Tagebuchseite -995-

Heller wird es nicht mehr

Vieles ist anders. Nichts ist wirklich gut. Dieses Jahr, vor allem der andauernde Herbst und der nahende meteorologische Winter, liegen zusätzlich besonders schwer auf meinem Gemüt. Je länger mein Vater nicht mehr da ist, umso mehr und auf besondere Art spürbar werdender fehlt er mir.

Nie habe ich abgesehen von meiner Arbeit weniger soziale Kontakte gehabt als in den vergangenen Monaten. Nie habe ich weniger telefoniert. Nie bin ich weniger verreist (im Grunde gar nicht), nie habe ich weniger freie Zeit zur Verfügung gehabt, nie war ich an Wochenenden öfter allein, nie habe ich weniger geschrieben. Und zu lesen schaffe ich es auch kaum. Nur allzu sporadisch und mit großen Unterbrechungen gelingt es mir, in Bücherwelten zu verweilen.

Die große Welt stimmt nicht mehr und die kleine auch nicht, weder die auf der Arbeit, noch die im privaten.

Ich boykottiere die Fußball-Weltmeisterschaft. Ich schaue mir kein einziges Spiel an. Das fällt mir nicht leicht, weil ich an sich Fußballspiele sehr gern ansehe. Die großen Turniere habe ich immer besonders gemocht

Ich müsste noch vieles mehr boykottieren, stehen lassen, mich nicht mehr damit auseinandersetzen. Ich müsste gehen, von allem und aus allem.

Aber so einfach ist das nicht und es wäre auch keine Lösung. Es wäre das Ende. Mein Ende.

Morgens früh um fünf ersetzt das dunkle Grau meiner Zeit das Schwarz der Nacht. Ein Schaudern ist dabei und eine unglaubliche Überwindung, die schon so viel Energie kostet, dass der Rest nicht bis zum Abend reichen kann.

Heller wird es den ganzen Tag nicht. Manchmal irrlichtert ein Kinderlachen durch meinen so klein gewordenen Orbit, in dem ich mich vornehmlich um mich selbst drehe. Dann kann ich ein bisschen lächeln.

Sonst habe ich vollständig damit zu tun, all das, was von außen auf mich einströmt, aufzunehmen, zu verarbeiten und darauf zu reagieren, wenn es nötig ist oder von mir gefordert wird.

Es ist wie es schon immer war: Ich sehe, höre, rieche, schmecke, fühle ALLES! Das kostet mich Kraft, die ich nicht mehr habe. Meine Art zu empfinden, ist schon immer so gewesen, ich vermag sie nicht zu ändern. Sie ist ich. Ich bin sie. Da ist nichts zu therapieren.. Ich musste immer damit leben und ich muss es weiterhin. Solange ich denn kann. Oder will. Manchmal zweifle ich, ob ich noch will.

Und manchmal spüre ich, dass meine Seele mich streicheln möchte. Dann weine ich nach innen. Obwohl sie krank ist, denkt sie an mich, will mir wohl helfen. Tun, was niemand sonst tut. Und mich verstehen. Mich beschützen. Vor den Hamsterrädern da draußen und vor mir.

So lebe ich in mir und mit mir. Draußen existiere ich. Als Maske von mir, als Klon meines schmerzenden Körpers. Ich selbst bin eigentlich gar nicht mehr da, da wo alle sind. Aber alles trifft mich, was von dort kommt. Unvermittelt. Weil die Maske nicht schützt.

Vieles ist anders. Nichts ist wirklich gut.

Morgen früh um fünf ersetzt das dunkle Grau wieder das Schwarz der Nacht.

Heller wird es nicht mehr.

***

Es ist schon ziemlich lange her, seit ich hier ein Lied von Weyes Blood geteilt habe. Hinter diesem Künstlernamen, der auf den Roman „Wise Blood“ -“ Weisheit des Blutes“ von der jung verstorbenen amerikanischen Schriftstellerin Flannery O’Connor zurückgeht, verbirgt sich Natalie Mering, eine im Juni 1988 in den USA geborene Indie-Folk-Musikerin.

Für mich ist sie eine besondere Künstlerin. Ich mag die Art ihrer Lieder, die Arrangements und vor allem die einzigartige und wunderschöne Gesangsstimme. Lieder von Weyes Blood nehmen mich immer mit auf eine Reise in Welten, die mir vertraut erscheinen und ein Stückchen Frieden schenken.

