Sammelsurium -126- (Ein Schnipsel)

Schnipsel (23)

Durch die Straßen der großen Stadt fließen die Lichter. Leuchtende Adern einer Magie, die Augen der Sehnsucht glitzern machen. Wie oft habe ich mich in sie hineingeträumt? Und ein Frei sein gefühlt, das niemanden bedrängte.

Die schönste einsame Freiheit, die mein Leben gekannt hat. Weil sie keinen Reichtum verhieß, aber das Herz weit und reich machte. Immer wieder aufs Neue.

Ich brauchte nur ein Fenster öffnen, ein reales oder eins meiner Seele. Und das tat ich oft, ohne je traurig dabei zu werden. Ich sah in den Lichtermeeren glückliche Menschen. Niemanden, der einem anderen weh tat. Niemanden, der dem anderen etwas neidete.

Es war nicht schlimm, dass ich keinen von ihnen kannte. Die Lichter waren da, die strahlenden, vibrierenden Linien der Straßen, die angestrahlten Häuserfassaden, die vielen funkelnden Punkte auf und über ihnen. Menschen und Sterne.

Ich war ein Junge im Teenageralter als ich all das sah und ich lebte in einem Land, das heute für ein dunkles, graues gilt, ein kaltes, graues Gefängnis.

Heute lebe ich in und mit den Lichtern. Und ich habe erfahren, dass es die schöne einsame Freiheit in ihnen gar nicht gibt. Dafür Leid und Neid. Und Glück nur als Maskerade einiger Weniger, die nicht imstande sind zu empfinden, was wahrhaftes Glück ist.

Ist es bizarr oder ist es logisch, dass ich die Freiheit, die nichts forderte und niemanden beeinträchtigte, nur aus jenem grauen, dunklen Land herausschauend sehen, wahrnehmen und spüren konnte? Kann es sein, dass da, wo immer Licht ist, das Helle erst unsichtbar wird und dann verschwindet, die Menschen aber geblendet bleiben?

Jetzt, wo meine Teenagerjahre eine immer ferner werdende Erinnerung sind, sehe ich so unendlich viele Geblendete, die den fließenden Lichterströmen folgen und letztlich gar nichts anderes mehr tun.

Nein, ich wünsche mir dennoch das graue, dunkle, kleine Land nicht zurück. Nicht nur, weil ich im Lauf der Zeiten verstanden habe, dass mein damaliges Freiheitsempfinden aus großer Naivität geboren war, zu der man in jenem Land wohl erzogen wurde.

Aber  wahrnehmen, spüren und fühlen würde ich sie nur allzu gern noch einmal, und sei es ein einziges Mal nur noch, diese schönste einsame Freiheit meines Lebens.

***

Zu ihr komme ich immer wieder zurück. Zu der kanadischen Sängerin und Songschreiberin Flower Face, von der ich wohl schon zwei oder drei Lieder hier geteilt habe. Sie und ihre Musik, die Texte ihrer Lieder und deren Atmosphäre faszinieren und begeistern mich immer aufs Neue. Wieder einmal ein besonders schönes Werk ist ihr aktuell neuestes:

Flower Face – „Pisces Moon“

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