Tagebuchseite -979-

Seele, du musst lernen …

Vor Tagen schon war da ein Sonnenuntergang. Wunderschön und mit Worten nicht adäquat zu beschreiben. Und am nächsten Morgen war da das wogende, immer noch etwas frühlingshafte, dichte Grün der Bäume, umwoben vom Gezwitscher eines Buchfinken und dem Getschilpe einiger Spatzen. Für ein paar Minuten verlor ich mich darin, ganz und gar. Und ich bin auf Reisen gewesen, zuerst am Meer, bis zu einem Dorf am Ende der Welt einer britischen Küste und dann in Südtirol. Die Zeit dort war eine ganz andere, dennoch sind mir die Menschen da sehr nah geworden.

Aber nicht ich war oder bin im Urlaub. Du warst und bist es. Nicht mit mir. Mit einem anderen Mann.

Ich habe mich bei mir und meine Arbeit. Die Eindrücke da oben sind schon viele von den wenigen schönen. Ich habe sie beim Blick aus einem Zimmer- und dem Küchenfenster eingefangen, die Augen hoch gerichtet, über die Plattenbauten hinweg, und in und zwischen den Zeilen von Büchern, in die ich fliehe, wenn mir denn ein wenig Zeit bleibt und mich die Müdigkeit nicht verhindert.

Ich denke viel nach. Sehr viel. Nicht nur, weil ich keinen Urlaub haben werde in diesem Sommer und vielleicht überhaupt keinen Urlaub mehr. So, wie du dir Urlaub wünschst, vermag ich ihn nicht (mehr) zu bestreiten. Wie so vieles andere nicht, was dich lockt, was du dir vorstellst, was dich wohl glücklich macht. Das hoffe ich wenigstens.

Denn bei mir bist du es nicht (mehr). Das weiß ich, und ich weiß, dass ich dafür wenigstens ein Teil der Ursache bin. Ich tauge noch zu einem Freund, einem unter anderem. Ich glaube, dass ich dir in diesem Sinn sogar noch ein bisschen was bedeute.

Die Tage ziehen hin. Ich stehe morgens auf, verrichte mein Tagwerk, komme abends wieder heim. Dafür, dass ich so oft keinen Antrieb mehr spüre und finde, ist es selbst für mich immer wieder erstaunlich, dass und wie ich den Alltag bestehe. Gerade jetzt wo er so voll Arbeit und so voller Emotionen ist, wie er noch nie war, während dieses Jahres und ja doch alles in mir bleiben muss. Wem sollte ich es erzählen? Dann, wenn es gerade besonders gut und nötig oder dringlich wäre, ist ja doch niemand da, nicht in der Nähe, nicht unmittelbar.

Als du noch da warst, so wirklich hier, meine ich, so ahne ich heute, hast du mich oft nicht verstehen können. Und nachdem ich dann so krank geworden war, habe ich dich wohl auch zunehmend überfordert. Und ich habe mich (weiter) verändert. Das hat dich zunächst irritiert, dann Zweifel an mir in dir gesät und dir schließlich Hoffnungen genommen. Du hattest letztlich andere Träume, andere wohl auch als jene, die du hattest als wir uns kennenlernten. Und wurdest verzweifelter. Das spürte und spüre ich wohl.

Aber über die entscheidenden Fähigkeiten und Mittel dafür, dir deine (neuen) Träume zu erfüllen, verfüge ich nicht. Und für den einen alten auch und erst recht nicht, den, der nicht wahr wurde und für dessen nicht wahr werden du mich verantwortlich machst. Das akzeptiere ich. Mit den Gründen, die du anführst freilich, hadere ich.

Ich sehe und weiß um viele „Fehler“, die ich wohl gemacht habe. Und ich habe sie dir auch bekannt. Immer. Du hast deinerseits nie Fehler bekannt. Vielleicht hast du wirklich keine begangen. Möglicherweise bist du wirklich so perfekt, wie ich dich gesehen habe, in meinen jungen Jahren …

Ich achte und mag dich immer noch, mehr und auf ganz andere, besondere Weise als jeden anderen Menschen sonst. Obwohl du mir seit einiger Zeit so weh tust und weißt, dass du das tust.

