Tagebuchseite -944-

Zehn Jahre Schreiben

Im Rückblick scheint die Zeit immer schnell vergangen, obwohl manch einzelner der seinerzeit gelebten Tage sich unendlich lang angefühlt hat.

Je mehr Lebensjahre sich zu dem, was mein Alter ausmacht, summieren, desto schneller scheint die Zeit, meine Zeit auch, verflogen zu sein, vor allem die der jünger zurückliegenden Monate und Jahre.

Der Blick zurück auf die letzten zehn Jahre meines Lebensalters ist dabei aus verschiedenen Gründen ein besonderer. Unter anderem aus dem, dass diese letzten zehn Jahre in gewisser Weise dokumentiert sind. Nicht in „klassischer“ Weise, nicht als üblicher Lebenslauf, nicht vollständig und auch nicht immer wirklich nachvollziehbar. Zumindest für die meisten „außenstehenden“ Personen nicht.

Bei dieser Dokumentation handelt es sich auch nicht um ein Tagebuch im eigentlichen Sinne, weil sie mehr und anderes und darüber Hinausgehendes enthält, und manches auch, was mit mir eher mittelbar zu tun hatte bzw. hat.

Sie liegt hier und jetzt, aufgeschlagen vor mir: Mein Blogtagebuch, das ich auf den Tag heute vor genau zehn Jahren zu schreiben begonnen habe. Es war in den Abendstunden des 13. September vor zehn Jahren, als ich diesen ersten Eintrag formulierte:

„Es ist gewagt.

Mein allererster Blog beginnt zu leben. Noch sehr unfertig. Aber es ist nicht mein Bestreben, ihn je „fertig“ zu stellen. Soll er sich entwickeln, sich verändern, mag er immer ein wenig unfertig bleiben. So werden, er und ich, uns einander immer ähnlich sein, uns, miteinander lebend, ineinander spiegeln.

Auch das, was ich hier in loser Folge, getaggt als „Tagebuchseiten“ schreiben werde, wird kein Tagebuch im eigentlichen Sinne werden. Es werden Reflexionen sein über Erlebtes, Gedachtes, Dinge, die mich während der Zeitenläufe bewegt haben – in loser Folge, ohne Ordnung …“

So ist es denn auch in all den folgenden Jahren geblieben.

Heute wie damals schreibe ich vor allem zum eigenen Selbstverständnis, zunehmend ist es mit der Zeit auch ein Schreiben um des Verarbeitens willen geworden. Neben den Tagebuchseiten sind vor allem Verse, auch einige Essays entstanden. Die Auseinandersetzung mit eigenen wie fremden Meinungen, Zitaten und Gedanken hat(te) ebenso seinen Platz hier wie manches, was wohl bestenfalls als „Schreibversuch“ zu bezeichnen ist.

Sehr grundsätzlich stehe ich zu allem, was hier nun in der Summe geschrieben steht.

Der Wunsch war und ist in mir präsent, dass meine Schreibselei mit der Zeit ein wenig literarischer geworden wäre bzw. wird und weniger von meinem, seit einigen Jahren doch sehr angegriffenen Seelenleben und seinen Erscheinungen geprägt ist. – Aber das fällt im Praktischen schwer, die letzten zehn Jahre waren in vielerlei Hinsicht keine leichten Jahre für mich. Und sie haben halt Spuren hinterlassen und taten und tun das, vielleicht folgerichtig, auch immer wieder hier, in den Zeilen meines Blogtagebuchs. Öfter waren oder erschienen sie mir so tief, dass mir das Schreiben selbst schwerfiel und fällt, manchmal sehr schwer.

Nicht nur deshalb habe ich vor allem während des letzten Jahres oft darüber nachgedacht, das Schreiben zu lassen, wenn nicht ganz, dann doch zumindest hier. Allerdings endeten diese Gedanken letztlich immer in einem Gefühl der Leere, der Fremdheit, einem Empfinden, das sich, wie etwas zu verlieren, anfühlt.

Neben der immer relativ kleinen und überdies im Laufe der Jahre sich auch veränderten Community, die meinem Schreiben hier beständig und zum Austausch bereit, folgt, wissen nur sehr wenige Menschen, dass ich schreibe, und noch viel, viel weniger, wo ich schreibe.  

Nur eine sehr kleine Anzahl von Menschen außerhalb des Refugiums hier, kennen ein paar wenige meiner Texte, Verse oder Aphorismen. Einer dieser Menschen war mein Vater. Er las mit Aufmerksamkeit, mit Anteilnahme, er freute sich über mein Schreiben, mochte die kleinen Werke, die ich mich ihm zu zeigen traute, lobte sie manches Mal in seiner einzigartigen Weise und hat mich immer wieder ermutigt, doch nicht aufzuhören mit dem Schreiben.

