Tagebuchseite -488-

Die süßen Empfindungen der Depression

Wenn ich mich nur fortschreiben, wegschreiben könnte, von der Traurigkeit, die immer wieder so Besitz von mir ergreift, dann täte ich es. Aber fortschreiben gelingt nicht, so wenig wie weglaufen oder ausweichen. Das Leben kommt zu mir, wie es ist, und ich muss es so nehmen, mit ihm umgehen.

Solange ich selbst lebe, leben will, wird es nicht anders sein.

Das Leben, das zu mir kommt, ist schon seit einer kleinen Ewigkeit kein so Schlimmes mehr, es ist für mich gemacht, für mich aufbereitet. Damit ich mich erholen, Kräfte sammeln kann. So vieles und so viele, das und die Rücksicht auf mich nehmen.

Und doch werde ich immer wieder traurig. Sehr traurig. Und ich bleibe es. Lange manchmal. Gerade jetzt hält es schon wieder Tage an.

Die Kirschen vor mir auf dem Teller sind wunderschön. Wie gemalt, einige in zartem gelbrot, andere tief beerenfarben wie ein samtener Rotwein. Sie glitzern im Licht und sie schmecken süß. Ihr Saft prickelt kühl in meinem Mund.

Ich habe die ersten Kornblumen in Natura gesehen. Viele, an einem Feldrain an einer stark befahrenen Straße. Ich überlege, wie ich mit dem Fahrrad heil dorthin und wieder zurückkommen könnte. Ich hätte so gern ein bisschen, eine ganz kleine Handvoll, Kornblumenblau hier bei mir daheim. Kornblumen sind meine kleinen blauen Sonnen, einzigartig in ihrem Blau.

Gestern haben wir eine Pizza gebacken. Gemeinschaftlich komponierte Kreation, duftend im Küchenherd. Ich habe meine Portion ganz langsam verzehrt. Ich mache das seit einer Weile bewusst öfter so. So schmecke ich jede Nuance, schmecke, wie sehr reich mein Leben doch ist. Jede Kartoffel, jedes Stück Brot, jeder Früchtetee schmeckt unendlich reich. Wie privilegiert ich doch bin!

Auf einem Tisch auf unserem kleinen Plattenbaubalkon verstreuen wir Wildvogelfutter. Auch jetzt im Sommer. Im Winter kamen auch Meisen, jetzt ausschließlich Sperlinge. Manche picken friedlich, manche schubsen die Körner und Spelzen ungeduldig mit ihren Schnäblein hin und her und vom Tisch herunter oder streiten sich wiederholt aufflatternd und hinterlassen so immer wieder ein wahres Schlachtfeld, das sie schließlich noch mit weiterem Unrat verzieren. Aber wir mögen sie, ich mag sie, diese kleinen Gesellen, sie bringen mich zum Lächeln. Sie sind so ehrlich, wie sie sind. Und so lassen wir sie unseren Balkon mittlerweile mehr besitzen als wir selbst das tun. Einem kleinen, etwas dicken Spätzlein haben wir sogar schon einen Namen verpasst: „Kugel“. Er kommt regelmäßig …

Ich tauche ein in Lieder in Musiken, und ich lese. Gerade bemerke ich stärker und intensiver denn je, wie unfassbar gut und exakt Autoren das Leben zu lesen vermögen, wie gut und präzise sie die Psychen der Menschen zu lesen, zu analysieren, zu verstehen und mit ihnen zu spielen vermögen. Phantastisch! Ich finde mich in so vielem wieder und gehe mir gleichzeitig sehr verloren. Warum nur?

Eine unerwartete kleine Nachricht überrascht und erfreut mich. Ich versuche, mir kleine Ziele zu setzen und empfinde ein bisschen Stolz, wenn ich sie zu erreichen vermag. Alle Ziele erreiche ich freilich nicht.

Die Luft draußen ist überwiegend kühl, manchmal von Regentropfen geschwängert, manchmal von durch die Wolken brechenden Sonnenstrahlen in Streifen gemustert. Wie ein Reigen tanzen sie durch die Welt, in die ich immer wieder gehe, um zu spüren, zu fühlen, zu empfinden, Wind und Regen, Wärme, die Düfte der Natur. Um mich nicht zu sehr einer jener Engen und Winkel zu ergeben, die ich mir oft als behütenden Hort suche.

„Das machst Du alles richtig“, höre ich Menschen zu mir sagen.

Wenn das stimmt, dann ist auch meine Traurigkeit wohl richtig. Denn sie geht nicht fort, sie kommt immer wieder zu mir zurück. Manchmal nimmt sie sich kleine Auszeiten, zwar, aber nur solche, wie Raucher sie nehmen, wenn sie auf eine Zigarettenlänge vor die Tür gehen.

Dabei ist mein Leben gerade so sehr für mich aufbereitet, und ich versuche doch, „es richtig zu machen“, es mit meinen Sinnen zu erfassen, mich darauf einzulassen, mich nicht zu verkriechen.

Manchmal denke ich, dass ich nur die Wahl zwischen Angst und Traurigkeit habe, so sehr ich mich auch dagegen wehre. Dass das so ist. Seitdem die Tabletten meine Ängste, meine Panikzustände, etwas dämpfen, ist, glaube ich, noch mehr Platz da, für die Traurigkeit.

Warum ist das so? Wie soll das werden, wenn ich wieder arbeiten gehe?

Ich beginne wieder mehr, mich über mich selbst zu ärgern …

Warum kann ich nicht einfach leben, unbeschwert leben?

Tagebuchseite -487-

Die Spuren einer Möwe

Strände sind mystisch, sind magisch.

Ich setze meine Schritte in den weichen Sand, dort, wo er wie unberührt ausschaut, im Vorhof der heran brandenden Wellen. Wenn ich zurückblicke, sehe ich nur diese, meine Spuren in dem Sand. Wie die eines Pioniers, der eine neue, unerforschte Welt zum ersten Mal betreten hat.

Dabei stimmt das gar nicht.

Denn das heran brandende Wasser hat zuvor schon unzählige Spuren anderer „Pioniere“ gelöscht. Das Antlitz des Sandes war und ist nicht so glatt, so rein, so unberührt, wie es das vorgibt.

Meine Spur, ihre Einzigartigkeit, war nur für kurze Zeit sichtbar. Schnell wurde sie weggewaschen. Unsichtbar gemacht.

Wenn das Wasser das Leben wäre, könnte das eine Metapher sein. Eine Metapher dafür, wie schnell das Leben unzählige Spuren wegwäscht, wieder verschwinden lässt, unsichtbar macht.

Hat sie, meine Spur, außer mir, überhaupt jemand gesehen, für den kurzen Augenblick ihres Daseins? Und wird dieser „Jemand“ sich irgendwann an sie erinnern? – Wie winzig klein diese Wahrscheinlichkeit ist …

Ich sehe eine kleine Lachmöwe vor mir im Sande tänzeln. Auch sie ist in diesem Augenblick ein Pionier. Sie macht, dass ich mich erinnere. An den Tag als Du hier warst, und wir am Hafen ebenso eine Lachmöwe beobachteten, gerade so tänzelnd, wie diese jetzt hier am Strand. Und wie sehr Dich ihr Tanz amüsiert hat, immer von dem einen Bein aufs andere und zurück, so grazil, so fein, so engagiert, wie eine freudig erwartende Ungeduld.

Während ich aus meiner Erinnerung zurückkehre an den Strand, bemerke ich, dass die Möwe immer noch vor mir her tanzt. Einige der Spuren, die sie in den Sand getanzt hat, sind inzwischen schon unsichtbar. Aber sie setzt immer wieder neue, für einen Moment sichtbare, hinzu. Das geschieht so, fortgesetzt, solange sie dem Wasser nahe bleibt.

So habe ich länger Zeit, ihre Spuren anzusehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich später an sie zu erinnern vermag, wird mit jeder Sekunde ein kleines bisschen größer.

Wenn das Wasser das Leben wäre, könnte auch das eine Metapher sein. Eine Metapher dafür, nahe am Leben zu bleiben, dem Leben nahe zu bleiben. Und so Spuren zu hinterlassen, an die sich der eine oder andere erinnern wird.

Mir geht es gar nicht so sehr um die Spuren. Um die Erinnerung schon.

Als Du damals hier warst, waren wir an keinem Strand. In keinem Sand konnte ich Deine Spuren sehen. Und schon gar nicht auf den Pflastern der Hafenpromenade, der Stadt, in der ich lebe.

Aber in meiner Seele hast Du eine Spur hinterlassen, dadurch, dass und wie Du Dich an der tanzenden Lachmöwe erfreut hattest.

Es war und ist nicht die einzige Spur geblieben. Je mehr Deiner Spuren ich fand, um so mehr vermochte ich Dir nahe zu bleiben – Du warst, Du bist, wie ein Wasser. Ich erkannte und erkenne in Dir Leben, ein Stück jenes Lebens, wie ich es mag, wie ich es mir wünsche, erträume.

Die Spuren, die in meiner Seele sind, kann kein Wasser mehr unsichtbar machen. Weil sie in mir Erinnerung geworden sind und bleiben. Keine Erinnerung lässt sich je ganz wegwaschen.

Deine Spuren sind schöne Spuren. Spuren eines Lebens, wie ich es gern habe, wie ich es allen Menschen wünsche. Manchmal setzt Du inzwischen ganz bewusst welche für mich in den Sand, auf ein Pflaster, in und zwischen Zeilen. Du malst sie, Du schreibst sie, manchmal traust Du Dich auch, sie zu sagen: Deine Spuren, die sind, wie die einer tanzenden Möwe, so grazil, so fein, so engagiert. Und ganz und gar authentisch.

Es ist wundervoll, dass sie in mir bleiben werden. Und es ist wundervoll, dass Du immer wieder neue Spuren setzt, die Du mich sehen, mich spüren lässt und die, alle, meine Seele nähren, meine Erinnerungen neuer und größer machen, mich und mein Leben auf diese Weise bereichern.

Darüber bin ich so froh …

Tagebuchseite -486-

Welche Farbe hat die Welt?

Die Welt hat die Farbe, in der du sie sehen möchtest, die du ihr gibst. –

Ich weiß nicht, ob diesen Satz, diesen Gedanken so schon einmal jemand vor mir gedacht, gesagt oder aufgeschrieben hat. – Jeder Therapeut würde mich wohl beglückwünschen, diesen Satz gefunden zu haben. Er würde sagen, ich sei auf einem richtig guten Weg, wenn ich ihn selbst „erdacht“ hätte. Und wenn ich ihn gar überzeugen könnte, dass ich diesen Satz auch zu leben vermag, würde er meinen: „Jetzt sind wir am Ziel unserer Therapie! – Sie sind wieder heiler!“

Ich weiß nicht, weshalb dieser Satz zu mir gekommen ist, vielleicht, weil mein Unterbewusstsein nach wie vor auf der Suche ist, weil es bemerkt, dass ich nicht froher und unbeschwerter werde. –

So wie er nun da steht, dieser Satz, egal ob ich nun sein Urheber bin oder jemand vor mir ihn schon mal so oder so ähnlich gesagt oder gedacht hat, erscheint er mir, je länger ich ihn mir vergegenwärtige, immer weniger „weise“. Denn er stimmt nicht. So absolut, wie seine Aussage ist, stimmt er nicht.

Kein Winter wird wirklich bunter, wenn ich ihn mir bunter vorstelle. Kein Krieg wird weniger grausam oder hört gar auf, weil ich mir das in meiner Phantasie wünsche. Kein Folterer wird weniger grausam handeln, wenn ich ihn eindringlich flehend ansehe.

Die Welt ist wie sie ist.

Aber sie ist nicht so wie ich sie sehe. – Nichts ist so, wie ich es sehe. Nichts ist so, wie es von einem einzelnen Menschen gesehen wird. Weil es, wenn es nur ein einzelner betrachtet, zu wenig objektiv wahrgenommen wird. Grundsätzlich jedenfalls.

Jede Wahrnehmung wird durch unser Ich gebrochen, wie durch eine einzigartige, unikate Linse. Weil jeder von uns, jeder einzelne Mensch ein Unikat ist.

Wenn ich aber die Welt nicht zu sehen vermag, wie sie tatsächlich ist, wie soll ich sie dann in der Farbe zu sehen vermögen, die ich mir wünsche? Dazu müsste ich die Linse, durch die ich sie sehe, auswechseln, mich auswechseln, ein anderes Unikat werden, eines das nicht objektiver aber eben bunter zu sehen vermag.

Ich weiß, dass wenn ich jetzt die Frage stellte, was daran besser sein soll, die Antwort lautete: „Besser daran wäre, dass Du nicht so an der Welt leiden würdest. Ein Blick auf sie würde Dir mehr Freude, vielleicht gar ein bisschen mehr Zuversicht schenken. – Im Übrigen, wenn Du weißt, dass Du die Welt ohnehin nicht zu sehen vermagst, wie sie wirklich ist, warum dann nicht wenigstens ein bisschen bunter?“

Gegen diese Frage ist schwer zu argumentieren, und jeder Therapeut weiß das. Wahrscheinlich auch meiner.

Das ist aber nicht der einzige oder gar wichtigste Gesichtspunkt, weshalb ich mich durch diese Frage in die Enge gedrängt fühle. Vielmehr ist es mein Empfinden, dass ich mir bewusst selbst etwas vormachen würde, wenn ich versuchen würde, mir die Welt in schöneren Farben zu malen – es wäre konträr meinem Bestreben, sie doch so objektiv als möglich sehen zu wollen, meinem Bestreben, anderen Menschen gegenüber so authentisch, aufrichtig, mich nicht verleugnend zeigen und verhalten zu wollen.

Nein, der Satz, der Ausgangssatz dieses Textes hier, ist nicht richtig, er ist nicht annehmbar, für mich. Er fordert zur Lüge auf! – Warum nur ist er mir dann dennoch in den Sinn gekommen, habe ich ihn vielleicht gar selbst ersonnen? Nimmt meine Suche nun derartige Wege? Ist das ein Ergebnis meiner bisherigen Therapien?

Nein, ist es nicht – ich habe ja immerhin noch erkannt, dass der Satz eine Lüge ist, dass ich mich nicht nach ihm richten kann und werde, so wie er da steht.

Dennoch verunsichert mich das Ganze.

„Die Welt hat die Farbe, in der du sie sehen möchtest, die du ihr gibst.“

Man , oder besser, ICH könnte immerhin versuchen, den Satz ein bisschen anders zu lesen und zu interpretieren, wo er nun schon mal durch meinen Sinn geistert, und diesen, wie alles, was darin herum wabert eh‘ nicht mehr oder zumindest nicht so schnell wieder verlassen wird. So der Satz, ein bisschen anders formuliert, auch lauten:

„Übersieh‘ die Farben nicht! Versuche sie zu sehen, bewusst, überall da, wo welche sind. Und versuche auch nach ihnen zu suchen, da, wo sie dir nicht sogleich sichtbar sind. Dann siehst du, spürst du besser, dass die Welt auch bunt ist, und, wie bunt sie ist.“

Ja, damit könnte ich wohl leben. Das zu versuchen. Mich an diese Art des Versuchens so oft und so bewusst als möglich zu erinnern.

Schwer genug wird das, ist das! Für mich. Aber es wäre keine Lüge!

Ich hatte noch nie das Gefühl, mein eigener Therapeut sein zu können. Bis auf gerade jetzt. Wenigstens so ein ganz kleines bisschen …

*

Es gibt ein Lied mit gleichem Titel wie mein heutiger Eintrag ihn trägt. Dieses Lied wird wohl gemeinhin in die Kategorie „Schlager“ einsortiert. Und sein mittlerweile verstorbener Sänger gilt vielen wohl auch als „Schlagerbarde“.

