Tagebuchseite -935-

Eine kleine Traum – und Zeitphilosophie

Die Tage entfliehen mir und den Tagen entflieht die Zeit. Ich vermag nicht anzukommen.

Im Innenhof steht ein Container, gefüllt mit Brettern, Platten, Kanthölzern. Möbelschrott. Zurückgebliebene Bilanz zweier Leben, die nun nicht mehr hier wohnen und die in 10, 20, 40, höchstens 80 Jahren gänzlich vergessen sein werden.

Wenn das so ist, wie soll man dann ankommen?  Wo? Und warum?

Gerade noch war ich fasziniert davon, die Entdeckung gemacht zu haben, mit eigenen Augen sehen, mit eigenem Herzen fühlen zu können. Gerade noch war ich verunsichert dadurch, bemerkt zu haben, nicht wie die anderen zu sein. Nahezu gar nicht. Und als sich sodann ein wenig Stolz darauf und Vertrauen in mich selbst einstellte, begann das Misstrauen. Misstrauen in mich selbst, Scham auch. Und Angst.

Dennoch versuchte ich zu leben, versuchte wohl anzukommen.

Doch da waren und sind so viele Anspielungen auf die eigenen verborgen geglaubten Seiten. Vor allem jene, die mein Anderssein ausmachen. Und es waren Urteile darüber. Und Schlüsse daraus. Geboren aus den Menschen, die vor allem sich und ihr Fortkommen sehen und dabei immer lauter und zudringlicher geworden sind.

Friede ist nun nur noch vor mir und in mir selbst. Ein fragiler Friede.

Ich habe immer geträumt. Leben hat vor allem den Wert, den die Träume ihm geben. Das habe ich gefunden.

Ich träume wieder viel, so, wie damals als Kind. Der Unterschied ist, dass diese Träume kaum noch von Hoffnung erhellt werden. Keine Sehnsucht, am wenigsten meine eigene, vermag Träume auf die Erde herabzuziehen. Das habe ich gelernt. Es zu akzeptieren, fällt immer noch schwer.

Man kann nicht anders und wirklich glücklich sein, wenn es andere nicht wollen. Möchte man dennoch anders bleiben oder kann nicht anders sein, wird man einsam und man wird es bleiben. Mit seinen Träumen, solange denn etwas bleibt, dass das Träumen weiter zulässt.

Das Leben hat vor allem den Sinn, den die Träume ihm geben. Wenn es nicht gelingt, die Träume auf die Erde zu holen, sie hier Wirklichkeit werden zu lassen, hat das Leben auf Erden keinen Sinn.

Ich sehe auf den Innenhof meiner Seele und sehe, wie der Container sich füllt. Mit Lettern, Gedanken, Philosophien. Traumschrott. Zurückbleibende Bilanz (m)eines Lebens. Es wird nicht lange dauern, bis sie vergessen ist.

Die Tage entfliehen. Und mit ihnen flieht die Zeit. Meine Zeit, in der ich nicht anzukommen vermag …

***

Noelle ist noch ganz neu auf der Musikbühne. Sie kommt aus Ontario in Kanada und hat sich bisher vor allem balladenhaften Liedern verschrieben, die sie mit einer auf besondere Weise ausdrucksstarken Stimme vorträgt.

„Therapy“ wird mit zarter, teilweise gehauchter Singweise vorgetragen, so als ob man aufpassen wolle, etwas ganz Kostbares nicht zu verletzen/kaputt zu machen. Das sehr schöne und stimmungsvolle Stück handelt davon, für jemanden, den man liebt da zu sein, der gerade eine schwere Zeit durchmacht. Es soll zugleich eine Versicherung sein, dass die Person, an die der Song gerichtet ist, einem wirklich vertrauen kann in der Art: egal, was du gerade durchmachst, ich werde da sein für dich.

Das Werk kommt außerdem mit einer aufbauenden Botschaft der Musikerin daher, die da lautet: „Es ist so wichtig, Menschen an sich heran zu lassen und sich die Hilfe zu holen, die man braucht, ob das eine traditionelle Therapie ist oder ob es ist, sich einer nahestehenden Person anzuvertrauen.“

Sie ergänzte: „Es gibt Menschen, die sich um dich sorgen und die für dich da sind, sogar in deinen dunkelsten Momenten.“ (© Copyright 2021 by MUSIC ALLNEW/noelle-therapie/)

Noelle – „Therapie“

7 Gedanken zu “Tagebuchseite -935-

  1. Sich diese Container anzuschauen, finde ich immer frustrierend. Ich stelle mir dann vor, was hier mal eines Tages hinein wandern wird. Weil es niemanden gibt, der es bewahrt. Bewahren kann. Der nicht versteht, welche Bedeutung das für mich hat(te). Und das ist wirklich kein Gedanke, der einen fröhlicher stimmt.
    Herzliche Grüße!

