Tagebuchseite -952-

Böenangst

Herbstwind zieht durch die Straßen, über das Meer und die Felder, treibt welkes Laub vor sich her und ist und bleibt vor allem eines: unberechenbar.

Er ist in mich eingezogen, der unberechenbare Herbstwind, und in das, was meine Straßen, Meere und Felder sind. Immer wenn ich denke, einen Augenblick verweilen, innehalten zu können, mich zu erden, ist er mit einer neuen Böe da. Welkes Laub weht über das, was wichtig werden wollte, sollte und vielleicht müsste und ein kalter Regenschauer klebt es darauf fest.

Jetzt, wo der Herbst seine Farben verliert, braucht es Momente, um ihn sich schön zu denken, um ihn als schön fühlen zu können. Alle Spätzchen dieser Welt strengen sich an, mir dabei zu helfen. Und ich versuche, nicht nur auf mich fokussiert zu sein, denn ich bin keine gute Gesellschaft in diesen Zeiten. Besonders für mich nicht.

Vor allem und allen anderen kann man sich maskieren. Nicht aber vor sich selbst. Den Gedanken, dass man sich selbst belügen könne, habe ich nie verstanden.

Mein Vater fehlt mir. Er fehlt mir so sehr. Seine Stimme, unsere Gespräche. Seine Augen, sein Lächeln. Seine Gedanken, seine Begleitung. Er ist bei mir, in mir, ganz nah. Er hat ein Zimmer in meinem Herzen, ich sehe, dass und wie er dort wohnt. Und doch ist er so, so weit … – ich kann ihn nicht umarmen, nicht über seine Schulter streichen, seine Hand nehmen. Alles ist unerreichbar. Vom  ersten vorherbstlichen Wind fortgeweht.

Seit er nicht mehr hier ist, habe ich nur Bücher gelesen, die bei ihm gewohnt haben. Sie hatten es gut bei ihm, richtig gut. Jeder, der bei ihm war, hatte es richtig gut.

Nehme ich eines dieser Bücher in meine Hände, dann ist es, als würde ich meinen Vater berühren. Ich bebe dann immer ein bisschen, innerlich. Und schlage ich so ein Buch auf, so duftet es immer ein wenig, wie bei ihm zu Hause. Es ist der Geruch, der seinem Bücherschrank sacht entströmte, wenn er eine Tür desselben geöffnet hatte.

Ich versuche, jeden Tag zu lesen, ein bisschen wenigstens. Oft schaffe ich nur ganz wenige Seiten, mitunter verstreichen auch ein oder ein paar Tage, ohne dass ich ein Buch öffnen konnte. – Dann hatte der Herbstwind wieder eine Böe geschickt, ein etwas längeres Verweilen, Innehalten, Erden, verhindernd.

Manchmal habe ich die Ahnung, dass die Böen bleiben werden, auch dann, wenn Herbst und Winter vorüber sind. Im Grunde genommen weiß ich es. Denn sie sind schon lange da und seit ein paar Jahren nehme ich sie tatsächlich als das wahr, was sie sind. Vorher habe ich versucht, mich vor ihnen zu maskieren. Das gelingt mir nicht mehr. Und es macht eh‘ keinen Sinn, nie hat es Sinn gemacht. Denn sie sind schneller als ich. Ich kann nicht vor ihnen davonlaufen.

Mir fehlt auch anderes, andere Dinge, andere Menschen. Mit jenen Menschen ist das seltsam. Ich  denke, dass sie mir deshalb so besonders fehlen, weil ich täglich von ganz vielen Menschen umgeben bin. Und ganz viele ähneln dem Herbstwind …

Ich will nicht klagen, schon gar nicht hörbar. Deshalb schreibe ich diesen Text. Ich mag nicht klagen und ich mag mich nicht, wenn ich klage. Ich mag schreiben, und mag mich, wenn ich schreibe.

Mein Vater mochte das auch.

Ich habe Angst vor der nächsten Böe …

***

Julia Engelmann gehört für mich zu jenen Künstlerinnen und Künstlern in unserem Land, an denen sich meiner Ansicht nach zu Unrecht allzu oft die Geister scheiden. Für meinen Teil mag und schätze ich ihre wortgewandte, oft Zuversicht verbreitende, bisweilen hinterfragende und nahezu immer originelle Art ihrer Texte und ihrer Songs. Ein sehr schönes Beispiel ist ihr erfrischendes Lied vom Modelmädchen, das sie nicht ist.

Julia Engelmann – „Kein Modelmädchen“

6 Gedanken zu “Tagebuchseite -952-

    • Na ja, ich habe schon aus einer gerade immer tiefer werdenden Delle heraus geschrieben. Und ich habe diese Dellen so satt. Meine inneren Diskurse sind gerade sehr heftig und betreffen halt auch das Klagen. Ich versuche mich dagegen aufzulehnen …

      Dankeschön für Deine Grüße, die ich sehr gern erwidere, und für Deinen Wunsch auch!

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    • Die Herbstböen als solche sind Teil der Natur, insoweit kann auch ich ihnen durchaus etwas abgewinnen. Die anderen Herbstböen sind solche in meiner Seele. Und die sind leider gar nicht befreiend – im Gegenteil.

      Das Gedicht ist schön! Vielen Dank dafür!

      Schöne Grüße zurück an Dich!

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