Sammelsurium -126- (Ein Schnipsel)

Schnipsel (23)

Durch die Straßen der großen Stadt fließen die Lichter. Leuchtende Adern einer Magie, die Augen der Sehnsucht glitzern machen. Wie oft habe ich mich in sie hineingeträumt? Und ein Frei sein gefühlt, das niemanden bedrängte.

Die schönste einsame Freiheit, die mein Leben gekannt hat. Weil sie keinen Reichtum verhieß, aber das Herz weit und reich machte. Immer wieder aufs Neue.

Ich brauchte nur ein Fenster öffnen, ein reales oder eins meiner Seele. Und das tat ich oft, ohne je traurig dabei zu werden. Ich sah in den Lichtermeeren glückliche Menschen. Niemanden, der einem anderen weh tat. Niemanden, der dem anderen etwas neidete.

Es war nicht schlimm, dass ich keinen von ihnen kannte. Die Lichter waren da, die strahlenden, vibrierenden Linien der Straßen, die angestrahlten Häuserfassaden, die vielen funkelnden Punkte auf und über ihnen. Menschen und Sterne.

Ich war ein Junge im Teenageralter als ich all das sah und ich lebte in einem Land, das heute für ein dunkles, graues gilt, ein kaltes, graues Gefängnis.

Heute lebe ich in und mit den Lichtern. Und ich habe erfahren, dass es die schöne einsame Freiheit in ihnen gar nicht gibt. Dafür Leid und Neid. Und Glück nur als Maskerade einiger Weniger, die nicht imstande sind zu empfinden, was wahrhaftes Glück ist.

Ist es bizarr oder ist es logisch, dass ich die Freiheit, die nichts forderte und niemanden beeinträchtigte, nur aus jenem grauen, dunklen Land herausschauend sehen, wahrnehmen und spüren konnte? Kann es sein, dass da, wo immer Licht ist, das Helle erst unsichtbar wird und dann verschwindet, die Menschen aber geblendet bleiben?

Jetzt, wo meine Teenagerjahre eine immer ferner werdende Erinnerung sind, sehe ich so unendlich viele Geblendete, die den fließenden Lichterströmen folgen und letztlich gar nichts anderes mehr tun.

Nein, ich wünsche mir dennoch das graue, dunkle, kleine Land nicht zurück. Nicht nur, weil ich im Lauf der Zeiten verstanden habe, dass mein damaliges Freiheitsempfinden aus großer Naivität geboren war, zu der man in jenem Land wohl erzogen wurde.

Aber  wahrnehmen, spüren und fühlen würde ich sie nur allzu gern noch einmal, und sei es ein einziges Mal nur noch, diese schönste einsame Freiheit meines Lebens.

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Zu ihr komme ich immer wieder zurück. Zu der kanadischen Sängerin und Songschreiberin Flower Face, von der ich wohl schon zwei oder drei Lieder hier geteilt habe. Sie und ihre Musik, die Texte ihrer Lieder und deren Atmosphäre faszinieren und begeistern mich immer aufs Neue. Wieder einmal ein besonders schönes Werk ist ihr aktuell neuestes:

Flower Face – „Pisces Moon“

Sammelsurium -125- (Sechs Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Die gegenwärtigen Zeiten lassen mein Gedankenkarussell immer und immer schneller kreisen. Einiges dessen, was ich dabei erdacht habe, ist wieder in kleine Notate geflossen, die ich nun meinem Tagebuch und jenen, die darin mitlesen, anvertraue:

Letztlich wird und  ist man doch immer von Menschen enttäuscht. Eine andere Art der Enttäuschung gibt es gar nicht.

*

Schuld von Einem ist die Absolution für alle Anderen. Es sei denn, von diesen Anderen hat da noch jemand Fragen oder gar eine abweichende Meinung. Der ist dann auch schuld. So einfach ist das.

*

Man kann an den eigenen Tränen ertrinken. Vor allem, wenn es immer wieder viele sind und man sie überwiegend nach innen rinnen lassen muss.

*

Das neueste, das aktuellste Problem ist heutzutage jeweils immer das einzige. Was die anderen betrifft, sorgen vor allem die Medien, aber auch wir selbst regelmäßig für kollektives Verdrängen und Vergessen. Das ist freilich ein ganz fatales Verständnis von Selbstfürsorge.

*

Was macht am Ende den Wert des Daseins von einem aus, der mutmaßlich nie gewusst hat, was im Leben „richtig“ ist?

*

Wenn nur erst ein Schuldiger gefunden ist! Dann braucht es weder Reflexion noch Eingeständnis von eigenen Fehlern, eigenem Versagen und unzureichendem eigenen Verantwortungsbewusstsein in der Vergangenheit.

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Schnipsel (22)

Längst hatte sie ihr Buch geschlossen und neben sich auf die Bank gelegt. Sie bemerkte kaum noch, wie der Wind sanft über ihre Haut strich und die letzten Sonnenstrahlen des Tages noch ein bisschen Wärme und Farbe in ihr junges Gesicht zu malen versuchten.

Ihr Blick war nun schon lange in eine unbestimmbare Ferne gerichtet. Und in ihren Augen glitzerte etwas von jenem Wasser, dessen Quellen  die Leere am Ende wiederkehrender Alltage, die Einsamkeit nach fruchtlosen Auseinandersetzungen, die Sehnsucht nach dem Erfahren des Zerbrechens aller Träume und die Trauer, die mit Verlorengehen von Geliebtem und Gewünschten und schließlich von sich selbst einhergeht, sind.

Nie war sie ratloser und verzweifelter gewesen, nie so sehr in Ohnmacht. Und nie war ihr aller Sinn so umfassend abhandengekommen, wie am Ende dieses Tages.

Der Gedanke, dass auch ein junges Leben, an jedem Tag sein Ende finden kann, war ihr noch nie so nah, so bewusst und so selbstverständlich gewesen.

Viele Minuten waren wohl so verstrichen, als irgendwann das Geräusch sich verlangsamender kurzer Schritte in ihr Bewusstsein drang. Schritte eines kleinen Mädchens mit einem Rucksack, die soeben verklangen, weil das Mädchen sich auf den Boden vor seinen Rucksack gekauert hatte, um ihm zwei Äpfel zu entnehmen. Den größeren, schöneren hielt sie ihr, aus deren Augen sich gerade zwei Tränen gelöst hatten, hin und mit einem schüchternen, aber strahlenden Lächeln sagte es: „Bitte, der ist für dich. Damit du nicht mehr so traurig bist.“

Sie wischte etwas unbeholfen die beiden Tränen weg und schaute das kleine Mädchen etwas ungläubig an. Aber sie wusste in diesem Augenblick, dass, wenn alles nichts mehr galt, nichts mehr wert war und sinnlos schien, immer noch grundehrliche Aufrichtigkeit aus dem spontanen Lächeln eines Kindes geboren werden würde. – Vielleicht war dies die einzige Aufrichtigkeit.

Und so lächelte sie zurück und dankte der Kleinen. Für die beiden Geschenke …

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Silly Boy Blue alias Ana Benabdelkarim ist 26 Jahre alt. Sie wurde 1996 in der Stadt Nantes in Frankreich geboren. Ana widmet sich dem Schreiben ihrer eigenen Songs, nachdem sie sich im Alter von 19 Jahren seine Sporen als Sängerin, Keyboarderin und Bassistin bei der Band „Pegase“ verdient hatte.

Ihr Künstlername „Silly Boy Blue“ geht auf den Song „Silly Boy Blue“ von David Bowie zurück. Seit ihrer Kindheit hört Ana Benabdelkarim David Bowie-Songs.

Silly Boy Blue ließ ihrer Debüt-EP „But You Will“ im Jahr 2018 eine Reihe Hits im Jahr 2020 folgen, mit denen sie ihren ätherischen Indie-Pop-Sound weiter pflegte und entwickelte.

Das Stück „The Fight“ stammt von ihrer Debüt-EP:

Silly Boy Blue – „The Fight“

Sammelsurium -124- (Zehn Sprüchlein und ein Lied)

Manchmal schreibt das Leben nicht nur Geschichten, sondern auch Sinnsprüche. Oder Geschichten mit Sinnsprüchen.

Während der etwas ruhigeren Tage zwischen den Jahren habe ich einen spontanen und keinem bestimmten Weg folgenden Streifzug durch mein Blogtagebuch unternommen. Es wurde eine einigermaßen lange und ziemlich emotionale Reise daraus.

Ich habe viele sehr inhaltsreiche, emotionale und Emotionen hervorrufende Einträge gefunden, die mich in Zeiten und Empfindungszustände zurückgeführt haben, so, dass ich sie erneut als ganz, ganz nah und unmittelbar empfunden habe. Tendenziell habe ich ungeachtet aller immer auch dagewesenen dunklen Phasen, Abschnitte und Gefühle immer wieder schön geschrieben. Viel mehr und öfter, als ich das zuletzt getan habe und heute tue. Schön meint dabei nicht inhaltsleer, viel mehr: schön zu lesen.

Ich glaube, dass ich nicht anders kann, als aus Stimmungen herauszuschreiben. Jedes Bild ist von Stimmungen inspiriert, spiegelt Stimmungen wider, vermittelt Stimmungen und lässt beim Betrachter Stimmungen entstehen. Mit Texten und Versen ist es wohl ebenso.

So sind all meine kleinen Geschichten, Essays, Skizzen und Gedichte aus Stimmungen des Lebens heraus geschrieben. Und manches darin ist, wie ich auf meinem Streifzug gefunden habe, tatsächlich zu ein bisschen „aphoristischen“  Aussagen bzw. Gedanken geworden, ohne, dass das beabsichtigt war, einfach während des Schreibflusses entstanden.

