Tagebuchseite -949-

Die „richtige“ Größe der Welt

Es sind nicht nur die Nachrichten der letzten Monate, Wochen und Tage, die mir immer wieder vor Augen führen, dass mir so vieles inzwischen zu viel, zu unüberschaubar, zu groß, zu komplex geworden ist. So sehr, dass es mir scheint, nicht mehr ansatzweise imstande zu sein, dem folgen zu können, was die Welt ist, was sie ausmacht, ihren vielen Menschen, den unzähligen Geschehnissen, dem sich immer weiter potenzierenden Wissen.

Ich weiß, dass ich das nicht kann und auch nicht muss. Dennoch übt diese Größe, diese Vielfalt und Unermesslichkeit eine große Faszination auf mich aus. Ich möchte erkennen, ich möchte wissen, ich möchte verstehen, in Diskurse treten, um Inspiration zu erfahren, die mich weiter treibt, mich motiviert. Besonders spüre ich das immer dann, wenn ich in einer bestimmten sehr großen Stadt bin und mich mit jenen Menschen treffen kann, mit denen es stets so bereichernd ist, zu sprechen.

Die Welt, die eigentlich meine ist, die, in der ich lebe und arbeite, ist eine viel kleinere Welt, ein Winzling geradezu. Ihr Kosmos bleibt übersichtlich, obgleich auch er vielfältig ist und brodelt, ich in ihm immer wieder so vielen Ansprüchen und Erfordernissen zu Veränderungen ausgesetzt bin, dass ich es selbst in seinem kleinen Rahmen oft kaum zu verkraften vermag. Ich habe schon in ihr mit viel, viel mehr Menschen zu tun, als genug wären, um ihnen angemessen Genüge zu tun. Viele Entscheidungen habe ich in meiner kleinen Welt zu treffen, darunter oft bedeutende, wichtige, das Leben anderer Menschen beeinflussende. Nur selten, sehr selten ist es eine Welt der Geborgenheit.

Geborgenheit aber ist mir sehr wichtig.

Da ist immer wieder Sehnsucht in mir, nach der großen Welt, die zu viel, zu groß, zu unüberschaubar ist. Woher kommt das? Glaube ich, hoffe ich gar, ausgerechnet in jener großen Welt Geborgenheit zu finden, die mir so wichtig, die für mich so notwendig ist?

Ich, der ich so starke und komplexe Ängste in mir trage, dass ich längst kein Flugzeug mehr besteigen kann und jede auch nur kleine Reise, selbst in bekannte Gefilde, eine nicht unerhebliche Herausforderung ist. Ich fürchte mich vor Wellen und Höhen, vor zu vielen Menschen und vor Enge, ich werde ganz still, wenn es irgendwo ein bisschen lauter wird. Ich scheue mich vor Erwartungen anderer, weil ich immer glaube zu versagen und ich halte es nicht aus als der gesehen und landläufig so beurteilt zu werden, wie der, der ich rein biologisch betrachtet, nun einmal bin. Die Angst vor dem Klischee, das ich bitteschön sein bzw. dem ich doch der „Normalität“ gehorchend entsprechen soll, ist eine meiner größten.

Kaum jemand versteht, wie sehr dieses Klischee um mich herum schlottert, so sehr, dass ich darin buchstäblich verschwinde, zum NICHTS werde. So fühlt es sich jedenfalls an für mich. Und das bewirken Menschen.

Die Gefahr auf solche Art und Weise in der großen Welt verloren zu gehen, ist also wohl besonders wahrscheinlich.

Oder auch nicht?

Die Sehnsucht jedenfalls ist und bleibt. Nach der großen Welt und nach Geborgenheit.

Ich habe gefunden, dass Erkenntnis und Wissen, dass Begegnungen und Diskurse nicht nur Inspiration verleihen, sondern dass sie mir Geborgenheit vermitteln, weil mir Inspiration Geborgenheit schenkt.

Wenn ich zum Beispiel von Inspiration angeregt und getragen zu schreiben vermag, fühle ich mich wie in eine Decke eingehüllt, fühle ich mich zu Hause.

Wenn nur die große Welt nicht so laut, so komplex, so unüberschaubar wäre, wenn mir nicht meine vielen Ängste und mancher Zwang, den der Alltag mir auferlegt, im Wege stünden!

