutter. Mit 69. Der zweite Tod, den ich nicht verwinden kann. Ein schleichendes und dann doch plötzliches, unbarmherziges, brutales Sterben. Ich habe viele Bilder im Kopf, viele von der letzten Begegnung. Unfassbar, dass sie nur 1 ½ Tage später nicht mehr am Leben war. Viele Erinnerungen, sie tun weh – und (wieder einmal) keine Zeit, die die Wunde heilt, zu heilen vermag. – Auch zu meiner Mutter spreche ich immer wieder. Ich brauche sie immer noch.

Dann, der Tod meiner Oma, meiner Lieblingsoma, und deshalb für mich wieder ein schlimmer Tod. Aber dennoch ein anderer als der jener Kollegin und Freundin und der meiner Mutter. Ein Tod, den ich ein bisschen „verstehen“ konnte, ein Tod der wohl schlussendlich eine Erlösung war nach über 90 Jahren eines unglaublichen, auch von viel Leid, Schmerz und Entbehrung gezeichneten Lebens eines unglaublich lieben und zugleich starken Menschen.

Spätestens seit dem Tod meiner Kollegin und Freundin sind der Tod und das Sterben für mich ein Thema. Ich denke immer wieder darüber nach, ich vermag es nicht mehr zu verdrängen. Ich fühle, dass mein Leben nicht mehr jung genug ist, jenes Spüren, jenes Empfinden, das ich anlässlich des Sterbens der Freundin und meiner Mutter erlebt habe, zu überlagern. Es ist in mir, es bleibt in mir – präsent.

Und ich fühle, dass es präsenter wird, ich empfinde, wie etwas näher kommt, spüre, was damit verbunden ist, was dieses Empfinden ausmacht, was dieses Empfinden IST. Einmal kurzzeitig, war es schon ganz nah – am 15.04., dem Tag, an dem ich meine Schwächeattacke hatte. Es war ein erster Hauch unmittelbarer Todesangst!

Der Tod gehört zum Leben, heißt es. So, wie die Geburt seinen Anfang markiert, markiert der Tod sein Ende. Wahrhaft gläubige Menschen sagen, der Tod sei nur eine Episode, die das Ende des irdischen Lebens markiere.

Ich bin nicht gläubig genug, vermag deshalb darauf nicht zu vertrauen. Könnte ich es, wäre meine Angst vor dem Tod womöglich nicht so groß wie sie ist. Denn ja, sie ist groß, mittlerweile, mit jedem der skizzierte „Erlebnisse“ ist sie größer geworden.

Ich verstehe mittlerweile besser, was diese Angst ausmacht, worauf sie sich bezieht. Aber ich weiß nicht, wie ich mit ihr umgehen soll – verdrängen jedenfalls gelingt nicht (mehr).

Mir ist kürzlich aufgefallen, dass Im Kontext mit dem Tod von Menschen nach ihrem Sterben von den nunmehr „Verblichenen“ gesprochen wurde. Ich habe das schon oft so gehört, mich aber nie gefragt, was das tatsächlich bedeutet. Nun habe ich zweierlei Bedeutungen gefunden.

Die erste ist nachvollziehbar, ich kann sie verstehen, annehmen – sie meint ganz einfach und logisch die Blässe, das „bleich Sein“, des Antlitzes, des Körpers, das sich nach dem Tod unvermeidlich durch das Ende der Blutzirkulation einstellt.

Nun wird aber nicht nur (relativ) unmittelbar nach dem Tod von Menschen von „Verblichenen“ gesprochen, sondern immer wieder auch und fortgesetzt viel später. Und damit bekommt jenes Wort, jene Charakteristik, eine andere Dimension. Denn es meint nunmehr unweigerlich auch und immer mehr das „Verbleichen“ in der Erinnerung der weiter lebenden Menschheit, das „Verbleichen“ im Gedächtnis folgender Generationen, das schrittweise und schließlich vollständige VERGESSEN des/der jeweiligen Menschen.-

Es ließe sich nun einwenden, dass diejenigen, über die als Verblichene nach Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten noch gesprochen werden wird, doch zum jeweiligen Zeitpunkt wohl nicht tatsächlich vergessen sein können. Aber wie wenige unter all den Verblichenen finden denn über einen mehr oder weniger langen Zeitraum nach ihrem Tod tatsächlich auch nur noch eine Erwähnung? Sooo wenige!

Das ist traurig, das ist für mich weit schwerer annehmbar. Denn dieses allgegenwärtige „Verbleichen“ im Laufe der Zeit ist nicht zuletzt ein umfassendes Vergessen so vieler „kleiner“ Helden des Alltags, so vieler im Verborgenen und schon zu Lebzeiten mit keiner oder viel zu wenig Anerkennung und Wertschätzung bedachter, im ureigensten Sinne menschlich tätiger, bisweilen sich aufopfernder Menschen.

Aber das ist es denn doch am wenigsten, was meine manifester werdende Angst vor dem Tod ausmacht.

Sie wird viel, viel mehr geprägt von dem immer stärkeren Bewusstwerden der Einmaligkeit meines Lebens auf der Erde und seiner zeitlichen Begrenztheit, seiner Endlichkeit, dem Bewusstwerden, dass sein Ende ganz nah sein kann.

Sie wird geprägt von dem immer stärker werdenden Bewusstwerden, dem WISSEN, dass ich es, bis auf hoffentlich Weiteres, nur sehr eingeschränkt selbst in der Hand habe, meine verbleibende Lebenszeit so zu gestalten, wie ich es möchte und wie es angesichts ihrer immer absehbarer werdenden Endlichkeit eigentlich gerechtfertigt, ja notwendig, wäre.

Sie wird geprägt von dem Wissen, dass mit immer größer werdender Wahrscheinlichkeit letztlich nicht mehr genug Zeit verbleiben wird, um selbst die bescheidenen der Träume, die ich habe, noch leben zu können und von dem Wissen, ja, der Überzeugung, dass der Alltag, so wie er ist, mit seinen Zwängen und Verpflichtungen, solange ihm zu gehorchen ist, KEINE adäquaten Zeitfenster zulässt.

Meine Angst vor dem Tod ist zwar auch eine generelle – denn wer wollte sagen, wann der „richtige“ Zeitpunkt zum Sterben ist – vielmehr ist sie aber eine Angst, keine Zeit oder auch „nur“ keine Kraft mehr zu haben, um Leben, das nicht ausmacht, was Alltag ist, noch leben, noch erleben zu können.

Es ist vor allem die Angst vor einem zu frühen Tod, so wie in mein Onkel, meine Mutter und, vor allem, meine Kollegin und Freundin hinnehmen mussten. Und, es ist darüber hinaus die Angst vor einem schmerzhaften, vor einem quälenden, vor einem lange, schleichend und doch bewusst zu erlebenden Sterben, die Angst, nahen, lieben Menschen mit langwierigem, quälendem Sterben, fortgesetzt Schmerz zu bereiten und Last zu werden und zu sein.

Je älter ich an Lebensjahren geworden bin, desto bewusster ist mir die Unversöhnlichkeit, die Gegensätzlichkeit von Liebe und Tod geworden. Unser Alltag, mein Alltag, mein Arbeitsalltag kennt so wenig Liebe, ist so wenig Liebe – selbst mehr (meiner zunehmend verloren gegangenen) Liebe zu meiner Arbeit würde daran nichts ändern. Ich habe sie mal sehr geliebt. Aber diese Liebe ist nicht erwidert worden. Und meine Hoffnung, dass das noch einmal anders werden könnte, dass der Alltag, mein Arbeitsalltag noch einmal mehr Liebe sein könnte, das ist die erste meiner Hoffnungen, die gestorben ist.

Ich habe Angst davor, dass das Sterben weiter geht, habe Angst vor dem Alltag, dem was Alltag, dem, was so wenig Liebe ist. Ich habe Angst vor dem Tod, so wie ich ihn jetzt, so früh wie ich ihn jetzt sterben müsste und wohl würde, wenn wieder Alltag sein, werden und bleiben würde.

Über Tod und Sterben nachzudenken, zu sprechen, sich auszutauschen, hat tatsächlich fortwährend etwas Unheimliches, etwas Verunsicherndes, mich Belastendes an sich.

Aber ich vermag es nicht mehr zu verdrängen.

Und wäre, ist, solches Verdrängen „richtiger“?