Ein paar Bespiele dafür, die mich meistens während des Lesens nun selbst überrascht haben, habe ich im heutigen „Sammelsurium“ einmal in loser Folge zusammengestellt:

Schönheit aus Irrtum kann … tatsächlich zur letzten Phase der Geschichte der Schönheit werden. (17.06.2018)

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Nichts ist für die Ewigkeit, manches nicht einmal für eine ganz kleine. (14.06.2018)

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… die Wahrheit, dass auf einen menschlichen Sommer, sei er gewesen, wie er war, heiß oder kalt, sonnig oder wolkenreich, kein zweiter folgen wird, ist unabänderlich. (30.08.2016)

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Jeder reist, doch jede Reise ist eine andere. Mensch, Ausstattung, Mittel, Weg, Ziel – nichts ist gleich. Nur Anfang und Ende sind es, Geburt und Tod. (11.08.2016)

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Wenn die eigene Haut dünn wird, dann braucht es eine andere, eine zweite. (13.11.2019)

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Wer intensiv, sich bewusst Zeit nehmend, mit einer gewissen Tiefe schreiben möchte, muss ein bisschen einsam sein. (29.07.2015)

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Ich vermag es nicht, einfach so vor mich hin zu leben. Unter anderem deshalb hat und ist Schreiben für mich Lebenssinn. (23.07.2015)

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Ein Mensch muss anderes hinterlassen haben als seinen Grabstein. Sonst ist er unweigerlich früher oder später vergessen. So, als ob es ihn nie gegeben, er nie gelebt hätte auf Erden. (24.03.2020)

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Solange aber der Planet am Leben ist, werden auch die Jahreszeiten da sein, und wie er, eine Einladung an die Menschen, jede mit ihrer eigenen Botschaft. Immer und immer wieder. Ob Frieden ist oder Krieg, ob Gier beherrschend ist oder Demut. Ob frohe Gemeinschaft lebt oder Agonie fortschreitet. (20.03.2020)

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Schuld sind allein Menschen. Menschen mit Bewusstsein. – Wirkliche Schuld ist bewusste Schuld. Bewusste Schuld bleibt und wird nicht unbewusster, wenn sie verdrängt wird. Schon gar nicht, wenn auch das bewusst geschieht.

Schuld ist eine allein und rein „menschliche“ Kategorie, eine allein menschliche Eigenschaft. So wie Hass, wie Geiz, wie Gier und Neid. Wo diese Eigenschaften sind, kann keine Unendlichkeit sein. Wo sie sind, ist kein Platz für irgendetwas anderes. (16.03.2020)

*

Alex Mayr ist eine deutsche Sängerin und Songschreiberin.  1985 in Niedersachsen, nahe Bremen, geboren, lernte sie bereits mit sieben Jahren Geige spielen. Später studierte sie Popdesign. Heute gilt sie als Multiinstrumentalistin, deren Lieder, die, jedes für sich, ihren ganz eigenen, von Vielfalt geprägten Musikstil spiegeln, von sehr bildhaften, ehrlichen, bisweilen auch auf besondere Art speziellen Texten begleitet werden. Bisher sind zwei Alben von ihr erschienen, das Lied „Ausgang“, das ich heute hier teile, und das am Ende gar eine kleine Rap-Passage enthält, beschließt das zweite Album, das den Titel „Park“ trägt:

Alex Mayr & Maeckes – „Ausgang“

Sammelsurium -123- (Sechs Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Mit etwas Erstaunen habe ich bemerkt, dass dieses hier erst das vierte „Sammelsurium“ ist, das ich in diesem Jahr in mein Blogtagebuch schreibe.

Was ist das für ein Jahr, das selbst die kleinen Sentenzen verschluckt, die ich doch immer in meinem Kopf trage, die schnell geborenen Gedanken, die ich weiterdenken möchte, die kurzen Texte, die aus der Situation heraus entstehen? Was ist das für eine Zeit, die mich so ruhelos sein lässt, dass ich am Ende selbst der Wind bin, der das zerstäubt, was ich doch gern geschrieben festhalten möchte?

Immerhin: Hier und heute sind wieder ein paar Sprüchlein aus der Werkstatt, die den Orbit meiner Gedanken pflastert, und auch eine kleine Episode, die erst heute geschah:

Die viel lesen werden nur von jenen verstanden, die viel lesen.

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Von Geschlechterrollen zu sprechen ist Grundform und Ausdruck von Diskriminierung.

*

Wahre Schönheit ist nicht an das oder die Moderne gebunden. Ihre Eigenschaft steht über aller Zeit und über jedem Urteil. Und sie ist ausschließlich durch Fühlen erkenn- und erfahrbar.

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Der Hohlraum der Dummheit ist und bleibt größer als der aller Bücherschränke zusammengenommen.

*

Eine Farbe mag bezogen auf einen Menschen ein Adjektiv sein, niemals aber ein Eigenschaftswort.

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Eine Zeit, in der zeitlose Schönheit verkannt, geopfert oder vergessen wird, führt in eine düstere und arme Zukunft. Fatalerweise unbemerkt und ignoriert von jenen, die verkennen, opfern, vergessen, die freilich ach so viele sind …

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Schnipsel (21)

Sie ist stiller als sonst. Und ihr gelingt nicht mehr alles, so, wie es ihre Umwelt gewohnt ist von ihr. Sie verlässt Räume öfter und scheinbar unvermittelt, die sie sonst nicht verlassen hat. Sie kann nicht anders.

Sie, die obwohl so jung an Jahren, immer so organisiert die Tage ihres Lebens angeht und meistert, die sich engagiert und motiviert ist, die so gern lacht und immer einen Blick für andere Menschen hat, immer wieder auch für jene, denen es nicht so gut geht.

Sie, deren Interessen vielfältig sind und deren Sprache in geschriebenen Lettern eine so schöne ist, wie nur ganz wenige Menschen ihres jungen Alters sie ihr Eigen nennen können.

Ja, sie ist stiller als gewöhnlich, scheint manchmal nicht dort zu sein, wo sie gerade steht oder sitzt. Es fällt ihr plötzlich schwer, sich zu konzentrieren und ihr unterlaufen Fehler, die so wirken, als wären sie nicht ihr unterlaufen.

Als ich sie heute vorsichtig ansprach, dass es ihr doch wohl gerade nicht so gut gehe, nickte sie und sprach leise: „Ja, das stimmt.“ Ich sagte ihr, dass ich das irgendwie gespürt habe, während der letzten Tage. Denn wir sehen uns jeden Tag, haben miteinander zu tun, meistens mehrere Stunden lang. In der Schule, wo sie eine Schülerin der Klasse ist, deren Lehrer ich bin.

Aus meinem Empfinden geboren, eine Frage in ihren Augen geschrieben stehen zu sehen, sagte ich, dass ich da wäre, um zuzuhören, wenn sie das möchte, da wäre, dem, was ihr die Zeit gerade so schwer mache, Beachtung zu schenken, besonders rücksichtsvoll zu sein und all dies vertraulich zu tun.

Sie schaute mich an, ihre Augen wurden größer, währenddessen das Fragezeichen aus ihrem Blick verschwand, und ich hörte nach einer kleinen Pause ein leises „Dankeschön“ aus ihrem Mund, das wie ein Seufzer klang, ein Seufzer der Erleichterung. Ein Seufzer, der mehr sagte, als jede Antwort hätte sagen können auf jede weitere Frage.

Und so fragte ich nicht weiter. Und es war in Ordnung so.

Für heute war alles gesagt.

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„Die Veröffentlichung des Albums „See How The Light Falls“ der Künstlerin Big Fox war ursprünglich für Mai 2018 angedacht. Wenige Wochen vor diesem Termin erhielt die Sängerin Charlotta Perers jedoch eine Krebsdiagnose, woraufhin die musikalische Aktivität zweitrangig und die Veröffentlichung auf unbestimmte Zeit zurückgehalten wurde. …

Charlotta hat die Krankheit mittlerweile glücklicherweise besiegen können und sich dazu entschlossen, ihr Album im März 2020 herauszubringen. …

‚See How the Light Falls‘ zeigt eine musikalische Weiterentwicklung Charlotta Perers‘, welche stimmlich im Kosmos von Cat Power anzusiedeln ist. Der in Schweden sehr renommierte Produzent Tom Malmros … hat Big Fox geholfen, aus der Schublade des charmanten Frauenpop zu entwachsen.“  (Quelle: https://backseat-pr.de/artists/big-fox)

Hier ein besonders schönes Lied aus dem Album:

Big Fox – „Beast“

Sammelsurium -122- (Fünf Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Meine Liste und Sammlung aus dem eigenen Gedankenwirrwarr geronnener Sinnsprüche erweitert sich beständig. Auch für den Beginn dieses Sammelsuriums habe ich wieder ein paar herausgesucht:

Für so viele, die sich einmal aufgemacht haben, erweist sich kein Weg als langwieriger und schwieriger als der zu sich selbst.

*

Wenn still zu feiern immer weniger gesellschaftsfähig wird, zeugt das von einer Veränderung in der gesellschaftlichen Kultur, die im Mindesten nachdenklich machen sollte.

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Soziale Medien sind so wenig sozial, wie die sozialen Wesen, die sie bevölkern. Sie werden nur „so genannt“, was geflissentlich aber von niemandem erwähnt wird.

*

Abendgedanken, die davon sprechen, wieder einen Tag überstanden zu haben, beschreiben letztlich ein Stück verlorenes Leben.

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Influencer sind die Ideologen der Gegenwart: Nicht weniger hinterfragenswürdig als jene, vergangener Zeiten und Gesellschaften. Im Gegenteil, seitdem mit dem Influencen unmittelbar Geld verdient werden kann …

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Schnipsel (20)

Vom einem letzten Sieg der Liebe

Es geht ihm nicht um Sex, es geht ihm um Geborgenheit, ein Streicheln, eine Umarmung darum, sich aneinander anlehnen zu können, eine immer noch geliebte Hand zu halten. Aber es ist wohl so, dass er das nicht mehr verdient hat. Wenn sonst nichts ist, dann eben auch keine noch so kleine körperliche Geste mehr. Dann eben gar nichts.

Dass kein Sex mehr ist, schon viele, viele Jahre nicht mehr, schreibt sie ihm zu. Ein bisschen akzeptiert er das sogar.

Es gab eine Zeit, wo sehr viel passierte, Dramatisches, zwischen Leben und Tod des Kindes, dass sie sich wünschten. Das Kind wurde schließlich doch noch gesund auf die Welt geholt. Es vergingen Monate und Jahre und er war und blieb überfordert mit dem was und wie es geschehen war. Sie blieben uneinig darüber, wie es weitergehen sollte. Dass das so war, so blieb, schreibt sie auch ihm zu. Vielleicht ist das sogar richtig so.

