Tagebuchseite -958-

„Ich“ im Heute und Hier

Ich frage mich, häufiger und intensiver seit ein paar Wochen, was aus meinem Leben geworden ist. Ich frage mich das auch viel grundsätzlicher als jemals zuvor.

Mit dem nahenden Jahresende hat das nichts zu tun, ich bin und war nie ein Freund von regelmäßigen Analysen und Bilanzen oder von Vorsätzen. Die Fragen sind einfach da, jetzt, und laut, sie fordern Gehör ein. Und ich höre sie jetzt und laut und versuche beständig und, ja, auch ein wenig verzweifelt, sie mir, mit Blick auf meine Zukunft, zu beantworten.

Ich träume noch immer fast jeden Traum, daran hat sich nie etwas geändert. Und das wird es auch nicht. Manche Träume tun inzwischen freilich weh, weil realistisch geworden ist, dass sie nicht mehr wahr werden können. Mir ist bewusst, dass nicht alle Lebensträume in Erfüllung gehen können. Mir ist aber auch bewusst, dass inzwischen vieles unwiederbringlich ist und vieles im Vergehen begriffen, was mir etwas wert war und ist, einst als Traum und dann als Wirklichkeit.

Ich habe erkennen müssen, dass ich ein Mensch bin, den man wohl gern als Freund auf Abstand hat, mit dem man aber nicht wirklich zusammenleben kann. Mehr oder weniger ist das wohl schon immer so gewesen, ohne dass ich es so gesehen habe. Im Laufe der Jahre habe ich mich aber verändert, zuletzt und stärker auch krankheitsbedingt. Das hat gemacht, dass ich weiterhin geschätzt, aber offenkundig immer weniger verstanden werden kann. Ich selbst bin in bestimmter Weise unflexibler, ängstlicher und noch unbeholfener geworden als ich es früher schon gewesen bin. Je mehr ich zu mir, meinem Ich gefunden habe, desto mehr bin ich mit mir allein geblieben.

Ich habe es nicht zu großem Wohlstand gebracht, habe weder ein Haus, noch fahre ich Auto, mir mangelt es an Fähigkeiten und Beziehungen, die als notwendig gelten, zum Teil als existenziell, um in und mit der Gesellschaft bestehen zu können.

Nach außen hin, wenn es nicht um die Familie geht, gelte ich als guter Zuhörer, als verlässlich, klug und eloquent. Dass es mir an Selbstbewusstsein mangelt, ist sichtbar, aber es „stört“ Menschen im nicht familiären Umkreis offensichtlich kaum. Innerhalb meiner Familie, der engsten, sieht das anders aus, hier dominieren die Eindrücke von zu großer allgemeiner Gutmütigkeit, von Verbohrtheit und Naivität, davon, dass ich nicht in der Lage bin, Sicherheit, „Fortschritt“ und Realitätsnähe zu verkörpern und zu leben.

Beide Wahrnehmungen und Wahrnehmungsweisen stimmen.

Ich bin hochsensibel, sehe, höre und fühle vor allem ALLE Dinge unmittelbar und stark. Das ist schön und schlimm zugleich. Für mich und für meine Mitmenschen.

Ich konnte und kann mein Leben nicht so leben, wie ich es mir gewünscht habe und wünsche. Nie!

Es gab allerdings Zeiten, wo Wunsch und Realität mal stärker und mal weniger im Einklang miteinander waren. Je älter ich werde, desto weniger ist das der Fall. Ob das mehr in mir oder den mich umgebenden Umständen und Menschen begründet liegt, vermag ich nicht zu beantworten.

Dass es so ist, dass mein Leben mich hierher, an diesen Punkt, geführt hat, das allein ist wichtig. Wichtig, weil es wirklich geworden ist und also zählt und ich nun damit leben muss.

Ich spüre, wie schwer das ist und ich spüre, dass es wahrscheinlich noch schwerer wird. Meine Kraft wird weniger, der Halt in der Familie geringer, die Anforderungen (im mindesten die gefühlten, aber auch immer wieder die ganz realen), vor allem in meiner Arbeitswelt werden größer.

Das ist das Leben, mein Leben, so, wie es geworden ist.

Und meine Träume, die wissen nicht mehr wohin. Ich kann sie nicht mal verschenken …

***

Verschenken, teilen, kann ich immerhin etwas Traumhaftes. Schönsten Indie-Dream-Pop  aus Frankreich von einer Band, die ich erst kürzlich entdeckt habe und deren Lieder ich bislang alle (!) sehr liebe. Hier ist eins dieser schönen Werke:

Requin Chagrin –  „Deja Vu“

2 Gedanken zu “Tagebuchseite -958-

  1. Lieber sternflüsterer, Deine Bestandsaufnahme ist wirklich nahegehend und ich wünsche Dir von Herzen Menschen, die Dich verstehen (oder es versuchen wollen), Träume, die sich verwirklichen lassen und Erinnerungen, die Dir die Seele wärmen.

    Vor allem aber wünsche ich Dir gesegnete und besinnliche Weihnachten, auch wenn es andere Weihnachten sein werden als bisher, ich weiß.
    Herzliche Grüße!

    Gefällt 1 Person

    • Vielen lieben Dank. Auch Dir wünsche ich eine schöne, friedliche Weihnacht, mit viel Zeit für Dinge und Menschen, die Dir etwas bedeuten. 🎄 –

      Außerdem möchte ich mich einmal ausdrücklich für Deine fortlaufende freundliche, sachlich, mich sehr oft unterstützende Begleitung hier bedanken. Das gibt mir viel und ist mir sehr wertvoll.

      Freundliche und herzliche Grüße auch an Dich!

      Gefällt 1 Person

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