Tagebuchseite -957-

… erreicht den Hof mit Müh‘ und Not …

Seit einiger Zeit, vor allem kurz vor der Zeit des Sommerurlaubs und besonders jetzt zu Beginn der freien Tage zu Weihnachten und über den Jahreswechsel, schleicht sich die kleine Passage aus dem „Erlkönig“ unaufhörlich in mein Gedankenuniversum. Und das ist kein Wunder, denn ich fühle mich den Hof mit Müh‘ und Not erreichen. Buchstäblich.

Und nun ist er erreicht für dieses Mal und ich bemerke meine Erschöpfung nicht nur, sondern ich kann nicht verhindern, dass sie bisweilen vollständig Besitz von mir ergreift. Mehrmals am Tag habe ich nicht einmal mehr genug Kraft, den Schlaf, der zu unmöglichsten Zeiten über mich hereinbricht, abzuwenden:

Ich sitze vor dem Rechner, suche mir ein schönes Lied aus der Playlist, um es anzuhören und bekomme dann gerade noch die ersten paar Takte mit. Zwanzig Minuten später erwache ich wieder mit schmerzendem Genick, weil mein Kopf einfach so vornüber gesackt ist. – Das Ganze geschieht am frühen Nachmittag.

Am Abend habe ich nicht die Spur einer Chance eine Episode einer geliebten Serie zu verfolgen.  Ein etwa 30minütiger „Filmriss“ verhindert es.

Nach dem Sonntagsfrühstück legt sich eine bleierne Schwere auf meine Augenlider. Mein Hirn hat signalisiert, dass ich heute keine Unterrichtsvorbereitungen machen muss, und prompt folgt diese Reaktion.

Zwei Tage, während denen noch so allerlei zu erledigen ist, bewältige ich vor allem zu Fuß oder mit dem Fahrrad, mit dem ich bis zuletzt auch fast jeden Tag zur Arbeit und zurück geradelt bin. Von der „Anstrengung“ schmerzen mir alle Glieder bis in den Abend und in die Nacht hinein. In der jüngeren Vergangenheit hat das dann mitunter ein paar Tage so angehalten.

In der Schule habe ich bis zuletzt gelächelt, meinen Job getan, mir etwas für den letzten Tag mit meinen Kindern in diesem Jahr einfallen lassen. Ich habe gescherzt und organisiert und Aufsichten übernommen. Und wie jedes Mal, wenn der „letzte Tag“ nahte, ging alles immer schneller, immer hektischer, mit immer noch einer Unvorhersehbarkeit mehr „garniert“.

Der Strom, der mich durchfließt, hat schon länger ungesunde Werte. Am Abend, wenn die Amperezahlen eigentlich am niedrigsten sein sollten, betragen sie bei mir seit Wochen immer wieder 170 : 100, obwohl ich schon lange allmorgendlich zuzüglich zum sonstigen Medikamentenproviant einen kleinen Regulator für die Stromstärke einwerfe.

So komme ich über die „ganz normalen Tage“. Die Traurigkeit um den Tod meines Vaters, das schleichende Zerbrechen meiner Familie und die verbliebenen, nur noch kranker machenden Sehnsüchte, sind meine beständigen Begleiter.

Und immer öfter muss ich mich wirklich zwingen, noch aufzustehen, nicht nur am Morgen, wenn des Tages Pflichten rufen, sondern auch dann, wenn es ein Fünkchen Aussicht auf ein paar zu lesende Buchseiten oder einen warmen Tee gibt. Ich bin einfach so müde, dass ich fürchten muss, dass mir angesichts leichterer oder gar erleichternder Beschäftigungen eh‘ wieder die Augen zufallen werden. Meistens kommt es dann auch wieder so.

Aber nun habe ich den Hof erreicht. Wieder einmal. Erschöpfter, kaputter denn je. Obwohl ich mich so  vielem, was die Hektik anderer Menschen in diesen Tagen und Wochen ausmacht, längst entzogen habe. Körper und Seele meiner selbst bitten nur um Stille und ein bisschen Geborgenheit und ein klein wenig Liebe. Und ich habe längst beschlossen, dass sie, abgesehen von diesem, selbst auch nicht mehr geben müssen.

Mein Hof ist mein eigenes kleines Land, das ich mit nur ganz wenigen Menschen teile. Es ist ein kleines Land und doch so groß, dass diese wenigen Menschen nur sehr selten wirklich unmittelbar bei mir sein können. Aber sie sind nie fort. Sie verurteilen mich nicht, wenn ich es kaum noch schaffe, mich doch wieder aufzurappeln. Sie sind einfach stille Geborgenheit und Liebe. Meine Lichter in dieser Zeit.

Wenn vielleicht und hoffentlich meine Kraft in zwei, drei Tagen so weit reicht, dass ich das ganz bewusst spüren und genießen kann, wird Weihnachten sein für mich. Die Zeit „zwischen den Jahren“ danach, die ich grundsätzlich ganz besonders liebe, wird, zunächst ein bisschen, dann aber immer konsequenter, schon wieder Zeit der Beschleunigung sein müssen.

Ich höre den Januar schon schreien, seine Herausforderungen, die für mich leider zahlreicher sein werden als für alle meine Kolleginnen an unserer Schule, weil mir die Kinder jener Klassenstufe anvertraut sind, für die im Januar am meisten zu tun ist.