Was ich wirklich unterschätzt habe, ist, wie sehr du das offenkundig auszublenden vermagst …

Weiterhin habe ich unterschätzt, dass du wahrhaftig zu leiden begonnen hast an meiner Seite, dass das schon vor ziemlich langer Zeit begonnen und dir mit der Zeit mehr und mehr zugesetzt hat.

Ich spreche mit meiner Seele, viel. Sie muss lernen. Lernen, dass so Vieles Illusion ist und bleiben wird und sie daran nicht verzweifeln darf. Lernen, sich dareinzufinden. Demütig zu sein, und trotz allem dankbar, über die Plattenbauten, den fordernden Alltag und die Einsamkeit und Leere hinweg.

Sie muss lernen, zu schweigen. Über die Widersprüchlichkeit, in der sie, in der wir beide leben, weil niemanden aus unserem Alltag das etwas angeht und uns das nur verletzbar(er) machen würde. Sie muss lernen, das Schweigen auszuhalten.

Und sie muss lernen, mich dennoch und ungeachtet all dessen, was widrig ist oder uns so erscheint, weiter und wieder stärker anzutreiben, aus sich, aus uns selbst heraus. Weil niemand sonst das tun wird oder tatsächlich tun kann.

*

Ich schaue wieder aus dem Fenster, diesmal dem meines Arbeitszimmers. Es ist nichts Besonders zu sehen. Die Bäume bewegen sich leise unter dem grauer werdenden Himmel.

Unserem Sohn hast du ein paar Bilder geschickt von der Landschaft, die du in deinem Urlaub bereist.

Ich freue mich für dich. Du brauchtest und brauchst Erholung. Aber das werde ich dir nicht zu sagen vermögen. Und ich werde dich auch nie (mehr) zu anderen Freuden dieses Urlaubs oder deiner sonstigen Ausflüge befragen.

Dazu tut diese Freude zu weh.

**

Es fühlt sich seltsam an, dass dieser Text soeben hier geschrieben steht. In meinem Kopf habe ich ihn schon hundertmal geschrieben. Es fühlt sich seltsam an, dass ich überhaupt geschrieben habe. All die vergangenen Wochen konnte ich nicht mehr schreiben. Auch, weil ich nicht wollte. Auch, weil ich einen Text, wie den heute, nicht schreiben wollte.

Ich weiß nicht, was oder ob es etwas zu bedeuten hat, dass ich nun heute wieder und diesen Text aufgeschrieben habe.

Ich weiß gerade fast gar nichts mehr …

***

Für mich bleibt es ein ewiges Rätsel, weshalb eine Sängerin wie Charlotta Perers aus Schweden nicht viel, viel mehr Popularität genießt. Ich liebe sie, vor allem ihre wunderbare Stimme, die Art von Folk-Pop, den sie interpretiert und wie sie das tut und ganz häufig auch die Texte ihrer Lieder. Abgesehen davon, dass sie mit einer so schweren Krankheit zu kämpfen hatte und diesen Kampf (hoffentlich nachhaltig) gewonnen hat, wünsche ich ihr von Herzen eine größere Verbreitung und mehr Anerkennung für ihre Musik, ihre Lieder.

Der folgende Song von den traurigen Augen ist mir gerade wie aus der Seele geschrieben. Er entstand im Gegensatz zu den beiden, die ich Ende letzten Jahres von ihr bereits hier geteilt hatte, noch vor der Erkrankung von Charlotta, die als „Big Fox“ auftritt. – Das Cover der Single zeigt sie noch mit langen Haaren …

Big Fox – „Sad Eyes“

12 Gedanken zu “Tagebuchseite -979-

    • Ganz lieben Dank – ja, das ist auch ein Abschied, er ist skurril und, das klingt vielleicht komisch, fortwährend. Als wenn die andere Abschiede nicht schon genug wären …

      Aber wem schreibe ich das? Es tut mir übrigens doll und aufrichtig leid, dass ich zu Deinen letzten Texten auf Deinem Blog nicht wenigstens ein Zeichen hinterlassen habe. Ich lese Dich immer und ich nehme, inzwischen wirklich von Herzen, jedes Mal Anteil an dem, was Du schreibst. Das sollst Du wissen, liebe rosabluete.

