Tagebuchseite -486-

Welche Farbe hat die Welt?

Die Welt hat die Farbe, in der du sie sehen möchtest, die du ihr gibst. –

Ich weiß nicht, ob diesen Satz, diesen Gedanken so schon einmal jemand vor mir gedacht, gesagt oder aufgeschrieben hat. – Jeder Therapeut würde mich wohl beglückwünschen, diesen Satz gefunden zu haben. Er würde sagen, ich sei auf einem richtig guten Weg, wenn ich ihn selbst „erdacht“ hätte. Und wenn ich ihn gar überzeugen könnte, dass ich diesen Satz auch zu leben vermag, würde er meinen: „Jetzt sind wir am Ziel unserer Therapie! – Sie sind wieder heiler!“

Ich weiß nicht, weshalb dieser Satz zu mir gekommen ist, vielleicht, weil mein Unterbewusstsein nach wie vor auf der Suche ist, weil es bemerkt, dass ich nicht froher und unbeschwerter werde. –

So wie er nun da steht, dieser Satz, egal ob ich nun sein Urheber bin oder jemand vor mir ihn schon mal so oder so ähnlich gesagt oder gedacht hat, erscheint er mir, je länger ich ihn mir vergegenwärtige, immer weniger „weise“. Denn er stimmt nicht. So absolut, wie seine Aussage ist, stimmt er nicht.

Kein Winter wird wirklich bunter, wenn ich ihn mir bunter vorstelle. Kein Krieg wird weniger grausam oder hört gar auf, weil ich mir das in meiner Phantasie wünsche. Kein Folterer wird weniger grausam handeln, wenn ich ihn eindringlich flehend ansehe.

Die Welt ist wie sie ist.

Aber sie ist nicht so wie ich sie sehe. – Nichts ist so, wie ich es sehe. Nichts ist so, wie es von einem einzelnen Menschen gesehen wird. Weil es, wenn es nur ein einzelner betrachtet, zu wenig objektiv wahrgenommen wird. Grundsätzlich jedenfalls.

Jede Wahrnehmung wird durch unser Ich gebrochen, wie durch eine einzigartige, unikate Linse. Weil jeder von uns, jeder einzelne Mensch ein Unikat ist.

Wenn ich aber die Welt nicht zu sehen vermag, wie sie tatsächlich ist, wie soll ich sie dann in der Farbe zu sehen vermögen, die ich mir wünsche? Dazu müsste ich die Linse, durch die ich sie sehe, auswechseln, mich auswechseln, ein anderes Unikat werden, eines das nicht objektiver aber eben bunter zu sehen vermag.

Ich weiß, dass wenn ich jetzt die Frage stellte, was daran besser sein soll, die Antwort lautete: „Besser daran wäre, dass Du nicht so an der Welt leiden würdest. Ein Blick auf sie würde Dir mehr Freude, vielleicht gar ein bisschen mehr Zuversicht schenken. – Im Übrigen, wenn Du weißt, dass Du die Welt ohnehin nicht zu sehen vermagst, wie sie wirklich ist, warum dann nicht wenigstens ein bisschen bunter?“

Gegen diese Frage ist schwer zu argumentieren, und jeder Therapeut weiß das. Wahrscheinlich auch meiner.

Das ist aber nicht der einzige oder gar wichtigste Gesichtspunkt, weshalb ich mich durch diese Frage in die Enge gedrängt fühle. Vielmehr ist es mein Empfinden, dass ich mir bewusst selbst etwas vormachen würde, wenn ich versuchen würde, mir die Welt in schöneren Farben zu malen – es wäre konträr meinem Bestreben, sie doch so objektiv als möglich sehen zu wollen, meinem Bestreben, anderen Menschen gegenüber so authentisch, aufrichtig, mich nicht verleugnend zeigen und verhalten zu wollen.

Nein, der Satz, der Ausgangssatz dieses Textes hier, ist nicht richtig, er ist nicht annehmbar, für mich. Er fordert zur Lüge auf! – Warum nur ist er mir dann dennoch in den Sinn gekommen, habe ich ihn vielleicht gar selbst ersonnen? Nimmt meine Suche nun derartige Wege? Ist das ein Ergebnis meiner bisherigen Therapien?

Nein, ist es nicht – ich habe ja immerhin noch erkannt, dass der Satz eine Lüge ist, dass ich mich nicht nach ihm richten kann und werde, so wie er da steht.

Dennoch verunsichert mich das Ganze.

