Tagebuchseite -974-

Die Metapher von den eigenen Wegen

Es ist schon viele Jahre her, dass der Sänger und Liedermacher Heinz Rudolf Kunze ein Lied mit dem Titel „Eigene Wege“ geschrieben und interpretiert hat. Für mich gehört es nach wie vor zu jenen Stücken, die ich mir gern immer einmal wieder anhöre. Eine Textzeile aus dem Lied hat mich schon immer besonders angesprochen, ja, auch motiviert. Sie lautet: „Eigene Wege entstehen erst beim Gehen“.

Das klingt so einfach, so plausibel. Aber ich habe immer wieder gefunden, dass es das gar nicht ist. Wahrlich oft bin ich über diese Zeile ins Sinnen gekommen …

Kein Lebensweg eines Menschen ist identisch mit dem eines anderen. Und schon in frühesten Jahren macht man erste Schritte in unberührtes Land hinein, die von keinem anderen Menschen begleitet werden, auch wenn es zunächst nur ganz wenige und vorsichtige sind.

Meist sind da, wo man seine eigenen Schritte hinsetzt, Menschen. Manchmal, nicht immer, ein paar Menschen, die man schon kennt. Manchmal aber auch ausschließlich unbekannte Menschen.

 Wer auch immer sich ebenfalls in dieser für uns neuen Umgebung befindet, begleitet uns ein Stück, vielleicht nur für Minuten, vielleicht auch für Wochen, Monate, Jahre. Nicht ständig, denn jeder Mensch biegt jeden Tag in andere Umgebungen ab, verlässt, mindestens zeitweise, Menschen in dem einen Kontext, um anderen in einem neuen zu begegnen.

Das ist nicht besonders, das ist natürlich, logisch, weil kein Mensch nur in einer Umgebung, in einem Milieu oder gar ganz allein zu existieren in der Lage ist, geschweige denn zu leben.

Aber es ist unglaublich faszinierend, vor allem dann, wenn man sich wieder und wieder darauf einlässt, darüber nachzudenken.

Wie viele Wege wie vieler Menschen kreuzen sich an einem einzigen Tag? Wie viele Menschen verlassen sich, wie viele freunden sich für wie lange an? Wie viele trösten einander, sprechen einander zu, unterstützen sich? Wie viele geraten in Streit, verwünschen einander, intrigieren?  Und wie sehr sind Menschen und ihre Wege heutzutage miteinander vernetzt, gewollt oder auch nicht?

Und doch ist jeder Mensch letztlich ein Mensch für sich und in diesem Sinne allein. Sich selbst verantwortlich für sich selbst entscheidend. Selbst entscheidend überhaupt, soweit ihm denn Möglichkeiten dazu gelassen werden.

In den aktuellen Zeiten habe ich oft das Gefühl, dass die Möglichkeiten, wirklich selbst zu entscheiden, geringer werden. Immer geringer, in für mich beängstigendem Maße. Das meint nicht die Sorge um meine „universelle Freiheit“, von der ich längst weiß, dass es sie nicht gibt, nicht geben kann.

Vielmehr meint es die Ahnung, dass mehr und mehr eigene Schritte, keinen wirklich sichtbaren eigenen Weg mehr definieren, sondern, dass nach dem übernächsten Schritt bereits Gras über den gerade eben vorangegangen gesetzten gewachsen ist. So, als ob er nie gesetzt worden wäre. Sogleich verschwunden, nicht wahrgenommen, ausgelöscht. –

Ein eigener Weg? Ja, immer noch, aber nur noch für mich, für mich allein. Jedoch grundsätzlich kein wirkliches Folgen oder Begleiten mehr, allenfalls noch für den Moment, dessen Spuren freilich im nächsten Augenblick ebenso verlöschen, wie mein soeben gerade gesetzter neuer Schritt.

Die eigene Einmaligkeit verschwindet so, geht verloren, wird unkenntlich.

Es geht mir nicht darum, unvergessen zu sein oder zu bleiben. Aber mir ist wichtig, dass von meiner Einmaligkeit etwas bleibt, dass mein Weg letztlich nicht umsonst oder nur für mich gewesen ist, auch dann nicht, wenn ich die allermeisten Schritte nicht so setzen konnte, wie ich es vielleicht getan hätte, hätte ich wirklich allein und frei entscheiden können.

Wie viele oder wie wenige unserer „eigenen“ Wege sind wirklich und frei von uns gewählt? Wie oft oder wie selten haben wir so eine Wahl tatsächlich? Wie klein oder groß ist das Risiko, dass wir mit einer solchen Wahl anderen Menschen Schaden zufügen können? Wie niedrig oder hoch ist angesichts solcher (notwendiger) Abwägung die Chance, dass unsere eigenen Wege sichtbar werden und vor allem bleiben?

Eigene Wege entstehen erst beim Gehen.

Die Wahrnehmung ihrer jeweiligen Einmaligkeit ist selten und bleibt aller meistens höchstens eine Episode. Und am Ende gilt das, was als Titel eines Romans von Hans Fallada geschrieben steht: „Jeder stirbt für sich allein“.

Weil die Mauern und die Käfige, die um jeden einzelnen herum existieren, keine Illusion, kein Trugbild, sondern Realität sind. Weil so jeder, letztlich und schlussendlich, auch (für sich) allein lebt.

***

Über Jaakko Eino Kalevi habe ich nicht viel in Erfahrung bringen können. Nur, dass er aus Finnland kommt, 1984 geboren ist und zunächst als Straßenbahnfahrer in der finnischen Hauptstadt Helsinki gearbeitet hat. Musikalisch in Erscheinung getreten sein, soll er erstmalig im Jahr 2007. Sein erstes Album erschien acht Jahre später. Seit fünf Jahren lebt die „finnische Einmannband“ (so die „taz“) in Berlin. Wo oder wie Kalevi musikalisch-stilistisch und überhaupt „einzuordnen“ ist, weiß ich nicht – aber womöglich ist es genau das, was der Künstler verhindern möchte: Irgendwo hineinzupassen.

Sein aktuelles Album trägt denselben Titel wie ein sehr bekanntes Lied von Anastacia. Und das, zumindest für meine Ohren sehr hörenswerte Stück, ein Cover eben dieses Liedes, selbstredend auch.

Jaakoo Eino Kalevi – „Left outside alone“

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