Tagebuchseite -948-

Vom Frühling im Herbst und in älter werdenden Menschengesichtern

Es war Albert Camus, der den Herbst als zweiten Frühling im Jahr apostrophierte, während dem jedes Blatt zu einer Blüte würde.

Tatsächlich tragen viele Blätter, jetzt in Oktobertagen, so zahlreiche unterschiedliche Farben, dass mancher Baum und mancher Flecken Erde darunter wie von einem bunten Blütenmeer bedeckt erscheint.

Mir gefällt das Wortbild von Camus, weil es zum Erkennen geleitet, dass eine jede Zeit, ein jedes Geschehen, aus verschiedener Perspektive betrachtet, nicht so eindeutig ist bzw. bleibt, wie es beim Blick nur von der einen oder der anderen Seite den Anschein hat. Für die Menschen, die in den Zeiten leben und die Geschehnisse erst lebendig werden lassen, gilt dies übrigens ebenso.

Das kann faszinierend sein, wenn ich an Camus‘ Herbst-/Frühlingsbild denke, tröstend, aber auch ernüchternd und enttäuschend, etwa, wenn ich einen Menschen zunächst positiver gesehen habe als er sich schließlich vor allem in seinem Handeln später erwiesen hat.

Alles, was wir sehen und hören, was wir wahrnehmen und empfinden ist relativ. Obendrein wird es durch unsere Subjektivität gebrochen, das, was für uns Werte, für uns persönlich und für unser Zusammenleben mit anderen Menschen, sind.

Auch, wenn wir uns primär bemühen, nicht zu vergleichen, vor allem nicht (vorschnell) zu urteilen, sehen wir den Ort, die Welt, den Menschen, die Menschheit, das, was passiert, immer nur als eine Momentaufnahme. Nicht in ihrer Gänze, nicht in ihrer Komplexität, nicht in ihrer Differenziertheit. Aber stets durch unser eigenes ICH, unsere Persönlichkeit, unseren Charakter, gebrochen.

Das ist es, was das Leben so reich und so schwierig zugleich macht. Unabhängig davon, ob sich der einzelne Mensch diese Dinge und Zusammenhänge bewusst macht oder nicht.

Sie sich bewusst zu machen ist seinerseits nicht leicht, ist eine Herausforderung, die bei allem Bemühen oft nur ein Versuch bleiben wird. Dabei ist es so ungemein wichtig, sie sich bewusst zu machen und sich ihr zu stellen. Denn sie ist vor allem Herausforderung, das Leben verstehen zu lernen. Soweit es eben geht.

Natürlich weiß ich, dass der Herbst mehr mit Vergehen als mit Geburt zu tun hat. (Und deshalb ist er wieder und wieder eine schwierige Jahreszeit für mich, vor allem dann, wenn er zum Winter wird und das dann recht lange bleibt) Ich kann dieses Wissen nicht einfach abschütteln oder ignorieren. Aber ich kann erkennen, dass er notwendig ist, damit es wieder Frühling wird. Und ich kann probieren, in ihm und ihn selbst als Zeichen zu sehen. Zeichen, wie sie auf die bunten Blätter gemalt sind, die dadurch Blüten zu sein scheinen, noch in ihrem Vergehen.

Es gibt Menschengesichter, die ihnen ähneln. Herbstliche Menschengesichter, die ein Verblühen zeigen. Aus denen beginnendes Vergehen spricht. Aus denen aber auch bisweilen, selten oder häufig oder gar immer Blicke wacher Augen Wärme spenden, die der eines schönen Sommertags gleicht. In denen Lachfältchen geschrieben stehen, zu deren Lesung jedes neue Lächeln aus diesen Gesichtern eine Einladung ist, ebenso wie jene Wärme.

Und auch jedes graue Altersblond der mehr oder weniger verbliebenen Haare, die diese Gesichter noch umrahmen, ist  lebendiger (sic!) Beleg dafür, dass das Leben eben nicht schwarz oder weiß malt.

Wenn ich das alles so schreibe, so ist das kein Indiz dafür, dass ich mir all dessen immer bewusst bin. Gerade im Herbst und im Winter fällt mir das, jedes Jahr aufs Neue, sehr schwer.

In diesem Jahr steht der begonnene Herbst und die graue Zeit, die dann folgen wird, für mich zudem sehr unter dem Eindruck von Verlust und Trauer.