Menschlichkeit

Ich führe beileibe keine Statistik über die am häufigsten in meinen Tagebucheinträgen verwendeten Worte. Aber das Wort „Menschlichkeit“ dürfte schon zu jenen gehören, die es immer wieder in von mir verfasste Zeilen geschafft haben, die mir wichtig sind, von denen mir wichtig ist, dass sie verstanden werden, dass die Botschaft, die sie in sich tragen, gehört und weiter getragen und, vor allem, gelebt wird.

Ich meine und verstehe Menschlichkeit übrigens sehr grundsätzlich immer in ethischem Sinne. Als Umschreibung ALL dessen, wozu der Mensch, zum Teil im Unterschied zum Tier, fähig ist, ALL dessen, was ihn auszumachen vermag, mag ich den Begriff nicht verwenden. Denn Menschen verhalten sich oft schlimmer als Tiere. Unter ethischem Aspekt gesehen.

Menschlichkeit in ethischem Sinne zu verstehen, bedeutet, diesem Begriff bestimmte Wertekategorien zuzuordnen bzw. als ihm immanent anzusehen.

Für mich sind die wichtigsten vom Begriff Menschlichkeit (in ethischem Sinne) eingeschlossenen Wertekategorien die nachfolgend genannten:

• (gegenseitige/r) Respekt, Rücksicht
• Empathie
• Gewaltlosigkeit
• Ehrlich- bzw. Aufrichtigkeit
• Hilfsbereitschaft
• Gerechtigkeitsstreben
• Solidarität
• Bescheidenheit

In meinem Herzen geistert die nicht tot zu kriegende Utopie von einem Zusammenleben von Menschen, genau den genannten und keinen weiteren Prämissen folgend, über einen langen, einen ganz langen, einen immer währenden Zeitraum, in einem Kontext, der schließlich alle erfasst.

Wahrlich, eine Utopie! Ich bin mir dessen bewusst.

Da geht es um Freiheit und Unabhängigkeit – jedenfalls wird es so postuliert, aktuell etwa von den unterschiedlichen Interessen- bzw. nationalen Gruppierungen in der Ukraine – aber MENSCHLICH in ethischem Sinne geht es dabei augenscheinlich so gut wie überhaupt nicht zu.

Aber es ist ja bei weitem nicht nur und nicht einmal vor allem die Ukraine. Wenn ich mich auf der Welt so umschaue, sehe ich so viel Gemetzel, so viel Hunger, so viel Not, Leid und Ungerechtigkeit. Und da komme ich mit „meiner“ Menschlichkeit! Mit Attributen, Kategorien wie Gewaltlosigkeit, wie Bescheidenheit.

Ich höre und sehe schon diejenigen, die da mit mehr oder minder abschätziger Miene auf mich deuten und das Wort „Gutmensch“ mit ihren Lippen formen, und damit bestenfalls „armer Irrer“ meinen.

Abgesehen davon, dass ich nach wie vor nicht umhin kann, das Wort „Gutmensch“ immer wieder als verletzend zu empfinden, bemühe ich mich doch darum, dass es mich weniger anfichtt als bislang: Nur ein menschlicher (im Sinne dessen, was Menschlichkeit im ethischen Sinne ausmacht) Mensch ist ein Mensch, mehr oder weniger vollkommen. Ob ein Mensch „gut“ oder „böse“ ist, ist hingegen stets relativ, zudem ist eine solche Charakteristik letztlich immer eine subjektive und oft auch eine von einer bestimmten Situation, aus einem bestimmten Kontext abgeleitete bzw. darauf bezogene.

Kein Mensch ist vollkommen gut oder vollkommen böse. Kein Mensch ist VOLLKOMMEN. Kein Mensch ist vollkommen im Sinne ethisch verstandener Menschlichkeit. Aber jeder Mensch verkörpert einen gewissen Grad dieser Vollkommenheit, und jeder Mensch könnte diesen Grad erhöhen, wenn er es wollte, wenn er seine eigene Rolle, für von Menschlichkeit getragenes Zusammenleben von Menschen als wichtig und notwendig begreifen würde.

Viele Menschen, so scheint es mir, sind sich dieser, ihrer eigenen Rolle, deren Bedeutung, allerdings gar nicht oder nur unzureichend bewusst. In diesem Mangel an Bewusstsein, an Bewusstheit, spiegelt sich übrigens nach meinem Empfinden am stärksten und eindringlichsten das jeweilige Maß des Versagens oder auch nicht vorhanden Seins menschlich adäquater Bildungsangebote bzw. –strukturen.

Am ehesten wird, so nehme ich es wahr, Menschlichkeit noch in kleinen Kontexten, günstigenfalls in mehr oder weniger großen familiären Zusammenhängen, unter Freunden, im Rahmen kleinerer Interessen- bzw. Weltanschauungsgemeinschaften oder Communities gelebt.

Und es gibt wohl auch das eine oder andere Beispiel dafür, dass Menschlichkeit oder wenigstens einige der Prämissen, die sie ausmachen, in größeren Zusammenhängen, in Zusammenhängen, in denen es etwa um Freiheit ging, die Oberhand gewonnen oder behalten hat. Mir fällt da die Gewaltlosigkeit während des Systemwechsels in der DDR 1989 ein, ich denke an das Wirken von Mahatma Gandhi und den von einem Martin Luther King propagierten und verkörperten zivilen Ungehorsam.

Dennoch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es in unserer immer komplexer werdenden und sich gleichzeitig teilweise beängstigend schnell differenzierenden Welt, im Zeitalter monopolisierter globaler, oligarchischer Finanz- und Wirtschafts- und Politikinteressen immer schwieriger wird, Menschlichkeit im ethischen Sinne in größeren Zusammenhängen erfolgreich zu propagieren und vor allem zu leben.

Es ist so, als würde davon nicht einmal mehr etwas gehört werden wollen, als wüsste es jeder und vor allem jeder besser. Und, besonders fatal: Die entsprechende Ignoranz scheint sich in solchen Zusammenhängen geradezu gegenseitig zu katalysieren, zu befeuern. Nirgend wann scheinen Menschen weiter von einer Bewusstheit über die eigene Rolle für von Menschlichkeit getragenes Zusammenleben entfernt zu sein, wie dann, wenn es tatsächlich und vor allem unmittelbar um für menschliche Existenz „schicksal“hafte Kontexte und Entscheidungen geht.

Dies freilich ist, das es sich bei den entsprechenden Protagonisten überwiegend um gut (aus-)gebildete Personen handelt, auch und nicht zuletzt ein Ausdruck originär (und bisweilen wohl gar bewusst kalkulierten!) MENSCHLICHEN Versagens.

Wer oder was könnte dem gewachsen sein?

Ich weiß es, beim besten Willen, nicht.

Durch eigenes Beispiel immer wieder, fortwährend und sehr bewusst im Sinne ethischer Menschlichkeit zu handeln, noch dazu so unvollkommen, wie beispielsweise ich das praktiziere, scheint mir insoweit sehr wenig zu sein.

Zu wenig.

Aber eine andere „Idee“ habe ich nicht.

Gottvertrauen

In letzter Zeit gehen mir ziemlich unablässig Gedanken um den Begriff, das Verständnis und das reale Leben von GOTTVERTRAUEN durch den Kopf. Eine Freundin signalisiert mir immer mal wieder, dass sie Gottvertrauen hat, daraus Kraft schöpft, es ihr in schweren Lebenssituationen hilft, auf dieses Vertrauen zu bauen, dass sie vermag, es anzunehmen, daran zu glauben.

Und wenn sie das so mitteilt, dann klingt das Wort „Glauben“ nicht irgendwie imaginär oder esoterisch, nicht surreal oder weltfremd. Sie glaubt, sie vertraut WIRKLICH, davon bin ich mittlerweile ziemlich überzeugt. Das heißt nicht, dass sie ALLES glaubt, blind vertraut – sie ist kritisch, sie hinterfragt, sie setzt sich auseinander, auch mit Kirche. Aber ihr grundsätzliches Gottvertrauen steht, unerschütterlich, wie mir scheint. –

Daran kann auch alles auf unserem Planeten existierende Unheil, keine schlimme Krankheit eines nahen Verwandten, kein unschuldiger Tod eines Kindes etwas ändern. Sie sagt dann, und ist davon überzeugt: Das ist nicht Gottes SCHULD. Sie lehnt es ab, im Zweifel für alles einen Schuldigen benennen, Gott für alles verantwortlich machen zu können. Sie ist nicht für diesen (vermeintlich) bequemsten Weg. Gott ist nicht die Antwort auf alles.

Wie passt das alles zusammen? Woran GLAUBT sie? WEM vertraut sie? Wie vermag sie das?

