Tagebuchseite -953-

Von meinem Platz in Marias Küche

Maria sitzt in der karg möblierten Küche an dem abgenutzten Tisch und macht ihre Hausaufgaben. Ihre Kleidung ist abgetragen, ihre Schuhe die einer alten Frau. Die Mutter hat sie von einer Dame als Geschenk bekommen und Maria überlassen, als deren Schuhe völlig verschlissen waren. Maria mag die Schuhe nicht. Sie sehen aus wie alte Schuhe einer alten Frau.

Das kleine Fenster zum Hof ist etwas beschlagen von der nassen Kühle draußen und der sich langsam ausbreitenden Wärme, die hinten vom Herd kommt. Maria hat ihn aus klammen Händen gefüttert, mit ein paar Holzspänen und etwas Schlackekohle, bevor sie zu schreiben begann.

Ich setze mich zu Maria. Ihre Schularbeiten sind fertig und nun schweifen ihre Gedanken, greifen auf, was heute um sie herum und mit ihr selbst geschehen ist. Und in ihr sind viel mehr Fragen als Antworten.

Ich begleite Marias Gedanken, die sehr tiefgehende sind für ein Mädchen in ihrem Alter und ich bemerke, dass viele ihrer Fragen auch meine Fragen sind und auch ich keine Antwort weiß.

Was und wie sehr kann oder muss ich glauben? Glauben hat so sehr mit Vertrauen zu tun. Kann ich vertrauen?  Und wem? Der Lehrerin in der Schule, dem Bruder zu Hause? Beide denken und reden ganz verschieden.

Maria hat einen Bruder an den Tod verloren, ich meinen Vater. Das ist auf völlig unterschiedliche Weise geschehen. Aber es hat mit uns beiden etwas gemacht, es spielt eine Rolle in unserem weiteren Leben.

Maria sucht einen Platz in der Welt, ihren Platz. Der, den sie gerade innehat, ist kein schöner, es ist der eines harten und entbehrungsreichen Lebens, das sie tapfer lebt und in dem sie fleißig lernt. Sie hat Träume und sie sucht nach Menschen, die sie als Freundinnen oder Freunde darin begleiten. Oder vielleicht eines Tages in ein anderes, besseres Leben? – Was für eine Zukunft wird sie haben?

Ich besuche Maria seit ein paar Tagen, oft nur für wenige Minuten. Besuche sie in der ungarischen Stadt, in ihrer Straße, in der vor allem arme, arbeitende Menschen leben oder solche, die selbst ihre Arbeit schon hergeben mussten.

Ob Maria dort wirklich je gelebt hat, weiß ich nicht. Ich weiß nicht einmal, ob Maria je tatsächlich gelebt hat, oder ob ihre Geburt, ihr Leben, ihre Gedankenreisen, lediglich in der Fantasie jener Frau stattgefunden haben, die sie zur Hauptgestalt gemacht hat in jenem Buch, das ich gerade lese. Aber das ist nicht wichtig für mich. Für mich hat sie gelebt, für mich lebt Maria.

Um mich herum, in meinem wirklichen Leben, und ganz unmittelbar sind nahezu täglich etliche Kinder in Marias Alter. Ich weiß, dass viele ihrer Gedanken und Fragen denen von Maria ähneln. Obgleich alle diese Kinder in ungleich besseren, gesicherteren, behüteteren Verhältnissen leben, als das ungarische Mädchen, und obwohl die Zeit mittlerweile gute einhundert Jahre zurückgelegt hat.

Ich weiche den Gedanken der Kinder von heute nicht aus, ganz im Gegenteil, ich stelle mich ihnen jeden Tag, strenge mich an, bei der Suche nach Antworten und umsetzbaren Visionen behilflich zu sein.

Die Zeit heute ist eine ganz andere und ist es doch auch nicht.

Maria ist an der Spanischen Grippe erkrankt und hat wochenlang um ihr junges Leben kämpfen müssen. Bei uns grassieren Coronaviren und raffen Leben dahin. Der eine Bruder von Maria ist im Krieg geblieben. An unsere Grenzen klopfen heute Flüchtlinge, die vor Kriegen fliehen, in denen Brüder sterben. In Marias Land haben sich Menschen getroffen, um aufzustehen gegen Kriege, gegen Armut, gegen die Übermacht des Geldes. Heute demonstrieren vor allem junge Leute für Frieden, den Erhalt unseres Planeten und die Überwindung des Hungers.

Dinge, Geschichten, Entwicklungen und Menschen wiederholen sich. Und wiederholen sich doch nicht.

Vor allem die Dimensionen, das Tempo, die Komplexität von allem sind ganz andere.

Für mich sind sie mehr und mehr zu groß, zu schnell, zu unüberschaubar geworden.