Ich muss, ich will aber versuchen, das Bewusstsein für blühende Blätter in Herbst und Winter immer wieder zu rufen und wach zu halten.

Ich glaube, mein Vater hat das auch getan …

***

Das Lied, das ich ausgesucht habe, um es heute hier zu teilen, scheint so gar nicht zu dem Text da oben zu passen. Nicht zu dem, was mich aktuell umtreibt und auch nicht zu meiner Stimmung. Aber es hat nun einmal zu mir gefunden, und immer, wenn ich es höre, muss ich schmunzeln. Es wirkt wie ein ganz leichtes Lied, eins, das eher in den Sommer passt oder ihn wieder zurückholen möchte, mit seinem etwas schrägen Text, seiner fluffigen Melodie. Und seiner Interpretin, die von beidem etwas zu haben scheint.

Resi Reiner ist Österreicherin und dies ist ihr allererster eigener Song. Bislang war sie ausschließlich Schauspielerin. – Ich finde, dass das Lied ein schönes Beispiel deutschsprachigen Indie-Pops ist. Neben all der Leichtigkeit, die es ist und vermittelt, ist ein Thema darin doch ein ernstes und wichtiges – das des Loslassens. Und so gesehen passt es denn doch ein klein wenig zu meinem heutigen Geschreibsel. –  Und es hat irgendwie Ohrwurmpotenzial … :

Resi Reiner – „Ich will nach Italien“

7 Gedanken zu “Tagebuchseite -948-

  1. Eine wirkich interessante Sichtweise von Camus.

    Innehalten, um erneut zu wachsen – und auch, um manches zu verinnerlichen, dazu scheinen Herbst und Winter wie gemacht. Jedes Erinnern macht Dich reicher.
    Herzliche Grüße und komm‘ gut in den Sonntag!

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  2. Diesen Abschnitt hier finde ich einfach wunderschön:

    „Aber ich kann erkennen, dass er notwendig ist, damit es wieder Frühling wird. Und ich kann probieren, in ihm und ihn selbst als Zeichen zu sehen. Zeichen, wie sie auf die bunten Blätter gemalt sind, die dadurch Blüten zu sein scheinen, noch in ihrem Vergehen.

    Es gibt Menschengesichter, die ihnen ähneln. Herbstliche Menschengesichter, die ein Verblühen zeigen. Aus denen beginnendes Vergehen spricht. Aus denen aber auch bisweilen, selten oder häufig oder gar immer Blicke wacher Augen Wärme spenden, die der eines schönen Sommertags gleicht. In denen Lachfältchen geschrieben stehen, zu deren Lesung jedes neue Lächeln aus diesen Gesichtern eine Einladung ist, ebenso wie jene Wärme.“

    Vielen Dank für diese berührenden Reflektionen zum Herbst, lieber Sternflüsterer! Ich kann sehr gut verstehen, warum er, besonders dieses Jahr, für Dich schwer ist. Für mich war der Herbst auch immer eher ein Schauspiel der Vergänglichkeit. Bis ich irgendwann sehen konnte, wie schön die bunten Blätter, die vielen verschiedenen Orange-, Gelb- und Rottöne, die milde Kälte und die belebenden Regenschauer sind. Für mich bedeutet das, dass selbst bei Veränderung und allgegenwärtiger Vergänglichkeit Momente des Frieden und der Schönheit gefunden werden können. An dieser Überzeugung versuche ich festzuhalten. Ich wünsche mir für dich, lieber Sternflüsterer, dass auch Du sie, trotz stressigem Alltag und Gedanken bzw. Gefühlen der Trauer, mühelos ausfindig machen kannst. Ganz liebe Grüße!

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    • Ich traue mich, Dir das zu schreiben, liebe Doktor Reed:

      Immer, wenn ich etwas von Dir lese, finde ich Momente des Friedens und der Schönheit. – Auch dann, wenn Du Schweres schreibst, etwas, was Dich umtreibt, womit Du Dich in Auseinandersetzung befindest usw. –

      Es ist die Art, wie Du schreibt, wie Du über Dinge und Menschen nachdenkst, sie und Dich reflektierst.

      Dankeschön für die so wertschätzenden Worte für meine Textpassage, die Du in Deinem Kommentar zitiert hast. Ich habe mich sehr darüber gefreut.

      Dir auch wieder nur ganz liebe Grüße! 🙂🌻

      Gefällt 2 Personen

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