Er war nur unsagbar erleichtert und froh, dass es gut ausgegangen war seinerzeit, empfand es als das größte Geschenk und schließlich wollte er damit zufrieden sein. Sie aber war es nicht.

Aber sie sprach nicht darüber, bis es dann irgendwann als Vorwurf aus ihr herausbrach. ER habe entschieden.

So war, so ist, die „Strafe“ wohl nur gerecht.

Leben an der Seite von geliebten Menschen und bestraft zu sein und zu bleiben, ist nicht leicht. Unter Fremden zu leben, ohne je ein bisschen körperliche Nähe zu bekommen, mag schon schwer sein, unter geliebten Menschen ist es wie eine seelische Folter. – Es aushalten zu müssen ist ein großer zusätzlicher Kampf, je länger, desto härter, je aussichtsloser, desto entmutigender. Für ihn, der so sehr, wohl so „besonders“ für einen Mann, Gefühlsmensch ist.

Ob es für sie auch so ist? Er kann es sich nicht vorstellen.

Er zeigt ihr, dass er da ist, immer noch, zum Anlehnen, zum Zuhören und Umarmen, zum Streicheln. – Alles, was sie ihm zeigt, ist, dass es ihr egal ist, ihr wohl nichts mehr bedeutet. Es ist nicht das, was sie wollte. Und ER hat ja entschieden.

Sie ist alle zwei, drei Wochen fort, für ein Wochenende. Seit ein paar Jahren schon. Zuerst fuhr sie nur sporadisch, jetzt regelmäßig. Früher hatte es mit Arbeit zu tun, heute spricht sie nicht mehr darüber. Er mag ihr nichts unterstellen und er hat für sich beschlossen, auch kein Recht dazu zu haben.

Er selbst war ihr immer treu, ist ihr immer treu. Unter allen Gegebenheiten und Bedingungen, auch denen, die er seit einigen Jahren wie seelische Folter empfindet. Er kann nicht anders.

Es ging und geht ihm nicht um Sex. Es ging und geht ihm immer nur um Liebe.

Glücklich geworden ist er so nicht. Und er wird es auch nicht mehr werden können.

Für die Liebe lebt er dennoch weiter. Und je weniger er selbst bekommt, desto mehr möchte er sie Anderen nahebringen. Ohne jede Bedingung. Solange seine Kraft, die der Alltag ihm lässt, noch reicht …

Das ist der Sinn seines Lebens, dessen, was (als) Leben für ihn geblieben ist.

***

Wieder einmal habe ich eine Künstlerin „entdeckt“. Ich hörte ein Lied von ihr und war augenblicklich fasziniert. Von der Stimme, von der Melodie, von der Atmosphäre, die Musik und Arrangement für mich erlebbar werden ließen. Auf der Webseite der in Berlin lebenden, deutschen Sängerin und Songschreiberin Ava Vegas (so ihr Künstlername), die eine sehr interessante Biografie hat, heißt es unter anderem:

“ … in den Liedern von Ava Vegas (fliegt) etwas Herrliches durch die Nacht, etwas Glänzendes, sichtbar in einem glitzernden Licht, das sich in Pailletten spiegelt, zugleich umhüllt von einer unausweichlichen Dunkelheit. Hart, weich, frohlockend, zu Tode traurig. Die Musik ist wie eine Aufzeichnung jenes Zustandes, in dem man erkennt, dass die Welt, nach der man sich sehnt, nicht existieren kann. Verliebt, verlassen, ekstatisch, traurig. Und doch kann diese Welt existieren. Es klingt und hallt in der Musik von Ava Vegas wider …“

Diese Zeilen könnten aus mir geschrieben sein, wenn ich denn Lieder schreiben könnte. Ava Vegas kann das. Und das ist jenes Lied, das ich von ihr hörte, eine Single von ihrem Ende 2020 erschienen ersten Album:

Ava Vegas – „Hold on to your stars“

Sammelsurium -121- (Sechs Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Es ist ein bisschen her, seit ich aus dem Alltag, meinem Erleben und Empfinden geronnene Gedanken als  Aphorismen in mein Tagebuch geschrieben habe. Nun haben sich wieder ein paar angesammelt und dazu noch eine kleine Philosophie, über den, der unser aller Lebensraum ist, buchstäblich. Über den Tag … :

Wohlstand und Missgunst sind direkt proportional wachsende Verwandte. Egal, wie man es dreht.

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Letztlich ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, was einmal versäumt wurde, für immer versäumt. Das erscheint nur deshalb so unglaubhaft, weil es so selten eingestanden wird.

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So vieles, was gar nicht real ist, ist so schrecklich wirklich.

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Die „Weisheit“, wonach ein jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, ist vor allem eins: zynisch.

*

Schließlich sind es der einzige Auftrag und die einzige Herausforderung eines jeden menschlichen Lebens auf dieser Welt, man selbst zu werden, zu sein und zu bleiben, zum Nutzen nicht nur für sich selbst und vor allem, ohne einem anderen menschlichen Leben Schaden zuzufügen.

*

Es  ist erbarmungslos wahr, aber es sind vor allem Enttäuschung und Frustration, Entbehrung und Leid, die den Menschen tief zu sich selbst führen, ihn sich seiner selbst bewusst werden lassen. Mit allen nur erdenklichen Folgen …

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Schnipsel (19)

Tag

Ich lebe in dir, während du an mir vorbeiziehst. Du bleibst bei mir, wenn du längst schon wieder gegangen bist.

Lässt Spuren zurück, die Gedanken werden und Emotionen, die Worte suchen, Lieder und Bilder und Menschen, die mich der werden und sein lassen, der ich morgen bin, wenn ich wieder in dir lebe, dir, einzige Dimension, in der ich leben darf und kann und muss.

So ungleich du bist, so ähnlich bist du dir. Gestern, heute, morgen. Monotonie des Abwechslungsreichtums, sich wandelndes Stereotyp. Mit allem, was dich einschließt und allem was du umfasst.

Du bist so selten, was du bist, viel mehr und öfter das, was andere aus dir machen. Auch für mich.

Ob ich das will oder nicht.

***

Da hörte ich doch zuletzt einen Grönemeyer, wie ich ihn bis dato nicht kannte. Und vernahm sogleich, dass sich an eben diesem Lied so manche Geister schieden.

Ja, es ist ein anderer Grönemeyer, auch als der, den ich so kenne. Und ich bin wirklich kein Tänzer, aber dieser Tango (!)  hat mich irgendwie verzaubert. Und den Text finde ich, so trivial er „aufs erste Ohr“ daherzukommen scheint, dann doch wieder intelligent. Und das Video …, ach, das mag sich ein jeder selbst ansehen.

Für mich jedenfalls ist es, auf ganz eigenartige und eigensinnige Weise, ein besonderes Lied. Und darum teile ich es hier:

Herbert Grönemeyer – „Der Held“

Sammelsurium -120- (Sieben Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Meine heutige „Sprücherunde“, die wie immer eine Einladung zum Lesen, Diskutieren, Zustimmen oder auch Widersprechen sein möchte, ist insoweit eine Premiere, als alle meine Aphorismen sich diesmal mit einem Thema befassen, in diesem Fall dem Thema „Tränen“. Auch der anschließende kleine Beitrag aus meiner Reihe „Schnipsel“, der durch eigenes Erfahren inspiriert entstanden ist, greift dieses Thema auf. Hier aber zunächst einmal die Sprüchlein:

Der innerlich weint, weint ohne jede Scham. Denn da ist nur er selbst. Und wie zerbrechlich auch immer, ist er sich doch der letzte Freund. Für Tränen vor einem Freund aber schämt man sich nicht.

*

Salz, das süß ist? – Das der Freudentränen!

*

Keine Tränen (mehr) zu haben, bedeutet nicht, ausgetrocknet zu sein.

*

So oft sind es gerade die wunderschönen Bilder, Texte und Klänge, die, wenn sie auf die Sehnsucht eines Menschen treffen, zu Tränen werden.

*

Keine Träne ist vergossen. Das ist einfach nicht wahr.

*

Auch wo Tränen rinnen, ist ein Flussbett und sind also auch zwei Ufer.

*

Die still geweinten Tränen, sind die, die am lautesten rufen.

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Schnipsel (18)

Sie reisten nun alle wieder an ihm vorbei: der Fluss, die Berge, die Wiesen und die Wälder. Blieben hinter ihm zurück, während er aus dem Fenster schauend, im Zug saß, der ihn dorthin zurückfuhr, von  wo er vor ein paar Wochen hierhergekommen war.

Immer wieder war es so gewesen, Jahr um Jahr. Und immer wieder war er traurig und voller Sehnsucht gewesen, noch im letzten Augenblick der Gegenwärtigkeit des Wassers und der Höhen, der Düfte und der Melodien, und dies Fühlen blieb als aus der Gegenwart Erinnerung wurde und verging nie wieder ganz.

Aber immer war da dennoch Hoffnung gewesen, die auf Vertrauen wachsen konnte, dass er wiederkommen würde. Und dann kam er auch immer wieder.

Beim letzten Mal aber war da nichts mehr, worauf sich Vertrauen bauen ließe. Und obwohl er noch nicht wissen konnte, das dieses Mal tatsächlich das letzte sein würde, rannen ihm das erste Mal Tränen über das Gesicht, während der Zug seine Reise begann.

Und nun weiß er: Wenn zum Abschied Tränen rinnen, verlässt man ein Stück Heimat. Fluss, Berg, Wald, Mensch. Manchmal für immer.

***

Es ist still und stiller geworden um Birdy, jene englische Sängerin mit der besonderen klaren und eindringlichen und zugleich sanften und schwebenden Stimme, die vor Jahren, selbst gerade einmal 15, 16, 17 Jahre jung, mit Liedern wie „Skinny Love“, „People help the People“ oder „Wings“ lange und weit oben in den Charts platziert war.

Heute ist sie 24 und singt mindestens ebenso schöne, wenn nicht noch schönere Lieder, und wird doch nur noch vergleichsweise wenig gehört. Ein Beispiel ist ihr neuester Titel, mit einem Text, in dem ich mich sehr wiederfinde und einer sehr schönen Melodie. Und Birdy singt zauberhaft:

Birdy  – „Surrender“

Sammelsurium -119- (Vier Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Ich öffne diese Seite meines Tagebuchs für ein Vorweihnachtsabendsammelsurium. Sprüchlein finden sich darin, wie in vielen meiner Sammelsurien, ein Schnipsel, zu dem meine Inspiration denn doch dem gegebenen Anlass entsprang und, wie immer, ein Lied:

Die besten Ideen kommen immer dann, wenn Stift und Papier am weitesten entfernt sind.

