Tagebuchseite -943-

Zwei Wochen mit vierzig Tagen

Wie viel kann oder muss ein Mensch bisweilen aushalten, verkraften, ertragen, wenn die Zeit rinnt, wie sie rinnt und also begrenzt ist, die Ereignisse, Erlebnisse, Emotionen aber kein Maß kennen, unglaublich stark und heftig und überdies von unterschiedlichster Qualität sind?

Die vergangenen beiden Wochen, die letzte insbesondere, waren Wochen eines solchen Übermaßes an Begebenheiten, Erfahrungen, Aufregungen und Gemütsbewegungen überhaupt. Alles hat schließlich irgendwie noch in das Zeitmaß hinein gepasst, ich aber habe das Empfinden, zu klein dafür gewesen zu sein und zu bleiben. Viel zu klein.

Mir ist schwindlig von dem, was mein Leben war in diesen beiden Wochen. Es fühlte sich an wie auf der Überholspur einer viel zu stark befahrenen Autobahn – viel zu schnell, viel zu laut, viel zu vielfältig. Ich hatte keinen Einfluss darauf, dorthin gekommen zu sein auf diese Spur, da ganz links außen. Am Ende muss es dann so schnell, laut und sich überschlagend zugegangen sein, dass ich wohl um mich selbst rotiert bin.

Es waren so viele, so unterschiedliche Menschen um mich herum, ich musste so unglaublich viele, vollkommen unterschiedliche Entscheidungen treffen, ich habe so viele Tränen geweint wie lange nicht mehr, viele aus Trauer, ein paar aber auch aus einem ganz, ganz anderen Grund. Da wo ich am meisten auf eine Umarmung gehofft und sie am stärksten gebraucht habe, habe ich keine bekommen. Dafür habe ich meine Arme wachsen lassen, damit ich gleich 16 Personen auf einmal umarmen konnte, weil ich es MUSSTE, weil sie mich so, so sehr berührt hatten, ohne mich, von welchem Virus dieser Welt auch immer, aufhalten zu lassen.

Für eines nur war und blieb bei all dem keine Zeit: zum Denken.

Manche haben mir gesagt, dass das gut so sei. Gerade jetzt. Manchmal sage ich mir das selber. Aber es fühlt sich ebenso richtig wie falsch an.

Ist es denn gut, ist es richtig, wenn man NUR NOCH fühlt, empfindet, spürt, wenn ALLES HERZ, wenn ALLES Seele ist?

Ein halber Tag und eine Nacht tiefster Erschöpfung und Ermüdung folgte.

Doch schon heute bewege ich mich irgendwie weiter. Es gibt da etwas, was mich zieht. Etwas, das mir sagt, dass ich ihm folgen muss. Es ist das, was mein Gewissen mir immer zuruft. Mein ganzes Leben lang schon.

Zwei Wochen sind vergangen, zwei Wochen, von denen ich geglaubt habe, dass sie wenigstens vierzig Tage gehabt haben müssten, um alles das in sich aufzunehmen, was während ihres Vergehens in und mit meinem Leben passiert ist.

Letztlich habe ich hier heute über nichts, von dem, was da alles geschehen ist, konkret geschrieben. Manches werde ich vermutlich nie schreiben können oder auch nicht wollen, anderes jedoch vielleicht später, auf einer anderen Tagebuchseite.

Im Augenblick fehlt mir aber dafür (noch) die Kraft …

***

Ich habe erst vor wenigen Wochen die US-Amerikanerin Julie Mintz mit einer für meinen Geschmack außergewöhnlichen und schönen Coverversion gleich zweier Lieder hier vorgestellt. Julie Mintz hat natürlich auch eigene Lieder. Eines, das schon vor Erscheinen Ihres ersten Albums (2018) veröffentlicht worden ist, ist das melancholische und wundervoll melodiöse Stück „Lavender Lips“. Julies Stimme verschmilzt mit der Musik zu einer zauberhaften empathischen Welle, gerade so, dass ich vor allem in diesen Zeiten gern auf ihr dahingleiten mag.

Julie Mintz- „Lavender Lips“

6 Gedanken zu “Tagebuchseite -943-

  1. Das Wichtigste, lieber sternflüsterer, es gibt kein richtig und vor allem kein falsch.
    Hier bei uns muß alles innerhalb einer Woche geschehen sein vom Einschlafen bis zur Beerdigung und ich kam mir innerhalb dieser Woche vor wie im Tunnel und hinterher fühlte es sich an wie ein Stück Treibholz auf dem offenen Meer.
    Ich wünsche Dir Leute in Deinem Umfeld, die Dich machen lassen, Dich fühlen lassen, Dich Du selbst sein lassen.
    Ganz liebe Sonntagsgrüße!

    Gefällt 1 Person

    • Für meinen Vater wird die Bestattung erst am 24.09. sein – das ist noch eine lange Strecke bis zu diesem dann sicher noch einmal ganz besonders schweren Tag.

      Wieder vielen Dank für Dein Hiersein, Deine freundliche Begleitung.

      Auch schöne Sonntagsgrüße an Dich!

      Gefällt 1 Person

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