Denn SIE vermag das, und es schenkt ihr Kraft, offenkundig tatsächlich, dann besonders, wenn ihre Kräfte zu versiegen drohen. Und es strömt immer wieder und unablässig so viel auf sie ein, was von ihren Kräften nimmt …

*

Ich vermag Menschen zu vertrauen, manchen weniger, manchen mehr, wenigen sehr. Menschen zu vertrauen, hat auch mit „IHNEN GLAUBEN“ zu tun, zu Beginn einer Begegnung vor allem. Denn Aufrichtigkeit, die Unterpfand festen, fundierten Vertrauens ist, muss erst erspürt werden. Nicht wenige behaupten aufrichtig zu sein und sind nicht einmal ehrlich. Aber selten zeigt sich das sogleich offensichtlich. Menschen tragen so oft Masken …

Egal, die Essenz ist: Vertrauen bildet sich nur heraus, festigt sich nur über GLAUBEN. Wer nicht bereit ist, wenigstens ein bisschen zu glauben, der wird nie Vertrauen entwickeln und schon gar keins geschenkt, erwidert bekommen.

Aber wenn ich an Menschen zu glauben, ihnen zu vertrauen vermag, warum dann nicht Gott? Weil ich daran zweifle, dass es einen Gott gibt? Auf wen oder was vertraue ich dann eigentlich, wenn ich jeden Abend für unseren Planeten und vor allem für Menschen darauf bete. (Denn das tue ich!) Bete ich ins Nirvana?

Nein, ich hoffe wohl doch zumindest, dass es Gott gibt.

Hoffen ist aber weniger als wirklich glauben, oder? Und warum bzw. worauf hoffe ich denn, wenn Gott nicht für alles, was auf Erden geschieht, verantwortlich ist, wenn er nicht alles oder über alles zu richten vermag?

Ich habe schon öfter gesagt und geschrieben, dass ich mir Gott am ehesten als „Weltgewissen“ als „Gewissen der Welt“ vorzustellen vermag. Ich bin mittlerweile sogar überzeugt davon, dass es so etwas wie ein „Weltgewissen“ tatsächlich gibt.

So, wie mein eigenes Gewissen über mich befindet, über mich richtet, befindet und richtet das Weltgewissen über die Welt. Wie mein Gewissen über mich richtet, hängt von meinem Denken und vor allem meinem Handeln ab. Wie das Weltgewissen richtet, hängt vom Denken und Handeln der Welt ab, der Welt, der Menschheit, die letztlich die Summe aller Menschen ist.

Und das ist womöglich für mich, meine Unfähigkeit bezüglich wirklichen Gottvertrauens, das Fatale: Ein Gericht über die Summe aller Menschen, ist ein Gericht über das Schicksal aller, nicht über das Schicksal eines Einzelnen. Ein solches Gericht kann und wird dem Einzelnen in vielen, womöglich, ja sehr wahrscheinlich, in den meisten Fällen keine Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Eine Gerechtigkeit auf Erden wird es mithin nicht geben.

Es heißt in der Kirche immer:

Gott nimmt alle Schuld auf sich, das ist dadurch belegt, dass er seinen Sohn hat alle Schuld auf sich nehmen lassen. Wer Schuld aufrichtig bekennt, und sei es nur im letzten Atemzuge, dem wird vergeben werden. Dem wird vergeben werden durch ein Leben nach dem Tod.

Das bedeutet nichts anderes, als das jemand, der ein Leben lang Schuld auf sich geladen hat, der womöglich anderen bitteres Leid zugefügt hat, nunmehr dasselbe (paradiesische) Leben nach dem Tod genießen darf, wie jene, die er gepeinigt hat.

Eine Gerechtigkeit im Himmel gibt es somit auch nicht.

Ich vermag bislang nicht, an ein Leben nach dem Tod zu glauben. Ich weiß nicht, ob ich es könnte, wenn es Gerechtigkeit nach dem Tod gäbe. Aber auch die gibt es nicht.

Woran soll, woran kann ich also glauben? Wem, worauf, kann, soll ich vertrauen? Und es GOTTVERTRAUEN nennen können?

Heißt Gottvertrauen zu haben, vertrauensSELIG (sic!) zu sein, sein zu müssen?

Vertrauensseligkeit hat sich in meinem Leben schon das eine und andere mal bitter an mir gerächt…

In der Kirche heißt es auch:

Gott ist Liebe. Gott liebt alle Menschen.

Das klingt gut. Wenn ich Menschen vertraue, vertraue ich schlussendlich auf ihre Fähigkeit zu lieben. Ich vertraue auf ihre Fähigkeit, die Natur zu lieben, die Pflanzen- und Tierwelt, und die Menschen, andere Menschen, den Vater, die Mutter, den Freund, den Nachbarn, den Flüchtling, den Obdachlosen, mich, mit meinen Fehlern, meinen Makeln, mit meiner Unvollkommenheit.

Die Fähigkeit zu lieben, so umfassend zu lieben, ist unter den Menschen sehr unterschiedlich ausgeprägt.

Gott aber, wer oder was Gott auch sein mag, hat diese Fähigkeit, IST diese Fähigkeit. So kann man es sehen. Ich kann mir vorstellen, dass das so ist. Gott ist Liebe, umfassende Liebe. Umfassende Liebe ist Gott.

Gottvertrauen könnte demnach Glauben an, Vertrauen auf die Fähigkeit der Liebe sein. Umfassendes, unerschütterliches Gottvertrauen, Glauben an, Vertrauen auf die Fähigkeit der umfassenden Liebe.

Wer Gott so vertraut, glaubt an den Sieg der Liebe. Und der Sieg der Liebe bedeutet Gerechtigkeit.

Ist DAS Gottvertrauen? Das Gottvertrauen, dass meine Freundin lebt, aus dem sie immer wieder Kraft schöpft? – Ist es aber nicht doch mehr ein Vertrauen in DIE MENSCHHEIT? Denn meine Freundin würde wohl sagen, dass Gott nicht Schuld daran wäre, wenn die Liebe nicht siegen würde.

Wie KANN sie der Menschheit so vertrauen, wo an jedem Tag millionenfach das Gebot der Liebe, der umfassenden Liebe zumal, und damit GOTT, durch Menschen konterkariert wird?

Sie vertraut Gott. WEM vertraut sie, worauf gründet sich ihr Vertrauen?

Vertraut Gott den Menschen noch?

Wie kann ICH GOTTVERTRAUEN entwickeln, leben, daraus Kraft finden? So wie diese Freundin.

Ich habe jetzt soviel darüber nachgedacht, darüber geschrieben. Ich finde keine Antwort. Aber ich werde weiter jeden Abend beten.

Alkohol

Sentenzen schreibe ich gewöhnlich zu Themen, die mich mehr und intensiver als andere beschäftigen und dies auch wiederholt tun. Und ich tue das in aller Regel auch mit einer Portion Philosophie

Mit dem Thema „Alkohol“ verhält es sich insoweit anders, als dass mich dieses Thema auf mich selbst bezogen oder mich selbst betreffend an sich kaum beschäftigt. Es spielt in meinem eigenen Leben kaum eine Rolle. Bezogen auf meine Wahrnehmung meiner Umwelt, vor allem von Menschen, die in der mich umgebenden Umwelt leben, ist das freilich anders – ich nehme da auch ganz andere Einstellungen und Verhaltensweisen wahr, und die beschäftigen mich denn doch ziemlich intensiv.

Deshalb schreibe ich also mein eigenes Verhalten und meinen derzeitigen Gedankenstand zu dieser Thematik doch nicht „nur“ auf eine Tagebuchseite, sondern gebe ihnen hier einen etwas exponierteren Platz, freilich ohne sehr philosophisch zu sein oder werden zu können.

Anlass für mein Schreiben ist, dass vor ein paar Tagen hier im Außenbecken des Freizeitbades ein 22jähriger Mann und Vater eines Kleinkindes tot aufgefunden worden ist. Vermutlich hatte er versucht, unter Alkoholeinfluss nachts, nachdem er, wie auch immer einen Zaun überwunden hatte, dort unter einer über dem Becken gespannten Abdeckplane zu „baden“.

Ich bin kein Antialkoholiker. Das heißt, dass ich mitunter Alkohol trinke. Insgesamt aber wohl vergleichsweise wenig, wenn nicht sogar sehr wenig. Hin und wieder trinke ich Bier, wobei ich eindeutig bestimmte Sorten favorisiere und andere gar nicht mag. Tschechische und slowakische Biere haben potenziell die besten Chancen, mir zu schmecken. Und auf das SCHMECKEN kommt es an.

