Tagebuchseite -976-

Lied und Liebe und Angst

Manchmal braucht es nur ganz wenige Takte und ich weiß, dass das Lied mir gefallen wird, denn diese wenigen Takte sind solche, die augenblicklich zu mir finden.

Der Rat, sich selbst zu lieben, sich wertzuschätzen, ist ein guter.

Denn mit dem Tag, an dem man geboren wird, ist man an sich gebunden. Niemand kann sich selbst verlassen, ohne ganz aus dem Leben zu gehen. Und auch, wenn es seltsam klingt, wenn es mancher nicht wahrhaben will oder auch gar nicht bemerkt: Jeder und jede von uns ist zwei. Zwei, die miteinander ins Gespräch kommen, manchmal ganz unbewusst.

Aber so manches mal spricht das eine Ich das andere auch direkt an: „Warum hast Du das jetzt genau so getan?“, „Weshalb zögerst Du schon wieder?“, „Meinst Du, dass das richtig war?“, „Wer möchtest Du sein, wo möchtest Du stehen, in ein paar Wochen, Monaten, Jahren …?“ – Und häufig fällt es dem anderen Ich gar nicht leicht, auf solche Fragen zu antworten. Mitunter bleibt es gar still und das fragende Ich versucht, in das andere, das grübelnde, hineinzuhorchen.

Ich drehe das Lied ein wenig lauter, hoffe, dass die mich findenden Takte mir helfen, dass ich mich selbst ein bisschen besser finde, jetzt, in diesem Moment, während dem ich in mich hinein lausche.

Ich habe Bilder gesehen, Fotos von Menschen. Lächelnd in anderen Städten, Regionen und Ländern, in Bibliotheken, in den Weiten von Seen, Bergen und Wiesen, auf Straßen und Plätzen mit faszinierender Architektur, an stillen Orten, kaum gekannt, mit ein wenig Streetart an Mauern und Laternenmasten. In Cafés, diese Woche hier, nächste Woche dort, manchmal auch an mehreren Tagen in der Woche. Die Milch hat Figuren in die dampfende Bräune gemalt, frische Beeren lächeln vom Kuchenbelag oder den Gipfeln der Eisbecherkugeln.

Die Bilder erzählen von Auszeiten, von Begegnungen, mit einem oder mehreren anderen Menschen, die einander nahe sind. Sich mögen, sich Liebe schenken. Und so Leben mehr als Alltag und Arbeit, als Pflicht und Existenz sein lassen. Wenigstens für Momente. Wiederkehrende Momente. – Sie sind wunderschön diese Bilder …

Die Melodie des Liedes biegt in die zweite Strophe ein und nimmt die Bilder mit, die ich seit langem schon fast ausschließlich noch vom Ansehen her kenne. Teil meiner eigenen, realen Existenz sind sie nur noch ganz, ganz selten.

Der Rat, sich selbst zu lieben, sich wertzuschätzen ist ein guter.

Auch wenn die Liebe und Wertschätzung zu sich selbst niemals imstande ist, so schöne Bilder werden zu lassen, solche Momente des Lebens.

Es ist nicht dasselbe allein zu lächeln, in die Natur zu gehen oder in einem Café   zu sitzen. Und manches Mal braucht es Überwindung, das überhaupt tun zu können, sich selbst etwas zu tun, was vermeintlich gut ist für das eigene Sein, die eigene Seele. Und manchmal ist es dann doch nicht gut. Weil es erst so recht bewusst macht, wie sehr man auf die Liebe zu sich selbst angewiesen ist.

Das Lied wird leiser. Ich höre es verklingen. Im Raum, der den Klang aufnahm, spüre ich noch ein Weilchen das Schwingen der Melodie, als wenn da immer kleiner werdende Wellen wären. Jede Welle nimmt einen meiner Gedanken mit. Sie ziehen dahin und fort, so wie vorhin die Bilder.

Was bleibt, ist Stille, wird Leere.

Leere, die sich mit dem füllt, was mich immer wieder und immer mehr ausmacht: diffuse, unbestimmte und doch konkrete Sorge. Angst.

Ich sitze da und sinne dem Lied nach und höre das eine Ich dem anderen zurufen: „Liebe Dich! Jetzt! Hör‘ nicht auf damit!“

Eine Weile ist es wieder ganz still. Und dann ist da ein schwerer Seufzer, wie ein Beben.

Wie in Trance lasse ich die ersten Takte des Liedes noch einmal zu mir kommen …

***

Femi Luna kommt aus Herisau (in der Schweiz) und hat holländische Wurzeln. …  Femi Luna ist kein Pseudonym, sondern ihr wirklicher Name. Sie ist Singer/Songwriterin und erzählt Geschichten aus ihrem Leben. Alles was sie berührt und beschäftigt, setzt sie in Lieder um. Mit ihrer warmen und kräftigen Stimme berührt sie damit auch die Hörer*innen. Die Begleitung ist spärlich, einfaches aber trotzdem spezielles Piano oder auf der E-Gitarre. Im Hintergrund untermalt ein Synthie die Klanglandschaft. Ab und zu kommt auch ein Schlagzeug dazu. Das sind Songs, welche man sich einfach anhören muss, auf dem Sofa, nach hinten lehnen und hören. Es lohnt sich.

 (© Fredi Hallauer – https://musikch.com/)

Und das ist jenes Lied, von dem in meinem Text die Rede ist. Vor ein paar Tagen erst hat es mich gefunden.

Femi Luna – „Quiet as the moon“

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