*

Das Besondere und Wesen der Nächstenliebe sind, dem nächsten Menschen, der uns begegnet, ohne Ansehen seiner Person, Liebe zu schenken. Denn dem, der uns nahe steht, schenken wir sowieso und immer davon.

*

Im Leben geht es immer wieder und immer mehr ums Verkaufen. So mancher verkauft im Zeitenlauf gar nach und nach sein Leben. Schlimm, wenn er das nicht einmal bemerkt. Tragisch aber, wenn er erkennt, dass es längst ausverkauft ist, ohne dass sein Ende schon gekommen wäre.

*

Wenn es um Inspiration geht, ist ein aufgeräumter Schreibtisch eher hinderlich.

*

Schnipsel (17)

“ …“

Die Zeit der Weihnacht und der sich anschließenden Raunächte ist  für mich mehr denn alle andere Zeiten des Jahres, Zeit tiefer und intensiver Gedankenreisen. Sie ist es, weil sie am wenigsten vom Alltag gestört wird. Und sie ist es, weil sie mich am stärksten die Gedanken, die Sehnsüchte, die Träume anderer Menschen spüren und erahnen lässt.

So viele dieser Sehnsüchte, Wünsche und Träume finden sich in einsam hinter Mauern oder Zeltbahnen, hinter Bretterverschlägen oder unter bloßem Himmel seienden Menschen. Und weil diese Menschen einsam sind, haben ihre Wunschträume kaum etwas mit materiellen Dingen zu tun. Einsamkeit gebiert immer zuvorderst das Sehnen nach Nähe einer Seele. Einer Seele, die nicht imaginär bleibt, einer Seele, die in einem anderen Menschen wohnt.

In heutiger Zeit ist es gewagter und riskanter denn je, Gedanken sich materialisieren zu lassen.

Dennoch wünsche ich mir gerade jetzt, ganz besonders in diesen Tagen, dass die Gedanken, die Träume der Einsamen sichtbar würden, weil die meisten der einsamen Menschen sonst unsichtbar sind. Als Bahnen sanften Leuchtens aus ihren Herzen tretend, hinter den Mauern, Zeltbahnen, Verschlägen  und provisorischen Behausungen unter freiem Himmel hervorscheinend und Strahlen bildend, die eine lange Spur in die Welt hinein zeichnen und von denen sich unweigerlich dieser mit jenem und jener mit einem anderen treffen und kreuzen und sich also berühren und vereinen würden.

So, dass die vielen Einsamen es sehen könnten, einander sehen könnten, sehen könnten, dass und wie sehr sich ihre Träume und Sehnsüchte berühren und so einander erkennen und finden. Ohne Furcht, dass der- oder diejenige, der die Berührung durch den anderen Traum erfahren hat, diesen nicht nachvollziehen, nicht verstehen würde.

Was für ein wundervolles Lichtermeer von Schweifen sich begegnender, berührender und sich vereinender Träume, Hoffnungen und Wünsche das wäre!

Aber die Bahnen der Träume und Sehnsüchte der Einsamen vermögen nicht zu leuchten, nicht von allein. So sehr sie auch brennen in denjenigen, die sie in sich tragen.

Es braucht Menschen, Seelen, die sie erahnen, erspüren können, die um sie wissen, auch wenn ihre Bahnen unsichtbar bleiben: Menschen, die den ersten Schritt auf sie zu machen, die sich Zeit nehmen, hinter die Mauern, die Bretterverschläge, die Zeltbahnen, unter die klammen Decken, die unter dem bloßen Himmel liegen, schauen. Die einen Blick senden, der nicht urteilt und nichts fordert, der nur eine sanfte Einladung ist, die ein Ohr geben, das zuhört, die ein bisschen Zeit und Rücksicht und Nähe schenken. Seelennähe.

Wenn es so wäre, wäre da, wo solches geschieht, Weihnachten, egal um welche Zeit. Und es würde leuchten überall dort.

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Im Sinne der letzten Zeilen meines Textes wünsche ich allen, die mein Blogtagebuch und mich begleiten, allen Menschen, die ich im Herzen trage und vor allem den vielen Einsamen eine schöne, freudvolle, besinnliche und gesunde Weihnacht.

***

Das folgende Lied habe ich in meinem Tagebuch schon einmal geteilt, das ist inzwischen mehr als sieben Jahre her. Ich hatte seinerzeit dazu die folgenden Worte geschrieben:

Das Lied, das ich heute vorstellen möchte, … ist einfach ein wundervolles Liebeslied, mit einem schönen, intelligent geschriebenen Text und einer einzigartigen Kombination aus eingängiger aber nicht kitschiger Melodie, gelungenem Arrangement und der unverwechselbaren und für dieses Lied im Besonderen passenden Stimme der Interpretin.

Das Stück erschien 1976 als Single und landete auf Platz 10 der Jahreshitparade in der DDR. Allerdings sagt das eigentlich gar nichts. Das Lied spricht viel mehr für sich selbst.

Dem ist an sich nichts weiter hinzuzufügen, außer, dass das Lied durchaus gut in die Zeit jetzt passt, die vorweihnachtliche, die weihnachtliche, die zwischen den Jahren, in denen es ja doch auch viel um Erinnerungen geht. Und die Vision von einer Schneeflocke, die ein Mensch ist und einen anderen berührt, die passt sogar zu meinem Text da oben.

Veronika Fischer – „Dass ich eine Schneeflocke wär‘ „

Sammelsurium -118- (Sechs Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Wieder einmal ist ein bisschen Zeit für ganz eigene Aphorismen und Gedanken gewesen, schließlich geflossen in Lettern auf diese Seite als Sprüchlein und Schnipsel. Ein Sammelsurium von Vielem, was mich gegenwärtig umtreibt. Wie immer, zum Lesen, zum Sinnen, zur Zustimmung oder zum Widerspruch … :

Wirklich Friede ist nur, wo keine Menschen sind. Deshalb glaube ich an kein Paradies.

*

Die Potenz, am klügsten sein zu können, bedingt die Potenz, die größten Dummheiten begehen zu können, in sich zu tragen. Die menschliche Existenz beweist das an jedem Tag, in jeder Stunde, während jedes Augenblicks.

*

Aufrichtig nach Wahrheit zu suchen, bedeutet, niemals damit aufhören zu dürfen.

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Alles im Leben ist nur eine Episode. So wie das Leben selbst.

*

Die vielen kleinen, für uns vermeintlich so wichtigen materiellen Werte und Dinge in unseren Wohnungen, Zimmern, Haushalten, haben nicht einmal die Halbwertzeit unseres eigenen Lebens. Wer einmal eine Haushaltsauflösung einer Wohnung eines Menschen, der infolge Krankheit oder Tod sein Heim fortan nicht mehr zu bewohnen imstande ist, erlebt hat, weiß, was ich meine.

*

Jede Farbe ist letztlich vergänglich. Die Dunkelheit ist es nicht. Sie ist, was bleibt, wenn sonst nichts mehr ist.

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Schnipsel (16) –

Sand in den Augen

Es geschah jedes Mal, sie konnte nichts dagegen tun. 

Solange sie bei sich wohnte, konnte sie sehen, hören fühlen. Dinge und Menschen waren klar oder undurchschaubar. Sie konnte es unterscheiden und damit umgehen, hatte Worte, Gedanken, Gesten und Taten für diese und dieses und jene und jenes. Und sie war nicht allein, fand andere Menschen, mit denen sie in Dialog treten konnte und von denen sie sich verstanden fühlte.

Öffnete sie aber die Tür ihres Heimes, dann tobte draußen immer ein Sturm, der Sandwolken vor sich hertrieb, so groß, dass eine stets in die andere überging und die Welt sich in einem unsteten Grau zeigte. Jedes Sandkorn war eine Stimme, ein Schicksal, eine Ansicht, war ein Mensch. Keines war dem anderen gleich und ihre Stimmen verschmolzen zu einem schaurigen Heulen, in dem kein einzelnes Word, keine einzige Melodie, mehr vernehmbar war.

Der Sturm war mit den Jahren immer stärker und heftiger geworden, seine Geschwindigkeit hatte zugenommen und nahm immer weiter zu, und also auch seine Zerstörungskraft und die Lautstärke seines Geheuls.

Immer wieder hatte sie versucht, ihre Tür zu öffnen, war ein Stück hinaus getreten, hatte ein paar der Sandkörner aufgefangen und versucht, ihnen zuzuhören, ein Gespräch mit ihnen zu beginnen, ihnen Hilfe und Unterstützung zu sein. Sie hatte es aber immer nur für Augenblicke vermocht. Je stärker der Sturm wurde, desto kürzer wurden diese Momente, desto entkräfteter kehrte sie in ihr Heim zurück. Manchmal von ein paar Sandkörnchen begleitet, von denen freilich etliche beim nächsten Versuch, die Tür erneut zu öffnen wieder mit hinaus in den Sturm gesogen wurden, manchmal werden wollten. Nur sehr wenige blieben.

Kürzlich hatte sie wieder einmal die Tür aufgetan, ohne zu ahnen, dass es das letzte Mal gewesen sein würde. Gerade so hatte sie sie schlussendlich noch einmal schließen können.

Seither sitzt sie in ihrem Heim, mit Sand in den Augen, in den Ohren und den Poren ihrer Haut. Er sitzt fest, weil der Sturm so stark war. Und so ist es nun so, dass der Sturm auch bei ihr ist,  in ihrem Heim, in ihr selbst, und, dass er nicht mehr geht, dass er bleibt.

Sie muss mit ihm leben, mit geschundenen Augen,  verklebten Ohren, verletzten Händen  und braucht nunmehr unendlich viel Kraft, um dennoch weiter zu sehen und zu unterscheiden, zu hören und zu differenzieren, und zu handeln, endlich auch ein bisschen mehr für sich und die, die bei ihr blieben. Dies ist und bleibt ihr Wille.