So schmeckt mir hin und wieder ein Bier zum Abendbrot, und vor allem in den heißen Sommermonaten schmecken mir auch ein, zwei, schon selten drei um richtigen Durst zu stillen.

Sitze ich, was schon aus Entfernungsgründen, höchstens ein- bis zweimal im Jahr geschieht, mit meinem Kumpel zusammen und wir quasseln uns mal aus oder sitzen in einer Kartenspielrunde, dann können es an einem langen Abend auch mal vier oder fünf Biere werden. – Mehr waren es aber noch nie, weil mir mehr nicht SCHMECKT.

So ist und so halte ich es auch dann, wenn ich, was ebenfalls sehr selten passiert, zu einer Feier gehe(n muss). Dort trinke ich auch vorzugsweise Bier, mitunter auch einen Likör oder einen „Verdauungsschnaps“ nach einem reichlichen Essen, einen Wein – allerdings möglichst nichts durcheinander, weil ich weiß, dass ich das schon in sehr kleinen Mengen nicht vertragen würde.

Wein (nur wirklich lieblichen, was heutzutage kaum noch gesellschaftsfähig ist) oder höher prozentigen Alkohol trinke ich auch in den seltenen Fällen, in denen ich das tue, eher wie eine „Praline“ – will heißen: eine oder höchstens zwei davon.

Ich sehe Alkohol im wahrsten Sinne des Wortes als ein GENUSSmittel.

Sekt mag ich, um nur ein Beispiel zu nennen, gar nicht, der bereitet mir keinerlei Genuss, im Gegenteil. Und viele Arten anderen Alkohols, etwa die vielen verschiedenen Cocktails und Mischgetränke kenne ich erst gar nicht, ohne das mir dieses Unwissen Unbehagen bereiten würde.

Es gibt sehr viele Tage im Jahr, an denen ich nichts Alkoholisches zu mir nehme.

Mit den Jahren habe ich beobachtet, dass mein „Trinkverhalten“ wohl ziemlich atypisch ist. Viele Menschen trinken offensichtlich regelmäßiger und auch mehr Alkohol, zum Teil erheblich mehr. Ich erlebe, zu entsprechenden Gelegenheiten auch immer wieder gefragt zu werden, warum ich denn „nicht noch einen“ mit trinke, warum ich denn „jetzt schon aufhöre“, ob ich etwa „nichts vertrage“. Es würde „doch gerade erst richtig losgehen“, man könnte doch endlich einmal „alle Sorgen vergessen“ – wo das saufen eine Ehre sei, sei „das Kotzen keine Schande“. Das „passiere halt mal“, „na und, um so schöner ist das Leben, wenn’s dann wieder vorbei ist.“

Ja, ich vertrage nicht viel Alkohol. Das habe ich in meinem jungen Jahren zwei,- dreimal erfahren – nicht anlässlich von vornherein geplanter Trinkgelage, sondern weil ich wirklich gar nicht wusste, dass mein Magen rebellieren würde. Ich musste zur Kenntnis nehmen, dass das weit eher der Fall ist als ich tatsächlich betrunken sein oder gar einen „Filmriss“ haben konnte.

Abgesehen davon wollte ich schon damals nie wirklich betrunken sein oder gar völlig die Kontrolle über mein Denken und Tun verlieren. Ich wollte das nie, auch nicht, wenn ich Liebeskummer hatte , mit meinen Eltern mal nicht klar kam oder Zweifel an mir, vor allem an meinem Selbstbewusstsein hatte. Und als junger Mensch hatte ich noch weit weniger davon als heute, und es war (und ist) wahrlich nicht einfach damit zu leben, weil das mitunter ziemlich tiefe Sinnkrisen in mir auslöst(e).

Ich habe Alkohol nie als Lösung für irgendein Problem ansehen können, und eine „Flucht“ in ein alkoholisches „Vergessen“ , das war und ist mir immer klar gewesen, konnte und kann jeweils nur eine vorübergehende sein. Je öfter sie aber geschieht, um so verhängnisvoller ist ihr Potenzial. Weil sie nicht nur nichts löst, sondern perspektivisch welches Problem auch immer, nur schlimmer macht und neue hinzu addiert.

Warum ist das offenkundig für viele andere Menschen, heutzutage vor allem auch junge Menschen, nicht auch so plausibel, wie es für mich in jungen Jahren war und bis heute ist? Sind die Probleme, die Krisen junger Menschen heute schlimmer, tiefgehender? Und selbst wenn, ist es dann „folgerichtig“, dass sich etliche mal hin und wieder, mal fortgesetzt in Alkohol fliehen, mal ganz bewusst, mal sich mehr „einfach treiben, ES geschehen lassend“?

Mich irritiert, mich erschreckt das. Und noch mehr irritiert und erschreckt mich, wie bzw. wenn selbst ansonsten sehr gebildete, intelligente, sehr schätzenswerte Menschen (das betrifft junge und ältere) nach dem einen oder anderen „Absturz“ dann zu diesem „stehen“, darüber reden. Man wäre endlich mal wieder „herrlich besoffen“ gewesen, dass nach und nach wirklich alle „kotzten“ wäre „irre“ aber die Fete sei doch „total lustig“ gewesen, A. oder D. hätten sich so „wundervoll zum Obst“ gemacht und so weiter und so weiter …

Ich verstehe nicht, warum diese Menschen offenbar so wenig Selbstachtung haben. Und ich kann nicht glauben, dass ihnen die Reaktionen anderer Menschen so ganz egal sind. (nicht nur die Reaktionen „unbeteiligter“ Menschen, denn allzu oft wird verkannt, dass gerade unter jenen, die heftig mit „getankt“ haben, am Ende jene sind, die am meisten und hässlichsten hinter dem Rücken reden…)

Ich habe mehrmals erlebt, wie Personen in Leitungsfunktion durch übermäßigen Alkoholgenuss mehr oder weniger völlig die Kontrolle über sich verloren haben, auf Betriebsfeiern. War oder ist ihnen tatsächlich völlig egal, wie ihr Persönlichkeitsverlust (als etwas anderes mag ich das Verhalten von Menschen nach übermäßigem Alkoholkonsum nicht bezeichnen) von den Mitarbeitern im Nachhinein „diskutiert“ wird? Ist jenen, die sich, bewusst oder sich treiben lassend, betrinken, ihr damit einher gehender Persönlichkeitsverlust wirklich egal?

Alle fürchten sich vor Demenz (auch das ist Persönlichkeitsverlust) aber kaum einer fürchtet sich davor „besoffen“ zu sein und in diesem Zustand wahrgenommen zu werden.

Das verunsichert mich, verunsichert mich so sehr, dass ich bekenne: Ich habe Angst vor Betrunkenen, ja regelrecht Angst, auch vor jenen, die gar nicht aggressiv sind oder werden. Ich gehe ihnen aus dem Wege, mag keinem von ihnen begegnen.

Ich verlasse nicht zuletzt deshalb Feiern oft recht früh, weil ich bemerke, dass einige der Anwesenden jenes Trunkenheitslevel erreichen, mit dem ich nicht mehr umgehen kann, auf das ich keine Antwort mehr weiß. Ich möchte niemanden in entsprechend peinlichen Situationen sehen, möchte nicht darauf irgendwie eingehen oder reagieren müssen, mit Verlaub, für mich ist keine entsprechende Situation „lustig“.

Damit ich nicht missverstanden werde: Ich verurteile niemanden, weil er bewusst oder sich treiben lassend oder letztendlich gar, weil er nicht mehr anders kann, zu viel Alkohol trinkt. Ich kann und will nicht über die Gründe dafür richten.

Aber ich kann es bis auf sehr wenige Ausnahmen nicht VERSTEHEN und, vor allem kann ich halt damit nicht umgehen. Es tut mir nur, und das meine ich hier buchstäblich und ohne jede Heuchelei, unendlich Leid, vor allem dann, wenn Menschen bewusst oder sich treiben lassend, ihre Persönlichkeit verlieren (wollen), und sei es auch nur für ein paar Stunden.

Und was ich schließlich ganz und gar nicht verstehen kann, sind diejenigen, die dann gar meinen, dass durch Alkohol bedingte Persönlichkeitsverluste, nun mal zu ihrer Persönlichkeit gehören.

Dinge, Sachen, die zu Persönlichkeitsverlust führen können, sind entweder Krankheiten oder Drogen. Alkohol ist insoweit nicht „besser“ als Heroin und bezogen auf jeden einzelnen Tag, an dem zu viel von ihm konsumiert wird, auch kein Mikro harmloser.

