Tagebuchseite -960-

Anstelle von Vorsätzen

Ich vergleiche den Beginn eines neuen Jahres gern mit der Geburt eines Kindes. Denn es gibt mehr oder weniger erstaunliche Parallelen dabei. Und, so habe ich gefunden, dass eine solche Sichtweise einerseits vor Illusionen bewahrt und andererseits hilft, Chancen zu erkennen.

Ein Kind wird nicht von heute auf morgen geboren. Ein neues Jahr auch nicht.

Schon eine ganze Weile vor seiner Geburt werden die Rahmenbedingungen, das Umfeld (an Dingen und Personen, der Art und Weise, wie diese jeweils sind) und auch eine ganze Reihe der Perspektiven, die das Neugeborene, wenn es die Welt betritt, erwarten, vorherbestimmt. Das gilt für Kinder wie für neue Jahre. Die bestimmenden Normen und Werte, das „soziale Umfeld“, der vorhandene Entwicklungsstand, alle nur denkbaren Bereiche betreffend, entscheiden über den Start, die Ausgangsvoraussetzungen  und ein gut Teil auch über die Chancen und Möglichkeiten des  Neugeborenen.

Ein neugeborenes Kind ist ein Sinnbild für vollkommene Unschuld. Es ist rein, unbefleckt, hat noch nichts getan oder bewirkt, was vielleicht jemandem zu Schaden gereicht hätte.

Es ist da, und es könnte sich zu einem Wesen entwickeln, das andere Menschen einlädt, glücklich macht, ihnen Frieden und Liebe vermittelt,  ihnen Zuversicht und Hilfe spendet, ihre Würde respektiert und bestrebt ist, ihnen gleichberechtigte Teilhabemöglichkeiten am Leben zu gewähren. Es könnte sich zu einem Wesen entwickeln, das andere Menschen einlädt, gleiches zu tun an ihren Zeitgenossinnen und -genossen.

Es könnte sich so entwickeln, wenn sein Umfeld, insbesondere die es umgebenden Menschen, zulassen würde.

Ebenso könnte es mit einem neugeborenen Jahr sein. Und zwar unter allen Rahmenbedingungen, die seine vorgeburtliche Vergangenheit geschaffen hat. Auch, wenn diese überwiegend schwierig oder ungünstig sind.

So ungefähr empfinde ich jetzt, unmittelbar nach der Geburt des neuen Jahres. Die Bedingungen und viele Umfelder, in die es hineingeboren wurde, sind wahrlich nicht einfach, sind verworren, und vielfach alles andere als einladend.

Wie würde sich das neue Jahr wohlfühlen, wenn es ein Kind wäre, das, obgleich gerade eben geboren, schon alles sehen, hören, wahrnehmen könnte? Würden seine Ängste oder seine Zuversicht überwiegen, seine Vorfreude oder seine Beklommenheit, würde es vertrauen können und wollen oder würde es misstrauisch sein?

Ich bemerke, wie sehr ich selbst hin und her schwanke zwischen diesen Fragen, soweit ich davon entfernt bin, Kind oder gar neugeboren zu sein. Das ist noch stärker der Fall als bei jedem Jahreswechsel zuvor.

Wahrscheinlich bin ich deshalb hier und heute noch weniger bereit, Vorsätze zu fassen, als schon anlässlich aller Jahreswechsel, die ich mit Bewusstheit erlebt habe, zuvor.

Ich habe nur einen großen Wunsch, größer als jemals zuvor:

Ich wünsche mir, dass die Menschen das neugeborene Jahr wie ein eigenes neugeborenes Kind behandeln mögen, es so behüten, beschützen, bewahren, ihm einen so guten, wirklich menschlichen Weg aufzeigen mögen als, wenn es das Wichtigste und Wertvollste wäre, was ihnen gegeben ist.

Und ist es das nicht: das Leben während, im Verlaufe eines weiteren Jahres?

Auch für mich habe ich anstelle von Vorsätzen Wünsche. Es sind ihrer zwei:

Ich wünsche mir, dass mir weiterhin Kraft verbleibt, Liebe leben und geben zu können, dem neuen Jahr, den Menschen, allem Leben darin. Und ich wünsche mir, dass mir ein paar Menschen bleiben, die mir in diesem Sinne ihre Hand reichen, die mich begleiten mögen, auch durch die Tiefen meiner Wege.

Alles Weitere wird sich finden oder auch nicht – ich muss dabei meine eigene Kleinheit besser verstehen und akzeptieren lernen.

So heiße ich Dich denn willkommen, Du neugeborenes Jahr 2022.

***

„Jon and Roy“ ist eine kanadische dreiköpfige Folk-Rock- und Raggae-Band aus Victoria, British Columbia, die es bereits seit 2003 gibt. Ein Lied von ihnen trägt den Titel „Sonnenaufgang“. Ich habe es ausgewählt, weil dieser Titel zum Beginn eines neuen Jahres passt, der Text des Stückes zudem ein wenig der gebotenen Nachdenklichkeit transportiert, die mir aus diesem Anlass durchaus geboten scheint:

Jon and Roy – „Sunrise“

6 Gedanken zu “Tagebuchseite -960-

    • Oh, dass Du mich gleich am ersten Tag des Jahres hier besucht hast, schenkt mir wirklich Freude. Dankeschön für Dein kleines Zeichen. – Ich habe Dich nie vergessen und hoffe sehr, dass Du wohlauf bist und es Dir so gut geht, wie nur irgend möglich. Meine besten Wünsche nicht nur für dieses Jahr begleiten Dich beständig.

      Ganz liebe Grüße an Dich! 💙🤗

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