Viele Schlager mag ich nicht. Aber einige sind irgendwie spezieller als die vielen sonstigen, sie haben einen guten Text, sie sind in ihrer Art eigen, mehr Lied, manche gar mehr Chanson. Der Schlager mit dem Titel „Welche Farbe hat die Welt?“ ist auf seine Art für mich so ein spezieller. Und die Bilderserie, die derjenige, der ihn ursprünglich hochgeladen hat, dazu erstellt hat, finde ich ziemlich beeindruckend:

Tagebuchseite -485-

Freundschaftspsychologie während der Reise mit dem „One-Way-Ticket“

Es ist eine Eigenart, die allen meinen wenigen wirklichen Freundschaften eigen ist: Es sind Fernbeziehungen.

Mal eben eine zufällige Begegnung in der Stadt mit einem Freund oder einer Freundin, eine spontane Einladung zu einem Tee und ein bisschen Gespräch, ein kurzfristiger Besuch an dem einen oder anderen Tag oder Wochenende, all das gibt es bei Freundschaften, die Fernbeziehungen sind, nicht.

All das ist aber, wenn eben aufgrund von entsprechender örtlicher Nähe möglich, eher zu realisieren, als denn einen Brief zu schreiben oder gar einen Briefwechsel lebendig aufrechtzuerhalten. – Da sind die vielen Verpflichtungen, denen der jeweils andere an seinem Orte zu entsprechen hat: Arbeit, Familie, der eigene Haushalt, Ehrenämter … Oder auch Interessenrealisierungen, die mit dem Ort, an dem man wohnt, verbunden sind: Treffen mit Freunden dort, in der Nähe, Teilnahme an Vereinsleben, der eigene Garten usw.

Dass jemand in halbwegs erreichbarer Nähe so gar keinen seiner wirklichen Freunde hat, ist wohl eher selten.

Ob das Telefon nicht ab und an eine Brücke sein könnte? Das kann es wohl, wenngleich es keinesfalls alles oder gar umfassend zu „ersetzen“ vermag, was persönliche, unmittelbare Begegnungen zu schenken und zu vermitteln vermögen. Oder: Es KÖNNTE es.

Was mich betrifft, so tue ich mich nicht so leicht mit dem Telefonieren. Auch oder wohl gar in besonderer Weise, wenn es um das Anrufen von Freunden geht.

Warum das so ist?

Ich möchte nicht unhöflich sein, nicht stören oder gar aufdringlich wirken, wenn ich anrufe und ich an sich keinen anderen Grund habe als die vertraute Stimme einmal wieder hören oder als eine eigene Episode der Einsamkeit wegwischen zu wollen. Manchmal ist es auch „nur“ die unterschwellige Befürchtung einer schleichenden Entfremdung, wenn man sich so selten hört oder, wie es grundsätzlich ist, höchstens einmal im Jahr, manchmal auch noch seltener wirklich sieht, sich unmittelbar begegnet, WIRKLICH Zeit füreinander hat, die mich dann doch wieder zum Hörer greifen lässt, obwohl meine zunächst genannten Bedenken nach wie vor präsent sind.

Ich selbst werde auch nur selten angerufen, aber ich kann mir nur schwer vorstellen, dass dafür ähnliche Bedenken wie die meinen ursächlich sind. Ich denke vielmehr, dass meine Freunde ein anderes, ausgefüllteres, sie anders und umfassender forderndes, interessanteres Leben führen als ich. Wenigstens manchmal. – Und diese Vorstellung lässt meine eigenen Bedenken nicht geringer werden. Im Gegenteil.

Es klingt in meinen Ohren furchtbar schrecklich, weil mit den entsprechenden Attributen „wirtschaftliche Kategorien“ zur Charakteristik zwischenmenschlicher Beziehungen verwandt werden, aber es wird immer wieder betont, und es ist ja wohl auch nicht falsch:

Jede Beziehung, jede gute Freundschaft, die Bestand haben soll, braucht ein entsprechendes Maß, eine bestimmte „Ökonomie“. –

Ich habe insoweit vor allem immer Sorge mit Blick auf ein „zu viel“ von meiner Seite, dass letztlich vom Gegenüber als bedrückend, ihn oder sie letztlich einschränkend oder unter Stress setzend empfunden wird. Vor allem ein „zu viel“ meiner Eigenheiten, derer, die die schwierigen, die weniger attraktiven, die komplizierten aber immer und immer widerkehrenden, aber anfänglich nicht gleich und nicht SO sichtbaren sind. Aber ich befürchte eben mitunter auch ein „zu wenig“ meinerseits, das dem anderen womöglich ein abnehmendes Interesse suggeriert und letztlich zur befürchteten Entfremdung beiträgt bzw. diese begünstigt.

Ein Außenstehender hat mein Dilemma womöglich bereits schnell durchschaut: „Der denkt einfach zu viel!“ – Das mag schon sein. Aber wie geht das: „Einfach“ weniger denken, weniger nachdenken?

Ich konnte das noch nie, selbst in meinen „wilden Jahren“, die es so bei mir und für mich nie gegeben hat, nicht. Ich konnte und kann es nicht, obwohl ich an der Tiefe meiner Emotionen immer wieder fast kaputt gehe, zu zerspringen drohe. Und schließlich denke ich auch über diese Emotionen und deren Tiefe wieder nach.

Weil das so ist, bin ich, so glaube ich mit der Zeit immer mehr erkannt und begriffen zu haben, einigermaßen beziehungsunfähig, habe ich es so schwer, wirkliche Freundschaften zu begründen und vor allem sie „ihnen angemessen“ (sic!) zu pflegen.

Dass ich es so überhaupt „geschafft“ habe zu heiraten (was allerdings auch bemerkenswert lange gedauert hat und insgesamt recht spät geschah) und nach wie vor verheiratet bin, ist insoweit ein besonders großes Wunder. Ich weiß inzwischen ziemlich genau, dass und wie schwer es meine Frau mit mir hat. Und, dass es mit der Zeit eher noch schwerer geworden ist. Dass sie mir bislang und überhaupt so lange die Treue gehalten hat und nach wie vor hält, ist eigentlich unfassbar.

Letztlich geht jeder seinen Weg allein. Und jeder geht ihn zum ersten und zum einzigen Mal. Es ist in jedem Fall ein einzigartiger, einmaliger Weg. Es ist ein „One-Way“. Und das Leben ist ein „One-Way-Ticket“. Ein Umkehren gibt es nicht.

Niemand geht denselben Weg. Auch dann nicht, wenn man bisweilen oder wiederholt durch diese oder jene Person auf ihm begleitet wird, selbst wenn das über lange Zeitabschnitte geschieht.

Wohin dein Weg verläuft, bestimmst du nur beschränkt allein. Wie Du ihn gehst, ob von dir bestimmt oder nicht, liegt sehr stark in Dir, in deinem Wesen, dem Wesen, das du bist. Dein Wesen wird für andere Menschen nie absolut „richtig“ sein. Aber in den meisten Fällen, wirst du es nicht und nie erfahren, wie „richtig“ es für andere ist.

Und somit auch nicht, warum die eine oder andere Beziehung, Freundschaft, oder die EINE Liebe, nicht Bestand hatte. Nur eins ist sicher: Es lag (auch) an dir!

Wie ich nun unter anderem meine „Fernfreundschaften“, die doch meine wirklichen sind, „adäquater“ pflegen sollte, könnte oder müsste, weiß ich ungeachtet all dieser Weisheiten dennoch nicht.

*

Gerade und oft fühle ich mich, wie in diesem Lied besungen:

Tagebuchseite -484-

Vom erdenklichen Risiko mancher Zitate, einem Schlüssel, der mir Angst macht und der notwendigen Endlichkeit von Geduld

„Manche Zitate zu mögen, kann bis in den Selbstmord führen.“ – Das sagte mein Therapeut heute Vormittag zu mir, wir waren unter anderem auf Sartres Aussage, „Der sensible Mensch leidet nicht aus diesem oder jenem Grunde, sondern ganz allein, weil nichts auf dieser Welt seine Sehnsucht stillen kann.“, gekommen.

Ich habe dieses Zitat gestern einer Freundin geschickt, die schon seit langem eine schwere und zwischenzeitlich immer mal ganz besonders schwere Zeit durchmacht …

Als mir das Zitat zum ersten Male begegnet ist, war ich ganz fasziniert. Und ich bin es unverändert. Da hat jemand etwas vor vielen, vielen Jahren, ohne etwa mich zu kennen, etwas gesagt, etwas festgestellt, was so sehr stimmte und stimmt. Ich fühlte und fühle, dass mich jemand sehr umfassend, ganz grundsätzlich VERSTANDEN hat. Verstanden, wie ich empfinde und weshalb. Und es fertig bekommen hat, dies in und mit einem einzigen Satz auszudrücken!

Ich glaube, jene Freundin hat gestern auch so empfunden, SO womöglich zum ersten Mal, denn sie kannte das Zitat vorher nicht.

Ich bereue es ungeachtet der Aussage meines Therapeuten nicht, ihr das Zitat geschickt zu haben. Ich habe mich unendlich gefreut, ihre Freude über ihr „sich selbst gefunden haben“ in dem Zitat erleben zu dürfen. Und ihr Empfinden, VERSTANDEN worden zu sein.

Ich denke, dass das tatsächliche VERSTANDEN werden sehr, sehr wichtig ist. Das habe ich auch meinem Therapeuten gesagt.

Mich haben Zitate immer angeregt, mich auf die Suche nach Menschen zu begeben, mit denen ich mich über die Gedanken, die diese Zitate ausdrücken oder verkörpern, meine eigenen Gedanken dazu, meine Empfindungen auch, auszutauschen vermag. Die solchen Austausch, die Gespräche über philosophische Themen, über Zwischenmenschlichkeit, über die Höhen und Abgründe unseres Denkens und Fühlens, mögen, die solche Gespräche als wichtig erkannt haben. Für sich und generell. Es ist nicht leicht, solche Menschen zu finden. Aber es lohnt sich. Einige solche Menschen kenne ich mittlerweile. Und so bin ich mit meinen Zitaten, auch mit einem mutmaßlich so „schwer wiegenden“, wie dem von Sartre, nicht allein.

Ich glaube, dass das sehr wichtig ist. Mit solchen Zitaten nicht allein zu bleiben – sie nicht wie eine Mauer um sich herum aufzubauen und zu meinen, dahinter leben zu können. Oder in faszinierter Liebe vor ihnen zu erstarren und zu verlernen, auch anderes zu sehen, zum Beispiel leibhaftig lebende Menschen – denn auch unter ihnen gibt es zweifellos welche, die VERSTEHEN.

Wer solchen Menschen begegnet, ein paar von ihnen als Freund gewinnen kann, der wird zumindest weniger an Selbstmord denken, denn ein Stück seiner Sehnsucht hat so gute und heilende Nahrung bekommen und kann das wieder und wieder. Dann, wenn die Freundschaft Bestand hat. Aber auch dann, wenn sie sich doch einmal löst, und ungeachtet des damit verbundenen Schmerzes, die eigene Bereitschaft auf der Suche zu bleiben, Fortbestand hat – denn dann wird es neue Freundschaft der genannten Art geben können.

Diesen Fortbestand zu sichern ist das Wichtigste, das Allerwichtigste. Wer ahnt, dass ihn insoweit die Motivation verlässt, der ist in Gefahr. Und nur, wenn er sich dieser Ahnung, dann wenn es nötig ist, bewusst zu werden vermag, wird er nicht tatsächlich in Gefahr geraten.

Mir wird immer bewusster, dass Freundschaften der genannten Art ebenso kostbar wie herausfordernd sind, dass sie viel, besonders viel, verlangen von den beteiligten Seiten. Denn bei allem VERSTEHEN, erfordern sie eine in gewisser Weise besondere Stärke, nicht zuletzt in Gestalt von Geduld.

Da tragfähige Freundschaften nur ent- und bestehen können, wenn das gegenseitige Geben und Nehmen wenigstens einigermaßen ausgewogen ist, habe ich insoweit bisweilen große Sorge in mir. Sorge, dass ich, so, wie ich bin, so wie ich denke und empfinde, zu viel bin, zu viel verlange von denen, die mir Freund sind oder sein oder bleiben möchten. Dass ich vor allem ihre Geduld überstrapaziere. –

Nichts, was Leben oder an Leben gebunden ist, ist unendlich, kann unendlich sein. Auch Geduld (wohl) nicht.

Inzwischen vermag ich ihn zu erkennen, jenen Schlüssel, der Türen öffnet, mit denen sich neue Geduldsreservoire erschließen lassen können, ich das könnte, für jene Menschen, die mich begleiten. Sein Anhänger trägt die Aufschrift „Veränderung“. – Aber er macht mir Angst.

Das Wort, der Fakt, von Veränderung hat mir schon immer Angst gemacht, seit 1989/90 ist das chronisch, heftig, manifestiert geworden. So sehr, dass ich den Schlüssel nicht zu benutzen weiß, dass mir schon bei dem Gedanken, ihn benutzen zu sollen oder zu müssen, der Schweiß ausbricht. Dabei müsste ich ihn sogar benutzen wollen. Und zwar sehr oft, wahrscheinlich sogar nahezu ständig.

Dass zu bewerkstelligen, weiß ich nicht. Selbst größter Leidensdruck war insoweit bislang kaum einmal genug. Und selbst, wenn der Druck dann doch (bisher umfassend erst einmal in meinem Leben) groß „genug“ war und ich tatsächlich etwas verändern WOLLEN würde, dann stehe ich vor dem Wort „WIE?“ wie ein Schulbub‘ vor der 1. Klasse.

An diesem Punkt stehe ich zurzeit. Und habe, natürlich, (schon) wieder Angst.

Und meine Sehnsucht ist darüber keinen Deut kleiner geworden.

Ich muss damit leben lernen, besser leben lernen, dass Menschen die Geduld mit mir verlieren. Sie haben ja versucht mich zu verstehen, haben mich vielleicht sogar verstanden, aber sie verstehen es halt auch, besser auf sich zu achten als ich.

Das dies stets so bleibt, das wünsche ich vor allem diesen Menschen, freilich von ganzem Herzen. So sehr, dass ich es nicht verwinden können würde, wenn sie mich dann, wenn sie empfinden, dass es besser, dass es nötig für sie wäre, nicht verlassen würden.

Tagebuchseite -483-

„Zur falschen Zeit am falschen Ort“ – ???

Es gibt so Sätze in unserer Umgangssprache, die hört man immer wieder, man begegnet ihnen oft und nimmt sie hin – längst sind sie eine Art Redewendung geworden.

Nun muss man nicht mit jeder solchen „Allgemeingut gewordenen“ Sentenz selbst konform gehen. Muss man sie deshalb aber auch gleich hinterfragen, sie auseinandernehmen? –

MUSS man sicher nicht, aber mich reizt es mitunter schon, vor allem dann, wenn ich mit meinem uneins Sein mit so einer Redewendung beständig nicht fertig werde, wenn es mir, jedes Mal, wenn ich ihr aufs Neue begegne, eine Art „Stich“ versetzt.

So geht es mir mit der im Sprachgebrauch meiner Zeitgenossen immer wiederkehrenden Sentenz, wonach jemand „zur falschen Zeit am falschen Ort“ gewesen sein, die sehr generell dann gebraucht wird, wenn jemand Opfer einer Straftat geworden ist. Nicht selten sagen sogar Polizei- oder andere Staatsbeamte diese Wendung dahin, gar nicht selten sogar dem Opfer ins Gesicht: „Tja, Sie waren halt zur falschen Zeit am falschen Ort“.

Ich mag ja mal wieder zu sensibel sein, aber für mich klingt das, obwohl es sicher in den allerwenigsten Fällen so gemeint ist, zynisch, höhnisch, die Tatsachen verkehrend.