Denk‘ ich an Deutschland…

Es hat viel weniger mit dem „Tag der Deutschen Einheit“ zu tun, der vor zwei Tagen wieder einmal begangen wurde, als mit einer Rubrik, die jeden Sonntag gegen 8.20 Uhr im Deutschlandfunk unter dem Titel „Denk‘ ich an Deutschland…“ läuft, und die ich regelmäßig höre, dass ich mich schon seit Längerem mit dem Gedanken trage, meine eigenen Überlegungen zu diesem Thema zu formulieren. So wie das allsonntäglich im DLF Schriftsteller, Politiker, Künstler, Wissenschaftler und alle möglichen anderen Leute tun …

Denk‘ ich an Deutschland …

… dann denke ich zuerst immer vor allem an Verantwortung, an Verantwortung, die aus der Geschichte Deutschlands erwächst, insbesondere der Geschichte zweier Weltkriege, der Geschichte der Naziherrschaft. Ich meine damit nicht, dass etwa vor allem auch die junge Generation wegen der Verbrechen der Hitlerdiktatur schuldbewusst mit gesenktem Kopf durch Europa und die Welt laufen soll. Nein, denn die junge Generation (und selbst ich bin insoweit jung genug) trägt keine Schuld an dem, was damals geschah. Und sie muss sich so etwas auch nicht einreden lassen.

Aber verantwortungsbewusst, sehr verantwortungsbewusst, aufklärerisch, präventiv mit diesem historischen Erbe umzugehen, das muss ein Anliegen eines jeden Deutschen, vor allem auch eines jeden jungen Deutschen sein.

Aktuell wird viel über die „besondere Verantwortung“ Deutschlands gesprochen. Der Bundespräsident hat „mehr Verantwortung“ Deutschlands gerade anlässlich des Einheitstages vorgestern wieder mehr eingefordert. –

Ich ahne jedoch, dass die Verantwortung, die er meint, und die, die ich meine, sich in einigem erheblich unterscheiden.

Deutschlands Verantwortung in der Weltpolitik sollte meines Erachtens viel mehr in einer ausgleichenden, einer mehr auf tatsächlich diplomatische und politische Lösungen gerichtete Einflussnahme auf das globale Geschehen gerichtet sein. Verantwortung im internationalen Rahmen muss nach meiner Ansicht vor allem Verantwortung für die allumfassende Gewährleistung eines Höchstmaßes umfassender Menschenwürde für ALLE Menschen, sozialer Gerechtigkeit (gerechterer Verteilung), Frieden, Schutz der Umwelt und der natürlichen Ressourcen, der Anerkennung und Versöhnung unterschiedlicher Religionen und viel weniger eine „Verantwortung“ für die Beteiligung an Militäreinsätzen, für mehr (nicht aufhörendes) „Wachstum“, für den Erhalt und die Zementierung des gegenwärtigen Finanz- und Börsensystems sein

Deutschland, die deutschen Regierungen handeln, zumindest mittel- und langfristig gesehen, NICHT wirklich verantwortungsbewusst.

Denk‘ ich an Deutschland …

… dann denke ich an ein krankes, ein uneffektives Bildungssystem. Daran, dass es viele gute Bildungsmöglichkeiten gibt, diese aber nicht allen offen stehen oder nicht in hinreichender Weise zugänglich gemacht werden. Ein Bildungssystem, das sehr starr ist und sehr unübersichtlich, in dem unendlich viele Ressourcen und Potenziale menschlicher Schöpferkraft, menschlichen Wissendranges verloren gehen. Für ein an sich so hoch entwickeltes Land wie Deutschland in völlig verantwortungsloser (sic!) Weise.

Ein Bildungssystem, das nach wie vor viel zu wenig auf Methodenlehre, auf Wissensanwendungsstrategien, auf Erlernen respektvoller menschlicher Interaktion in allen Bereichen setzt.

Denk‘ ich an Deutschland …

… dann denke ich an Sprache, die deutsche Sprache, die wundervoll sein kann, die wundervolle Potenziale in sich trägt, die ich, wenn sie GEPFLEGT wird unendlich liebe. Ich habe nicht die Möglichkeit, die Potenziale, die Möglichkeiten deutscher Sprache, mit denen anderer Sprachen zu vergleichen. Aber, wenn etwas in Deutschland Poesie, Schönheit, Vielfalt, Schöpfertum in sich zu tragen vermag, dann ist es immer an erster Stelle, die deutsche Sprache. Sie ist ein Schatz, ein bewahrenswerter! Und sie ist es, die mir wohl mit am meisten Heimatempfinden vermittelt, wenn es um Deutschland geht.

Denk‘ ich an Deutschland…

…dann denke ich an die Jahre 1989/90, jene Jahre, die allgemein „die Wende“ genannt werden, und damit mit einem Attribut versehen werden, mit dem ich so gar nichts anfangen kann, weil es nach meinem Empfinden weitgehend nichtssagend ist. Ich verwende es daher sehr grundsätzlich nicht.

Für mich markieren jene Jahre den tiefsten Einschnitt meines bisherigen Lebens.

Ich habe in diesen Jahren das Land verloren, in dem ich geboren, aufgewachsen und sozialisiert worden bin und das ich für lange für meine Heimat hielt. Das aber, wie ich nach und nach begriff, nicht meine Heimat war und nicht sein konnte. Und ich kam in ein neues, anderes Land, das bis heute nicht meine Heimat geworden ist und, ich fürchte, dies auch nie wird. – Ich weiß seit 1989/90, dass ich Heimat in nur wenigen Menschen zu finden vermag und in bestimmten Situationen, an bestimmten Orten, in der Natur, in manchem Gedanken, manchem Kunstwerk. Nie in einem Land, nie ganz in einem Land. Nie. Ein Land ist eine für mich zu große, zu differenzierte und zu unübersichtliche Dimension, um mir Heimat sein zu können.

Denk‘ ich an Deutschland …

… dann denke ich an eines der reichsten Länder der Erde, an ein Land, in dem die Demokratie für die 1989/90 viele in Menschen in seinem östlichen Teil auf die Straße gegangen sind (wahrscheinlich aber weit weniger ausschließlich oder generell für DIESES Ziel als immer vorgegeben wird …) obschon sie nach wie vor eine der stabilsten ist, nach und nach, schleichend aber stetig, immer mehr ausgehöhlt wird durch die zunehmende Ökonomisierung des gesellschaftlichen Lebens. Und Ökonomisierung heißt: Globalisierung, heißt globales Finanzdenken, heißt Interessenrealisierung und Lobbypolitik im Sinne nur weniger, exponiert Reicher, Mächtiger.

Ich denke an ein Land, das immer amerikanischer wird und viele Menschen immer gleichgültiger, ohnmächtiger auch, aber immer stärker dem Konsumstreben verfallend.

Ich denke an ein Land, dessen Gesicht schöner geworden ist, nicht aber sein Charakter. Ich sage das so, obgleich ich bemüht bin, das differenziert zu sehen. Aber ist Deutschland angesichts seines Reichtums adäquat menschlich genug? Ich persönlich vermag das nicht zu bejahen. – Deutschland ist penibel, ist streng, ist pragmatisch, ist effizienzorientiert, ist ehrgeizig, ist rational, wenn es um das vermeintlich Wichtige geht, das „Wachstum“, die „wichtige Rolle“ im globalen Kontext, die „Gefahrenabwehr“ (für wen eigentlich???)

In Deutschland leben nicht die fleißigeren, die ordentlicheren, die verlässlicheren oder gar „besseren“ Menschen dieser Welt. Deutschland stünde nach wie vor mehr Herz, mehr Wärme im Inneren, wie nach außen gut zu Gesicht.

Ich denke an Deutschland als ein Land mit vergleichsweise hohen sozialen Standards, aber es ist auch ein Land der zunehmenden sozialen Differenzierung. Es ist ein Land, in dem noch viel, viel mehr Menschen lernen müssen, abzugeben, sich einzuschränken, das erreichte eigene materielle Niveau nicht für NORMAL zu halten.

Ich denke an Deutschland als ein Land mit großen kulturellen Reichtümern und Traditionen, das dennoch, langsam aber spürbar auch an Kultur, Kulturbewusstsein im Ursprungs-, im weiten Sinn, verliert.

Ich denke an Deutschland als ein Land, in dem technischer und wissenschaftlicher Fortschritt stark und präsent sind, in dem es aber rasch und künftig viel mehr und viel differenzierter Denken und Handeln im Sinne von tatsächlich MENSCHLICHEM Fortschritt geben muss.

