Tagebuchseite -979-

Seele, du musst lernen …

Vor Tagen schon war da ein Sonnenuntergang. Wunderschön und mit Worten nicht adäquat zu beschreiben. Und am nächsten Morgen war da das wogende, immer noch etwas frühlingshafte, dichte Grün der Bäume, umwoben vom Gezwitscher eines Buchfinken und dem Getschilpe einiger Spatzen. Für ein paar Minuten verlor ich mich darin, ganz und gar. Und ich bin auf Reisen gewesen, zuerst am Meer, bis zu einem Dorf am Ende der Welt einer britischen Küste und dann in Südtirol. Die Zeit dort war eine ganz andere, dennoch sind mir die Menschen da sehr nah geworden.

Aber nicht ich war oder bin im Urlaub. Du warst und bist es. Nicht mit mir. Mit einem anderen Mann.

Ich habe mich bei mir und meine Arbeit. Die Eindrücke da oben sind schon viele von den wenigen schönen. Ich habe sie beim Blick aus einem Zimmer- und dem Küchenfenster eingefangen, die Augen hoch gerichtet, über die Plattenbauten hinweg, und in und zwischen den Zeilen von Büchern, in die ich fliehe, wenn mir denn ein wenig Zeit bleibt und mich die Müdigkeit nicht verhindert.

Ich denke viel nach. Sehr viel. Nicht nur, weil ich keinen Urlaub haben werde in diesem Sommer und vielleicht überhaupt keinen Urlaub mehr. So, wie du dir Urlaub wünschst, vermag ich ihn nicht (mehr) zu bestreiten. Wie so vieles andere nicht, was dich lockt, was du dir vorstellst, was dich wohl glücklich macht. Das hoffe ich wenigstens.

Denn bei mir bist du es nicht (mehr). Das weiß ich, und ich weiß, dass ich dafür wenigstens ein Teil der Ursache bin. Ich tauge noch zu einem Freund, einem unter anderem. Ich glaube, dass ich dir in diesem Sinn sogar noch ein bisschen was bedeute.

Die Tage ziehen hin. Ich stehe morgens auf, verrichte mein Tagwerk, komme abends wieder heim. Dafür, dass ich so oft keinen Antrieb mehr spüre und finde, ist es selbst für mich immer wieder erstaunlich, dass und wie ich den Alltag bestehe. Gerade jetzt wo er so voll Arbeit und so voller Emotionen ist, wie er noch nie war, während dieses Jahres und ja doch alles in mir bleiben muss. Wem sollte ich es erzählen? Dann, wenn es gerade besonders gut und nötig oder dringlich wäre, ist ja doch niemand da, nicht in der Nähe, nicht unmittelbar.

Als du noch da warst, so wirklich hier, meine ich, so ahne ich heute, hast du mich oft nicht verstehen können. Und nachdem ich dann so krank geworden war, habe ich dich wohl auch zunehmend überfordert. Und ich habe mich (weiter) verändert. Das hat dich zunächst irritiert, dann Zweifel an mir in dir gesät und dir schließlich Hoffnungen genommen. Du hattest letztlich andere Träume, andere wohl auch als jene, die du hattest als wir uns kennenlernten. Und wurdest verzweifelter. Das spürte und spüre ich wohl.

Aber über die entscheidenden Fähigkeiten und Mittel dafür, dir deine (neuen) Träume zu erfüllen, verfüge ich nicht. Und für den einen alten auch und erst recht nicht, den, der nicht wahr wurde und für dessen nicht wahr werden du mich verantwortlich machst. Das akzeptiere ich. Mit den Gründen, die du anführst freilich, hadere ich.

Ich sehe und weiß um viele „Fehler“, die ich wohl gemacht habe. Und ich habe sie dir auch bekannt. Immer. Du hast deinerseits nie Fehler bekannt. Vielleicht hast du wirklich keine begangen. Möglicherweise bist du wirklich so perfekt, wie ich dich gesehen habe, in meinen jungen Jahren …

Ich achte und mag dich immer noch, mehr und auf ganz andere, besondere Weise als jeden anderen Menschen sonst. Obwohl du mir seit einiger Zeit so weh tust und weißt, dass du das tust.

Was ich wirklich unterschätzt habe, ist, wie sehr du das offenkundig auszublenden vermagst …

Weiterhin habe ich unterschätzt, dass du wahrhaftig zu leiden begonnen hast an meiner Seite, dass das schon vor ziemlich langer Zeit begonnen und dir mit der Zeit mehr und mehr zugesetzt hat.

Ich spreche mit meiner Seele, viel. Sie muss lernen. Lernen, dass so Vieles Illusion ist und bleiben wird und sie daran nicht verzweifeln darf. Lernen, sich dareinzufinden. Demütig zu sein, und trotz allem dankbar, über die Plattenbauten, den fordernden Alltag und die Einsamkeit und Leere hinweg.

Sie muss lernen, zu schweigen. Über die Widersprüchlichkeit, in der sie, in der wir beide leben, weil niemanden aus unserem Alltag das etwas angeht und uns das nur verletzbar(er) machen würde. Sie muss lernen, das Schweigen auszuhalten.

Und sie muss lernen, mich dennoch und ungeachtet all dessen, was widrig ist oder uns so erscheint, weiter und wieder stärker anzutreiben, aus sich, aus uns selbst heraus. Weil niemand sonst das tun wird oder tatsächlich tun kann.

*

Ich schaue wieder aus dem Fenster, diesmal dem meines Arbeitszimmers. Es ist nichts Besonders zu sehen. Die Bäume bewegen sich leise unter dem grauer werdenden Himmel.

Unserem Sohn hast du ein paar Bilder geschickt von der Landschaft, die du in deinem Urlaub bereist.

Ich freue mich für dich. Du brauchtest und brauchst Erholung. Aber das werde ich dir nicht zu sagen vermögen. Und ich werde dich auch nie (mehr) zu anderen Freuden dieses Urlaubs oder deiner sonstigen Ausflüge befragen.

Dazu tut diese Freude zu weh.

**

Es fühlt sich seltsam an, dass dieser Text soeben hier geschrieben steht. In meinem Kopf habe ich ihn schon hundertmal geschrieben. Es fühlt sich seltsam an, dass ich überhaupt geschrieben habe. All die vergangenen Wochen konnte ich nicht mehr schreiben. Auch, weil ich nicht wollte. Auch, weil ich einen Text, wie den heute, nicht schreiben wollte.

Ich weiß nicht, was oder ob es etwas zu bedeuten hat, dass ich nun heute wieder und diesen Text aufgeschrieben habe.

Ich weiß gerade fast gar nichts mehr …

***

Für mich bleibt es ein ewiges Rätsel, weshalb eine Sängerin wie Charlotta Perers aus Schweden nicht viel, viel mehr Popularität genießt. Ich liebe sie, vor allem ihre wunderbare Stimme, die Art von Folk-Pop, den sie interpretiert und wie sie das tut und ganz häufig auch die Texte ihrer Lieder. Abgesehen davon, dass sie mit einer so schweren Krankheit zu kämpfen hatte und diesen Kampf (hoffentlich nachhaltig) gewonnen hat, wünsche ich ihr von Herzen eine größere Verbreitung und mehr Anerkennung für ihre Musik, ihre Lieder.

Der folgende Song von den traurigen Augen ist mir gerade wie aus der Seele geschrieben. Er entstand im Gegensatz zu den beiden, die ich Ende letzten Jahres von ihr bereits hier geteilt hatte, noch vor der Erkrankung von Charlotta, die als „Big Fox“ auftritt. – Das Cover der Single zeigt sie noch mit langen Haaren …

Big Fox – „Sad Eyes“

Verse -96-

Gedanken können auf vielfältige Weise entstehen und sich in Zeilen materialisieren. Das gilt auch für in Verse gefasste Gedanken.

Jene Verse, die ich heute hier in mein Tagebuch schreibe, sind auf eine Weise entstanden, wie noch keine von mir geschriebenen entstanden sind.

Da war eine Lyrikwerkstatt für Kinder am vorigen Dienstag. Ich habe unter anderem die Kinder „meiner“ Klasse 6 dorthin begleitet. Gemeinsam mit einem Autor wurde über Gedichte und das Gedichte schreiben gesprochen. Dem Thema „Heimweh – Fernweh“ folgend, sollten sich irgendwann alle ein bisschen ausprobieren.

Ich habe nicht gekniffen und es ist das nachfolgende kleine Gedicht entstanden. Innerhalb von 25 Minuten, so wie es hier steht, abgesehen von zwei Worten, die ich noch während der Werkstatt noch einmal verändert habe. Nie vorher habe ich „auf Anweisung“ derart rasch ein kleines Werk schreiben können, zu dem ich im Nachhinein weiterhin stehe.

Bei diesem ist das so, und also steht es nun hier:

Jeden Abend  ...

Versuche, mich frei zu sehen,
über den Fensterrahmen hinaus.
Fort vom Alltag,
der mich noch festhält.

Dorthin, wo die Wipfel der Bäume
die Wolken kitzeln,
die dahinziehen im leisen Abendwind,
und weiter noch:
Hinter das rot schimmernde Firmament.

Wie lange ich so schaue und sinne,
spüre ich nicht.

Hab' mich verloren in jener Sehnsucht,
in der ich mein zu Hause suche.

Wie jeden Abend ...

***

„Go Go Berlin“ ist eine Indie-Pop-Band, die 2010 im dänischen Silkeborg gegründet wurde. Kürzlich habe ich erstmals ein Lied (es stammt von der EP „Lyfe“) dieser Band gehört, das mich sofort angesprochen hat. Ich mag sein Arrangement, die Darbietung, die Melodie und nicht zuletzt den Text, der wieder einmal einer ist, der wie ein bisschen aus der Aktualität meines Ich heraus geschrieben zu sein scheint.

Go Go Berlin – „Struggle is real“

Tagebuchseite -978-

Meine zwei Existenzen (Ein aktuelles Bekenntnis)

Die Überschrift mag vermuten lassen, dass hier nun ein Text über mein inneres und mein äußeres Ich folgt, mein Gewissen und mein Tun und Handeln, ihren Widerstreit, das kritische Hinterfragen des einen und das mitunter suchende und verzweifelnde Antworten des anderen. Allerdings ist eine solche Mutmaßung hier irrig. Es geht um etwas anderes. Etwas, das sich mir immer klarer offenbart, das bis vor wenigen Monaten, vielleicht Jahren nicht so gewesen ist, zumindest nicht so ausgeprägt.

Es geht um mein Ich während ich beruflich tätig bin und um mein Ich während ich Freizeit habe bzw. das, was die Tage und Wochen davon übrig lassen.

Ich habe gefunden, dass ich mehr und mehr zwei Existenzen führe. Bewusst schreibe ich Existenzen und nicht Leben, denn Leben sind darin nur Episoden. So nehme ich es jedenfalls wahr, so empfinde ich es.

Während ich arbeite, fühle ich keine Schmerzen. Ich konzentriere mich auf meine Verantwortung, konzentriere mich darauf zu motivieren, zu erklären ohne zu belehren.

Ich bin auf Zuhören fokussiert und darauf zwischen den Zeilen, die mir gesagt werden, zu hören, zu lesen, zu verstehen. Ich möchte, dass die Menschen, die mit mir zu tun haben, denen ich anvertraut bin, neugierig bleiben, sich interessieren, Lebensfreude erschließen lernen, Lebensfreude erleben. Ich möchte, dass sie es schätzen lernen, einander rücksichtsvoll zu begegnen, nicht in Schubladen zu denken und darauf bedacht sind, nie auch nur einen einzigen Menschen in eine solche zu stecken. Ich mag sie fröhlich sehen und getröstet, wenn ihnen etwas schwer wird.

Es sind Kinder, die mir anvertraut sind, überwiegend solche zwischen 11 und 12 Jahren.

Ich bemühe mich, was ich habe, was ich kann, zu geben, damit sie in dieser so kompliziert, so gefährlich, so unberechenbar gewordenen Welt bestehen können, in Würde, mit Liebe, mit einer Zukunft.

Es ist schön, das jeden Tag zu versuchen.

Es verlangt, dass ich „funktioniere“, dass ich manchen Ärger aushalte, manche Überlastung, Anstrengung, auch wenn sie andauernd ist. Es verlangt, dass ich an Grenzen gehe, an meine Grenzen. Und es kostet Kraft, immer ausreichend vorbereitet zu sein, auf der Höhe der Ereignisse und Erfordernisse, wach, optimistisch und vertrauensvoll zu sein und die gebotene Klaviatur der verschiedenen Empathien zu beherrschen und zu leben, auch vorzuleben. Und ja, sich nicht, sich niemals zu vergessen, gehen zu lassen, sehr genau abzuwägen und zu beherrschen, eigene Befindlichkeit in gebotener Weise zu relativieren, wenn es sein muss, auch zu verbergen.

