Tagebuchseite -939-

Über digitalisierte Seelen und letzte Wahrheiten

Wenn die Sonne hinter dem Horizont verschwindet, schließt sich der Deckel über der Wabe, die der Tag war, der gerade vergeht, auf immer.

An jedem Abend scheint es mir, als wenn ich zu dicht an der Straße stand, so nah, dass der Strom des fließenden Verkehrs derselben dieses und jenes Stück, partikelklein, dennoch spürbar, von mir abgetragen, aus mir herausreißen, konnte im Tageslauf und mit fort genommen hat, auf immer.

Gebraucht, gegeben, benutzt, genötigt, gefordert, befohlen. So werde ich weniger, und jede schließlich verdeckelte Tageswabe enthält abgehobelte Späne meiner selbst und vergeht mit ihr im Nirvana.

Ich habe keine App, deshalb bezahle ich mehr. Wenige Bemerkungen sind zynischer und dümmer als die, dass ich daran selber schuld sei. Ich staune, wie viele Menschenseelen digitalisierbar sind und es schaudert mich. Oft trifft es mich als Vorwurf, dass ich so schrecklich analog sei. Die Erwartung der Moderne ist eine andere. Wie so viele andere Erwartungen auch.

Die stille Freude über die Abgrenzung, da nicht dazuzugehören, wird konterkariert durch das dazu gehören müssen, eben zu dem, was mich fordert, braucht, nötigt, benutzt, das mir befiehlt und dem ich gebe, zu dem, was im modernen (sic!) Sprachgebrauch als „alltäglicher Wahnsinn“ dahin gesabbelt wird. Was auf den Wortsinn zurückgeführt nichts anderes bedeutet als fortwährende Übermäßigkeit, Exzessivität, Unvernunft …

Im Angesicht schwerer Krankheit, des Todes, eines schlimmen Verlustes, relativiert sich der Blick auf die Welt, fokussiert sich auf das eigentlich Wesentliche, so habe ich es immer einmal wieder vernommen. Und für einen Wimpernschlag mag das für die meisten Menschen auch gelten. Wenn sie aber wieder gesunden, wenden sie sich wieder dem Fortwährenden zu.

Vielleicht ist es ja eine böse Unterstellung, wenn ich meine, dass die Wiederhinwendung bzw. der Verbleib im „alltäglichen Wahnsinn“  gewollt geschieht. Aber ich bleibe bei meiner Ansicht. Wahnsinn begründet juristisch Schuldunfähigkeit, Massenwahnsinn bietet also Deckung. Schuldige werden woanders gesucht. Mir scheint als habe das Unterbewusstsein der digitalisierten Menschenseelen dies längst als Algorithmus gespeichert. Anders jedenfalls vermag ich mir das Phänomen nicht (mehr) zu erklären.

Ich empfinde es so, dass man mich spüren lässt, dass ich krank bin, dass ich schuldig bin und schuldiger werde und wie dumm ich bin, dass ich bewusst so viele Nachteile in Kauf nehme, wo nahezu alle anderen meiner Zeitgenossinnen und -genossen halt einfach „modern“ sind, dass ich abgehängt werde und bin. – Tatsächlich stelle ich mich nicht einmal mehr hinten an. Ich bin es leid. Und also ein Bremser, ein Unflexibler, ein Kranker, einer der doch wahrhaftig so konsequent, wie es ihm nur möglich ist, auf das schaut, was er für das eigentlich Wesentliche hält. Das, was so viele andere so schnell und gern wieder „vergessen“.

In Verbindung mit meinen zahlreichen persönlichen Unzulänglichkeiten und Schwächen bin ich es nicht mehr wert, geliebt zu werden. Ich meine wirklich GELIEBT. Eine Handvoll Menschen mag mich wohl noch in diesem Sinne, mehr oder weniger. Die, die mir sonst ein Lächeln schenken, kennen mich zu wenig, kennen mich nicht wirklich, sonst würden sie es fraglos unterlassen.

