Tagebuchseite -936-

Wenn das Wichtigste verloren geht …

Es gab Zeiten, in denen ich Geschichten gefunden habe.

Ihre ersten Worte standen an auf die Masten von Straßenlaternen geklebten Zetteln geschrieben, erklangen zwischen den Noten einer Harfenspielerin, der ich in einer größeren Stadt begegnete oder lächelten mich vorsichtig vom Munde eines Mädchens an, das mit einem Buch allein auf einer Parkbank saß.

Andere begannen an einem Seeufer und kamen mir mit einer auf dem Wasser dahin gleitenden Entenfamilie näher, sprachen ganz leise, als sie über eine von bewaldeten Bergen umgebene Hochebene schwebten oder waren lustig, als sie mich aus kleinen schwarzen Waldmäuschenknopfäuglein anschauten.

Erwärmend und romantisch waren jene, die mir während eines Sonnenuntergangs aus den kräuselnden Wellen des Meeres zuflüsterten und erdend die eine, die ein Silvesterabend war, einer, wie ihn wohl nur wenige Menschen kennen.

Es gab Zeiten, in denen ich selbst Teil von Geschichten war, mitunter sogar eine Hauptrolle in der einen oder der anderen besetzte. Meist, ohne das zu wissen oder gar zu wollen.

Sie erzählten von mir, der sich stets nicht nur in sich, sondern auch in anderen Menschen suchte, um sich selbst zu finden, der andere Menschen, fast immer unvollkommen nur, erkannte und also sich wieder und wieder hinterfragte, sich und immer wieder die ganze Welt.

In so mancher dieser Geschichten fand es sich, dass sie gut ausging, allein deshalb, weil eine ganz bestimmte, ganz besondere Umarmung mich zu Hause sein und fühlen ließ und immer schon ahnen, dass ich ein anderes zu Hause nie haben würde.

Die Zeiten sind andere geworden.

Ich weiß nicht, ob die Geschichten mehr oder weniger geworden sind, nicht, ob es andere sind, als ich sie früher gefunden habe. Aber ich finde kaum noch eine.  

Ich wähne, dass ich in mancher Geschichte noch eine Rolle spiele. Aber ich bin müde geworden zu hinterfragen. Was ich von mir erkenne, scheint nicht mehr das zu sein, was ich bin. Es ist, als würde ich mich mehr und mehr verlieren.

Wenn das, was einst zu Hause war, zur Erinnerung wird und nur ein Andenken bleibt, lässt es sich nur schwer Geschichten finden. Und die Rolle dessen, der kein zu Hause, keine Heimat, mehr hat, fühlt sich selbst heimatlos an oder ist es womöglich tatsächlich. Selbst, wenn sie doch noch Teil mancher Geschichte ist. Und das ist sie wohl, glaube ich. Aber das tröstet nicht und ändert nichts.

Vielleicht ist es Zeit, selbst Geschichten zu schreiben. Wenn es nicht anders geht, dann eben nur aus sich selbst und mit sich allein beginnend. Aber ist das überhaupt möglich? Was sollen das für Geschichten sein, wovon könnten sie erzählen?

Es fühlt sich so schrecklich fremd an, und bloß die Vision macht mich schon furchtbar traurig, jedes Mal wenn meine Gedanken ein Stückchen weiter an ihr stricken. Wenn aber die Vision schon traurig macht, wie könnte dann die Realität eine andere sein? – Ich fürchte so sehr, dass sie das Alleinsein erst so richtig bewusst machen würde.

Und so schaffe ich nicht mal einen ersten Buchstaben, nicht einen ersten kleinen Schritt.

So sind die Zeiten gerade, meine Zeiten …

***

Lieder von Mine habe ich hier schon einige vorgestellt. Für mich ist sie eine der bedeutendsten Sängerinnen und Songschreiberinnen im Deutschland der Gegenwart. Dies Lied hier belegt das eindrucksvoll und ist zugleich Beispiel für die vor allem musikalische Weiterentwicklung, die die Künstlerin seit einigen Jahren vollzieht und vervollkommnet. Ihre Texte sind ohnehin jedes Mal einzigartig – dieser hier geht mir gerade besonders nahe …

Mine – „Mein Herz“

3 Gedanken zu “Tagebuchseite -936-

  1. Ach, lieber sternflüsterer, vielleicht ist manche Vision, so schwarz auf weiß, ja aucheine Erleichterung? In dem Sinne von „endlich ist es raus“? Das aber kannst nur Du ermessen.
    Und warum soll eine Geschichte nicht mit Dir beginnen? Sicherlich, Du bist nicht gern in der Hauptrolle besetzt – aber für diese Geschichten wärst Du nun einmal die optimale Besetzung.

    Zu gern lese nicht nur ich Dich hier und ganz gewiß besteht Interesse daran, auch diese Geschichten von Dir zu lesen.
    Ganz liebe Grüße und einen schönen Sonntagmorgen!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s