Tagebuchseite -175-

Endspurt mit einem Zeitmesser, der immer besonderer wird

Dass ich tatsächlich mal tagelang gar keine Zeit und Muße finde, um einen kleinen Eintrag in mein Tagebuch zu schreiben, ist schön ungewöhnlich. – Aber derzeit ist das so.

Vor allem arbeitsbedingt ist so viel zu erledigen, dass selbst der Sonntag vorgestern fast komplett herhalten musste, um Dinge, die mir selbst verspätet zugesandt worden sind, aufzuarbeiten. Wenn man dann im Wochenverlauf auch noch zum Teil außerplanmäßig unterwegs sein muss, wird es dennoch ganz eng, vor allem, wenn es darum geht, Terminsachen zu schaffen.

Und wenn zu all dem dann die eigenen Akkus schon seit langem im tief roten Bereich stehen…

Immerhin, eine gewisse Zäsur habe ich heute erreicht. Ein ziemliches Berichtsungetüm einschließlich aller nötigen Anlagen ist nun fertig und kann in den Versand gehen, insoweit sind Chancen für ein paar Projektmittel intakt. –

Was sehr winkt und lockt, ist der Freitag. Das könnte nämlich mein letzter Arbeitstag in diesem Jahr sein. Wenn denn nicht mehr all zu viele Klienten mit all zu schwierigen Anliegen kommen, ich es schaffe, noch aufgelaufene Beratungsprotokolle erheblicher Anzahl in die Dokumentation für den Bundesgeldgeber einzupflegen und unser Zentralserver nicht noch mal schlapp macht, wie stundenlang gestern und heute geschehen …

Ich würde dann 10 Tage meines Jahresurlaubs nehmen, noch 7 übrig behalten und tatsächlich erst am 7. Januar nächsten Jahres wieder zur Arbeit gehen müssen. – Ich würde zwar „nur“ daheim bleiben, aber irgendwie wäre es schön – einfach nichts sehen, nichts hören müssen von dem, was mit der Arbeit zu tun hat.

Ich bin also quasi gerade im Jahresendspurt. Und ich kann die Zeit bis ins Ziel und die danach sogar auf für mich besonders schöne Weise messen.

Vor etwas mehr als Jahresfrist hatte ich hier bereits einmal über das spezifische Äußere meiner Armbanduhr im Allgemeinen und mein speziell inniges Verhältnis zu ihr im Besonderen geschrieben.

Als nun vor einigen Tagen die Batterie meines verehrten Zeitmessers ihren Dienst quittierte, begab ich mich in ein bisher von mir noch nicht besuchtes Uhrenfachgeschäft hier in der Stadt und machte eigentlich, Kummer ja hinreichend gewöhnt, nur einen halbherzigen Versuch zu erfragen, ob denn dem durch Wassereinflüsse schon vor Jahren arg gebeutelten Zifferblatt meines Fossils nicht doch noch einmal irgendwie zu helfen sei.

Dem Fachmann gefiel das Wort „Fossil“ offenkundig und so besah er sich meine Uhr näher: „Hmm die zeigt ja so gar nichts mehr an. Seit wann ist das denn so?“

„Seit exakt drei Tagen, seitdem ist die Batterie völlig leer – ansonsten funktioniert das Gerät seit mehr als 29 Jahren ununterbrochen tadellos und mit einer ganz bemerkenswerten Ganggenauigkeit, und es wird dabei täglich getragen“, erklärte ich. Ein wenig ungläubig aber noch eine Nuance interessierter meine Uhr betrachtend, marschierte der Fachmann den Kopf wiegend in die unsichtbaren Katakomben des Ladens.

Minuten später zurückkehrend meinte er: „ Ja also mit einer Reinigung wird es schwierig, dabei würde das Zifferblatt wohl zerstört. Und alternativ hätte ich zwar noch eins, aber dass gehört eigentlich zu einer anderen Uhr, zwar auch einer DDR-Marke des Herstellers ihrer Uhr aber eben nicht ganz passend. Unter anderem sind darauf keine Wochentage für die entsprechende digitale Pfeilanzeige vermerkt.“

Da stand ich nun vor einer schweren Entscheidung. Die Uhr im alten Zustand behalten oder „schöner gestalten“ aber in der Folge nicht mehr wirklich als „Original“ Bestand haben zu lassen.

Der Fachmann bemerkte meine Unentschiedenheit und sagte, dass er sehen würde, was er tun könne.

