Tagebuchseite -967-

Realität des Imaginären

Ich bin immer wieder ziemlich naiv. Hatte mir gedacht, dass das doch ganz einfach wäre: Ich schließe die Tür und lasse den Alltag zurück, draußen, ausgesperrt. Und es wird gut. Oder wenigstens besser, solange ich die Tür nicht wieder öffnen muss.

Ein paar Tage standen in Aussicht, sich auf den üblichen Alltag nicht einlassen zu müssen. Von meiner Seite bin ich das dann auch entsprechend angegangen. Nur der Alltag hat sich nicht daran gehalten. Die Tür hat ihn gar nicht interessiert. Er war längst da, er war gar nicht weg, ging nicht weg. Er blieb einfach.

Seelentüren sind nur imaginär. Sie schließen nicht. Was einmal durch sie hindurch bis zur Seele gelangt ist, bleibt dort, für immer, geht nicht wieder, ist allenfalls für kurze, längere oder auch mal ganz lange Zeit verborgen, nicht spür- oder wahrnehmbar. Aber es kann jederzeit wieder erscheinen, spür- und wahrnehmbar werden. Und wie!

Vor allem meine letzten Nächte erzählen wieder einmal schlimme Geschichten davon. Geschichten, in denen ich immer die Hauptrolle spielen muss, dort, wo ich sonst bin, sein muss, wo ich arbeite oder wo ich mich sonst noch so zu bewähren habe. (Das ganze Leben ist Bewährung.) Und jedes Mal sind es Geschichten des Bedrängt seins, des Versagens, der Ausweglosigkeit.

Meine Unruhe wird immer stärker. Die Tür zum Alltag beginnt sich langsam wieder zu öffnen. Ich suche nach Licht. Aber Tage und Nächte gleichen sich. Ihre Farbe ist dieselbe und sie ist dunkel. Die Empfindungen in ihnen sind es auch.

Als ich kürzlich bemerkte, dass selbst die Farbe der Tagträume keine hellere mehr werden wollte, machte ich mich auf den Weg. Draußen finde ich fast immer ein oder mehrere kleine Indizien für Freude. So war es auch diesmal. Aber die kleinen Freuden machten mich letztlich immer trauriger, weil ich sie nur in Gedanken teilen konnte.

Fast verzweifelt ging ich immer weiter, darüber sinnend, dass ich mir noch etwas vorgenommen hatte. Dieser Plan hatte mir sogar etwas Vorfreude ins Herz gemalt.

Aber es sollte nicht sein.

Ich war so lange gegangen und ging an dem ersten Café vorbei. Und stand bald vor dem zweiten und schaffte wieder nicht, es zu betreten. Dem dritten schenkte ich nur noch einen flüchtigen Blick.

Ich KONNTE nicht hineingehen. Es fühlte sich an, als würde ich drinnen noch bedrängter sein, noch auswegloser für mich, als wäre es noch mehr Versagen, als draußen zu sein. Jede Frage nach meinen Wünschen hätte mich völlig sprachlos werden lassen.

So kehrte ich traurig zurück. Mit dem Alltag im Herzen.

Es ist, als stünde ich vor einem eisernen Tor. Ein Tor, vor dem ich schon einmal stand. Die kleine Tür, die damals, sehr verborgen, zunächst hinter unzähligen Zweigen mit Dornen, neben ihm zu erkennen war, und durch die ich schließlich ging, gibt es nicht mehr. Es war eine Tür aus meiner Seele heraus. Stattdessen ist da nun ein zweites eisernes Tor. Beide haben die Farbe meiner Tage und Nächte …

Von der Tür ist nur eine Ahnung geblieben. Etwas Imaginäres. Etwas, das nichts draußen lässt, aber alles bewahrt, was es einmal passiert hat. Und es weiter leben oder wieder auferstehen lässt, wann immer es will. Schrecklich real.

***

„Regen“ ist ein ganz aktuelles Gemeinschaftsprojekt zweier Bands aus Österreich.“Yukno“, von denen ich inzwischen viele weitere sehr interessante und hörenswerte Stücke entdeckt habe, lassen sich wohl am ehesten dem Indie-Dream-Pop zuordnen. „Girlwoman“, die mir (noch) unbekannter sind, sollen mehr in der Rave-Szene beheimatet sein.

Entstanden ist jedenfalls ein wunderschönes, etwas melancholisches Stück, das wieder einmal ein deutlicher Beleg dafür ist, dass die Popszene in unserem Nachbarland auf einem tollen, meines Erachtens aber viel zu wenig beachteten Weg ist. Beide Bands sollen sich übrigens, der Corona-Pandemie geschuldet, erst nach Fertigstellung ihres gemeinsamen Liedes erstmals persönlich begegnet sein …

Yukno & Girlwoman – „Regen“

4 Gedanken zu “Tagebuchseite -967-

    • Ich schreibe oft recht düster, glaube ich. Das hat Gründe, die sehr persönlich sind. Aber es ist wichtig für mich so zu schreiben, wie es in mir ausschaut. Das ist ehrlich und nur so kann es ein bisschen Verarbeitung sein. – Ich möchte niemanden mit meiner Art zu schreiben traurig machen oder gar runterziehen. Lies also bitte nur so viel und nur das, wie und was Du verkraften kannst und möchtest, liebe Lena.

      Ich habe mich sehr über Deinen Besuch hier gefreut und über Dein Kompliment natürlich auch. Komm‘ gern wieder!

      Liebe Grüße an Dich! 🙂🕊

      Gefällt 1 Person

      • Du, das war nur eine Feststellung, sonst nix 🙂 find ich ja gut, dass du das beschreibst, wies in dir ausschaut, das ist mutig, sich dem zu stellen. Ich trau mich nicht immer, so aufrichtig mit mir selber zu sein, und wenn ichs tu, trau ich mich oft nicht, es zu veröffentlichen, weils eben sehr persönlich ist🤷‍♀️
        Und ich glaub, es liegt in der Verantwortung der Lesenden, abzubrechen oder weiterzulesen – wie Du schon sagst. Hättest du ne Agenda hinter deinem Text, hätt ich nicht geschrieben, dass er schön ist. Dazu schreib ich gerade einen Text: Was ist ein schöner („guter“) Text? Kommt bald.

        Mach ich, bis dann!

        Gefällt 1 Person

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