Tagebuchseite -902-

Von Sprüchen, Nachrichten, einem Unvermögen und seiner Konsequenz

Solange ich zurückdenken kann, liebe ich in Aphorismen geflossene Weisheiten. So oft mich auch Mitmenschen gewarnt haben, dass darin ja immer nur aus einem Zusammenhang Gerissenes geronnen sei, habe ich sie doch immer wieder als Inspiration zum Nachdenken empfunden, auch und vor allem dann, wenn mich ihre Aussagen überrascht oder verunsichert haben oder ich ihnen (zunächst) so gar nicht zustimmen konnte.

Zwei derartige Sprüchlein der genannten Art sind mir zuletzt begegnet, das erste übrigens nicht zum ersten Mal.  Es lautet:

„Akzeptiere das, was du nicht ändern kannst. Und trenne dich von dem, was dich runterzieht.“

Und das zweite, das dem Schriftsteller Oscar Wilde zugeschrieben wird, liest sich so:

„Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“

Nicht erst in diesen Tagen und Wochen, ist es so, dass ich die Nachrichten, die mich über den Rundfunk, die Zeitung, das Fernsehen, manchmal auch dann, wenn ich vor dem PC sitze, erreichen, kaum noch zu verarbeiten vermag. Denn es sind nahezu durchweg unschöne, schlimme, schlechte Nachrichten.

Wenn ich mich bemühe, in die eine oder andere Materie etwas tiefer einzusteigen, Hintergründe zu erfahren, wird es nur noch schlimmer. Hinzu kommt dann noch das Wissen um die Nachrichten, die mich gar nicht erreichen, weil sie verschwiegen werden, weil die ihnen zugrunde liegenden Geschehnisse „zu weit weg“ sind, als dass sie in unseren Breiten durch hiesige Medien verbreitet werden würden. Am Ende wären es dann womöglich auch tatsächlich zu viele.

Der Beispiele dafür gibt es so unendlich viele, dass sie nicht ansatzweise aufzählbar sind. Ich greife deshalb nur mal eines heraus, das der Flüchtlinge in Griechenland. Vor Wochen war da ein spätestens aus heutiger Sicht überwiegend heuchlerischer Aufschrei zu vernehmen gewesen als das seit vielen Jahren mit viel zu vielen Menschen vollgepfropfte Lager auf Lesbos in Flammen stand.

Wen interessiert es aktuell noch, dass das eilig „bereitgestellte“ Ersatzlager eine von Schlammmassen unterspülte Katastrophe ist, in dem Menschen weiter in Ungewissheit und unter völlig unwürdigen Bedingungen ihr Dasein fristen müssen? Wer nimmt wahr, dass Hunderte, ja Tausende anerkannte Flüchtlinge, also solche, denen ein dauerhaftes Bleiberecht zuerkannt worden ist, obdachlos und ohne jeden Zugang zu sozialer Unterstützung geschweige denn Arbeit auf Athens Straßen dahinvegetieren, darunter immer wieder vor allem Frauen und Kinder?

Ich habe mehr als zwei Jahrzehnte lang hier in Deutschland unter anderem Flüchtlinge beraten, war in vielen Gremien, teils ehrenamtlich tätig, wollte etwas bewirken, etwas anregen, etwas verändern.

Es hat sich aber nichts verändert.  – (Komme mir jetzt bitte niemand, mit den Einzelfällen, für die ich dieses oder jenes erreichen konnte.) 

Am Grundsätzlichen hat sich nichts zum Guten geändert, obwohl sich nicht wenige Menschen über viele Jahre und Jahrzehnte engagiert haben. Die Reichen sind reicher geworden, die Armen ärmer, Kriege und Bürgerkriege haben eher zu- als abgenommen. Globale Bedrohungen gibt es mehr als je zuvor. Die Gier an den Finanzmärkten ist größer denn je, ebenso wie deren Fragilität, was im Übrigen für die Weltgesellschaft wie unseren Planeten insgesamt ebenso gilt.

Folgte ich nun den beiden Sprüchlein da oben, vermöchte ich es, dann würde mich all das nicht runterziehen, dann würde ich es akzeptieren, wie es ist, weil ich es offensichtlich nicht ändern kann (weil es selbst viele offenkundig nicht zu ändern vermögen). Und ich würde obendrein daran glauben, dass „das Ende“ nie ferner gewesen ist als heute, denn „gut“ wird gerade gar nichts.