So auch „Grapevine“, eine Auskopplung aus ihrem jüngsten, gerade erst veröffentlichten neuen Album:

Weyes Blood – „Grapevine“

12 Gedanken zu “Tagebuchseite -995-

  1. Vor 2020 fragte ich mich oft, wenn ich Dich las, wie es denn möglich ist, dass eine Seele so tief im Niemandsland landet. Heute weiss ich, dass sowas einfach passiert. Man kann es nicht verhindern und auch von selbst den Weg zurück nicht mehr finden. Alles liegt in Gottes Hand. Doch es zu akzeptieren ist wohl das Schwerste überhaupt, was einem Menschen passieren kann – weiss ich jetzt – weil ich auch dort gelandet bin. No way out. 😥 Vielleicht begegnen wir einander ja irgendwo da in dieser kalten Leere.

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        • Dankeschön für Deine Mühe. Ich werde es mir auf jeden Fall ansehen. –

          Leider ist mein Alltag sehr voll mit Arbeit – ich werde schauen müssen, was sich da integrieren lässt. – Ich kenne selbst ein paar Entspannungstechniken, aber die kann man im Schulalltag nicht eben mal so einschieben. Und an den Abenden bin ich regelmäßig so kaputt, dass mir nicht selten einfach nur noch die Augen zufallen, nachdem ich zu Hause noch die nötigsten Verrichtungen erledigt habe. – Viele Grüße an Dich.

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  2. „Sonst habe ich vollständig damit zu tun, all das, was von außen auf mich einströmt, aufzunehmen, zu verarbeiten und darauf zu reagieren, wenn es nötig ist oder von mir gefordert wird.“
    Das kann ich so gut nachvollziehen. Es ist Fluch und Segen zugleich, wenn man alle Dinge so ungefiltert aufnimmt … in der heutigen Zeit wohl eher Fluch. Ich weiß, wieviel Kraft das alles kostet. Und ich habe das Gefühl, dass es schwerer wird, je älter man wird. Vielleicht, weil man sein ganzes Leben lang schon so viel Energie aufgewendet hat? Oder weil die heutige Zeit so ist, wie sie ist? Ich schicke dir einfach mal ein bisschen Kraft für die nächsten dunklen Tage.

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    • Das ist sehr, sehr lieb von Dir. – Die Worte, die Du schreibst, sind sehr wahr, sie entsprechen meinen Erfahrungen ganz genau.

      Ich wünsche niemandem, so etwas durchstehen zu müssen und deshalb bin ich sehr bei Dir, denn ich weiß, dass Du mindestens sehr ähnlich empfindest.

      Danke, dass Du wieder einmal hier warst. Viele liebe Grüße! ✨

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    • Dankeschön für Dein Herz. Ich spüre, dass es alles sagt, was zu sagen ist, weil es weiß, wie es sich anfühlt, was ich fühle.

      Ich wünsche ihm, wünsche Dir, dass es leichter wird für Euch.

      Liebe Grüße an Dich! ✨💗

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  3. Du kannst sogar diesem Deinem Zustand eine literarische Form geben, die einfach einmalig ist.
    Ich wünsche Dir Situationen, die Dein Grau erhellen mögen. Sonnenstrahlen für Deine Seele und für Dich!
    Ganz liebe Grüße!

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  4. Ich möchte dir auf diesem Weg ein paar alles erhellende Sonnenstrahlen senden, die deinen Gedanken durchbrechen, es könnte nicht heller werden. Dieser Gedanke ist wie eine Gardine, die nicht ganz zugezogen ist und während es für dich vermeintlich dunkel ist, drängen sich die Sonnenstrahlen hindurch und erhellen den Raum selbst durch diesen einen kleinen Schlitz, den du gelassen hast in der Annahme, es würde nicht heller werden.

    Sei umarmt und wisse, dass du immer, wenn Kapazitäten da sind, in meinen Gedanken und Gebeten bist, gekoppelt an den Wunsch, dass wir uns wieder öfter begegnen und nicht nur kurz ein paar Monate Leben versuchen in ein paar Minuten Reden zu quetschen.

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    • Deinen Wunsch teile ich voller Hoffnung und Deine Sonnenstrahlen tun mir sehr gut. Es ist viel geschehen, vor allem während der letzten zwei Jahre, was es tatsächlich hat dunkler werden lassen für mich.

      Ich danke Dir von Herzen für das liebe Leuchten! ✨💙

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