Tagebuchseite -959-

Jahresendgedanken 2021

Die Tage „zwischen den Jahren“ kennen für mich keine Zeit, selbst dann nicht, wenn ich mich Pflichten widmen muss. Ich zwinge mich davon zu tun was geht und es ist gut.

Vielmehr kennen diese Tage ein sehr tiefes Fühlen und Empfinden. Mein inneres Ich ist auf Reisen, wie es sie während des Jahreslaufs nicht zu unternehmen imstande ist, weil mein Existieren dann zu laut, zu hektisch, zu verstörend ist, eben so, wie es meine Umfelder fast nur noch gerieren.

Mein Reisen zwischen den Jahren lässt mich meine Kleinheit besonders spüren, die Wichtigkeit von Dankbarkeit und Demut und vor allem von Liebe. Ich nehme wahr, dass wo immer auch Kälte ist, es sich mehr und mehr um soziale Kälte handelt. Soziale Kälte, die sich nicht mehr nur in Unterschieden des Lebensstandards ablesen lässt, sondern die sich vor allem im Umgang miteinander manifestiert.

Einander zuzuhören, sich rücksichtsvolle Aufmerksamkeit zu schenken, einander nicht ins Wort fallend übertönen und „recht“ haben zu wollen, Verheißungen kritisch zu hinterfragen, all das würde gegenseitigem Umgang das Attribut mitmenschlich verleihen. Es gibt dieses Attribut noch, nicht nur geschrieben, sondern auch gelebt, aber seine Schrift wird blasser, seine Atemzüge werden schwächer.

Das bemerke ich während meiner Reise, nicht nur durch deutsche Lande, wo aus dem „Wir halten zusammen“, das uns zu Beginn der Epoche „Corona“ noch weitgehend einte, längst ein frustriertes, vor allem auf sich selbst bezogenes, bisweilen aber auch Mitmenschen bewusst schädigendes und diffamierendes Verhalten geworden ist. Die Saat dafür ward freilich schon lange vor Beginn der Pandemie gesät. Und nach meinem Empfinden lernen die Menschen nicht. Im Gegenteil. Was nicht schwarz oder weiß ist, ist suspekt, zu kompliziert, kratzt im Zweifel am eigenen „Status Quo“ bzw. dem, was jede und jeder dafür hält.

Wir sind so weit gekommen, dass diskutiert werden muss, wessen körperliche Unversehrtheit höher wiegt: Die eines Menschen, der sich nach überwältigender wissenschaftlicher Ansicht weitestgehend risikofrei gegen das allgegenwärtige Virus impfen lassen könnte, dies aber nicht tut und in der Folge eine langwierige Intensivbehandlung benötigt. Oder die eines plötzlich an Krebs erkrankten Menschen, dessen Tumore ein schnelles und konsequentes Operieren erfordern, für den jedoch wegen Menschen, wie dem erstgenannten eine  entsprechende, zeitnahe Behandlung nicht gewährleistet werden kann.

Unterdessen sehe ich auf meiner Reise die zweideutige Schönheit eines schmelzenden isländischen Gletschers, der mir in einer Dokumentation gezeigt wird. Ich höre eine sehr abgemagerte kenianische Mutter über die durch vom Klimawandel hervorgerufene Dürren, Kriege in den Nachbarstaaten und Korruption sprechen und sehe dabei ihre Kinder, die vollkommen unterernährt, teils weinend, um sie herum sitzen.

Warum kreist „der Westen“ entgegen ursprünglich anderslautender Versprechen und Zusagen Russland immer mehr mit NATO-Stützpunkten ein, um sich in der Folge als Richter über russische Reaktionen, russisches Verhalten zu erheben? Weiß jemand tatsächlich, ob „der Westen“ die Wahrheit hat? Maßt sich jemand an, das zu wissen, zu wissen, was die Wahrheit ist?

Ich lese aus Bahrein, einem Land, das in den hiesigen Nachrichten nicht vorkommt, von schweren Menschenrechtsverletzungen. Und mir wird bewusst, über wie viele Regionen dieser Welt ich nichts höre, kaum etwas weiß, vor allem über solche nicht, wo Mitmenschlichkeit für viele Menschen bestenfalls  noch ein Synonym für „Fata Morgana“ sein muss. Mir fällt der Jemen ein und Haiti, ich denke an Afghanistan und den Sudan, die Flüchtlinge in griechischen Lagern und solchen anderswo im „freien Westen“, an Menschen in Somalia und Syrien, in Nepal und in Myanmar.

Schon lange weiß ich, dass Menschenwelten mit vergoldeten Wasserhähnen und jene, in denen es nicht mal eine notdürftige Zisterne für Trinkwasser gibt, nebeneinander existieren. Ebenso wie Welten frohen Kinderlachens neben solchen, in denen Kinder wegen unzureichender medizinischer Versorgung sterben, täglich.