Episoden von Leben in dieser Existenz sind vor allem manche Kinderlächeln, das Spüren der Freude der kleinen Persönlichkeiten über etwas Gelungenes und die Dankbarkeit der jungen Seelen für Verständnis, für Trost, für Zeit auch und gerade dann, wenn es um Persönliches geht. Episoden von Leben geriert auch das Empfinden, etwas Sinnhaftes zu tun, bei aller Un- und Überparteilichkeit ein bisschen eigenes Werteverständnis, vor allem aber Liebe, vermitteln zu können.

So wie sie ist, diese Existenz, ist sie widerstreitende Einheit von Symbiose und Parasitismus, sie ist Leben und Hamsterrad zugleich, sie schenkt Freude und geht doch so sehr an die Substanz.

Ich spüre das mehr als früher, weil ich das Älterwerden mehr spüre, viel mehr spüre …

Die Existenz in meiner Freizeit ist eine Existenz, die Erschöpfung und Unruhe ist und also Schmerz (auch und nicht selten körperlicher) und ineffiziente Rastlosigkeit. Sie ist traurig sein und Einsamkeit, eine Existenz der Gedankenreisen und der Suche nach etwas, dass immer offenkundiger nicht (mehr) zu finden ist. Sie ist Angst und manches Mal auch Verzweiflung. Wenn sie Hoffnung ist, wird sie meist zu Tränen.

Sie ist die Existenz der gewesenen und so häufig verpassten, nicht erkannten oder der gefürchteten Gelegenheiten und der unerfüllten Sehnsüchte und Träume, weil sie, wie meine Existenz überhaupt, schon immer vor allem eines war: Angst.

Sie ist die Existenz des Aufbegehrens gegen die Überforderungen, gegen das, was ich nicht (mehr) zu verstehen und zu akzeptieren in der Lage bin und gegen die Erschöpfung und die Schmerzen, die seelischen wie die körperlichen. Oft ist sie Depression, die in die Tiefe geht.

 Sie ist Flucht in jene Natur, die ich mir allein noch zu erschließen vermag, in die Weiten der Musik, die mich immer wieder so klein und staunend und fasziniert sein lässt, in die Geschichten der Bücher, die ich lese, von denen ich vorher nie weiß, wie sie letztlich auf mich wirken. Die Bedrückendsten befeuern meine Ängste, gleichzeitig sind es oft die, die ich als die ehrlichsten empfinde. Die, die Gefühle und Empfindungen beschreiben, gehen mir am nächsten. Romane und Gedichte sind die besten Filme über das, was Leben alles ausmachen kann, die wahrsten.

Episoden des Lebens in dieser Existenz sind neben den mich immer so überwältigenden Empfindungen, soweit es schöne sind und sie am Ende nicht noch größeres traurig sein gebären, manches der nicht so häufigen Telefonate, die mich eine besondere Stimme einer Freundin hören lässt, ihre Gedanken, ihren Zuspruch, ihr Verstehen. Sie sind so schön und so besonders, weil sie Augenblicke von Gemeinsam- und Beisammensein sind und weil alles andere sonst vor allem nur noch ein nebeneinander her ist.

Episoden des Lebens sind der von meinem neuen und so freundlichen Lieblingsitaliener spendierte und einzigartig gute Espresso, das Schmecken von Honig auf frischem Brot, das mich täglich auf ganz eigene und intime Weise mit meinem Vater verbunden sein lässt, die Geborgenheit der letzten Minute des Wachseins an einem jedem Abend.

Auch der Versuch, mir selbst Freund zu sein, mich nicht eines Tages abzulehnen, weil so vieles sonst so schwer ist, mich eingeschlossen, ist Leben. Der Versuch, mir Freund zu sein, weil ich mich, als Einzigen und Einziges immer habe.

So sind sie, meine beiden Existenzen. In beiden bin ich Ich, und doch in einer jeden ein anderer. Mein inneres Ich spricht ausschließlich in der „Freizeitexistenz“ mit mir, fragt mich, kritisiert mich, fordert mich heraus. In der anderen ist weder Zeit noch Raum für unsere Gespräche.

Zwei Existenzen durch eine Person. Nach außen scheint es so, als wenn die eine von der anderen nichts weiß. Und ich pflege diesen Eindruck – Schizophrenie meines eigenen begonnenen Sonnenuntergangs.

Es ist schwer zu begreifen, dass und wie ich dahin geraten bin. Und ebenso wenig, dass es nun so ist.

***

Das Lied, das ich heute habe, kommt mal wieder aus Frankreich. Kid Francescoli, wohl seit dem Jahr 2000 bestehend, ist ein Indie-Pop-Duo, das sich dem Elektropop verschrieben hat. „Les Vitrines“, 2017 veröffentlicht, kommt scheinbar leicht daher und hat nur einen recht kurzen Text, der mich jedoch irgendwie anspricht und in dem ich mich auch auf spezielle Weise ein bisschen wiederfinde. Ich stelle mal eine (allerdings nicht professionelle) Übersetzung mit auf diese Tagebuchseite:

Was gibt es Beunruhigenderes als die Luft der Städte?

Was ist zerbrechlicher als dieses Gefühl, wenn alles an dir vorbeizieht?

Du nicht sehr subtil, du guckst die Mädchen an.

Sie scheinen dem Ozean oder einem Roman zu entspringen.

Und du guckst dir die Schaufenster an.

Und ein Film entsteht in dir.

Was ist beunruhigender als die Luft in den Städten.

Die Neonröhren leuchten im Nu auf, die Nacht sinkt herab.

Du nicht sehr subtil, du guckst die Mädchen an.

Ihre Schatten gleiten zwischen den Passanten hindurch und die Nacht dehnt sich aus.

Und du guckst dir die Schaufenster an.

Und ein Film entsteht in dir.

Kid Francescoli – „Les Vitrines“:

Tagebuchseite -977-

Schwanenlied

In der Verfassung, in der ich gerade bin, sollte ich nicht schreiben. Aber dann dürfte ich vielleicht nie mehr schreiben, denn diese Verfassung, dieser Zustand, besitzt mich inzwischen nahezu immer, wenn ich nicht auf der Arbeit oder in sonstigem Kontext anderer Menschen gehalten bin, der zu sein, der ich sein sollte, der, der „erwartet“ wird.

Ich weiß nicht, ob es gut ist, diese Tagebuchseite mit dem zu beschreiben, was ich schreiben würde oder werde. Das denke ich mir in letzter Zeit immer öfter und mein Tagebuch merkt das daran, dass immer länger Seiten leer bleiben, bevor mal wieder eine gefüllt wird.

*

Es steht ein Mensch auf einer Anhöhe, ein Mensch, der singt. Sein Lied hat viele Strophen. Der Text wird getragen von einer verstörend absonderlich schönen Melodie.

Die Anhöhe ist geworden aus den Erinnerungen, die in dem Menschen wohnen, den Träumen und Wünschen, die nicht wahr geworden sind, den Episoden dazwischen, die ihm Halt gaben und Freude schenkten, nun aber vergangen sind, den Verlusten, die er zu beklagen hat, den Kämpfen, die er, meist scheinbar nur, gewann und denen, die er verlor.

Er singt hinein, in das, was ihn umgibt, was alle die Gegenwart nennen oder Realität.

Sie ist es, in der er sich nicht mehr zurechtfindet, sie ist es, die im Angst macht, ihn mehr und mehr verzweifeln lässt. Das, was er als schön darinnen wahrnimmt, empfindet er fast immer und besonders als zu schön, um wahr zu sein und so tut selbst das verbliebene Schöne letztlich meistens weh.

Er singt gegen Vergangenes, vor allem aber gegen diese Gegenwart an und gar gegen die Zukunft, beschwörend geradezu, auf dass sie vielleicht doch nicht so oder gar noch beängstigender, bedrückender, hoffnungsloser werden möge als es die Gegenwart ist.

Er singt und weiß doch, dass fast niemand ihn hört. Er spürt, dass kaum jemand ihn hören will und kann. Geschweige denn verstehen. Obwohl er immerfort von Liebe singt. Aber seine Sprache ist eine andere. Den meisten sonst fremd geworden, so wie ihm die Ihrige.

Obwohl er das weiß, steigt er wieder und wieder auf die Anhöhe hinauf. Aber mit jedem mal fällt es ihm schwerer. Hat er früher täglich gesungen, so ist es nun kaum noch einmal in der Woche.

Er empfindet, dass sein Gesang von der Anhöhe, dem „Mont Klamott“ seines Lebens, seine letzte Mission ist.

Er wird ihr folgen.

Solange er es noch vermag.

Sein Gesang ist sein Schwanenlied.

*

Ich habe eine Metapher gewählt für das, was ich schreiben wollte. Sie sagt, beschreibt und erklärt nicht alles. Anders hätte ich es aber weder vermocht noch für zweckvoll halten können. Letzteres fällt mir auch jetzt noch schwer, nachdem ich es noch einmal gelesen habe. Aber irgendwie bin ich, wenigstens für den Augenblick, doch im Reinen mit mir.

***

„Tocotronic“ hat, wie ich gerade gelesen habe, bereits 13 Studioalben veröffentlicht, die Band aus Hamburg gibt es bereits seit 1993. Bis vor wenigen Wochen hat es gebraucht, dass wir, die Band und ich uns gefunden haben. Über ein Lied, an dem noch jemand mitgewirkt hat, „Soap & Skin“. Hinter diesem Namen verbirgt sich eine österreichische Musikerin, Sängerin, Komponistin, Produzentin und Schauspielerin, die ebenfalls schon seit etlichen Jahren sehr erfolgreich arbeitet und den Realnamen Anja Franziska Plaschg trägt. 

Das Lied ist textlich, musikalisch, vom Arrangement und der Interpretation her sehr tiefgehend und wird durch ein völlig ohne Effekthascherei auskommendes Video eindrucksvoll untermalt. – Es ist leise schön zu hören, aber auch richtig laut …

Tocotronic feat. Soap & Skin – „Ich tauche auf“

Tagebuchseite -976-

Lied und Liebe und Angst

Manchmal braucht es nur ganz wenige Takte und ich weiß, dass das Lied mir gefallen wird, denn diese wenigen Takte sind solche, die augenblicklich zu mir finden.

Der Rat, sich selbst zu lieben, sich wertzuschätzen, ist ein guter.

Denn mit dem Tag, an dem man geboren wird, ist man an sich gebunden. Niemand kann sich selbst verlassen, ohne ganz aus dem Leben zu gehen. Und auch, wenn es seltsam klingt, wenn es mancher nicht wahrhaben will oder auch gar nicht bemerkt: Jeder und jede von uns ist zwei. Zwei, die miteinander ins Gespräch kommen, manchmal ganz unbewusst.

Aber so manches mal spricht das eine Ich das andere auch direkt an: „Warum hast Du das jetzt genau so getan?“, „Weshalb zögerst Du schon wieder?“, „Meinst Du, dass das richtig war?“, „Wer möchtest Du sein, wo möchtest Du stehen, in ein paar Wochen, Monaten, Jahren …?“ – Und häufig fällt es dem anderen Ich gar nicht leicht, auf solche Fragen zu antworten. Mitunter bleibt es gar still und das fragende Ich versucht, in das andere, das grübelnde, hineinzuhorchen.

Ich drehe das Lied ein wenig lauter, hoffe, dass die mich findenden Takte mir helfen, dass ich mich selbst ein bisschen besser finde, jetzt, in diesem Moment, während dem ich in mich hinein lausche.

Ich habe Bilder gesehen, Fotos von Menschen. Lächelnd in anderen Städten, Regionen und Ländern, in Bibliotheken, in den Weiten von Seen, Bergen und Wiesen, auf Straßen und Plätzen mit faszinierender Architektur, an stillen Orten, kaum gekannt, mit ein wenig Streetart an Mauern und Laternenmasten. In Cafés, diese Woche hier, nächste Woche dort, manchmal auch an mehreren Tagen in der Woche. Die Milch hat Figuren in die dampfende Bräune gemalt, frische Beeren lächeln vom Kuchenbelag oder den Gipfeln der Eisbecherkugeln.

Die Bilder erzählen von Auszeiten, von Begegnungen, mit einem oder mehreren anderen Menschen, die einander nahe sind. Sich mögen, sich Liebe schenken. Und so Leben mehr als Alltag und Arbeit, als Pflicht und Existenz sein lassen. Wenigstens für Momente. Wiederkehrende Momente. – Sie sind wunderschön diese Bilder …

Die Melodie des Liedes biegt in die zweite Strophe ein und nimmt die Bilder mit, die ich seit langem schon fast ausschließlich noch vom Ansehen her kenne. Teil meiner eigenen, realen Existenz sind sie nur noch ganz, ganz selten.

Der Rat, sich selbst zu lieben, sich wertzuschätzen ist ein guter.

Auch wenn die Liebe und Wertschätzung zu sich selbst niemals imstande ist, so schöne Bilder werden zu lassen, solche Momente des Lebens.

