Tagebuchseite -485-

Freundschaftspsychologie während der Reise mit dem „One-Way-Ticket“

Es ist eine Eigenart, die allen meinen wenigen wirklichen Freundschaften eigen ist: Es sind Fernbeziehungen.

Mal eben eine zufällige Begegnung in der Stadt mit einem Freund oder einer Freundin, eine spontane Einladung zu einem Tee und ein bisschen Gespräch, ein kurzfristiger Besuch an dem einen oder anderen Tag oder Wochenende, all das gibt es bei Freundschaften, die Fernbeziehungen sind, nicht.

All das ist aber, wenn eben aufgrund von entsprechender örtlicher Nähe möglich, eher zu realisieren, als denn einen Brief zu schreiben oder gar einen Briefwechsel lebendig aufrechtzuerhalten. – Da sind die vielen Verpflichtungen, denen der jeweils andere an seinem Orte zu entsprechen hat: Arbeit, Familie, der eigene Haushalt, Ehrenämter … Oder auch Interessenrealisierungen, die mit dem Ort, an dem man wohnt, verbunden sind: Treffen mit Freunden dort, in der Nähe, Teilnahme an Vereinsleben, der eigene Garten usw.

Dass jemand in halbwegs erreichbarer Nähe so gar keinen seiner wirklichen Freunde hat, ist wohl eher selten.

Ob das Telefon nicht ab und an eine Brücke sein könnte? Das kann es wohl, wenngleich es keinesfalls alles oder gar umfassend zu „ersetzen“ vermag, was persönliche, unmittelbare Begegnungen zu schenken und zu vermitteln vermögen. Oder: Es KÖNNTE es.

Was mich betrifft, so tue ich mich nicht so leicht mit dem Telefonieren. Auch oder wohl gar in besonderer Weise, wenn es um das Anrufen von Freunden geht.

Warum das so ist?

Ich möchte nicht unhöflich sein, nicht stören oder gar aufdringlich wirken, wenn ich anrufe und ich an sich keinen anderen Grund habe als die vertraute Stimme einmal wieder hören oder als eine eigene Episode der Einsamkeit wegwischen zu wollen. Manchmal ist es auch „nur“ die unterschwellige Befürchtung einer schleichenden Entfremdung, wenn man sich so selten hört oder, wie es grundsätzlich ist, höchstens einmal im Jahr, manchmal auch noch seltener wirklich sieht, sich unmittelbar begegnet, WIRKLICH Zeit füreinander hat, die mich dann doch wieder zum Hörer greifen lässt, obwohl meine zunächst genannten Bedenken nach wie vor präsent sind.

Ich selbst werde auch nur selten angerufen, aber ich kann mir nur schwer vorstellen, dass dafür ähnliche Bedenken wie die meinen ursächlich sind. Ich denke vielmehr, dass meine Freunde ein anderes, ausgefüllteres, sie anders und umfassender forderndes, interessanteres Leben führen als ich. Wenigstens manchmal. – Und diese Vorstellung lässt meine eigenen Bedenken nicht geringer werden. Im Gegenteil.

Es klingt in meinen Ohren furchtbar schrecklich, weil mit den entsprechenden Attributen „wirtschaftliche Kategorien“ zur Charakteristik zwischenmenschlicher Beziehungen verwandt werden, aber es wird immer wieder betont, und es ist ja wohl auch nicht falsch:

Jede Beziehung, jede gute Freundschaft, die Bestand haben soll, braucht ein entsprechendes Maß, eine bestimmte „Ökonomie“. –

Ich habe insoweit vor allem immer Sorge mit Blick auf ein „zu viel“ von meiner Seite, dass letztlich vom Gegenüber als bedrückend, ihn oder sie letztlich einschränkend oder unter Stress setzend empfunden wird. Vor allem ein „zu viel“ meiner Eigenheiten, derer, die die schwierigen, die weniger attraktiven, die komplizierten aber immer und immer widerkehrenden, aber anfänglich nicht gleich und nicht SO sichtbaren sind. Aber ich befürchte eben mitunter auch ein „zu wenig“ meinerseits, das dem anderen womöglich ein abnehmendes Interesse suggeriert und letztlich zur befürchteten Entfremdung beiträgt bzw. diese begünstigt.

Ein Außenstehender hat mein Dilemma womöglich bereits schnell durchschaut: „Der denkt einfach zu viel!“ – Das mag schon sein. Aber wie geht das: „Einfach“ weniger denken, weniger nachdenken?

Ich konnte das noch nie, selbst in meinen „wilden Jahren“, die es so bei mir und für mich nie gegeben hat, nicht. Ich konnte und kann es nicht, obwohl ich an der Tiefe meiner Emotionen immer wieder fast kaputt gehe, zu zerspringen drohe. Und schließlich denke ich auch über diese Emotionen und deren Tiefe wieder nach.

Weil das so ist, bin ich, so glaube ich mit der Zeit immer mehr erkannt und begriffen zu haben, einigermaßen beziehungsunfähig, habe ich es so schwer, wirkliche Freundschaften zu begründen und vor allem sie „ihnen angemessen“ (sic!) zu pflegen.

Dass ich es so überhaupt „geschafft“ habe zu heiraten (was allerdings auch bemerkenswert lange gedauert hat und insgesamt recht spät geschah) und nach wie vor verheiratet bin, ist insoweit ein besonders großes Wunder. Ich weiß inzwischen ziemlich genau, dass und wie schwer es meine Frau mit mir hat. Und, dass es mit der Zeit eher noch schwerer geworden ist. Dass sie mir bislang und überhaupt so lange die Treue gehalten hat und nach wie vor hält, ist eigentlich unfassbar.