Höre ich diesen Satz, dann schließt er für mich geradezu logisch ein, dass derjenige, der „zur falschen Zeit am falschen Ort“ gewesen ist, etwas falsch gemacht hat. Wäre er zu besagter Zeit, nicht an besagtem Ort gewesen, wäre ihm das Leid, das ihm geschah, nicht passiert. Klingt für mich schlussendlich wie: „Selber schuld!“

Wenn ich zur falschen Zeit am richtigen Ort, also etwa an einem mit einer Freundin verabredeten Ort bin, dann bin in den allermeisten Fällen wohl tatsächlich ich selbst schuld, wenn ich sie nicht mehr antreffe. Immerhin besteht diese Möglichkeit, wenn ich nicht gerade etwa durch ein unvorhergesehenes Ereignis, welches ich nicht vorhersehen konnte, aufgehalten worden bin.

Wenn ich zur eigentlich richtigen Zeit am falschen Ort bin, besteht zumindest die Möglichkeit, selbst schuld zu sein, ebenso, etwa, wenn ich mich durch Unachtsamkeit verirrt oder etwas übersehen habe.

Aber wie kann ich selbst schuld sein, „zur falschen Zeit am falschen Ort“ gewesen zu sein? Etwa, weil ich irgendwann geboren worden bin? –

Das mag ein bisschen dick aufgetragen klingen, aber mich regt es auf, wenn der Satz mit der Floskel „Zur falschen Zeit am falschen Ort“ so dahin gesagt wird, wie es halt immer wieder geschieht.

Ein bestimmter Ort in Verbindung mit einer bestimmten Zeit vermag für mich nur falsch zu werden, wenn ein oder mehrere andere Menschen oder sonstige Lebewesen (sagen wir mal ein aus einem Zoo ausgebrochenes Raubtier) diesen Zusammenhang so verursacht, so bedingt, haben. Ob sie daran Schuld tragen bzw. welches Maß an Schuld, ist noch eine andere Frage, die es jeweils konkret zu stellen und zu untersuchen gälte. Aber NUR in die Richtung der VERURSACHER wäre sie zu stellen.

Grundsätzlich eindeutig wäre hingegen, dass das Opfer, in keinem Falle schuld hätte, an dem was ihm widerfahren ist.

Wenn das aber so ist, weshalb sagt man dann über es oder ihm selbst gar, dass es „zur falschen Zeit am falschen Ort“ gewesen sei?

Wer unschuldig ist, hat nichts falsch gemacht, schon gar nicht zweimal, wie es diese vermaledeite Redewendung letztlich behauptet.

Für mich ist sie überflüssig wie ein Kropf, in meinem Wortschatz kommt sie nicht vor und wird sie nie vorkommen. – Aus den genannten Gründen …

*

Warum nur denke ich sehr oft, wenn ich derartige Überlegungen zum Gebrauch von Worten, zu Wirkungen unserer Sprache, anstelle, meine Ansichten dazu sortiere und aufschreibe, dass ich dann auf doch sehr einsamem Pfade wandele?

Tagebuchseite -482-

Mit Dorian Gray auf der Parkbank

Unsere Wochenenden sind schon mitunter ein bisschen unspektakulär skurril. Ein Teil davon wird zumeist irgendwie aufgefressen, von so diversen kleinen Pflichten, Dingen die zu erledigen sind. Steuererklärung, Hausaufgaben, Wohnung aufräumen (das konnte ich zum Ende der vergangenen Woche wegen meiner OP nicht so richtig allein), frisches Brot einkaufen, Mittagessen zubereiten und einiges andere mehr, standen diesmal auf dem Programm.

Am Sonnabendnachmittag dann immerhin eine kleine Ausfahrt, zunächst mal in Richtung eines Kaufhauses in einer nicht zu weit entfernten Kleinstadt. Dort war meine Frau diesmal sogar nahezu eigenständig erfolgreich beim Kleidungserwerb, wogegen während unseres Niedersachsenurlaubs in Bremen ja ich sie während unseres Einkaufsbummels noch eingekleidet hatte. – Wir fuhren dann noch ein Stück weiter, nach Boltenhagen, wo es während eines kleinen Spaziergangs laue Meeresluft, eine Kugel Erdbeereis und überraschenderweise gar nicht so viele Menschen hatte.

Für den Sonntag waren damit die Energien meiner Familienmitglieder, wie öfter mal in der letzten Zeit, freilich schon weitgehend verpufft. Das „Bübchen“ hatte sich für den Nachmittag bei einem Freund zum Besprechen einer Hausaufgabe und ein bisschen gemeinsames „Zocken“ verabredet, und meine Frau sortierte Fotos zur Bearbeitung, wollte sich pflegen und ein ruhiges Entspannungsstündchen auf dem Balkon verbringen.

Ich war ein bisschen enttäuscht, denn das bedeutete, dass ich wieder einmal weitgehend allein vor mich hin spazieren würde, wenn ich denn ein bisschen Natur und Luft genießen wollte. Ich bin schon während der Woche so viel allein unterwegs, wenn ich meine Arzttermine, Konsultationen und Besorgungen abwickle, was ich seit dem Frühjahr ganz grundsätzlich zu Fuß oder mitunter mit dem Fahrrad tue, egal, wie weit mein Zielort entfernt ist.

Aber egal, ich wollte nach draußen und machte mich also auf den Weg, das erste Stück meinen Sohn, der sein Longboard dabei hatte, begleitend. Nachdem er sich von mir verabschiedet hatte, schlug ich den Weg zu meiner „Standardrunde“ ein. Die führt mich regelmäßig in unseren Bürgerpark, einem Areal, welches anlässlich der Landesgartenschau 2002 in unserer Stadt entstanden ist.

Ich bin recht gern dort, obwohl es mit der Pflege des Parks und insgesamt einem Nutzungskonzept nicht so gut bestellt ist, und immer wieder dort Leute mit großen Hunden unterwegs sind, die dann einfach frei herumlaufen gelassen werden. Aber es ist ein grüner Ort, unmittelbar an unseren kleinen Tierpark angrenzend, mit einem Teich darin. Es gibt ein paar Möglichkeiten, sich ein bisschen sportlich zu betätigen, es hat ein Wasserspiel und einen Aussichtsturm und in einem Becken auch etliche Kois. Von den Stadtterassen vor der Seebühne aus kann man manch schönen Blick in die Weite genießen.

Ich habe mir schließlich eine Bank noch oberhalb der Stadtterassen gesucht, im Halbschatten. Von hier aus fand ich eine besonders schöne, abwechslungsreiche Blickweite, auf Wasser, auf unterschiedlich schattiertes Grün, mal als großflächiges Gras, mal in Büschen stehend, mal als Baum. Und an seinem Ende, wo es in den Himmel berührte, kreiselten etliche Flügel der hier recht zahlreichen Windkraftanlagen.

Ich ließ mich auf der Bank nieder und schaute erst einmal ein bisschen in die Weite. Meine Gedanken begannen zu schweifen … – Das hatte ich schon befürchtet und bemerkte es gerade noch rechtzeitig. Und ich erinnerte mich, dass da doch Dorian Gray mich auf meinem Weg begleitete. Ich musste ihn nur aus der kleinen Tasche, die ich über meine Schulter hängend bei mir trug, befreien, und mit ihm ins Gespräch kommen. –

Natürlich war nicht Dorian Gray daselbst bei mir, aber das Buch über dessen Bildnis, welches von Oscar Wilde geschrieben worden ist.

Ich begann also zu lesen, und augenblicklich befand ich mich abwechselnd in zwei Welten. In der des Dorian Gray, der sich gerade auf dem Empfang einer Herzogin befand und wie schon anlässlich seiner ersten Begegnungen mit diesem, den kühnen Thesen und aphoristischen Aussagen des Lord Henry, der auf demselben Empfang kräftig die Konversation belebte, lauschte. Und in der des Bürgerparks, der mit der Welt in meinem Buch nur bedingt zusammenpasste, mir und meinen Augen aber zwischenzeitlich immer wieder ein wenig Entspannung schenkte.

Ach, so mag ich es. Ich hätte sehr lange so dort sitzen bleiben und abwechselnd lesen und in die Ferne schauen mögen. Denn ich war ein bisschen allein mit mir und zugleich doch nicht. So ein Empfinden habe ich sonst nur, wenn ich von mir nahen Menschen, wirklichen Freunden, begleitet werde. Sie lassen mir Raum, ICH zu sein, mit mir zu sein, aber sie tauschen sich auch mit mir aus, wir sprechen miteinander. Sie machen mich reicher, ich empfinde innere Ruhe, inneres Glück.

Dieses Empfinden, in diesem Falle durch mein Buch geschenkt, blieb mir erhalten auf meinem weiteren Spaziergang, der noch ungefähr eine dreiviertel Stunde dauerte. Am „Haus des Gastes“ vorbei zum Köppernitztal mit dem winzigen Bächlein, dass diesem Tal seinen Namen gegeben hat, hinunter, in den kleinen Park der die Lübsche Straße in die Stadt hineinführend rechtsseitig begleitet und dann weiter der Parkanlage hinter der Mensa und hinter dem Schwimmbad vorbei folgend wieder in „meinen“ Plattenbaustadtteil hinein.

Meine Blicke waren jetzt wacher. Ich entdeckte viele kleine Schnecken, die ihre verschiedenfarbigen Häuschen an Bäumen hinauf schleppten. Eine besonders kleine mit einem winzigen gelben Haus, hatte sich die Spitze des Blattes eines Wildstrauchs als Rastplatz erwählt.

Ich hörte intensiver – das vielstimmige Zwitschern und Singen der unterschiedlichsten Vögel. Und ich gewahrte einen, den ich noch nie gesehen hatte und den ich dann später, hoffentlich richtig, in einem der kleinen Bestimmungsbücher, die ich mir im Vogelpark in Walsrode gekauft hatte, als Mönchsgrasmücke identifizierte. – Wie schön der war! – Und dann war da noch ein Baum, den ich auch noch nicht kannte. Mit ganz eigen geäderten Blättern, ein jedes wie ein eineiiges Geschwisterlein all der anderen ausschauend, gleiche Form, gleiche Farbe, gleiche Größe. Er ist für mich ein Geheimnis geblieben.

Auch ein paar Mohnblumen sah ich wieder (am Vortag war uns, während unserer Fahrt mit dem Auto, schon eine ganze Mohnblumenwiese begegnet).

Eine Kornblume hingegen noch nicht. (Dazu war es bislang hier im Norden womöglich doch insgesamt immer noch zu kühl.)

Die würde ich, offen gesagt auch am liebsten nicht nur mit Dorian Gray als Begleiter entdecken. Aber es ist nicht ganz einfach, meine Familie so für die kleinen Naturdinge oder einen einfachen Spaziergang zu begeistern, wie ich mich dafür begeistern kann.

Manchmal erscheint es mir sogar so, dass ihr solche Spaziergänge recht generell „zu wenig“ oder zu eintönig sind. – Leider.

Deshalb gehe ich nun so manches Mal auch am Wochenende allein. Immerhin habe ich nun erfahren, dass zumindest bei gutem Wetter, ein Begleiter wie Dorian Gray auf seine eigene Weise gut zu tun vermag.

Tagebuchseite -481-

Eine Erinnerung

Es war die Zeit, als die Wälder noch kein Grün trugen.

Es war jene Zeit, während der ich allein unter fremden Menschen war. Sehr verschiedenen Menschen, verschiedener als jene, die ich sonst im Alltag treffe. Alle aber mit mindestens einer Gemeinsamkeit. Einer, die alle irgendwie einte und doch auch nicht. Erst seither weiß ich wie mehrdeutig Gemeinsamkeit sein kann.

Es war die Zeit, in der so vieles in mir aufgewühlt war und immer aufs Neue aufgewühlt wurde. Eine schwere Zeit. Der Schlaf war vor den Nächten geflohen. Und so lag ich oft wach, meinen Gedanken hingegeben und oft, zu oft, von ihnen genommen.

Wenn ich dann müde genug war, floh ich. So oft als möglich. Dann, wenn es Tag war.

Ich floh zu den kleinen Vögeln im Park, die das Frühjahr ahnend, zu singen begonnen hatten, zu den klopfenden Spechten, zu den Enten, Möwen und Blessrallen, die mir am Ufer des nahen Sees einen ganz verständnisvollen Empfang bereiteten, zu den Rehen, die mich aus der Ferne neugierig anschauten. Ich floh zu der Anhöhe, von der aus es einen Blick über den See hatte, der mich süchtig machte. Sehnsüchtig. Sehnsüchtiger, als ich ohnehin schon war.

Wenn ich in der Natur sehnsüchtiger werde als ich es schon bin, geht das mit traurig werden einher.

Es ist nicht wahr, dass eine Wanderung im Freien, stets glücklicher macht.

Zweimal hast du mich auf meinen Flüchten begleitet. Oder ich dich.

Du durftest immer nur für eine halbe Stunde am Tag fliehen. Ein paar Minuten Flucht haben wir jeweils hinzu geschummelt. So hatten wir ein bisschen mehr Zeit, miteinander zu reden, von der Anhöhe über den See zu schauen. Wenn du mit mir sprachst, trug der Wald plötzlich doch schon ein wenig Grün. Denn, wie du redetest, das war wie eine Hoffnung.

Wenige Menschen reden so wie du mit anderen, so rücksichtsvoll, so verstehen wollend, so klug, so Zuversicht vermittelnd. Du, die du all diese Adjektive selbst so sehr suchtest, bei anderen Menschen, für die Hoffnung, die du brauchtest und brauchst.

Wir fanden auch außerhalb unserer Flüchte einige Male Gelegenheit auf bereichernde, sich wohl auch gegenseitig unterstützende Weise, miteinander zu reden. Als du gehen musstest, bedanktest du dich bei mir dafür und versprachst mir Fortsetzung. Aber schon da war die schmerzhafte Ahnung in mir, dass es vielleicht doch keine Fortsetzung geben würde.

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass unsere Gemeinsamkeit mehrdeutig, zwiespältig gewesen sein könnte, ich glaubte, ich vertraute auf deine Aufrichtigkeit.

Ich glaube immer noch, dass du aufrichtig bist.

Heute weiß ich, dass am Tag als ich dich zum letzten Mal sah, ein Rauch über Deinen Augen lag, ein Rauch der für mich nicht sichtbar war. Es gibt solchen unsichtbaren Rauch, und er lässt, wer ihn einatmet, langsam sterben. Du hast mich sterben lassen.

Manchmal, wenn ich jetzt durch Parks und Wälder gehe, die so schönen, grünen, die ganz Hoffnung verheißen und sind, muss ich an dich denken. Und an die Adjektive, die du suchtest, und daran, dass ich dir ein paar davon so gern geben mochte, und meine guten Wünsche dazu. Damit du gesund würdest. Dafür wollte ich etwas tun, was du spüren kannst.

Ich kann nun aber nichts mehr tun, als mich erinnern und für dich bitten. Letzteres tue ich jeden Abend. Ich weiß nicht, ob ich je damit aufhören kann und werde …

Wenn ich mich an Dich erinnere, in den frühlingshaften und sommerlichen Parks und Wäldern, dann scheint es mir manchmal für einen Moment, als schickten sich all die Bäume und Sträucher gerade an, ihr Laub zu verlieren. In diesem Moment wird es, ist es, Herbst. Vielleicht liegt das daran, dass ich nun von dir keine Hoffnung mehr höre und damit das Bewusstsein obsiegt, dass auch Grün vergänglich ist. In der Natur wie im Herzen.

Nein, nicht jede Wanderung im Freien macht glücklich …

Tagebuchseite -480-

Das Wetter.

Was das Wetter angeht, wohne ich, glaube ich, im englischsten Teil Deutschlands. Im Winter wird es nur höchst selten richtig kalt und schneereich und im Sommer genauso selten richtig heiß.