Die Welt hat sich zu sehr verändert, und ich habe mich zu sehr verändert, weil ich mir treu geblieben und immer treuer geworden bin. Ich habe erkennen müssen, dass genau das, von den meisten Menschen als Veränderung wahrgenommen wird, als Veränderung gegenüber dem, was immer mehr „alltäglicher Wahnsinn“ seiende und werdende Realität ist.

Ich habe mich nie einsamer gefühlt als jetzt und nie habe ich mehr das Empfinden gehabt, in dieser Gesellschaft keine Zukunft mehr zu haben.

Gebraucht zu werden, zu geben, benutzt, genötigt, gefordert, befohlen zu werden, hat wenig mit eigener Zukunft zu tun, selbst wenn man sich bemüht beim Geben auch immer noch und wieder Liebe zu schenken. Aber so verbleibt wenigstens ein letzter Sinn im eigenen Dasein. Mehr aber auch nicht.

*

Mein Herz ist sehr schwer. Mir scheint, dass alles, wofür es schlägt, vergeht. Und ich erkenne immer mehr, dass dieser Schein zur Wahrheit wird, jener Wahrheit, über die ich niemals eine Macht erlangen werde.

**

Jonah Kagen ist ein Sänger und Songschreiber aus den USA, „Broken“ seine allererste Single. Das Lied bedeutet für mich ein bemerkenswertes Debüt. Der Text ist ein trauriger aber einer, der davon zeugt, dass da jemand wohl weiß, was und worüber er singt. Ich finde mich sehr wieder in der Melodie und den Worten dieses Liedes:

Jonah Kagen – „Broken“

7 Gedanken zu “Tagebuchseite -939-

  1. Nein eigentlich wollte ich nicht gefällt mir drücken, da das nicht der Fall ist 😔. Ich weiß genau was du meinst, aber vielleicht sollte man versuchen das „anderst“ erst recht auszuleben. Ja das bedeutet Einschränkung aber es ist auch eine wenn man mit der Masse gehen. Das „anderst sein“ sollte man als Stärke sehen ♥️🤗

    Gefällt 3 Personen

  2. Lieber sternflüsterer, zieh‘ es durch! Laß Dich nicht ver-app-eln, wenn Du es nicht als nötig ansiehst. Ich mache es auch nicht. Habe erst Freitag wieder beim Einlaß zu eienr Veranstaltung gefragt, ob sie auch eine analoge variante hatten. Und siehe da, ich war mit Blatt und Stift schneller als manch einer mit seinem Schmierphone und der App. 🙂
    Ich sehe es nicht als Schwäche an, wenn Du Dir treu bleibst. Hab‘ Mut und bleib Du selbst.
    Herzliche Grüße!

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  3. Fühle dich umarmt. ❤️
    Du bist garnicht alleine.
    Hier ist auch ein Sonderling.
    Eine, die anders ist und anders bleiben möchte.
    Vllt anders als Du, aber auch anders als die anderen, die mit dem Strom schwimmen.
    Wir haben auch kein WhatsApp!
    Mein Freund und ich sind die einzigen im gesamten Umfeld…
    Wie geht es deinem Papa?

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    • Ich finde es nicht bloß tröstlich, sondern schön, dass Du auch ein Sonderling bist. Auf jeden Fall einer mit beSONDERem Herzen. – Meinem Papa geht es nach wie vor nicht gut – es kann und wird auch nicht mehr gut werden. Gestern hatte ich eine sehr, sehr berührende Begegnung mit ihm, die ich absolut nicht (mehr) erwartet hatte, irgendwie wirklich schön, aber mir hat es auch das Herz zerrissen …

      Du weißt ganz sicher, was ich meine – ich bin die ganze letzte Zeit immer viel mit meinen Gedanken auch bei Dir, liebe rosabluete. – Ganz liebe Grüße an Dich! 🌻💚

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