Es ist nicht dasselbe allein zu lächeln, in die Natur zu gehen oder in einem Café   zu sitzen. Und manches Mal braucht es Überwindung, das überhaupt tun zu können, sich selbst etwas zu tun, was vermeintlich gut ist für das eigene Sein, die eigene Seele. Und manchmal ist es dann doch nicht gut. Weil es erst so recht bewusst macht, wie sehr man auf die Liebe zu sich selbst angewiesen ist.

Das Lied wird leiser. Ich höre es verklingen. Im Raum, der den Klang aufnahm, spüre ich noch ein Weilchen das Schwingen der Melodie, als wenn da immer kleiner werdende Wellen wären. Jede Welle nimmt einen meiner Gedanken mit. Sie ziehen dahin und fort, so wie vorhin die Bilder.

Was bleibt, ist Stille, wird Leere.

Leere, die sich mit dem füllt, was mich immer wieder und immer mehr ausmacht: diffuse, unbestimmte und doch konkrete Sorge. Angst.

Ich sitze da und sinne dem Lied nach und höre das eine Ich dem anderen zurufen: „Liebe Dich! Jetzt! Hör‘ nicht auf damit!“

Eine Weile ist es wieder ganz still. Und dann ist da ein schwerer Seufzer, wie ein Beben.

Wie in Trance lasse ich die ersten Takte des Liedes noch einmal zu mir kommen …

***

Femi Luna kommt aus Herisau (in der Schweiz) und hat holländische Wurzeln. …  Femi Luna ist kein Pseudonym, sondern ihr wirklicher Name. Sie ist Singer/Songwriterin und erzählt Geschichten aus ihrem Leben. Alles was sie berührt und beschäftigt, setzt sie in Lieder um. Mit ihrer warmen und kräftigen Stimme berührt sie damit auch die Hörer*innen. Die Begleitung ist spärlich, einfaches aber trotzdem spezielles Piano oder auf der E-Gitarre. Im Hintergrund untermalt ein Synthie die Klanglandschaft. Ab und zu kommt auch ein Schlagzeug dazu. Das sind Songs, welche man sich einfach anhören muss, auf dem Sofa, nach hinten lehnen und hören. Es lohnt sich.

 (© Fredi Hallauer – https://musikch.com/)

Und das ist jenes Lied, von dem in meinem Text die Rede ist. Vor ein paar Tagen erst hat es mich gefunden.

Femi Luna – „Quiet as the moon“

Tagebuchseite -975-

Die Geschwindigkeit des Menschen

Irgendwann in Kleinkindtagen haben wir es gelernt. Zuerst ganz unsicher, den allerersten und manche folgenden Schritte vermochten wir nur zu tun, wenn wir gehalten wurden. Aber schließlich setzten wir einen Schritt allein und dann noch einen und dann immer mehr, ganz viele. Schlussendlich konnten wir gehen, auf zwei Beinen.

Gehen definiert die dem Menschen adäquate Geschwindigkeit.

Sie ermöglicht uns, uns in der uns unmittelbar umgebenden Welt umfassend zu orientieren. Sie befähigt uns, Feinheiten darin zu erkennen, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken und sie auf uns wirken zu lassen. Sie gestattet uns, uns umzusehen, etwas, was wir zunächst vielleicht doch übersehen haben, noch zu erfassen und uns fortan begleiten zu lassen. Sie bewirkt, dass wir unsere Schritte bedacht zu setzen vermögen, so, dass wir nichts zertreten, ungewollt zerstören.

Es war nur eine kurze Zeitspanne, während der wir ausschließlich gegangen sind.

Das erste Dreirad, der erste Roller, das erste Fahrrad, waren Beginn und erste Fortsetzungen, uns Geschwindigkeit im Sinne einer gewissen Schnelligkeit wahrnehmen zu lassen. Ein bisschen waren wir selbst fasziniert und noch mehr wurde uns schon bald in diesem und jenem Milieu diese Faszination immer stärker suggeriert.

Mancher und manche raste mit einem Motorrad durch die Nacht, meinte die große Freiheit zu erfühlen während flotter Reise in einem schnittigen Auto, bei heruntergelassenen Seitenfenstern und „Take me home country road“ aus quadrophonen Lautsprechern. Und schlussendlich hob man ab, atemberaubend schnell, und fand sich über den Wolken wieder. Und es schien, dass die Geschwindigkeit vergangen wäre, dass alles nur mehr ein Gleiten wäre – womöglich der sich am schönsten anfühlende Irrtum.

Der Geschwindigkeit des Gehens entspricht jene, die das zuhörende miteinander Sprechen von Angesicht zu Angesicht, das Lesen eines Textes, eines Buches oder das handschriftliche Verfassen eines Briefes gebären und erfordern. Damit die Chance besteht, einander so umfassend wie möglich zu verstehen, nachfragen, überdenken und korrigieren zu können. Konflikte zu erkennen und friedlich beilegen zu vermögen.

Heute mutet es nahezu als vergangen an, von Angesicht zu Angesicht miteinander zu sprechen, ein Buch zu lesen, einen Brief zu schreiben.

Schon bald wurde telefoniert, „gesimst“, getwittert, Bücher wurden und werden in verkürzter Form gehört oder als noch kürzerer Film gesehen. Das Nachschlagen in einem Lexikon, das Erfahren der Mühe und der Schönheit von Suchen und Finden ersetzt durch sekundenschnelle Googleergebnisse.

Die Überzeugung vom Wert hoher und immer höher werdender Geschwindigkeit wird immer manifester. Proportional dazu steigt die Gewissheit von derer Notwendigkeit. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ – so steht es, wie ehern gemeißelt über allem, was gedacht und getan wird. Niemand spricht einen Zweifel dagegen aus. Es wird nicht einmal gefragt, was für ein Leben das denn ist, das die Strafe verhängt.

Ist es nicht das Leben der immer rasanter werdenden Geschwindigkeiten, das Leben der uns und die uns gegebene Kraft und Konstitution längst mehrfach während unserer kurzen Lebenszeit überholenden Alltage? Ist es nicht das Leben, das uns zum „Mut zur Lücke“ zwingt, das uns lehren will, dass zu viel Rücksicht dem eigenen Fortkommen im Wege steht, das uns die Unerträglichkeit des Seins in Langsamkeit einredet und Fortschritt ohne mehr und mehr Geschwindigkeit als unerreichbar apostrophiert?

Die dem Menschen adäquate Geschwindigkeit ist das Gehen.

Sie ist die uns naturgegebene Schnelligkeit. Als wir begannen, sie zu überwinden, begannen wir die Natur zu verleugnen, die Natur im Allgemeinen, die des Menschen im Besonderen. Wir begannen unbesonnen zu werden, zu übersehen, den Blick für das Ganze zu verlieren. Wir setzten Schritte immer rascher und zerstörten damit, mehr und mehr und unwiederbringlich.

Ich wünsche mir, gehen zu dürfen. Ohne, dass dieser Gedanke belächelt als weltfremd und unrealistisch abgetan wird. Ich wünsche mir, dass wir alle so oft als möglich gehen dürfen.

Für das, was wirklich wichtig ist, für das, was uns LEBEN lässt, ist es das Beste. Und es ist allemal genug.

Leider ist es real so furchtbar utopisch …

***

Allmählich mag der Eindruck entstehen, dass ich eine Präferenz für junge Musik aus Österreich entwickle. Womöglich ist das so, aber es geschieht unbeabsichtigt. Es geschieht durch die Musik aus unserem Nachbarland und deren Schreiber und Interpreten. – Gerade habe ich Lemo entdeckt und sein wohl aktuellstes Werk, wunderbar passend zu meinem Text da oben, ein engagiertes, obendrein sehr hörenswertes (es macht fast gute Laune!) Plädoyer für mehr Langsamkeit.

Lemo – „Analoge Revolution“

Zwischenstopp -54-

Es gibt in diesen Zeiten so viele Dinge, Geschehnisse, Ereignisse, Äußerungen, die geradezu nach einem Innehalten schreien, es erfordern. Aber der uns erbarmungslos mitziehende Mainstream lässt längst keine Pausen mehr zu. Auch keine, um vielleicht, hin und wieder wenigstens, zur Vernunft zu kommen.

Ich musste zuletzt innehalten, konnte gar nicht anders, mich hatte jeweils geradezu eine Lähmung befallen. Und, besonders schlimm, ich habe umsonst gewartet, dass irgendwer irgendetwas zu relativieren, einzuordnen oder gar eine Kritik zu äußern bereit gewesen wäre …

Worum es ging, worum es geht? Bitteschön:

In jener Tageszeitung, die ich für eine der ganz wenigen noch halbwegs lesenswerten halte, stand gestern als Randnotiz eine Nachricht mit der Überschrift „Lambsdorff kritisiert Ostermärsche“. Der FDP-Außenpolitiker und Europaabgeordnete wurde dort folgendermaßen zitiert:

„Wenn Ostermarschierer jetzt Abrüstung fordern und in Interviews vorschlagen, die Ukraine ‚gewaltfrei zu unterstützen‘, spucken sie den Verteidigern Kiews und Charkiws ins Gesicht. Sie traumatisieren die zu uns Geflüchteten ein zweites Mal, denn sie schützen die Mörder und Vergewaltiger von Butscha, Irpin und Mariupol. Die Ostermarschierer sind die fünfte Kolonne Wladimir Putins, politisch und militärisch.“ – Sie bedeuteten eine Gefahr für die Sicherheit Deutschland und Europas.

Ich will mich mit meinem Empfinden zu diesen Aussagen nicht zurückhalten:

Ich empfinde sie wie einen Schlag in die Magengrube, ich sehe in ihr eine unsachliche, zutiefst beleidigende und verunglimpfende Tirade gegen eine traditionsreiche und verdienstvolle Friedensbewegung und ich bin entsetzt, das bei allem Respekt für Meinungsfreiheit eine derartige Äußerung eines hochrangigen Politikers und Repräsentanten meines „Heimat“landes und einer demokratischen Partei unkommentiert und unwidersprochen bleibt.

Dass die Ansicht von Herrn Lambsdorff keine vereinzelte ist, musste ich im Übrigen bei einer Lesereise, die ich, ebenfalls gestern, durch einige Blogs unternahm, feststellen. Offenbar ist es mal wieder meiner eigenen Naivität geschuldet, dass ich nicht bemerkt habe, dass Pazifismus und eindeutiges Bekenntnis zur Lösung von Konflikten mit friedlichen, gewaltfreien, diplomatischen, politischen Mitteln mittlerweile nicht nur als weltfremd, sondern als zynisch und dumm angesehen wird.

Wo geht es hin, wenn Menschen, die sich konsequent für Gewaltfreiheit, Ächtung von Waffen und Frieden einsetzen, sich in dieser Haltung treu bleiben, mit Kollaborateuren von Angriffskriegern gleichgesetzt werden?

Mir macht das furchtbare Angst!

Aber mein Schrecken hat(te) damit keinesfalls ein Ende. Noch etwas möchte, ja muss ich hier teilen, was mich ebenso stark getroffen und zunächst sprachlos gelassen hat:

Es war vorgestern Abend als Florence Gaub, Vizedirektorin des Instituts der Europäischen Union für Sicherheitsstudien in Paris und Lehrbeauftragte an der Universität Potsdam, im Talk bei Markus Lanz folgendes sagte:

„Wir dürfen nicht vergessen, auch wenn Russen europäisch aussehen, dass es keine Europäer sind – jetzt im kulturellen Sinne – die einen anderen Bezug zu Gewalt haben, die einen anderen Bezug zu Tod haben. … …das gibt da nicht diesen liberalen, postmodernen Zugang zum Leben; das Leben als ein Projekt, was jeder für sich individuell gestaltet, sondern das Leben kann auch mit dem Tod recht früh enden – ich meine Russland hat auch eine relativ niedrige Lebenserwartung, ich glaube 70 für Männer, ähm, das ist halt einfach… da geht man einfach anders damit um, dass da Menschen sterben. Das ist dramatisch.

Ich konnte diese Zitate eben kaum niederschreiben. Und ich möchte auch zu diesen Äußerungen klar Stellung beziehen.

Ich sehe sie als offen rassistisch gegen das russische Volk. Eine solche „Charakteristik“ eines gesamten Volkes im Allgemeinen und des russischen im Besonderen erinnert mich an die Zeit des Hitlerfaschismus als Bilder vom „Bolschewiken“, von den russischen „Untermenschen“, die mit ihrer barbarischen Einstellung zu Gewalt und Tod gerade zeigen würden, wozu sie fähig sind, allgegenwärtig im Sinne der Propagandamaschinerie des Herrn Goebbels Verbreitung fanden.

Herr Lanz und seine Gäste haben Frau Gaub zugehört, nichts entgegnet, nicht widersprochen, nichts!

Für mich gehört diese Frau ihres Postens bei der EU enthoben und ihr der Lehrauftrag für jedwede Universität entzogen.