Wie sie da nun so sitzt, ist sie trotz allem, was sie immer schon war: eine wunderschöne Seele.

Draußen heult der Sturm weiter, schwillt an zum Orkan. Überall ist Sand, allgegenwärtig und so dicht, dass kein menschliches Auge mehr etwas zu sehen imstande ist.

Eine geöffnete Tür, eine rufende Seele; niemand  könnte und würde sie mehr sehen, mehr hören.

***

Dieses Mal bin ich anlässlich eines Erkundungsstreifzugs durch die Welt der Indie-Pop- und Rockmusik bei einer Gruppe aus Belgien „hängengeblieben“. Unter dem Namen „Hydrogen Sea“ spielt sie feinen, vor allem sehr melodischen Elektropop. Die Stimme der Sängerin ist in ihrer Klarheit und Sanftheit besonders schön, wie ich finde. Das nachfolgende Lied ist eins zum Zuhören, Zurücklehnen – Melodie und Text lassen mich auf Gedankenreisen gehen …

Hydrogen Sea – „Cold Water“

Sammelsurium -117- (Ein Schnipsel)

Schnipsel (15)

Es gab sie immer wieder, diese Stunden, diese Tage, diese Wege, die er allein ging, allein gehen musste. Er wusste, das darin an sich nichts Besonderes lag. Menschen konnten nicht immer beieinander, nicht ständig zusammen sein. Und danach strebte er auch gar nicht. Schon gar nicht nach den großen oder lauten Gesellschaften, die es ihm immer schwer machten.

Aber die Stunden, Tage und Wege, jene, die er allein beschritt, waren immer länger geworden mit den Jahren und einsamer.

Manchmal sah er Menschen, von denen ihm schien, dass sie auch sehr einsam waren, oft auch mitten unter anderen Menschen. Und er hätte alles darum gegeben, diesen Einsamen etwas schenken zu können, was sie spüren konnten, was sie lächeln ließ, was ihnen Gewissheit gab, nicht allein, nicht einsam zu sein. –

Aber er wusste nicht, wie er das anstellen sollte. Ein besonderer Blick konnte leicht missverstanden werden, für ein Ansprechen fehlten ihm Mut und Worte. Ein Lächeln war vielleicht gut und möglich, nur war es zu flüchtig und konnte bestenfalls den Augenblick verschönern. Gering zu schätzen war das nicht, das wusste er, aber die Einsamkeit konnte es letztlich kaum lindern.

Während er so sann und dachte, überkam ihn die Erkenntnis, dass sich die Einsamen immer nur streifen, höchstens im Sinne einer Ahnung berühren konnten, weil vermutlich jeden und jede der Betreffenden genau jene Gedanken leiten würden, die ihm soeben durch den Kopf gegangen waren.

Er seufzte verzweifelt. Und als er bemerkte, dass ihn just in diesem Augenblick ein Lächeln traf, gleich noch einmal.

Nur noch viel tiefer …

***

Lysah – „Sail“

Sammelsurium -116- (Fünf Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Nichts ist ewig. Das ist ebenso oft tröstlich wie es traurig ist.

 *

Es gibt so viele Eigenschaften, die nur der Mensch zu entwickeln und auszuleben vermag, die also menschliche Eigenschaften sind. Zugleich aber sind sie gerade DAS nicht! Man denke an Intriganz, Geiz, Herrschsucht, Hass …

 *

Keine der wirklich zarten Pflanzen in der Natur hat Stacheln. Für die wirklich zarten Seelen gilt das auch.

 *

So viele Leben enden vor dem Tod.

 *

Ob ein Weg bereits ausgetreten ist oder nicht, macht für den, der ihn erstmalig geht, viel weniger Unterschied als landläufig angenommen und behauptet wird. Er muss doch jede Erfahrung selbst machen.

**

Schnipsel (14)

Er wusste nicht mehr, wie lange er auf das Meer geschaut hatte. Vielleicht waren es nur ein paar Minuten gewesen. Aber es war eine weite Reise, die er unternommen hatte, die weiteste, zu der er je aufgebrochen war.

Er war bei dem Mädchen, dass er niemals lieben durfte. Er hatte viele Orte besucht, die er nie hatte erreichen können. Er hatte all die schönen Dinge getan, für die nie Zeit gewesen war, weil er sie für das, was notwendig genannt worden war, verwenden musste.

All seine unerfüllt gebliebenen Wünsche und Träume hatte er in den Himmel geschickt und gebeten, dass, wenn es doch einen Gott gab, er sie als Realität auf Menschen mit einem guten Herzen herniederregnen ließe.

Dann hatte er die Augen geschlossen, sich ein paar Mal um sich selbst gedreht und war, die Augen geschlossen haltend, seine Schritte langsam in den Sand des Strandes setzend, losgegangen.

Würde er dem Saum des Ufers folgen? Würde er befestigtes Land erreichen? Oder würde ihn sein Weg ins Meer führen?

Keine dieser Fragen war mehr von Belang.

Denn es begann zu regnen …

***

Antilopen Gang – „Wünsch Dir nix“

Sammelsurium -115- (Award – Fragen und Antworten)

Fragen an mich

Kürzlich bin ich von der lieben Kopfstimme im Rahmen eines Blogawards nominiert worden. Die Nominierung ist von so viel Wertschätzung für mein Geschreibsel hier motiviert, dass ich mich entschlossen habe, zumindest auf die Fragen zu antworten, die sie mir und anderen Nominierten im Rahmen dieses Awards gestellt hat.

Ansonsten  muss ich …  „ehrlicherweise gestehen, dass ich generell gar kein großer Freund solcher Awards bin. Irgendwie haben die doch so etwas „Kettenbriefartiges“ und in bestimmten Abständen wiederholen sich solche Runden quasi etwas „routinemäßig“. Da ich schon sehr lange blogge, weiß ich wovon ich schreibe …“ (so habe ich es auch in meinem Kommentar auf Kopfstimmes Blog geschrieben).

Also werde ich hier selbst auch niemanden nominieren, obgleich es einige Blogs und Schreiberlein gibt, die ich meinerseits sehr mag, sehr schätze, denen ich bis hin zu realer Freundschaft sehr zugeneigt und auch dankbar bin. Jede/Jeder mag aber selbst entscheiden können, ob er die Fragen auch beantworten möchte und so untereinander noch ein Stück mehr Kennenlernen realisiert wird.

*

Hier also nun meine Antworten auf die zum Teil für mich wirklich sehr schwierigen Fragen … :

In welcher Fantasiewelt würdest du am liebsten einen Tag verbringen?

Nicht nur einen Tag würde ich gern in einer Welt, die keinen Hass, keine Angst, keine Vorurteile und keine körperliche und verbale Gewalt kennt, verbringen. In meiner Fantasie gibt es so eine Welt, so ein Land. Ich muss öfter dorthin fliehen. Die Realität ist so (sehr) fern von dieser Fantasie …

Erzähle von der schönsten Erinnerung aus deiner Kindheit.

Ich habe manche schöne Erinnerung an meine Kindheit, und ich vermag beim besten Willen keine „die schönste“ zu nennen.

Ich sehe von meinem Vater gebaute Wassermühlen in einem Bergbach während des einzigen Winterurlaubs, den ich mit meinen Eltern und meinem Bruder in Thüringen verbracht habe. –

Ich rieche den unvergesslichen Duft von Vanillewaffeln aus einem Verkaufswagen nahe eines Campingplatzes  während der Tage, die ich erstmals die Ostsee sehen und spüren durfte. – Ich sehe mich an der Seite meines Opas das erste Mal in einem Fußballstadion sitzen. – Ich fühle die Hitze der „Wüste“ während meiner Expeditionen in eine große Sand- und Kieskuhle, während derer ich tatsächlich urzeitliche Muscheln, versteinerte Seeigel und Belemniten und andere „Schätze“ fand. –

Ich sehe bunt schillernde Seifenblasen in den Himmel steigen, von mir „selbst gemachte“ aus einer Tasse mit Wasser und Spülmittel mit einem Trinkröhrchen vorsichtig in die Winde gepustet. – Ich sehe mich glücklich mit unserem kleinen Hund kuscheln.  …

Ja, ich könnte noch lange so weiter schreiben.

Welcher deiner Beiträge war bis jetzt der zeitintensivste/aufwendigste?

Das vermag ich nicht zu sagen. Ich blogge mittlerweile seit achteinhalb Jahren, und da gab es einige Beiträge für die es recht viel Zeit und Aufwand brauchte. In der Tendenz waren und sind das wohl die unter den Rubriken „Sentenzen“ und „Gedanken zu Aphorismen“ in meinem Blogtagebuch. Aber auch für manche „einfache“ Tagebuchseite, habe ich mitunter viel Zeit, Kraft und mitunter auch Recherche aufbieten müssen.

Gibt es Dinge in deinem Leben, die du gern anders gemacht hättest?

Sehr schwierige Frage, weil ich sie mit dem Erfahrungshorizont meines bisherigen Lebensweges (und anders lässt sie sich wohl gar nicht beantworten), sehr deutlich mit „Ja“ beantworten muss. Schwierig auch, weil ich in einem anderen Land, in einem anderen System aufgewachsen bin als jenen, in denen ich nun schon seit 30 Jahren lebe. Und nochmals schwierig, weil die eigene Persönlichkeit, der eigene Charakter etwas ist, was zumindest im Ansatz, in seiner genetisch bedingten Hälfte, schon immer da gewesen ist und es so nur immer ein durch diese Persönlichkeit, diesen Charakter bedingtes Entscheidungsspektrum gegeben hat.

Ich habe das Dilemma anderswo schon einmal ähnlich zusammengefasst: Ich bin rückblickend im Reinen mit mir, aber ich bin nicht glücklich über meinen Weg, und ich bin auch nicht wirklich glücklich im Jetzt. – Das ist aber ein sehr weites und schwieriges (sic!) Feld.

Was ist die großartigste wahre Geschichte, die du je gehört hast?

Ich zögere schon wieder mit einer Antwort. Bin halt kein Mensch für Superlative. Und auch, wenn es langsam langweilig werden mag, möchte, ja muss, ich auch hier lieber relativieren: Eine „großartigste“ Geschichte kann und will ich nicht benennen. Das hieße großartige, gute Geschichten gegeneinander aufwiegen zu müssen, und das möchte ich nicht.

