Tagebuchseite -970-

Wenn Wladimir Putin sich schlafen legt …

Es gibt grundsätzlich einen Moment an jedem Tag, während dem ich, egal wie es mir geht, ganz bei mir und sehr, sehr dankbar bin. Dieser Moment tritt immer auf dieselbe Weise ein. Und zwar genau dann, wenn ich am Abend niederlege, die Bettdecke über mich ziehe und meine beiden Handflächen auf meine Brust lege.

Es ist dies der Augenblick des Ausstreckens, des kurzzeitigen Verlierens aller Spannung, des Spürens eines Ortes der Geborgenheit. Ein paar Atemzüge lang ist nichts anderes da als dieses Fühlen, keine Pflicht, keine Forderung, kein Termin. Nur ich bin da unter meiner Bettdecke, unter der sich langsam eine Wärme ausbreitet, die wie ein Behüten daherkommt.

In diesem Moment weiß ich, wie an keinem anderen des Tages, wer ich bin, was mir etwas bedeutet, worauf es mir ankommt. Mir ist bewusst, wie froh ich sein kann, diesen Augenblick zu haben, dass er etwas Besonderes ist, dass viele Menschen nicht einmal so einen kurzen Moment zu erspüren vermögen, weil sie in Krankheit, Hunger, Krieg oder sonstigem Leid gefangen sind. Darüber durchströmt mich eine große Dankbarkeit für dieses Geschenk des Bewusstwerdens einer Geborgenheit, einer Erdung, eines Friedens.

Vor allem während der letzten Tage ist  mir immer wieder der folgende Gedanke durch den Kopf gegangen:

Wie ist das bei anderen Menschen, die womöglich zwar einen zehrenden, fordernden, entbehrungsreichen und anstrengenden Alltag zu bewältigen haben, die familiär ge- oder überfordert sind, auf deren Schultern bisweilen viel zu viel Verantwortung lastet, die aber immerhin in Frieden, nicht schwer erkrankt, nicht in Hunger oder existenzieller Not leben? Haben sie auch mindesten einen solchen Moment wie ich, so einen erdenden, in dem sie letztlich nur bei sich sind, der bewusst macht, dass man ungeachtet mancher Unannehmlichkeit, mancher Ungerechtigkeit, doch immer noch geborgen, ja privilegiert ist?

Und schließlich geschah es wie von selbst, dass dieser Gedanke, diese Fragen einen weiteren, womöglich merkwürdigen, skurrilen oder gar verrückten Weg nahmen:

Was empfinden bestimmte „exponierte Personen“, wenn sie abends die Beine hochlegen, um sich zur nächtlichen Ruhe zu begeben, die Decke über ihren Körper ziehen, die Geborgenheit vermittelnde Wärme sich ausbreitet, wenn sie für einen Moment ganz für sich sind oder sein können. Sein könnten. Denn sind sie es? Nehmen sie diesen Augenblick so wahr wie ich, vermögen sie das, vermögen sie dankbar zu sein aus der Tiefe einer eigenen Erdung, aus dem Bewusstsein des eigenen privilegiert seins heraus?

Wie ist das bei einem narzisstischen Chef, der sein Personal nur als sein Kapital, als einen Firmenfaktor, ein Ding sieht, es ausbeutet und schikaniert? Wie ist das bei einem Ölscheich, der in seiner eigenen wasserhahnvergoldeten Welt lebt, wie bei einem skrupellosen Finanzspekulanten, für den die Börse und das „Setzen“ auf den Verlauf des Elends in Regionen Afrikas seine „Arbeit“ ist. Wie ist das bei despotischen, fundamentalistischen Herrschern und Politikern wie Trump, Erdogan oder Bolzonaro?

Und wie ist das bei Wladimir Putin, wenn er sich dieser Tage schlafen legt?

Hätte er einen Krieg beginnen können, wenn er so einen Moment empfinden würde, wie ich ihn allabendlich empfinde? Selbst dann, wenn er sich zuvor und weiterhin ungerecht behandelt und  bedroht, eingeengt und verhöhnt, vielleicht auch resigniert und überfordert gefühlt hat und fühlt?

Wann, wie und wodurch verliert ein Mensch seine Dankbarkeit? Wann und wie verliert ein Mensch, der selbst nicht in existenzbedrohendem Leid, in schwerer Krankheit lebt bzw. zu leben gezwungen wird oder gezwungen wurde, den Frieden? Wann und warum verliert er seine Erdung, die ihn sich auf den Wert von Dankbarkeit und Frieden besinnen lässt. Für sich und für andere Menschen?

Ich bin grundsätzlich kein Mensch, der irgendeinem anderen Menschen oder auch „nur“ Lebewesen, etwas zuleide tun möchte. Am allerwenigsten könnte ich es aber in  und aus dem Moment bzw. in dem Bewusstsein meiner Erdung heraus.

