Tagebuchseite -961-

Selbstgespräch (7) – … sich selbst der Nächste

Lange haben wir nicht mehr miteinander gesprochen, hier in diesem Medium. Seit ein paar Tagen habe ich das dringende Bedürfnis, das wieder einmal zu tun. Warum, das weiß ich im Augenblick gar nicht so wirklich. Vielleicht ist es, weil ich einen Ausweg suche, aber keinen finde. Und vielleicht auch, weil ich mir, also Dir, der Nächste bin.

Darin liegt eine unermessliche Bedeutung, viel größer als jene, die gemeint und gelebt wird, wenn es gemeinhin, im Alltag und im sehr mächtig gewordenen Gegeneinander der Menschen, darum geht, sich selbst der Nächste zu sein. Und dabei zählt in erster Linie, sich Vorteile zu verschaffen, materielle und logistische, um nicht „zurückzubleiben“.

Unsere Bedeutung liegt hingegen darin, nicht voneinander lassen zu können. Wir sind bestimmt, miteinander so eng verbunden zu sein, dass wir uns die Nächsten sind, selbst, wenn wir das manchmal nicht (mehr) wollen. So eng, dass wir gemeinsam sterben werden, wenn die Zeit dafür kommt. So eng, dass, wenn einen von uns beiden die Kraft zu leben verlässt, auch der andere nicht weiterleben kann und wird. Jedenfalls nicht auf der Erde.

Ob mir dieser Gedanke leichter würde, wenn ich daran glauben, darauf zu vertrauen vermöchte, dass es ein Leben nach dem irdischen gibt?

Ich weiß, dass Du denkst, dass uns ein solches Vertrauen womöglich gefährlich werden könnte, was den Willen zum Verbleiben im Irdischen betrifft. Denn wenn es wirklich ein späteres Leben mit anderen Perspektiven, solchen, die uns von Wert sind und die wir hier auf Erden kaum noch finden, gäbe, wäre das mutmaßlich ein starker Grund, nicht beständig mit so viel Kraft und Aufwand und Aufopferung an dem festzuhalten, was hier, was irdisch, ist.

Ich höre Deinen Einwand. Ja, es ist schlimm, dass ich bei diesem Sinnen ausblende, dass es trotz allem, was mich und Dich immer auswegloser sein lässt, doch ein einmaliges und einzigartiges Geschenk ist, einen Besuch auf der Erde bewilligt bekommen zu haben.

Wäre ich sarkastisch, würde ich jetzt hinzufügen, dass das „Geschenk“ vor allem deshalb eins ist, weil es ein Danach mutmaßlich sowieso nicht gibt.

Ich empfinde selbst Scham bei solchen Gedanken, aber Du bist mir eben der Nächste, deshalb erzähle ich Dir davon.

Ich bin tatsächlich ganz schön verbittert mittlerweile. Irgendwie möchte ich glauben, vor allem vertrauen, können, so wie Menschen, die tatsächlich und wahrhaftig einen Glauben an ein Danach und an einen Gott haben. Aber während ich immer wieder höre, dass viele Menschen gerade in Verzweiflung, Trauer und Ohnmacht zum Glauben finden, bemerke ich bei mir eine gerade gegenläufige Tendenz. Liegt das nur an meiner Bitterkeit? Oder ist es viel schlimmer? Oder ist es gar nicht so schlimm? – Ich habe keine Ahnung.

Im Übrigen, und um das wirklich klarzustellen: Nie würde ich irgendwen, auch keinen Gott, für etwas anklagen, was war, ist oder sein wird. Auch nicht für etwas, was mich betraf, betrifft oder betreffen wird. Es sind ausschließlich Menschen, die Verantwortung für die Dinge tragen, die geschehen, mit der Ausnahme von einigen Naturkatastrophen, für die allerdings auch kein Gott verantwortlich ist. Außerdem ist mein Beurteilungsvermögen nur ein begrenztes und ich bin weit davon entfernt, ein Richter sein zu können oder gar zu wollen.

Dass mein, dass unser Leben nicht so verläuft, wie wir es uns wünschen, ist nicht durch Schuldzuweisungen aus der Welt zu schaffen. Weder gegenüber anderen, noch gegenüber uns selbst.