„Die Welt hat die Farbe, in der du sie sehen möchtest, die du ihr gibst.“

Man , oder besser, ICH könnte immerhin versuchen, den Satz ein bisschen anders zu lesen und zu interpretieren, wo er nun schon mal durch meinen Sinn geistert, und diesen, wie alles, was darin herum wabert eh‘ nicht mehr oder zumindest nicht so schnell wieder verlassen wird. So der Satz, ein bisschen anders formuliert, auch lauten:

„Übersieh‘ die Farben nicht! Versuche sie zu sehen, bewusst, überall da, wo welche sind. Und versuche auch nach ihnen zu suchen, da, wo sie dir nicht sogleich sichtbar sind. Dann siehst du, spürst du besser, dass die Welt auch bunt ist, und, wie bunt sie ist.“

Ja, damit könnte ich wohl leben. Das zu versuchen. Mich an diese Art des Versuchens so oft und so bewusst als möglich zu erinnern.

Schwer genug wird das, ist das! Für mich. Aber es wäre keine Lüge!

Ich hatte noch nie das Gefühl, mein eigener Therapeut sein zu können. Bis auf gerade jetzt. Wenigstens so ein ganz kleines bisschen …

*

Es gibt ein Lied mit gleichem Titel wie mein heutiger Eintrag ihn trägt. Dieses Lied wird wohl gemeinhin in die Kategorie „Schlager“ einsortiert. Und sein mittlerweile verstorbener Sänger gilt vielen wohl auch als „Schlagerbarde“.

Viele Schlager mag ich nicht. Aber einige sind irgendwie spezieller als die vielen sonstigen, sie haben einen guten Text, sie sind in ihrer Art eigen, mehr Lied, manche gar mehr Chanson. Der Schlager mit dem Titel „Welche Farbe hat die Welt?“ ist auf seine Art für mich so ein spezieller. Und die Bilderserie, die derjenige, der ihn ursprünglich hochgeladen hat, dazu erstellt hat, finde ich ziemlich beeindruckend:

4 Gedanken zu “Tagebuchseite -486-

  1. Jaaa, solche Lieder liegen auf meiner Linie. :yes:

    Ein sanfter Sound, ein weicher Klang, herrlich zum Langsamtanzen

    Hier in Wien habe ich ein Lieblingstanzlokal, da werden am Freitag ausschliesslich langsame Oldies gespielt.

    Als ich noch frei war, trieb ich mich fast jede Woche dort herum. Und das machte ebenfalls ein sehr netter Typ, mit dem ich dann auch den ganzen Abend tanzte.

    Und ich werde sicher nie vergessen, was er einmal sagte, als der Song „DU“ von Peter Maffay erklang.

    Er sagte: „Wahnsinn, I könnt mi auflösn“.

    Entschuldige Schweitzer, dass ich da so losgeplappert habe. Kam mir grad so in den Sinn. :yes:

    sei ganz lieb gegrüsst
    Michelle

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    • Ach was, Du darfst gern auch mal einfach drauflos plappern, völlig straffrei! 😉 So in wienerischem Dialekt klingt das viel zu nett, als dass es so ein Nordlicht wie ich nicht fasziniert genießen könnte.

      Dein Musikgeschmack ist schon ein bisserl ein anderer als der meine, aber es gibt immerhin Schnittmengen. :yes:

      Viele liebe Grüße zurück an Dich und hab‘ eine gute Nacht, liebe Michelle!

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  2. Welche Farbe die Welt hat? – Alle. Jede einzelne.

    Ich mag den Satz, der dir da in den Sinn gekommen ist.
    „Die Welt hat die Farbe, in der du sie sehen möchtest, die du ihr gibst.“

    Ich finde ihn nämlich ziemlich weise.
    Die Welt hat alle Farben und auch der Winter hat alle Farben. Er ist genauso bunt wie der Frühling grau ist. Genauso hell wie der Sommer dunkel ist. Selbst Krieg hat alle Farben. Ich stimme dir zu, dass es in diesem Fall keine schönen Farben sind, eher schmutzige, trübe Farben. Solche, die mal hätten strahlen können, aber einfach zu oft mit Schatten bedeckt worden sind.
    Dass ein Krieg aufhört, nur weil du es dir wünscht, ist keine Frage an die Farben der Welt.
    Die Grausamkeit von Folter ist keine Frage nach der Farbe der Welt.
    Es ist noch am ehesten die Frage, ob dir die Farben gefallen, und da die Welt alle Farben hat, dir aber unmöglich alle Farben gefallen können, wird diese Antwort immer Nein sein.