Von überall her höre ich heute Wetternachrichten, die so klingen: Sonnenschein bei 27°, Heiter und trocken – 26°, Sommerlich warm bei 29°. Und ich habe hier das Kontrastprogramm, das aktuelle Wetter von hier, wo ich wohne, Stand 14.20 Uhr: bedeckt, Nieselregen bei mäßigem Wind, 17°.

Ja, nun soll es auch hier in den nächsten Tagen langsam bergauf gehen. Morgen 21, Freitag 25, Sonnabend 29 Grad, dann aber schon mit Schwüle und Gewittern, und dann geht’s auch gleich wieder heftig bergab mit den Temperaturen.

Wenn ich ehrlich bin, wäre es mir gar nicht so unrecht, wenn es gar nicht so warm würde. Morgen muss ich nämlich abermals „unters Messer“, und diesmal wird an einer unangenehmeren Stelle geschnitten. Und da darf dann vier bis fünf Tage überhaupt kein Wasser ran.
Da heißt es dann mutmaßlich: Stille sitzen und beten.

Beten für einen guten Befund, denn beim letzten hatte ich nach vergleichbarer OP gerade so noch mal Glück …

Ansonsten ist mir das Wetter aber eigentlich weitgehend einerlei, wenn es ab und zu ein paar trockene Tage hat, ist‘s schon gut. Nur die Hitze vertrage ich irgendwie nicht mehr – im Gegensatz zu jüngeren Jahren, wo sie mir nichts ausgemacht, ich sie sogar geliebt habe.

Sonst gibt es so viel Wichtigeres als das Wetter.

Recht häufig allerdings, so scheint es mir jedenfalls immer öfter, erfahre ich von dem wirklich Wichtigen tendenziell weniger, dafür umso mehr von dem, was bloß wichtig gemacht wird.

Zum Beispiel von Josef Blatter. Erst von seiner umstrittenen Wiederwahl als Präsident des Weltfußballverbandes, nun von der Ankündigung seines Rücktritts. Da wird geredet, da werden „Brennpunkte“ gesendet, da werden Talkshows abgehalten, da werden Halbzeitpausen mit jenen Nachrichten über Herrn Blatter überbrückt, die vor einer dreiviertel Stunde exakt schon genauso über den Sender liefen. Allerdings habe ich mich gestern Abend dann zwischenzeitlich ernsthaft gefragt, was denn das eigentlich für NACHRICHTEN waren!

Im NDR-Fernsehen führte in der Halbzeitpause des Relegationsspiels der Studiomoderator der Aktuell-Sendung (dessen Stimme funktioniert offenbar seit seiner Geburt schon nur mit Sensationsklangfarbe) ein Interview mit einem als Sportexperten bezeichneten Kollegen über die Motive und Hintergründe der Rücktrittsankündigung von Josef Blatter. Woran ich mich vor allem noch erinnern kann ist, dass dieser „Experte“ mehrmals: „Ich glaube …“, „Ich habe das Gefühl …“, „Das ist alles noch Spekulation …“ gesagt hat. Der Informationsgehalt des Interviews tendierte ganz stark gegen Null.

Warum in aller Welt, werde ich mit derartigen NACHRICHTEN- bzw. INFORMATIONSsendungen malträtiert? – Diese Frage betrifft im Übrigen bei Weitem nicht nur, die „Blatterwelle“ sondern jeweils, meist schnell wechselnd viele weitere derartige Wellen, die, wenn man denn auch nur irgendein Massenmedium an sich heran lässt, immer sintflutähnlicher in die heimischen Gemäuer schwappen.

Mal abgesehen davon, dass ich schon seit längerem den Eindruck habe, dass es mit dem Informationsgehalt auch sich seriös gebender Nachrichten- und Informationssendungen der staatlichen Kanäle, oft nicht mehr weit her ist bzw. Informationen sehr „interessen- bzw. lobbynah“ ausgewählt, zusammengestellt und präsentiert werden, fällt mir angesichts dieser zunehmenden aktionistischen Nichtberichterstattung über vermeintlich „wichtige Themen“ immer öfter nur noch ein nicht eben nett klingender Ausruf ein:

„Einfach mal die Klappe halten!!“

Dass das mit dem „Klappe halten“ nicht passiert, bedeutet folgerichtig und konsequent: Gar nichts mehr hören und sehen, was die gemeinhin öffentlichen Medien angeht, bzw. wenn irgend realisierbar, sehr, sehr genau auszuwählen und durch andere Angebote selbst sinnvoll ergänzen. Das ist freilich gar nicht so einfach.

Fußballübertragungen habe ich mal sehr geliebt und viel angesehen. Aber ich sehe immer weniger welche an. Mich ödet es immer mehr an, weil das inzwischen so wenig mit Sport zu tun hat, was da übertragen und worüber da „informiert“ wird. Und das ist mir nicht wirklich wichtig.

Anders, wenn unsere 2. Mannschaft gegen einen Verein vom Rande der Landeshauptstadt spielt. Das ist ehrlich. Und es ist sichtbar, wie schwer die Bedingungen für diese Sportler sind, auf ihrem Sportplatz, wo die Sitzbänke verschlissen sind, wo es an Farbe für die Abgrenzungsgeländer fehlt, wo man sich keinen Platzwart mehr leisten kann. Das wäre wichtig, in den Fokus gerichtet zu werden.

Und dann könnte an– und abschließend ja kommen, was immer kommt, weil es halt dazu gehört, selbst wenn DAS stets auch spekulative Nuancen beinhaltet. Und so ganz und gar unwichtig ist es ja nun auch nicht:

Das Wetter.

Tagebuchseite -479-

Auf (m)einer Insel …

Schon längere Zeit habe ich dies Bild in meinem Herzen:

Ich befinde mich auf einem schönen Eiland, mit Wiesen und Bäumen, mit Sträuchern und Schilfgürteln, Auen und Wäldern. Abendliche Sonnenstrahlen fluten über die Natur. Staunend blicken Reh und Hase in einen Abendhimmel, der nicht von dieser Welt ist.

Die ganze Insel ist zu schön, um tatsächlich von dieser Welt zu sein, denn alles dort ist Frieden. Selbst die Meere, die Seen, die Flüsse – auch wenn sie noch so behände dahin rauschen. Sie tun es ohne Hast, ohne Eile.

Alles ist ganz es selbst. Auch ich bin es.

Nur hier, auf diesem Eiland, das zu wundervoll, zu schön ist, um wahr zu sein, vermag ich das.

Ich stehe auf einer Wiese in einem lichten Wald, die mit den verschiedensten wilden Blumen bewachsen ist. Es herrscht jene besondere Stille, die nicht wirklich Stille ist, weil da Insekten summen und zirpen, weil eine Eidechse raschelt im Gras, weil ein Vogel vorüber flirrt und manche seiner Artgenossen ihr melodiöses Abendkonzert abhalten.

Das wahre Leben ist diese Art von Stille.

Mein Tagwerk habe ich vollbracht. Ich habe an meinem Buch weiter geschrieben, habe Briefe verfasst an liebe Freunde, habe im Garten meine Arbeit getan und Zwiegespräch mit meinem Tagebuch gehalten und die Zimmer in meinem Herzen neu ausgestattet, mit Blumen, mit Früchten, mit Literatur, mit Kerzen – ich empfinde Vorfreude, hoffend und ahnend, dass jene Menschen, denen diese Zimmer Wohnung sein dürfen, sich wohlfühlen, sich erholen werden, so wie es nun dort ausschaut.

Ich denke jeden Abend an diese Menschen und schaue nach dem Rechten in den Herzensstübchen, die sie in mir haben. Und ich spreche mit ihnen. Ich weiß, dass sie mich hören – und manchmal spüre ich, höre ich, wie sie auch zu mir sprechen.

Was Leben für mich ausmacht, was mich leben lässt, weiterleben, sind diese Gespräche.

So viele tiefe Gedanken sind in mir, die ich auch anderen Menschen sagen möchte.

Wie jeden Abend habe ich mir eine große Handvoll beschriebener Papiere mit auf die Wiese genommen. Zuvor hatte ich einige jener Gedanken drauf geschrieben.

Ich befestige die Papiere an Bändchen, diese wiederum an Luftballons, die ich aufsteigen lasse in den Himmel. Auf, dass sie in die Welt fliegen, die an den Horizonten meiner Insel ist, die es wie sie ist, gar nicht gibt. Ich möchte, dass die Gedanken viele, andere Menschen lesen, viele mehr als jene, die in meinem Herzen wohnen, denen meine Gedanken schon vertraut sind.

Ich lebe auf keiner Insel, aber ich fühle mich mitunter so. Das ist ein schönes Gefühl. Und ich wünsche es mir. Das aber ist ein schmerzlicher, ein schmerzender Wunsch. Und wenn der Wunsch sehr groß wird, dann lebe ich plötzlich doch dort, ganz und gar Sehnsucht seiend und bleibend.

Nicht Sehnsucht nach Geld, nicht Sehnsucht nach Macht. – Sehnsucht nach dem, was ich beschrieben habe, Sehnsucht nach Frieden, sehr auch nach Frieden in mir.

Wie viele andere Menschen leben auf solchen Inseln?

Ich wünsche mir, dass sie und jene, die keine Insel haben, meine Gedanken erreichen. Aber die meisten meiner Gedanken sind und bleiben virtuell, so wie die meisten der Luftballons und der an ihnen befestigten Papiere.

Ich kehre zurück in die Wohnung auf meiner Insel. Sie besteht aus jenen Zimmern, die ich in den Herzen anderer Menschen habe. In eines kehre ich nun ein. Es ist so wundervoll hergerichtet wie eine immerwährende Einladung – so wie ich mir erhoffe, dass meine Herzensstübchen für jene Menschen, denen ich die Tür da hinein geöffnet habe, auch immerwährende Einladung sind.

Ein Kornblumensträußchen steht vor mir, und eine Tasse mit dampfendem Waldfruchttee. Mein aktuelles Lieblingsbuch liegt auf dem kleinen Tisch und daneben ein Brief. Handgeschrieben. Ich nehme, öffne und lese ihn. Ich schaffe es nicht ganz bis zum Ende.

Die Buchstaben der letzten Zeilen verschwimmen zu einem Reigen tanzender Figuren, zart und schemenhaft. – Ich habe Tränen in den Augen. Wie so oft. Sie füllen mein Seelenmeer mit Glück.

Einem Glück, das so schön ist wie meine Insel. Einem Glück, von dem ich abgeben möchte und abzugeben vermag. Weil mein Seelenmeer sich ja doch immer wieder, immer aufs Neue, füllt.

Wenn das, NUR das, mein Sinn sein könnte, dann würde meine Insel, wenigstens ein Stück weit, Realität.

Wenn ich nur stark genug dafür wäre und die Welt, die reale, so, dass ich es sein könnte!

Ganz und gar!

*

Tagebuchseite -478-

Egal?

Gestern las ich im Eintrag einer Blogfreundin, dass sie gerade ein paar „Egal-Tage“ durchmache, dass ihr im Augenblick Dinge so egal seien, wie das niemals zuvor der Fall gewesen sei. Offenbar auch Dinge, von denen sie nach wie vor ahnt oder weiß, dass sie ihr eigentlich wichtig sind.

Ich habe diesen Eintrag ein paarmal gelesen. Und schließlich war mein Erstaunen komplett, denn mir wurde plötzlich bewusst, dass ich so eine „Egal-Stimmung“ gar nicht kenne, dass mir augenscheinlich noch nie etwas wirklich egal gewesen ist. Zumindest nicht, wenn ich „egal“ mit „gleichgültig“, „teilnahmslos“, „stoisch“ , „indifferent“ übersetze.

Ja, auch ich habe in meinem Leben schon öfter einmal gesagt: „Das ist mir egal!“ – Aber das stimmte nie. Wenn ich das sagte, dann etwa, um eine Entscheidung nicht wirklich treffen zu müssen oder sie hinausschieben zu können, um einem Konflikt aus dem Wege zu gehen, mich zurückziehen zu können.

Tatsächlich ist in mir nicht genug Gelassenheit als das mir mal oder vorübergehend etwas oder jemand wirklich egal sein könnte. Im Grunde beschreibt dieser Satz das entscheidende Indiz dafür, dass und weshalb ich innerlich nie zur Ruhe komme. Wobei „Gelassenheit“ für mich nicht mit „Egal-Haltung“ synonym geht.

Gelassenheit ermöglicht aber, Prioritäten zu setzen, wirklich Wichtiges zu erkennen. Sie schließt nicht aus, das weniger Wichtige dennoch im Blick zu behalten, sich ihm beispielsweise zu gegebener Zeit zu widmen. Gelassenheit macht sehr stark die Kunst zu leben, erfolgreich, gesund, und dennoch menschlich leben zu können, aus.

Wie gut ich solche Dinge doch weiß …

Ich vermag sie sogar anderen Menschen zu vermitteln, aber immer nur aus der Kenntnis des eigenen gegenteiligen Beispiels heraus, dessen was und wie ich lebe. Und wie ich lebe, hat mit Gelassenheit höchstens sehr wenig zu tun. Obwohl ich das weiß, prallt meine ganze Weisheit an mir ab. Das ist wie in meinem ganzen bisherigen Leben:

Ich habe kaum einmal wirklich verstanden, WIE etwas gemacht wird, möglichst „richtig“ gemacht wird. Am wenigsten, WIE es geht, so, dass es für mich richtig ist. Ich habe mich besser und besser erkannt im Laufe der Zeit und bin mir doch bis heute ein Buch mit sieben Siegeln geblieben. Was freilich auch daran liegt, dass ich die Welt, wie sie ist, wie sie lebt, wie und vor allem wohin sie sich entwickelt, so wenig verstehe, so wenig zu verstehen vermag.

Dieses Wissen, dieses tägliche, sich wiederholende Erkennen, beschäftigt mich sehr. Es ist nicht befriedigend, verunsichert mich fortgesetzt, macht mich unruhig. Für Gleichgültigkeit, für „Egal-Stimmung“ ist da einfach kein Platz – sie wäre das „Contra“ zu meinem Wesen.

WIE (sic!) ändert man sein Wesen?

Eine große, eine schwere, für mich gerade eine sehr aktuelle Frage. Sie stellt sich mir augenblicklich wieder einmal besonders ausdrücklich, nachdem ich nun den „Steppenwolf“ von Hermann Hesse ausgelesen habe. – Was für ein Buch das ist …

Dieses Buch, das, was es in mir ausgelöst hat, an Gedanken, an Befragung der eigenen Seele, könnte kein größeres Antonym zu „egal“ sein. Mir hat es teilweise völlig andere Erkenntnisse gebracht als der Autor sie wohl vermitteln wollte, Erkenntnisse, die mir nicht egal sind, die mich sehr betreffen, die schmerzlich sind und Fragen aufwerfen, neue Fragen, nach meinem bisherigen und künftigen Leben, dem WIE (!) dieses Lebens.

Ich werde einigen Mut, einige Courage brauchen, um diese Fragen aufzuarbeiten, noch mehr, gegebenenfalls in bestimmten Zusammenhängen öffentlich über sie zu sprechen oder zu schreiben. Womöglich wird das aber nötig sein, damit ich, allein, nicht an diesen Fragen verzweifle, die nach meinem Gefühl, sehr schwer wiegend sind, teilweise halt aber auch sehr persönlich.

Ein kleines Beispiel wage ich hier einmal zu geben (es ist mir beim Lesen des „Steppenwolfs“ überhaupt erst bewusst geworden):

Die Frage nach dem ersten Kuss, wann und wo der „passiert“ ist! –

Wohl jeder wird die für sich beantworten können. Ich kann es nicht. Ich weiß nicht (mehr), wann und wo ich das erste Mal ein Mädchen geküsst habe. Aber wahrlich nicht deshalb, weil ich sodann so viele Mädchen geküsst hätte, dass mir deshalb die Erinnerung abhanden gekommen ist. Ganz im Gegenteil! Ich mochte Küssen nie. In mir war nie genügend Gelassenheit, Küssen zu mögen, mögen zu können, mögen zu lernen. Ich wage zu behaupten, dass kaum ein Mann meines Alters so wenig geküsst hat, wie ich.