Die beiden hier besprochenen Beispiele sind leider bei weitem nicht die einzigen der letzten Tage, die mich als solche sowie wegen der (wohlwollenden?) Duldung, Ignoranz und Sprachlosigkeit danach sehr erschrocken haben.

Sie zeigen eine für mich sehr bedenkliche Entwicklung:

In „meinem“ Land gibt es aktuell, besonders deutlich werdend vor allem bezogen auf den Krieg in der Ukraine, nur noch „richtige Meinungen“, die unkommentiert bleiben dürfen (sollen) und „falsche Einstellungen“ für die Unsachlichkeit, Beleidigungen, Verunglimpfungen durchaus gerechtfertigt und salonfähig sind. Und politische Verantwortungsträger, Volksvertreter und „unabhängige“ Journalisten sind per se befähigt und ernannt zu entscheiden, was in welche Schublade gehört. Unwidersprochen natürlich.

Das musste ich tatsächlich erst mal sacken lassen …

***

Nun, nach diesem Text, kann ich nicht anders, als mir auch ein bisschen Zynismus zu gönnen. „Yukno“ aus Österreich, von denen ich hier kürzlich erst ein Gemeinschaftsprojekt geteilt habe, haben sich auf ihre Art und Weise mit der „Schönheit“ unseres Lebens befasst … :

Yukno – „Das Leben ist so schön“

Tagebuchseite -974-

Die Metapher von den eigenen Wegen

Es ist schon viele Jahre her, dass der Sänger und Liedermacher Heinz Rudolf Kunze ein Lied mit dem Titel „Eigene Wege“ geschrieben und interpretiert hat. Für mich gehört es nach wie vor zu jenen Stücken, die ich mir gern immer einmal wieder anhöre. Eine Textzeile aus dem Lied hat mich schon immer besonders angesprochen, ja, auch motiviert. Sie lautet: „Eigene Wege entstehen erst beim Gehen“.

Das klingt so einfach, so plausibel. Aber ich habe immer wieder gefunden, dass es das gar nicht ist. Wahrlich oft bin ich über diese Zeile ins Sinnen gekommen …

Kein Lebensweg eines Menschen ist identisch mit dem eines anderen. Und schon in frühesten Jahren macht man erste Schritte in unberührtes Land hinein, die von keinem anderen Menschen begleitet werden, auch wenn es zunächst nur ganz wenige und vorsichtige sind.

Meist sind da, wo man seine eigenen Schritte hinsetzt, Menschen. Manchmal, nicht immer, ein paar Menschen, die man schon kennt. Manchmal aber auch ausschließlich unbekannte Menschen.

 Wer auch immer sich ebenfalls in dieser für uns neuen Umgebung befindet, begleitet uns ein Stück, vielleicht nur für Minuten, vielleicht auch für Wochen, Monate, Jahre. Nicht ständig, denn jeder Mensch biegt jeden Tag in andere Umgebungen ab, verlässt, mindestens zeitweise, Menschen in dem einen Kontext, um anderen in einem neuen zu begegnen.

Das ist nicht besonders, das ist natürlich, logisch, weil kein Mensch nur in einer Umgebung, in einem Milieu oder gar ganz allein zu existieren in der Lage ist, geschweige denn zu leben.

Aber es ist unglaublich faszinierend, vor allem dann, wenn man sich wieder und wieder darauf einlässt, darüber nachzudenken.

Wie viele Wege wie vieler Menschen kreuzen sich an einem einzigen Tag? Wie viele Menschen verlassen sich, wie viele freunden sich für wie lange an? Wie viele trösten einander, sprechen einander zu, unterstützen sich? Wie viele geraten in Streit, verwünschen einander, intrigieren?  Und wie sehr sind Menschen und ihre Wege heutzutage miteinander vernetzt, gewollt oder auch nicht?

Und doch ist jeder Mensch letztlich ein Mensch für sich und in diesem Sinne allein. Sich selbst verantwortlich für sich selbst entscheidend. Selbst entscheidend überhaupt, soweit ihm denn Möglichkeiten dazu gelassen werden.

In den aktuellen Zeiten habe ich oft das Gefühl, dass die Möglichkeiten, wirklich selbst zu entscheiden, geringer werden. Immer geringer, in für mich beängstigendem Maße. Das meint nicht die Sorge um meine „universelle Freiheit“, von der ich längst weiß, dass es sie nicht gibt, nicht geben kann.

Vielmehr meint es die Ahnung, dass mehr und mehr eigene Schritte, keinen wirklich sichtbaren eigenen Weg mehr definieren, sondern, dass nach dem übernächsten Schritt bereits Gras über den gerade eben vorangegangen gesetzten gewachsen ist. So, als ob er nie gesetzt worden wäre. Sogleich verschwunden, nicht wahrgenommen, ausgelöscht. –

Ein eigener Weg? Ja, immer noch, aber nur noch für mich, für mich allein. Jedoch grundsätzlich kein wirkliches Folgen oder Begleiten mehr, allenfalls noch für den Moment, dessen Spuren freilich im nächsten Augenblick ebenso verlöschen, wie mein soeben gerade gesetzter neuer Schritt.

Die eigene Einmaligkeit verschwindet so, geht verloren, wird unkenntlich.

Es geht mir nicht darum, unvergessen zu sein oder zu bleiben. Aber mir ist wichtig, dass von meiner Einmaligkeit etwas bleibt, dass mein Weg letztlich nicht umsonst oder nur für mich gewesen ist, auch dann nicht, wenn ich die allermeisten Schritte nicht so setzen konnte, wie ich es vielleicht getan hätte, hätte ich wirklich allein und frei entscheiden können.

Wie viele oder wie wenige unserer „eigenen“ Wege sind wirklich und frei von uns gewählt? Wie oft oder wie selten haben wir so eine Wahl tatsächlich? Wie klein oder groß ist das Risiko, dass wir mit einer solchen Wahl anderen Menschen Schaden zufügen können? Wie niedrig oder hoch ist angesichts solcher (notwendiger) Abwägung die Chance, dass unsere eigenen Wege sichtbar werden und vor allem bleiben?

Eigene Wege entstehen erst beim Gehen.

Die Wahrnehmung ihrer jeweiligen Einmaligkeit ist selten und bleibt aller meistens höchstens eine Episode. Und am Ende gilt das, was als Titel eines Romans von Hans Fallada geschrieben steht: „Jeder stirbt für sich allein“.

Weil die Mauern und die Käfige, die um jeden einzelnen herum existieren, keine Illusion, kein Trugbild, sondern Realität sind. Weil so jeder, letztlich und schlussendlich, auch (für sich) allein lebt.

***

Über Jaakko Eino Kalevi habe ich nicht viel in Erfahrung bringen können. Nur, dass er aus Finnland kommt, 1984 geboren ist und zunächst als Straßenbahnfahrer in der finnischen Hauptstadt Helsinki gearbeitet hat. Musikalisch in Erscheinung getreten sein, soll er erstmalig im Jahr 2007. Sein erstes Album erschien acht Jahre später. Seit fünf Jahren lebt die „finnische Einmannband“ (so die „taz“) in Berlin. Wo oder wie Kalevi musikalisch-stilistisch und überhaupt „einzuordnen“ ist, weiß ich nicht – aber womöglich ist es genau das, was der Künstler verhindern möchte: Irgendwo hineinzupassen.

Sein aktuelles Album trägt denselben Titel wie ein sehr bekanntes Lied von Anastacia. Und das, zumindest für meine Ohren sehr hörenswerte Stück, ein Cover eben dieses Liedes, selbstredend auch.

Jaakoo Eino Kalevi – „Left outside alone“

Sammelsurium -126- (Ein Schnipsel)

Schnipsel (23)

Durch die Straßen der großen Stadt fließen die Lichter. Leuchtende Adern einer Magie, die Augen der Sehnsucht glitzern machen. Wie oft habe ich mich in sie hineingeträumt? Und ein Frei sein gefühlt, das niemanden bedrängte.

Die schönste einsame Freiheit, die mein Leben gekannt hat. Weil sie keinen Reichtum verhieß, aber das Herz weit und reich machte. Immer wieder aufs Neue.

Ich brauchte nur ein Fenster öffnen, ein reales oder eins meiner Seele. Und das tat ich oft, ohne je traurig dabei zu werden. Ich sah in den Lichtermeeren glückliche Menschen. Niemanden, der einem anderen weh tat. Niemanden, der dem anderen etwas neidete.

Es war nicht schlimm, dass ich keinen von ihnen kannte. Die Lichter waren da, die strahlenden, vibrierenden Linien der Straßen, die angestrahlten Häuserfassaden, die vielen funkelnden Punkte auf und über ihnen. Menschen und Sterne.

Ich war ein Junge im Teenageralter als ich all das sah und ich lebte in einem Land, das heute für ein dunkles, graues gilt, ein kaltes, graues Gefängnis.

Heute lebe ich in und mit den Lichtern. Und ich habe erfahren, dass es die schöne einsame Freiheit in ihnen gar nicht gibt. Dafür Leid und Neid. Und Glück nur als Maskerade einiger Weniger, die nicht imstande sind zu empfinden, was wahrhaftes Glück ist.

Ist es bizarr oder ist es logisch, dass ich die Freiheit, die nichts forderte und niemanden beeinträchtigte, nur aus jenem grauen, dunklen Land herausschauend sehen, wahrnehmen und spüren konnte? Kann es sein, dass da, wo immer Licht ist, das Helle erst unsichtbar wird und dann verschwindet, die Menschen aber geblendet bleiben?

Jetzt, wo meine Teenagerjahre eine immer ferner werdende Erinnerung sind, sehe ich so unendlich viele Geblendete, die den fließenden Lichterströmen folgen und letztlich gar nichts anderes mehr tun.

Nein, ich wünsche mir dennoch das graue, dunkle, kleine Land nicht zurück. Nicht nur, weil ich im Lauf der Zeiten verstanden habe, dass mein damaliges Freiheitsempfinden aus großer Naivität geboren war, zu der man in jenem Land wohl erzogen wurde.

Aber  wahrnehmen, spüren und fühlen würde ich sie nur allzu gern noch einmal, und sei es ein einziges Mal nur noch, diese schönste einsame Freiheit meines Lebens.

***

Zu ihr komme ich immer wieder zurück. Zu der kanadischen Sängerin und Songschreiberin Flower Face, von der ich wohl schon zwei oder drei Lieder hier geteilt habe. Sie und ihre Musik, die Texte ihrer Lieder und deren Atmosphäre faszinieren und begeistern mich immer aufs Neue. Wieder einmal ein besonders schönes Werk ist ihr aktuell neuestes:

Flower Face – „Pisces Moon“

Tagebuchseite -973-

Die Dystopie der Gegenwart

Längst ziehen Wolken übers Land, wo mit den Augen keine zu sehen sind. Sie hüllen ein, was gewesen ist und lassen das Gegenwärtige in grauen kalten Regenwänden gewähren. Niemand weiß, wie lange noch. Dabei sind die grauen, sauren Regenwände von dem, was noch bleibt, noch das wirtlichste. Es gibt keine Zeichen mehr, die groß genug wären, zu künden, dass es jemals noch einmal besser wird.

Stimmen sind zu hören, wie aus einer anderen Welt. Sie erzählen vom Innehalten, vom Besinnen auf das, was immer wesentlich sein und bleiben oder doch bitte wieder werden sollte. Es sind Stimmen, die schon so lange verhallen, ungehört. Stimmen, die nie weniger gehört worden sind als jetzt. Nie waren sie utopischer, irrealer.

Stimmen, die immer leiser werden, weil alles um sie herum immer lauter wird und weil sie einer Spezies entspringen, die endgültig am Aussterben ist. Sie geht den Weg, den schon so vieles Leben auf diesem Planeten einschlagen musste. Sie wird nicht die letzte sein, die den Planeten noch sieht, sehen muss, wenn er endgültig vergeht, wenn nur noch Schreien ist. Das ist ihr letzter Trost.

So gehe auch ich. Lange schon habe ich bemerkt, dass das Fortgehen um mich herum längst begonnen hat. Am Fortgehen von mir ist es mir aufgefallen, das mehr und mehr wird. Auch wenn wir in verschiedene Richtungen zu gehen vermeinen, weil wir uns trennen, bleiben wir doch für immer eine Herde. Das freilich tröstet nicht.

Denjenigen, die immer von einem anderen Leben, einem Leben danach, gesprochen haben, gehen die Argumente aus.

Es war schon immer skurril, dass Schafe unter Schafen glaubten, eine höhere Weisheit verkünden zu können oder gar zu haben als die anderen. Gott war auch immer nur ein Mensch, nicht weiser und nicht besser als die anderen, von denen er gemacht war. Und nun stirbt er auch. Und mit ihm das Gewissen, das er sein sollte und vielleicht sogar wollte. Das ist das Schlimmste von allem: Dass das Gewissen stirbt.

