Tagebuchseite -941-

Freitag vor einer Woche (Besuch bei Dir, Vati)

Diesmal hast Du mich gleich erkannt. Ein Lächeln umspielte Deine Lippen. Und dann durfte und konnte ich Dich hören. Sie hatten Dir ein Hilfsmittel gegeben, welches das ermöglicht hat. Es war Deine Stimme, viel schwächer als sie vor Wochen noch gewesen ist, und angestrengter. Aber sie strengte sich an, Du strengtest sie an: Für mich!

Es waren so schöne Minuten. So bange auch.

Manchmal warst Du ein wenig erschöpft, ein bisschen durcheinander, sahst Dinge, die ich mir denken musste. Den Schmetterling habe ich dann einfach mit Dir gesehen: Weil er so schön war.

Aber so viele Deiner Sätze waren klar und klug, mit mir, bei mir, so wie Du es immer gewesen bist. Wir haben sogar richtig miteinander lachen können. Stiller als sonst, also eher schmunzeln, aber nicht minder herzlich und nicht minder intensiv. Über den Mann mit dem in Zeitungspapier eingewickelten Bückling in seiner Aktentasche, zum Beispiel. Wir waren im Dorf eines Teils meiner Kindheit und fuhren ein Stück mit unserem alten lindgrünen 500er Trabi, für den es beim Herunterschalten Zwischengas im Leerlauf brauchte. Der Trabi fuhr damals auch durch jenen Ort, wo Du jetzt in der Klinik liegst.

An manchem Ort und in mancher Zeit waren wir noch, mit Pausen, die nötig waren, damit Du Dich ein bisschen erholen konntest

Es waren schöne Minuten und bange auch.

Denn zwischendurch hörte ich Deine Feststellung, heute noch gar nicht draußen gewesen zu sein. Draußen, wo Du so gern bist, in der Natur, so gern weite Spaziergänge unternehmend. Und da war Dein tiefes resigniertes Seufzen, nicht mehr zur Arbeit gehen zu können und doch eigentlich nichts geschafft zu haben. Und nun hier zu liegen.  – Und ich bemerkte, wie sehr Du dies und jenes tun wolltest, kleine Dinge nur, und es nicht konntest und Dir wohl dessen bewusst wurdest.  So rollte die Träne aus Deinem Augenwinkel, ohne dass Du sie fortzuwischen das Vermögen hattest.

In mir stieg die schlimme Unsicherheit hoch, was ich wohl antworten sollte, wenn Du mich nach Deinen Beinen fragen würdest, die Du nie wieder benutzen können wirst, wie so vieles andere auch nicht.  Aber Du fragtest mich nicht. Und ich erzählte Dir nichts von meiner tiefen traurigen Ahnung, wie es wohl werden könnte, wenn Dein Geist vielleicht noch wacher wird und erfährt, dass er in einem Körper gefangen ist, den nur noch eine löchrige, poröse Hülle ist, buchstäblich.

Ich habe Dich so lieb. So, so lieb.

Du sollst keine Qualen leiden, aber ich kann mir niemals wünschen, dass Du gehen sollst.

Obwohl ich weiß, dass ganz viele der Bänder, die uns verbinden, niemals reißen werden. Nicht, solange ich denn noch zu leben habe.

So werde ich nie aufhören, an jedem Tag eine Scheibe Brot, bestrichen mit Honig, zu essen. So wie Du es an jedem Tag getan hast, an dem Du das noch konntest. Und wie es Dein Vater, mein Opa, der Opa mit den Bienen, jeden Tag tat.

Ich esse diese Scheibe Honigbrot jeden Tag mit Dir gemeinsam. Es ist  und bleibt unsere gemeinsame Mahlzeit.

Ich sehe Dein Gesicht, seinen Ausdruck, als ich gehen musste, und wie Du Deinen Arm mit aller Mühe hobst, weil Du mir winken wolltest.

Als ich dann draußen war, fühlte ich mich so glücklich und so elend wie nach dem  letzten Mal als ich hier war (und Du mich erst in letzter Minute erkannt hattest) und eine besorgte Schwester mich fragte, ob ich Hilfe bräuchte, weil ich heulte und gar nicht mehr aufhören konnte.

Diesmal weinte ich nach innen, und weine noch, weine jeden Tag. Und das hört nicht mehr auf.

Aber keine Träne für Dich ist eine Träne zu viel.

Jede ist und bleibt ein Wunsch für Dich.

Ich habe Dich lieb. So, so lieb!

***

Du liebst es so sehr zwischen Feldern, Kornfeldern, spazieren zu gehen. Und sie haben Dich seit frühester Kindheit begleitet. Und es wachsen Kornblumen an ihren Rändern. Jede dieser Blumen, jede Ähre, jede Rispe dieser Felder erzählt eine kleine Geschichte, wenn sie sich leicht im Wind wiegen. Du kannst sie alle hören, Du kannst sie alle erzählen. Und ich höre sie, höre Dich, erzählen …

Rick Wakeman – Whispering Cornfields

10 Gedanken zu “Tagebuchseite -941-

    • Ich danke Dir von Herzen, liebe rosabluete. Es ist unglaublich, dass Du mich so begleitest, wo Du selbst (abermals) gerade eine ähnliche Situation durchlebst. Ich umarme Dich auch und versichere Dich meiner besten Wünsche. 💚🍀

      Gefällt mir

  1. Oh mein Lieber! 😦 Deine Worte brechen mir das Herz und setzen es zugleich auch wieder zusammen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, welcher Tornado gerade in dir wüten mag! Dass dein Vater dich aber erkannt hat, freut mich unendlich sehr! Trotzdem verstehe ich, wie zerrissen du dich gerade fühlen musst. Ich kann mich @ballblog nur anschließen: Nichts und niemand wird dem Band, das du ein dein Vater habt, trennen können. Nichts wird euch trennen, da eure Verbindung mächtiger ist!

    Fühl dich ganz fest umarmt! ❤

    Gefällt 2 Personen

  2. „Schwere Entscheidung“, da kann ich mir in etwa vorstellen, was das sein könnte. Ihr werdet eine gute Entscheidung treffen, da bin ich mir sicher.
    Und kann Dich nicht jemand vertreten bei der Klassenfahrt? Das ist doch wirklich kaum zumutbar vor diesem Hintergrund.
    Ganz liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s