Küssen gehört zu den (vielen) Dingen, die mir nie „egal“ genug waren, um Freude an ihnen haben und empfinden zu können. – So könnte es sein. –

Aber gleichzeitig ist eine Stimme in mir, die mir sagt, dass das stimmt und doch auch nicht. Und das beschäftigt mich, neben so vielem anderen, sehr.

Ich war noch nie so lange so intensiv nachdenklich in meinem Leben, wie nach meinem Klinikaufenthalt .

Keine Spur von „egal“ …

Tagebuchseite -477-

Rumpelnde Bahn vor einer Weiche im Nebel …

… so sehe ich mich gerade in diesem, in meinem, Leben dahinfahren. Meine Fahrgäste sind meine Gedanken, meine Sehnsüchte, meine Ängste und Hoffnungen, meine Neurosen. Meine vielen Ichs, die ICH bin.

Sie sitzen auf den Bänken, stehen im Gang. Fast allen steht Unsicherheit, Verzweiflung, ein Hilferuf, im Gesicht geschrieben. Aber niemand sagt etwas. Alle sind ganz Nachdenklichkeit, während die Fahrt holpernd, in den Kurven quietschend, langsam aber ohne Halt, weitergeht.

Ich halte all die so Nachdenklichen an, doch bitte nicht nur so bang schweigend dahin zu fahren:

„Redet doch miteinander, tauscht Euch miteinander aus! Das ist es doch, was ihr, jeder von Euch, sich beständig und immer wieder wünscht. So viele Tagebuchseiten habt ihr mit diesem Wunsch vollgeschrieben, meist dann, wenn ihr schon ziemlich sehr verzweifelt wart.“

Tatsächlich, einige beginnen nun miteinander zu flüstern …

… wie sie gestern all die Befundberichte von der Ärztin hörten, etliche, die Erleichterung verheißen, die Erleichterung sein dürfen und müssen. Einiges, was wenigstens Hoffnung sein darf, so, dass womöglich die neuen „Psychopillen“ endlich welche sind, die ich vertrage, und, dass meine Nächte offenkundig tatsächlich ruhiger verlaufen, mein Körper in ihnen auftankt. Weil die Albträume gerade und schon seit einer Weile woanders sind.

Aber schon folgen die Einwände, die, dass auch immer noch sichtbar ist, wie sehr selbst kleiner Stress Ausschläge hervorruft, mein Blut, mich, in Wallung bringt, wie sehr mein Herz dabei in Schmerz gerät und ich hernach erschöpft und traurig bin. Und, dass das wahrscheinlich bleiben und Begleiter meiner quälenden Sehnsucht und meines niemals endenden Traumes sein wird. Womöglich auf immer.

So flüstern sie. Und schweigen zwischendurch doch auch immer wieder, tief in ihre eigenen Gedanken versunken. Aber niemand drückt auf den Halteknopf. Sie fahren, in der Bahn, meiner Bahn, der Bahn die ICH bin. Rumpelnd, quietschend, nicht besonders schnell. Niemand, der wirklich aussteigen will. Immerhin. – Oder auch nicht.

Um uns, um mich herum, herrscht eine merkwürdige Atmosphäre, ein Wetter wie aus einer Elfenwelt. Bizarre Schatten, mal in skurriler Schönheit, medusenhaft, mit zarten Armen, die nicht nach mir greifen, sondern mich wohl streicheln mögen. Es ist irgendwie hell, aber es fällt ein leiser Nieselregen. Neben den Medusenschatten aber, gibt es auch große, dunkle, mit Krakenarmen und Saugnäpfen daran. Sie scheinen etwas weiter zu sein, aber doch nicht weit genug. Und alles ist so sehr in Nebel getaucht, dass man nicht einmal die Schienen zu erkennen vermag, auf dem die Bahn dahin rumpelt.

Eben gleitet an den Fenstern ein Schild vorüber: „Achtung Weiche! Noch … Kilometer.“ – Die Zahl habe ich nicht erkennen können.

Aber die Weiche wird kommen, und ich werde mich entscheiden müssen, in welche Richtung ich sie stelle.

Alle meine vielen Ichs haben das Schild gesehen, aber niemand die Zahl. Totenstill war es in der Bahn als diese das Schild passierte. Und so blieb es eine ganze Weile. Bis das ICH, das sich Hoffnung nennt, als erstes wieder zu flüstern begann …

… und von einer Chance sprach, davon, dass sich bei meinem Arbeitgeber offenkundig doch einiges geändert habe, dass sie mich dort gern wiederhaben wollen, dass sie meinen Platz weiter erhalten, und, dass sie ihn verändern, nachdem sie mich nach meinen Qualen, meinen Ängsten, vor allem aber auch nach meinen Wünschen gefragt haben.

An sich klingt es gut, was die Hoffnung da leise spricht.

Aber da meldet sich auch schon der Zweifel, mit heiserer, etwas erstickter Stimme. Er spricht von den Bindungen an das Alte, was mein Tagwerk war, die doch wohl bleiben sollen, wenn auch in veränderter Art und Weise. Er spricht von den neuen Herausforderungen, die jener Teil, der ein ganz neues Aufgabengebiet werden könnte, mit sich brächte. Er fragt die anderen Ichs nach ihrer Stärke, ihrer Schwäche. Er fragt mich, nach meiner Konstitution.

Eine tolle Frage ist das. Als wenn ich DARAUF eine Antwort wüsste …

Ich werde nun selbst ganz still in meiner Bahn, denke über die Frage und die ehrlichste, zutreffendste Antwort darauf nach. Darüber, dass die Antwort gegeben werden wird, egal in welche Richtung ich die Weiche stellen werde.

Das ist immer so im Leben. Du triffst eine Entscheidung. Ob oder wie richtig sie war, erfährst du immer erst später.

Ich muss versuchen, „cool“ zu bleiben, das versuchen, was ich bislang so wenig konnte, ruhig bleiben, gelassen. Etwas tun, was dem dient. Meine Neurosen nicht gießen, sondern sie so pflegen, dass sie nicht wildwachsen, nicht ins Kraut schießen. Das bewusst zu tun, wäre schon mal ein Anfang. Damit ich die Weiche am Ende nicht überfahre und die Bahn entgleist.

Damit ich die Weiche zu stellen vermag, die gestellt werden muss. Die ich stellen WILL!

http://www.myvideo.de/movie/7977776
Element of Crime – Straßenbahn des Todes – MyVideo

Tagebuchseite -476-

Ein gewöhnlicher ungewöhnlicher Besuch

Gestern haben wir einmal wieder meinen Vater besucht. Eigentlich sind alle Beuche bei meinem Vater schön. Aber der gestern war besonders schön.

Wir hatten am Vortag ein Mittagessen vorbereitet, ein „Feiertagsessen“. Und wir haben es ein wenig reichlich sein lassen, so, dass Vater etwas zurückbehalten und für ein anderes Mal zu Verfügung haben sollte.

Auf dem Weg zu ihm haben wir den kleinen Dorffriedhof besucht, auf dem meine Mutter beigesetzt worden ist. Ich hatte einen kleinen Blumentopf gekauft und stellte ihn zu den anderen Blumen auf Mutters Grab. Im Herbst werden es bereits fünf Jahre, dass Mutter tot ist. Nicht in meinem Herzen, dort lebt sie weiter. Aber das macht es nicht leichter an ihrem Grab zu stehen, wo es immer regnet, wenn ich da bin. Immer. Schon zur Beisetzung regnete es furchtbar. Gestern regnete es am ganzen Tag nur während der Zeit, die wir auf dem Friedhof verbrachten.

Später, als wir bei meinem Vater waren, fehlte mir meine Mutter besonders. Ich behielt das aber für mich, denn mein Vater war so froh, so aufgeräumt, uns bei sich zu haben. Er plauderte, erzählte, hatte manches Späßchen im Köcher. –

Ihm geht es gut.

Da ist jemand, mit dem er recht viel Zeit verbringt, anlässlich von kulturellen Veranstaltungen unterschiedlicher Art, anlässlich dieser oder jener kleinen Familienfeier oder eines gemeinsamen Essens zu denen er eingeladen wird, anlässlich von Ausflügen in die Natur, von Spielerunden, usw. – Er hat sein Tagwerk, und hat Freude daran, es zu erledigen. Und nahezu alles davon schafft und bewältigt er nach wie vor ganz allein. Mit 86! –

Er sagte, dass so ein Alter auch seine Vorteile habe. Er sich dessen so recht bewusst geworden sei, in der letzten Zeit. Er fühle sich wirklich unabhängig.

Ja, mein Vater ist und wirkt irgendwie richtig frei abgesehen davon, dass ihm meine Mutter fehlen wird, sicher fehlt.

Das ist so faszinierend. So sehr, dass es mich doch ein bisschen irritiert. Aber nur, weil ich so sehr anders bin … Jedenfalls ist es mir eine ungeheure Freude, meinen Vater so zu erleben, wie er ist.

Als wir in seiner Küche saßen beim Mittagessen, fühlte ich mich ein wenig wie früher in dem alten Bauernhaus, in dem die Eltern meines Vaters lebten. Die Sonntagsessen dort ähnelten irgendwie unserem gestrigen. Die Ruhe, die Art der Gespräche, die Überraschung, welchen Nachtisch es wohl geben würde. (Diese Überraschung kam gestern von meinem Vater – es gab Vanilleeis mit Himbeeren!) Nur meine Mutter fehlte …

Und es hat einen herrlichen Blick ebenerdig aus der Küche meines Vaters auf eine urwüchsige Wiese. Vorn gibt es einen an sich abgestorbenen Baum, um den sich jedoch ein schön-bizarres Leben rankt, in Gestalt von kräftigem Efeu und anderen Pflanzen. Auf den ersten Blick bemerkt man gar nicht, dass der Baum tot ist. Die Wiese ist weit, die verschiedenen Gräser stehen durchaus hoch und am Horizont der Wiese gibt es einen Saum aus verschiedenstem Gebüsch und einigen Bäumen. Ein Bild, wie zum Träumen, gesäumt vom Küchenfensterrahmen.

Ein ganz ähnliches Bild, weil das dortige Fenster ebenfalls in Richtung jener Wiese blickt, hat es aus dem Schlaf- und Schreibzimmer meines Vaters. – Oh, würde ich doch oft an diesem Schreibtisch sitzen dürfen! Viel mehr bräuchte es für mein Leben nicht. Und ich glaube, nein ich weiß, dass an diesem Ort, gute Ideen zu mir kämen, Schreibideen.

Wir machten dann einen Spaziergang, Orte passierend, die der Wiese sehr ähnlich waren. Und ich begann zu schwärmen. Und im Schwärmen bekam ich den Hinweis meiner Frau, dass ich aber doch nicht nur mit diesen Orten, diesen Bildern zufrieden sein könne. – Da spürte ich wieder einmal, dass ihr meine Welt bisweilen zu klein ist, meine Welt, die mir gut tut, die mir genug ist, weil ich ihr so unerschöpflich zu schöpfen vermag, die mir nie bedrohlich zu sein vermag, in der ich so viel mehr sehe als sie und andere Menschen. Das ist so. Wie oft erlebe ich großes Erstaunen, wenn ich auf ein kleines Tier, den besonderen Wuchs eine Pflanze, ein interessantes Lichtspiel in der Ferne, ein besonders intensiv-melodisches Vogelgezwitscher, einen mir/uns bislang unbekannten Käfer oder eine überraschende Erscheinung hinweise.

In solchen Momenten, auch gestern, fühle ich, dass mein Vater mich insoweit am besten erkennt und versteht. Auch viel von meinem Inneren (er VERSTEHT viel von meiner Krankheit, der Art und Weise meines krank seins, und er ZEIGT mir dieses Verständnis!)

Wie auch bezogen auf Bücher, auf Literatur, auf das Schreiben. Ich habe meinem Vater gestern erstmalig ein wenig von dem mitgebracht, was ich in den letzten Jahren geschrieben habe, nachdem ich ihn erst vor wenigen Wochen sehr damit überrascht habe, dass ich „ab und zu ein bisschen schreibe“. Er nahm den Hefter mit den Auszügen an sich, drückte ihn an seinen Körper und sagte: „Ach, das ist ja schön, das ist schön, da freue ich mich.“ – Was für eine Reaktion! Er hat doch noch gar nichts gelesen von meinem Geschreibsel, weiß noch gar nicht, ob es ihm gefallen wird …

Wir kamen dann (wieder) über Bücher und die Schreiberei ins Plaudern, und wir gingen in den Weiten und Tiefen seines alten, unerschöpflichen Bücherschranks und diverser Regale auf die Suche, nach einem ganz bestimmten Buch, von dem er und ich zu wissen glaubten, dass er es besäße. Ich wollte es mir zur nächsten Lektüre ausleihen. – Wir waren uns sicher, dass er es in genau dieser einen bestimmten Ausgabe besitzen müsse. Und lagen doch falsch.

Immerhin fanden wir es nach erklecklich langer Suche. Aber ganz woanders als vermutet und in ganz anderer Ausgabe und Aufmachung. Und: In altdeutscher Druckschrift. „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde. – Ich bin schon sehr gespannt darauf. Es ist mir schon manches Mal und zuletzt von einer richtigen Bücherfreundin empfohlen worden. Und nun werde ich es also in Bälde lesen. In altdeutscher Schrift, auf schon reichlich vergilbtem Papier. – Es ist jetzt schon ein besonderes Buch …

Die Zeit verging so schnell. Wir saßen noch bei Tee, Kaffee und Torte zusammen, debattierten über die Unzulänglichkeiten der Welt und der Politik vor allem, um am Ende feststellen zu müssen, dass wir doch wieder nichts geändert hätten. – Ja, die Zeit verging schnell, zu schnell. So dass ich sie am liebsten angehalten hätte.

Ich glaube, ich würde sie generell am liebsten anhalten. Wenigstens für meinen Vater. Weil ich inständig wünsche, dass er noch viel, ganz viel Zeit haben möge, solche Zeit wie gestern. Für sich.

Und für mich.

Ich mag mir nicht vorstellen, wie es ist, wenn diese Zeit je zu Ende geht. Aber ich habe (auch) gestern bisweilen daran denken müssen. – Immer muss ich an Trauriges denken, wenn etwas so besonders schön ist. Zu schön, um so zu bleiben …

Ich liebe meinen Vater sehr!

Tagebuchseite -475-

Über Gedankenflüsse, Gedankenseen …

Ein kleines Flüsschen sehend, stelle ich mir vor, wie ich ein Papierschiffchen auf das Wasser setze, beladen mit meinen Gedanken und meinen Fragen. Und das Schiffchen geht auf die Reise … Wohin sie führt weiß ich nicht.

Gelangt es an ein Ufer? Wird es dort vielleicht von jemandem aus dem Wasser gehoben? Sieht dieser Jemand die Gedanken und die Fragen in meinem Schiffchen? Erreichen Sie ihn?

Möglich, dass er diejenigen Gedanken und Fragen, die ihm gefallen, heraus nimmt und für sich behält. Möglich auch, dass er sie weiter denkt und Antworten auf die Fragen hat, und diese und das Weitergedachte seinerseits auf ein Schiffchen legt und sie mit diesem auf eine neue Reise schickt.

Die Gedanken und jene Fragen aus meinem Schiffchen, die ihm nicht behagten, hat er eventuell schon vorher wieder auf Reisen gehen lassen. In meinem Schiffchen, dem alten. Für die eigenen, die neuen, die weiter entwickelten, Gedanken und die Antworten, die er gefunden hat, hat er selbst ein Schiff gebaut. Meins, das alte, wäre sonst überladen worden.

