Tagebuchseite -977-

Schwanenlied

In der Verfassung, in der ich gerade bin, sollte ich nicht schreiben. Aber dann dürfte ich vielleicht nie mehr schreiben, denn diese Verfassung, dieser Zustand, besitzt mich inzwischen nahezu immer, wenn ich nicht auf der Arbeit oder in sonstigem Kontext anderer Menschen gehalten bin, der zu sein, der ich sein sollte, der, der „erwartet“ wird.

Ich weiß nicht, ob es gut ist, diese Tagebuchseite mit dem zu beschreiben, was ich schreiben würde oder werde. Das denke ich mir in letzter Zeit immer öfter und mein Tagebuch merkt das daran, dass immer länger Seiten leer bleiben, bevor mal wieder eine gefüllt wird.

*

Es steht ein Mensch auf einer Anhöhe, ein Mensch, der singt. Sein Lied hat viele Strophen. Der Text wird getragen von einer verstörend absonderlich schönen Melodie.

Die Anhöhe ist geworden aus den Erinnerungen, die in dem Menschen wohnen, den Träumen und Wünschen, die nicht wahr geworden sind, den Episoden dazwischen, die ihm Halt gaben und Freude schenkten, nun aber vergangen sind, den Verlusten, die er zu beklagen hat, den Kämpfen, die er, meist scheinbar nur, gewann und denen, die er verlor.

Er singt hinein, in das, was ihn umgibt, was alle die Gegenwart nennen oder Realität.

Sie ist es, in der er sich nicht mehr zurechtfindet, sie ist es, die im Angst macht, ihn mehr und mehr verzweifeln lässt. Das, was er als schön darinnen wahrnimmt, empfindet er fast immer und besonders als zu schön, um wahr zu sein und so tut selbst das verbliebene Schöne letztlich meistens weh.

Er singt gegen Vergangenes, vor allem aber gegen diese Gegenwart an und gar gegen die Zukunft, beschwörend geradezu, auf dass sie vielleicht doch nicht so oder gar noch beängstigender, bedrückender, hoffnungsloser werden möge als es die Gegenwart ist.

Er singt und weiß doch, dass fast niemand ihn hört. Er spürt, dass kaum jemand ihn hören will und kann. Geschweige denn verstehen. Obwohl er immerfort von Liebe singt. Aber seine Sprache ist eine andere. Den meisten sonst fremd geworden, so wie ihm die Ihrige.

Obwohl er das weiß, steigt er wieder und wieder auf die Anhöhe hinauf. Aber mit jedem mal fällt es ihm schwerer. Hat er früher täglich gesungen, so ist es nun kaum noch einmal in der Woche.

Er empfindet, dass sein Gesang von der Anhöhe, dem „Mont Klamott“ seines Lebens, seine letzte Mission ist.

Er wird ihr folgen.

Solange er es noch vermag.

Sein Gesang ist sein Schwanenlied.

*

Ich habe eine Metapher gewählt für das, was ich schreiben wollte. Sie sagt, beschreibt und erklärt nicht alles. Anders hätte ich es aber weder vermocht noch für zweckvoll halten können. Letzteres fällt mir auch jetzt noch schwer, nachdem ich es noch einmal gelesen habe. Aber irgendwie bin ich, wenigstens für den Augenblick, doch im Reinen mit mir.

***

„Tocotronic“ hat, wie ich gerade gelesen habe, bereits 13 Studioalben veröffentlicht, die Band aus Hamburg gibt es bereits seit 1993. Bis vor wenigen Wochen hat es gebraucht, dass wir, die Band und ich uns gefunden haben. Über ein Lied, an dem noch jemand mitgewirkt hat, „Soap & Skin“. Hinter diesem Namen verbirgt sich eine österreichische Musikerin, Sängerin, Komponistin, Produzentin und Schauspielerin, die ebenfalls schon seit etlichen Jahren sehr erfolgreich arbeitet und den Realnamen Anja Franziska Plaschg trägt. 

Das Lied ist textlich, musikalisch, vom Arrangement und der Interpretation her sehr tiefgehend und wird durch ein völlig ohne Effekthascherei auskommendes Video eindrucksvoll untermalt. – Es ist leise schön zu hören, aber auch richtig laut …

Tocotronic feat. Soap & Skin – „Ich tauche auf“

4 Gedanken zu “Tagebuchseite -977-

  1. Im Reinen mit Dir zu sein, wenn auch nur für den Augenblick – das ist doch ein Ziel, das erreichbar ist. Sicherlich nicht immer gleich leicht, aber es ist erreichbar und es lohnt sich, das immer wieder zu erreichen.
    Das ist übrignes eine schöne Metapher, die Du da gewählt hast. Und vielleicht müssen den Gesang gar nicht viele hören – aber diejenigen, die dafür empfänglich sind.
    Herzliche Grüße und einen schönen Sonntag!

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    • Wenn sonst nicht mehr viel ist, ist es existenziell, wenigstens ab und zu mit sich selbst im Reinen zu sein. Aber es fühlt sich doch seltsam an. Wenn es nicht noch die wenigen Menschen gäbe … Sie sind entfernungsmäßig weit, aber im Geiste immerhin nah.

      Danke für Deine Worte, auch die, dass Dir die Metapher gefallen hat.

      Schöne Abendgrüße!

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  2. Oh, wie gut kann ich deinen Text nachvollziehen. Mir geht es ähnlich: im Alltag funktionierend, in der „freien“ Zeit alle Kräfte bündelnd, um weiterzumachen. Diffuse und konkrete Ängste, die verhindern, einigermaßen gute Texte zu schreiben…. Ich wünsche dir, wünsche uns allen baldige Besserung oder wenigstens das Vermögen, sich dem (Welt)geschehen ab und zu gedanklich entziehen zu können.

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    • Dankeschön, vor allem für Deinen schönen und wichtigen Wunsch, in dem ich sehr bei Dir bin. Mit dem „Entzug“, das ist freilich schwer – ich bin so ein Mensch der Sorte, auf die alles ungefiltert einströmt, da macht selbst das Sortieren schon viel, viel Arbeit.

      Schreiben ist uns beiden sehr wichtig, nicht wahr? …

      Viele freundliche Grüße an Dich.

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