Tagebuchseite -954-

Von Liedern, die verstehen, und einem ganz langen Herbst

Ich höre ein Lied und ich sehe immer wieder in die dunklen Augen der jungen Frau, die es singt. Ich höre sie und sehe ihre Augen sprechen, mehr noch als die Worte sagen, die die Melodie ihres Liedes begleiten.

Sie singt das Lied schon seit mehr als drei Jahren. Ich frage mich, wie es sein kann, dass es mir so vorkommt, als hätte sie damals schon gewusst von mir. Von dem, was gerade in mir ist, dem, was ich empfinde. Jetzt.

Bei fast allen Liedern, die in irgendeiner Art ein bisschen „verwandt“ sind mit jenem Lied der jungen Frau, fühle ich so. So, als wenn es Menschen gäbe, die es schon immer gewusst haben, wie es sein würde in meinem Leben heute, wie es war, gestern.

Ich fühle mich verstanden von diesen Menschen und ihren Liedern, obwohl ich ihnen nie begegnet bin und nie begegnen werde. Dieses Gefühl ist ein schönes: Verstanden werden. Und es ist groß, wahrhaft groß. Ein größeres schönes Gefühl kann es für mich nicht mehr geben. Das weiß ich seit gestern.

Und bestenfalls wird es das einzige bleiben während der Zeit, die mir noch bleibt. Auch das weiß ich seit gestern.

Und, weil das so ist, habe ich nunmehr begonnen, ganz zaghaft erst, weil diese Beschäftigung schon eine etwas verstörende ist, Gedanken zu finden und zu ordnen, die mir erzählen, weshalb sich künftig mein Leben noch lohnen könnte. Und zwar für mich, mich ganz allein. Buchstäblich. Und unabhängig, losgelöst, von irgendwelchen Wünschen oder Fantasien. Allein fokussiert auf das und ausgehend von dem, was ist: Realität. Meine Realität, wie ich sie mir seit gestern wohl vorstellen muss. Mit altem und neuem Wissen und dem, was ich (noch) nicht weiß, aber ahne und befürchte und einkalkulieren muss, realistisch.

Dieser Herbst ist der schlimmste meines bisherigen Lebens. Und es fühlt sich ungeheuer wahr an, dass er weit länger währen wird als eine Jahreszeit und, dass es dann nur noch Winter wird, für mich.

*

Da ist noch einmal das Lied. Ich höre es wieder, höre es, nur noch viel, viel lauter …

***

Jenes Lied habe ich schon einmal geteilt hier in meinem Blogtagebuch, vor gut zwei Jahren. Ich weiß inzwischen, weshalb es mir so schien, dass Clara Louise, die es geschrieben hat und singt, mich verstanden hat. Und seitdem ich das weiß, schätze ich ihre Musik, vor allem aber auch ihre Gedichte noch mehr und auf ganz andere Weise als zuvor. – Und hier ist nun das besagte Lied noch einmal:

Clara Lousie – „Montag“

6 Gedanken zu “Tagebuchseite -954-

  1. Je länger der Herbst andauert, desto später kommt der Winter, lieber sternflüsterer. Und ich bin ganz uversichtlich, daß Du selbst im Empfinden all der Schwere noch ausreichend Gelegenheiten siehst, warum es „Leben“ ist und nicht bloße Existenz. Zumindest wünsche ich Dir das.
    Herzliche Grüße!

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