Tagebuchseite -955-

Gedanken über einen zwiespältigen „guten“ Glaubenssatz und die Crux vieler Depressiver

Ich hatte so einiges an Ideen, worüber ich schreiben wollte. Schon all die Tage vor diesem, dem heutigen. – Und nun schreibe ich nichts von alldem.

Es ist zu schwer und vor allem zu viel. Es passiert um mich herum, passiert auch mit mir, passiert mich in doppeldeutigem Sinn: Es braust an mir vorüber, mich mitreißend und lässt mich passiert zurück. Überfahren, zerquetscht. Passiert halt wie Tomaten in der Dose oder im Tetrapak, so finde ich mich immer wieder im Tetrapak, die meine Wohnung ist.

Ich passiere wohl auch irgendwie. Wie, das weiß ich nicht. Mich insoweit selbst einzuschätzen, habe ich kaum je vermocht und auch nie für besonders notwendig erachtet. Ich strenge mich an, zu genügen, nicht zu verletzen, etwas zu geben, was Mitmenschen nutzt, was ihnen bestenfalls guttut oder hilft. Ich versuche, ein bisschen Liebe zu sein.

In letzter Zeit wird mir das stärker und öfter schwer. Das hat mit dem zu tun, was passiert, wie es passiert und wie es mich passiert.

Es wird mir auch schwerer, mir selbst gegenüber.

Einer der „guten“ Glaubenssätze sagt, man solle (zunächst) sich selbst lieben, damit man die Welt lieben könne.

Ich habe eine Ahnung, dass bzw. inwieweit dieser Satz wahr ist. Aber wie wahr dieser und andere „gute“ Glaubenssätze tatsächlich werden können, hängt nie nur allein von der- oder demjenigen ab, an die/den sie gerichtet sind, von der oder dem, die sich solche Sätze vorlegen, sie sich zu eigen machen suchen.

Oft wird das unterstellt und damit auch, dass die- oder derjenige, für die oder den sie nichts oder kaum etwas bewirken, letztlich selbst schuld daran sei.

Man müsse nur wirklich WOLLEN! So „einfach“ ist das. Es sei schließlich vielfach bewiesen, dass psychische Erkrankungen, wie Depressionen, gut und erfolgreich behandelbar seien.

Dabei wird eines geflissentlich übersehen, nicht für so wahr genommen, wie es wirklich ist, oder gar ignoriert: Depressive Menschen sind oft sehr einsam, sehr allein. Selbst oder gerade dann, wenn sie sich unter vielen Menschen befinden. Dann oder aber nach solchen Situationen ist bzw. wird die Einsamkeit besonders bewusst. Andererseits ist es für viele depressive Menschen, vor allem dann, wenn ihnen auch eine ausgeprägte Sensibilität eigen ist, nicht möglich, sich „eben mal so“ oder auch mehrere Male zu öffnen gegenüber anderen Menschen.

Wer schon länger unter Depressionen leidet, weiß, wie schwer es für andere Menschen ist, diese Erkrankung zu verstehen. Eine Erkrankung zu verstehen, bedeutet weit mehr als Verständnis dafür aufzubringen. Und also ist es etwas sehr Kostbares und ebenso Notwendiges für eine depressiv erkrankte Person, Menschen zu begegnen, die VERSTEHEN. Kostbar nicht zuletzt deshalb, weil solches Verstehen verbunden mit einem Einlassen, dem Herstellen und Pflegen einer Beziehung zu einem/einer Depressiven, sehr viel abverlangt, von denjenigen, die sich einlassen.

Etliche Depressive wissen das und schämen sich dafür, so viel zu „fordern“. – Dabei fordern sie eigentlich nicht. Sie hoffen, sie bitten, sie wünschen … und wollen vor allem eines nicht: anderen Menschen Last sein oder werden.

Allerdings, und das ahnen sie wohl, sind genannte Bindungen ihre einzige Chance. Denn, dass es jemandem gelingen könne, sich selbst, allein, aus dem Sumpf zu befreien, ist schon bloß gedacht eine Lüge, ebenso, wie die Geschichte, die der Baron Münchhausen zu diesem Thema verkündet hat.

Mit dem „Liebe Dich selbst“ ist es also keineswegs getan. Die Liebe zu sich selbst, wenn sie denn noch gelingt, tut einsamen Menschen oft furchtbar weh. Weil sie eine zusätzliche Offenbarung des Alleinseins, der Einsamkeit, ist. Da ist sonst niemand (mehr) …

Sich selbst nicht abzulehnen, ist weniger ein „guter Glaubenssatz“ als ein letzter ideeller Strohhalm. Nach sich selbst zu greifen, ist die letzte Tat, die letzte Instanz.

Wer das versucht und auch dabei noch Liebe zu geben bestrebt ist, tut viel.

Mehr kann einer allein nicht.

Wer sagt oder unterstellt, dass so ein Mensch nicht genug Willen aufbringt, zu leben „wie andere auch“, der tut ihm unsagbar weh.

***

Sam Himself stammt aus Basel in der Schweiz. Sich selbst bezeichnet er „als Fondue-Western Künstler“, was vielleicht sowohl auf seine Wahlheimat USA als auch auf seine etwas exzentrische Aura zurückgeht. Seine Musik ist eher sanft, melodiös aber auch rhythmisch – gut zu hörender Indie-Pop im besten Sinne. Das Lied, das ich hier teile, stammt von seinem Debütalbum, das in diesem Jahr erschienen ist. Den Text des Liedes zu erschließen, fiel mir ziemlich schwer (mein Englisch ist nicht mal Mittelklasse). Was mir der Onlineübersetzer präsentierte, hat mich freilich ganz schön auf Gedankenreisen geschickt.

Sam Himself – „Nothing like the night“

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