Es fliegt dahin in und mit den Vögeln, die immer noch zwitschern und Lieder singen durch das finstere Regengrau hindurch. Es versickert, von leise klingenden oder wild schäumenden Wellen getragen, an und in den Ufern, von denen ich einige immer noch schaue, weil mir das Verloren gehen zwischen ihren vielen kleinen und kleinsten Kieseln ein bisschen Geborgenheit schenkt.

Es ist die letzte Geborgenheit, die ich auch in den immer noch erblühenden Blumen finde, wie dem zarten Huflattich, der sich zwischen hartem Gestein an einem Naturstrand seinen Weg zum letzten Licht gebahnt hat. Was für ein berührender Moment, in dort gefunden und gespürt zu haben, die Kraft seiner Zartheit und, dass sein Erblühen von einer der leisen Stimmen begleitet war. Und Geborgenheit fand ich so auch in den Wellen, die diese Metapher verstanden und aufgenommen zu haben schienen, denn sie klangen als eine kleine Melodie zwischen den Kieseln, die sie am Ufer bewegten.

Jene, die sich besser und gleicher dünken als andere (und wer tut das eigentlich nicht?) hören nicht auf, einander übertönen zu wollen. In dem einen, dem einzigen Klang, den sie alle anstimmen, rufen, schreien, brüllen. Kein Ohr und kein Platz für Fragen nach anderem. Es gilt und gibt nur eine Wahrheit. Auch wenn so viele sie gar nicht verstehen. Aber sie sind längst so sehr zum Glauben erzogen, zum Glauben aus Bequemlichkeit. Da braucht es kein Gewissen mehr und es gibt auch keinen Platz mehr dafür.

Du gehst dahin, blauer Planet. Dahin, wo jene, denen du anvertraut warst, dich hinführen. Du kannst dich nicht wehren. Selbst wenn du es wolltest, nicht.

Verzeih mir, dass ich diese Wehrlosigkeit so sehr empfinde, dass ich ein Teil von ihr werde. Mehr und mehr. Die Kräfte, denen ich noch vertrauen kann, sind, wie der Huflattich, sanft und mutig noch, aber zu schwach der gebrüllten „Wahrheit“ tatsächlich widerstehen zu können.

Wenn meine Hoffnung noch nicht gestorben ist, so ist sie doch begraben. Lebendig begraben.

Und genauso lebe ich noch.

Begraben.

***

Steiner und Madlaina sind ein weibliches Duo aus Zürich in der Schweiz, das gemeinsam mit einer Band spielt.

Ich habe vor längerer Zeit schon einmal ein Lied der beiden Frauen hier in meinem virtuellen Tagebuch geteilt und bin seither immer wieder zurückgekehrt zu den beiden Musikerinnen und Songschreiberinnen, die nach wie vor viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Denn ihre Lieder sind, jedes auf seine Weise, kleine Meisterwerke, brillant. Aussagekräftige, zum Nachdenken inspirierende Texte, eingängige, aber keine Allerweltsmelodien.

Ein neueres, sehr illustrierendes Beispiel für ihr beeindruckendes Schaffen ist das Lied „Prost mein Schatz“, eine starke Momentaufnahme von Befindlichkeit in diesen Zeiten …

Steiner & Madlaina – „Prost mein Schatz“

Tagebuchseite -972-

Eine Seite, die nicht geschrieben werden wollte …

… ist die, die nun hier geschrieben steht. Ich habe sie gegen meinen Willen geschrieben, vor allem aber gegen mein Vermögen zu schreiben.

Schreiben, so wie ich es will, wie ich es möchte, kann ich nur, wenn ich eine ganz bestimmte Freiheit habe. Jenen Raum und jene Zeit, die Inspiration schenkt oder bewusst macht. Inspiration, ICH sein zu können in und zwischen den Zeilen durch die Art wie ich schreibe über die Themen, Fragen, Geschehnisse oder Fantasien, die mich bewegen.

Dieser Raum und diese Zeit aber sterben mit jedem Tag mehr. Ich sehe, höre, fühle die Welt sterben und mich. Ich bin voller Sorgen, so voller Angst und Einsamkeit, voller Ohnmacht. Mein Atmen ist zu einem Ringen nach Luft geworden.

Wie soll man, wie soll ich so schreiben können?

Ich schreibe trotzdem und schreibe gegen meinen Willen, weil es heute schon wieder so eine schlimme Nachricht gegeben hat. Eine von jener Sorte, die mir den Boden unter den Füßen wegziehen, die mich sprachlos werden lassen, mich in Schockstarre versetzen. Sie war, sie ist so fürchterlich nah, heute Nachmittag schlug sie neben mir ein …

Irgendetwas in mir spricht, dass es wohl mit dem Jahr 2008 begonnen hat, mit dieser Art Nachrichten, mit dieser Art des Erlebens für mich. Seither sind solche Nachrichten, solches Erfahren und Erleben immer mehr und mehr geworden und ihre Frequenz hat sich beständig beschleunigt. Und zwei Dinge machen diese Nachrichten und diese Geschehnisse aus:

Mich verlassen Menschen, wichtige, nahe Menschen, auf diese oder jene Weise, aber jeweils für immer und meine Lebensräume, die großen, wie die kleinen, die gesellschaftlichen wie die privaten, werden immer unwirtlicher, fremder, beängstigender, verstörender. Und nichts, wirklich nichts hilft, dem Einhalt zu gebieten.

Ich versuche, in mir selbst Trost zu finden und Liebe, weil um mich herum immer weniger davon ist. Und ich bemerke, dass ich kaum noch zu lachen imstande bin. Wenn ich es noch tue, dann für die Kinder, die mir anvertraut sind. Ich ermahne mich zu lachen, damit ich sie nicht am Ende verunsichere oder gar erschrecke. In meinem Inneren ist jedes Lachen erloschen.

Heute habe ich während eines meiner aktuell an Donnerstagen möglich seienden Verzweiflungsspaziergänge um die frühe Nachmittagszeit da und dort Blumen gesehen. Jede einzelne war schön und hat mich darum traurig und trauriger gemacht, weil ich so sehr spürte, wie jede einzelne dieser zarten Schönheiten Trost und Liebe für mich sein wollte.

Das war, bevor jene schlimme Nachricht kam …

Nahezu alles, was von außen auf mich einwirkt und das, was von meinem Leben übrig geblieben ist, betrifft, verunsichert mich zutiefst, löst Ängste in mir aus. Ich finde, obwohl mir etliche Strategien dafür beigebracht worden sind, keine Mittel mehr, mich dagegen zu wehren, dem etwas entgegenzusetzen. Keine Mittel und keine Kraft. Ich versuche, es geschehen zu lassen, es hinzunehmen, durchzuhalten.

Um den Kindern, die mir anvertraut sind, weiter möglichst jeden Tag von dem Lachen zu geben, das in mir selbst erloschen ist. Um den Menschen, die sich noch um mich bemühen, die mir noch nahe sind, wenigstens eine Erfahrung jener Art zu ersparen, die mir so zusetzen, dadurch, dass ich nicht selbst zu so einer Erfahrung werde. Und um, immer noch, Liebe zu geben …

Nein, diese Seite wollte nicht geschrieben werden, nicht von mir.

Und sie wollte auch nicht beschrieben werden. Nicht so.

Ich will nicht so schreiben.

Es tut mir leid.

***

Anna Erhard stammt aus der Schweiz, lebt aber nun schon einige Jahre in Berlin. Zuvor war sie als Sängerin der Band „Serafyn“ unterwegs. Das folgende Lied, ihr Debüt als Solosängerin, wurde mit Pola Roy von „Wir sind Helden“ als Produzenten in Berlin-Kreuzberg aufgenommen. Ich mag das Stück sehr – es ist irgendwie eigen und originell, schön anzuhören und von einer Leichtigkeit, auf die auch der Text hinweist, nach der ich mich so sehr sehne …

Anna Erhard – „Short Cut“

Tagebuchseite -971-

Brief an meinen Vater

Du bist immer noch bei mir und Du wirst es immer bleiben. Ganz nah bist Du bei mir.

Ein gutes halbes Jahr ist vergangen, seitdem Du aber nicht mehr auf der Erde wohnst.

Die Wohnung, die Du jetzt hast, ist in meinem Herzen. Ich kann Dich so jederzeit besuchen und das tue ich wahrlich mehrmals am Tag. Das ist schön und das ist so sehr wichtig für mich. Aber es ist eben auch sehr anders als früher.

Ich kann Dich nicht mehr umarmen, es kommen keine neuen Bilder gemeinsamen Erlebens mehr hinzu und Deine Antworten auf meine Fragen kann ich mir nur noch vorstellen. Manchmal male ich mir aus, dass Du aus meinem Herzen heraus versuchst, mit mir zu sprechen, dass Du alle Anstrengung aufbietest, dafür, dass ich Dich hören könnte. Ich weiß, dass Du mir immer noch alle Unterstützung geben würdest, ganz unmittelbar. Aber nun kannst Du das nicht mehr. Und das macht mich traurig, traurig vor allem darüber, dass Du es immer noch so sehr gern tun würdest.

Ich habe so viele Fragen an Dich. Die Welt ist noch viel mehr aus den Fugen, seitdem Du nicht mehr auf der Erde wohnst. Einerseits bin ich froh, dass Du nicht mehr erleben musst, dass in Europa nun wieder ein großer Krieg begonnen hat (Wie viele Erinnerungen das wohl in Dir wachgerufen hätte an das Damals als Du mit 16 Jahren noch in die Wehrmacht eingezogen wurdest?). Andererseits wäre es mir so wichtig, gerade mit Dir über die aktuellen Geschehnisse sprechen zu können.

Ich tue das nun auf meine ganz eigene Weise, ganz leise, nur zu Dir in mein Herz hinein. Ich fühle dann Nähe, Nähe zu Dir, der Du immer Frieden so sehr gedacht und gelebt hast, wie es wohl nur sehr selten vorkommt. – Am Tag Deines Begräbnisses, als ich ein paar Worte an die Trauergemeinde richtete, habe ich unter anderem gesagt: „Wenn alle Menschen wie mein Vater wären, wäre niemals Krieg auf der Welt.“

Ich denke in diesen Tagen auch oft an Mutter, Deine zweite Frau. Im Alter von vier Jahren stand sie nach tagelanger Flucht mit ihrer Mutter, meiner so geliebten Oma Leni, gerade so einem verschütteten Luftschutzbunker entronnen, im bloßen Nachthemd mitten im brennenden Dresden. Eine Sirene konnte sie ihr ganzes Leben lang nicht mehr hören, ohne eine Gänsehaut zu bekommen.

Die Menschen lernen nicht. Und sie vergessen so schnell.

Ich würde gerne wissen, wie Du über die Ursachen des aktuellen Krieges denkst, denn meine Meinung dazu, traue ich mich kaum noch öffentlich zu sagen. Das, was die meisten maßgeblichen und tonangebenden Medien und Politiker dazu sagen, ist mir viel zu schematisch, zu einfach, zu bequem und ja, auch zu heuchlerisch.

Dauernd gerate ich auch in eine Rechtfertigungsposition, wenn ich etwa Unterschiede in unserem Verhalten zu Flüchtlingen thematisiere. Den einen begegnen wir (zumindest derzeit) mit offenen Armen, die anderen lassen wir im Mittelmeer ertrinken.  Die einen sind „doch ungefähr wie wir“, die anderen sind halt schwarz oder arabisch oder muslimisch oder gar alles zusammen.

Und gab es in den letzten Jahren wirklich nur diesen einen, den aktuellen Krieg in Europa?

Und was ist mit all den vielen anderen Kriegen auf der Welt, die großenteils auch mit Waffen aus Deutschland geführt werden?

Wann, wo und durch wen ist wie oft in den Jahren nach dem II. Weltkrieg das Völkerrecht gebrochen worden? Ich höre allerdings insoweit seit ein paar Wochen beständig nur noch einen einzigen Namen. Und ich finde es furchtbar, dass auch in Deutschland nun nahezu unisono gemeint wird, ein neues Wettrüsten beginnen zu müssen, und ich verstehe beim besten Willen nicht warum – die vorhandenen Waffen, vor allem die nuklearen, reichen doch jetzt schon aus, alles Leben auszulöschen und unseren Planeten mehrmals unbewohnbar zu machen.

Ich kann und darf das alles kaum sagen, muss es bei mir, in mir, behalten. Keineswegs nur auf meiner Arbeit, wo mir Kinder anvertraut sind, die ich nicht überfordern darf und will und denen gegenüber ich eine besondere Verantwortung trage.

Werde ich der gerecht, wenn ich verschweige, welche Fragen mich bewegen, welche Meinungen ich in mir trage und warum das so ist, wenn ich mich über eine Friedenstaube oder das „Peacesymbol“ mehr freue als über die blaugelben Fähnchen allüberall, auf Kapitänsarmbinden, Krawatten, jenem Gebäck, das unter dem Namen „Amerikaner“ verkauft wird usw. und wenn es mich schaudert, wenn ich davon erfahre, dass in einer Landeshauptstadt in Deutschland der rote Stern der sowjetischen Armee, die in Hauptsache den faschistischen von Deutschen angezettelten II. Weltkrieg beendet hat, mit den ukrainischen Landesfarben übermalt worden ist?

