Tagebuchseite -947-

Nahe ferne Welt

Zwischen mir und den Wellen liegt nur wenig Land. Der Wind des frühen Abends ist schon etwas kühl, lässt mich aber nicht frieren. Wieder und wieder schaue ich durch ein Tor aus Schilf und Sträuchern auf die Weite des Sees hinaus. Für einen Moment wird mir bewusst, wie selten ich an solchen Orten bin, aber sogleich bin ich wieder in der Zeit dieser Tage, die wieder so anders sind als mein Leben sonst.

Die Kostbarkeit solcher Zeiten wird auch aus ihrer Seltenheit geboren. Die letzte Geburt liegt anderthalb Jahre zurück. Sie bedingt sich weiter aus der jeweiligen Kürze – sind fünf Tage mehr als ein Wimpernschlag? Ihr größter Wert speist sich freilich aus den Menschen, die sie mit mir teilen. Menschen, die mir besondere Freunde sind, von denen ich hier, wo ich lebe und arbeite, keine habe.

Was ich alles sehen durfte, wovon ich erfahren habe, worüber ich nachzudenken angeregt worden bin, welche Emotionen in mir wachgerufen wurden, wie viel Inspiration ich fand und vor allem auf welche Weise das alles geschehen ist, mutet mich an wie ein Erleben einer anderen Welt.

Könnte ich diese Welt mit ihren Menschen und dem, was sie mir ansonsten bietet, mit der, in der ich über die Wochen, Monate und Jahre existiere und vor allem arbeite, in Verbindung bringen, so wollte ich das schon Leben nennen, denn kein Leben besteht ja nur aus einer schönen Welt. Aber mit dem Verbinden hapert es sehr, es bleiben immer nur die eine oder andere Telefonleitung, das eine oder andere Buch, dieser oder jener Text, und dann erschöpft sich die Materialität der Bindungen. Das Weitere bleibt letztlich immer der Virtualität der seelischen Gemeinsamkeit vorbehalten. Und das ist so viel, und je mehr Zeit zwischen den kostbaren Wimpernschlägen vergeht, desto mehr und mehr wird es, was diese Art der Verwandtschaft tragen muss.

Dort wo ich war, werde ich angenommen, wie ich bin, dort werde ich verstanden, dort hört man mir lange zu, fragt behutsam nach, versichert sich, bevor man etwas erwidert oder gar einen „Rat“ gibt. Es muss nicht alles be- oder entschieden werden, es genügt und erfüllt, zu wissen, dass jeder auf seine Weise auf der Suche bleibt und dabei nicht allein ist.  – Hier dagegen muss ich mich mit fortlaufender Zeit immer wieder daran erinnern, um nicht wirklich einsam zu sein.

Es ist so viel geschehen während der letzten Wochen meines Daseins. Die auf mich zu rollenden Wellen des Sees wollen eine Art Balsam sein, der sich über mich legt, ein Balsam, der das Gute, das Tröstende, das Schöne der letzten Tage in sich trägt. Aber ich sitze seit gestern Abend nicht mehr nur die paar Schritte vom Ufer entfernt. Viele, so viele, zu viele Kilometer liegen nun wieder zwischen mir und dem Seeufer.

Ich bin mir bewusster denn je, was für mich Leben ist. Für die meisten  ist das etwas ganz anderes.

Nie bin ich fremder durch eine große Einkaufsmeile gegangen als während jener Stunde zwischen zwei Begegnungen am vergangenen Dienstag. Ich kannte die so vielen Läden nicht und wollte sie nicht kennenlernen. Ich hatte das Gefühl gar nichts zu brauchen (obwohl das nicht stimmt). Je länger ich dort unterwegs war, desto mehr wollte ich nur ein Schatten sein. Die Menschen um mich herum spielten alle in anderen Filmen.

Und da spürte ich plötzlich den Schmerz der nicht neuen Erkenntnis wieder, wie sehr meine mir gerade einmal wieder nahe seiende schöne Welt, eine Oase ist, wo immer ich sonst auch bin.

*

Als ich gestern Abend nach einer eine eigene Geschichte wert seienden Reise die letzten Kilometer in dem Regionalzug, der mich schließlich in die Stadt meines Wohnens und Arbeitens bringen würde, saß, da hörte ich plötzlich eine vertraute Melodie. Eine alte, die ich in der Zeit des Hier und Jetzt noch nie gehört habe.

Sie drang aus Kopfhörern im Nachbarabteil, aus großen Kopfhörern. Ein junger Mann saß dort allein und trug sie auf seinen Ohren, ein junger Mann mit viel Übergewicht in weiten Hosen, die ihm zu lang über die Schuhe hingen. Ein kariertes Hemd trug er über den Gürtel hängend und darüber eine grüne Parkajacke. Sein Gepäck bestand aus einer Aktentasche und einer Plastiktüte. Sein Gesicht sagte wenig. Ob seine Augen aus dem Fenster schauten oder im Abteil verweilten, sie blickten in eine Ferne.

Für mich wirkte er allein. Allein mit seiner Musik. Wie ich hören konnte, war viel aus den achtziger Jahren dabei – eigentlich gar nicht „seine“ Zeit. Und dann erklang schließlich jenes Lied: „Sind so kleine Hände“.  Und er hörte ruhig und aufmerksam zu.

**

Wie viele Menschen wohl haben Sehnsucht nach so einer Welt, wie ich sie die vergangenen fünf Tage betreten und um mich haben durfte … ?

***

Selig – „Süßer Vogel“

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