Denk‘ ich an Deutschland …

… dann denke ich an eine junge Generation, die mir zugleich Angst und Sorge macht und Hoffnung und Zuversicht schenkt.

Ich denke an ein Land, das viel widersprüchlicher ist als es sich gibt und als es in anderen Teilen der Welt womöglich erscheint und wahrgenommen wird.

Deutschland ist nicht als Deutschland wichtig, aber als Teil der Welt. Als solcher muss in und für Deutschland „Verantwortung“ mehr der Welt und allen auf ihr lebenden Menschen zugewandt definiert und gelebt werden.

Deutschland ist kein Land, um sich in ihm zurück zu lehnen, gleichgültig zu sein oder zu werden, Dünkel und Egoismen zu pflegen.

Denk‘ ich an Deutschland …

… dann denke ich vor allem an einen Aphorismus des von mir am meisten geschätzten politischen Kabarettisten unserer Zeit, einen Aphorismus von Volker Pispers. Unter anderem, jedoch besonders stark, an diesem Aphorismus orientiert, versuche ich zu leben. Er lautet:

„Ich bin mit meinem Menschsein derart ausgelastet, dass ich nur ganz selten dazu komme, Deutscher zu sein.“

Ich mag diesen Satz sehr. Ich wünsche mir, das er Maxime aller Menschen in Deutschland werden könnte, einschließlich und nicht zuletzt des in ihm enthaltenen Augenzwinkerns.

Freiheit

Über Freiheit ist schon so viel geschrieben, gesagt und diskutiert worden, so viel Kontroverses, an sich Selbstverständliches und schließlich doch oft Unbefriedigendes, dass ich eigentlich hier nichts (mehr) zu dem Thema schreiben wollte, zumal ich mich ja bei der Besprechung eines Aphorismus von Daniela Dahn ganz zu Beginn meiner Aufzeichnungen hier auch schon zu der Problematik geäußert hatte.

Zwei wichtige Thesen, die damals in meinem kleinen Aufsatz und aus den Kommentaren dazu folgend, fixiert wurden, waren unter anderem:

„Wenn man bedenkt und akzeptiert, dass der Mensch ein biosoziales Wesen ist und als solches isoliert nicht existieren kann, schließt das das Verstehen ein, dass es absolute individuelle Freiheit, absolute individuelle Autonomie, nicht gibt und nicht geben kann.“

„… ich bin der Meinung, dass auch heute Seelen nicht im Selbstlauf wirklich frei werden, im Gegenteil, dem stehen sehr viele, sehr konträr wirkende Einflüsse entgegen, die Freiheit nur suggerieren.

(Aber) … wenn die eigene Seele nicht im eigentlichen Sinne frei ist, ist es schwer, vielleicht gar unmöglich, im Sinne von Freiheit, wie ich sie … beschrieben habe, nach außen zu wirken.“

Nun bin ich aufgrund einiger Erlebnisse, Erfahrungen in der letzten Zeit noch einmal stärker zum Nachdenken über diese beiden Thesen gekommen. – Und in mir sind neue Fragen entstanden und neue Thesen auch – zum Beispiel:

Wie befreit man die eigene Seele? Man muss es ja augenscheinlich immer wieder, beständig tun, weil immer wieder und beständig neue, äußere Einflüsse auf sie einwirken, die ihre Freiheit zu beschränken vermögen, wenn der, dem die Seele gehört, sich nicht dagegen wehrt.

Wann und wie ist eine „freie Seele“ in der Lage, über ihre Grenzen hinausgehend für ein freies Leben, dass das Rückstellen von Egoismen und das bewusste Leben zum Vorteil Mitmenschen einschließt, zu wirken.

Und schließt in dieser Weise frei und für Freiheit zu leben, das akzeptieren Müssen ein, das wirkliche unbegrenzte, allumfassende Freiheit, tatsächlich nur die (unausgesprochene) Freiheit der eigenen Gedanken ist?

Diese letzte Frage beantworte ich nun nach meinem weiteren Nachdenken und meinen neueren Erlebnissen und Erfahrungen mit einem ganz eindeutigen „Ja“.

Und ich gebe zu, dass in mir ein großer innerer Kampf tobt, dagegen, diese Erkenntnis als eine bittere, dafür, sie als die einzig realistische zu bewerten. Und mit ihr auch als solche zu leben, ohne aufzugeben, auch und gerade dann nicht, wenn das Beschneiden eines Stücks bis dato wahrgenommener, empfundener, mitunter mühsam erkämpfter Freiheit gerade unmittelbar wahrzunehmen, zu konstatieren ist.

Es ist eine schwere, eine sehr schwere Erkenntnis, und sie als solche weiter zugeben, scheue ich mich auch, vor allem gegenüber jungen Menschen. Weil sie so viele Visionen, so viele Träume haben, darunter so wichtige, so gute. Und weil sie diese Visionen und Träume nicht ohne die Vorstellung von größtmöglicher Freiheit zu denken vermögen. Diese Visionen und Träume lassen sich ja auch ohne diese Vorstellung nicht wirklich denken…

Aber es ist und bleibt so: Die eigenen Vorstellungen, Visionen, Träume sind als solche „nur“ unsere jeweiligen Gedanken, und nur als solche sind sie tatsächlich frei. Nur solange sie in uns selbst sind. Und vielleicht, bestenfalls, auch noch, wenn wir sie mit einem sehr guten Freund teilen.

In keinem anderen Kontext als dem unserer eigenen Gedanken, unserer Visionen und Ideen sind wir so – wirklich, tatsächlich – frei. Nicht in der Gesellschaft, nicht in einem Arbeitsteam, nicht in einer Interessengruppe, nicht in der eigenen Familie. Nirgends sonst!

Das ist so und das wird so bleiben, obwohl unsere Gesellschaft, die Rahmenbedingungen, die für unser Zusammenleben in der Gesellschaft gesetzt sind, ein durchaus verhältnismäßig großes Maß an Freiheit, an Lebensfreiheit gewährleisten. Wir leben viel freier als Menschen in vergangenen Jahrhunderten oder auch andere Menschen heute, die an anderen Orten der Erde geboren wurden und leben (müssen).

Jeder Einzelne, der hier in Mitteleuropa, hier in Deutschland lebt, gehört, in noch einmal differenzierter Weise freilich, zu den freiesten Menschen auf dieser Welt. Das sollten wir, ältere, wie jüngere Menschen, mit unseren Träumen, Visionen und Ideen, nie vergessen. Hier, auf diesem Fleckchen Erde ist davon immer noch relativ viel in Realität umsetzbar, für den einen mehr, für den anderen weniger. Ja.

Und ja: Nur allein ist jeder von uns: wirklich frei. Aber wirklich allein wiederum ist jeder von uns: (ein) nichts.

Vor allem Menschen wie wir, die in Gesellschaften leben, die verhältnismäßig viel Lebensfreiheit „gewähren“, empfinden das so sehr, und mir will mitunter scheinen, zunehmend, als Dilemma.
Ich nehme mich davon ganz und gar nicht aus, obwohl ich glaube, dass meine eigenen „Freiheitsbestrebungen bzw. -wünsche“ wahrlich keine uferlosen oder gar vor allem auf vordergründig individuellen Vorteil gerichteten sind.

Aber ich spüre, dass ich nicht „wirklich“ frei bin, nicht in der Gesellschaft, nicht im Arbeitskontext, nicht in der Familie. Und dieses Spüren ist wieder und wieder, mal mehr, mal weniger schwer. Und noch schwerer ist, mit den Konsequenzen dann tatsächlich (weiter) leben zu müssen. Denn jedes derartige Spüren, geht im Zweifel damit einher, die eigenen Ansprüche, die eigenen Wünsche, zurückstellen zu müssen und ggf. wieder einmal zu fliehen, fliehen zu müssen, in die eigene, die letzte, die einzige Freiheit, die Freiheit der eigenen Gedanken.

Ist eine Seele „frei“, die das spürt, so spürt?

Und wie kann, wie soll eine solche Seele motivieren, junge Menschen zumal, den eigenen Sohn …?