Vielleicht hat der Jemand aber auch meine schwierigeren, die unpopulären, die schmerzhaften Gedanken und die schwierigen, die schwer zu beantwortenden Fragen an sich genommen. Um mir zu helfen, mein Schiffchen leichter zu machen. Aber nun ist er selbst mit Schwerem beladen.

Denn, wer einmal Schweres von anderen auf sich nimmt, schickt es nicht einfach irgendwann wieder auf Reisen, um es bei anderen Menschen abzuladen.

Möglicherweise ist mein Schiffchen aber auch schon bald untergegangen. Von einer Schnelle im Fluss um- und überwirbelt, und gesunken. Mit meinen Gedanken, den guten, schönen und den traurigen, schmerzhaften. Sie haben niemanden erreicht.

Auch dieses Szenario ist denkbar. Manchmal scheint es mir, dass es das häufigste ist. Dann, wenn ich das Empfinden habe, dass meine guten Gedanken einfach verhallen. Manchmal scheint es mir aber auch, dass es das seltenste ist. Dann, wenn die schmerzhaften Gedanken und Fragen, nicht vergehen wollen.

Aber da ist noch etwas:

Nicht alle Gedanken, nicht alle Fragen, fließen aus mir heraus. Es ist eine große See, weit und unendlich wie ein Meer, von Gedanken und Fragen in mir. Und nur jene Ansichten, Meinungen, Einschätzungen, Fragestellungen und Ungewissheiten, die das Wehr passieren, dass den großen See von dem Flüsschen trennt, vermögen überhaupt an andere Gestade, zu anderen Menschen, zu gelangen. Wenn sie es denn schaffen oder, wenn ein anderer Mensch willens ist, sich eines meiner Gedanken- und Frageschiffchen näher anzusehen.

Manchmal öffne ich das Wehr selbst, weil ich es mir wünsche, dass Gedanken und Fragen, die mich umtreiben, zu anderen Menschen gelangen. Mitunter erfüllt sich dieser Wunsch. Mitunter aber auch nicht, und das liegt bisweilen nicht erst an den Unwägbarkeiten, die die Reise auf dem Flüsschen in sich zu bergen vermag.

Die Schwierigkeiten beginnen vielmehr schon am Wehr. Für einige Fragen und Gedanken ist es offenkundig zu klein, als dass diese hindurch gelangen könnten. Andere finden den Weg nicht hin zum Wehr, obwohl ich das so sehr möchte. Und wieder andere schlängeln und winden sich einfach hindurch, obschon ich bemüht bin und war, das unter allen Umständen zu vermeiden.

Das Bild, Gedankenschiffchen auf einen Fluss zu setzen ist ein sehr Schönes. Aber es ist eben auch trügerisch. Gedankenreisen aus uns heraus, wie auch die Wege der Gedanken und Fragen, die für eine bestimmte Zeit oder gar für immer in uns selbst bleiben, sind nicht umfassend vorhersehbar. Jeder Gedanke, jede Frage trägt etwas Geheimnisvolles etwas Unkalkulierbares in sich, immer, was ihren jeweiligen Inhalt betrifft und auch den Weg, den sie nehmen.

Trotzdem dies so ist, finden sich manchmal Menschen, die sich wirklich VERSTEHEN. Die Gedanken, die Fragen, die der jeweils andere hat, warum er sie hat, weshalb sie geheimnisvoll sind und bleiben und weshalb sie gerade jenen und nicht einen anderen Weg nehmen oder nahmen. Dieses Verstehen ist wichtiger und wertvoller als manche Antwort auf eine der schwierigen Fragen.

Menschen, die sich in diesem Sinne tatsächlich und fortgesetzt aufrichtig bemühen, gehören zum Schönsten, was es gibt, sie SIND schön. Menschen, die es in diesem Bemühen zu derartigem Verstehen bringen, sind WUNDERbar, sind faszinierend.

***

Ich habe heute ein Lied von jener deutschsprachigen Sängerin, die es wohl am meisten geschafft hat, meine Seele, mein Herz zu erreichen und sogar darin wohnen zu bleiben, obwohl sie schon seit ein paar Jahren nicht mehr auftritt, keine Lieder mehr schreibt. Bis auf eine kleine Zeit, wo sie tatsächlich ziemlich belanglose Schlager vortrug, hat mir alles gefallen, was sie gesungen hat – ihre Songs sind viel mehr als „gewöhnliche“ Schlager, sie sind Lieder, sind mitunter beinah Chansons, manche ein bisschen mystisch, ein bisschen spirituell, aber alle doch nah am Leben. Und oft mit ganz bemerkenswerten Texten.

Als ich so um die 26 Jahre jung war, habe ich mir manchmal gewünscht, sie wäre ein bisschen später geboren und ich ihr mal begegnet. Ja, so sehr habe ich sie damals gemocht, dass ich um 1987/88 herum sogar wirklich ein bisschen verliebt in sie war … – Ein paar Jahre später habe ich sie immerhin mal in einem Konzert erlebt, sogar hier in der recht kleinen Stadt, in der ich immer noch wohne. Es war das einzige, dass ich hier je besucht habe und auch das letzte, bis heute.

„ Halt mich fest, Liebster“ ist eines jener Lieder von Juliane Werding, dessen Text wohl mit am meisten eine auffallende Aktualität behalten hat:

Tagebuchseite -474-

Mit Anfang 30 geht es bergab …

… so lautete tatsächlich die Überschrift eines Artikels im Feuilleton der „Berliner Zeitung“ von gestern.

Da ich bisher zu empfinden gemeint habe, dass es mit meiner eigenen Abwärtsfahrt hin zur letzten Ruhestätte doch ein bisserl später begonnen hat, begann ich neugierig zu lesen. Und da stand dann:

„Alt zu werden, ist nicht schön. … Erschreckend ist, wie früh es losgeht mit dem Abstieg Richtung Grab, nämlich dann, wenn man sich eigentlich noch für ziemlich jung hält. Mit Anfang 30! Die meisten werden von diesem Alter an kaum mehr Musik aus den aktuellen Hitlisten hören, sondern nur noch ihren veralteten Musikgeschmack befriedigen.“

Die Autorin des Artikels berief sich übrigens auf eine neuere Studie, deren Auftraggeber und „Macher“ sie allerdings nicht nannte.

Und als wenn der Einstieg in den Artikel nicht schon „schlimm“ genug gewesen wäre, kam es ein paar Zeilen später noch dicker. Mit Berufung auf Ergebnisse der Studie hieß es da, dass „Frauen mit zunehmendem Alter mehr an populärer Musik interessiert sind als Männer. Zwar bewegen sich beide Geschlechter davon weg, bei Frauen ist es aber eine stetige Abwärtsbewegung, bei Männern eher ein Sprung in den Abgrund. Die Stagnation setzt bei ihnen im Allgemeinen früher ein, was man ja auch in anderer Hinsicht kennt.“

Ufff, das muss „Mann“ erst einmal verdauen!

Grab, Abgrund, Stagnation!

Positiv betrachtet nenne ich das mal fraulichen „schwarzen Humor“. Gibt’s bislang nicht so oft. Aber ich bin ja offen für Neues. Ein bisschen wenigstens. Immer noch, mit nicht mehr ganz Anfang 50. 😉 Auch mit Blick auf Musik, glaubte ich bis zum Lesen des Artikels jedenfalls noch.

Aber es ist schon viel Wahres dran. Mit zunehmendem Alter, und damit meine ich nicht erst mein jetziges, habe ich mich schwerer getan mit „populärer“ Musik. In Läden und Abteilungen mit Musik-CDs laufe ich rum, wie ein „Schläfer“ – ich wache regelmäßig nur dann auf, wenn ich was Vertrautes, was „Altes“ erblicke. Und das kommt nicht mehr allzu oft vor.

Allerdings lasse ich mir gern Musik neueren Datums empfehlen. Wobei ich zugeben muss, dass ein Lied, was mir im vorigen Jahr von jemandem empfohlen worden ist, für mich völlig neu war – dabei war es schon vor 10 Jahren entstanden und aufgenommen worden. Zehn Jahre werden mit zunehmendem Alter als viel kürzerer Zeitraum wahrgenommen als in jungen Jahren. Aber das soll jetzt nicht wie eine Entschuldigung klingen.

Manchmal habe ich mich anlässlich solcher Empfehlungen allerdings auch gefragt, wie populär DIESE Musik, diese moderne(re) denn aber tatsächlich war oder ist, denn oft gehört sie nicht zu jener, die auf einschlägigen Radiosendern Tag für Tag wie mit einem Trichter in die Ohrmuscheln der Hörer getrötet wird. –

Aber es war und ist Musik, die mir von jungen Menschen, manchmal noch unter 20, manchmal ein bisschen drüber, jedoch nie über Anfang 30 (sic!) empfohlen worden ist. Ein Lied von „Florence and the Machine“ war dabei oder welche von Birdy , von „In the very below“, eins von „Marina & The Diamonds“. Und ich habe selbst neue, aktuelle Titel gefunden etwa von Katie Melua, von Joachim Witt, von „First Aid Kit“ oder „Mazzy Star“, um nur einige zu nennen.

Offensichtlich ist diese Musik zwar mehr oder weniger modern oder aktuell aber nicht populär, keine Massenware. Abgesehen davon scheint mir die Halbwertzeit der Popularität der meisten „Mainstreamtitel von heute eine weit kürzere zu sein als in den Jahren meiner Jugend. Und diesbezüglich bin ich recht überzeugt davon, dass dieser Eindruck nicht meiner präsenilen Lebensphase geschuldet ist.

Ich kann im Übrigen von mir behaupten, dass mein Musikgeschmack sich wahrscheinlich tatsächlich schon relativ früh ausgebildet hat, dass es aber dafür, ob mir ein Lied, eine Musik, gefällt oder nicht, nicht darauf ankommt, ob sie aus den 1980er Jahren stammt oder gerade jetzt geschaffen und aufgenommen worden ist. Es kommt auf ihren Stil, ihr Arrangement, auf die jeweiligen Stimmen und Texte, den Gesamteindruck, den sie auf mich macht, mein Gesamtempfinden, das ich habe, wenn ich ihr zuhöre, an. Und so, MUSS sie keineswegs haargenau so klingen, wie jene Musik, mit der ich aufgewachsen bin und von der ich heute noch vieles mag und gern höre. Aber eben auch nicht alles, was seinerzeit mal populär gewesen ist.

Ich glaube, dass es vielen, vielleicht den meisten Leuten so ähnlich geht, auch schon viel jüngeren, sogar solchen, die die „Anfang 30“ noch weit vor sich haben. Dafür spricht auch eine Passage in dem Artikel, den ich hier zu Beginn schon zitiert habe:

„Sind die 20 erst einmal überschritten, ist das, was den ganzen Tag im Radio läuft, nicht mehr unbedingt interessant. Wenn man es positiv sehen will, bedeutet das eventuell, dass man auf Entdeckungsreise jenseits des Massengeschmacks geht. Es kann aber auch sein, dass der Musikgeschmack einfach eingefroren ist, und man sich weiter für die Musik interessiert, die man früher gehört hat, die aber inzwischen aus der Mode gekommen ist.“

Ich denke, dass an beidem etwas Wahres dran ist. Vor allem bestimmten Musikstilen, bleibt man, mutmaße ich, ab einem bestimmten Alter, einer bestimmten Findungsphase, mehr oder weniger treu. Sie werden ein Stück der eigenen Authentizität, des eigenen ICH.

Ich finde das klingt besser und trifft es vor allem besser als „Grab. Abgrund. Stagnation.“ – selbst, wenn das nur schwarzhumorig gemeint gewesen sein sollte.

Aber betrübt bin ich wegen dieser „Charakteristik“ nun nicht. Betrübt hat mich viel mehr eine andere Einschätzung am Ende des besagten Artikels, die halte ich nämlich für (leider) ziemlich wahr. Danach danke man insbesondere in seiner „Funktion“ als Eltern den Teenagern ihren Musikgeschmack (gemeint ist hier offenkundig, das, was in den Mainstreamradios läuft) nicht. Sondern man versuche, sie für das zu begeistern, was man selbst als Teenager gut fand, was freilich erfahrungsgemäß vergeblich sei.

Ja, und letzteres betrübt mich denn doch. Denn es gab auch „zu meiner Zeit“ gute Musik, mit guten Texten und doch auch in Stilrichtungen, die es heute nach wie vor gibt. Warum begeben sich junge Leute so wenig, so zögerlich auf Entdeckungsreisen in die musikalische Vergangenheit, für sie womöglich die musikalische Urzeit? Von ihrer Authentizität, ihrem ICH würden solche Reisen ihnen doch nichts nehmen – im Gegenteil, sie könnten sie ergänzen, vervollkommnen, umfassender machen.

Und ich bekäme öfter mal ein „zeitgenössisch-modernes“ Echo zu dem, womit ich musikalisch aufgewachsen und älter geworden bin. Und würde mich ganz sicher so noich ein bisschen weniger schnell alt werdend, „am Grab“, „am Abgrund“, in der „Stagnation“ verharrend fühlen.

Meinen Teil dazu trage ich bei: Ich versuche beständig, mir, wenigstens ein Stück weit, Offenheit für moderne Musik zu bewahren.

*

Ein Lied aus einer ganz anderen, aus „meiner“ Zeit, die sich seinerzeit freilich schon ein bisschen jener näherte, wo mein „Musikgeschmack einzufrieren“ begann, habe ich „anlassbezogen“ nun für den Abschluss dieser Tagebuchseite heraus gesucht. Ich mag es nach wie vor sehr. Es ist „Dein Herz“ von IC Falkenberg – 1987 in der DDR produziert, für meine Ohren gar nicht mal soooo alt 😉 :

Tagebuchseite -473-

Zwischen Erleben und Nachdenklichkeit

Nun bin ich wieder daheim. Zurück aus dem kleinen Urlaub in Niedersachsen. Aber ich weiß nicht recht was und wie ich darüber schreiben soll.

Nicht, dass es nicht schön gewesen wäre, nein, im Gegenteil.

Wir hatten, bis auf den letzten Tag, an dem es nicht mehr darauf ankam, weil mein Sohn und ich das Klimahaus (sehr interessant und vielfältig, leider am Tag unseres Besuchs erheblich zu voll …) in Bremerhaven besuchten und meine Frau einen wohl angehenden Geschäftspartner von Freunden ihres Bruders, sogar verhältnismäßig gutes Wetter.

Am Vatertag waren wir im Vogelpark in Walsrode, ich sogar gratis, weil den Vätern der Eintritt an diesem Tag dort geschenkt wurde. Und dort war es sehr schön, die Anlagen, die Vogelhäuser, die Freiflächen – anders als in dem von mir auch überaus geschätzten Vogelpark in Marlow hinter Rostock, aber auf seine Weise eben auch sehr schön. Ich habe noch nie so viele exotische und farbenprächtige Vögel gesehen, die keine Papageien sind, wie dort in Walsrode. Und so viele in verschiedenen Farben blühende Rhododendronbüsche. Und ich habe erstmals in meinem Leben zwei Pinguine mit etwas Fisch gefüttert.

Am Tag zuvor waren wir bereits im Serengetipark gewesen. Von dem werde ich vor allem die weißen Tiger in Erinnerung behalten, die waren für mich etwas ganz Neues und, ja, verzaubernd! Und die Jungtiere verschiedener Arten und Rassen und die kleineren, sehr behänden Äffchen. Ansonsten war mir dort vieles etwas zu sehr auf „Event“ und „Action“ ausgerichtet, und, auch deshalb, verhileten sich etliche der Tiere ganz und gar nicht (mehr) wie in freier Wildbahn. Aber das ist womöglich Geschmackssache.