Vor allem seinetwegen werde ich also, auch hier, den zehn Jahren folgend, weiter schreiben und wenn es auch immer wieder ein mit und gegen die Schwere schreiben sein wird. So oder so werde ich mit mir selbst im Gespräch bleiben müssen, denn vor allem mein Herz und meine Seele hören ja nicht auf Gedanken und Empfindungen zu gebären, Fragen an die Welt und an mich darin und ganz persönlich zu richten …

Vor allem vor diesem Hintergrund ist mir übrigens die kleine, sich zwar immer wieder etwas wandelnde, aber in ihrer Art doch beständige Community hier sehr wichtig geworden. Ich hätte nie geglaubt, dass es Menschen gibt, die sich für die Themen und vor allem die Art wie ich schreibe interessieren und sehr sachlich und menschlich Anteil daran nehmen und das sogar über längere Zeiträume.

Ich habe durch mein Schreiben hier Menschen gefunden, die ich sehr wertschätze, die ich mag, in denen ich Freunde sehe. Drei dieser Menschen habe ich im Laufe der zehn Jahre sogar persönlich kennenlernen dürfen. Und einem davon vertraue ich inzwischen, wie man einem Menschen nur irgend vertrauen kann, und teile mit ihm alle meine Freuden, Sorgen, Gedanken und Empfindungen, so wie man das mit einem allerbesten Freund halt tut.

Ich denke, dass damit letztlich der schönste Sinn meines Schreibens, der, für den ich am meisten dankbar bin, ganz real geworden ist: um der Liebe, der rücksichtsvollen Verständigung, des Lebens von Empathie, der Demut und der Dankbarkeit willen zu schreiben.

Damit nach zehn Jahren aufzuhören, würde diesen Sinn verschwinden lassen.

Ich weiß, dass mein Vater das nicht wollen würde.

Und tief in meinem Herzen will ich es auch nicht.

***

Berge – „Für die Liebe“

9 Gedanken zu “Tagebuchseite -944-

  1. …und viel zu wenige bekommen es mit, wie Du schreibst, lieber sternflüsterer.
    Dir gelingt es eben auf ganz wundervolle Weise, beides zu vereinen: über Dich und deine Empfindungen, auch die schweren, zu schreiben und es gleichzeitig in einem literarischen Schreiben zu tun.
    Mir kam eben der Gedanke, wenn Du die Dir liebsten Verse und Posts zu einem Buch zusammenstellen und dieses Buch dann Deinem Vater widmen würdest. Was meinst Du?

    Herzliche Grüße!

    Gefällt 2 Personen

    • Meinem Vater würde ich alles widmen. Die Sache mit so einem Buch ist sehr eine Sache des sich Trauens. Ich habe Furcht vor wirklicher Öffentlichkeit, denke, dass meine doch sehr persönlichen Texte und Verse ziemlich verletzlich machen können. Und dann wäre da das ganze viele Drumherum – ich weiß von Menschen, die wirklich schreiben und veröffentlichen, was da alles dran hängt an Logistik, Investition etc. …

      Ich habe seit Jahren sogar noch ein ganz anderes, wirklich größeres Projekt im Kopf. Aber dafür fehlt mir bislang die Zeit (neben meinem mich sehr fordernden Beruf ist das nicht denkbar) und meine nicht ganz intakte Gesundheit steht mir da auch sehr im Weg.

      Es ist schwierig …

      Deine Wertschätzung bedeutet für mich dennoch viel.

      Dir auch herzliche Grüße!

      Gefällt 2 Personen

  2. Ich freue mich sehr, dass ich dich hier kennen lernen durfte! Es war immer sehr bereichernd, deinen Gedanken zu folgen und ich finde, dass dein schreiben sehr literarisch ist. Du hast eine einmalige Art, den Leser mitzunehmen.
    Die Zeit, die ich dich begleiten durfte, habe ich mit schmerzendem Herzen deine Täler mitgefühlt und ich hoffe sehr, dass die nächsten 10 Jahre mehr Sonne tragen mögen.
    Schreibe bitte weiter- für dich, für deinen Vater. Er muss ein guter Mensch gewesen sein, wenn er dich in deinem Schreiben immer so unterstützte.
    Liebe Grüße an dich, mein Lieber!

    Gefällt 1 Person

    • Die Freude ist ganz meinerseits, ich hatte es anlässlich Deines „Vierjährigen“ drüben bei Dir ja schon anklingen lassen.

      Deine Worte hier berühren mich sehr, liebes Lunchen (wenn ich das immer wieder so schreiben darf) – sie sind ganz Du. Und sie sind eine Ehre für mich. Dankeschön!

      Du bist eingeladen, mich so lange zu begleiten, wie Du es möchtest, wie Du es mit mir auszuhalten vermagst. 😉

      An Dich auch ganz liebe Grüße! 💗🌻

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