Zwischenstopp -54-

Es gibt in diesen Zeiten so viele Dinge, Geschehnisse, Ereignisse, Äußerungen, die geradezu nach einem Innehalten schreien, es erfordern. Aber der uns erbarmungslos mitziehende Mainstream lässt längst keine Pausen mehr zu. Auch keine, um vielleicht, hin und wieder wenigstens, zur Vernunft zu kommen.

Ich musste zuletzt innehalten, konnte gar nicht anders, mich hatte jeweils geradezu eine Lähmung befallen. Und, besonders schlimm, ich habe umsonst gewartet, dass irgendwer irgendetwas zu relativieren, einzuordnen oder gar eine Kritik zu äußern bereit gewesen wäre …

Worum es ging, worum es geht? Bitteschön:

In jener Tageszeitung, die ich für eine der ganz wenigen noch halbwegs lesenswerten halte, stand gestern als Randnotiz eine Nachricht mit der Überschrift „Lambsdorff kritisiert Ostermärsche“. Der FDP-Außenpolitiker und Europaabgeordnete wurde dort folgendermaßen zitiert:

„Wenn Ostermarschierer jetzt Abrüstung fordern und in Interviews vorschlagen, die Ukraine ‚gewaltfrei zu unterstützen‘, spucken sie den Verteidigern Kiews und Charkiws ins Gesicht. Sie traumatisieren die zu uns Geflüchteten ein zweites Mal, denn sie schützen die Mörder und Vergewaltiger von Butscha, Irpin und Mariupol. Die Ostermarschierer sind die fünfte Kolonne Wladimir Putins, politisch und militärisch.“ – Sie bedeuteten eine Gefahr für die Sicherheit Deutschland und Europas.

Ich will mich mit meinem Empfinden zu diesen Aussagen nicht zurückhalten:

Ich empfinde sie wie einen Schlag in die Magengrube, ich sehe in ihr eine unsachliche, zutiefst beleidigende und verunglimpfende Tirade gegen eine traditionsreiche und verdienstvolle Friedensbewegung und ich bin entsetzt, das bei allem Respekt für Meinungsfreiheit eine derartige Äußerung eines hochrangigen Politikers und Repräsentanten meines „Heimat“landes und einer demokratischen Partei unkommentiert und unwidersprochen bleibt.

Dass die Ansicht von Herrn Lambsdorff keine vereinzelte ist, musste ich im Übrigen bei einer Lesereise, die ich, ebenfalls gestern, durch einige Blogs unternahm, feststellen. Offenbar ist es mal wieder meiner eigenen Naivität geschuldet, dass ich nicht bemerkt habe, dass Pazifismus und eindeutiges Bekenntnis zur Lösung von Konflikten mit friedlichen, gewaltfreien, diplomatischen, politischen Mitteln mittlerweile nicht nur als weltfremd, sondern als zynisch und dumm angesehen wird.

Wo geht es hin, wenn Menschen, die sich konsequent für Gewaltfreiheit, Ächtung von Waffen und Frieden einsetzen, sich in dieser Haltung treu bleiben, mit Kollaborateuren von Angriffskriegern gleichgesetzt werden?

Mir macht das furchtbare Angst!

Aber mein Schrecken hat(te) damit keinesfalls ein Ende. Noch etwas möchte, ja muss ich hier teilen, was mich ebenso stark getroffen und zunächst sprachlos gelassen hat:

Es war vorgestern Abend als Florence Gaub, Vizedirektorin des Instituts der Europäischen Union für Sicherheitsstudien in Paris und Lehrbeauftragte an der Universität Potsdam, im Talk bei Markus Lanz folgendes sagte:

„Wir dürfen nicht vergessen, auch wenn Russen europäisch aussehen, dass es keine Europäer sind – jetzt im kulturellen Sinne – die einen anderen Bezug zu Gewalt haben, die einen anderen Bezug zu Tod haben. … …das gibt da nicht diesen liberalen, postmodernen Zugang zum Leben; das Leben als ein Projekt, was jeder für sich individuell gestaltet, sondern das Leben kann auch mit dem Tod recht früh enden – ich meine Russland hat auch eine relativ niedrige Lebenserwartung, ich glaube 70 für Männer, ähm, das ist halt einfach… da geht man einfach anders damit um, dass da Menschen sterben. Das ist dramatisch.

Ich konnte diese Zitate eben kaum niederschreiben. Und ich möchte auch zu diesen Äußerungen klar Stellung beziehen.

Ich sehe sie als offen rassistisch gegen das russische Volk. Eine solche „Charakteristik“ eines gesamten Volkes im Allgemeinen und des russischen im Besonderen erinnert mich an die Zeit des Hitlerfaschismus als Bilder vom „Bolschewiken“, von den russischen „Untermenschen“, die mit ihrer barbarischen Einstellung zu Gewalt und Tod gerade zeigen würden, wozu sie fähig sind, allgegenwärtig im Sinne der Propagandamaschinerie des Herrn Goebbels Verbreitung fanden.

Herr Lanz und seine Gäste haben Frau Gaub zugehört, nichts entgegnet, nicht widersprochen, nichts!

Für mich gehört diese Frau ihres Postens bei der EU enthoben und ihr der Lehrauftrag für jedwede Universität entzogen.

Die beiden hier besprochenen Beispiele sind leider bei weitem nicht die einzigen der letzten Tage, die mich als solche sowie wegen der (wohlwollenden?) Duldung, Ignoranz und Sprachlosigkeit danach sehr erschrocken haben.

Sie zeigen eine für mich sehr bedenkliche Entwicklung:

In „meinem“ Land gibt es aktuell, besonders deutlich werdend vor allem bezogen auf den Krieg in der Ukraine, nur noch „richtige Meinungen“, die unkommentiert bleiben dürfen (sollen) und „falsche Einstellungen“ für die Unsachlichkeit, Beleidigungen, Verunglimpfungen durchaus gerechtfertigt und salonfähig sind. Und politische Verantwortungsträger, Volksvertreter und „unabhängige“ Journalisten sind per se befähigt und ernannt zu entscheiden, was in welche Schublade gehört. Unwidersprochen natürlich.

Das musste ich tatsächlich erst mal sacken lassen …

***

Nun, nach diesem Text, kann ich nicht anders, als mir auch ein bisschen Zynismus zu gönnen. „Yukno“ aus Österreich, von denen ich hier kürzlich erst ein Gemeinschaftsprojekt geteilt habe, haben sich auf ihre Art und Weise mit der „Schönheit“ unseres Lebens befasst … :

Yukno – „Das Leben ist so schön“

2 Gedanken zu “Zwischenstopp -54-

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