Ich vermag das aber nicht. Es zieht mich runter, ich bin verzweifelt, jede einzelne neue Nachricht (gesendet oder verschwiegen) setzt mir buchstäblich spürbar zu.

Wenn ich jene Stimmen höre, die mir, die beiden Sprüchlein bekräftigend, zurufen, dass ich doch auch nichts ändere, wenn es mich runterzieht, wenn ich es nicht akzeptiere, dann ist das jeweils die schlimmste Nachricht, die all die anderen schlimmen mit dem I-Punkt versieht.

Ich vermag es nicht, nicht (mehr) hinzusehen, zu ignorieren, was um mich herum geschieht. Weil ich weiß, dass ich mich damit betrügen würde, weil ich weiß, dass alles dennoch geschähe.

Für mich klingen die beiden Aphorismen wie die Verordnung von Gleichgültigkeit. Gleichgültigkeit habe ich freilich, auch erfahrungsbedingt, zunehmend für eines der bösesten Menschheitsgifte gehalten. Und ich konnte, mein ganzes Leben lang, noch nie gleichgültig sein.

Ich hätte höhere Positionen und mehr materielle Sicherheit, vielleicht sogar einen gewissen Reichtum, erlangen können, wenn ich anders gewesen wäre. Das weiß ich, dennoch habe ich immer abgelehnt anders zu sein. Und habe damit manchen Freund verschreckt und verloren und in gewisser Weise auch meine Familie.

Manchmal glaube ich, dass es Egoismus sein muss, so bestrebt zu sein, sich allmorgendlich mit halbwegs gutem Gewissen im Spiegel zu begegnen. Und wer besonders egoistisch ist, muss halt mit den Folgen leben, selbst wenn es ein Egoismus ist, der letztlich ausschließlich nach Rücksicht und nach Liebe strebt, gerade nicht nur für sich selbst.

Ich habe somit keinen Grund, kein Recht, mich zu beklagen.

Aber, dass es mir sehr schwer ist, das wenigstens muss ich mal wieder auf einer Seite meines Tagebuchs vermerken.

Einfach so für mich.

***

(P.S. Leider ließ sich mein Text heute nicht, wie gewohnt, formatieren. Der neue WordPress-Editor ist ein einziges Ärgernis. Bislang konnte ich schon meine Verse nicht mehr wie früher formatieren, außerdem haben sie nun eine andere Schriftart und erscheinen auf grauem Hintergrund, ohne , dass ich das ändern kann, nun haut es offenbar auch mit den normalen Texten nicht mehr hin … *Grummel*)

***

Nach diesem etwas „schwereren“ Eintrag möchte ich ein Stück wunderbaren Indie-Pops teilen, das recht leicht aber auch ein wenig melancholisch daherkommt. Eine schöne, eingängige Melodie wird von einem Text begleitet, der viel Raum für eigene Gedanken lässt. Liima, das sind übrigens der finnische Perkussionist  Tatu Rönkkö und die dänische Band „Efterklang“. Eine interessante nordeuropäische Koproduktion … :

Liima – „Life is dangerous“

18 Gedanken zu “Tagebuchseite -902-

  1. Abgesichts der letzten Tage was in Frankreich passiert ist, sind meine Gefühle verwirrt. Objektivität ist anders. Auch mich verwirren die aktuellen Nachrichten. Andererseits macht mich der Logdown wütend. Es ist nicht nachvollziebar und ich fühle mich als würde einen Teil meines Ichs verloren gehen. Nachrichten machen mich wütend. Idioten von korrupten Politikern beschliessen Regeln die sie selbst nicht verstehen. Abgesehen davon, dass die Wirtschaft schrumpft und die Mächtigen streichen Geld fürs Nichtstun ein.

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  2. Man kann im Alleingang nichts bewirke n. Das was ist geniesse ich. Ich habe eine andere Verantwortung und wenn ich mich wütend gegen ganze Politik wehre, würde ich nicht aufhören können. Und ich würde mich und alle anderen in Gefahr bringen. Geniesse den restlichen Abend. Und ja, deshalb finde ich googleblogs besser. Die kann man gestalten wie man möchte
    Liebe Grüsse Emilia

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    • Wenn ich das so lese, dann spüre ich, dass es in Dir auch sehr brodelt. Aber Du verstehst es womöglich, das besser zu kanalisieren als ich, kannst besser trennen und Dich bewusster auf genussvolle Momente zu konzentrieren.