    Du sagst, die Welt ist, wie sie ist. Aber ich glaube, das stimmt nicht – die Welt ist, wie wir sind. Jeder einzelne von uns bringt eine Facette mit sich. Eine andere Farbe. Und selbst unsere Farben wechseln im Laufe unseres Lebens. Mehrmals.
    Die Welt ist, wie wir sie machen.
    Und wir machen sie, wie wir sie sehen (können).
    Es gibt diesen Spruch – Wenn du es sehen kannst, kannst du es verwirklichen.
    Ich glaube daran.
    Was ein menschlicher Geist ersinnen kann, wird früher oder später auf die ein oder andere Weise möglich sein.
    Individualismus und Objektivität gehen nicht Hand in Hand, da gebe ich dir Recht. Gefiltert durch unser jeweiliges Bewusstsein treten manche Farben deutlicher hervor als andere. Betrachtet durch unsere jeweiligen Augen strahlen manche Farben heller, während andere verblassen.
    Deshalb ist die Welt für uns, so wie wir sie sehen.
    Deshalb ist die Farbe der Welt für uns auch die, die wir ihr geben.

    Und wie gibt man der Welt nun eine Farbe? Wie sieht man sie in der Farbe, in der man sie sehen will? Indem man sie in den Fokus rückt, die Farbe der Welt, die man sehen will.
    Du musst dich keineswegs auswechseln, um das zu tun. Nur neu fokussieren. Anders fokussieren.
    Du kannst bunt sehen. Das wissen wir beide. Wann immer du Farben entdeckst, die dir gefallen, geht dein ganzes Herz auf. Das Blau von Kornblumen, zum Beispiel. Du siehst bunt. Das Lächeln eines Mädchens auf einem Fahrrad, dem du aus dem Weg gegangen bist, weil ihr auf dem engen Pfad nicht aneinander vorbei gekommen wärt. Ein klingender Aphorismus. Ein Tröpfchen Wahrheit. Du siehst bunt. Du siehst Schönheit. Etwas anderes kannst du mir nicht erzählen.
    Es täte dir nur gut, wenn du öfter bunt sähest. Denn ja, dann würdest du an dieser Welt nicht mehr so leiden, zumindest wenn man „so“ im Sinne einer Häufigkeit, im Sinne einer Ausschließlichkeit meint. Ob das Bunter-Sehen etwas an der Intensitiät deines Leides ändern könnte, müsste man ausprobieren. Für möglich halte ich es. Es würde dir immerhin eine andere Perspektive offenbaren.
    Eine Kollegin hat mir, nachdem sie ein Resilienz-Seminar besucht hat, folgenden Satz mit auf den Weg gegeben: „Nach einer Weile nimmt die Seele die Farben der Gedanken an.“ Deshalb – mein Lieber, wäre es gut, wäre es besser, wenn du öfter bunt sehen könntest.

    Denn es gibt viel auf dieser Welt, das dir Freude verleihen kann. Das dir Zuversicht schenken darf. Und du hast bislang nur einen minimalen Bruchteil davon gesehen. Nur ein paar Blautöne. Nur hier und da ein fröhliches Gelb oder ein warmes Rot. Da ist noch viel mehr. Da ist alles, da draußen. Und es wartet nur darauf, in den Fokus gerückt zu werden.
    Dadurch machst du dir nichts vor.
    Du würdest dir erst etwas vormachen, wenn du dir einen Grauton anguckst und laut in die Welt (oder auch nur in dein Inneres hinein) posaunst, wie schön dieses Grün doch ist. Wie lieblich jenes Lila. Dann machst du dir etwas vor.
    Aber das fordert doch niemand.
    Natürlich gibt es auf der Welt Grau und Schwarz und andere harte Farben. Farben, die weh tun. Farben, die man aus dem Gesamtbild am liebsten streichen will. Das bezweifelt niemand. Das bestreitet niemand. Auch nicht die, die die Welt bunt sehen. Nicht einmal die, die der Welt die Farbe geben, die sie sich wünschen.
    Hör nicht auf das Grau zu sehen. Wenn du aufhörst, das Grau zu sehen, dann verlieren wir alle die Chance, dass es irgendwann zu strahlen beginnt. Dass es irgendwann auch hell wird und schön.
    Aber nur, weil du das Grau siehst, musst du doch nicht auf das Gelb verzichten. Und auf das Grün. Und das Blau. Und das Orange. Und die rosaroten Lippen eines Lächelns.
    Es besteht kein Zweifel, dass es genug Farben gibt. Es gibt auch genug Grautöne. Du entscheidest, worauf du deinen Blick richtest, wie oft und in welcher Schärfe. Sicherlich ist das keine einfache Entscheidung, man muss es sich sehr oft bewusst machen. Aber diese Entscheidung gibt es.