In Bremen waren wir auch noch einen Tag. Ich mag diese Stadt, aber irgendwie war es diesmal sehr anstrengend – ich denke, wir waren ein bisschen zu enthusiastisch, und doch verging die Zeit zu schnell. Für das Schnoorviertel und das Weserufer war dann letztlich zu wenig Zeit übrig und auch zu wenig Kraft – wir waren schon ziemlich k.o. als wir uns dorthin aufmachten…

Rotenburg und unser Hotel dort haben wir jeweils als sehr beschaulich, freundlich und zum Wiederkommen einladend empfunden. Und, die Menschen in Niedersachsen, also die Niedersachsen als solche, scheinen ein besonders netter Menschenschlag zu sein. Das ist uns heuer noch stärker als vor zwei Jahren aufgefallen als wir schon einmal für ein paar Tage in der Gegend gewesen sind.

Ich könnte sicher noch mehr und ausführlicher über unseren kleinen Urlaub schreiben, etwa über unsere ziemlich wirr und kreuz und quer verlaufende Anreise, der wohl sowohl Irrtümer unsererseits wie auch unseres Navis im Auto zugrunde lagen. Oder über den kleinen überfallartigen Besuch, den wir meiner Schwester und meinem Onkel während der Rückreise abstatteten, nachdem wir zwei Stunden zuvor in einem besonderen kleinen Cafe in dem Ort Brietlingen mit dem schönen Namen „von Herzen“ Rast gemacht hatten. In diesem Cafe, das nur zufällig an diesem Sonntagvormittag geöffnet hatte, waren wunderbare, teils richtig gute, lustige Sprüchlein zu lesen, mal auf Schildern, mal einfach auf die Wand geschrieben …

Ein paar Sprüchlein waren auch darunter, die eher zum Nachdenken anregten.

Nachdenken, Nachdenklichkeit, ja, das ist es, was es mir letztlich doch schwer macht, mehr oder detaillierter über unsere Urlaubstage zu schreiben. Denn auch während dieser Tage bin ich immer wieder in mehr oder minder tiefe Gedankenphasen hinein geglitten. Vor allem während ich weiter im „Steppenwolf“ gelesen hatte und danach. Aber auch zwischendrin.

Ich glaube, ich habe wieder etwas mehr über mich heraus gefunden. Insbesondere, dass mein Leben sehr stark durch Furcht davor schuldig zu sein oder zu werden und von Verlust- und Versagensängsten geprägt war und ist. Letzteres ist mir nicht so ganz neu, aber ich beginne mutmaßlich erst jetzt, die ganze Dimension dieser Ängste zu erfassen. Und das ist nicht so einfach für mich.

Das mit der Furcht davor, schuldig zu sein oder zu werden, erstreckt sich übrigens für mich auf ganz viele Lebensbereiche. Auf alle gar?

Und irgendwie war es seltsam – in jenem Cafe, dem „von Herzen“, fand ich auf einer Postkarte ein Sprüchlein, dass es auf den Punkt brachte, wohin diese Furcht mich geführt hat. Es lautete:

„Entweder man lebt oder man ist konsequent.“

Mancher wird einwenden, dass es doch immerhin etwas oder ein „Dazwischen“ gibt. Zwischen „nur“ leben und „nur“ konsequent sein. Mag sein. Für mich aber stimmt der Spruch, sehr, so wie er ist. Und ein vermeintlicher „Rat“: Dann sei doch einfach ein bisschen inkonsequenter“, ist für mich keine „Hilfe“. Eben, weil es nicht einfach ist für mich, inkonsequenter zu sein. Schon mein ganzes „Leben“ lang nicht.

Vielleicht habe ich einmal den Mut, oder besser die Courage, mehr darüber zu schreiben. Beispiele anzuführen, die das illustrieren.

Allerdings wäre bzw. würde das dann wohl ziemlich persönlich …

Tagebuchseite -472-

Ein Spaziergänger auf kleiner Reise

Ich fühle mich wie ein Spaziergänger. Ich gehe einen unbestimmten Weg und schaue mir die Welt an, die so viele Welten ist. Seit Wochen, seit Monaten erstmals ist so etwas wie ein wenig innere Ruhe in mir, und dieses Ruhegefühl hat sogar schon ein paar Tage Bestand.

Ob das an meinem neuen Medikament liegt, von dem ich nun sogar täglich noch etwas mehr nehmen soll? Wenn ja, dann wäre es mir ein Helfer, ein Freund. Aber selbst, wenn ich es so spüren, empfinden würde, zum Ende des Monats erst wird sich zeigen, ob ich es dann über längere Zeit nehmen darf …

Erst einmal versuche ich mich darauf einzulassen, mir gehend, schauend, bisweilen innehaltend die verschiedenen Welten anzusehen.

Die Welt der Menschen, vor denen in ihrer Ganzheit und Vielfalt ich immer noch gehörigen Respekt habe, vor ihrer Zahl, ihrem Leid, ihrer Unberechenbarkeit. Aber mitunter begegnen mir in dieser Welt Gesten, Gesichter, Augenpaare, Worte, die ich gerade nicht nur besonders intensiv zu spüren, sondern zu genießen vermag. Für mich, in und mit meinem Herzen.

Die Welt meiner Gedanken, die Welt meiner Fantasie. Sie ist die Welt in der ich immer bin, aus der heraus ich auf die anderen Welten schaue. Sie ist auch jetzt wirr, bunt und sehr tiefgründig. Aber es ist gerade nicht gar so schmerzhaft in und mit ihr. Wenn es immer so wäre, könnte ich sie, könnte ich mich mehr mögen. Und müsste nicht immer wieder erinnert werden oder mich selbst erinnern, mich zu mögen.

Die Welt des Frühlings. Endlich ist sie auch hier im Nordosten in Gänze angekommen. Die Kastanien blühen und die Rapsfelder. Das linde neue Grün leuchtet auch bei Wind und Regen. Es leuchtet so sehr, dass ich den Regen mehr lieben kann als sonst. Und wenn zwischendurch die Sonne strahlt vor einem unendlich großen oder auch nur zwischen Wolkenlücken hervor lugenden azurblauen Himmel, dann ist dieses Himmelsblau eine Ahnung meiner größten die Natur betreffenden Sehnsucht, der Sehnsucht nach Kornblumen.

Nun werde ich heute Nachmittag für ein paar Tage (bis zum Sonntag) dieser Sehnsucht entgegen fahren. Mit meiner Frau, meinem Sohn.

Es geht in die kleine Stadt Rotenburg in Niedersachsen, dorthin, wo die Lüneburger Heide gar nicht mehr fern ist. Ein kleines Hotel wird unsere Herberge sein, und wir werden von dort aus Ausflüge unternehmen. In den Serengeti-Park, das steht schon fest, mein Sohn freut sich schon besonders darauf, und auch nach Bremen. Die Stadt hat uns vor zwei Jahren als wir sie an einem Tag, der vor allem strömender Regen war, das erste Mal besuchten, sehr gefallen. Wir wollen sie wieder und noch weiter erkunden.

Alles Weitere werden wir spontan planen und entscheiden. Ich würde sehr gern den Vogelpark in Walsrode besuchen, auch ein Stück der Lüneburger Heide durchwandern und vielleicht die Stadt Lüneburg ein bisschen kennenlernen. Auch Bremerhaven ist noch eine Option, mit seinem „Klimahaus“, und die Nordsee ist ganz nah.

Ich wünsche mir halbwegs gutes Wetter für diese Zeit und, dass ich mir das Gefühl des Spaziergängers zu bewahren und zu konservieren vermag.

Mein Tagebuch wird für diese Zeit geschlossen bleiben, aber mein Kritzelbüchlein wird mich begleiten. –

Und zwischen den Ausflügen und meinen Betrachtungen der Welten werde ich zumindest hin und wieder auch nach jenen schauen, die meine Seiten hier mehr oder minder regelmäßig begleiten. Meine Frau und mein Sohn werden ihr Tablet dabei haben.

Ich trolle mich nun erst einmal, auf die kleine Reise, und schaue auf ihr schon mal ein bisschen nach dem Sommer …

Tagebuchseite -471-

Eine besondere Art der Selbsterfahrung und -erkenntnis

Ich habe kürzlich schon einmal geschrieben, dass ich gerade das Buch „Der Steppenwolf“ von Herrmann Hesse lese. Nun habe ich es etwa bis zur Mitte geschafft, und ich kann, ja, ich muss sagen: Der Inhalt bis dahin beschäftigt mich zutiefst.

Das Lesen dieses Buches ist wie ein beständiges Erkennen von Wesensteilen meiner Seele, solchen, die bisher keine Therapie so zutage gefördert, mir so bewusst gemacht hat. Allerdings ist es ein bisschen wie mit einer tiefenpsychologischen Analyse: Sie zeigt mir auf wer und wie ich bin, aber sie sagt mir nichts darüber, wie ich am besten zu meinem Nutzen, in einer Richtung, die mich weniger krank macht oder sein lässt, mit meinem neu gewonnene Bewusstsein über mich umgehen soll.

Nicht alles, was ich in diesem Buch lese, nicht alles, was seinen Protagonisten ausmacht, charakterisiert mich ebenso. Manchmal scheint es mir, dass ich noch weniger Schnittmengen habe, mit dem, was LEBEN ausmacht habe, als jene zentrale Gestalt dieses Buches.

Was habe ich nun (unter anderem) bislang in jenem Buch, durch jenes Buch, über mich herausgefunden?

Da war zum Beispiel von der „unerträglichen Spannung zwischen Nichtlebenkönnen und Nichtsterbenkönnen“ die Rede, die der Hauptperson des Buches bewusst wird. –

Und, ja, das ist es: Ich vermag nicht wirklich zu leben, und ich vermag nicht wirklich zu sterben. Aber das bezieht sich keineswegs auf jenes geflügelte Wort, wonach jemand über so wenige materielle Mittel verfüge, dass es zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel sei.

Das mit dem „Nichtlebenkönnen“, ist an einer Stelle des „Steppenwolfs“ beschrieben mit der „Unmöglichkeit, eine schöne Höhe des Gefühls anders zu bezahlen als durch die Kerkerhaft des Alltags“. Ich habe das an manch anderer Stelle meines Tagebuchs ebenso meinend mit anderen Worten ausgedrückt, mit jenen, wonach die Schönheit manches Augenblicks für mich zu schön ist, um wahr zu sein. Dass ich die Schönheit manches Augenblicks als so schön erlebe, dass es mir Schmerz verursacht, tiefen seelischen Schmerz.

Weil ich den Alltag als Kerkerhaft erlebe, und ich ihn als solchen tatsächlich als die Währung empfinde, mit der ich zu zahlen habe. Inwieweit das für andere Menschen auch so gilt, inwieweit und ob sie auch so oder so stark so empfinden, vermag ich nicht zu sagen.

Im Unterschied zu dem Protagonisten des „Steppenwolf“ vermag ich offenbar freilich noch weniger Augenblicke als schön zu empfinden als dieser. Das hat möglicherweise mit meiner „Frömmigkeit“ zu tun, wobei ich mit Frömmigkeit hier weniger Gottesfürchtigkeit oder Gläubigkeit im eigentlichen Sinne meine als vielmehr meinen Anspruch an mich selbst, mein moralisch-ethisches Selbstverständnis, die Strenge und das Verantwortungsgefühl, das Pflichtbewusstsein meines Gewissens in diesem Sinne.

Im „Steppenwolf“ heißt es: „Zum Frommsein braucht man Zeit, man braucht sogar noch mehr: Unabhängigkeit von der Zeit! Du kannst nicht ernstlich fromm sein und zugleich in der Wirklichkeit leben …“

Genauso geht es mir. Ich vermag nicht wirklich, in der Realität zu leben. So ernst, wie ich sie nehme, macht sie mich krank. Und meine „Frömmigkeit“ und jene mir nicht eigen seiende Leichtigkeit, der es wohl bedürfte um mehr Augenblicke genießen zu können, hindern mich daran, besser in ihr leben zu können.

Die Augenblicke aber, die ich zu genießen vermag, genieße ich so intensiv, so emotional intensiv, und ihr Gegensatz zur alltäglichen Wirklichkeit wird mir so sehr bewusst, dass es mir oft weh tut, mich in Traurigkeit und Verzweiflung treibt, manchmal, das bekenne ich, bis hin zu Gedanken an den Tod.

Aber ich werde nicht sterben, nicht daran. Das liegt an jenem „Nichtsterbenkönnen“.

Dies ist zum einen begründet in meiner Liebe zu den schönen Augenblicken, der Liebe zu einigen besonderen Menschen, der Liebe zu dem, wie ich mir Leben wünsche und wie es mir mitunter vergönnt ist, ein bisschen davon tatsächlich und wahrhaftig zu erleben, was mir immer auch Freude schenkt, eine ganz besondere, eigentümliche, tief emotionale Freude. Und, wenn sie anhält oder ich mir ein wenig gewiss sein kann, dass sie, jeweils die eine spezielle, wiederkehren wird, dann bleibt sogar der sonst so oft auf derartige Freuden folgende seelische Schmerz aus. (Es gibt ein paar wenige Menschen, die mir derartige Freude zu schenken bzw. zu vermitteln vermögen. Dafür LIEBE ich diese Menschen im aufrichtig reinsten Sinne!)

Zum anderen liegt mein „Nichtsterbenkönnen“ auch in meiner Feigheit begründet. Meiner Feigheit vor dem Tod. Ich bin einer jener „Selbstmörder“, die sich nicht umbringen werden – dieser Typ ist im „Steppenwolf“ sehr eingehend, sehr schlüssig beschrieben. Faszinierend wahr!

Mein ICH, das meine „Frömmigkeit“ ist, ist zu stark.

„Intensiv leben kann man nur auf Kosten des ICHs“, heißt es bei Hesse. Auch das halte ich für sehr wahr. – Ich lebe zwar durchaus sehr intensiv, aber nicht im Sinne von LEBEN, wie es optimistische, Leichtigkeit annehmen könnende, gesunde Menschen definieren, verstehen und sich zu erschließen vermögen.

Der Protagonist bei Hesse scheint wenigstens so schizophren zu sein, dass er das womöglich zu „lernen“ vermag, mit Hilfe einer Person mit besonders ausdrucksstarken grauen Augen. – Das wird wohl der verbleibende Teil seiner Geschichte offenbaren, auch in welche Konflikte er damit gerät. –

Ich weiß von mir, dass ich viel weniger „schizophren“ bin als es bei der Hauptfigur von Hesse der Fall ist und an der Stelle das Buches, an der ich gerade bin, noch mehr den Anschein hat.

Aber es ist schon paradox und irritiert mich im Nachhinein noch einmal ein bisschen, dass mir vor Wochen ausgerechnet eine Person mit sehr ausdrucksstarken grauen Augen begegnet ist und ich einige jener für mich so besonders schönen, außergewöhnlichen Augenblicke mit ihr erlebte. Ich hatte allerdings nicht das Empfinden und auch nicht die Absicht, von ihr in dem Sinne zu „lernen“, wie es bei dem Protagonisten in Hesses Buch nun seinen Lauf zu nehmen scheint.

Ich habe lediglich, das allerdings emotional sehr intensiv, gehofft, mir recht gewiss sein zu können, dass diese Augenblicke, diese speziellen, an diese Person gebundenen und mit ihr verbundenen, wiederkehren würden. – Vielmehr wird nun freilich für mich Gewissheit, dass jene besonders ausdrucksstarken grauen Augen in meinem Falle wohl auf Nimmerwiedersehen verschwunden sind.

Wer weiß, wer da nicht wollte, dass ICH womöglich zu sehr LEBE. Oder, unbegründet, gar Angst davor hatte, dass ich zu sehr leben wollen würde.

Gut nur, dass es für mich doch noch ein paar andere Menschen, mit anderen schönen und sehr ausdrucksstarken Augen gibt, die wissen, wie sehr ich lediglich im Rahmen meiner „Frömmigkeit“ zu leben vermag, die mich dennoch mögen und die mir dabei so wundervolle Begleiter aber auch Motivatoren und so die wirklichsten Freunde sind.

