Tagebuchseite -920-

Die Schnecke bin ich

Ja, die Schnecke bin ich, und mein Weg ist mit Mauern gepflastert, und ich weiß nie, wie hoch die nächste Mauer ist.

Ich bewege mich wie jene Schnecke, von der in einem mehr oder weniger bekannten Rätsel die Rede ist, das wie folgt, lautet:

„Eine Schnecke klettert auf eine Mauer. Die Mauer ist 10 Steine hoch. Die Schnecke hat es eilig und kriecht in einer Stunde zwei Steine hoch. Danach ist sie so müde, dass sie eine halbe Stunde schlafen muss. In dieser halben Stunde sackt sie einen Stein nach unten. Dies wiederholt sich bis sie oben auf der Mauer ist.“

In dem Rätsel ist weiter davon die Rede, dass die Schnecke abends um 8.00 Uhr startet, die Mauer zu erklimmen. Und die Frage ist natürlich, wie lange die Schnecke insgesamt brauchen wird, bis sie oben, auf dem Mauerfirst, anlangt.

Die richtige Antwort lautet: Sie ist am nächsten Tag um 9.00 Uhr oben, benötigt also insgesamt 13 Stunden. Würde sie nach zwei erklommenen Steinen jeweils eine halbe Stunde ausruhen ohne wieder ein Stück herunterzurutschen, bräuchte sie nur 7 Stunden, und ganz ohne Pause hätte sie ihr Ziel sogar schon nach 5 Stunden erreicht.

Die Relation stimmt, glaube ich, frappierend überein mit jenem Verhältnis an zeitlichem Aufwand, den ich verglichen mit der großen Mehrzahl anderer Menschen, etwa meiner Kolleginnen, zum Bewältigen von Arbeitsanforderungen betreibe bzw. benötige. Vor allem während der letzten „Ferien“tage ist mir das sehr schmerzhaft und schmerzend bewusst geworden.

Nur in geringem Maße hat das mit dem zu tun, was neudeutsch meist fälschlicherweise Prokrastination  genannt wird und eigentlich Trödeln meint. – Vielmehr ist es eine ganze Gemengelage, die da zusammenkommt: Unsicherheit, nicht gewollter Perfektionismus, sich steigernde und dann anhaltende innere Anspannung bis hin zu Versagensangst, Konzentrationsprobleme und noch einiges mehr, von dem ich mindestens eine Ahnung zu haben glaube, es aber nicht auf den Punkt gebracht zu benennen vermag.

Es kostet unsagbar viel Anstrengung und Kraft, mich ungeachtet all dessen und der vielen vergehenden Zeit, die für andere Dinge unwiderruflich verloren ist wieder und schließlich überhaupt noch zu motivieren. Die viele ungewollte Beschäftigung mit mir, meinem Innenleben, das Bewusstwerden der Kleinteiligkeit und Vielfalt all der Aufgaben, das Empfinden  und Vorhandensein großer Verantwortung für eine angemessene Qualität dessen, was ich erarbeite, münden keinesfalls in ein Nichtstun, aber sie bedingen, dass ich unsagbar ineffektiv arbeite.  Ich brauche sooo viel Zeit, bis ich zu einem Ergebnis komme.

Ja und dann und auch zwischendurch ist es buchstäblich wie bei der Schnecke aus dem Rätsel: Ich werde müde, bin erschöpft, sehr erschöpft, zwischendurch und in jedem Fall am Ende eines jeden Tages, der schließlich wieder nur Arbeit gewesen ist. – Und rutsche dann halt auch immer wieder und wieder noch das eine oder andere Steinchen  der Mauer, die ich zu bezwingen versuche, nach unten und muss folgerichtig jedes Mal mit nochmaligem Anlauf neu starten.             

Jede vorherige Planung hat sich immer noch als zu schwach gegenüber all den genannten Unwägbarkeiten erwiesen, dabei würde ich nichts lieber, als in angemessener Zeit zu einem qualitativ akzeptablen Ergebnis zu kommen, um etwas mehr Freiraum für andere Dinge zu haben. Aber das gelingt mir nicht, gelingt mir immer weniger.

Ist das Wochenpensum endlich vorbereitet, ist das Wochenende vorüber. In der Woche bin ich nach Vermittlung dieses Pensums und sonstiger Aufgabenerledigung im Rahmen meiner Arbeit meist zu erschöpft, zu kaputt, um unmittelbar im Anschluss gleich noch eine Vorbereitungseinheit dranzuhängen. So konzentriert sich alles, was erneutes Vorbereiten angeht, wieder auf den letzten Wochentag und das Wochenende …

Wenn ich zurückblicke, ist es in meinem Leben immer wieder so gewesen wie jetzt. Inzwischen glaube ich, dass es mit meinem Wesen zu tun hat, dass es immer wieder so ist oder so wird. Irgendwie hat mich noch jede Arbeit so stark gefordert, und auch ineffektiv bin ich schon immer gewesen. Mal mehr, mal weniger. – Seit meiner Erkrankung vor einigen Jahren geht die Tendenz allerdings immer stärker zu „immer mehr“. Nicht nur aus diesem Erkennen heraus arbeite ich seither nicht mehr in einem Vollzeitjob.