      Mir fällt das unsagbar schwer – seitdem es mir vor ein paar Jahren mal richtig mies ging, noch schwerer als zuvor. Ich weiß aber, dass ich mich insowet anstzrengen muss, auch, damit, das, was war, nicht etwa wieder gescheiht mit mir.

      Aufrichtig liebe Grüße an Dich, liebe Emilia!

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  3. Am Rande – zum Editor – man kann noch auf den alten umschalten, zumindest vor ein paar Wochen. Oben rechts in der Ecke eines neuen Beitrags sind diese drei Punkte, die ein Menü aufklappen lassen und dort kann man soweit ich weiß auch noch zum alten Editor wechseln. Vielleicht hilft dir das ein wenig.

    Zum Rest fehlen mir auch die Worte. Fühl dich gedrückt und an dich gedacht 💚

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    • Das Umschalten auf den alten Editor ist keine echte Alternative, da er so, wie er nun hier ist, nicht mehr alle Funktionen enthält, unter anderem die nicht mehr, dass man beidseitig bündig schreiben kann. Man kann zwar mittels eines Plugins den „echten“ alten Editor noch irgendwie installieren (vorerst für die nächsten zwei Jahre), muss dafür aber auf die teuerste kostenpflichjtige Variante von WordPress umsteigen. – Das ist einfach nur eine Frechheit …

      Danke aber für Deinen lieben Versuch, mir irgendwie zu helfen und für Deine Gedanken und den Knuddel sowieso,

      Letzteren erwidere ich sehr gern 🤗 und liebste Grüße sende ich obendrein noch dazu! 💚🌻🐬

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  4. Lieber Sternflüsterer, ich kann sehr gut nachvollziehen, was du beschreibst. Auch wenn es nicht die gleichen Themen sind (bei mir sind es die Umweltzerstörung und die Tierquälerei in so vielen Bereichen, die mir sehr zusetzen). Es passieren so viele negative Dinge und man fühlt sich so ohnmächtig. Ich habe beschlossen, mich selbst zu schützen – nicht weil ich gleichgültig und egoistisch sein will, sondern, weil ich es unerträglich fände, mir jeden Tag z. B. Videos aus Schlachthöfen anzusehen oder Horrornachrichten über die Abnahme der Artenvielfalt oder darüber, was die Politik mal wieder lieber für die Agrarindustrie anstatt für die Umwelt tut, zu lesen. Ich habe für mich festgestellt, dass es mir besser bekommt, mich möglichst auf Dinge zu konzentrieren, die mir gut tun, dann kann ich dabei Kraft tanken und kleine Dinge tun, die vielleicht doch etwas bewirken, also in meinem Fall mich vegetarisch/vegan ernähren, den Garten oder Balkon bienenfreundlich gestalten, Müll aufsammeln, keine Plastetüten verwenden, mich an Unterschriftenaktionen beteiligen oder sonst irgendwie engagieren. Das hilft den Tieren, die Tag für Tag in den Schlachthof gefahren werden, leider erstmal noch nicht, aber langfristig kann man vielleicht etwas bewirken. Vor allem, wenn mehr und mehr Menschen mitmachen. Ich schaue tatsächlich kaum noch Nachrichten o.ä., weil mich diese negativen Dinge einfach nur komplett runterziehen.
    Das ist der Umgang, den ich damit gefunden habe. Ich weiß natürlich nicht, was man in deiner Situation tun könnte, immerhin hast du ja lange in dem Bereich gearbeitet und dann kann ich es natürlich verstehen, dass du desillusioniert bist, wenn sich nichts geändert hat. Aber vielleicht findest du ja auch einen Umgang damit, der dir besser tut?
    Ganz liebe Grüße 🙂

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    • Ach, liebe Christiana, es ist so, so viel mehr, was mich umtreibt, was mir zusetzt, was mich nicht zur Ruhe kommen lässt, als nur diese eine Geschichte. Ich schrieb ja oben: „Der Beispiele dafür gibt es so unendlich viele, dass sie nicht ansatzweise aufzählbar sind. Ich greife deshalb nur mal eines heraus …“

      Das, was Du hier thematisiert hast, gehört unter anderem auch zu jenen Dingen.