Gestern, zum Abholtermin für meine Uhr sah ich es dann. Nicht mehr mein ursprüngliches hellgraues, dafür ein schwarzes Zifferblatt hatte er in meine Uhr eingelassen. Freilich ein ganz und gar genauso originales wie das meine. – Seinerzeit hatte es meine Uhr wahlweise mit hellgrauem oder schwarzem Zifferblatt gegeben. – Als ich den Fachmann nun fragte, wo er um alles in der Welt denn dieses völlig neuwertige Originalzifferblatt in schwarz aufgetrieben habe, schmunzelte er nur und knurrte. „Macht fünf Euro.“

Ich kann es bis jetzt nicht wirklich fassen und bin nun stolz wie Bolle.

Meine Uhr ist gemessen an ihrem Alter wieder richtig „chic“, sie ist nach wie vor völlig originalgetreu, einschließlich Zifferblatt, eine „ruhla eurochron“ mit Digitalanzeige. Und sogar ihre Beleuchtung, die tatsächlich schon seit längerer Zeit gar nicht mehr funktionierte, ist wieder intakt!!!

Mein Bübchen kommentierte meine immer wieder aufflammende Begeisterung mit schelmischem Blick und den Worten: „Für Papa ist schon Weihnachten. Mama, da brauchen wir gar nichts anderes mehr besorgen, und was wir schon haben, können wir für nächstes Jahr aufheben!“

Unrecht hat er nicht! Ein bisschen Weihnachten ist’s für mich schon. Wenn ich am Freitag dann noch den Endspurt geschafft habe …

5 Gedanken zu “Tagebuchseite -175-

  1. Gerade eben, als ich hier ins weiße Kommentierfeldchen geklickt habe, ist mir eingefallen, dass ich dich nie gefragt habe, ob ich das eigentlich darf.
    Aber ich mach’s einfach.
    Das mit deiner Uhr ist toll geschrieben, man spürt irgendwie die Freude hinter deinen Worten. Ich hoffe wirklich sehr, dass du den Endspurt schaffst, aber das weißt du ja sowieso.
    Was dein Sohn da gesagt hat, finde ich sehr, sehr süß, ich musste ganz groß lächeln. Das ist so superschön, ich könnte mir die Pulsadern aufschneiden deswegen.
    Frohe ein-bisschen-Weihnachten. Und halt durch beim Endspurt. Nach allem, was so war dieses Jahr *hüstel*, hast du dir so einen Urlaub ehrlich verdient, finde ich, du Einhorn.

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  2. Sind Kinder nicht etwas Wundervolles?

    Es freut mich sehr für deine Uhr, dass sie nach 29 Jahren nicht noch mit einer Protese hat laufen lernen müssen. Einer so getreuen Gefährtin, vor allem, wenn sie sich für dich mit einem so gefährlichen Gegner wie der Zeit herumschlägt, sollte man dergleiche Anstrengungen im Alter tatsächlich nicht zumuten. Nicht, wenn man sie irgendwie (und unter dem Aufwand von nur 5€, ein Schnäppchen wie ich meine) vermeiden kann.
    Für dich, da muss ich Lena und auch deinem Sohn zu stimmen, freut es mich auch.

    Oh und die Endspurt-Geschichte klingt toll! Da ich mit heute die letzte Klausur für dieses Halbjahr geschrieben habe, bin ich lediglich mit meinem Adventskalender im Verzug. Aber da dass Schreiben von täglichen Kurzgeschichten weniger Fluch, als viel mehr Segen ist, hört man von mir keine Beschwerden. Außer vielleicht Freitagmittag so zwischen 13:45 und 14:45 – da wird das Klagen wohl noch einmal laut.

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    • Dass DIR mein treues altes „Ührchen“ ein so großes Schmunzeln ins Gesicht zu schreiben vermocht hat, freut mich ja nun meinerseits mal ganz aufrichtig und doll. Ehrlich! Das Ding ist doch noch zu weit mehr nütze …

      Und Dein Kommentar als solcher hat mich (natürlich) auch gefreut … – Dankeschön!

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  3. Irgendwie eine Weihnachtsgeschichte – das mit deiner Uhr. Und bestimmt war es auch für den Uhrmacher ein gutes Gefühl, das seine Arbeit zusätzlich belohnte. 5 Euro erscheinen mir da wie ein extra Geschenk an dich – andere Meister ließen sich den besonderen Einsatz fürstlich honorieren.

    Dein Sohn kennt dich wohl ziemlich gut.;) Was für ein aufgeweckter, humorvoller Junge. Da freut die Aussicht auf die freien Tage erst recht, nicht wahr? Wird dir guttun, mal richtig durchschnaufen und deine Familie ohne unmittelbare berufliche Anspannung genießen zu können.

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