Tagebuchseite -968-

Über Weisheit der Morgenröte und Schönheit des Unsichtbaren

Was ein Tag verheißt, erkennt man nicht an seiner Morgenröte. Einer alten Bauernregel folgend, ist sie sogar ein Hinweis auf schlechtes Wetter. Was sich freilich keineswegs als generell richtig erweist.

Junge Schönheit und alte Weisheit vermögen folglich wohl gleichermaßen trügerisch zu sein. So scheint die von Mancher und Manchem gepredigte Binsenweisheit, dass man sich nur auf die eigene Erfahrung verlassen könne und solle, offenkundig die einzig richtige Erkenntnis zu sein.

Aber ist nicht auch das letztlich ein übereilter Schluss?

Ist es nicht vielmehr so, dass selbst gemachte Erlebnisse und Begegnungen und daraus abgeleitete Erkenntnisse mal Bestätigung und mal Widerlegung erfahren können und also nicht richtiger oder unrichtiger, nicht wahrer und nicht unwahrer sind als junge Schönheit und alte Weisheit?

Wir glauben so viel zu wissen, dabei wissen wir viel weniger als wir glauben. Das ist im Zweifel sehr schwer einzusehen, je schwerer, desto älter man wird. Ich nehme mich da nicht aus.

Auch eine größere Anzahl an selbst gemachten Erfahrungen ist kein Persilschein für richtige Erkenntnisse oder ein sich Annähern an das, was „wahr“ ist. Und das ist keinesfalls nur deshalb so, weil unsere Zeit heute so schnelllebig ist und neue Erkenntnisse und neues Wissen sich exponentiell vervielfachen. Es liegt mindestens ebenso häufig in Selbstgefälligkeit und Arroganz vor allem von Menschen, die älteren Generationen angehören, begründet.

Nahezu jede Sekunde unserer Zeiten erzählt mittlerweile davon. Wer hinhören möchte, kann es hören!

Nicht jeder Tag beginnt mit einem Morgenrot. Schönheit ist nicht immer offensichtlich und manchmal ist sie zu hören, zu fühlen, zu spüren und bleibt doch einzig dem Auge verborgen. Ist sie deshalb weniger Schönheit?

Oder sie offenbart sich erst später als solche, weil sie zuvor zu schwach, zu unsicher, zu bescheiden oder gar gefangen war.

So vielen ist die Geduld verloren gegangen, die Geduld wirklich hinzuhören, hineinzufühlen, zu erspüren, der Mut dies zu tun, in Stille. Wer leiser ist, hat meist schon verloren heutzutage.

Das vermeintlich Offensichtliche ist das Wahre! Das „vermeintlich“ gestrichen, steht so das Credo der modernen Zeiten geschrieben. Derjenigen Zeiten, die das Oberflächliche und Laute, das Glitzernde und Materielle zum Erstrebenswerten verkünden in den immer mehr werdenden Medien, in denen Jeder und Jede Journalist sein darf, derjenigen Zeiten auch, die sachliches, kritisches Hinterfragen und allein den Hinweis auf die große Komplexität all dessen, was mit Mensch und Welt zu tun hat als suspekt degradieren. Derjenigen Zeiten, in denen das Junge schön und das Alte weise ist bzw. zu sein hat und die von der Weisheit der Morgenröte und der Schönheit manches Unsichtbaren nichts wissen wollen

*

Die Tiefe und Schwere meiner Gedanken, auch dieser heute, misst sich oft am Grad meiner inneren Unruhe. Und wenn diese, wie heute, immer größer wird, dann werden es auch die tiefen und schweren Gedanken.

Der Grund meiner sich aktuell immer weiter steigernden Unruhe ist, dass sich ab morgen für mich wieder der Alltag eröffnet in all seiner Ganzheitlich- und Unmittelbarkeit, die das „normal“ gewordene Leben nunmehr ausmacht. Das Leben in unseren modernen Zeiten, vor denen ich mich mit jedem Tag ein bisschen mehr fürchte …

***

Ein Lied vom Loslassen einer Liebe, die keine mehr ist, vom Finden einer neuen, dadurch, dass man nicht aufhört zu gehen, in Bewegung zu bleiben. Das ist ungefähr der Inhalt und die Botschaft des Liedes „Walk Walk“ von Sylvie Kreusch, einer 1991 in Antwerpen geborenen Sängerin und Songschreiberin aus Belgien. Es ist eines ihrer aktuellen Stücke von der EP „Montbray“.

Sylvie begann ihre musikalische Laufbahn bereits im Jahr 2007, der Weg zu etwas größerer Bekanntheit und Popularität war für sie wie für so viele Independentkünstler freilich ein langer und beschwerlicher. – Das Lied hier mag ich sehr, es kommt mit jener gewissen Leichtigkeit daher, die ich nicht als aufgesetzt, sondern viel mehr als tröstlich und eine lieb gemeinte Einladung empfinde.

Sylvie Kreusch – „Walk Walk“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s