Ich kenne Geschichten vom Überleben von Menschen, ich kenne Geschichten von Befreiungen und solche der Nächstenliebe und Hilfe. Darunter solche, die „im Großen“  niemals wahrgenommen wurden, weil sie über den Augenblick, während dem sie geschahen, hinaus nicht bekannt geworden sind, mitunter nur ganz winzige Episoden.

Sie sind ALLE großartig.

Wenn du dich selbst für 30 Sekunden anrufen könntest, zu jedem Zeitpunkt in der Vergangenheit oder der Zukunft, wann würdest du dich anrufen und was würdest du sagen?

Ich würde keine Worte finden, mich anzurufen. Ich würde es aber (auch wenn das vielleicht schräg klingt) gern schaffen, mich einmal , für 30 Sekunden, selbst zu umarmen, würde wissen wollen, wie sich das anfühlen würde, was ich dabei spüre. Völlig egal, wann!  All meine entsprechende Vorstellung von einer solchen Umarmung, von einem entsprechenden Spüren, erscheint mir freilich so utopisch. Ich hoffe nur, dass sie nicht so viel mit jenem in sich zusammen gekauert sein zu tun hat, wie wenn ich in meinem Schneckenhaus meine angezogenen Beine mit meinen Armen umschließe.

Was bringt dich immer zum Lachen?

Manche spontane, unverstellte Originalität von Kindern, Situationskomik, intelligenter Humor.

Besonders schön empfinde ich es allerdings, lächeln zu können. Und das kann ich nahezu immer, wenn ich ein Lächeln geschenkt bekomme. Ein Lächeln für mich, ist mir stets eines der größten Geschenke.

Schreibe über eine Sache, von der alle Leute begeistert scheinen, und die du einfach nicht nachvollziehen kannst?

Ich nenne nur ein Beispiel (es gäbe mehrere):

Große Rock- oder Popkonzerte in gigantischen Hallen oder auf riesigen Freilichtanlagen mit Tausenden Menschen, grellen Lichtshows und allem, was eben so „dazu gehört“.

Was war das verrückteste, das du je erlebt hast?

Ich fürchte, dass mein Leben nicht spektakulär genug verlaufen ist, um diese Frage wirklich beantworten zu können, denn etwas wirklich „Verrücktes“ fällt mir tatsächlich auch nach längerem Nachdenken nicht ein. Kann und wird auch damit zusammenhängen, dass ich sehr wenig mutig und risikofreudig bin. Mir fehlt nichts, wenn es nicht „verrückt“ zugeht.

Überraschendes, Glückliches, auch besonders Trauriges könnte ich allerdings schon einiges benennen. Ich denke da zum Beispiel an eine Wanderung, während meiner jüngeren Jahre, die ich (wie damals viele) mit meinem Uraltstudienkumpel in der Slowakei unternahm. Wir hatten uns furchtbar verlaufen und erwischten schließlich mit Hilfe zweier Romamädchen, hungrig und durstig, mein Kumpel mit Blutblasen an den Füßen, nach ungewollt absolvierten 45 (!) Kilometern in einem kleinen Dorf den allerletzten Zug in die Stadt unserer Herberge. Aber in der Erinnerung ist es eine schöne Tour geblieben – ich habe da unter anderem einen ganz speziellen Sonnenuntergang unauslöschlich in meinem Kopf …

Gibt es etwas, dass du unbedingt noch ausprobieren möchtest?

Ja, ich habe es noch nicht geschafft, mich am Kalligraphieren zu versuchen. Und dann gibt es da schreiberisch auch noch andere stille Wünsche …

Bei zwei, drei anderen Dingen schwanke ich noch, ob es denn „unbedingt“ sein soll oder muss.

*

Ja, soweit meine Antworten auf die Fragen. Es war wirklich gar nicht so einfach aber doch interessant. Auch für mich selbst …

***

Ein feines Lied und ein bezauberndes Video dazu:

Hollie Cowl – „She knows“

Sammelsurium -115- (Sechs Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Heute klappe ich wieder einmal die große Truhe meiner kurzen Eingebungen und Gedanken auf und damit sie nicht in Vergessenheit geraten, schreibe ich wieder ein paar davon hier auf. Zur Inspiration, zum Weitersinnen, zum Widerspruch, zur Zustimmung … :

 

Bücherregale sind, obwohl Gegenstand, den Menschen so sehr verwandt. Bergen sie nicht, wie jeder Mensch, in sich, verborgen hinter so vielen Hüllen, eine Unmenge von Geschichten, deren Gründe, Tiefen und Tragweiten wir durch bloße äußere in Augenscheinnahme nie und nimmer zu erahnen vermögen?

*

Zugleich über den Dingen stehen und Bodenhaftung bewahren wollen, schließt einander aus.

*

Ohne Sex kann man sehr wohl leben, nicht aber ohne wenigstens hin und wieder eine liebevolle Umarmung zu empfangen.

*

Ein jeder Mensch fühlt und empfindet auf seine ganz eigene Weise und nicht selten für andere Menschen kaum oder gar nicht nachvollziehbar. Wer immer diese Eigenheit an ihm kritisiert oder sie ihm gar abspricht, sollte wissen, dass er/sie damit die Einzigartigkeit dieses Menschen in Frage stellt, ja, letztlich sogar ihn selbst.

*

Die ganze Wahrheit sagt man nur zu sich selbst.

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Die Unschuld eines Kindes schenkt so unsagbar viel Hoffnung und Zuversicht und gebiert doch zugleich die größte Sorge. Das ist so, weil die erwachsenen Menschen dieser Welt so sind wie sie sind.

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Schnipsel (13)

Spüren und Erkenntnis eines Augenblicks

Zwei majestätische Fracks in Grau und Weiß auf sattgrünem Grunde. In etwas zufälliger oder gewollter Entfernung voneinander.

Ich musste schon ein bisschen genauer hinschauen, während mein Rad mich durch die Landschaft trug, und blieb doch ein paar Wimpernschläge ungläubig, während der Wind mir leise durch die Haare fuhr. Denn so nah hatte ich in freier Natur noch nie vorher Kraniche gesehen.

Die sich links von meinem Weg an diesen säumende Hecke barg ein Orchester, das diesen besonderen Augenblick mit einer wunderschönen Suite untermalte. Ich hörte so viele unterschiedliche Instrumente und Stimmen. Zu wem sie im Einzelnen gehörten, hätte ich auch dann nicht sagen können, wenn ich ihre jeweiligen Inhaber hätte entdecken können.

Aber selbst, wenn ich sie hätte sehen können, hätte ich doch ihre Namen kaum gewusst.

Ich möchte immer wissen, erfahren, verstehen. Kürzlich habe ich mir die Frage gestellt, ob das eher Fluch oder eher Segen ist.

In diesem Moment der schönen, geheimnisvollen Stimmen und Instrumente, zu dem sich die majestätischen Fracks im Grün bewegen, wird mir bewusst, dass ich vor allem nie etwas übersehen, überhören möchte, was wirklich wichtig ist.

Dieses Bewusstwerden beantwortet die Frage nicht, aber ich spüre sofort, dass es manche eigene Überanstrengung rechtfertigt.

***

Ich habe heute wieder einmal ein „überhörtes“ Lied entdeckt, schon 2009 geschrieben und produziert, und doch kaum gespielt und eben auch nur wenig gehört.

„Wär‘ nicht schwer“ ist ein traurigschönes Stück vom Duett „Hausboot“, dessen einer Teil mit Tino Eisenbrenner ein Sänger, Songschreiber und Poet ist, der mich schon mal in meinen jungen Jahren begleitet hat, und den ich in und mit diesem Lied nun nach sehr langer Zeit wiedergefunden habe. Ich mag das Lied sehr, vielleicht auch, weil es so ist, als erzählte es ein kleines bisschen von mir … :

Hausboot – „Wär nicht schwer“

Sammelsurium -114- (Sechs Sprüchlein und ein Lied)

Aus der Kiste meiner (un)sinnigen Gedanken gibt es heute wieder einmal eine kleine Auswahl, zur Zustimmung, zum Nachdenken, zum Hinterfragen, zum Widerspruch … :

 

Verletzungen, die im Inneren geschehen, sind die gefährlichsten, im Zweifel die tödlichsten. Weil sie niemand sieht.

*

Es liegt ebenso viel Tragik wie menschliches Versagen darin, dass grundsätzlich erst in der schwärzesten Dunkelheit auch die ganz kleinen aber oft so viel engagierter als die großen scheinenden Sonnen überhaupt wahrgenommen werden. Wenn es denn wenigstens dann geschieht! Mutmaßlich aber werden Tragik und Versagen also wie zuvor präsent sein, wenn es auch nur beginnt, wieder ein bisschen heller zu werden.

*

Der „Freitod“ ist ein Unwort. Keine Selbstverletzung geschieht aus freier Entscheidung, geschieht freiwillig. Und schon gar kein Suizid. Menschen, die sich selbst verletzen, sich am Ende gar selbst töten, sind nicht frei.

*

Der Gesichtsausdruck einer jeden singenden Blaumeise ist so engagiert, so unbewusst mutig und zeigt zugleich so viel Unbeirrbarkeit, Reinheit, Unschuld und Güte! Wenn wir doch von Parlamenten von Blaumeisen regiert werden könnten …

*

Wenn die Natur am stillsten ist, schreit sie am lautesten. Viele Menschen, die still werden, sind ihr am Verwandtesten.

*

Wege sind immer schon von anderen Menschen beschritten worden. Wer wirklich Eigenes, Neues versuchen oder gar schaffen will, muss irgendwann alle schon bestehenden, benutzten Pfade verlassen.

***

Ein sehr schönes Lied mit eingängiger Melodie und einem ausdrucksstarken Text, der, ein bisschen mehr oder weniger „übertragen“, durchaus in die Jetztzeit passt:

Frazey Ford – „Done“

Sammelsurium -113- (Vier Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Für die Fähigkeit, wirklich lieben zu können, bezahlt man.

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Der Sinn eines Geschehnisses liegt in ihm selbst. Nur die menschliche Eitelkeit mag das nicht einsehen.

