Tagebuchseite -973-

Die Dystopie der Gegenwart

Längst ziehen Wolken übers Land, wo mit den Augen keine zu sehen sind. Sie hüllen ein, was gewesen ist und lassen das Gegenwärtige in grauen kalten Regenwänden gewähren. Niemand weiß, wie lange noch. Dabei sind die grauen, sauren Regenwände von dem, was noch bleibt, noch das wirtlichste. Es gibt keine Zeichen mehr, die groß genug wären, zu künden, dass es jemals noch einmal besser wird.

Stimmen sind zu hören, wie aus einer anderen Welt. Sie erzählen vom Innehalten, vom Besinnen auf das, was immer wesentlich sein und bleiben oder doch bitte wieder werden sollte. Es sind Stimmen, die schon so lange verhallen, ungehört. Stimmen, die nie weniger gehört worden sind als jetzt. Nie waren sie utopischer, irrealer.

Stimmen, die immer leiser werden, weil alles um sie herum immer lauter wird und weil sie einer Spezies entspringen, die endgültig am Aussterben ist. Sie geht den Weg, den schon so vieles Leben auf diesem Planeten einschlagen musste. Sie wird nicht die letzte sein, die den Planeten noch sieht, sehen muss, wenn er endgültig vergeht, wenn nur noch Schreien ist. Das ist ihr letzter Trost.

So gehe auch ich. Lange schon habe ich bemerkt, dass das Fortgehen um mich herum längst begonnen hat. Am Fortgehen von mir ist es mir aufgefallen, das mehr und mehr wird. Auch wenn wir in verschiedene Richtungen zu gehen vermeinen, weil wir uns trennen, bleiben wir doch für immer eine Herde. Das freilich tröstet nicht.

Denjenigen, die immer von einem anderen Leben, einem Leben danach, gesprochen haben, gehen die Argumente aus.

Es war schon immer skurril, dass Schafe unter Schafen glaubten, eine höhere Weisheit verkünden zu können oder gar zu haben als die anderen. Gott war auch immer nur ein Mensch, nicht weiser und nicht besser als die anderen, von denen er gemacht war. Und nun stirbt er auch. Und mit ihm das Gewissen, das er sein sollte und vielleicht sogar wollte. Das ist das Schlimmste von allem: Dass das Gewissen stirbt.

Es fliegt dahin in und mit den Vögeln, die immer noch zwitschern und Lieder singen durch das finstere Regengrau hindurch. Es versickert, von leise klingenden oder wild schäumenden Wellen getragen, an und in den Ufern, von denen ich einige immer noch schaue, weil mir das Verloren gehen zwischen ihren vielen kleinen und kleinsten Kieseln ein bisschen Geborgenheit schenkt.

Es ist die letzte Geborgenheit, die ich auch in den immer noch erblühenden Blumen finde, wie dem zarten Huflattich, der sich zwischen hartem Gestein an einem Naturstrand seinen Weg zum letzten Licht gebahnt hat. Was für ein berührender Moment, in dort gefunden und gespürt zu haben, die Kraft seiner Zartheit und, dass sein Erblühen von einer der leisen Stimmen begleitet war. Und Geborgenheit fand ich so auch in den Wellen, die diese Metapher verstanden und aufgenommen zu haben schienen, denn sie klangen als eine kleine Melodie zwischen den Kieseln, die sie am Ufer bewegten.

Jene, die sich besser und gleicher dünken als andere (und wer tut das eigentlich nicht?) hören nicht auf, einander übertönen zu wollen. In dem einen, dem einzigen Klang, den sie alle anstimmen, rufen, schreien, brüllen. Kein Ohr und kein Platz für Fragen nach anderem. Es gilt und gibt nur eine Wahrheit. Auch wenn so viele sie gar nicht verstehen. Aber sie sind längst so sehr zum Glauben erzogen, zum Glauben aus Bequemlichkeit. Da braucht es kein Gewissen mehr und es gibt auch keinen Platz mehr dafür.

Du gehst dahin, blauer Planet. Dahin, wo jene, denen du anvertraut warst, dich hinführen. Du kannst dich nicht wehren. Selbst wenn du es wolltest, nicht.

Verzeih mir, dass ich diese Wehrlosigkeit so sehr empfinde, dass ich ein Teil von ihr werde. Mehr und mehr. Die Kräfte, denen ich noch vertrauen kann, sind, wie der Huflattich, sanft und mutig noch, aber zu schwach der gebrüllten „Wahrheit“ tatsächlich widerstehen zu können.

Wenn meine Hoffnung noch nicht gestorben ist, so ist sie doch begraben. Lebendig begraben.

Und genauso lebe ich noch.

Begraben.

***

Steiner und Madlaina sind ein weibliches Duo aus Zürich in der Schweiz, das gemeinsam mit einer Band spielt.

Ich habe vor längerer Zeit schon einmal ein Lied der beiden Frauen hier in meinem virtuellen Tagebuch geteilt und bin seither immer wieder zurückgekehrt zu den beiden Musikerinnen und Songschreiberinnen, die nach wie vor viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Denn ihre Lieder sind, jedes auf seine Weise, kleine Meisterwerke, brillant. Aussagekräftige, zum Nachdenken inspirierende Texte, eingängige, aber keine Allerweltsmelodien.

Ein neueres, sehr illustrierendes Beispiel für ihr beeindruckendes Schaffen ist das Lied „Prost mein Schatz“, eine starke Momentaufnahme von Befindlichkeit in diesen Zeiten …

Steiner & Madlaina – „Prost mein Schatz“

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