    Und deshalb ruft dein Satz nicht im Geringsten zur Lüge auf. Er ruft zur Entscheidung auf.
    Das hast du selbst auch erkannt.
    Nein, bitte, übersieh die Farben nicht.
    Versuch, sie zu sehen. Überall da, wo sie sind. Und auch da, wo du sie nicht auf den ersten Blick erkennst. (Auch in den schrecklichen Farben des Krieges finden sich wunderschöne Farbflecken, wenn man lang genug sucht.)
    Gönn dir das – zu spüren, wie bunt die Welt ist.
    Es freut mich sehr, dass du selbst zu diesem Schluss gekommen bist. Dafür, dass du eben noch so überzeugt „LÜGE!“ und „LÜGNER!“ geschrien hast und Angst hattest, deine Heilung wäre eine einzige Maskerade.
    Denn das sehe ich nicht so.
    Ein anderer Punkt, der etwas unter gegangen ist, in deiner Tagebuchseite – Die Welt hat die Farbe, die du ihr gibst.
    Wir tragen dazu bei, welche Farben die Welt hat. Welche am Ende das Gesamtbild prägen. Dessen sollten wir uns bewusst werden. Und damit sollten wir uns aufhalten. Wenn wir nur mehr strahlende Farben ins Gesamtbild bringen können, dann ist unser Leben ein Erfolg. Davon bin ich überzeugt.
    In diesem Sinne,
    lasse ich dir hier die schönste Kornblume da, die ich mir vorstellen kann.
    Vielleicht kreuzt sie bald deinen Weg und du denkst an mich.
    Wenn sie ein bisschen länger braucht, behalt sie im Hinterkopf.
    Sie kommt. Ganz bestimmt.
    Liebste Grüße

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    • Das ist ein sehr schöner Kommentar. Ich habe nach seinem Lesen das Empfinden, das wir gar nicht weit auseinander liegen, mit unseren Ansichten. –

      Durch Deine Gedanken, ist das Puzzle, das ich begonnen habe, aber vollständiger geworden. Du hast es (wie so oft!) von einer anderen Seite begonnen.

      Viele der kleinen Teilchen, die Du verwandt hast, viele der einzelnen Sätze, sind kleine Weisheiten (sic!), die das belegen. Ich kann mich aber in ihnen wiederfinden, sie annehmen,weil ich, wie gesagt denke, dass wir soweit nicht auseinder liegen.

      Denn auch, wenn Du Argumente dagegen geliefert hast, dass ich meinen Ausgangssatz eine Lüge nante, glaube ich, dass Du mit meiner Qunintessenz, die ich in diesen Satz fließen ließ …:

      „Übersieh‘ die Farben nicht! Versuche sie zu sehen, bewusst, überall da, wo welche sind. Und versuche auch nach ihnen zu suchen, da, wo sie dir nicht sogleich sichtbar sind. Dann siehst du, spürst du besser, dass die Welt auch bunt ist, und, wie bunt sie ist.“ …

      … auch gut leben, auch einverstanden sein kannst.

      Der für mich interessanteste und faszinierendste Gedanke Deines Kommentars war der, wonach jeder von uns der Welt Farben gibt. Auch ich, selbst ich, auch, wenn es nur im ganz Kleinen ist, habe dieses Vermögen, habe es in der Hand, es andere sehen zu lassen. – Wenn es mir besser gelingt, dies als Wissen als Maxime in mir zu tragen, wäre das, glaube ich, ein guter Schritt.

      So wie ich nun mal bin, wird das aber nicht einfach, nicht weniger schwer, als nach jenem Satz zu leben, den ich hier eben noch einmal zitiert habe.

      Aber es muss ja nicht leicht sein. Es ist ein Anfang dass es ausgesprochen, das es gesagt ist. Der eine Satz von Dir, der andere von mir.

      Ich behalte beide im Hinterkopf, wie Deine Kornblume.

      Das verspreche ich Dir nicht, weil es nicht nötig ist. Ich weiß, dass ich es tun werde, dass ich es tue.

      Vielen lieben Dank für Deine, wie immer großartigen Zeilen und liebste Grüße auch an Dich!

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