*

Politiker zu sein, und dabei ausschließlich seinem Gewissen zu folgen, ist unmöglich. Wirkliche Gewissensmenschen haben ein riesiges Potenzial wahrhaft menschliche Politiker zu sein, aber zugleich auch das größte Potenzial überhaupt, an einer solchen Tätigkeit zugrunde zu gehen.

*

Aufrichtiges Mitleid ist eine Form der Liebe.

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Schnipsel (12)

Fremd

Ich habe kürzlich Zeit in einem Krankenhaus verbringen müssen. Zeit, auch für viele Gedanken. Zeit, nicht zum ersten Mal zu bemerken, dass die Welt noch viel absurder scheint und ist, wenn ich als Patient aus dem Raum einer Klinik auf sie schaue, als wenn ich selbst in ihr lebe.

In Klinikräumen geht es ausschließlich um das Wesentliche. In der Welt da draußen immer weniger. So oft schon gar nicht mehr.

Das ist mir sehr eindringlich bewusst geworden. Auch, dass ich die Welt, wie sie ist, wie sie sich, von Menschen verursacht und angetrieben weiter entwickelt, immer weniger mag und sie mir immer mehr Angst macht.

Seit ich die Klinik wieder verlassen habe, spüre ich diese Angst, mein Unwohlsein, eine Sorge, noch viel, viel stärker als zuvor. Wohl, weil mir das Wesentliche, das, um was es wirklich geht, gerade ganz besonders nah gewesen ist. Wohl auch, weil das Land, in dem ich lebe, sich noch viel mehr, intensiver und von Menschen gemachter, selbst zerlegt, als bevor ich das Krankenhaus aufsuchen musste.

Ich spüre, stark und eindeutig wie noch nie, dass ich diese Welt, dieses Land, nicht mehr aushalte, nicht mehr will.

Ich bin so unglaublich, so verstörend fremd hier …

***

Ich teile heute ein Lied einer bislang tatsächlich völlig unbekannten, noch ganz jungen Künstlerin, die in Portland (US-Staat Oregon) zu Hause ist. Es ist augenscheinlich ihr allererstes überhaupt veröffentlichtes Lied. Sie hat es selbst komponiert und den Text dazu geschrieben. Vorhin beim Surfen habe ich es ganz zufällig entdeckt. Ich mochte es sofort. Hier ist, in einem sehr schönen Duett mit Ben Morang gesungen:

Emerson Rankins – „Hopeless“

 

Sammelsurium -112- (Eine Rezension)

Es ist so lange her, seit ich auf eine Seite meines Blogtagebuchs eine Rezension geschrieben habe, dass ich mich gar nicht mehr daran erinnern kann. Nicht, dass ich in all der Zeit nicht gelesen hätte, das Rezensieren ist mir über vielerlei anderem Schreiben aber irgendwie abhanden gekommen. Aktuell ist es mit meiner Lesezeit allerdings so knapp bemessen, dass ich wirklich nur noch sehr wenig schöngeistige Literatur zu genießen, geschweige denn darüber zu schreiben vermag. Aber einen Roman habe ich nun doch relativ zügig gelesen (zum Ende hin hat er mich buchstäblich nicht mehr losgelassen), einen in vielerlei Hinsicht besonderen, und deshalb möchte ich zu ihm ein paar mir wichtige Gedanken aufschreiben. Es handelt sich um:

„Zwischen meinen Worten“ von Mounia Jayawanth

Der Roman ist ein Erstlingswerk und ein Jugendroman. Einer freilich, der keinesfalls nur von Jugendlichen (für mein Empfinden wären 15 Jahre ein passendes Einstiegsalter für das Buch) gelesen werden kann und sollte.

In ihm sind die Geschichte einer entstehenden jungen Liebe, die Herausforderung und Differenziertheit des Findens und sich Bewährens von wirklicher Freundschaft unter jungen Menschen sowie die Bedeutung und Tiefe menschlicher Empfindungen in Bezug auf das Durchleben und Verarbeiten schwieriger Lebenssituationen unter Jugendlichen zu einer spürbar direkt aus dem Leben geschriebenen, spannenden Handlung verknüpft.

Obwohl die Liebesgeschichte den roten Faden des Buches bildet, ist der Roman kein „Liebesroman“ und an keiner Stelle oberflächlich oder gar kitschig, vor allem weil er die Psychen der drei Hauptgestalten Lia, Noah und Samira bei der Konfrontation und Verarbeitung herausfordernder zurückliegender und aktueller Geschehnisse, Beziehungen und Interaktionen sehr fein und nachvollziehbar zeichnet.

Zugleich erhält der Leser einen sehr authentischen Einblick in die Realität von Kommunikation, Umgang und Rollenverhalten in der Alltagswelt junger Menschen. Bezogen auf die drei Protagonisten wird das durch die Autorin immer wieder vertieft und werden Ursachen, Einflüsse und Reaktionen, die diese jugendliche Alltagswelt aber auch darüber hinausreichende Beziehungen (etwa zu den Eltern) charakterisieren, thematisiert.

Vor allem in diesem Kontext ist der Roman auch für Erwachsene eine durchaus interessante und erhellende Lektüre, die zu eigenem Hinterfragen anregt.

Zentrale Themen, die die Autorin auf die beschriebene Weise in den Fokus des Romans rückt, sind neben Liebe und Freundschaft keine geringeren als die des Umgangs mit psychischen Erkrankungen, mit Rassismus und mit Sexismus, zu denen beispielhaft und mit angemessener Eindringlichkeit Erscheinungsformen und Auswirkungen aufgezeigt bzw. dargestellt werden sowie die von zwischenmenschlichem Umgang überhaupt. Dies geschieht mit einer bemerkenswerten Sensibilität, wie sie etwa in Bezug auf Rollendenken nicht nur mit Blick auf die Unterschiedlichkeit von Religionen bzw. Kulturen sondern auch innerhalb dieser selbst nach wie vor bestehen und wirken.

Das Buch ist in einer angenehmen, gut lesbaren Sprache verfasst. Erwachsene werden bei einigen Worten aus der aktuellen Mode- bzw. Medienwelt vielleicht das eine oder andere Mal etwas nachfragen müssen, aber das schadet der Lesbarkeit auch für etwas „ältere Semester“ in keiner Weise. Sprachlich, wie auch von der gedanklichen Abfolge und Logik her, sind viele der Dialoge und Selbstreflexionen im Buch besonders stark. Hierbei, wie auch bezogen auf die Sensibilität für Zwischentöne und -nuancen wird sehr augenfällig, wie unmittelbar eigenes Erleben und Verarbeiten der Autorin Umsetzung im vorliegenden Roman gefunden hat.

Der Roman ist jederzeit spannend, im Verlauf sogar sehr spannend zu lesen, eine kleine (notwendige) Anlaufphase zu Beginn ändert nichts an diesem Gesamteindruck. Beeindruckend ist, mit welcher Akribie und nahezu vollständigen Fehlerlosigkeit Redaktion und Korrektorat des Romans ganz offensichtlich vorgenommen worden sind, zumal die Autorin ihr Werk in völliger Eigenregie herausgegeben hat und gestalten ließ.

Nicht nur, jedoch noch einmal in besonderer Weise, weil es sich um ein Erstlingswerk handelt, sind der Roman und die Leistung der Autorin aus meiner Sicht sehr hoch einzuschätzen. „Zwischen meinen Worten“ ist ein wichtiges, spannendes, handwerklich und vor allem inhaltlich anspruchsvoll konzipiertes und umgesetztes Buch, das vor allem Jugendlichen ab dem 15. Lebensjahr, aber auch vor allem Eltern, Lehrern und Multiplikatoren der sozialen Arbeit sehr zur Lektüre zu empfehlen ist.

Auf meiner persönlichen Bewertungsskala von 0 („Schund“) bis 10 (außerordentliche Literatur) vergebe ich für diesen Roman guten Gewissens eine 8.

***

Mine feat. Giulia Becker – „Einfach so“

Sammelsurium -111- (Sechs Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Manche Dinge sollen sich nicht ändern. Und so werde ich auch im Jahr 2020 in unregelmäßigen Abständen kleine Gedankensplitter als Aphorismen bzw. Gedankenspiele in Form von Schnipseln aufschreiben. Sie stammen nach wie vor aus eigenem Geist und eigener Feder. Hier sind die ersten für dieses Jahr:

 

Diejenigen, die am wenigsten eigene Schwächen eingestehen, haben die meisten davon.

*

Es gibt Stimmen, die sind so schön wie die Charaktere, denen sie Worte und Ausdruck verleihen. Wenn diese Stimmen sprechen, klingt das immer wie eine wundervolle Melodie.

*

Es gibt nur wenige Menschen, die verstehen, das etwas, das wie eine Verweigerung aussieht, keine ist, sondern gelebte Angst sein kann. Und noch weniger Menschen verstehen, dass tatsächlich nicht jede Angst überwindbar ist.

*

Womöglich sind die aufrichtigsten, die tiefsten, Freundschaften und Lieben die anstrengendsten, schwierigsten, unverstandensten. Wahrscheinlich sind sie dennoch und überhaupt aber auch die schönsten.

*

Wer auch immer an einem Schreibtisch sitzt, ist gar nicht dort. Zu schreiben, bedeutet immer auf eine Reise zu gehen. Wer schreibt, ist unterwegs.

*

Wer keinen oder kaum Optimismus zu entwickeln vermag, ist unattraktiv. So sieht es die Welt. Deshalb sind depressive Menschen, selbst wenn sie einen noch so schönen Charakter haben, so wenig beliebt. Die meisten anderen gehen ihnen aus dem Wege.

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Schnipsel (11)

(Un)zeitgemäße Fragen und Gedanken über das „Hier und Jetzt“

Wie wäre es, wenn wir tatsächlich ohne Erinnerungen und ohne Blick in die Zukunft, nur, wie so oft gefordert, angepriesen und postuliert im „Hier und Jetzt“ leben müssten? Wäre damit wirklich „alles gut“ oder auch nur besser? Warum werden Blicke in die Vergangenheit so oft und leichtfertig als rückwärtsgewandt apostrophiert? Und weshalb gelten Blicke in die Zukunft so häufig so sehr als bloße Phantasterei oder Realitätsflucht?