Die Arbeit, die ich vor der jetzigen getan habe, schien eine zu sein, mit der ich mich hätte arrangieren können, ohne, dass es zu der jetzt so stark eingetretenen und für mich spürbaren Entwicklung und Lage gekommen wäre. Aber das sollte nicht sein. Das Projekt wurde nicht weiter finanziert, ist letztlich, obwohl es ein sehr gutes (wissenschaftlich evaluiert und sehr positiv eingeschätzt) und wichtiges gewesen war. So geschieht es halt im sozialen Bereich …

Die Arbeit, die ich seither mache, mache ich an sich gern. Vor allem wegen der Kinder, die darin eine Hauptrolle spielen, spüre ich , dass ich tatsächlich auch etwas geschenkt bekomme dabei und dadurch. – Aber sie ist halt auch sehr anstrengend, anstrengender als meine vormalige Tätigkeit, nach der ich sehr lange suchen musste, nachdem ich zuvor so etwas wie eine Odyssee hinter mir hatte.

Nun bin ich wo ich bin und ich fühle mich wie die Schnecke. Jede Woche ist eine neue Mauer. Bisher habe ich sie alle erklommen.

Und irgendwie muss ich es hinbekommen, das auch weiterhin zu tun, auch wenn mein Weg mit Mauern gepflastert ist, mit noch ganz anderen, und ich doch nie weiß, wie hoch die nächste wohl ist.

Aber vielleicht ist das besser so …

***

Nessie Gomes – „These Walls“

10 Gedanken zu “Tagebuchseite -920-

  1. Welch ein schönes Bild Du da mal wieder gewählt hast!
    Bedenke aber, schlußendlich erreicht die Schnecke ihr Ziel. Außerdem entwickelt sie eine Routine mit der Zeit und sie weiß, daß sie immer ein Stückchen zurück rutscht. Vielleicht gibt ihr dieses Wissen sogar eine gewisse Gelassenheit? Letzteres wünsche ich ihr und Dir gleichermaßen.
    Herzliche Grüße und einen trotz allem schönen Sonntag!

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    • Deine Hoffnung, Dein Wunsch sind wunderbar. Aber genau das ist mir im Verlaufe meines ganzen Lebens, auch mit zunehmendem Alter, nicht gelungen: Gelassener zu werden und zu sein. –

      Ich höre das immer wieder: „Mit den Jahren wirst Du ruhiger, siehst Du das alles nicht mehr so eng, wirst Du gelassener.“ Und wenn ich meine Mitmenschen so betrachte, scheint das bei vielen auch genauso zu „funktionieren“, bei etlichen wird am Ende sogar eine Art Gleichgültigkeit daraus.

      In mir scheint insoweit ein bestimmtes Gen zu fehlen. Eher besitze ich ein „Antigen“, denn mein Empfinden ist, statt gelassener eher immer unruhiger, auch ängstlicher, zu werden. Warum das so ist, weiß ich nicht.

      Ja an diesem Sonntag heute habe ich tatsächlich mutmaßlich ein wenig Freizeit. Das Wetter ist schön, vielleicht kann ich zum Nachmittag ein bisschen an irgendein halbwegs naturnahes Fleckchen fliehen …

      Liebe Grüße zurück, hab‘ auch Du einen angenehmen Sonntag!

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  2. Ich stimme ballblog zu, ich finde Schnecken ja sowieso toll 🙂 Schnecken schauen sich auf ihrem Weg auch häufig um und entdecken viel mehr Details, viel mehr Dinge. Also es ist nicht immer schlecht langsam unterwegs zu sein. Und im eigentlich Leben rutscht die Schnecke ja auch nicht wieder hinab. Sie ist ganz schön stark und kann sich an der Mauer halten. Für sie ist die Mauer vielleicht nicht einmal eine Mauer, sondern ein ganz „normaler“ Weg“.
    Liebe Grüße! ❤

    Gefällt 2 Personen

    • Ich weiß, liebe Ines, Du bist das Fräulein Schneckenfan, das die kleinen Gesellen sanft von der Straße pflückt und an ein weiches Ufer setzt, damit ihnen nichts geschieht. 🙂

      Weißt Du, ich habe ja an sich kein Problem (wie) eine Schnecke zu sein. Mir liegt nichts daran, Erster, Bester, Schnellster zu sein. Aber das mein Schneckendasein so ein von Unruhe, von Ängsten und Unsicherheiten geprägtes ist, das stört mich und es zehrt ungemein Es raubt mir so viel Zeit und lässt mich so unzufrieden zurück.

      Ich will darüber gar nicht jammern, obgleich es wirklich sehr schwer auszuhalten ist, ich musste es nur wenigstens mal aufschreiben.

      Dass Du gleich wieder die Sensibilität für Details, das Positive an Achtsamkeit, siehst, in den Mittelpunkt stellst und mir zuzuschreiben suchst, das spricht so sehr für Dich, Deine Person, Deine Seele, Dein Herz.

      Du bist ein sehr lieber Mensch. Dankeschön ❣

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  3. Ein wirklich schönes Bild mit der Schnecke und der Mauer. Meine mathematische Begeisterung hast du hier sofort gepackt und ich hab erst mal im Kopf gerechnet, ob es auch stimmt mit den 13h und wie es wäre, wäre die Mauer ein Stein höher.

    Ja im Leben gibt es so manche Mauer… ich hoffe, dass diese für dich mal wieder kleiner werden und es dir wieder leichter fällt diese zu erklimmen.

    Ganz liebe Grüße an dich! 🌼

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