Nicht zuletzt deshalb setze ich mich, so oft es mir möglich ist, zu Maria in die Küche, gehe mit ihr ein Stück ihres Schulwegs oder begleite sie in eine Kirche. Der Gedanke, dass auch mein Vater und wahrscheinlich auch eine liebe Großtante, bei der ich in eigenen frühen Kindertagen mal eine Ferienzeit verbracht habe, schon in jener Küche verweilten und durch die Straßen jener ungarischen Stadt gegangen und Maria begegnet sind, ist dabei ein zusätzlich motivierender und schöner.

In dem Buch, in dem Maria lebt, kann ich hören und zuhören, die Zeit dort erspüren und Leben und Gedanken empfinden, wie sie Maria lebt und denkt und die Menschen, die mit ihr dort leben in dieser, ihrer Zeit. Ich kann hören und zuhören, denken und sinnen, ohne, dass ich sogleich gefragt, gefordert und überfordert werde, kann meine eigenen Gedanken und Fragen sortieren. Und ich habe, vielleicht ist das seltsam, jedes Mal das Gefühl, dass auch ich gehört, auch mir zugehört worden ist, dem, was meine Seele ist. Wenigstens ein bisschen.

In meinem wirklichen Leben empfinde ich das immer seltener. Und darum zu bitten, danach zu verlangen, das ist mir mit den Jahren immer peinlicher geworden und mir kommt auch allmählich die Kraft dafür abhanden.

Vielleicht werden deshalb Bücher immer noch mehr Heimat für mich.

***

Gracie Abrams ist 21 Jahre jung und steht noch am Beginn ihres Weges als Sängerin und Songschreiberin. Sie ist Amerikanerin und hat gerade ihre erste EP veröffentlicht. Beschrieben wird sie als eine ebenso offene wie grundehrlich junge Frau.

Es ist eine ganz besondere Art von Liebe, die Gracie Abrams in ihrem neuen Song „Feels Like“ einfängt: Bedingungslos, unkompliziert, unersetzbar – ein Gefühl, wie man es nur in den besten Freundschaften findet. Inspiriert wurde die Songwriterin von der Freundschaft mit ihrer besten Freundin … (Quellen: https://www.gracie-abrams.de/ ; https://www.universal-music.de/gracie-abrams/biografie)

Gracie Abrams – „Feels like“

8 Gedanken zu “Tagebuchseite -953-

    • Das Buch heißt „Unser Mädchen“ und die Autorin ist die ungarische Schriftstellerin Marta Gergely. – Du wirst es aber allerhöchstens noch als gebrauchtes Exemplar irgendwo bekommen können. Denn es ist erst- und, wie ich inzwischen vermute, einmalig im Jahr 1965 beim Covina-Verlag erschienen und danach nie wieder.

      Damit gehört es zweifellos zu jenen Schriften, die man leider nur noch auf „Friedhöfen der vergessenen Bücher“, um ein Bild zu verwenden, das der spanische Schriftsteller Carlos Luis Zafon in seinem sehr lesenswerten Roman „Im Schatten des Windes“ gezeichnet hat, zu finden vermag.

      Ich bin selbst erst im ersten Drittel beim Lesen, aber ich mag es bisher, auch, wenn es einige editorische und andere Schwächen offenbart. Aber es liest sich gut, und die Geschichte und die darin charakterisierten Figuren gefallen mir.

      Dankeschön für Dein Interesse und freundliche Grüße an Dich! 🙂

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  1. Und in welch wunderbare Worte Du all das mal wieder packst!
    Gehör einzufordern, das ist sicherlich mühsam und ich wünsche Dir Leute, die Dir ihr Gehör schenken – weil sie erkennen, daß Du etwas mitzuteilen hast.
    Komm gut in die Woche, herzliche Grüße!

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  2. Die Wendung in Deinem Text, lieber Sternfluesterer, war toll, ich dachte wirklich zuerst, Du säßest mit Maria am Küchentisch…Deine Reflektionen über die Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen jener und der heutigen Zeit sind sehr tiefgehend. Wieder ein sehr wortgewandter und gedankenanregender Beitrag, ich danke Dir. Ganz viele liebe Grüße!

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    • Wie Du meine Schreibseleien liest und was Du mir mit Deinen Reflexionen dazu gibst, ist immer wieder aufs Neue ein großes Geschenk für mich. Du bist so dankbar und so mit- und nachfühlend … – Du kannst nicht ermessen, wie viel mir das bedeutet, liebe Doktor Reed.

      Dieser Herbst wird immer gruseliger für mich, Du bist wie eine Kerze (sic!) darin, ein Licht, Wärme …

      Ich habe zu danken.

      Ebenfalls nur ganz liebe Grüße an Dich!

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    • Das Kompliment ist nur allzu berechtigt. Ganz liebe Grüße an Dich! Ich wünsche Dir so viel schöne, gute, erholsame Zeit, wie nur irgend möglich. Hoffentlich hast Du nicht so viel und so schweren Dienst. Und hoffentlich sind da freundliche und respektvolle Menschen um Dich herum … 💚🙂

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