Schauen in die Vergangenheit, das nicht gleich mit „angemessenem“ Lehren ziehen einhergeht und Ausflüge in die Zukunft, die nicht gleich ein Mehr an „progressiver“ Erkenntnis gerieren, gelten als suspekt. Menschen, die solche Reisen pflegen, in solche Reisen fliehen gar, werden schnell in die Schublade: „Schwach, Realitätsfern, Krank“ gesteckt.

Da fällt mir ein: Eine Eintagsfliege lebt ausschließlich im Hier und Jetzt.

Und stirbt.

Es mag ja seltsam sein, „nicht passen“, aber mir gibt das zu denken …

***

Klee – „Weine nicht“

Sammelsurium -110- (Vier Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Es gibt Stimmen, die sind so schön, wie die Charakter, denen sie Ausdruck verleihen. Wenn diese Stimmen sprechen, dann klingen sie: Wie eine ganz zauberhafte, wundervolle Melodie.

*

Diejenigen, die am wenigsten eigene Schwächen eingestehen, haben die meisten davon.

*

Was ist von dem Rat zu halten, für den Augenblick zu leben? Genau das tut eine Eintagsfliege. Und dann stirbt sie …

*

An welchem Ort auch immer ein Schreibender zu sehen ist, so ist er doch gar nicht dort. Zu schreiben bedeutet immer auf eine Reise zu gehen. Wer schreibt, ist unterwegs.

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Schnipsel (10)

Tränengeständnis

Wenn ich an Tränen denke, dann denke ich fast nie an Freudentränen. Tränen sind Traurigkeit, sind Schmerz oder Einsam sein. So ist immer mein erster Gedanke.

Es ist wahr, dass mich Trauer, Qual, Not und tiefes Alleinsein sehr traurig machen. Aber Tränen habe ich deshalb nur selten. Ich kann meist nicht weinen, wenn mich diese Empfindungen erreichen oder beherrschen, auch wenn sie grundsätzlich sehr tief gehen. Relativ selten rinnen darum Tränen bei mir, wenn, dann freilich sehr heiße. Und eher dann, wenn jene Empfindungen durch das Leid , den Schmerz, die Einsamkeit anderer Menschen ausgelöst sind oder Bestand haben. (Und meistens sind bzw. haben sie das.)

Eher, schneller und spontaner rinnen bei mir Tränen aus Rührung, aus Überwältigung, aus einer Freude geboren, die ich nicht zu beherrschen weiß. Meine tiefste Freude ist tränenreich. Eine Freude der stillen Tränen, die ich meistens zu verbergen trachte, zumal in der Öffentlichkeit.

Am Telefon oder beim Schreiben rinnen sie besonders oft. Weil ich dann vergleichsweise häufig mit mir liebsten Menschen verbunden bin. Und die überwältigen mich häufig, berühren mich auf eine Weise, die so einzigartig, so wunderbar ist. Eben auch, wenn wir uns nicht unmittelbar nahe sein können.

Manchmal vermögen mich auch Menschen, die ich nicht näher kenne, in dieser Weise, tiefe Freude auslösend berühren. Zuletzt waren das besonders oft Kinder.

Mit Freudentränen fühle ich mich, selbst wenn sie mir manche meiner Einsamkeit bewusster machen, und ich letztlich doch allein bin, weniger einsam.

***

HEARTS – „Call my name“

Sammelsurium -109- (Ein Schnipsel und ein Lied)

Schnipsel (9)

Über das Fühlen und Empfinden

Wie laut die vermeintliche Stille in einem Menschen ist, ist nicht hörbar.
Wie bunt und hell die Farben, wie tief die Dunkelheit, in seinem Inneren sind, ist nicht sichtbar.

Manchmal aber ist da jemand. Jemand, der so sensibel fühlt, dass er ohne Ohren zu hören und ohne Augen zu sehen imstande ist. Und der kann den Klang der Stille und Vielfalt und Besonderheit der Farben und der Dunkelheit in dem anderen erspüren, erkennen schließlich.

Ist Fühlen demnach der umfassendste, der wertvollste, der höchste Sinn?

*

Manches Mal sinne ich nach über dich. Mir gehen deine letzten Worte durch den Kopf. Sie hallen in mir nach und wider, vor allem jene, mit denen du dein Empfinden beschrieben hast.

Und, wie schon als ich sie unmittelbar von dir vernahm, lösen sie nun meinerseits ein Empfinden in mir aus. Ein sehr tiefes, verzweigtes, nuancenreiches, das unweigerlich darauf aus ist, dein Empfinden gerade so zu erfahren, wie du selbst es erfahren hast. Du bist mir wichtig. Deshalb geschieht das ganz unbewusst und doch willentlich in mir, weil ich mir wünsche, weil ich möchte, dass du teilen kannst, wenn du es möchtest. Das aber ist nur möglich, wenn da jemand ist, der zu nehmen bereit ist, anzunehmen, das was ist, und wie es ist. Eben genau so. Dass das gelingt, setzt VERSTEHEN voraus. Dass ICH VERSTEHE.

Ich bin wohl mitunter in Gefahr, schier zu zerbrechen, weil ich so sehr und immer VERSTEHEN möchte. Menschen. Menschen VERSTEHEN. Damit ich sie lieben kann. Damit ich dich lieben kann. VERSTEHEN ist LIEBEN. Das eine geht nicht ohne das andere, oder?

*

Mitgefühl zu entwickeln, zu haben und zu bewahren, gehört genauso zum Schönsten wie zum Schwersten.

***

Ein traumhaftes Stück Musik ist mir das kürzlich auf einem öffentlich-rechtlichen Sender begegnet, der sich doch tatsächlich traut, Klänge abseits des Mainstreams zu präsentieren. Hinter „Friedberg“ verbirgt sich die in Österreich geborene Sängerin und Songschreiberin „Anna F.“, die schon seit mehr als 10 Jahren wundervolle Lieder aus ihrer Feder fließen lässt. Von mir (und womöglich von manch anderem auch) bislang freilich unbemerkt. Bis eben kürzlich. Da kam diese von einem tollen Text untersetzte schöne Melodie zu mir … :

Friedberg – „Go wild“

Sammelsurium -108- (Sechs Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Clip von einem besonderen Auftritt)

Manchmal genügen allein der Klang, das Timbre einer Stimme, um eine tiefe, beschützende Geborgenheit zu schenken.

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Viele derer, die über die Würde des Menschen sprechen, denken dabei, ohne dass sie das je zugeben würden, vor allem an sich, bestenfalls noch das eigene nächste menschliche Umfeld. Wenn es aber darum geht, tatsächlich zu teilen, abzugeben, zurückzustehen, ein spürbares Weniger zu akzeptieren, ist jenes große, wichtige Wort plötzlich kaum noch vernehmbar.

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Nicht aufzugeben, nach Schönem in sich selbst auf der Suche zu bleiben, erhält die Möglichkeit, die Chance, Schönem außerhalb des eigenen Ich zu begegnen. Vielleicht ist das im Grunde sogar der einzige Weg.

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Kein Mensch ist gering. Nie!

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Wenn jeder Mensch nach seinem Tode wahrhaft zum Buch der Geschichte, die er ins sich trägt, seiner Geschichte, werden könnte, würde er tatsächlich unsterblich. Als derart greifbare, sächliche Erinnerung, ob als Vorbild, Mahnung oder Warnung, behielte jeder einen Wert, einen Nutzen.

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Die allerersten Minuten, einer langen, sich eben zu erfüllen beginnenden Vorfreude, sind für uns in ihrer Schönheit die überwältigendsten und unfassbarsten überhaupt.

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Schnipsel (8)

Über das Lächeln

Immer wieder höre ich es einmal, das Wort vom „gekünstelten Lächeln“. Gemeint ist wohl, dass sich da jemand ein Lächeln aufsetzt, obwohl seine Stimmungslage eine ist, aus der gerade kein Lächeln geboren werden kann. Aber er oder sie versucht dennoch zu lächeln. Vielleicht um zu gefallen, nicht zu enttäuschen oder sich nicht verletzbar zu machen.

Ein trauriges, eher verschlossenes Gesicht mit sich herumzutragen, ist heutzutage ein nicht zu unterschätzendes Risiko.

Für mich ist ein gekünsteltes Lächeln kein Lächeln. Es ist Ausdruck einer Unsicherheit, einer Ausweglosigkeit, einer Not, vielleicht auch einer Unaufrichtigkeit, einer Heuchelei. Nichts davon ist schön. Und also ist ein gekünsteltes Lächeln kein Lächeln.

Denn Lächeln als solches, aus dem Augenblick geboren, dem Augenblick einer Freude, einer Erinnerung, einer Sehnsucht auch, spontan, unverfälscht, einer besonderen, spezifischen Stimmung oder auch nur ihrem Klang tatsächlich entsprechend, ist immer schön. Weil es wahrhaft ist.

Auch und gerade Menschen, die sich äußerlich für nicht „hübsch“ halten, zeigen, wenn sie zu lächeln vermögen, ein Stück ihrer Schönheit. Oft ganz ohne Absicht, und deshalb besonders schön.

Ich wünsche jedem Menschen, lächeln zu können. Vor allem jenen, die wenig Grund dazu haben. Damit nicht übersehen werden kann, nicht übersehen wird, dass sie Schönheit in sich tragen, dass sie schön sind.

Natürlich tragen Menschen auch Schönheit in sich, wenn sie nicht zu lächeln vermögen. Aber das wissen heute nur noch wenige oder nehmen sich nicht genug Zeit und Besinnung, sich das bewusst zu machen. Aber es ist wahr.

Jeder Mensch hat in sich ein Lächeln.

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Ich teile heute kein Lied, sondern einen Auftritt. Einen Auftritt eines 14jährigen Jungen, der an den Rollstuhl gefesselt ist. Ich teile diesen Auftritt, weil er mich in so vielfältiger Weise überwältigt hat, wie selten ein Auftritt sonst es vermochte.

Der Auftritt des Jungen hat bei allem aufrichtigen, herzlichen Lachen, das sich auch aus mir Bahn brach, auch ganz viele, ganz vielfältige Fragen, viel Stoff zum Nachdenken in mir gelassen. – In jedem Fall ist der Junge unglaublich mutig, unglaublich überhaupt … :

Carl Josef in: „Nightwash live“