Ich weiß es nicht und bin also lieber still, obwohl ich das meist nicht richtig finde. – Und ich verfolge das solidarische Treiben nicht weniger meiner Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, das die Mehl- und Öl-, und Konservenregale in den Discount- und Supermärkten leerfegt, um auf den „Ernstfall“ vorbereitet zu sein, wie ich es heute in einer Tageszeitung lesen durfte.

Und irgendwie verstehe ich die Welt so gar nicht mehr.

Würdest Du sie noch verstehen? Was würdest Du zu all dem sagen? Manche Antwort von Dir meine ich hören zu können, auch wenn Du nun nicht mehr zu sprechen vermagst. Aber ich würde doch so gern wieder und richtig mit Dir reden können. Allerdings keineswegs nur über all das so Schwere und Krude. Viel lieber über all das Schöne, was uns beide für immer verbindet.

Diese Gespräche haben uns beiden immer so richtig gutgetan.

Es ist schön, dass Du da bist, da bleibst, bei mir, in meinem Herzen, Vati.

Du fehlst mir so …

***

Oskar Haag ist 16. 16! Und er ist Schüler. Aus Klagenfurt in Österreich. Während des Corona-Lockdowns hat er begonnen, Lieder zu schreiben, ohne selbst Noten lesen zu können. Öffentlich abrufbar ist bisher nur seine bisher einzige Single. Aber die ist ein Meisterwerk! Ich bin sehr gespannt, was da noch kommen wird …

Oskar Haag – „Stargazing“

Sammelsurium -125- (Sechs Sprüchlein, ein Schnipsel und ein Lied)

Die gegenwärtigen Zeiten lassen mein Gedankenkarussell immer und immer schneller kreisen. Einiges dessen, was ich dabei erdacht habe, ist wieder in kleine Notate geflossen, die ich nun meinem Tagebuch und jenen, die darin mitlesen, anvertraue:

Letztlich wird und  ist man doch immer von Menschen enttäuscht. Eine andere Art der Enttäuschung gibt es gar nicht.

*

Schuld von Einem ist die Absolution für alle Anderen. Es sei denn, von diesen Anderen hat da noch jemand Fragen oder gar eine abweichende Meinung. Der ist dann auch schuld. So einfach ist das.

*

Man kann an den eigenen Tränen ertrinken. Vor allem, wenn es immer wieder viele sind und man sie überwiegend nach innen rinnen lassen muss.

*

Das neueste, das aktuellste Problem ist heutzutage jeweils immer das einzige. Was die anderen betrifft, sorgen vor allem die Medien, aber auch wir selbst regelmäßig für kollektives Verdrängen und Vergessen. Das ist freilich ein ganz fatales Verständnis von Selbstfürsorge.

*

Was macht am Ende den Wert des Daseins von einem aus, der mutmaßlich nie gewusst hat, was im Leben „richtig“ ist?

*

Wenn nur erst ein Schuldiger gefunden ist! Dann braucht es weder Reflexion noch Eingeständnis von eigenen Fehlern, eigenem Versagen und unzureichendem eigenen Verantwortungsbewusstsein in der Vergangenheit.

**

Schnipsel (22)

Längst hatte sie ihr Buch geschlossen und neben sich auf die Bank gelegt. Sie bemerkte kaum noch, wie der Wind sanft über ihre Haut strich und die letzten Sonnenstrahlen des Tages noch ein bisschen Wärme und Farbe in ihr junges Gesicht zu malen versuchten.

Ihr Blick war nun schon lange in eine unbestimmbare Ferne gerichtet. Und in ihren Augen glitzerte etwas von jenem Wasser, dessen Quellen  die Leere am Ende wiederkehrender Alltage, die Einsamkeit nach fruchtlosen Auseinandersetzungen, die Sehnsucht nach dem Erfahren des Zerbrechens aller Träume und die Trauer, die mit Verlorengehen von Geliebtem und Gewünschten und schließlich von sich selbst einhergeht, sind.

Nie war sie ratloser und verzweifelter gewesen, nie so sehr in Ohnmacht. Und nie war ihr aller Sinn so umfassend abhandengekommen, wie am Ende dieses Tages.

Der Gedanke, dass auch ein junges Leben, an jedem Tag sein Ende finden kann, war ihr noch nie so nah, so bewusst und so selbstverständlich gewesen.

Viele Minuten waren wohl so verstrichen, als irgendwann das Geräusch sich verlangsamender kurzer Schritte in ihr Bewusstsein drang. Schritte eines kleinen Mädchens mit einem Rucksack, die soeben verklangen, weil das Mädchen sich auf den Boden vor seinen Rucksack gekauert hatte, um ihm zwei Äpfel zu entnehmen. Den größeren, schöneren hielt sie ihr, aus deren Augen sich gerade zwei Tränen gelöst hatten, hin und mit einem schüchternen, aber strahlenden Lächeln sagte es: „Bitte, der ist für dich. Damit du nicht mehr so traurig bist.“

Sie wischte etwas unbeholfen die beiden Tränen weg und schaute das kleine Mädchen etwas ungläubig an. Aber sie wusste in diesem Augenblick, dass, wenn alles nichts mehr galt, nichts mehr wert war und sinnlos schien, immer noch grundehrliche Aufrichtigkeit aus dem spontanen Lächeln eines Kindes geboren werden würde. – Vielleicht war dies die einzige Aufrichtigkeit.

Und so lächelte sie zurück und dankte der Kleinen. Für die beiden Geschenke …

***

Silly Boy Blue alias Ana Benabdelkarim ist 26 Jahre alt. Sie wurde 1996 in der Stadt Nantes in Frankreich geboren. Ana widmet sich dem Schreiben ihrer eigenen Songs, nachdem sie sich im Alter von 19 Jahren seine Sporen als Sängerin, Keyboarderin und Bassistin bei der Band „Pegase“ verdient hatte.

Ihr Künstlername „Silly Boy Blue“ geht auf den Song „Silly Boy Blue“ von David Bowie zurück. Seit ihrer Kindheit hört Ana Benabdelkarim David Bowie-Songs.

Silly Boy Blue ließ ihrer Debüt-EP „But You Will“ im Jahr 2018 eine Reihe Hits im Jahr 2020 folgen, mit denen sie ihren ätherischen Indie-Pop-Sound weiter pflegte und entwickelte.

Das Stück „The Fight“ stammt von ihrer Debüt-EP:

Silly Boy Blue – „The Fight“

Tagebuchseite -970-

Wenn Wladimir Putin sich schlafen legt …

Es gibt grundsätzlich einen Moment an jedem Tag, während dem ich, egal wie es mir geht, ganz bei mir und sehr, sehr dankbar bin. Dieser Moment tritt immer auf dieselbe Weise ein. Und zwar genau dann, wenn ich am Abend niederlege, die Bettdecke über mich ziehe und meine beiden Handflächen auf meine Brust lege.

Es ist dies der Augenblick des Ausstreckens, des kurzzeitigen Verlierens aller Spannung, des Spürens eines Ortes der Geborgenheit. Ein paar Atemzüge lang ist nichts anderes da als dieses Fühlen, keine Pflicht, keine Forderung, kein Termin. Nur ich bin da unter meiner Bettdecke, unter der sich langsam eine Wärme ausbreitet, die wie ein Behüten daherkommt.

In diesem Moment weiß ich, wie an keinem anderen des Tages, wer ich bin, was mir etwas bedeutet, worauf es mir ankommt. Mir ist bewusst, wie froh ich sein kann, diesen Augenblick zu haben, dass er etwas Besonderes ist, dass viele Menschen nicht einmal so einen kurzen Moment zu erspüren vermögen, weil sie in Krankheit, Hunger, Krieg oder sonstigem Leid gefangen sind. Darüber durchströmt mich eine große Dankbarkeit für dieses Geschenk des Bewusstwerdens einer Geborgenheit, einer Erdung, eines Friedens.

Vor allem während der letzten Tage ist  mir immer wieder der folgende Gedanke durch den Kopf gegangen:

Wie ist das bei anderen Menschen, die womöglich zwar einen zehrenden, fordernden, entbehrungsreichen und anstrengenden Alltag zu bewältigen haben, die familiär ge- oder überfordert sind, auf deren Schultern bisweilen viel zu viel Verantwortung lastet, die aber immerhin in Frieden, nicht schwer erkrankt, nicht in Hunger oder existenzieller Not leben? Haben sie auch mindesten einen solchen Moment wie ich, so einen erdenden, in dem sie letztlich nur bei sich sind, der bewusst macht, dass man ungeachtet mancher Unannehmlichkeit, mancher Ungerechtigkeit, doch immer noch geborgen, ja privilegiert ist?

Und schließlich geschah es wie von selbst, dass dieser Gedanke, diese Fragen einen weiteren, womöglich merkwürdigen, skurrilen oder gar verrückten Weg nahmen:

Was empfinden bestimmte „exponierte Personen“, wenn sie abends die Beine hochlegen, um sich zur nächtlichen Ruhe zu begeben, die Decke über ihren Körper ziehen, die Geborgenheit vermittelnde Wärme sich ausbreitet, wenn sie für einen Moment ganz für sich sind oder sein können. Sein könnten. Denn sind sie es? Nehmen sie diesen Augenblick so wahr wie ich, vermögen sie das, vermögen sie dankbar zu sein aus der Tiefe einer eigenen Erdung, aus dem Bewusstsein des eigenen privilegiert seins heraus?

Wie ist das bei einem narzisstischen Chef, der sein Personal nur als sein Kapital, als einen Firmenfaktor, ein Ding sieht, es ausbeutet und schikaniert? Wie ist das bei einem Ölscheich, der in seiner eigenen wasserhahnvergoldeten Welt lebt, wie bei einem skrupellosen Finanzspekulanten, für den die Börse und das „Setzen“ auf den Verlauf des Elends in Regionen Afrikas seine „Arbeit“ ist. Wie ist das bei despotischen, fundamentalistischen Herrschern und Politikern wie Trump, Erdogan oder Bolzonaro?

Und wie ist das bei Wladimir Putin, wenn er sich dieser Tage schlafen legt?

Hätte er einen Krieg beginnen können, wenn er so einen Moment empfinden würde, wie ich ihn allabendlich empfinde? Selbst dann, wenn er sich zuvor und weiterhin ungerecht behandelt und  bedroht, eingeengt und verhöhnt, vielleicht auch resigniert und überfordert gefühlt hat und fühlt?

Wann, wie und wodurch verliert ein Mensch seine Dankbarkeit? Wann und wie verliert ein Mensch, der selbst nicht in existenzbedrohendem Leid, in schwerer Krankheit lebt bzw. zu leben gezwungen wird oder gezwungen wurde, den Frieden? Wann und warum verliert er seine Erdung, die ihn sich auf den Wert von Dankbarkeit und Frieden besinnen lässt. Für sich und für andere Menschen?

Ich bin grundsätzlich kein Mensch, der irgendeinem anderen Menschen oder auch „nur“ Lebewesen, etwas zuleide tun möchte. Am allerwenigsten könnte ich es aber in  und aus dem Moment bzw. in dem Bewusstsein meiner Erdung heraus.

Warum ist das bei Wladimir Putin offenbar nicht so? War es einmal anders?

Bin ich sehr naiv, wenn ich mir solche Gedanken mache, mir solche Fragen stelle?

Auch wenn es für mich Gedanken und Fragen nach dem Anlass von Kriegen, und nun Fragen nach dem konkreten Anlass für diesen Kriegsbeginn sind?

Für mich steckt der Anlass für einen Kriegsbeginn (nicht zu verwechseln mit der oder den Ursachen für den jeweiligen Krieg) immer in der Seele des oder der Menschen, die schließlich den entscheidenden Befehl geben. Ich kann mich allerdings nicht mit der Antwort abfinden, dass es eben kranke Seelen sind, die letztlich so einen Befehl geben und einen Krieg veranlassen.

Ich gestehe, dass mir das wirklich als zu einfach, zu lapidar, zu bequem auch, erscheint.

Und ich gestehe weiter, dass ich einen Wunsch für Wladimir Putin habe, einen zutiefst friedlichen, geerdeten Wunsch.

***

Wilco ist eine schon etliche Jahre bestehende US-amerikanische Indie-Pop-Band. Einer meiner Lieblingssender spielt tatsächlich gelegentlich Indie-Musik. Das nachfolgende Stück, dessen Text für mich irgendwie ein bisschen zu meinen Gedanken heute passt, habe ich gerade heute am späten Nachmittag zu ersten Mal gehört.

Wilco – „If I ever was a child“

Tagebuchseite -969-

Vom Fliehen in mir (Gedanken zum Beginn  eines Krieges)

Ich kann es schon lange nicht mehr zählen, nicht mehr fassen, nicht mehr verarbeiten, wie viel aus meiner Sicht Widersinniges, Unmenschliches, Verantwortungsloses auf dieser Welt geschieht.

