Tagebuchseite -972-

Eine Seite, die nicht geschrieben werden wollte …

… ist die, die nun hier geschrieben steht. Ich habe sie gegen meinen Willen geschrieben, vor allem aber gegen mein Vermögen zu schreiben.

Schreiben, so wie ich es will, wie ich es möchte, kann ich nur, wenn ich eine ganz bestimmte Freiheit habe. Jenen Raum und jene Zeit, die Inspiration schenkt oder bewusst macht. Inspiration, ICH sein zu können in und zwischen den Zeilen durch die Art wie ich schreibe über die Themen, Fragen, Geschehnisse oder Fantasien, die mich bewegen.

Dieser Raum und diese Zeit aber sterben mit jedem Tag mehr. Ich sehe, höre, fühle die Welt sterben und mich. Ich bin voller Sorgen, so voller Angst und Einsamkeit, voller Ohnmacht. Mein Atmen ist zu einem Ringen nach Luft geworden.

Wie soll man, wie soll ich so schreiben können?

Ich schreibe trotzdem und schreibe gegen meinen Willen, weil es heute schon wieder so eine schlimme Nachricht gegeben hat. Eine von jener Sorte, die mir den Boden unter den Füßen wegziehen, die mich sprachlos werden lassen, mich in Schockstarre versetzen. Sie war, sie ist so fürchterlich nah, heute Nachmittag schlug sie neben mir ein …

Irgendetwas in mir spricht, dass es wohl mit dem Jahr 2008 begonnen hat, mit dieser Art Nachrichten, mit dieser Art des Erlebens für mich. Seither sind solche Nachrichten, solches Erfahren und Erleben immer mehr und mehr geworden und ihre Frequenz hat sich beständig beschleunigt. Und zwei Dinge machen diese Nachrichten und diese Geschehnisse aus:

Mich verlassen Menschen, wichtige, nahe Menschen, auf diese oder jene Weise, aber jeweils für immer und meine Lebensräume, die großen, wie die kleinen, die gesellschaftlichen wie die privaten, werden immer unwirtlicher, fremder, beängstigender, verstörender. Und nichts, wirklich nichts hilft, dem Einhalt zu gebieten.

Ich versuche, in mir selbst Trost zu finden und Liebe, weil um mich herum immer weniger davon ist. Und ich bemerke, dass ich kaum noch zu lachen imstande bin. Wenn ich es noch tue, dann für die Kinder, die mir anvertraut sind. Ich ermahne mich zu lachen, damit ich sie nicht am Ende verunsichere oder gar erschrecke. In meinem Inneren ist jedes Lachen erloschen.

Heute habe ich während eines meiner aktuell an Donnerstagen möglich seienden Verzweiflungsspaziergänge um die frühe Nachmittagszeit da und dort Blumen gesehen. Jede einzelne war schön und hat mich darum traurig und trauriger gemacht, weil ich so sehr spürte, wie jede einzelne dieser zarten Schönheiten Trost und Liebe für mich sein wollte.

Das war, bevor jene schlimme Nachricht kam …

Nahezu alles, was von außen auf mich einwirkt und das, was von meinem Leben übrig geblieben ist, betrifft, verunsichert mich zutiefst, löst Ängste in mir aus. Ich finde, obwohl mir etliche Strategien dafür beigebracht worden sind, keine Mittel mehr, mich dagegen zu wehren, dem etwas entgegenzusetzen. Keine Mittel und keine Kraft. Ich versuche, es geschehen zu lassen, es hinzunehmen, durchzuhalten.

Um den Kindern, die mir anvertraut sind, weiter möglichst jeden Tag von dem Lachen zu geben, das in mir selbst erloschen ist. Um den Menschen, die sich noch um mich bemühen, die mir noch nahe sind, wenigstens eine Erfahrung jener Art zu ersparen, die mir so zusetzen, dadurch, dass ich nicht selbst zu so einer Erfahrung werde. Und um, immer noch, Liebe zu geben …

Nein, diese Seite wollte nicht geschrieben werden, nicht von mir.

Und sie wollte auch nicht beschrieben werden. Nicht so.

Ich will nicht so schreiben.

Es tut mir leid.

***

Anna Erhard stammt aus der Schweiz, lebt aber nun schon einige Jahre in Berlin. Zuvor war sie als Sängerin der Band „Serafyn“ unterwegs. Das folgende Lied, ihr Debüt als Solosängerin, wurde mit Pola Roy von „Wir sind Helden“ als Produzenten in Berlin-Kreuzberg aufgenommen. Ich mag das Stück sehr – es ist irgendwie eigen und originell, schön anzuhören und von einer Leichtigkeit, auf die auch der Text hinweist, nach der ich mich so sehr sehne …

Anna Erhard – „Short Cut“

4 Gedanken zu “Tagebuchseite -972-

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