Letztlich geht jeder seinen Weg allein. Und jeder geht ihn zum ersten und zum einzigen Mal. Es ist in jedem Fall ein einzigartiger, einmaliger Weg. Es ist ein „One-Way“. Und das Leben ist ein „One-Way-Ticket“. Ein Umkehren gibt es nicht.

Niemand geht denselben Weg. Auch dann nicht, wenn man bisweilen oder wiederholt durch diese oder jene Person auf ihm begleitet wird, selbst wenn das über lange Zeitabschnitte geschieht.

Wohin dein Weg verläuft, bestimmst du nur beschränkt allein. Wie Du ihn gehst, ob von dir bestimmt oder nicht, liegt sehr stark in Dir, in deinem Wesen, dem Wesen, das du bist. Dein Wesen wird für andere Menschen nie absolut „richtig“ sein. Aber in den meisten Fällen, wirst du es nicht und nie erfahren, wie „richtig“ es für andere ist.

Und somit auch nicht, warum die eine oder andere Beziehung, Freundschaft, oder die EINE Liebe, nicht Bestand hatte. Nur eins ist sicher: Es lag (auch) an dir!

Wie ich nun unter anderem meine „Fernfreundschaften“, die doch meine wirklichen sind, „adäquater“ pflegen sollte, könnte oder müsste, weiß ich ungeachtet all dieser Weisheiten dennoch nicht.

*

Gerade und oft fühle ich mich, wie in diesem Lied besungen:

8 Antworten zu “Tagebuchseite -485-

    • Es ist ebenso unglaublich wie faszinierend für mich, wie oft Du mir in der relativ kurzen Zeit, die unsere begegnung währt, schon geschrieben hast, wie sehr Du Dich in meinem Geschreibsel immer findest bzw. wiedergefunden, erkannt, hast.

      Wie geht es Dir mit dem Lied, was unter meinem heutigen Text steht?

      Liebste Grüße an Dich aus dem kalten Norden (hier hat es mal gerade 14° um diese Zeit … *bibber*), liebe Michelle!

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        • Hmm, schade, aber wenn es so wäre, würde unser Ausmaß an ähnlichem Empfinden wohl auch langsam ein bisschen unheimlich 8| 😉

          Ich mag die balladenhaften Lieder von „Rosenstolz“ sehr, und bei dem hier habe ich mich meinerseits sehr in dem Text des Liedes wiedergefunden.

          Aber die Geschmäcker sind halt verschieden …

          Nochmals liebe Grüße, Michelle!

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  1. Wirkliche Freunde kann man immer anrufen. Da brauch man auch kein schlechtes Gewissen haben, dass man sie bei irgendwas stören könnte. Denn echte Freunde können einem sagen, dass es in diesem Moment gerade (warum auch immer) nicht geht und rufen dann zurück. Da muss man sich nichts vormachen und nicht gespielt höflich daherreden, während man die ganze Zeit auf die Uhr schielt.
    Daher kann ich dir nur raten, jemanden, den du anrufen willst, auch anzurufen. Ich bi nsicher, die betreffende Person freut sich!

    Viele liebe Grüße aus Düsseldorf!

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    • Du hast ja Recht! Ich habe nur immer wieder so wenig „Traute“ und komme halt serh schnell wieder ins Grübeln.

      Ich weiß nicht wie oft, aber wahrscheinlich ziemlich oft, stehe ich mir selber ganz schön im Weg. So sehr, dass ich DAS dann gar nicht glauben kann.

      Ein ganz schön „verwurschtelter“ Mensch wahrscheinlich …

      Danke für Deinen lieben Kommentar. Und ebenso liebe Grüße zurück nach Düsseldorf, an Dich!

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  2. Den Text kann ich in vielen Stücken so für mich übernehmen. Er hat mich aber auch selbst zu etwas inspiriert, über das ich jetzt gleich schreiben möchte.

    Auch bei mir sprudeln die Gedanken und ich möchte ergründen. Mit Fernbeziehungen wird dieser Drang nur stärker. Ich finde bei ihnen das Bild vom Mond und den Gezeiten sehr schön. Weit entfernt und doch so eine große Anziehungskraft.
    Aber auch hier wird nicht nur angezogen, sondern auch zurückgeschoben. Manche spüren letzteres aber besonders.

    Aber das ist nur eines von vielen Bildern. Es ist interessant zu sehen, was für Gedanken du dir machst.

    Liebe Grüße an die Ostsee. 🙂

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    • Schön, dass mein Eintrag Dich inspirieren konnte. Mir geht das hier im Portal bezüglich Einträgen anderer user mitunter auch so.

      Dass Du meine Gedanken interessant findest, scheint mir auf Gegenseitigkeit zu beruhen, und mutmaßlich auch auf ein bisschen „Verwandtschaft“ im Denken, im Empfinden, und in der Art des Verarbeitens dessen, was unsere Welt an Vielfalt an Dinglich-, Sächlich- und Persönlichkeiten so für uns bereithält.

      „Ältere Semester“ sind insoweit bisweilen gar nicht „weiter“. „reifer“ oder gar „cooler“ als jüngere. „Cool“ werde ich Zeit meines Lebens sowieso nicht mehr, so „viel“ habe ich immerhin schon mal unzweifelhaft über mich herausbekommen… :yes: 🙄

      Liebe Grüße retour ins schöne Sachsenland! 😉

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