Zivilcourage

Von dem Beitrag „Angst vor Diskussionen“, den meine Freundin shace vor einigen Tagen in ihrem Blog verfasst hat, angeregt, sind mir viele Gedanken durch den Kopf gegangen. Gedanken, die sich nicht auf das Thema Diskussion im engeren Sinne beschränkten …

Ich bin in der heutigen Zeit oft schon regelrecht froh, wenn ich bemerken darf, dass sich zwei oder mehrere Leute angeregt und doch sachlich miteinander unterhalten. Das ist selten geworden: Meinungsaustausch, Argumente austauschen, Wissen einbringen und erweitern, sich korrigieren, sich überzeugen lassen, seine Meinung vertreten, auch wenn sie unpopulär ist, wenn sie ein unpopuläres Thema betrifft, wenn man mit ihr (zunächst) allein steht.

Diskussion ist immer Interaktion, weil sie mit mindestens einem anderen Menschen geschieht. Interaktion mit mindestens einem anderen Menschen erfordert immer ein Stückchen Mut, ein Stückchen Selbstbewusstseins – wenigstens so viel, sich wirklich auf die Interaktion, ihren Fortgang, ihre möglichen Folgen, auf den/die jeweiligen anderen Menschen einzulassen. – Wie viel Mut, wie viel Selbstbewusstsein erforderlich ist, hängt auch von dem/den jeweiligen anderen Menschen ab, ob und in welcher Weise er/sie einem bereits bekannt sind, und natürlich auch vom jeweiligen Gegenstand bzw. Thema, der einen zu diesem/n Menschen führt und dem Kontext, in dem man sich begegnet und austauscht.

Sachlich, respektvoll, die eigene Position vertretend und gleichzeitig die Bereitschaft habend, andere Argumente gelten zu lassen – so zu diskutieren, hat viel mit Courage zu tun, mit Zivilcourage. – Zivilcourage fängt viel früher an, als das wohl die meisten Menschen wissen oder anerkennen.

Zivilcourage beginnt spätestens dann, wenn man etwas nicht gerecht oder falsch findet, man etwas dagegen tun will und dies vor anderen (öffentlich) tun muss, man dabei das Gefühl hat, im Nachteil oder unterlegen zu sein und der Erfolg des eigenen Einsatzes womöglich eher unsicher ist und man eher Nachteile als Vorteile zu erwarten hat.

Dieser letzte Aspekt und die Tatsache, dass Zivilcourage viel mehr im Kleinen beginnt als den meisten Menschen bewusst ist, auf der einen Seite, sowie unsere mittlerweile so sehr auf Individualismus, privaten Gewinn, Selbstfixiertheit sowie Stärke im Sinne von Macht und Unangreifbarkeit verkehrten gesellschaftlichen Wertkategorien auf der anderen Seite, bedingen meiner Auffassung nach eines der größten Verhängnisse im gegenwärtigen Zusammenleben von Menschen:

Das Verhängnis, viel zu selten und viel zu spät zivilcouragiert zu sein. – Es ist deshalb ein Verhängnis, weil mehr Zivilcourage, früher und „im Kleinen“ praktiziert, wenigstens tendenziell verhindern könnte, dass schließlich immer wieder die ganz große, die fast nicht mehr zu leistende, aufzubringende Zivilcourage verlangt wird.

Um es exemplarisch zu machen:

Wenn mehr Menschen frühzeitig den Mut, das Selbstbewusstsein und nicht zuletzt das Werteverständnis mit Blick auf sachliche, respektvolle Diskussion oder Auseinandersetzung miteinander aufbrächten bzw. aufbringen könnten, gäbe es viel weniger gewalttätige Konfrontationen, die dann häufig den beinahe lebensgefährdenden, zivilcouragierten Einsatz Einzelner erfordern.

Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, bemerke ich, dass viele der Politiker in unserem Land viel weniger zivilcouragiert agieren als sie uns glauben machen. –

Laut wikipedia (und ich unterschreibe die nachfolgende Definition sehr gern) gehört zu einem guten Diskussionsstil „neben wechselseitigem Respekt unter anderem, gegenteilige Argumente und Meinungen zuzulassen und genau zu prüfen, anstatt diese vorschnell zu verwerfen. Ein guter Diskutant hört zu, lässt ausreden und ist konzentriert genug, um auf das vom Gegenüber Gesagte einzugehen und seine eigenen Argumente sachlich darzustellen. Im Idealfall ist er gelassen und höflich.“

Wie viel bzw. wie wenig davon ist im politischen Alltag aller Ebenen in diesem Lande tatsächlich zu erleben?! Wahlkampfzeiten, wie die gerade bevorstehende sind in diesem Sinne immer besondere „Wahrsager“.

Ich habe vor Menschen, die immer wieder die Zivilcourage aufbringen, auch und vor allem in für sie nicht einfachen Kontexten in der Art des beschriebenen, guten Diskussionsstils zu sprechen, sich mit anderen Menschen auszutauschen, hohe Achtung und großen Respekt.

Und es gehört zu meinen immer wieder anzustrebenden großen Lebenszielen, solchen Menschen, so sehr es irgend geht, nachzueifern. – Ich weiß, dass das jene Art von Zivilcourage ist, die ich am ehesten, am realistischsten, am konsequentesten zu leben vermag.

Damit gestehe ich zugleich ein, dass jene Zivilcourage, die in der konkreten Situation einen noch ganz anderen Mut, schnelles Entscheiden und konsequentes Überwinden von gegebenenfalls sehr unmittelbarer eigener Angst erfordert, etwa dann, wenn es um gewalttätige Angriffe von Menschen gegen Menschen geht, für mich, ganz persönlich, ein sehr schwieriges Kapitel ist.

Mir ist, vor allem körperliche, Gewalt derart wesensfremd, dass sie immer eine große Angst in mir auslöst. Eine Angst, die sehr unfassend lähmend ist. Aus so einer Angst heraus agieren zu müssen (und ich müsste das im Zweifel tun, weil ich sie nicht zu überwinden vermöchte), macht extrem unsicher. Und solche Unsicherheit wird von gewaltbereiten, Gewalt ausübenden Menschen sehr leicht bemerkt und verschlechtert die eigene Position. Und das Bewusstwerden des Verschlechterns der eigenen Position, steigert die eigene Angst weiter. Ein Teufelskreis.

Nein, ich würde wohl nicht einfach zuschauen oder weglaufen, wenn ich Zeuge einer Gewalttat würde. Ich würde versuchen, Hilfe zu organisieren, professionelle Hilfe, Hilfe von und durch mehrere Menschen, die entsprechend ausgebildet oder halt insoweit einfach auch couragierter sind als ich. Würde diese Menschen dann auch im Rahmen dessen, was ich vermag, unterstützen. – Selbst, unmittelbar, allein einzugreifen, würde ich mich sehr wahrscheinlich aber nicht trauen.

Vielleicht sieht mancher das als ein Stück weit feige an. Vielleicht ist es das auch.
Andererseits scheint es mir wenig sinnvoll, bloß zum Märtyrer zu werden. Damit ist schließlich auch niemandem geholfen.

Aber das soll keine Ausrede sein. Ich habe zu bekennen, in punkto Zivilcourage meine Grenzen zu haben.

Umso mehr ist es mir wichtig, dort, wo ich für diesen Bereich meine Möglichkeiten und Stärken sehe, diese auch immer wieder einzusetzen, immer wieder auch für den Preis, dass mir das persönlich keine Vorteile bringt, oft vielmehr das Gegenteil. Aber diesen Preis kann, will, muss ich zahlen – ich bin bereit dazu.

Und so werde ich nie aufhören, für Zivilcourage schon „im Kleinen“ zu werben, mich bemühen sie vorzuleben, sie weiter zu vermitteln. (Wenn es nach mir ginge würde es ab der Grundschule ein Pflichtfach durch alle Klassenstufen hindurch an unseren Schulen geben. Dieses Fach würde: „Prinzipien demokratischer und respektvoller Zwischenmenschlichkeit“ oder „Schule für das leben“ oder so ähnlich heißen. Und es würde ein sehr praktisches und praxisbezogenes Fach sein, und es würde wenigstens zwei Wochenstunden umfassen …)

Und vor allem junge Leute, die in heutigen Zeiten, diese Bereitschaft auch entwickeln, zum Teil, sogar in bewundernswerter Weise schon verkörpern, den mittlerweile so vielen verkehrten, gelebten gesellschaftlichen Wertekategorien zum Trotz, die geben mir in diesem Sinne jeden Tag viel, viel Kraft – sie sind ein Teil personifizierten Sinns meines Lebens.

Einige meiner Blogfreundschaften hier zähle ich mittlerweile dazu …

„Sticky“ über Zwischenmenschlichkeit – mein ureigenes Verständnis vom Umgang mit Menschen (meine, bislang, kürzeste Sentenz)

Manchmal habe ich das Empfinden, dass Menschen glauben, sich an mir zu verbrennen oder, dass das gar tatsächlich passiert, obwohl ich alles andere als ein Feuer bin.