Es ist Donnerstag, der 24. Februar 2022, 20.51 Uhr. – Dass gerade „Germanys Next Topmodel“ auf einem privaten Fernsehsender läuft, war für mich nie absurder als in diesem Augenblick. Noch absurder, noch widersinniger für mich ist, dass heute, jetzt, um diese Zeit, jemand diese Sendung anschauen kann. Meine Kernfamilie tut es. Wie jeden Donnerstagabend, wenn sie läuft. Und sie läuft unendlich zu viele Wochen lang … Kaum etwas ist mir ferner als das. Meine Kernfamilie ist mir gerade sehr fern …

Ich möchte und kann gerade gar nichts sehen. Auch keine Nachrichten. Dort wird vom Krieg Russlands gegen die Ukraine berichtet. Wie jeder Krieg ist es ein Krieg gegen Menschen. Und vor allem Menschen, die diesen Krieg nicht gewollt haben und nicht wollen, werden für ihn bezahlen müssen, auch mit ihrem Leben. Kein Krieg ist durch irgendetwas zu rechtfertigen. Jeder Krieg ist Inkarnation von Unmenschlichkeit. Dieser Krieg, der heute begonnen hat, ist besonders verstörend für mich, er ist ein Krieg in der Nachbarschaft. Er ist nah!

Auf die Frage, wer die Verantwortung für diesen Krieg trägt, schallt mir ganz einhellig eine Antwort entgegen. Eine Antwort, die aus einem einzigen Namen besteht. Und ich nehme wahr, dass alle zustimmen. Der Schuldige ist ausgemacht, er trägt die Verantwortung. Er allein.

Eine einfache Antwort auf eine vermeintlich einfache Frage. Wie so oft. Die Welt wird ausschließlich in Schwarz und in Weiß gesehen.

Unstrittig ist, wer diesen Krieg begonnen hat. Unstrittig ist, wer der Aggressor ist und unstrittig ist auch, dass auch dieser Krieg, schon gar nicht in dem Ausmaß, das er von seinem Beginn an verkörpert, in keiner Weise zu rechtfertigen ist. Für all das steht jener Name, der gerade allgegenwärtig genannt wird.

Nicht unstrittig ist hingegen die Frage nach der Verantwortung dafür, dass es zu diesem Krieg gekommen ist, nach Schuld bzw. Mitschuld daran, dass dieser Krieg nun tatsächlich schreckliche Realität ist. Nicht, wenn man die Vorgeschichte dieses Krieges, die letzten 33 Jahre zurückblickend tatsächlich differenziert und kritisch anschaut und hinterfragt, die Geschichte der Beziehungen „des Westens“ zur untergehenden Sowjetunion bzw. zu Russland und umgekehrt.

Ich vertrete zu dieser Frage eine mutmaßlich sehr unpopuläre Ansicht, nämlich die, dass die USA, die Staaten, die der NATO angehören, mithin auch Deutschland, in dem ich lebe, und also „der Westen“ ein hohes Maß an Verantwortung und Schuld bzw. Mitschuld daran trägt, dass die Entwicklung während all dieser Jahre nun bis hin zu diesem Krieg geführt hat.

Wohin geht diese Welt, auf der mir mein Leben geschenkt worden ist?

Eine Welt, in der auf immer komplexer werdende Fragen schon lange, mit den Jahren und Jahrzehnten aber immer häufiger mit unverändert „einfachen“ Antworten reagiert wird. Mit Antworten aus schwarz und weiß.

Sie geht in Richtung Klimakollaps, in Richtung immer größer werdender sozialer Ungleichgewichte, in Richtung weltumspannender Pandemien, in Richtung kriegerischer Auseinandersetzungen, die immer zahlreicher, subtiler werden und immer näher kommen. Ja, dahin geht sie.

Und wo wird sie enden?

Eine einfache Frage, von der ich inständig hoffe, dass sie sich nur vermeintlich als einfach erweist. Denn sonst gäbe es wohl tatsächlich nur noch eine Antwort auf sie …

Mir ist sehr, sehr kalt auf dieser Welt, meinem Geschenk, so als wenn in böser Vorahnung mein Leben aus mir und also dieser Welt weichen, fliehen möchte. Vor so viel Widersinn, Unmenschlichkeit und Verantwortungslosigkeit.

***

Marlene Dietrich – „Sag‘ mir wo die Blumen sind“

Tagebuchseite -968-

Über Weisheit der Morgenröte und Schönheit des Unsichtbaren

Was ein Tag verheißt, erkennt man nicht an seiner Morgenröte. Einer alten Bauernregel folgend, ist sie sogar ein Hinweis auf schlechtes Wetter. Was sich freilich keineswegs als generell richtig erweist.

Junge Schönheit und alte Weisheit vermögen folglich wohl gleichermaßen trügerisch zu sein. So scheint die von Mancher und Manchem gepredigte Binsenweisheit, dass man sich nur auf die eigene Erfahrung verlassen könne und solle, offenkundig die einzig richtige Erkenntnis zu sein.

Aber ist nicht auch das letztlich ein übereilter Schluss?

Ist es nicht vielmehr so, dass selbst gemachte Erlebnisse und Begegnungen und daraus abgeleitete Erkenntnisse mal Bestätigung und mal Widerlegung erfahren können und also nicht richtiger oder unrichtiger, nicht wahrer und nicht unwahrer sind als junge Schönheit und alte Weisheit?

Wir glauben so viel zu wissen, dabei wissen wir viel weniger als wir glauben. Das ist im Zweifel sehr schwer einzusehen, je schwerer, desto älter man wird. Ich nehme mich da nicht aus.

Auch eine größere Anzahl an selbst gemachten Erfahrungen ist kein Persilschein für richtige Erkenntnisse oder ein sich Annähern an das, was „wahr“ ist. Und das ist keinesfalls nur deshalb so, weil unsere Zeit heute so schnelllebig ist und neue Erkenntnisse und neues Wissen sich exponentiell vervielfachen. Es liegt mindestens ebenso häufig in Selbstgefälligkeit und Arroganz vor allem von Menschen, die älteren Generationen angehören, begründet.

Nahezu jede Sekunde unserer Zeiten erzählt mittlerweile davon. Wer hinhören möchte, kann es hören!

Nicht jeder Tag beginnt mit einem Morgenrot. Schönheit ist nicht immer offensichtlich und manchmal ist sie zu hören, zu fühlen, zu spüren und bleibt doch einzig dem Auge verborgen. Ist sie deshalb weniger Schönheit?

Oder sie offenbart sich erst später als solche, weil sie zuvor zu schwach, zu unsicher, zu bescheiden oder gar gefangen war.

So vielen ist die Geduld verloren gegangen, die Geduld wirklich hinzuhören, hineinzufühlen, zu erspüren, der Mut dies zu tun, in Stille. Wer leiser ist, hat meist schon verloren heutzutage.

Das vermeintlich Offensichtliche ist das Wahre! Das „vermeintlich“ gestrichen, steht so das Credo der modernen Zeiten geschrieben. Derjenigen Zeiten, die das Oberflächliche und Laute, das Glitzernde und Materielle zum Erstrebenswerten verkünden in den immer mehr werdenden Medien, in denen Jeder und Jede Journalist sein darf, derjenigen Zeiten auch, die sachliches, kritisches Hinterfragen und allein den Hinweis auf die große Komplexität all dessen, was mit Mensch und Welt zu tun hat als suspekt degradieren. Derjenigen Zeiten, in denen das Junge schön und das Alte weise ist bzw. zu sein hat und die von der Weisheit der Morgenröte und der Schönheit manches Unsichtbaren nichts wissen wollen

*

Die Tiefe und Schwere meiner Gedanken, auch dieser heute, misst sich oft am Grad meiner inneren Unruhe. Und wenn diese, wie heute, immer größer wird, dann werden es auch die tiefen und schweren Gedanken.

Der Grund meiner sich aktuell immer weiter steigernden Unruhe ist, dass sich ab morgen für mich wieder der Alltag eröffnet in all seiner Ganzheitlich- und Unmittelbarkeit, die das „normal“ gewordene Leben nunmehr ausmacht. Das Leben in unseren modernen Zeiten, vor denen ich mich mit jedem Tag ein bisschen mehr fürchte …

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Ein Lied vom Loslassen einer Liebe, die keine mehr ist, vom Finden einer neuen, dadurch, dass man nicht aufhört zu gehen, in Bewegung zu bleiben. Das ist ungefähr der Inhalt und die Botschaft des Liedes „Walk Walk“ von Sylvie Kreusch, einer 1991 in Antwerpen geborenen Sängerin und Songschreiberin aus Belgien. Es ist eines ihrer aktuellen Stücke von der EP „Montbray“.

Sylvie begann ihre musikalische Laufbahn bereits im Jahr 2007, der Weg zu etwas größerer Bekanntheit und Popularität war für sie wie für so viele Independentkünstler freilich ein langer und beschwerlicher. – Das Lied hier mag ich sehr, es kommt mit jener gewissen Leichtigkeit daher, die ich nicht als aufgesetzt, sondern viel mehr als tröstlich und eine lieb gemeinte Einladung empfinde.

Sylvie Kreusch – „Walk Walk“

Tagebuchseite -967-

Realität des Imaginären

Ich bin immer wieder ziemlich naiv. Hatte mir gedacht, dass das doch ganz einfach wäre: Ich schließe die Tür und lasse den Alltag zurück, draußen, ausgesperrt. Und es wird gut. Oder wenigstens besser, solange ich die Tür nicht wieder öffnen muss.

Ein paar Tage standen in Aussicht, sich auf den üblichen Alltag nicht einlassen zu müssen. Von meiner Seite bin ich das dann auch entsprechend angegangen. Nur der Alltag hat sich nicht daran gehalten. Die Tür hat ihn gar nicht interessiert. Er war längst da, er war gar nicht weg, ging nicht weg. Er blieb einfach.

Seelentüren sind nur imaginär. Sie schließen nicht. Was einmal durch sie hindurch bis zur Seele gelangt ist, bleibt dort, für immer, geht nicht wieder, ist allenfalls für kurze, längere oder auch mal ganz lange Zeit verborgen, nicht spür- oder wahrnehmbar. Aber es kann jederzeit wieder erscheinen, spür- und wahrnehmbar werden. Und wie!

Vor allem meine letzten Nächte erzählen wieder einmal schlimme Geschichten davon. Geschichten, in denen ich immer die Hauptrolle spielen muss, dort, wo ich sonst bin, sein muss, wo ich arbeite oder wo ich mich sonst noch so zu bewähren habe. (Das ganze Leben ist Bewährung.) Und jedes Mal sind es Geschichten des Bedrängt seins, des Versagens, der Ausweglosigkeit.

Meine Unruhe wird immer stärker. Die Tür zum Alltag beginnt sich langsam wieder zu öffnen. Ich suche nach Licht. Aber Tage und Nächte gleichen sich. Ihre Farbe ist dieselbe und sie ist dunkel. Die Empfindungen in ihnen sind es auch.

Als ich kürzlich bemerkte, dass selbst die Farbe der Tagträume keine hellere mehr werden wollte, machte ich mich auf den Weg. Draußen finde ich fast immer ein oder mehrere kleine Indizien für Freude. So war es auch diesmal. Aber die kleinen Freuden machten mich letztlich immer trauriger, weil ich sie nur in Gedanken teilen konnte.

Fast verzweifelt ging ich immer weiter, darüber sinnend, dass ich mir noch etwas vorgenommen hatte. Dieser Plan hatte mir sogar etwas Vorfreude ins Herz gemalt.

Aber es sollte nicht sein.

Ich war so lange gegangen und ging an dem ersten Café vorbei. Und stand bald vor dem zweiten und schaffte wieder nicht, es zu betreten. Dem dritten schenkte ich nur noch einen flüchtigen Blick.

Ich KONNTE nicht hineingehen. Es fühlte sich an, als würde ich drinnen noch bedrängter sein, noch auswegloser für mich, als wäre es noch mehr Versagen, als draußen zu sein. Jede Frage nach meinen Wünschen hätte mich völlig sprachlos werden lassen.

So kehrte ich traurig zurück. Mit dem Alltag im Herzen.

Es ist, als stünde ich vor einem eisernen Tor. Ein Tor, vor dem ich schon einmal stand. Die kleine Tür, die damals, sehr verborgen, zunächst hinter unzähligen Zweigen mit Dornen, neben ihm zu erkennen war, und durch die ich schließlich ging, gibt es nicht mehr. Es war eine Tür aus meiner Seele heraus. Stattdessen ist da nun ein zweites eisernes Tor. Beide haben die Farbe meiner Tage und Nächte …

Von der Tür ist nur eine Ahnung geblieben. Etwas Imaginäres. Etwas, das nichts draußen lässt, aber alles bewahrt, was es einmal passiert hat. Und es weiter leben oder wieder auferstehen lässt, wann immer es will. Schrecklich real.

