Tagebuchseite -951-

Drinnen die Stille und draußen die Einsamkeit

Die Zeiten, zu denen ich mich auf ein verlängertes Wochenende wirklich freuen kann, sind sehr selten geworden.

Mein Wochenende ist nicht wegen Allerheiligen länger, diesen Feiertag gibt es hier nicht, sondern weil zwei feststehende bewegliche Ferientage (diese Wortschöpfung ist die offizielle unseres Bildungsministeriums, längeres Nachdenken darüber macht nur wirr und führt zu keinem Ergebnis) nach dem Sonntag folgen.

Woran ich schon seit geraumer Zeit nichts ändern kann, ist, dass ich wirklich viel Wochenendzeit für die Vorbereitung auf mein berufliches Tun während des Alltags verwenden muss. So bleibt grundsätzlich nur wenig tatsächliche Freizeit übrig. Diesmal, wegen der zwei Tage mehr, konnte ich mir mein Pensum an Arbeit ein bisschen aufteilen. Aber wie so oft war auch diesmal niemand da, mit dem ich die so gewonnene Zeit hätte teilen können.

An sich kann ich ganz gut allein sein. Wenigstens, wenn ich nicht zu erschöpft bin, etwa zum Lesen oder Schreiben. Ich bin stets wissbegierig und mag Inspirationen nachgehen. Auch meinem Interesse für Musik lasse ich gern einen angemessenen Lauf. Manchmal, obwohl mir das nach wie vor schwerfällt, versuche ich mir zusätzlich etwas Gutes zu tun – ein schönes Stück Kuchen kaufen, einen guten Tee bereiten, besonders bewusst zu frühstücken bzw. überhaupt zu essen, einen besonderen Film anschauen, den sonst wohl kaum jemand gucken würde oder Ähnliches. Irgendwann wollte und würde ich auch immer noch mit dem Kalligraphieren beginnen wollen und meine Aphorismensammlung  wartet schon monatelang auf weitere handschriftliche Ergänzung.

Was mich allerdings nach wie vor und immer wieder nervös werden lässt, ist die Stille, die zwischendurch so laut wird, dass sie mich Irritation, Unwohlsein, auch so etwas wie eine unbestimmte Angst, spüren lässt. Ich höre nur meinen eigenen Atem …  Wird diese Stille zwischenzeitlich durch Geräusche der Nachbarn übertönt, wird das unangenehme Gefühl manchmal zur Panik.

Immer wieder versuche ich dann und überhaupt, nach draußen zu gehen. Ich mag die frische Luft und ich mag vor allem die Natur. Letztere ist in ihrer ursprünglichen Form allerdings für mich allein nur bedingt zu erreichen, weil ich außer zu Fuß und mit dem Fahrrad selbst nicht mobil bin.

Am letzten Sonnabend wollte ich am Nachmittag der Stille ein bisschen entfliehen und machte mich auf in die Innenstadt, um ein paar Drogerieartikel zu besorgen. Zu Fuß, durch die kleine Wiesen- und Moorfläche, die meinen Stadtteil vom Zentrum unseres Ortes trennt. Ich bummelte, nachdem ich den Einkauf erledigt hatte, noch ein bisschen in der Fußgängerzone herum und betrat auch noch zwei größere Geschäfte, in denen ich mir aber sogleich wieder so fremd vorkam wie vor wenigen Wochen, als ich mich in Berlin in einem großen Einkaufscenter verlor.

So lenkte ich meine Schritte in Richtung des Alten Hafens. Das ist ein sehr schöner Ort in meiner Stadt. Es riecht nach Wasser dort, auf ganz spezielle Weise, und ein bisschen nach Räucherfisch. An der nördlichen Hafenkante kann man in die Bucht hineinschauen, die aufs offene Meer führt. – Ich stand dort eine ganze Weile, schaute Lichter und Weite und atmete bewusst die frische Luft.

Hier, wie schon in der Stadt, waren Menschen um mich herum. Ich nahm wahr, dass sie da waren, aber es fühlte sich an, als wären sie alle Phantome. Trugbilder, die miteinander sprachen, aber nicht mit mir, die über etwas sprachen, nichts, was mich betraf. – Ich bekam große Sehnsucht danach, irgendein vertrautes, freundliches Gesicht zu erspähen, eine bekannte, sympathische Stimme zu hören. Aber ich sah keines und ich hörte nichts. Und so wuchs in mir, zwischen all den Menschen seiend, das Gefühl und Bewusstsein von Einsamkeit.

