Tagebuchseite -945-

Reise in Tunneln

Ich höre das Lied vom Tag als Conny Kramer starb. Es hallt aus einem geöffneten Autofenster über die Kreuzung.

Ich stehe mit meinem Fahrrad an der Ampel und gleite auf der Melodie vom Gedankentunnel über meine Arbeit in den über das Vergehen, Verlieren, des Loslassens und Sterbens.

Ja, es sind neuerlich Tunnel, in denen sich mein Dasein abspielt, und diese beiden sind jene, die ich gerade nicht zu verlassen imstande bin. Mancher Traum der Nacht lässt mich ihre Tiefe unbarmherzig spüren.

Bis auf ganz wenige Ausnahmen, winzige Augenblicke, wo ich es wirklich nicht vermag, lächele ich die Welt an, wenn ich sie betrete. Bin ich allein, ist das Lächeln fort. Ich muss mich dann nicht mehr so anstrengen. Und ich bin dann, wie ich mich wirklich fühle.

Wenn die Anstrengung gehen darf, kommt die Angst zu Besuch. Die Angst aus dem Tunnel des Vergehens, Verlierens und Sterbens. Des Versagens auch. Die Angst, es nicht mehr schaffen zu können. Die Angst davor, dass die Zeit vielleicht schon sehr kurz ist. Die Angst vor den Albträumen, die nicht fortbleiben wollen.

Ich sehe und spüre etwas an und in mir, das mir nicht gefällt und weiß doch nicht, was es ist. Ich weiß nur, dass es da ist. Es ist da und es ist selbst Körper und Seele. Nicht fassbar, nicht erklärbar, medusenhaft. Aber da.

Die Ampel hat immer noch nicht umgeschaltet. Und Conny Kramer stirbt weiter, sich nach und nach von der Kreuzung entfernend. Ich mochte das Lied immer und ich mag es immer noch.

Die Reise geht weiter. Meine Reise. Mein Vater ist immer dabei, während ich weiter an ihr teilnehme. Die Welt anlächelnd, die Angst nicht aussperren könnend und nicht die Ungewissheit über das, was da in mir ist.

Warum kommt es mir so vor als wäre Conny Kramer gerade eben, gerade jetzt, unmittelbar neben mir, gestorben? Und was ist das für eine seltsame, sich furchtbar trügerisch anfühlende Ruhe, die dabei Besitz von mir ergreift?

Erst einmal weiterreisen, eine Woche ab heute, bis zu dem Tag, der einer der ganz schweren in meinem Leben werden wird, dem nächsten Freitag …

***

Nein, ich will nicht vergessen, wie es im folgenden Lied besungen wird. Aber ich liebe „Still Corners“  und ihre Lieder, die Art ihres Musizierens, sehr. So auch dieses besonders schöne Stück, das bereits der sechste Song des amerikanisch-britischen Indie-Dream-Pop-Duetts ist, das ich in meinem Tagebuch teile:

Still Corners – „Crying“

4 Gedanken zu “Tagebuchseite -945-

  1. ❤ Umarmung,…ich kenne das Gefühl….
    "Wenn die Anstrengung gehen darf, kommt die Angst zu Besuch. Die Angst aus dem Tunnel des Vergehens, Verlierens und Sterbens. Des Versagens auch. Die Angst, es nicht mehr schaffen zu können. Die Angst davor, dass die Zeit vielleicht schon sehr kurz ist. Die Angst vor den Albträumen, die nicht fortbleiben wollen.Ich sehe und spüre etwas an und in mir, das mir nicht gefällt und weiß doch nicht, was es ist. Ich weiß nur, dass es da ist. Es ist da und es ist selbst Körper und Seele"…
    ich kenne es so sehr, dass mir die Tränen kommen möchten….und doch leben wir jeden Tag dieses Leben, immer weiter. Weil wir stark sind, stärker als dieses Gefühl der Angst, die uns immer begleiten möchte. Du hast eine schwere Zeit hinter Dir, und nun eine schwere Zeit des Abschiednehmens und Realisieren…ich hoffe, dass das Gefühl Tag für Tag ein bisschen leichter wird. …viele liebe mitfühlende Grüße, rosabluete ❤

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    • Es berührt mich ja schon lange zu erleben, wie sehr sich unsere Empfindungswelten ganz oft ähneln. Diesmal berührt es mich freilich besonders, weil es ein sehr, sehr eindringliches, wiederkehrendes, viel Energie forderndes Empfinden betrifft. Zu wissen, dass Du das kennst, dass Du WEIßT, um was es sich handelt, kann mir nicht gleichgültig sein. – Und so umarme ich Dich auch, und zwar, so bekenne ich, aus tiefstem Herzen! 🤗

      Ich möchte aber gänzlich ehrlich sein, und also habe ich zu sagen, dass ich manchmal Zweifel habe, fortgesetzt stark sein zu können gegen diese vielen Angstempfindungen. Sie sind so manifest, so allumfassend und sie werden mit meiner Lebenszeit immer stärker. Ich weiß einfach nicht, wo immer wieder Kraft herkommen soll und ich spüre, dass ich insgesamt schwächer werde. Es hat halt bis hierher schon sooo viel Kraft gekostet.

      Deine Wünsche, Deine Hoffnung für mich sind so lieb. Du bringst sie auf und schenkst sie mir, obgleich Du selbst so oft und so sehr kämpfen musst. Ich sehe darin eine sehr große Wertschätzung durch Dich, die mich sehr beeindruckt.

      Von Herzen Dankeschön an Dich, liebe rosabluete. Du hilfst mir … 💗

      Ganz liebe Grüße – hoffentlich ist Dein Leben nicht gerade auch so sehr schwer. Ich denke manches Mal an Dich …

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  2. Lieber sternflüsterer, wann, wenn nicht in diesen Situationen, die einen mit Endlichkeit konfrontieren, kommt einem auch die eigene Endlichkeit in den Sinn? Ich denke, das ist nicht außergewöhnlich und kein Grund zur Beunruhigung.
    Ich wünsche Dir viele Momente, in denen Du so sein kannst, wie Du Dich fühlst. Und am Freitag denke ich an Dich.
    Ganz herzliche Grüße!

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