Das macht mich unsicher, macht mich traurig. Sehr traurig.

Denn ich will nicht, dass sich jemand an mir verbrennt, und ich will niemanden verbrennen.

Am wenigsten Menschen für die ich Sympathie empfinde, weil sie suchen, weil die denken, weil sie kritisch sind, zwischen denen und mir vielleicht schon etwas „Kennen“ und Vertrauen entstanden ist.

Ich möchte Menschen Wärme und Verständnis vermitteln, ihnen in diesem Sinne nahe sein, manchen Menschen sehr von Herzen, dennoch oder gerade deshalb, ohne ihnen ZU nahe zu kommen. Ich möchte zuhören, zu verstehen versuchen, mit meiner Meinung da sein, aufrichtig und respektvoll, wenn bzw. so lange das gewollt ist.

Jene Menschen dürfen, ja, sie sollen die Nähe und den Abstand, die bzw. der gewollt und/oder nötig sind, selbst bestimmen. Ich werde das uneingeschränkt respektieren.

Mit dem einen, dem einzigen Zugeständnis an mich: Dass auch ich sagen darf, wenn mir eine Nähe zu nah oder ein Abstand zu gering würde und dies in gleicher Weise respektiert wird.

Ich gebe meine Nähe, mein verstehen Wollen, meine Meinung gern. Ich verlange NICHTS dafür. Keine „Gegenleistung“.

Wer mir dennoch Gehör gewährt, mir Verständnis entgegen zu bringen versucht, mir ehrlich seine Meinung sagen mag, tut grundsätzlich mehr, viel mehr als ich erwarte, beschenkt mich.

Glück

Wahrscheinlich gehört das Thema „Glück“ zu jenen, über die in der Geschichte der Menschheit bereits mit am meisten nachgedacht, geschrieben, gestritten worden ist. –

Ungeachtet dessen bewegt mich die Frage nach dem Glück fortgesetzt selbst immer wieder und auf ganz eigene Weise. Und ich habe nun beschlossen, meinen gegenwärtigen „Gedankenstand“ zum Thema „Glück“ einmal zusammen zu fassen.

Ich habe kürzlich in einer Antwort auf eine entsprechende Frage einer Freundin die Frage nach dem, was Glück für mich ist, in nachfolgendem Sinne geschrieben:

Als Glück bezeichne ich für mich, wenn drei Dinge vorhanden bzw. gewährleistet sind:

1. unsere Welt, wie sie uns als Natur mit ihren vielfältigen Erscheinungsformen und Ressourcen gegeben ist, die Schöpfung als solche einschließlich ihrer verantwortungsvollen Nutzung durch uns Menschen im Sinne ihrer Bewahrung.

2. Mitmenschlichkeit im ureigensten Sinne, ein vom Verständnis und der Akzeptanz, dass kein Mensch mehr oder weniger wert ist als ein anderer, geprägter, respekt- und friedvoller Umgang der Menschen mit- und untereinander.

3. Unbeschränkter Zugang zu Bildung für alle Menschen

Wüsste ich diese drei Momente gewahrt, wäre ich vollkommen glücklich.

Und ich bin überzeugt davon, dass es nur genau diese drei Momente braucht, NICHTS MEHR, für glückliches Leben. Denn bei Beachtung, Gewährleistung „nur“ dieser drei Momente würde die Existenz unserer Welt als solcher nie (durch Menschenhandeln) in Frage gestellt sein.

Dennoch wäre durch den Bildungsfortschritt fortschreitende Entwicklung gewährleistet. Freilich nicht im Sinne des in unserer Realität allgegenwärtigen Strebens nach „ungebremsten“ Wachstum und Konsum. Denn dieses Streben widerspricht dem Grundsatz der Bewahrung der Schöpfung UND dem der Mitmenschlichkeit.

Die Gefahr von überbordendem Egoismus, von Gier, von Hunger und Kriegen gar, bestünde nicht, denn Mitmenschlichkeit im ureigensten Sinne, lässt keinen Raum für so etwas.

Ich gebe zu, dass ich von so einer Welt immer noch träume, sie mir wünsche, für eine solche Welt lebe.

Ich/Es „bräuchte“ keine zusätzlichen Glücksmomente, wie sie viele Menschen sich heute immer wieder wünschen oder erträumen, etwa in Gestalt eines Lottogewinns. –

Dennoch gäbe es ja ungeachtet des an sich schon „vollkommenen Glücks“ immer noch die Möglichkeit besonderen, momentanen oder sozusagen „zusätzlichen“ Glückserlebens, etwa, wenn im Verhältnis zu einigen Menschen besondere, wahrhaft freundschaftliche oder gar liebende Beziehungen entstehen und fortwähren. Oder ich in meiner Arbeit Erfolge erziele, für die es, das Bestehen der drei grundlegenden, eigentlichen Momente meines Glücks vorausgesetzt, viel größere Chancen gäbe, als in der bestehenden, mich umgebenden Realität.

Die einzigen Kontramomente des von mir bestimmten vollkommenen Glücks wären Krankheit und (natürlicher) Tod. Zwar wären diese Momente durch Mitmenschlichkeit und fortschreitendes Wissen (durch Bildung) milderbar, aber eben nicht auszuschließen. Sie gehören zum Leben, das eben nicht NUR aus Glück besteht, so „vollkommen glücklich“ es GRUNDSÄTZLICH auch wäre.

Auch an sich oder grundsätzlich vollkommen glückliches Leben, wäre kein endloses Leben. Und es wäre eben auch durch Strecken der Mühe, der Entbehrung, des Schmerzes, des Kampfes geprägt und gekennzeichnet. Das Leben würde VIELFÄLTIG bleiben, es würde kein „Paradies“, nur weil es meinen drei Grundätzen vollkommenen Glücks entsprechend gelebt würde. Denn es würde immer noch ein MENSCHLICHES Leben sein und bleiben. Und wir Menschen sind nicht vollkommen, und wir werden es nie sein.

Aber wir könnten es uns leichter machen miteinander, und wir könnten zufriedener sein. Und es könnte viel, viel weniger Leid geben, wenn die genannten drei Grundsätze wirklich umfassend von uns bedacht, akzeptiert und gelebt würden.

Wir würden womöglich, ja sicher (unserer eigenen, bleibenden Unvollkommenheit geschuldet), vollkommenes Glück nie erreichen, aber wir würden ihm näher und näher kommen, es Schritt für Schritt grundsätzlicher machen, und wir würden dieses näher Kommen und grundsätzlicher Werden unseres Glückes spüren können.

Und das würde uns glücklicher machen.

Wie schon gesagt, ich träume von so einer Welt mit solchen Menschen, die die Gewähr, mindestens jedoch eine größer werdende Chance bieten, grundsätzlich glücklicher zu werden.

Angesichts der realen Entwicklungen, die fortschreiten und nach meinem Empfinden sehr häufig und umfassend genau in die gegensätzliche Richtung, die Bewahrung der Schöpfung wider besseren Wissens weiter missachtend (wenn ich exemplarisch nur an die „Ergebnisse“ der letzten Klimagipfel denke), Mitmenschlichkeit bewusst negierend und den Ausschluss von gleichberechtigter, umfassender Bildung, ja sogar Bildung überhaupt für Millionen von Menschen nach wie vor hinnehmend, verlaufen, bin ich allerdings beständig sehr unglücklich.

Ich werde aber nicht akzeptieren, dass meine Auffassung, meine Vorstellung von einer glücklicheren Welt, so wie ich sie mir wünsche, so wie ich sie in den genannten drei Momenten sehe, nur als Utopie als „esoterische“ Vision in meiner Seele gefangen bleibt oder von anderen entsprechend gesehen oder gar belächelt wird. –

Dafür erscheint mir meine Auffassung viel zu plausibel, zu einfach, zu logisch und folgerichtig! Sie ist MACHBAR, realisierbar, sie MUSS realisierbar sein, weil sonst nicht nur das Glück, sondern die Existenz der Menschheit durch menschliches Handeln, durch das Versagen der Menschheit in Frage steht.

Deshalb werde ich meine Vorstellung von Glück immer wieder und immer weitersagen und bemüht sein, selbst, so gut ich es vermag, ihr entsprechend zu leben.

Mit letzterem habe ich längst begonnen – ersteres betreffend habe ich hier und heute einen neuen Anfang gemacht.