***

„Regen“ ist ein ganz aktuelles Gemeinschaftsprojekt zweier Bands aus Österreich.“Yukno“, von denen ich inzwischen viele weitere sehr interessante und hörenswerte Stücke entdeckt habe, lassen sich wohl am ehesten dem Indie-Dream-Pop zuordnen. „Girlwoman“, die mir (noch) unbekannter sind, sollen mehr in der Rave-Szene beheimatet sein.

Entstanden ist jedenfalls ein wunderschönes, etwas melancholisches Stück, das wieder einmal ein deutlicher Beleg dafür ist, dass die Popszene in unserem Nachbarland auf einem tollen, meines Erachtens aber viel zu wenig beachteten Weg ist. Beide Bands sollen sich übrigens, der Corona-Pandemie geschuldet, erst nach Fertigstellung ihres gemeinsamen Liedes erstmals persönlich begegnet sein …

Yukno & Girlwoman – „Regen“

Tagebuchseite -966-

Ein paar Zeitzeichen

Zeiten verrinnen und Träume. –  Ich höre den Menschen zu, wie sie miteinander reden. Lange muss ich nicht lauschen um zu bemerken, dass es eher ein übereinander reden ist. Die nicht dabei sind, tragen Verletzungen davon. Unbemerkt.

Hoffnungen sterben und Seelen erkranken. –  Mir fällt auf, wie sehr den Menschen daran gelegen ist recht zu haben und zu behalten. Das Reden wird immer lauter, bis es sich übertönt und nur noch Fetzen der Worte zu verstehen sind.

Ängste wachsen und Kräfte, die sie schüren. – In Menschengestalt postulieren sie ihre Wahrheit, fragen nicht nach anderen Meinungen, Argumenten und Einsichten oder verschweigen sie einfach. Die Schuld ist längst zugewiesen. Die einen Einwand haben, sind Verschwörer.

Sehnsüchte fliehen. – Und einige Menschen werden immer stiller. Sie haben nicht aufgehört zu sprechen, aber sie reden nach innen. So können sie einander finden, begegnen und versuchen, sich zu verstehen. Ihre Stimmen sind leise. Warme und schöne Stimmen …

*

Manchmal glaube ich, die Welt umso weniger zu verstehen, je älter ich werde. Ich habe in zwei Gesellschaftssystemen gelebt und bin gerade dabei auch im zweiten zu erfrieren.

Um mich herum wird nach dem „zurück zur Normalität“ gerufen, einer Normalität, die ich gar nicht wiederhaben möchte.

In der morgendlichen öffentlich-rechtlichen Rundfunksendung wird humorig unter der Hörerschaft ermittelt, was alles spießig sei. Nach einer halben Stunde kann ich resümieren: Alles ist spießig, was mit Einhaltung von Regeln zu tun hat, mit Ordnung und Ethik. – Ich bin ein Spießer, ein ganz großer!

Fassungslos, wie meistens, höre ich die nachfolgenden und alle weiteren täglichen Nachrichten und frage mich bange, wie lange die „maßgeblichen“ Politiker und Journalisten „des Westens“ wohl  noch den Krieg herbeireden müssen, bis er endlich ausbricht.

Sie haben ihre Wahrheit längst gefunden, fragen längst nicht mehr nach anderen Meinungen und Argumenten oder verschweigen sie einfach, haben die Schuld längst zugewiesen.

Und Menschen wie Gabriele Krone-Schmalz, Anke Vollmer, Daniela Dahn, Matthias Platzeck und andere sind vermutlich Verschwörer. Warum sonst lädt Anne Will sie eigentlich nie in ihre Sendung ein in diesen Zeiten?

*

Je stärker sich die Erde durch den Klimawandel erhitzt, je häufiger die Wasser über die Ufer treten und die Pole schmelzen, desto kälter wird die Welt und desto stärker verdorrt die Mitmenschlichkeit auf ihr und verhärten sich Standpunkte.

Zeiten verrinnen und Träume, Hoffnungen sterben und Seelen erkranken, Ängste wachsen und die Kräfte, die sie schüren und Sehnsüchte fliehen.

Ich suche Trost und Halt und Hilfe bei den leisen Stimmen …

***

Florian Künstler kommt aus Lübeck. Dort und anderswo war er als Straßenmusiker unterwegs. Im Jahr 2020 veröffentlichte er schließlich seine erste eigene Single mit einem ganz starken Lied. Wer hat je einen innigeren, intensiveren, berührenderen Dialog mit seinem eigenen Herzen geführt als man ihm hier folgen kann, in dem Lied „Leise“  …

Florian Künstler – „Leise“

Verse -95-

Ich habe keine Überschrift über die nachfolgenden Verse finden können. „Überleben“ schien mir zu stark und theatralisch, „Alltag“ zu nichtssagend, „Gegengewicht“ nicht wirklich passend. Dabei sind es Verse, die von meinem täglichen Kampf im immer lauter und hitziger werdenden Alltag erzählen und meinem Versuch, darauf zu reagieren, es auszuhalten, Halt bei und in mir selbst zu finden.

Vielleicht braucht ja auch nicht jeder Text eine Überschrift. Schlagzeilen gibt es eh‘ schon viel zu viele.

So lasse ich denn einfach meine Worte sprechen:

***

stille sein. leise.
auf meiner reise,

nicht auch noch schrei'n.

dankbar sein,
dass nicht alle tränen
ihre wege nehmen
über meine wangen.
und trost dort verlangen,
den ich nicht kann geben.

zu klein ist mein leben,
das zu vollbringen.

hör' ein vögelein singen,
für einen moment,
bevor's weiter brennt,
und wieder so laut,
dass mein herz 
kaum sich traut.

stille sein. leise.
auf meiner reise,

nicht auch noch schrei'n.

dankbar sein,
dass ich noch spüre,
höre und fühle.
des vogels gesang
in der lauten schwüle.

***

Von Fishbach habe ich lediglich in Erfahrung bringen können, dass es sich dabei um eine im September 1991 geborene französische Sängerin und Songschreiberin handelt. Der Text des folgenden, ganz aktuellen Liedes passt, soweit ich es mir mithilfe eines Onlineübersetzungsprogramms erschließen konnte, durchaus zu meinen Versen da oben. Insgesamt ist es eine tolle Ballade:

Fishbach – „Teleportation“

Tagebuchseite -965-

Ein chinesisches Omen „danach“

„Eine Blume, die in der Dürre erblüht, ist die Seltenste und Schönste von allen.“ – So steht es geschrieben, dieses chinesische Sprichwort.

Ich habe es entdeckt, als ich den Monat Februar aufschlug in jenem bezaubernden Fotokalender, von dem ich nun schon im dritten oder vierten Jahr einen geschenkt bekommen habe, von einer jungen Frau, die mich in einem meiner schwierigsten Berufsjahre begleitet und unterstützt hat.

Ich fand das Wort über die Blume an einem besonderen Tag, der eben dahinfließenden Zeit. Der Zeit des begonnenen Jahres, von der ich vor Wochen schon wusste, dass sie erneut eine besonders fordernde, anstrengende und zehrende für mich werden würde. So war auch jener Tag.

*

Es war am späten Mittag und ich war in tiefes Grübeln verfallen während der einzigen halben Stunde, von der ein bisschen mir gehörte, an diesem Tag. Ich war ganz in mich versunken, als ich die paar Schritte ging hinter dem Zaun der fremden Schule und sprach im Inneren mit mir, weil ich doch wieder nur mich hatte. Sprach zu mir, dass ich es hinnehmen müsse, so wie es war und wohl immer wieder sein würde, weil ich es doch nicht ändern könnte.

Dass ich mich aufs Spiel setze.

Weil beide Wege in dieselbe Gasse führen würden.

Erinnerungen an die wenigen verstehenden Menschen lindern die eherne Konsequenz, schlussendlich alles doch irgendwie allein durchstehen zu müssen. Mit dem eigenen Leben ist und bleibt letztlich ein jeder Mensch allein – er ist darin und dabei nur mehr oder weniger oder gar nicht begleitet.

Mindestens seit November sehne ich mich danach, dass mich wenigstens die Natur ab und zu wieder ein wenig mehr begleiten möge.

Ich hatte im Laufe der letzten Tage davon gehört, dass es schon Schneeglöckchen geben solle und auch die kleinen gelben Winterlinge, die mir immer noch „neu“ erscheinen, weil ich mich beim besten Willen nicht daran erinnern kann, in meiner Kindheit und Jugend je diese kleinen Blumen gesehen zu haben. Meine Wege dieser Tage führen mich wohl durch für Frühblüher kaum einladende Gegenden, jedenfalls hatte und habe ich bislang kein einziges dieser lieblichen Pflänzchen entdecken können.

Ich schritt also gedankenversunken dahin hinter dem Zaun, auf einer Art Parkplatz. Hier gab es absolut nichts zu schauen. Links von mir befand sich eine kleine, eingefasste Fläche, auf der Reste vorjährigen Mooses auf harter, fast steiniger Erde, von einem wochenlangen Überlebenskampf gezeichnet, im Wechsel mit ein paar unscheinbaren Flechten zu den zwei drei kleinen Pflanzenstöcken zu streben schienen, die irgendwann irgendwer in diese Fläche eingesetzt haben musste. Der verhangene Himmel, aus dem es fein nieselte, war ein perfekter Regisseur dieses Schauspiels der Tristesse.

Ich ging noch ein, zwei Schritte, den Blick gesenkt, als ich es plötzlich ganz fein leuchten sah. Kein Schneeglöckchen, kein Winterling, sondern ein winziges Gänseblümchen hatte sich da hinter einem der Pflanzenstöcke inmitten der harten, steinigen Wüste von erstorbenem Moos und kargen Flechten seinen Weg gebahnt.

Was für eine schöne Blüte es hatte! Auf ganz kurzem Stielchen sitzend, aber voll erblüht. Ein dichter Kranz ebenmäßiger weißer Strahlen umrahmte seine feine, kleine gelbe Sonne. So schaute es von weit unten auf, direkt in mein Gesicht.

Ich vermochte das Wunder dieses Blümchens kaum zu glauben. Und so ging ich neben ihm in die Hocke, um ihm ein wenig näher zu sein, ein paar meiner Gedanken mit ihm zu teilen, ihm Dankeschön dafür zu sagen, dass es mich sich finden ließ, und ihm schließlich alle erdenkliche Kraft für sein weiteres Dasein in dieser unwirtlichen Zeit zu wünschen. Nachdem ich mich wieder erhoben hatte, spürte ich, wie es mich umarmte. Und es fiel mir sehr schwer, meine Schritte wieder aufzunehmen.

Aber ich musste nun doch die Kinder abholen gehen, die in der Sporthalle der fremden Schule wohl gerade ihre Unterrichtseinheit beendet haben würden.

*

Auch an diesem Tag kam ich um einiges später heim als es „normal“ wäre, so erschöpft, so hungrig wie an so vielen Tagen zuletzt. Seltsam, dass mir ausgerechnet jetzt noch auffiel, dass der Fotokalender in meinem Arbeitszimmer immer noch „Januar“ zeigte. Ich blätterte die Seite um und fand das chinesische Sprichwort. Augenblicklich erinnerte ich mich an das Gänseblümchen. Meine erste Blume dieses Jahres, „die Seltenste und Schönste von allen“.

Ob ich sie auch gefunden hätte, wenn ich den Kalender bereits am Morgen korrigiert hätte?

Das Finden des Wortes genau an, oder besser, nach diesem Tag meiner Begegnung mit der kleinen Blume, machte ihn im Nachhinein zu jenem besonderen, den ich oben erwähnt hatte.

Die Erinnerung an das Gänseblümchen wird mich nun den ganzen Februar begleiten, womöglich sogar (ich vermute das) noch viel länger …

***

Vök ist eine Band aus Island. Sie wurde im Januar 2013 von der Sängerin Margrét Rán Magnúsdóttir und dem Saxofonisten Andri Már Enoksson gegründet, um an einem isländischen Bandwettbewerb teilzunehmen, obwohl zunächst nicht ein einziger Song vorhanden war. In wenigen Wochen wurde eifrig geschrieben und komponiert und … Vök gewann den Wettbewerb. –

Eines ihrer für mich schönsten Lieder, das ganz dem Stil des Indie-Dream-Pop folgt, hat einen Text, der mich sehr, sehr anfasst, aber auch abholt. Es geht um das Fühlen und Befinden, wenn der Vater die Erde verlässt …

Ich wünsche mir, dass das Finden dieses Liedes für mich ein ähnliches „Zeichen“ ist, wie das, welches ich in meinem heutigen Text beschrieben hatte. Denn es ist noch ganz frisch, als ich in dem Kontext, den das Lied zum Thema hat, und das für mich seit dem vorigen Spätsommer selbst sehr Thema ist, einen der bösesten Albträume überhaupt träumen musste in meinem Leben …

Hier ist das Lied:

Vök – „No Coffee At The Funeral“