      Bin nur selbst so neben der Spur …

      Liebe Grüße an Dich!💗

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  1. Du strahlst hier sowohl eine Ruhe aus, als auch einen tiefstitzenden Stich ins Herz. Und das Schweigen zwischen den Zeilen ist auch so laut. Vielleicht war es dir ein erleichterndes Pflaster, diese Worte endlich herauszulassen, das wünsche ich dir. Fühle dich wärmstens umarmt…

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  2. Ich glaube nach wie vor nicht, dass du ein Teil der Ursache bist, lieber sternfluesterer. 😦 Quäl dich bitte nicht mir Vorwürfen – jetzt ist es umso wichtiger, besonders lieb mit sich zu sein. Ich habe noch so viel zu sagen, aber das mache ich vielleicht wann anders wo anders. Fühl dich ganz fest gedrückt!! ❤️💫

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    • Deine Worte, Dein Hiersein sind wie ein Sonnenstrahl, nein sie SIND ein Sonnenstrahl. Sogar einer ganz für mich. – Es werden sich Zeit und Weg finden, für das Viele, was Du sagen möchtest. Ich freue mich sehr darauf.

      Ich drück‘ Dich auch, auch ganz doll! 💖🤗

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  3. Das tut weh zu lesen. Es tut mir leid.
    Ich wünschte, ich könnte dich aus deinem Elend rausrütteln–aber ich kann das nichtmal für mich selber tun.
    Es kommt mir so sinnlos vor, Beziehungen zu haben zu anderen Menschen. Es ist alles so schmerzhaft und kompliziert, dass ich am liebsten gar nicht leben würde. Weil es einfach keine Möglichkeit gibt, es zu tun ohne dass es weh tut.
    Die Ehen oder jahrzehntelangen Partnerschaften anderer Leute sind wie geheimnissvolle Fabelwelten für mich. Ich werde das nie verstehen oder selber erleben, aber ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken. Dass man bei jemandem bleibt, sogar einen neuen Menschen erschafft, sich jahrelang füreinander anstrengt, und dann ist es trotzdem eines Tages einfach vorbei. Trotz der L**be–falls das existiert–oder was auch immer man so lange und mühevoll zwischen sich aufgebaut hat. Ich kann nicht glauben, dass es vorbei ist. Ich kann dich mir gar nicht vorstellen, so. Es tut mir so leid.

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    • Dankeschön für Deine Worte und Deine Gedanken. Ich muss lernen und zu akzeptieren versuchen, dass vielleicht so etwas wie freundschaftliche Verbundenheit bleiben kann. Ob und wie das aussehen kann, weiß ich nicht und es hängt ja wahrlich nicht nur von mir ab. Ich bin sehr durcheinander, gerade … – Wenn Du schreibst, dass es Dir leid tut, so glaube ich Dir. Aber Du kannst ja für nichts etwas, was da oben steht.

      Nochmals Danke und schöne Grüße an Dich.

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  4. Das tut weh, das zu lesen, lieber sternflüsterer, und nur Dein stets wundervoller Umgang mit der Sprache macht die Zeilen erträglich. Ich hoffe, es hat Dir gut getan, diesen Text nun in die Welt gelassen zu haben statt ihn immer und immer wieder nur für Dich zu formulieren.
    Dich stumm in den Arm zu nehmen, das scheint der beste Kommentar zu sein, den jede(r) von uns zu diesem Text geben kann. Oder, in Worte gefaßt: Mensch, tut mir das leid für Dich. Gib‘ nicht auf, ja? Gib‘ Dich nicht auf!
    Herzliche Grüße!

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