Über jeder dieser Welten spendet die Sonne Licht und rieselt leise unschuldiger Regen. Seit Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten. Ich weiß es und spüre es doch „zwischen den Jahren“ immer um ein Vielfaches stärker. Die Unschuld der Schöpfung und die Schuld, das komplexe Versagen des Menschen als gesellschaftliches Wesen.

Was bedeutet meine eigene kleine Welt im Verhältnis zu all dem? Meine kleine Welt, die mir in diesem Jahr in Summe und Verhältnis zu allem, was mich betroffen oder begleitet hat, so schwer und verlustreich geworden ist, wie vielleicht noch nie, im mindesten aber so erschienen ist.

Ihr Gewicht ist so klein, so gering, dass ich mich oft und jetzt, in diesen Tagen  insbesondere, dabei ertappe, wie wichtig, die Dinge, die in ihr geschehen und für und auf mich wirken, nehme. Und wie schwer die Dinge, die mir schwer sind, die ich als schwer empfinde. Und das fühlt sich in meinem Inneren, für mein Gewissen, sehr falsch an.

Wie sehr ist es Anmaßung, sich ein unbeschwerteres Leben zu wünschen, wenn anderswo Menschen Unrecht geschieht, wenn anderswo Unschuldige Qualen, Verfolgung, Hunger und Tod erleiden müssen?

Nie habe ich in einem Jahr in den unterschiedlichsten Kontexten häufiger den Hinweis, den „Rat“, die Aufforderung, das Credo,  gesagt bekommen, dass man vor allem an sich selbst denken müsse. Um erfolgreich zu sein, um nicht „zurückzubleiben“, um etwas bewirken zu können, um mehr Lebensqualität und Wohlstand zu erlangen, um sich hinreichend abzusichern, um zu bestehen.

Gibt es jemanden, der dem widersprechen würde?

In mir regt sich Widerspruch. Ich habe Zweifel, dass das so „richtig“ ist, richtig sein kann. Wie oft und wo überall ist dieses Credo schon ausgesprochen, gepriesen, verfochten und begründet worden?

Liege ich gänzlich falsch, wenn ich frage, ob es nicht genau dieses Credo ist, was unsere Welt zu jener so wenig (mit)menschlichen werden ließ, wie es die ist, die wir jetzt so vielerorts bereits vorfinden?

Ich weiß es nicht. Ich weiß überhaupt wenig. Zu wenig.

Zuwenig allemal, um ausgewogen urteilen und Bilanz ziehen zu können, weshalb ich das auch am Ende dieses Jahres wieder unterlassen werde.

Trotz allem nicht aufhören zu bleiben und zu lieben, dankbar zu sein, bescheiden zu leben und zu wirken, das eigene Sein (als Summe des eigenen Denkens, Handelns und Empfindens) nicht überzubewerten oder gar als den Nabel der Welt zu betrachten und immer wieder: nicht zu verzweifeln – dahin führen mich meine Gedanken, jetzt, zwischen den Jahren. Und so führen sie mich, während mich beständig mein Vater in meinem Sinn und meinem Herzen begleitet, in das kommende Jahr …

**

Neben allen Menschen wünsche ich insbesondere allen jenen Leserinnen und Lesern, die mich und meine Tagebuchaufzeichnungen fortgesetzt lesen, mir oft Mut, Zuversicht und Kraft spenden, sich mit mir austauschen, einen schönen, fried- und freudvollen Jahreswechsel und über allem stehend, Gesundheit.

***

Le Ren, eigentlich Lauren Spear, ist eine 26-jährige Musikerin, Sängerin und Songschreiberin aus Kanada. In diesem Jahr hat sie ihr Debütalbum „Left-overs“ veröffentlicht. Inspiriert von ihrer Mutter, einer Laienmusikerin, hat sie sich zeitlose schönem Folkpop verschrieben. Das Lied „Dyan“, eines der Stücke auf dem Album, hat Le Ren ihrer Mutter gewidmet. Menschen, die man im Herzen liebt, etwas so Persönliches zu widmen, gehört zum schönsten überhaupt. Und dieses Lied ist es im Besonderen:

Le Ren – „Dyan“

2 Gedanken zu “Tagebuchseite -959-

  1. Mein lieber sternflüsterer,

    das ist eine wahrlich große Rundreise, die Du da unternommen hast. Ich denke, es kommt auf die Kunst an, alles auszutarieren. Sich selbst nicht vergessen, sich aber auch nicht als den Nabel der Welt zu betrachten. Und bei all den Dingen, die draußen in der Welt passieren, diejenigen nicht vergessen, die vor unserer Haustür ihre Sorgen tragen, die ihnen den Blick für die Welt nehmen.

    Ich wünsche Dir einen guten friedlichen Übergang ins nächste Jahr, möge es ein gesundes und Dich ganz persönlich zufriedenstellendes Jahr werden.
    Und uns hier wünsche ich noch mehr sternengeflüster. Du bereicherst das Blogland.

    Ganz herzliche Grüße!

    Gefällt 1 Person

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