Das passiert mir jetzt oft, wenn ich draußen bin. Vor allem dann, wenn da auch Menschen sind. Und deshalb sind etliche meiner derartigen Ausflüge keine mehr, die mir guttun. Ganz im Gegenteil. – Deshalb zögere ich in letzter Zeit häufiger, überhaupt nach draußen zu gehen …

Meine Füße begannen allmählich zu schmerzen, als ich den Heimweg angetreten hatte. Die Fischkutter, von denen aus an Passanten Fisch verkauft wird, machten ihre Schotten schon dicht. Mir fiel ein, dass es ein Stückchen weiter noch diesen großen Fischladen mit Imbiss und Restaurant gibt, der noch geöffnet sein sollte. – Ich hatte nun doch noch ein kleines Ziel: den Erwerb eines geräucherten Rollmopses – ich hatte plötzlich Appetit darauf bekommen und hoffte insgeheim, dass mir mein Abendbrot, vielleicht ein bisschen besser schmecken könnte.

Die junge Verkäuferin fragte mich, ob ich noch etwas kaufen möchte. Als ich bemerkte, dass dieser eine Fisch für mich allein eigentlich schon zu groß wäre, lächelte sie und wünschte mir, dass er mir schmecken möge.

Ich dachte daran und an ihr Lächeln als ich später allein am Tisch beim Essen saß. Meine Seele hatte beides, den freundlichen Wunsch und das Geschenk jenes Lächelns, wohl behutsam mitgenommen aus der Einsamkeit da draußen in die Stille hier drinnen.

An diesem verlängerten Wochenende …

***

Northern Lite gibt es schon seit 1997. Die Band ist in Erfurt zu Hause und mir zuletzt rein zufällig mit einem kurzen, eingängigen, aber durchaus nachdenklichen und nachdenklich machenden Lied begegnet. (Eines der offenbar nicht so zahlreichen, das diese Band auf Deutsch singt.) Ich möchte es gern hier vorstellen, abgesehen davon, dass es mir Anlass sein wird, mich nun mal etwas genauer mit „Northern Lite“ zu beschäftigen.

Northern Lite – „Ich fürchte nein“

12 Gedanken zu “Tagebuchseite -951-

  1. Lieber Sternenflüsterer,

    Einsamkeit ist eine graue Wolke, ein giftiger Nebel. In geringer Dosis kann sie viel Kreativität erzeugen, doch so wie du sie Beschreibst, klingt sie schwer und nur kaum erträglich.
    Vielleicht ist es ein unpassender Vorschlag, da du natürlich wenig Freizeit und in dieser wahrscheinlich auch wenig Kraft hast, aber könntest du dir Vorstellen, in irgendeinen Verein oder ähnliches beizutreten? Ich habe nicht vor Augen, wie groß deine Stadt ist, aber es gibt zum Beispiel viele Ortsgruppen zum Beispiel vom Nabu in ganz Deutschland, die sich zum Beispiel mit Botanik, Vögeln, Amphibien und Pilzen und allgemein Naturschutz befassen. Da lernt man sehr spannende Menschen kennen.
    Eine Freundin von mir fühlte sich nach Corona auch sehr einsam, da viele ihrer Freunde weit weg wohnen. Sie begann, sich mit Menschen zu treffen, die sie über eine App kennen lernte. Da gibt es verschiedene Anbieter, die quasi Dating auf Freundschaftsebene anbieten.

    Ich hoffe, dass diese Ideen nicht zu unsensibel sind, sie kommen wiklich vom Herzen und meinen nur das Beste. Ich weiß, wie schwer es ist, Menschen kennen zu lernen und sie nah an sich heran kommen zu lassen. Ich habe in Potsdam bisher niemanden außerhalb meiner Arbeit kennen gelernt. Zu meinem Glück habe ich dort gute Freunde gefunden, doch ich habe auch ein bisschen Angst, wie das mit mir weiter geht. Noch bin ich gut vernetzt, doch ich weiß, dass ich mich aus meiner Komfortzone heraus bewegen muss. Sonst bleibt man in dieser stecken und stellt fest, dass dort niemand anderes ist.

    Ich sende dir ganz liebe Gedanken! Ich hoffe, dass Herbstlaub ist bei dir auch so wunderschön gefärbt, wie bei uns. Ich war ganz hin und weg auf meinem Arbeitsweg.

    Liebe Grüße vom Lunchen

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  2. Beide Dinge, die du beschrieben hast, kenne ich selbst nur zu gut . Die Stille zu Hause – und die Einsamkeit unter Menschen. Schön, dass du auf so eine freundliche Verkäuferin getroffen bist und das Lächeln und die freundlichen Worte mit nach Hause in die Stille nehmen konntest. So etwas ist immer ein bisschen Balsam für die Seele.

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