    Gefällt 1 Person

    • Als wir vor gut einem halben Jahr die Wohnung meines Vaters auflösen mussten, habe ich am deutlichsten erfahren müssen, wie das mit dem „Bewahren“ vor sich geht. – Es ist einfach nur grausam, unwürdig, schlimm.

      Ich habe so viele Bücher und ein paar persönliche Dinge meines Vaters, wie mir nur möglich waren, vor dem Verlust bewahrt. (Vieles, vieles andere, auch mit Kindheitserinnerungen verbundene, konnte ich nicht „retten“)

      Nun sieht mein Arbeitszimmer wie ein Lager aus – ich habe absolut keinen Platz für die Dinge. Aber ich bin ganz im Reinen, dass sie bei mir sind. Und am Sonntag habe ich meinem Vater ein ganz kleines sehr persönliches, von anderen absolut nicht verstandenes Ding, in die Hand geben können. Nach über einem halben Jahr durfte ich ihn endlich besuchen …

      Liebe Grüße zurück!

      Gefällt 1 Person

      • Das kann ich nachempfinden. Bei der Wohnung meiner alten Dame war das ähnlich. Ich konnte aber glücklicherweise alles Persönliche mitnehmen und das lagert nun hier. wir haben zum Glück den Platz dafür. Hier sieht auch ein leerstehender Raum wie ein Lager aus. aber es ist schön zu wissen, daß diese Dinge da sind. Geht Dir das ähnlich?

        Hat Dein Vater sich über das Mitbringsel gefreut? Ich hoffe, Du kannst so viel Zeit wie möglich mit ihm verbringen.

        Liebe Grüße!

        Gefällt 1 Person

        • Die Dinge, vor allem die Bücher, aber auch Zeichnungen, die er selbst gemalt hat, seine Kunstpostkartensammlung, sind mir sehr wichtig. Diese Dinge sind ER, und über die Bücher haben wir so viele Verbindungen miteinander, an die so manche sehr persönliche Erinnerung geknüpft ist. Diese Dinge sind ideell, sie sind von einer Art Wert, die heute so, so selten geworden ist. Ich kann das nicht wegwerfen, es ist sowieso schon so viel verloren gegangen bei der Auflösung.

          Das Mitbringsel waren zwei ältere Kartenspiele: Patience. Ja, er war froh darüber, die Augen leuchteten. Er versucht, damit wieder zu spielen. Aber es fällt ihm sehr schwer, wegen seines inzwischen arg beeinträchtigten Sehvermögens und auch wegen mancher Erinnerungslücke. Aber er will es weiter probieren, er ist sehr ehrgeizig und hat mit diesem so besonderen Willen und Wollen nach seinem schlimmen letzten Jahr so viel noch einmal erreichen können.

          Ja, ich hoffe, dass ich ihn jetzt wenigstens wieder ein bisschen regelmäßig besuchen kann – zwischendurch telefonieren wir aber natürlich auch.

          Ich danke Dir sehr – nochmals schöne Grüße!

          Gefällt 1 Person

  2. Lieber Sternenflüsterer,

    deine Andersartigkeit, deine Kunst des Träumens ist eine wunderbare Gabe. Doch ich sehe auch, wie sehr sie dich einsam macht in dieser Welt, in der Mensch quantitativ sein muss.
    Damit etwas zählt, muss es messbar sein. Innere Reichhaltigkeit ist leider zu unbedeutend für das, was sich Gesellschaft nennt.
    Auch, wenn diese Container jene Gedanken in dir auslösten, dich wieder an dein Anderssein erinnerten, vielleicht kann dich eines trösten: Jeder wird zu diesem Container. Selbst jene, die in dieser Gesellschaftsform etabliert sind, die angekommen sind und das Leben so Leben, wie es zu sein hat, auch sie werden irgendwann nur noch in ein paar Containern existieren und auch sie werden in spätestens 80 Jahren vergessen sein. Die Vergänglichkeit holt uns alle ein.
    Ich denke, dein Träumen macht dich sehr reich. Dein empfinden ist so viel intensiver, als es die meisten Menschen je erleben werden. Es bringt dir viele Leiden (wie könnte es in dieser SWelt anders sein?), doch ich wünsche mir sehr, dass du es schafft, dein Auge wieder mehr auf die schönen kleinen und großen Dinge zu richten, die dich umgeben.

    Liebste Grüße!
    Dein Lunchen

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s