Tagebuchseite -956-

Wenn ich mal wieder freier würde,

… dann würde ich schreiben wollen, mehr schreiben, schreiben über Dinge, die inzwischen nahezu unbeachtet sind, über Themen, ganz andere, als die, die in aller Munde sind oder uns dort hineingelegt werden, über Menschen, die noch menschlich sind.

Schon längere Zeit bin ich nicht mehr frei genug und es fühlt sich nicht nur so an, dass der Raum fürs Frei sein immer kleiner wird, vor allem auch in mir drin.

Wer innerlich nicht frei genug ist, vermag nicht zu schreiben. Schreiben hat etwas mit Anspruch (womit ich gar nicht zuvorderst den an sich selbst meine) zu tun und mit Inspiration. In einer unfreien Umgebung ist es um beides schlecht bestellt.

Und jene Dinge, Themen und Menschen, über die ich schreiben würde, wenn ich denn könnte, werden unterdessen immer weniger.

Nie bin ich in einem Herbst so sehr und so unmittelbar mit Tod und Krankheit von mir lieben Menschen konfrontiert worden und nie waren etliche dieser Menschen etwa so alt wie ich oder gar jünger.  Nie hatte ein Herbst so viele graue und frustrierende Themen wie dieser, nie waren sie so präsent und alles andere erdrückend und verdrängend wie jetzt. – Und nie waren Menschen egoistischer und toxischer als jetzt, so sehr auf sich bedacht und von der eigenen Wichtigkeit und „Wahrheit“ besessen.

Nein, ich habe den Blick für die „kleinen, schönen Dinge“ nicht verloren. Aber sie werden immer kleiner, immer schwächer, können immer schwerer durchdringen durch all den Rauch, die Schwere und die Unfreundlichkeit. Nur ganz, ganz wenige sind noch beständig. Sie hüte ich und suche sie zu pflegen und zu bewahren.

Viel mehr aber sind Dinge, die einmal schön waren, die, wie ich meinte, zu mir gehörten, die sich nun von mir entfernen, die immer weniger sichtbar, hörbar und vor allem immer weniger erfahrbar werden. Dinge und Menschen auch. Menschen, die noch nicht gestorben sind, Menschen gar, denen ich ein besonders langes und glückliches Leben wünsche. Einem Menschen ganz besonders. Aber er geht dennoch. Immer noch einen Schritt weiter. Fort …

So vieles geht und ist wohl nicht mehr aufzuhalten. An seine Stelle treten Traurigkeit, Angst, Einsamkeit und Sehnsucht. Sehnsucht, die so groß ist und immer größer wird, so groß, bis es schließlich kranke Sehnsucht ist. Und krank machend. Weil sie unerfüllbar sein und bleiben wird.

Je länger ein Leben ist, desto unerfüllbarer werden die ihm innewohnenden Sehnsüchte.

*

Ich lese meine Zeilen noch einmal, Zeilen, die sich wie von selbst geschrieben haben.

Zeilen, die sich so schreiben, sind die ehrlichsten.

Ich lese sie also und bemerke die Dramatik, die ihnen innewohnt. Eine Dramatik, die ich ihnen nicht geben wollte, eine Dramatik, die sich auch von selbst in sie hineingeschrieben hat. Eine Dramatik, die mich ein bisschen erschauern lässt.

Aber je länger ich sie wirken lasse, desto weniger spüre ich sie. Sie geht auf in all den anderen Gefühlen, denen der Traurigkeit, der Angst, der Einsamkeit und der Sehnsucht. Sie kann mir nichts anhaben. Sie muss mir egal sein, damit sie mir nicht schadet. Ich muss mich mit ihr abfinden. Und ich muss lernen, mich mit jenen Gefühlen abzufinden, die mein Sein sind. So nehme ich sie denn an.

Denn ich bin zu klein und zu schwach, an dem etwas zu ändern, was ist und sein wird.

Es geht nur noch darum, nicht aufzugeben, trotz allem. – Welch bittere und „schützende“ Ironie:

Ich bin zu feige aufzugeben.

Und so lebe ich weiter und so schreibe ich weiter, weil ich nicht anders kann. Auch dann, wenn mein Leben und mein Schreiben vielleicht nie mehr etwas von dem erzählen werden, wovon ich eigentlich gern erzählen würde.

***

Ich habe erst kürzlich ein Lied von ‚Northern Lite‘ hier geteilt und das zum Anlass genommen, mich ein bisschen mehr mit der mir bis dahin unbekannten Band zu beschäftigen. Dabei bin ich in vielerlei Hinsicht fündig geworden, schätze die Akteure mittlerweile. Innehalten musste ich, als ich das folgende Lied hörte. Es „passt“ so unglaublich …

Northern Lite – „Bin ich nun“

6 Gedanken zu “Tagebuchseite -956-

  1. Ach, lieber Sternflüsterer, die Dramatik sehe ich in Deinen Zeilen auch viel weniger als die Traurigkeit, die Besitz von Dir ergriffen hat. Und Dein Talent, aus ihr schöne Texte entstehen zu lassen.
    Gib‘ nicht auf – womit auch immer Du Dich konfrontiert fühlst.
    Herzliche Grüße!

    Gefällt 1 Person

    • Ich habe einmal gelesen, dass in Traurigkeit und Melancholie ein Potenzial für Kreativität verborgen liege, das sich beim Schreiben bisweilen entfalte. Ich weiß nicht, ob das so ist. Beim eigenen Schreiben empfinde ich es nicht. Mir fehlt es dann grundsätzlich an Inspiration, mir scheinen dann alle meine Texte irgendwie gleich.

      Vielen Dank für die herzlichen Grüße, ich schicke Dir ebensolche zurück, wünsche Dir ein angenehmes Adventswochenende. 🌲🕯

      Gefällt 1 Person

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