      Ich bin froh für Dich, dass Du so einen Umgang mit „Deinem“ und sicher mit noch manch anderem Thema gefunden hast, das Dich letztlich doch bewegt – es ist wohl ein Teil dessen, was mein früherer Therapeut mal „Psychohygiene“ genannt hat, ein entsprechendes Umgehen zu lernen und zu pflegen und bestenfalls damit dann auch im Reinen zu sein, wenigstens grundsätzlich.

      Ich bin davon leider nach wie vor weit entfernt.

      Deshalb musste ich es mir hier einfach mal ein bisschen von der Seele schreiben …

      Dankeschön, dass Du darauf eingegangen bist, Dankeschön für Deinen Wunsch!

      Sehr liebe Grüße an Dich! 🙂🌻

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      • Das sollst du ja auch, dafür hast du ja deine Seiten hier. Ich wollte dir auch keine Ratschläge geben … es ist nur so, dass, wenn ich merke, dass es jemandem schlecht geht, ich demjenigen „helfen“ will und gerade wenn ich das Thema kenne, erzähle ich dann oft von meinen eigenen Erfahrungen, in der Hoffnung, dass es demjenigen vielleicht nützlich ist. Mir ist aber klargeworden, dass das vermutlich eher Druck aufbaut. Ich werde mich damit dann besser mal zurückhalten.
        Übrigens ist es tatsächlich nicht so, dass mein Umgang damit konstant ist … mal klappt es besser, oft falle ich aber auch zurück in alte Gedanken und in das Nichtabgrenzen-Können.

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        • Ach, Du … – Du hast überhaupt keinen Druck aufgebaut, ich habe Deine Zeilen ganz so verstanden, wie Du sie gemeint hast, als Unterstützung, als Hilfe. – Es ist schon nicht verkehrt, wenn ich ab und zu mal erinnert werde, mich nicht (wieder) zu sehr zu verrennen.

          Ich weiß, dass Du keine „Ratschläge“ geben willst, weiß, dass Deine Worte immer aus sehr ursprünglichemn, eigenen Erfahren und Empfinden geboren sind. Sie sind mir deshalb stets viel wert. – Es ist schön und wichtig für mich, dass Du schreibst, wie Du es „aus dem Bauch heraus“ willst.

          Also mach Dir bitte keine Gedanken darum, dass da etwas „falsch“ ankommen könnte.

          Nochmals ganz liebe und dankbare Grüße an Dich! 🙂

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  5. Die Welt ist einfach voll mit Schmerz und Leid. Um das alles zu ertragen ist es am einfachsten wegzuschauen, daher Sprüche wie die von dir genannten. Und obwohl man es sich damit leicht macht ist es für viele einfach überlebenswichtig und notwendig ihnen zu folgen – ich denke daher sind sie so beliebt. Wenn das natürlich alle so machen wird sich nie etwas ändern und genau das ist ja das beschriebene Problem. Es ändert sich nichts und das schmerzt. Zu kämpfen ohne das es sich lohnt schmerzt. Aber Aufgaben schmerzt meiner Meinung nach ebenfalls. Ich denke trotz aller Frustration dürfen wir einfach nicht aufhören kleine Schritte in eine positive, andere Richtung zu gehen.

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    • Ja, das stimmt, liebe Simone, und ich will und werde meinerseits auch nicht damit aufhören in und mit all meiner Unvollkommenheit. – Aber wie Du schon schreibst, es schmerzt so oder so. Ich müsste wohl meine Überempfindsamkeit besiegen, damit das anders sein könnte und vielleicht auch würde. Aber wie sollte das gehen?

      Wie gesagt, jammern möchte ich dennoch nicht – es ist nur beständig wirklich nicht leicht auszuhalten für mich.

      Durch Deine Worte und zwischen Deinen Zeilen spüre ich wieder einmal, dass Du Dich ganz gut in mich hineinzuversetzen vermocht hast. Ich bin Dir dafür sehr, sehr dankbar, weil ich weiß, dass das Kraft kostet, vor allem, wenn man selbst ein sensibler Mensch ist. Und das bist Du zweifellos. – Ich „gestehe“, dass das einen großen Teil Deiner Sympathie ausmacht, die Du für mich ausstrahlst.