So wie die Dinge aber nun einmal liegen, sind meine Reisen in die große Welt recht beschwerlich und sie erfordern besondere Fantasie, Wege zu erschließen, die mich schließlich doch das eine oder andere Mal wenigstens ein Stück in sie hinein führen.

Ein Weg ist der mit und durch Bücher.

Bücher nehmen mich mit an andere Orte, in andere Zeiten, zu anderen Menschen ohne selbst reisen zu müssen. Ich darf die Welt, die sie mir eröffnen, spüren, mir eine Meinung dazu bilden, sie hinterfragen. Ich vermag Beweggründe für das Denken und Handeln von Menschen in Situationen zu erfahren, die ich in meiner kleinen Welt nicht zu erleben in der Lage bin. Und ich kann und darf über meine dabei erlebten Empfindungen, über die gemachten Erfahrungen mit anderen Menschen in Austausch treten.

Ebenso ist das mit Wegen, mit und durch die Musik, mit und durch Fotografien oder Gemälde, mit und durch die Natur.

Ein besonders schöner und nachhaltiger Weg kann der mit und durch Begegnungen, durch Menschen, sein.

Die Menschen, die mir in diesem Sinne besonders wichtig, wertvoll, kostbar sind, leben dort, wo die große Welt ist. Sie tragen ein Stück große Welt in sich, Welt der Theater, der Kinos, der Museen, der großen Feuilletons und unendlich vieler wichtiger, spannender Themen und Erfahrungen der unterschiedlichsten Art und Couleur – geronnen durch ihre klugen, einfühlsamen, lieben wollenden Seelen.

Die Entfernung macht es schwierig für mich. Viel leichter zwar als noch vor 30 oder 40 Jahren, als Worte wie Telefon (ja, auch Telefon!), Internet, Mail etc. dieser Orts noch absolute Fremdwörter gewesen sind, aber doch weit schwieriger, als wenn wir uns häufiger real begegnen könnten.

Meine Welt als solche hat eben nicht die „richtige“ Größe.

Ich kann nur zu ihr, zur Welt mit der „richtigen“ Größe für mich, auf dem Weg bleiben.

Um der Inspiration und der Geborgenheit willen, darum, (mir) nicht verloren zu gehen und vielleicht um derer willen, die auch auf der Suche nach der „richtigen“ Größe der Welt sind.

Auf dass wir uns begegnen mögen …

***

Courtney Barnett kommt aus Australien. Sie hat in ihrem noch recht jungen Leben schon manches ausprobiert. Tennis spielen, Zeichnen und Fotografie studieren zum Beispiel. Und manches hat sie dann abgebrochen und anderes begonnen. Bei der Musik ist sie schließlich geblieben als Gitarristin, Sängerin und Songschreiberin und Betreiberin eines Indie-Rock-Labels. Vor allem liegt ihr die Förderung von Nachwuchsmusikerinnen und -musikern am Herzen. Seit dem Erscheinen ihres Debütalbums 2015 ist schon einige Zeit ins Land gegangen, sie ist nach wie vor unterwegs zwischen Wahrnehmen und Finden. Davon erzählt auch dieses Lied hier:

Courtney Barnett – „Rae Street“

4 Gedanken zu “Tagebuchseite -949-

    • Oje, ich habe vielmehr den Eindruck, dass die große Welt meinen kleinen Kopf immer wieder zu sprengen droht. Ich kann nur schwer „filtern“, bin ein Mensch, den faktisch immer alle Eindrücke erreichen. Das macht es ganz schön schwierig …

      Gefällt mir

  1. Möglicherweise ist es ja auch das Gerfühl, in der großen Welt untertauchen zu können mit Deiner kleinen Welt um sich ihrer zu widmen und Geborgenheit zu erlangen?
    Mir scheint übrigens, als sei dank Deiner viel fältigen Interessen Deine Welt größer als Du vermutest.
    Herzliche Grüße!

    Gefällt 2 Personen

    • Meine innere Welt ist tatsächlich nicht so klein. Aber sie braucht Nahrung, Begegnungen, Impulse usw., damit sie nicht kleiner wird, sich weiter entwickeln kann. Solche Anstöße und Anregungen finden sich in der kleinen Welt freilich nur eingeschränkt.

      Ebenso herzliche Grüße zurück!

      Gefällt 1 Person

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