Tagebuchseite -971-

Brief an meinen Vater

Du bist immer noch bei mir und Du wirst es immer bleiben. Ganz nah bist Du bei mir.

Ein gutes halbes Jahr ist vergangen, seitdem Du aber nicht mehr auf der Erde wohnst.

Die Wohnung, die Du jetzt hast, ist in meinem Herzen. Ich kann Dich so jederzeit besuchen und das tue ich wahrlich mehrmals am Tag. Das ist schön und das ist so sehr wichtig für mich. Aber es ist eben auch sehr anders als früher.

Ich kann Dich nicht mehr umarmen, es kommen keine neuen Bilder gemeinsamen Erlebens mehr hinzu und Deine Antworten auf meine Fragen kann ich mir nur noch vorstellen. Manchmal male ich mir aus, dass Du aus meinem Herzen heraus versuchst, mit mir zu sprechen, dass Du alle Anstrengung aufbietest, dafür, dass ich Dich hören könnte. Ich weiß, dass Du mir immer noch alle Unterstützung geben würdest, ganz unmittelbar. Aber nun kannst Du das nicht mehr. Und das macht mich traurig, traurig vor allem darüber, dass Du es immer noch so sehr gern tun würdest.

Ich habe so viele Fragen an Dich. Die Welt ist noch viel mehr aus den Fugen, seitdem Du nicht mehr auf der Erde wohnst. Einerseits bin ich froh, dass Du nicht mehr erleben musst, dass in Europa nun wieder ein großer Krieg begonnen hat (Wie viele Erinnerungen das wohl in Dir wachgerufen hätte an das Damals als Du mit 16 Jahren noch in die Wehrmacht eingezogen wurdest?). Andererseits wäre es mir so wichtig, gerade mit Dir über die aktuellen Geschehnisse sprechen zu können.

Ich tue das nun auf meine ganz eigene Weise, ganz leise, nur zu Dir in mein Herz hinein. Ich fühle dann Nähe, Nähe zu Dir, der Du immer Frieden so sehr gedacht und gelebt hast, wie es wohl nur sehr selten vorkommt. – Am Tag Deines Begräbnisses, als ich ein paar Worte an die Trauergemeinde richtete, habe ich unter anderem gesagt: „Wenn alle Menschen wie mein Vater wären, wäre niemals Krieg auf der Welt.“

Ich denke in diesen Tagen auch oft an Mutter, Deine zweite Frau. Im Alter von vier Jahren stand sie nach tagelanger Flucht mit ihrer Mutter, meiner so geliebten Oma Leni, gerade so einem verschütteten Luftschutzbunker entronnen, im bloßen Nachthemd mitten im brennenden Dresden. Eine Sirene konnte sie ihr ganzes Leben lang nicht mehr hören, ohne eine Gänsehaut zu bekommen.

Die Menschen lernen nicht. Und sie vergessen so schnell.

Ich würde gerne wissen, wie Du über die Ursachen des aktuellen Krieges denkst, denn meine Meinung dazu, traue ich mich kaum noch öffentlich zu sagen. Das, was die meisten maßgeblichen und tonangebenden Medien und Politiker dazu sagen, ist mir viel zu schematisch, zu einfach, zu bequem und ja, auch zu heuchlerisch.

Dauernd gerate ich auch in eine Rechtfertigungsposition, wenn ich etwa Unterschiede in unserem Verhalten zu Flüchtlingen thematisiere. Den einen begegnen wir (zumindest derzeit) mit offenen Armen, die anderen lassen wir im Mittelmeer ertrinken.  Die einen sind „doch ungefähr wie wir“, die anderen sind halt schwarz oder arabisch oder muslimisch oder gar alles zusammen.

Und gab es in den letzten Jahren wirklich nur diesen einen, den aktuellen Krieg in Europa?

Und was ist mit all den vielen anderen Kriegen auf der Welt, die großenteils auch mit Waffen aus Deutschland geführt werden?

Wann, wo und durch wen ist wie oft in den Jahren nach dem II. Weltkrieg das Völkerrecht gebrochen worden? Ich höre allerdings insoweit seit ein paar Wochen beständig nur noch einen einzigen Namen. Und ich finde es furchtbar, dass auch in Deutschland nun nahezu unisono gemeint wird, ein neues Wettrüsten beginnen zu müssen, und ich verstehe beim besten Willen nicht warum – die vorhandenen Waffen, vor allem die nuklearen, reichen doch jetzt schon aus, alles Leben auszulöschen und unseren Planeten mehrmals unbewohnbar zu machen.