      Danke!

      Ganz liebe Grüße an Dich! 💙

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  6. Auch ich denke an dich. Diese Gleichgueltigkeit, die du beschreibst, muss nicht direkt bedeuten, dass du ignorierst, was im Aussen geschehe oder deine Augen verschliesst – es kann auch ein gewisser Schutz fuer dich selbst sein? Um eben nicht dem zu verfallen. Um eben nicht all das Negative, diese Ohnmacht zu verspueren.
    ~ Es macht viel mit mit einem. Es macht viel mit mir und tatsaechlich weiss ich selbst nicht so genau, wie ich dazu stehe, denn sobald ich daran denke, verspuere ich diese Ohnmacht und diesen Wunsch, dass das sein Ende neben solle.
    ~ Deine Yaren.💟💙

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    • Ja, ich verstehe schon, dass es auch ein Schutz sein kann, sogar sein sollte. Aber ich KANN es nicht, es dringt zu mir durch, allein dadurch, dass ich weiß, dass es ja doch da ist.

      Ist eine sehr schwierige Geschichte – aber Du verstehst mich. Das lese ich aus Deinen Zeilen. Ohnmacht sollst Du Deinerseits nie spüren mnüssen, liebe Yaren, das wünsche ich mir sehr für Dich.

      Dass Du hier warst, mir Deine Worte hiergelassen hast, hat mir Freude geschenkt. Es gehörte zm Schönen dieser Tage für mich. Dankeschön dafür!

      Ganz, ganz liebe Grüße und eine Umarmung für Dich! 💗 🤗

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  7. Lieber Sternflüsterer,

    Du forderst auf nicht auf die Dinge hinzuweisen, die Du durch Dein Engagement ändern konntest. Warum nicht? Es sind genau diese Einzelfälle, die den Unterschied ausmachen. Ich bin mir sehr unsicher, ob ich das schreiben darf und Du es lesen möchtest, denn ich kann den Schmerz, den Frust und die Verzweiflung hinter Deinen Wortens spüren. Ich persönlich ignoriere die Nachrichten nicht, weil sie mir unsere Welt egal ist, sondern weil ich mir die Nachrichten nur in sehr kleinen Dosen „antun“ kann. Würde ich so eintauchen, wie Du es tust, wäre ich paralysiert wie ein Reh im Scheinwerferlicht, überwältigt, überfordert und entmutigt. Aber ich habe Hoffnung und ich möchte diese Hoffnung nicht aufgeben. Ich werde nicht die ganze Welt aus den Angeln heben, aber ich möchte es in meiner kleinen Welt tun. Ich möchte mit dieser Einstellung natürlich nicht zu den von Dir aufgezählten Ignoranten gehören, aber aus Deiner Sicht ist mein Nicht-Konsumieren der täglichen Presse egoistisch und ignorant.

    Ich finde die folgende Anekdote, deren Ursprung ich nicht kenne, sehr tröstlich und rufe sie mir oft ins Gedächtnis, wenn ich denke, dass mein Handeln keinen Einfluss hat und keine Wirkung hinterlässt:

    Nach einem Unwetter waren am Strand unzählige Seesterne angespült worden. Ein kleiner Junge lief dort entlang, nahm Seestern für Seestern und warf sie zurück ins Meer.
    Ein Mann, der das beobachtete, ging zu dem Jungen und sagte: „Das ist sinnlos, der ganze Strand ist voll von Seesternen, du kannst sie nicht alle retten. Was du tust, ändert nicht das Geringste.“
    Der Junge überlegte kurz, ging zum nächsten Seestern, hob ihn vom Boden auf, warf ihn ins Meer zurück und sagte: „Für ihn ändert es alles!“

    Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag und danke Dir wieder sehr für Deine Worte, die mich zum nachdenken und reflektieren anregen. Das ist etwas Gutes. 😉

    Gruß, Annett

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    • Du darfst mir schreiben, alles so, wie Du es möchtest, liebe Annett. Du schreibst zu freundlöich, so einfühlsam, zugleich immer sachlich – ich achte und respektiere jede Deiner Meinungen, sie sind mir etwas wert. Also, mach Dir insoweit bitte keine Sorgen …

      Nein, Du bist keine Ignorantin und Du bist auch nicht egoistisch – kein Mensch, der sich der Fülle an negativen Nachrichten entzieht, um sich zu schützen, im Grunde aber ein weltoffener, hinterfragender, respektvoller und empathischer Zeitgenosse ist, ist das. – Es ist so wichtig, eine Balance zu finden, dass ich das so schlecht kann, geht nicht mit pauschalen Schuldzuweisungen oder Verurteilungen gegenüber anderen Menschen einher.