Warum ist das bei Wladimir Putin offenbar nicht so? War es einmal anders?

Bin ich sehr naiv, wenn ich mir solche Gedanken mache, mir solche Fragen stelle?

Auch wenn es für mich Gedanken und Fragen nach dem Anlass von Kriegen, und nun Fragen nach dem konkreten Anlass für diesen Kriegsbeginn sind?

Für mich steckt der Anlass für einen Kriegsbeginn (nicht zu verwechseln mit der oder den Ursachen für den jeweiligen Krieg) immer in der Seele des oder der Menschen, die schließlich den entscheidenden Befehl geben. Ich kann mich allerdings nicht mit der Antwort abfinden, dass es eben kranke Seelen sind, die letztlich so einen Befehl geben und einen Krieg veranlassen.

Ich gestehe, dass mir das wirklich als zu einfach, zu lapidar, zu bequem auch, erscheint.

Und ich gestehe weiter, dass ich einen Wunsch für Wladimir Putin habe, einen zutiefst friedlichen, geerdeten Wunsch.

***

Wilco ist eine schon etliche Jahre bestehende US-amerikanische Indie-Pop-Band. Einer meiner Lieblingssender spielt tatsächlich gelegentlich Indie-Musik. Das nachfolgende Stück, dessen Text für mich irgendwie ein bisschen zu meinen Gedanken heute passt, habe ich gerade heute am späten Nachmittag zu ersten Mal gehört.

Wilco – „If I ever was a child“

4 Gedanken zu “Tagebuchseite -970-

  1. Ich denke, dass einige Menschen solche Momente nicht haben, weil sie sie verdrängen und wegschieben.
    Andere haben solche Momente vielleicht sogar und können entspannen, weil sie aus ihrer Sicht das Richtige tun. Auch wenn es aus Sicht der Mehrheit nicht richtig ist.

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    • Das Entspannen ist das Eine, die Dankbarkeit das Wichtigere. Wer bei allem, was ihn/sie beeinträchtigt, zurückwirft, etc. keine Dankbarkeit mehr zu empfinden imstande ist, ist entweder so sehr krank, verletzt, in Not, dass wirklich kein Platz mehr dafür da ist bzw. sein kann, oder er hat eine, vielleicht die wichtigste Prämisse von Menschlichkeit im ureigenen Sinne verloren.

      Was richtig und falsch ist, was für wahr oder unwahr gehalten wird, ist und bleibt letztlich immer ein Stück weit relativ. Und Mehrheiten haben nicht automatisch oder zwangsläufig „mehr“ Wahrheit und handeln richtiger.

      Liebe Grüße an Dich – ich hoffe, dass es Dir soweit gut geht und dass Dich die vielen und verschiedenen schlimmen Nachrichten nicht zu sehr zusätzlich triggern. 💚🕊

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  2. In Dankbarkeit übe ich mich auch jeden Tag, auch wenn es dieser Tage manchmal schwer fällt.. aber selbst wenn es mir nicht so gut geht (wie zur Zeit) und ich völlig neben der Spur bin und nicht weiß, wohin mit mir, hab ich immer noch mein schönes kuscheliges Bett, das Dach über dem Kopf, meine Familie usw. Interessanterweise ist auch bei mir dieser Moment, wenn ich im Bett bin, kurz vorm Schlafen.
    Du sprichst da wirklich sehr interessante Gedanken an, die ich auch gelegentlich hab. Wie du auch schon in deinem Kommentar schreibst, ist Moral, also was für gut und für schlecht empfunden wird, sehr subjektiv und kann sich durchaus verschieben (s. z.B. III. Reich, aber auch die verschiedenen Kriege auf der Welt, die, je weiter weg, als nicht mehr so schlimm empfunden werden hier, ach ich könnte seehr viele Dinge nennen hier). Es gibt hald auch die skrupellosen, gewissenlosen Menschen, sonst wär die Welt nicht, wie sie ist. Und für alle, die nicht schlafen können, hat sich die Menschheit ja mit gewissen Mittelchen selbst geholfen 😉

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    • Dankeschön für Deine interessanten Gedanken, die mir gezeigt haben, dass die Art, wie Dich die aktuellen Dinge umtreiben, wohl der meinen nicht ganz unähnlich ist. – Ich wünsche Dir sehr, dass es Dir bald wieder besser geht, wenigstens ein bisschen, obwohl ich mir vorstellen kann, dass Du jemand bist, der das in so bewegten und vor allem bewegenden Zeiten nicht so leicht ist und gemacht wird.

      Viele liebe Grüße an Dich! 🙂🕊

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