Ich kann und darf das alles kaum sagen, muss es bei mir, in mir, behalten. Keineswegs nur auf meiner Arbeit, wo mir Kinder anvertraut sind, die ich nicht überfordern darf und will und denen gegenüber ich eine besondere Verantwortung trage.

Werde ich der gerecht, wenn ich verschweige, welche Fragen mich bewegen, welche Meinungen ich in mir trage und warum das so ist, wenn ich mich über eine Friedenstaube oder das „Peacesymbol“ mehr freue als über die blaugelben Fähnchen allüberall, auf Kapitänsarmbinden, Krawatten, jenem Gebäck, das unter dem Namen „Amerikaner“ verkauft wird usw. und wenn es mich schaudert, wenn ich davon erfahre, dass in einer Landeshauptstadt in Deutschland der rote Stern der sowjetischen Armee, die in Hauptsache den faschistischen von Deutschen angezettelten II. Weltkrieg beendet hat, mit den ukrainischen Landesfarben übermalt worden ist?

Ich weiß es nicht und bin also lieber still, obwohl ich das meist nicht richtig finde. – Und ich verfolge das solidarische Treiben nicht weniger meiner Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, das die Mehl- und Öl-, und Konservenregale in den Discount- und Supermärkten leerfegt, um auf den „Ernstfall“ vorbereitet zu sein, wie ich es heute in einer Tageszeitung lesen durfte.

Und irgendwie verstehe ich die Welt so gar nicht mehr.

Würdest Du sie noch verstehen? Was würdest Du zu all dem sagen? Manche Antwort von Dir meine ich hören zu können, auch wenn Du nun nicht mehr zu sprechen vermagst. Aber ich würde doch so gern wieder und richtig mit Dir reden können. Allerdings keineswegs nur über all das so Schwere und Krude. Viel lieber über all das Schöne, was uns beide für immer verbindet.

Diese Gespräche haben uns beiden immer so richtig gutgetan.

Es ist schön, dass Du da bist, da bleibst, bei mir, in meinem Herzen, Vati.

Du fehlst mir so …

***

Oskar Haag ist 16. 16! Und er ist Schüler. Aus Klagenfurt in Österreich. Während des Corona-Lockdowns hat er begonnen, Lieder zu schreiben, ohne selbst Noten lesen zu können. Öffentlich abrufbar ist bisher nur seine bisher einzige Single. Aber die ist ein Meisterwerk! Ich bin sehr gespannt, was da noch kommen wird …

Oskar Haag – „Stargazing“

4 Gedanken zu “Tagebuchseite -971-

  1. 😢 So schön….
    Ich würde auch gern so manches Mal, gerade auch in Bezug auf den aktuellen Krieg, Papas Meinung wissen..
    Meiner Mama geht es mittlerweile auch so schlecht, dass ich jede Sekunde Angst habe, es ist einfach alles Mist.

    Gefällt 1 Person

    • Dass Du wieder einmal hier warst, hier bei mir, liebe rosabluete … Und, dass Du wieder gelesen hast und vor allem diesen Brief hier und mir dann auch noch ein paar Worte dazu hiergelassen hast … das ist, als ob Du mir Wärme schenktest. Nein: Du hast mir damit Wärme geschenkt. – Dankeschön!

      Das mit Deiner Mama tut mir so leid, ich weiß so gut, wie sich das für Dich anfühlt. Wenn ich Dir nur irgendwie ein bisschen Kraft schenken könnte. Ich kann nur im Geiste mit Dir sein, aber das tue und das bin ich, wirklich von und mit dem Herzen.

      Sehr aufrichtige und sehr liebe Grüße an Dich! 💚🕊

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        • Ich möchte keinesfalls jammern, aber es könnte wahrlich besser sein, gesundheitlich, privat … – ich muss hoffen, oft „stark“ sein, aber einiges wird nicht mehr zu reparieren sein und psychisch bleibe ich wohl labil … – Danke für Dein liebes Nachfragen, ich hoffe und wünsche sehr, dass Du trotz allem immer wieder ein paar Momente hast, die für Dich irgendwie schön sind, liebe rosabluete. Jede/r, der/die Dich mag, wird Dir das wünschen, weil Du eine feine, gute Seele hast. ✨

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