      Deine Anekdote ist eiune wunderschöne, die mir schon einmal jemand vor Augen geführt hat. Ich habe sie nie vergessen, und oft halte ich sie, meiner eigenen Unzulänglichkeit zum Trotze vor Augen.

      Freilich bin ich auch noch in einer Situation, dass ich täglich mit Kindern zu tun habe, vielen und sehr wissbegierigen, die mich oft nach dem Weltgeschehen und seinen Hintergründen befragen. Zuletzt etwa zu der Entauptung des Lehrers in Frankreich oder zu dem 20jährigen Syrer, der in Dresden einen Mann erstochen hat. – Ich empfinde und habe Verantwortung, diese Kinder mit ihren Fragen, ihren Sorgen und ängsten nicht allein zu lassen.

      Aber ich möchte das nicht als „Ausrede“ vorschieben dafür, dass ich so dünnhäutig bin und es mir so schwer fällt, wenigstens ein bisschen Schutzschirm um mich aufzubauen.

      Ich danke DIR!!! – Liebe Grüße an Dich! 🙂🌻

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      • Es freut mich, dass Du die Anekdote bereits kennst und sie Dir auch vor Augen führen kannst. Für Deine Schüler änderst Du etwas, indem Du Dich ihren Fragen stellst. Das ist sehr selbstlos von Dir, denn Du könntest Dich ebenso abgrenzen, wie ich (oder auch andere, wie ich den Kommentaren las) es tun. Daher hoffe ich, dass Du noch einen Weg findest mit Deiner Dünnhäutigkeit umzugehen. Kannst Du sie eigentlich auch manchmal bzw. in bestimmten Situationen als Geschenk empfinden? Deine Sensibiltät. Deine Dünnhäutigkeit. Deine Empfindsamkeit. Deine Feinfühligkeit. Dein Sanftmut. Es gibt viele schöne Wörter dafür … 😉

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        • Ja, ich weiß meine Art zu sein, mitunter auch zu schätzen, sehr sogar. Wenn ich die Natur erlebe, zum Beispiel oder wenn mich eine Musik rührt (und das tun viele Musiken) oder wenn ich durch die Geschichte eines Romans wie durch einen realen Film zu gehen vermag, meine Fantasie mir Bilder zwischen die Zeilen zeichnet, wenn mich ein Lächeln trifft …

          Meine Art zu sein, schenkt mir mitunter die schönste Stille, die diese Welt auszumachen vermag.

          Aber die Stille wie mein Sein haben zwei Seiten, und die zweite ist halt immer wieder mit viel Schmerz verbunden. So oft empfinde ich beispielsweise Dinge manchmal als so schön, dass es mir weh tut, zu schön, um wahr zu sein. Noch diffizieler ist die Stille nach einer Flucht für mich …

          Ich habe dazu mal eine Sentenz geschrieben – hier ist der Link dazu (wenn Du sie lesen möchtest): https://gedankenorbit.wordpress.com/2018/11/14/stille-sentenzen-38/

          Liebe Grüße!

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  8. Es rasselt so viel auf einen ein an Nachrichten – und das ist ja nur eine Auswahl. Wobei früher weitaus strenger ausgewählt wurde, die moderneren Medien kübeln da eine Menge mehr in alle möglichen Kanäle. Und dann kommt ja auch noch die – so hat es ein Prof aus Tübingen mal genannt – „redaktionelle Gesellschaft“ hinzu. Jeder ist sein eigener Verleger und Herausgeber.

    Daß es Dir da manchmal zu viel wird, kann ich absolut nachvollziehen. Manchmal überlese ich gewisse Rubriken einfach. Das ändert zwar auch nichts am Großen und Ganzen, aber bei all dem sollte man auch sich selbst nicht ganz vergessen.

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