So bald werde ich also wieder aufbrechen müssen, lächeln, meinen Job machen, meine Traurigkeit in Schach halten, funktionieren.

Dabei habe ich doch gerade meinen Hof erreicht, mit so viel Anstrengung sein Tor eben erst geschlossen.

Dies wieder und wieder zu erreichen, meinen Hof, und sei es mit Müh‘ und Not, muss mein Ziel sein, denke ich.

Und dabei fallen mir, „aufgefrischt (geboostet)“, wie ich seit gestern bin, schon wieder die Augen zu …

***

Das schönste Blau für meine Augen ist das Kornblumenblau und Kornblumen sind seit jeher meine Lieblingsblumen. Jene junge kanadische Künstlerin, die sich selbst „Blumengesicht“ nennt und von der ich hier schon Lieder geteilt habe, hat erst kürzlich ein Stück geschrieben, das „Kornblumenblau“ heißt. Ein Lied von ihr, das wieder sehr liebe, seine Melancholie, seine Poesie, seine traurige Schönheit …

Flower Face – „Cornflower Blue“

7 Gedanken zu “Tagebuchseite -957-

  1. „Mein Hof ist mein eigenes kleines Land, das ich mit nur ganz wenigen Menschen teile. Es ist ein kleines Land und doch so groß, dass diese wenigen Menschen nur sehr selten wirklich unmittelbar bei mir sein können. Aber sie sind nie fort. Sie verurteilen mich nicht, wenn ich es kaum noch schaffe, mich doch wieder aufzurappeln. Sie sind einfach stille Geborgenheit und Liebe. Meine Lichter in dieser Zeit.“ Diese Passage ist sehr schön geschrieben und hat mich berührt, lieber Sternflüsterer. Ich glaube unsereins, wenn ich das so sagen darf, braucht nicht viel, nur halt dieses Land, das ist mehr als ein Vermögen wert. Ich hoffe ich nehme mir nicht zu viel heraus, wenn ich Dich darum bitte, gut auf Dich zu achten. Der Körper hat seine Mittel, uns Botschaften zukommen zu lassen. Es ist nie eine Schande, eine Pause zu brauchen oder Hilfe in Anspruch zu nehmen.

    Ich wünsche Dir aus ganzem Herzen schöne und erholsame vorweihnachtliche Tage! Ganz herzliche Grüße!

    Gefällt 2 Personen

    • Ich wusste und weiß, dass Du ein Mensch bist, der auch genauso ein Land braucht, liebe Doktor Reed. In dem meinen bist Du längst zu Hause. Du hast ein Häuschen dort, in dem es Bücher gibt, Wärme und Licht, einen Tee, wenn Du ihn magst, ein paar Blumen auf dem Tisch, Bilder, die Du gern anschaust und Musik, die Du liebst.

      Nein, natürlich nimmst Du Dir nicht zu viel heraus, wenn Du mich um etwas bittest. Und Deine Bitte da oben ist überdies eine so sehr mir zugewandte und zugetane.

      Du gehörst zu den Lichtern in meinem Land, denn für mich bist Du nie fort, seitdem wir uns lesen und einander schreiben können. Nein, Du bist stets sehr „da“ für mich.

      Von Herzen Dank! Hast Du denn auch ein bisschen Gelegenheit zum Atemholen? Mich bewegt das sehr, Du hast einen so anspruchsvollen Beruf.

      Sehr liebe Grüße an Dich! 💚🌲🕯

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      • Lieber Sternflüsterer, entschuldige bitte meine späte Antwort auf Deinen unheimlich lieben Kommentar! Dass ich in Deinem Land einen Patz habe, der auch noch so behaglich und liebevoll eingerichtet ist, macht mich glücklich und berührt mich sehr. Ich bin sehr dankbar für diese Verbindung, die über das Internet und das geschriebene Wort hinweg entstanden ist. Ja, ich versuche mir zum Atemholen hier und da die Zeit zu nehmen, und dann freue ich mich sehr, von Dir zu lesen!

        Ich grüße Dich ganz herzlich zurück!!

        Gefällt 1 Person

        • Liebe Doktor Reed, ich gestehe, dass mir ein Stein vom Herzen gefallen ist, als ich die Nachricht bekam, dass Du wieder hier warst. Hoffentlich empfindest Du es nicht als übertrieben, aber ich habe Dich mit der Zeit immer mehr vermisst, war ein bisschen in Sorge um Dich, auch darum, dass Du vielleicht Gründe hättest, nicht mehr schreiben zu können oder zu wollen. – So gern hätte ich Dir pünktlich zum Jahreswechsel ein paar besondere Wünsche geschrieben – ich hatte mich auch dafür interessiert, ob Du Weihnachten begehst oder ob Du einer Religion folgst, die andere Jahresfeste kennt …

          Nun bin ich einfach nur sehr froh, dass Du wieder „da“ bist, obgleich Du in meinem Gedanken und aus meinem Land nie fort warst. Um die Mitternachtsstunde zu Silvester hast Du zu den Menschen gehört, an die ich einen besonderen Wunsch in den Himmel geschickt habe.

          Deine Worte da oben sind sehr lieb und freuen mich, Dein Empfinden, das daraus spricht noch mehr.

          Ganz lieben Dank dafür und ebenso liebe Grüße an Dich! ✨💚

          Gefällt 1 Person

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