Tagebuchseite -975-

Die Geschwindigkeit des Menschen

Irgendwann in Kleinkindtagen haben wir es gelernt. Zuerst ganz unsicher, den allerersten und manche folgenden Schritte vermochten wir nur zu tun, wenn wir gehalten wurden. Aber schließlich setzten wir einen Schritt allein und dann noch einen und dann immer mehr, ganz viele. Schlussendlich konnten wir gehen, auf zwei Beinen.

Gehen definiert die dem Menschen adäquate Geschwindigkeit.

Sie ermöglicht uns, uns in der uns unmittelbar umgebenden Welt umfassend zu orientieren. Sie befähigt uns, Feinheiten darin zu erkennen, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken und sie auf uns wirken zu lassen. Sie gestattet uns, uns umzusehen, etwas, was wir zunächst vielleicht doch übersehen haben, noch zu erfassen und uns fortan begleiten zu lassen. Sie bewirkt, dass wir unsere Schritte bedacht zu setzen vermögen, so, dass wir nichts zertreten, ungewollt zerstören.

Es war nur eine kurze Zeitspanne, während der wir ausschließlich gegangen sind.

Das erste Dreirad, der erste Roller, das erste Fahrrad, waren Beginn und erste Fortsetzungen, uns Geschwindigkeit im Sinne einer gewissen Schnelligkeit wahrnehmen zu lassen. Ein bisschen waren wir selbst fasziniert und noch mehr wurde uns schon bald in diesem und jenem Milieu diese Faszination immer stärker suggeriert.

Mancher und manche raste mit einem Motorrad durch die Nacht, meinte die große Freiheit zu erfühlen während flotter Reise in einem schnittigen Auto, bei heruntergelassenen Seitenfenstern und „Take me home country road“ aus quadrophonen Lautsprechern. Und schlussendlich hob man ab, atemberaubend schnell, und fand sich über den Wolken wieder. Und es schien, dass die Geschwindigkeit vergangen wäre, dass alles nur mehr ein Gleiten wäre – womöglich der sich am schönsten anfühlende Irrtum.

Der Geschwindigkeit des Gehens entspricht jene, die das zuhörende miteinander Sprechen von Angesicht zu Angesicht, das Lesen eines Textes, eines Buches oder das handschriftliche Verfassen eines Briefes gebären und erfordern. Damit die Chance besteht, einander so umfassend wie möglich zu verstehen, nachfragen, überdenken und korrigieren zu können. Konflikte zu erkennen und friedlich beilegen zu vermögen.

Heute mutet es nahezu als vergangen an, von Angesicht zu Angesicht miteinander zu sprechen, ein Buch zu lesen, einen Brief zu schreiben.

Schon bald wurde telefoniert, „gesimst“, getwittert, Bücher wurden und werden in verkürzter Form gehört oder als noch kürzerer Film gesehen. Das Nachschlagen in einem Lexikon, das Erfahren der Mühe und der Schönheit von Suchen und Finden ersetzt durch sekundenschnelle Googleergebnisse.

Die Überzeugung vom Wert hoher und immer höher werdender Geschwindigkeit wird immer manifester. Proportional dazu steigt die Gewissheit von derer Notwendigkeit. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ – so steht es, wie ehern gemeißelt über allem, was gedacht und getan wird. Niemand spricht einen Zweifel dagegen aus. Es wird nicht einmal gefragt, was für ein Leben das denn ist, das die Strafe verhängt.

Ist es nicht das Leben der immer rasanter werdenden Geschwindigkeiten, das Leben der uns und die uns gegebene Kraft und Konstitution längst mehrfach während unserer kurzen Lebenszeit überholenden Alltage? Ist es nicht das Leben, das uns zum „Mut zur Lücke“ zwingt, das uns lehren will, dass zu viel Rücksicht dem eigenen Fortkommen im Wege steht, das uns die Unerträglichkeit des Seins in Langsamkeit einredet und Fortschritt ohne mehr und mehr Geschwindigkeit als unerreichbar apostrophiert?

Die dem Menschen adäquate Geschwindigkeit ist das Gehen.

Sie ist die uns naturgegebene Schnelligkeit. Als wir begannen, sie zu überwinden, begannen wir die Natur zu verleugnen, die Natur im Allgemeinen, die des Menschen im Besonderen. Wir begannen unbesonnen zu werden, zu übersehen, den Blick für das Ganze zu verlieren. Wir setzten Schritte immer rascher und zerstörten damit, mehr und mehr und unwiederbringlich.

Ich wünsche mir, gehen zu dürfen. Ohne, dass dieser Gedanke belächelt als weltfremd und unrealistisch abgetan wird. Ich wünsche mir, dass wir alle so oft als möglich gehen dürfen.

Für das, was wirklich wichtig ist, für das, was uns LEBEN lässt, ist es das Beste. Und es ist allemal genug.

Leider ist es real so furchtbar utopisch …

***

Allmählich mag der Eindruck entstehen, dass ich eine Präferenz für junge Musik aus Österreich entwickle. Womöglich ist das so, aber es geschieht unbeabsichtigt. Es geschieht durch die Musik aus unserem Nachbarland und deren Schreiber und Interpreten. – Gerade habe ich Lemo entdeckt und sein wohl aktuellstes Werk, wunderbar passend zu meinem Text da oben, ein engagiertes, obendrein sehr hörenswertes (es macht fast gute Laune!) Plädoyer für mehr Langsamkeit.

Lemo – „Analoge Revolution“

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