Tagebuchseite -470-

Kein Feiertag

Sonnendurchfluteter, lindgrüner Frühlingstag. Der ganze Park ist geschmückt. Luftballontrauben überall, und in den blühenden Bäumen, wehen bunte Bänder aus Krepppapier im Wind.

Von der Seebühne klingt Musik herüber, eine Band spielt Skifflemusik. „For Peace – Nie wieder Krieg“ steht auf einem großen Transparent über der Bühne. Männer, Frauen Kinder, alte Menschen, junge Leute, Menschen allein oder mit ihren Familien sitzen auf den Stufen der Terrassen, von denen aus man die Bühne sehen kann. Oder sie liegen auf mitgebrachten Decken auf einer der vielen Wiesen. Manche haben einen Picknickkorb dabei.

Viele Kinder und ein paar Jugendliche tanzen zu der Musik. Über den Wiesen kreisen die Flugzeuge eine einer Flugmodellschau. An Ständen kann man heiße Waffeln, Kaffee, Tee, Limonade oder Saft, einen herzhaften Imbiss und Süßigkeiten kaufen. Für die kleineren Kinder gibt es eine Hüpfburg und einen Wettspielparcours.

Für die größeren Kinder, für die Jugendlichen und Erwachsenen werden oben in der Veranstaltungshalle Dokumentarfilme gezeigt. Über das Ende des Krieges. Man kann dort auch Tondokumente von Zeitzeugen anhören, Bücher und Broschüren zum Thema kaufen. Und es sind Menschen da, die sich beruflich oder ehrenamtlich mit der Erinnerung an den zweiten Weltkrieg und an die Befreiung vom Hitlerfaschismus beschäftigen, Menschen, die für Gespräche, für die Beantwortung von Fragen bereit stehen.

Und es gibt Dokumentationen und Materialien über die Kriege, die jetzt und hier und heute auf unserem Erdenball toben.

Am späteren Abend gibt es einen schweigenden Lichterzug durch die Stadt. Viele Menschen nehmen daran teil. Ganz freiwillig. Am Mahnmal zum Gedenken an die Schrecken des II. Weltkriegs werden Kränze und Blumen niedergelegt. Der Bürgermeister der Stadt spricht ein paar gedenkende Worte.

Die Atmosphäre des Tages ist eine der Freude, der Ausgelassenheit, ebenso wie eine der Stille und des Gedenkens.

Der Tag, um den es geht, ist der heutige Tag. Aber nichts von dem hier Beschriebenen wird geschehen in dieser Stadt. Dieser Tag, der Tag der Befreiung vom Hitlerfaschismus, der Tag der Kapitulation der Nazis. Dieser Tag jährt sich heute zum 70. Male. Aber er ist kein offizieller Feiertag. Nicht in Deutschland. Allenfalls ein Gedenktag, in einigen Bundesländern.

In anderen Ländern ist er Feiertag.

Wir Deutschen haben andere Feiertage, vor allem religiöse. Manche Bundesländer noch mehr als andere. Solche wie Fronleichnam zum Beispiel.

Und beide deutsche Staaten, hatten, solange sie als solche existierten, andere Feiertage. Jener Teil, der sich immer Deutschland nannte, hatte zum Bespiel den 17.Juni 1953 als Nationalfeiertag. Einen Tag, zu dem die Bevölkerung dieses deutschen Staates nichts beigetragen hat, und auch dessen Regierende nicht. (Oder doch? – Bisher durfte man das nicht behaupten, zumal als Ostdeutscher. Und wenn man es tat, dann kaum ohne heftigsten Widerspruch zu ernten.) In der DDR war der „Tag der Befreiung“ lange Zeit offizieller Feiertag, in der Bundesrepublik Deutschland nie. –

Warum er es auch heute nicht sein soll, dafür werden viele „Begründungen“ bemüht. Eine lieferte der Bundestagsabgeordnete der CDU/CSU-Fraktion Manfred Behrens in einer Rede am 25.04.2013. Er sagte unter anderem:

„ … der 8. Mai 1945 war für viele Deutsche auf dem Gebiet der späteren DDR nur bedingt ein Tag der Freiheit. Denn die Gefängnisse, welche bis 1945 mit Opfern des Nationalsozialismus belegt waren, wurden später mit Kritikern des DDR-Regimes gefüllt. Von daher ist es eine berechtigte Frage, ob der 8. Mai für alle Deutschen als Tag der Befreiung zählen kann.“

Auf der Webseite der Landeszentrale für politische Bildung in Brandenburg heißt es zum 8. Mai 1945:

„Der Umgang mit dem historischen Datum in Deutschland gestaltet sich bis heute schwierig. In der rechten Szene wird der Tag für Aufmärsche genutzt, die häufig mit der Verhöhnung der Opfer des Nationalsozialismus einhergehen und einer nationalistischen Mythenbildung dienen. Burschenschaften und andere konservative Kräfte, aber auch viele ältere Menschen verbinden den Tag nicht mit dem Gedanken an Befreiung, sondern der deutschen Niederlage mit all ihren Folgen: Vertreibung, Besatzung, deutsche Teilung, Verlust von Heimat.“

Weil es Menschen gibt, die den 8. Mai noch heute nicht mit dem Gedanken an Befreiung sondern der „deutschen Niederlage“ verbinden, weil in Gefängnissen, die einstmals mit Opfern des Nationalsozialismus belegt waren, dann mit Kritiker der DDR-Staatsführung einsaßen, soll dieser Tag kein offizieller Feiertag sein können? –

Das klingt gerade so, als wenn er denn TATSÄCHLICH kein Tag der Befreiung gewesen wäre. Aber dieser Tag besiegelte das Ende des Hitlerfaschismus, besiegelte das Ende des II. Weltkrieges, dieser Tag leitete die längste Friedensperiode in Europa ein, er war und ist Tag der Befreiung vom Krieg, Tag der Befreiung von der Naziideologie als staatlicher Herrschaftsform.

Dass es später in Teilen Deutschlands eine andere ideologisierte staatliche Herrschaftsform mit diktatorischen Zügen gegeben hat, ändert doch nichts an diesen Tatsachen. Auch nicht, dass in der alten, der demokratischen, Bundesrepublik jahrelang Gerichtsbarkeit und Staatsorgane, die Aufarbeitung der Nazivergangenheit längst nicht so betrieben, wie das einer Demokratie angemessen gewesen wäre, ja, dass die bundesdeutsche Gerichtsbarkeit teilweise bei dieser Aufarbeitung regelrecht versagt hat.

Meiner Ansicht nach hat das heutige Deutschland, das „offizielle“ Deutschland zumal, nach wie vor erhebliche Probleme mit seiner Vergangenheitsaufarbeitung, nicht zuletzt was die Einordnung und angemessene Würdigung des 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung“ angeht.

Wie sehr wird alljährlich der „D-Day“, der Tag der Landung der westlichen Alliierten in der Normandie (am 06.06.1944) gewürdigt, gar als „Wende im II. Weltkrieg“ bejubelt. Hinter den Würdigungen und Jubelreden anlässlich dieses Tages, werden die Fragen danach, warum, die Westalliierten diesen oder einen ähnlichen Schritt erst so spät vollzogen, kaum noch gehört. Der unterschiedliche Anteil der verschiedenen Armeen und Völker an der erfolgreichen Beendigung des II. Weltkrieges und Kapitulation des Hitlerfaschismus wird kaum noch thematisiert. – Erst, wer zumindest einschlägige Statistiken bemüht, erfährt etwas darüber (Quelle der folgenden Zahlen ist „wikipedia“):

Die Sowjetunion hatte während des II. Weltkrieges 27 Millionen Kriegstote zu beklagen, darunter 13 Millionen Soldaten und 14 Millionen Zivilisten. Durch den II. Weltkrieg verloren 407.316 US-Amerikaner ihr Leben, ausnahmslos Soldaten, zivile Opfer gab es für die USA keine. Großbritannien verlor im II. Weltkrieg 332.825 Menschen, davon waren etwa 62.000 Zivilisten, der anderen waren Soldaten. Franzosen verloren etwa 360.000 durch den II. Weltkrieg ihr Leben, darunter befanden sich 210.00 Soldaten und 150.00 zivile Personen.
Die Zahl der Kriegstoten der Sowjetunion lag damit fast 27mal höher als die der Westalliierten zusammen.

Es geht mir aber nicht darum, nun hier die Zahl der Opfer des II. Weltkrieges gegeneinander „aufzurechnen“.

Es geht mir nach wie vor darum, den „Tag der Befreiung“ als solchen zu würdigen und zu feiern. Dafür ist allerdings Voraussetzung, dass die Dinge so benannt und aufgezeigt werden, wie sie waren und wie sie sind. So differenzierend UND differenziert, wie geboten.–

Wer heute noch diesen Tag mehr mit Gedanken an eine Niederlage verbindet, der ist ein Gestriger. Wer es heute ablehnt an der Seite der Russen auf deren Einladung hin an den Feierlichkeiten zum Tag der Befreiung in Moskau teilzunehmen, der hat das Potenzial des Verbindenden, des Versöhnenden, des Notwendigen dieses Tages für die und in der Gegenwart nicht verstanden oder er ignoriert es bewusst.

Meine Mutter und meine Großmutter gehörten zu denjenigen, die als Folge des II. Weltkrieges aus ihrer ursprünglichen deutschen Heimat fliehen mussten, dabei nur um Haaresbreite ihr Leben retten konnten. Ich bin in der DDR, dem Teil Deutschlands, dessen Staatsform nach 1945 bzw. 1949 wieder, wenn auch neue, andere diktatorische Züge, annahm, geboren und aufgewachsen. Und ich habe die Jahre 1989/90 auch als Befreiung empfunden. – Aber das war nicht die erste, nicht die einzige Befreiung.

Die erste, die, die erst ermöglichte, dass ich lebe, heute lebe, die steht mit dem Datum 8. Mai 1945. – Und die ist es wert und würdig gefeiert zu werden – gemeinsam mit den anderen vom II. Weltkrieg befreiten Völkern und mit den Befreiern. Mit ALLEN! Dies an einem offiziellen Feiertag, einem offiziellen deutschen Feiertag tun zu können, wäre für kaum ein Ereignis angemessener als den jeweiligen Jahrestag des 8.Mai 1945.

Es wäre dies auch ein Zeichen an und für die Welt.

OFFIZIELL feiern: Freudig, ausgelassen, still und gedenkend. Differenzierend. Wegen dem was war und wegen den Kriegen, die heute immer noch und immer wieder sind.

Für mich, in meinem Herzen, ist heute Feiertag. – Ganz offiziell!

Tagebuchseite -469-

Die Realität des weißen Blattes oder wo ist mein Platz in dieser Welt?

Wie viele oder wie wenige Menschen meines Alters fragen sich (noch), wo ihr Platz in dieser Welt, in diesem Leben ist? Wer sich so etwas fragt und in meinem Alter ist, dem wird mutmaßlich wohl recht grundsätzlich unterstellt, dass er sein bisheriges Leben nicht recht auf die Reihe bekommen hat, dass da offenkundig einiges falsch oder verquer gelaufen ist. Mit 53 sollte man seinen Platz doch eigentlich gefunden haben, sozusagen mit beiden Beinen fest im Leben stehen.

Ich habe dieses Empfinden nicht.

Gut, ich habe eine kleine Familie. In der habe ich einen Platz, und ich werde vermutlich auch immer einen Platz darin haben. Welchen, das ist schon eine andere, die schwierigere Frage. Sie ergibt sich folgerichtig, weil ich ansonsten gerade keinen Platz, den ich zu benennen, den ich als den meinen zu bezeichnen imstande wäre, habe.

Schon mehr als ein Jahr arbeite ich nicht mehr. Und den Arbeitsplatz, den ich bis dahin hatte, den werde ich nicht mehr besetzen können. Diese Situation hatte ich schon einmal in meinem Leben. Damals war ich ein bisschen mehr als halb so alt wie jetzt.

Kürzlich las ich einen ebenso amüsanten gleichzeitig aber auch interessanten und zum Nachdenken anregenden kleinen Artikel, ausgerechnet im Fernsehmagazin („Prisma“), das einer meiner beiden abonnierten Tageszeitungen beiliegt. Darin ging es um das gekonnte Verfassen von Liebesbriefen.

Es ist gar nicht so weit hergeholt, wie es dem ersten Empfinden nach scheinen mag, dass das Finden eines guten Beginns für einen Liebesbrief und die Suche nach einem neuen Platz im Leben einige Parallelen aufweist. So stand in jenem Artikel unter anderem zu lesen:

„Wenn nur die Realität des weißen Blattes nicht wäre … Sie tendiert dazu, jede Zeile unnötig zu erschweren und die Gedanken in Konfusion zu stürzen.“

Genauso fühle ich, wenn ich über meine berufliche Zukunft, mein künftiges Leben nachdenke. So, wie ratlos vor einem weißen Blatt Papier sitzend.

Dabei stimmt das mit dem weißen Blatt so eigentlich gar nicht. Das Blatt, vor dem ich sitze, ist längst kein weißes mehr. Es steht schon vieles darauf. Über mein ganzes bisheriges Leben! Über die Wege, die ich bisher beschritten habe, über Menschen, die diese Wege mit mir teilten, über Freuden und Kümmernisse, die mein Leben ausgemacht haben, darüber, wo bisher mein Platz in dieser Welt, in diesem Leben gewesen ist. Jener Platz, den es nun nicht mehr gibt.

Dieses schon ziemlich vollgeschriebene Blatt, macht die Gedanken um einen neuen Platz in dieser Welt für mich nicht leichter. Wie viel oder wie wenig Platz ist auf dem Blatt noch, um einen neuen Platz im Leben zu finden und zu beschreiben? Wenn das Blatt der Spiegel meiner Seele ist, dann ist das für mich eine ziemlich bange Frage.

Ja, meine Gedanken sind in Konfusion. – Mein Arbeitgeber hat sich nach wie vor nicht gemeldet, das macht meine Unsicherheit nicht kleiner. In meinem Inneren habe ich nun eine Frist gesetzt, bis zum Ende des Monats, dann werde ich wohl eine telefonische Nachfrage wagen.

Wenn ich nur ein bisschen besser wüsste, wie viel wirkliche Kraft noch in mir steckt, wo und wie ich noch einmal wirklich nützlich sein kann. Und mir dessen dann bewusster werde, als während der langen verflossenen Jahre an meinem alten Platz.

Im Grunde bin ich mir darüber nach wie vor nicht bewusst – in mir dominiert unverändert das Empfinden, letztlich sehr wenig bewegt und erreicht zu haben. Ungeachtet dessen, dass ich weiß, dass manche Zeitgenossen, die mich mehr oder weniger kennen und begleitet haben oder nach wie vor begleiten, das völlig anders sehen und ich selbst, seit ich das weiß, bemüht bin, meine eigene Einschätzung wenigstens zu relativieren.

So ist eigentlich die Frage, welchen Platz ich bisher in dieser Welt hatte, wie ich ihn ausgefüllt habe, noch nicht einmal erschöpfend beantwortet. Aber die neue Frage ist schon da, die nach einem neuen, einem anderen Platz, und sie kommt mir nicht nur drängend vor, sie ist es wohl auch.

Eben hat gerade meine Krankenkasse angerufen, wie es denn aktuell so mit mir stehe, weitergehe …

Und schon geht das mit dem inneren, sich wie Angst und Panik anfühlenden Druck in mir wieder los.

Gesund ist das nach wie vor nicht, aber ich habe ja erfahren, dass ich damit leben lernen muss, und die Frage nach meinem (neuen) Platz in dieser Welt, diesem Leben, meinem Leben, steht nun einmal …

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