Tagebuchseite -950-

Gedankensequenzen dieses zum Samstag gewordenen Freitagabends

Auch in eurem Leben gibt es nicht nur goldene Tage. Doch immer wieder kann ich sehen, hören und erfahren von solchen Tagen eures Daseins, und das schenkt mir Freude.

Ich sehe dich durch Bergwelten wandern, dabei Rast machen auf einem Felsen mit einem Buch in der Hand. Wenn sich dein Blick von den Seiten hebt, schaut er ein wundervolles Panorama majestätischer Natur. Hier bist du zu Hause. Und am Abend kündet ein kleines warmes Licht, das aus deiner Wohnung scheint, davon, dass du zwischen den Zeilen deines Buches noch ein Stückchen weiter wanderst.

Und dich sehe ich in den Gassen einer verzaubernden alten Stadt. Deine Füße tragen dich wie von allein an Orte, die nur Menschen mit besonders wachen Augen zu entdecken vermögen. Du machst Skizzen von Häusern, Bäumen, Türen, Fenstern, Parks und Blumen und von einer alten Frau, deren Gesicht Geschichten, die ein dickes Buch zu füllen imstande wären, erzählt.

Ihr beide werdet euch nie begegnen und doch seid ihr euch so nah.

Und dann bist da du, heute unter Menschen, gerade so vielen, dass du dich unter ihnen wohl zu fühlen vermagst. Dein Gesicht strahlt und deine Seele. Du hast dich mit dem belohnt, was du am liebsten tust. Und das ist etwas, mit dem du anderen Menschen Freude schenkst, und ein Stück von dir. Es ist das erste Mal, dass du gelesen werden kannst im ganzen Land. Du siehst glücklich aus. Und wenn sich der Abend zur Nacht neigt, wirst du hoffentlich von deinem Liebsten ganz besonders fest in den Arm genommen.

*

Meine Playlist von heute Abend ist eine, die ich nicht oft höre. Ihre Melodien und die Texte dazu klingen in deutscher Sprache, sie sind voller Sehnsucht und Melancholie. Ich bin wie sie. Ihr Stimme, ihr Klang, ihr Gefühl. Und ich möchte sie euch schenken.

Sie sollen die Bergwelten werden, die ich nicht mehr sehen werde, die Gassen, Bäume und Gesichter, die zu weit sind, als dass ich sie noch erreichen könnte und all die vielen Bücher, die ich nicht mehr zu lesen vermag. Ihr sollt sie haben. Damit viele und noch mehr Tage für euch goldene Tage sein mögen.

*

Ich blättere durch das Kontaktverzeichnis meines Mobiltelefons und bemerke, nicht zum ersten Mal, wie viele Nummern darin stehen, die nur noch Nummern sind. Einige waren nie viel mehr als Ausdruck eines bestenfalls zweiseitigen Wunsches, eine Verbindung, ursprünglich womöglich flüchtig oder zufällig entstanden, zu erhalten. Andere sind schon lange schweigende Zeugen von Begegnungen oder gar Freundschaften, die sich irgendwann irgendwie verloren haben.

Als ich bei den Nummern meines Vaters angelangt bin, spüre ich, wie sehr ich Angst vor weiteren Verlusten, vor weiterem Verlieren habe. Dich, dich und vor allem dich irgendwann auch zu verlieren. Das Leben geht so seine Wege und so manches Mal lässt es einen einfach zurück, ohne dass man das zu beeinflussen imstande ist.

Auf die eine Nummer meines Vaters schaue ich besonders lange. Ich habe sie immer einmal wieder anrufen wollen in der letzten Zeit. Ungeachtet meines Wissens, dass sich die vertraute Stimme nie mehr melden wird. Es gibt Wissen, das grausam ist. Und dieses lässt mich, wenn es in mein Bewusstsein dringt, unglaublich frieren, mich sehr allein fühlen. Es dringt sehr oft in mein Bewusstsein.

Immer mal wieder kommt mir der Gedanke, dass das vielleicht anders, besser, leichter würde, wenn ich diese Nummer und die anderen (endlich) löschen würde, weil ich sie dann immerhin nicht mehr sehen könnte.

Aber das fühlt sich schon bei der bloßen Vorstellung so an, als würde ich noch das allerletzte „Lebens“zeichen löschen. Ich kann, ich schaffe das nicht …

*

Die verfließende Woche spielt ihren Film vor meinem geistigen Auge ab. Zwei, drei kleine Szenen kommen darin vor, die schön sind und eine, die mich zutiefst angerührt hat. Das war heute. Ich werde traurig darüber, weil dieses so sehr tiefe angerührt sein auch damit zu tun hat, dass ich wenige Tage zuvor eine langwierig heraufgezogene Kälte wieder einmal besonders heftig zu spüren bekam.

Wem es so kalt ist und für wen es so  bleibt, dem werden goldene Tage zum Phantom. Es bleiben allenfalls noch eine paar goldene Szenen während langer Filme, die niemand wirklich sehen will.

So freue ich mich um so mehr eurer goldenen Tage, von ganzem Herzen.

Sie sind goldene Szenen für mich …

***

Ich denke an meinen Vater …

Sotiria – „Ich lass dich frei“

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