Allerdings hast Du sehr recht, wenn Du sagst, dass unser Leben, maßgeblich nicht von uns selbst bestimmt und gestaltet wird. Wir sind nicht tonangebend, und deshalb ist das mit der Ausweglosigkeit, von der ich eingangs sprach, durchaus eine ganz verzwickte Crux.

An dieser Stelle fallen mir unweigerlich wieder die vielen Glaubenssätze und „Mutmacher“ ein, die ich immer wieder gehört habe, wenn jemand eine ähnliche Situation beschrieben hat, wie die, über die wir uns hier gerade unterhalten. Solche Sachen wie: „Lebe nicht, um zu arbeiten, sondern arbeite, um zu leben!“ oder „Lebe Deine Träume!“ oder „Schau nicht in die Vergangenheit und nicht in die Zukunft, lebe im Hier und Jetzt und vor allem LEBE!“

Ich erinnere mich auch, wie oft Menschen, die an diesen wohlmeinenden Ratschlägen gescheitert sind, sie nicht umzusetzen vermochten, als „selber Schuld (sic!)“ galten. Man müsse nur WOLLEN. Daran hat sich bis heute nichts geändert, im Gegenteil.

Du weißt, wie es für mich im „Hier und Jetzt“ ausschaut. Du weißt, dass ich immer wieder in Erinnerung(en) fliehe, weil ich dort neben anderem vor allem jene Nähe und Geborgenheit aufzuspüren vermag, die es in der Gegenwart nicht mehr gibt für mich, die ich nicht einfordern kann, die mir aber so sehr fehlt, und die mir nichts und niemand wieder bringen kann und wird.

Du weißt, dass ich nicht in solche Erinnerungen fliehe, um mir Schmerzen zuzufügen oder mich in Selbstmitleid zu ergehen. Du weißt und verstehst, dass ich dieses Erinnern BRAUCHE, weil es mir ein letztes Hoffen gibt und das Wissen, dass es außerhalb des Kosmos von uns beiden, bisweilen immer noch anders ist, als in unserem Hier und Jetzt, und dass es wichtig ist, dass das bewahrt und gemehrt wird, wenn nur irgend möglich.

Ja, wir sind uns selbst die Nächsten. Verstehen uns, versuchen uns dadurch zu helfen. Ich weiß, dass ich mir dessen beharrlicher bewusst sein müsste, auch wenn wir es nur selten mal ein wenig für uns wirklich spürbar schaffen, mit der Hilfe. Geschweige denn, einen Ausweg zu finden.

Du sagst, dass Du nachvollziehen kannst, was ich Dir heute erzählt habe, dass Du es verstehst, dass Du es auch so siehst und mich vor allem für nichts verurteilst.

Dafür danke ich Dir sehr. Ich habe es nämlich gerade, auch mit mir selbst, sehr satt. Vielleicht hatte ich ja deshalb schön länger das Bedürfnis wieder einmal so mit Dir zu sprechen, dass unsere Worte nicht verloren gehen. So wie jetzt und eben hier.

***

LINA, eigentlich Lina Larissa Strahl, ist eine 1997 geborene deutsche Schauspielerin, Sängerin und Songschreiberin. 2013 ist sie erstmals im Fernsehen aufgetreten. Es folgte die Hauptrolle der Bibi Blocksberg in der Filmreihe „Bibi & Tina“. Ihr erstes eigenes Album hat sie 2016 veröffentlicht. Ihre aktuelle Single ist die folgende, sie enthält ein Lied mit einem Text, der vor allem für jene sehr eindringlich und nachvollziehbar ist, die ihn FÜHLEN können.

LINA – „Wasser“

2 Gedanken zu “Tagebuchseite -961-

  1. So lange diese Selbstgespräche Dich auch nur ein klein wenig aufbauen können, lieber sternflüsterer, führe sie weiter. Und mache Dir bitte diese sicher auch gelegentlich gut gemeinten Sprüche nicht zu eihen. Schon gar nicht jene, die einen als „selbst schuld“ abstempeln.

    So, wie Du zu Deinem Ich sprichst, so kannst Du auch zu Dir stehen.
    Ganz herzliche Grüße!

    Gefällt 1 Person

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