Tagebuchseite -903-

Vom Berühren

Wie bezaubernd das ist, wie faszinierend:

Ich schlage die Seite eines Buches auf, entfalte die Seiten eines Briefes, lasse durch ein Browserfenster die Zeilen eines Textes zu mir ein und sehe und spüre Gedanken und bin vollkommen beeindruckt von ihrer Klarheit, ihrer Logik, ihrer Tiefe.

Manchmal sind Gedanken darunter, von denen ich meine, sie schon oft so oder so ähnlich selbst gedacht zu haben. Aber so, wie sie da nun vor mir geschrieben stehen, hätte ich sie niemals formulieren, komprimieren, ihnen Ausdruck verleihen und sie zu jener tiefen Wahrheit werden lassen können, die sie mir offenbaren, an mir und in mir und für mich.

Es ist gerade ein paar Tage her, da fand ich solche Gedanken, aufgeschrieben von einer jungen Frau, die keine professionelle Autorin ist, die allerdings unter anderem gern schreibt. Und wie! Für mich sind jene Gedanken eine tiefe, und ja, inzwischen wirklich schmerzende Wahrheit. Ich weiß, dass sie sie aus einem anderen Kontext heraus aufgeschrieben hat, und dass deshalb die in ihren Worten geronnene Wahrheit für sie persönlich eine zumindest etwas andere sein wird als für mich. Umso faszinierender sind ihre Gedanken für mich. Weil sie sich für mich anfühlen, so erscheinen, als wären sie aus mir heraus geschrieben.

Ihr Text war in englischer Sprache geschrieben.

In deutscher Sprache lesen sich die Gedanken von ihr, die ich meine und die vom körperlichen Berühren sprechen, so:

„Berühren ist der Beweis einer Beziehung, mehr als Worte sein können. Berühren ist eine Art Sprache mit weniger Missverständnissen. Keine Berührung bedeutet weniger Kommunikation und weniger Wärme. Eine Erfrierung meldet sich und es ist nicht das Wetter. Nun, ich denke, die einzig mögliche Lösung dafür ist, mich zu umarmen.

Ich lese diese Zeilen und ahne nicht mehr nur, sondern weiß, dass ich aus Mangel an Beweisen friere und, dass der Frost stärker geworden ist während der letzten Monate. Ich weiß, dass das nicht am Wetter liegt und auch nicht an einem Virus. Weiß, dass es wohl mit Missverständnissen begonnen hat, die schließlich zu etwas Unversöhnlichem geworden sind. Weiß, dass keine mögliche Lösung mehr möglich ist, weil ich die einzig mögliche, niemals allein herbeizuführen vermag. Und jemanden, der mir dabei helfen können würde (es könnte letztlich nur eine Person sein), gibt es offensichtlich nicht mehr.

Ich werde mich also ans Frieren gewöhnen müssen, so, wie man sich bemühen soll, Dinge, die man nicht ändern kann, zu akzeptieren.

Inwieweit mir das gelingen wird, weiß ich nicht. Das weiß ich nie, wenn es um das Akzeptieren müssen von Unabänderlichem geht.

Die Wahrheit der zitierten Gedanken der jungen Frau, ist für mich eine schwere Wahrheit. Ich bezeichne Gedanken dennoch und auch deswegen immer noch als bezaubernd und faszinierend.

Sie sind in und durch eine Seele geboren worden, die die meine erreicht hat. In jedem Fall nicht mit der Absicht, mich, meine Seele, zu verletzen, denn ihre Gedanken waren ja nicht einmal direkt an mich gerichtet. Aber sie hat meine Seele mit ihren Gedanken berührt.

Berührt!

Berührungen von Seelen, sind das, was mir geblieben ist, das, was mir hoffentlich bleiben wird.

Solche ehrlichen, wahren, wie die, die ich in Gesatlt der Gedanken der jungen Frau erfahren habe, die nicht unbedingt schön aber doch wichtig und ja nicht bös‘ gemeint sind. Und solche, die tatsächlich das Frieren immerhin immer mal wieder ein bisschen vergessen machen, weil sie bewusst von ganzen Herzen kommen, weil sie meine Seele, so wie sie ist, umarmen, umarmen mögen.

Solange mir diese Berührungen, dieses Berühren, das ich immer erwidern können möchte, gegeben bleibt, werde ich an der Kälte nicht sterben.

Ich danke allen Menschen, die mir solche Berührungen zuteilwerden lassen.

*

Der Text, dem ich den zitierten Auszug entnommen habe, stammt von Katinka, veröffentlicht auf ihrem Blog „Hanna Katinka – Fotografie und Blog“  am 23.10.2020. Hier ist der Link zum gesamten Text: https://hannahkatinka.com/2020/10/23/note-on-touching/

***

Vor ein paar Wochen habe ich erstmals einen Videoclip, ein Lied, von Jacob Bellens hier geteilt. Es war ein ganz neues Lied.

Seither habe ich mich ein bisschen intensiver mit dem dänischen Sänger und Songschreiber befasst. Das hat dazu geführt, dass ich ihn mittlerweile sehr schätze. Seine Stücke gehören für mich zum schönsten Indie-Pop. Melodien, Texte und Interpretationen sind so wenig „von der Stange“ wie sie hörenswert, einprägsam und stimmig sind. Ganz großartig ist unter anderem das folgende Stück (es wird sicher nicht das letzte von ihm sein, das ich hier teile):

Jacob Bellens – „Untouchable“

10 Gedanken zu “Tagebuchseite -903-

  1. Danke für dieses wunderbare Zitat, lieber sternfluesterer! Es ist sehr bewegend, ehrlich und „berührend“! Trotzdem (oder vielleicht deswegen) lese ich eine gewisse Melancholie aus deinen Worten heraus. Wenn dir mal nach Reden ist, weißt du ja, wo du mich findest! ❤️

    Gefällt 1 Person

    • Ja, ich mag diese zitierten Gedanken auch sehr. Sie bringen auf so besonders formulierte Weise so vieles auf den Punkt.

      Ja, natürlich weiß ich, wo ich Dich finde, und es ist schön und kostbar, dass ich darauf vertrauen darf. Habe Dir „auf anderem Wege“ schon eine kleine Nachricht geschickt. 🙂

      Schlaf schön, ich schicke ganz liebe Ostseegrüße an Dich auf die Reise! 💖

      Gefällt 1 Person

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